Die Schwärmer - Willi Hetze - E-Book

Die Schwärmer E-Book

Willi Hetze

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Beschreibung

Teo ist ein junger Postbote aus einem vergessenen Teil des Landes. Als das Briefverteilzentrum seiner Provinz aus unbekannten Gründen geschlossen wird, muss er in die Hauptstadt reisen, um der Sache nachzugehen. Dort zeigt sich, dass eine neue Technologie, der "Schwarm", das Briefeschreiben überflüssig gemacht hat. Die "Schwärmer" verbinden sich über einen Funknerv, den sie im Kopf haben, und tauschen dort nicht nur Nachrichten, sondern auch Gefühle aus. Als seltsame Albträume sich unter den Nutzern verbreiten, greift schnell auch eine unaufhaltsame Angst um sich: Unbekannte Feinde sollen ihr Unwesen in der Provinz treiben, aus der Teo stammt. Und auch Teo gerät in den Datenstrudel aus Gerüchten und Fake News. Die Schwärmer entsenden Truppen und ein schwer durchschaubarer Krieg um die digitale Evolution wird entfesselt. Der Mediensoziologe Willi Hetze schreibt über eine revolutionäre Zukunft, deren Anbruch wir bereits spüren. Seine Romanhelden zeichnen einen neuen Menschentypus des digitalen Zeitalters: Die Schwärmer.

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Prolog

 

 

Diese Geschichte erreichte mich aus einem Lichtjahr Entfernung. Ich bin froh, dass ich sie noch aufschreiben konnte, denn ihr Absender jagt auf Epsilon Eridani zu und es ist unsicher, wie lange ich noch von ihm hören werde. Seine Nachrichten durchrauschen größere Abstände, altern, und die Vergangenheit, aus der sie stammen, driftet tiefer ins All.

Kein Mensch könnte diese Weiten in einem Leben zurücklegen, um anderen Intelligenzen zu begegnen – sofern es sie gibt. Wir bleiben einsam. Aber ihm ist es möglich. Mich fasziniert die Zeitlosigkeit, mit der er unterwegs ist. Aus der Langsamkeitsfessel des interstellaren Reisens windet er sich mit unendlicher Geduld.

Ich halte diesen Sprung für bedeutsamer als den Tag, an dem Fische begannen, ihre glitschigen Leiber über Sand und Land zu schleifen, und erstmals nach Luft schnappten. Deshalb habe ich versucht, trotz meiner mentalen Trübungen, die Geschichte möglichst genauso wiederzugeben, wie die Katze sie mir übermittelt hat. Ich gestehe, die Rolle der Katze erst am Ende begriffen zu haben, aber ich widerstand, die Knitter meines Auftritts in diesem Buch zu glätten.

 

Aaron,

in den Katakomben der Grundstadt,

am 13. Juli

im fünften Jahr

nach dem Ausschwärmen

 

 

Erster Teil: Botendienste

 

I.

 

 

Das Spiel ging so: Konrad stellte sich hinter einen Türrahmen, die Standuhr oder den hungrigen Ofen. Überall fanden sich Winkel in dem ehemaligen Gesindehaus, Ecken und Nischen, Kanten, verborgene Kammern und Verschläge. Vor Ewigkeiten, das wusste Konrad, gehörte es zu einem Bauernhof, der aber längst abgebrannt war, bevor die Familie einzog. Er nannte es das »Haus der fallenden Dinge«. Wenn ein Zug über den Bahndamm donnerte, fielen nicht nur Löffel vom Küchentisch, Figuren kippten in der Vitrine und Stifte rollten vom Sekretär. Manchmal fielen Gegenstände auch ohne ersichtlichen Grund.

Im Kopf ging Konrad seinen Fluchtplan noch einmal durch, rief dann den Namen seines Bruders und lauschte, ob er die tapsigen Schritte hören konnte.

