Die Schwalben fliegen so hoch, dass man sie kaum sehen kann - Åke Edwardson - E-Book

Die Schwalben fliegen so hoch, dass man sie kaum sehen kann E-Book

Åke Edwardson

0,0
8,99 €

oder
Beschreibung

Åke Edwardson beschreibt minutiös das Drama eines Verlustes, erzählt von der Übermacht der Trauer und von dem Versuch, dem Unfassbaren etwas Sinn abzutrotzen. Die Schwalben fliegen so hoch, dass man sie kaum sehen kann ist ein sehr persönlicher Roman, von großer Allgemeingültigkeit. Was passiert mit einer Familie, die ihren Mittelpunkt verliert? Wenn das vertraute Leben von einer Sekunde auf die andere Vergangenheit ist? Und jedes Licht daraus verschwindet.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Das Buch

Ein ungewohnt heftiger Frühjahrssturm fegt über das kleine Dorf in Südschweden hinweg. Die Bäume biegen sich fast bis zum Boden, der Wind heult wie ein Rudel Wölfe, kaum jemand traut sich nach draußen. Als der kleine Andreas vom Spielen nicht nach Hause kommt, sind seine Eltern Johan und Ann außer sich vor Sorge. Johan findet ihn schließlich bewusstlos unter einem Baum begraben. Auch in den nächsten Monaten wacht der Junge aus dem Koma nicht auf. Die Spannungen zwischen Johan und Ann erscheinen nun wie unter einem Brennglas: Johans frühere Alkoholsucht, Anns Schweigen. Doch es gibt überraschend viele Momente einer vorsichtigen Annäherung. Johan findet zudem Trost in der Natur und in Gesprächen mit dem Pfarrer, Ann bei ihrer Schwester und einer Krankenpflegerin. Und mit der Zeit finden Johan und Ann die Kraft, für ihr Kind gemeinsam da zu sein.

Der Autor

Åke Edwardson, geboren 1953, lebt mit seiner Frau in Göteborg. Einige Monate im Jahr verbringt das Ehepaar im Süden Spaniens, in Marbella. Bevor Edwardson einer der weltweit erfolgreichsten Krimiautoren wurde, arbeitete er als Journalist u. a. im Auftrag der UNO im Nahen Osten.

ÅKE EDWARDSON

ROMAN

Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch

Ullstein

Die Originalausgabe erschien 2010unter dem Titel Svalorna flyger så högtatt ingen längre kan se dem bei Leopard Förlag, Stockholm.

Besuchen Sie uns im Internet:www.ullstein-buchverlage.de

Wir wählen unsere Bücher sorgfältig aus, lektorieren sie gründlich mit Autoren und Übersetzern und produzieren sie in bester Qualität.

Hinweis zu Urheberrechten

Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten.Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken, deshalb ist die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Widergabe ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.

ISBN: 978-3-8437-1454-9

© 2010 by Åke Edwardson© der deutschsprachigen Ausgabe2016 by Ullstein Buchverlage GmbH, BerlinUmschlaggestaltung: Rothfos und Gabler, HamburgUmschlagabbildung: Plainpicture

E-Book: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin

Alle Rechte vorbehalten

Lieber Himmel!Welch böser Streich, daß wir von dannen mußten.Wie, oder wars zum Glücke?

William Shakespeare: Der Sturm

Für Rita

Inhaltsverzeichnis

Über das Buch und den Autor

Titelseite

Impressum

Motto

Widmung

Inhaltsverzeichnis

Sturm

Training

Düsenjäger

Wundertüte

Ultrarapid

Glückshaube

Ozon

Post

Milano

Trauerränder

Sonnenregen

Yatzy

Wachspapier

Australien

Krocket

Preiselbeeren

Reflex

Safari

Zimmer 11

Dank des Autors

Feedback an den Verlag

Empfehlungen

Sturm

Um drei Uhr nachmittags fiel der Strom aus. Im Dorf war es still, dann begann es in den Ahornbäumen, die den Hof umgaben, zu rauschen. Zunächst war es nur ein sanftes Gesäusel, ein freundliches Säuseln, wie eine kleine Brise an einem Sommerabend.

Draußen war es schon dunkel, anders dunkel als sonst.

Mit dem Aufziehen des Sturmes färbte sich der Himmel gelb. Johan war gerade dabei, in der Scheune eine alte Arbeitsbank abzustützen, als er den Wind hörte, und ging hinaus. Der Wind zerrte inzwischen an den Bäumen. Beim Überqueren des Hofplatzes hatte er das Gefühl, als ob er im Wasser gegen eine Strömung ankämpfen müsste, unten auf der Weide zersplitterte eine Birke. So einen Himmel hatte er noch nie gesehen, der gehörte nicht hierher. Bei Bergdals sah er Föhren umstürzen. Einige Dachpfannen lösten sich und fielen wie tote Krähen auf die Erde.

Ann hatte die Petroleumlampen aufgestellt und Kerzenhalter vorbereitet. Für die Kamine und den Herd in der Küche war genügend Feuerholz vorhanden. Stromausfall war nichts Ungewöhnliches auf dem Lande, und schon gar nicht in ihrem Dorf. Hier war es im Winter am kältesten und im Sommer am wärmsten, und wenn Sturm über sie hinwegfegte, war er hier am stürmischsten, wahrscheinlich, weil das Dorf so hoch lag.

»Jetzt wird es wieder gemütlich, Mama!«

Andreas lachte. Ihm gefiel es, wenn sie sich bei Kerzenlicht im Halbdunkel durchs Haus bewegten. Sie mochte das auch.

»Es wird wohl nicht lange dauern, Andreas«, sagte sie.

»Meinetwegen kann es ruhig lange dauern«, sagte er.

»Wir können ja Karten spielen.«

»Das haben sie zu Jesus’ Zeit auch gemacht.«

»Was, die haben Karten gespielt?«

»Wusstest du das nicht? Schwarzer Peter! Das hab ich gestern im Religionsbuch gelesen.«

Sie hörte Johans Stimme aus dem Vorraum. Er war noch einmal nach draußen gegangen, um die Türen der alten Scheune ordentlich zu schließen und zu verriegeln. Einmal war ein Flügel aus den Angeln gerissen worden und wie ein fliegender Teppich über das Feld gesegelt. Aber das war schon lange her.

Er kam in die Küche.

»Jetzt geht’s los«, sagte er. »Es gibt Sturm.«

»Ich möchte raus und schauen«, sagte der Junge.

»Wenn du eine Dachpfanne an den Kopf bekommen möchtest, bitte schön«, sagte Johan.

»Wehe dir«, sagte sie.

»Ich will eine Dachpfanne an den Kopf bekommen!«

»Johan hat nur Spaß gemacht. Sag es ihm, Johan.«

»Ich habe nur Spaß gemacht, Ann. Ich habe nur Spaß gemacht, Andreas.«

Gegen sechs fanden sie es gar nicht mehr lustig. Auch die lustigen Dachpfannen nicht. Mehrere waren schon an der Hauswand heruntergeprasselt.

»Das hört sich böse an«, sagte er. »Ich sollte nach Ase raufgehen.«

»Was willst du im Wald?«, fragte sie. »Willst du versuchen, deine Bäume festzuhalten?«

»Ich bin stark.«

»Papa ist stark«, sagte der Junge. »Ich bin auch stark.«

»Bin ich vielleicht nicht stark?«, sagte sie.

»Wollen wir Armdrücken machen?«, fragte der Junge und stemmte den Ellenbogen auf den Tisch.

»Okay.« Sie tat es ihm nach und ergriff seine Hand.

Sie begannen zu drücken. Er war wirklich stark. Sie musste sich richtig anstrengen. Über dem Dorf heulte der Sturm, er heulte über dem Wald und am Himmel. Das Geräusch in den Bäumen war unheimlich, als würden auch sie heulen.

Andreas wurde Sieger. Beim Armdrücken muss man sich konzentrieren.

»Ich hab gewonnen! Gewonnen!«

Sie gab sich alle Mühe, ihren Sohn anzulächeln.

Gegen halb acht klingelte das Telefon. Johan hob ab.

»Ja? Ja? Okay.«

Er legte auf.