Teo war ein anhängliches Kind, das sich schnell einsam fühlte. Verlor er die Eltern oder seinen Bruder aus den Augen, begann er sofort zu schluchzen, drehte sich im Kreis und suchte nach Rettung. Immer rannte Teo anderen hinterher. Der Vater sagte, Teo hätte laufen gelernt, um denen zu folgen, die er liebte. Konrad hingegen hielt seinen Bruder für eine heulende Wäscheklammer. Nichts ließ er los, was seine Hände einmal gegriffen hatten: Stofftiere, Tassenhenkel, Vaters Hand, Mutters Rocksaum und – besonders ärgerlich – Konrads Bücher, mit denen er Lesen übte, oder die Malstifte, auf denen Teo gerne kaute.

Wenn Teo seinen Namen hörte, machte er sich sofort auf den Weg. Konrad eilte indes fort und versteckte sich in einer Ecke, einem Schrank, unter dem Bett oder im Wintergarten, wo Vaters Bonsaiwälder grünten.

Besonders an verregneten Tagen vertrieb sich Konrad gerne die Zeit mit der Anhänglichkeit seines Bruders und ließ ihn bis zur Verzweiflung suchen. Ratlos sah sich Teo in der verlassenen Stube um, schaute in die Vitrinen, wo Figuren aus Porzellan und gefärbtem Glas verstaubten: Pferde, Elefanten, Pfauen und ein Kranich. Neben dem Sofa, auf dem sich ein halbes Dutzend umhäkelter Kissen aufschichtete, klemmte der Kachelofen in der Zimmerecke. Die Wände waren gepflastert mit gerahmten Stickbildern von Blumensträußen.

Teo vermutete den Bruder hinter dem Ofen, fand ihn aber nicht. Die Wanduhr schwang das Pendel und über dem Sofa hing ein Landschaftsgemälde: »Waldlichtung im Morgennebel«, grasende Hirsche. Draußen strich der Wind einen Nieselschauer über das Fensterglas.

Noch während sich Teo wunderte, rief sein Bruder wieder; nun von woandersher. Ermutigt machte er sich auf den Weg in die Küche. Dort schälte die Mutter Kartoffeln und warf ihm einen flüchtigen Blick zu, als er vor dem Esstisch stand. Aber Konrad war nicht zu sehen. Enttäuscht ließ sich Teo auf den Fliesenboden fallen, die Kartoffelschalen kringelten sich über der Klinge, bis erneut sein Name gerufen wurde. Schnell drehte er den Kopf und die Mutter sagte, ohne von der Schüssel aufzuschauen: »Los, such deinen Bruder!« Also stützte er sich mit den Händen auf, reckte den Po, um sich auf die wackeligen Beine zu stellen. Dann lief er der Stimme Konrads nach und verlor dabei einen Hausschuh.

Unter den holprigen Schritten knarzten die Dielenbretter im düsteren Flur. Nur ein dünnes Licht fiel durch das Haustürfensterchen. Doch abermals konnte er Konrad nicht finden. Müde setzte er sich auf die erste Stufe der hölzernen Treppe und schluchzte.

Plötzlich, so nah, dass es ihn erschreckte, hörte er den Bruder rufen: »Teo!«

Mit Tränen in den Augen stand er auf, tappte weiter, bis er zur halb offenen Kellertür gelangte. Vor der Finsternis dahinter hatte er Angst. Und ausgerechnet aus dem Keller, diesem unheimlichen Reich unter den Füßen, tönte nochmals sein Name: »Teo!«

Nun war er sicher, dass sich Konrad da unten versteckte. Und wenn sein Bruder dort war, konnte es kein schlimmer Ort sein. Also näherte er sich zögerlich, legte die Hand an die Türkante, um sich durch den Spalt zu zwängen. Endlich würde er Konrad finden – zum ersten Mal, seit dieser mit ihm solche Späße trieb.

Teo fasste sich ein Herz und trat in die Dunkelheit. Nicht einmal seine Füße konnte er noch erkennen. Unter dem »Haus der fallenden Dinge« wartete die Nacht auf ihre Stunde.

Er setzte den zweiten Schritt und verlor den Halt. Er hatte die Stufen der Kellertreppe übersehen. Teo stürzte, stumm vor Angst, in die Tiefe, prallte auf, rollte und überschlug sich. Ein atemverschlagendes Knirschen jagte ihm durch die Knochen. Erst, als er zum Liegen kam, schrie er aus Leibeskräften. Verloren krümmte er sich auf dem Steinboden, um sich herum nur Schwärze, nichts zu sehen, nichts zu hören, und allein mit dem Schmerz in den Beinen.