»Was war?«

»Eivor ist bei Femtinge steckengeblieben.«

»Wie steckengeblieben?«

»Auf der Straße liegen kreuz und quer Bäume.«

»Was muss sie aber auch bei dem Sturm das Haus verlassen?«

»Sie hatte anscheinend einen Kursus in der Stadt. Niemand konnte doch vorher ahnen, was sich da zusammenbraut.«

»Was willst du tun?«

»Ich fahre hin und säge eine Schneise, damit sie nach Hause kommt.«

»Warum kann das nicht ihr Alter machen?«

»Der hat sich Weihnachten das Bein gebrochen, hast du das vergessen?«

»Aber es ist gefährlich.«

»Ich passe schon auf.«

»Ich will mit!«, sagte der Junge.

»Auf keinen Fall«, sagte sie.

»Ann hat recht«, sagte Johan. »Es ist zu gefährlich.«

»Warum gehst du dann raus?«, fragte der Junge.

»Man kann leichter auf sich aufpassen, wenn man allein ist«, sagte er. »Und Eivor hat Angst. Ihre Stimme klang verflixt ängstlich. Kein Wunder, die Situation ist brenzlig.«

Hinter der Kreuzung musste er Slalom fahren. Bis zum Ortsschild Femtinge zählte er auf wenigen Hundert Metern dreißig umgefallene Tannen. Hinter sich hörte er Bäume krachen. Vor sich sah er Bäume fallen. Die Traktorkabine war nicht gerade der sicherste Platz der Welt. Er sah Eivors Auto, das einzige Auto weit und breit, zum Glück. In diesem Inferno wollte er sich nicht unnötig lange als Rettungspatrouille betätigen. Es war idiotisch, das Haus zu verlassen. Vollkommen idiotisch!

Er musste an seine eigenen Bäume denken, schob den Gedanken aber schnell beiseite.

Zwei Bäume, die über Kreuz lagen, versperrten Eivor den Weg. Neben ihrem Auto lag eine Kiefer, die direkt an der Straße gestanden hatte, immer dort gestanden hatte.

Inzwischen musste der Orkan eine Windstärke von hundertdreißig Stundenkilometern erreicht haben. Er spürte die Orkanböen. Das hier werden wir nie vergessen, solange wir leben.

Er kletterte vom Traktor, nahm die Motorsäge und riss sie an. Das Motorgeräusch wurde vom Sturmgebrüll übertönt. Er zersägte die alte Kiefer in drei Teile und zog sie beiseite.

Er sägte eine breite Schneise durch die Tannen.

Eivor ließ ein Seitenfenster herunter.

»Ich habe mich nicht getraut, auszusteigen und nach Hause zu gehen«, sagte sie. »Hier fühlte ich mich si…«

»Mensch, fahr los!«, schrie er.

Sie saß in der Küche, der einzige warme Raum im Haus. Sie hatte versucht zu schlafen, aber es war unmöglich, nicht nur wegen der Kälte und der Dunkelheit. Es war das Getöse draußen, das kein Ende nahm. Vor ihrem Haus stand etwas Böses und heulte. Es war nicht nur die Natur.

Sie hörte seine Schritte auf der Treppe.

»Wusste ich doch, dass ich dich hier finden würde«, sagte er, als er die Küche betrat.

»Du bist ganz schön clever«, sagte sie.

»Aber es war ein Wahnsinn, nach draußen zu gehen. Du hattest recht.«

»Du hast Eivor gerettet«, sagte sie.

»Vielleicht komme ich in die Zeitung.«

»Wenn überhaupt noch Zeitungen kommen.«

»Daran hab ich überhaupt noch nicht gedacht«, sagte er. »Du bist ganz schön clever.«

»Wie lange das wohl noch dauert«, sagte sie und deutete mit dem Kopf in die Dunkelheit.

»Ist das eine Frage?«

»Nein.«

»Es dauert so lange, wie es dauert. Ich glaube, morgen ist es vorbei.«

»Wie schlimm ist es?«

»Du meinst für den Wald? Schlimm, glaube ich. Weiß ich. Verdammt schlimm. Wir werden sehen. Ich will mir noch nicht den Kopf darüber zermartern. Das werden wir noch lange genug. Hoffentlich schaffe ich es morgen in den Wald.«

»Jedenfalls haben wir keinen Dachziegel an den Kopf bekommen«, sagte sie.