Als die Mutter an die Kellertür gerannt kam, wagte sich auch Konrad hinter dem Werkzeugschrank hervor. »Teo?«, sagte er ein letztes Mal, zitternd davor, was sein Rufen angerichtet hatte.

 

 

II.

 

 

Fernab lag die Provinz, in der Teo aufwuchs, in einem vergessenen Teil des Landes. Nachts hoppelten die Hasen über den Marktplatz des Städtchens und die Füchse folgten ihnen; von der Morgendämmerung bis zum Abend konnten Tauben auf dem Rathausgeländer sitzen, ohne verscheucht zu werden. Wer sich über das Fensterbrett lehnte, sah an einem Tag alle Einwohner Moorstedts – benannt nach den schwefelgelben Sümpfen im Mündungsgebiet der fünf Flüsse – an sich vorbeiziehen. Durch die Gassen wehten jederzeit der faulige Geruch und der Güllegestank von den umliegenden Äckern.

An den Stadtrand, wo die Besiedelung ins Dörfliche zerfaserte, führte der Schulausflug der kleinen Klasse, in die Teo ging, etwa ein Dutzend Kinder. Nur wenige wuchsen noch in Moorstedt auf, drei Lehrer waren geblieben und der Direktor, Herr Teichgräber. Das genügte.

Durch eine schmale Straße wies der Direktor den Kindern den Weg. Regenjacken raschelten und Gummistiefel platschten in den Pfützen. Die Klasse kam an verlassenen Handwerkshäusern vorbei, die unter der Trostlosigkeit eines verregneten Frühlings zerfielen. Bretter hatte man vor die Fenster genagelt, die Nägel rosteten und tränten rotbraun. Über den Türen standen die verblassten Namenszüge der Betriebe, der Familien von Metzgern, Bäckern, Schlossern, Schreinern. Manche Buchstaben fehlten, weil der Putz abgesprungen war oder weil der Wind die Farbe abgerieben, der Regen sie abgewaschen hatte.

Teo konnte schon gut lesen und versuchte, die verwitterten Schriften zu entschlüsseln, während er die Trümmer der Schieferschindeln umging, die von den Dächern gefallen waren und vom nassen Wetter glänzten. Er stellte sich die Zeit vor, als in diesen Häusern noch das Handwerk florierte und doppelt so viele Schüler auf Schulausflüge gingen. Ein Niedergang hatte sich zugetragen, an dem Teo nichts Schlimmes finden konnte, weil er in ihm aufgewachsen war. Oft erzählte der Direktor davon wie aus einem Märchenbuch. Hinter seinem Rücken nannten die Schüler ihn »Schielauge«, weil sein linkes Auge aus Glas war. Meist schaute es in eine andere Richtung als das rechte. Viele lachten, aber Teo gruselte sich dabei. Niemand wusste, wie Herr Teichgräber das Auge verloren hatte.

Trotz des komischen Anblicks legte sich ein zerstreuter Ausdruck auf sein Gesicht, wenn er an die Jahrgänge seiner fortgezogenen Schüler dachte. Die meisten waren mit dem Honighändler gegangen, der aus der Hauptstadt kam und durch die Provinz fuhr. Teo hatte Angst, dass auch ihn einmal der Honighändler mitnehmen würde. Vielleicht widerte ihn das klebrige Zeug deshalb an.

»Anschluss halten!«, rief Herr Teichgräber.

Teo war hinter die Gruppe zurückgefallen, weil ihm das Laufen schwerfiel. Seine Beine waren empfindlich, fühlten das Wetter wechseln – und manchmal, wenn er schnell oder weit gehen musste, glaubte er, seine Knochen wären aus Glas, das bald zerspringen müsste. Seine Schritte setzte er zaghaft und langsam, entwickelte dadurch einen eigentümlich federnden Gang, für den ihn seine Mitschüler auslachten. Die Mutter hatte ihm erzählt, dass er als Kleinkind die Kellertreppe hinuntergestürzt sei und sich auf komplizierte Art die Beine gebrochen habe. Er selbst konnte sich daran kaum erinnern. Aber der Schmerz, den er auf langen Wegen spürte, war wohl eine Kerbe, die dieses Unglück geschlagen hatte.

Sie kamen an der Ruine eines Wartehäuschens vorbei, in dem einsam eine Birke wuchs. Das Laub des letzten Herbstes verrottete in den Ecken, schlaffes Gras strolchte um die Mauern, Unkräuter wuchsen in den Ritzen der Ziegel. Neben dem Eingang war ein Brett angeschraubt; daran hingen die Fetzen des Fahrplans mit einem Datum weit vor Teos Geburt.

»Die Natur holt sich alles zurück«, erklärte der Direktor ehrfürchtig. »Und die Menschenspuren sind von lächerlicher Kurzlebigkeit.«

Bei diesen Worten überkam Teo ein Schaudern, aber es wunderte ihn auch, dass der Direktor von den Menschen sprach, als gehöre er nicht dazu.

Nunmehr weitete sich die Landschaft mit Wiesenhügeln und Waldsäumen, mit Weilern und Weiden.

»Beeilung dahinten!«, rief Herr Teichgräber.

Teo hatte Mühe, Schritt zu halten. Er presste die Zähne zusammen und zwang seine Beine zu einem schnelleren Takt. Selten brachten die Mitschüler die Geduld auf, auf ihn zu warten. Für sie war er Ballast, besonders beim Sport.

Doch auch wenn ihn das Laufen quälte, fand er es noch schlimmer, wenn man ihn zurückließ. Mühsam schloss er auf, als Herr Teichgräber fragte: »Wer kann mir sagen, zu welcher Tageszeit die Erdkröte aktiv ist?«

Während Teo noch um Atem rang, meldete sich Roland, der Sohn des Hufschmieds.

»In der Dämmerung«, antwortete er. Mit heimatlicher Flora und Fauna kannte er sich bestens aus, auch wenn er ansonsten ein grober Kerl war.

»Seid vorsichtig, wohin ihr tretet!«, mahnte Herr Teichgräber.

Nun führte er die Kinder durch wildes Gras, wo der Boden aufgeschwemmt und schlammig war. Hier fiel Teo das Gehen umso schwerer. Ein matschiger Weg kreuzte, der offenbar zuweilen von Autos befahren wurde, bevor die Klasse einen Vorhang aus Schilf erreichte. Die biegsamen Halme wellten sich im Wind. Wo sie ausdünnten, gaben sie den Blick auf den Teich frei. Nieselregen klimperte auf dem Wasser; es kräuselte sich zwischen den niedergehenden Tropfen.

»Um diese Jahreszeit laichen die Erdkröten an solchen Tümpeln«, erklärte der Direktor. Dabei wippten die Ohrenschützer seiner Mütze wie Hundeohren. »Seid still und lauscht!«

Zwischen dem Rauschen des Schilfs, dem Reviergesang der Amselmännchen, dem Klopfen des Regens auf den Jacken und Pflanzen hörte man ein kehliges Tröten.

»Ah!«, hauchte Herr Teichgräber. »Diese Melodie!« Er hob die rechte Hand und dirigierte das Quaken. »Und nun ihr! Verteilt euch um den Teich und macht euch auf die Suche nach den Erdkröten! Seid behutsam und leise! Wenn ihr eine findet, erschreckt sie nicht und fasst sie nicht an! Sagt es leise weiter und haltet Abstand zu dem Tier, bis ich da bin.«

Mit einem Schwung seiner Dirigentenhand schickte er die Schüler los.

Entgegen der Aufforderung, still zu sein, schnatterten die Kinder wie ein Schwarm Stockenten. Vergeblich zischte Herr Teichgräber, um sie zu ermahnen.