»Oder eine Tanne«, sagte er.

»Darüber sollten wir keine Witze reißen«, sagte sie.

»Nein. Es heißt, das bringt Unglück.«

»Sag das bitte nicht!«

»Dann habe ich es nicht gesagt.«

»Hast du das gehört?« Sie machte eine Handbewegung zum Fenster und dem Sturm, der am Fensterfutter zerrte. Er wollte ins Haus. Die Gardinen bewegten sich.

»So was hab ich noch nie erlebt«, sagte sie. »Das klingt ja entsetzlich. Hörst du? Der Sturm scheint noch stärker geworden zu sein. Ist das überhaupt möglich?«

»Nicht mehr lange«, sagte er.

»Ich hoffe, er legt sich bald.«

»Bestimmt«, sagte er.

Seine Stimme klang gelassen, aber er sah ihr nicht in die Augen. Sie spürte einen kalten Luftzug am Hinterkopf, als ob der Wind durch das Fensterfutter eingedrungen wäre. Sie drehte sich um, die Gardine bewegte sich jedoch nicht mehr. Wir sind hier, wir drei. Im Haus sind wir sicher. Bald ist die Gefahr vorüber.

Sechs Monate später

Training

Irgendwo im Zimmer war eine Mücke, aber vielleicht sirrte sie auch nur in ihrem Kopf. Zwei Tage nach dem Unfall hatte das brausende Geräusch eingesetzt, und es brauste immer noch. Starke Gemütsbewegungen können einen Tinnitus auslösen, hatte ihr der Arzt erklärt. Vielleicht hatte sie die Unruhe schon ihr ganzes Leben mit sich herumgetragen. Drei Monate lang hatte sie Medikamente dagegen eingenommen, doch das Rauschen war nicht verstummt. Der Sturm tobte in ihrem Kopf, eine Erinnerung. Erst wenn der Junge im Bett die Augen aufschlug, würde er verstummen.

»Du wunderst dich wahrscheinlich, dass ich so früh komme«, sagte sie. »Es hat geregnet, und ich hatte nichts Besonderes vor. Als ich im Auto saß, klarte es schon wieder auf. Der Regen war eine richtige Überraschung. Wir haben fast vergessen, wie Regen ist. Dass man etwas so Alltägliches so schnell vergessen kann. Gestern war ich in den Blaubeeren, es hat sich aber nicht gelohnt, wegen der Trockenheit. Wenn im August Regen kommt, gibt es viele Pilze, aber warum sollte es regnen? Oder im September, ich glaube, es wird ein schöner September in diesem Jahr. Und Oktober. Ich bin gespannt, was du dir zu deinem elften Geburtstag wünschst. Johan sagt, er weiß es, aber das glaube ich ihm nicht. Er kann es nur raten, genau wie ich. Der Wald hat sich total verändert, und damit meine ich nicht nur das, was der Sturm angerichtet hat. Der Boden ist wahnsinnig trocken. Wenn man darübergeht, klingt es ganz anders als sonst, als hätte man Papier unter den Füßen. Die Brandgefahr ist groß. Bewässern darf man auch nicht, aber das hab ich dir wahrscheinlich schon erzählt. Die Schwalben fliegen so hoch, dass man sie kaum sehen kann. Erst mit der Abendbrise kommen sie herunter und jagen eine Runde um unser Haus. Am nächsten Tag sind sie wieder verschwunden.«

Ein Sonnenstrahl zerteilte die Lichtung. In dem Strahl tanzten Insekten. Von allen Seiten drang Himmel ein, der alles einfing, Bäume, Büsche, Felder, Tiere. Menschen. Er stand am Rand der Lichtung. An den Zweigen glitzerten Regentropfen. Die Erde dampfte. Es roch stark nach Wald, ein Geruch nach Tod, dachte er, nach Tod und Leben zugleich. Er schloss die Augen und versuchte, das Bild zu verbannen, das sich ihm aufdrängen wollte. In der Nähe knackten Zweige, und er öffnete die Augen. Ein Elch trat auf die Lichtung, als würde er sein Zuhause betreten. Er stand mitten im Licht, ganz still, dann drehte er langsam den Kopf mit den schweren Schaufeln und sah ihn geradewegs an.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!