Sicher wären alle Frösche längst aufgescheucht ins Wasser gesprungen, dachte Teo, wenn er am Teich entlanghumpelte. Also entschloss er sich, etwas abseits zu suchen. Er schlich durch das hohe Gras, den Blick auf den Boden gerichtet, querte einen wuchernden Wald aus Forsythien, deren gelbe Blüten sich im Wind verstreuten, und erreichte bald den schlammigen Weg, in den sich die Reifenspuren eines Geländewagens eingegraben hatten. Im Augenwinkel nahm er etwas Goldglänzendes wahr, einen kleinen Sonnenball im Matsch, der sich auf den zweiten Blick als Kronkorken einer Bierflasche erwies. Daneben, kaum unterscheidbar von Dreck und Schmutz, erkannte er den Körper einer Erdkröte in der Furche des Reifenprofils. Offenbar war das Tier unter die Räder gekommen. Die Hinterbeine waren zerdrückt worden, und kläglich versuchte es sich herauszuziehen.

Teo kniete sich hin, angewidert, aber auch voller Mitgefühl. Ähnlich hilflos wie die Kröte musste auch er gewesen sein nach dem Sturz auf der Kellertreppe.

Was konnte er jetzt tun?

Wenn ihm etwas Schlimmes geschah, sehnte er sich am meisten nach seiner Familie. Darum beschloss er, das verletzte Tier zum Tümpel zu bringen, zu den anderen Kröten. Vielleicht wüsste auch Herr Teichgräber Rat.

Er setzte seine Schirmmütze ab und drehte sie um. Mit spitzen Fingern fasste er die zappelnde Kröte, hob sie hoch und ließ sie in die Mütze fallen. In diesem Augenblick hörte er hinter seinem Rücken ein Rascheln im hohen Gras.

»Was hast du da?«, fragte Roland. Neben ihm stakste Christian durch die Halme, der Sohn des Pferdezüchters.

»Eine Erdkröte«, antwortete Teo.

»Ist es zu fassen!«, rief Roland theatralisch aus. »Da findet der Klassenlahme als Erster so einen Hüpfer!«

»Sie ist verletzt. Ich will sie zum Teich bringen.«

»Wir dürfen das Tierzeug nicht anfassen«, wandte Christian ein.

Indes trat Roland auf Teo zu. »Der Teichgräber gibt dir bestimmt ’ne Eins für deinen Fund, du Held. Zeig mal her!« Er riss die Mütze an sich und schaute hinein. »Bäh! Pfui! Wie eklig!«, rief er und verzog das Gesicht. Christian trat zwischen sie und wagte ebenfalls einen Blick.

»Gib sie zurück!«

Teo stieß Christian beiseite, der einen Kopf größer war und stark von der Arbeit im Stall. Doch der grinste nur.

»Jetzt schrei nicht so, du kleiner Krüppel!«, sagte Roland mit gekünstelt sanfter Stimme. »Ich guck doch nur.« Daraufhin drehte er die Mütze um, sodass die Kröte zurück auf den schlammigen Feldweg fiel, wo sie sich erbärmlich wand. »Hoppla! Entschuldigung, Froschkönig.«

Vergeblich versuchte Teo, sich an Christian vorbeizudrücken. Er wollte die Kröte unbedingt vor Rolands Willkür retten. Kein Lebewesen verdiente es, in den Dreck geworfen zu werden und nicht weglaufen zu können.

Als Roland den Fuß hob, verschlug es Teo den Atem. Fassungslos musste er mit ansehen, wie der andere mit seinem roten Stiefel aufstampfte und die Kröte zerquetschte.

»Erde zu Erde, Matsch zu Matsch«, sagte Christian.

»Tierquäler!«, rief Teo, wütend und verzweifelt über seine Machtlosigkeit.

»Ich bin kein Tierquäler.« Rolands Stimme klang ehrlich empört. »Was passiert mit einer Kröte ohne Beine? Die verhungert oder wird gefressen. Jetzt und hier zu sterben, war das Beste, was ihr passieren konnte. Nur die Starken überleben.«

Roland warf einen abschätzigen Blick auf Teos Beine. Auch für dessen körperliche Schwäche kannte der Sohn des Schmieds nur Spott.

Gerade wollte Teo erwidern, dass man nicht gleich sterben müsse, nur weil die Beine gebrochen seien, da zog Roland einen Zettel aus der Hosentasche.

»Etwas anderes: Ich will, dass du das Elisa gibst.«

»Warum ich?«

»Deine Mutter leitet doch das Postamt. Also bist du ein Bote. Ich werde auch irgendwann Schmied, so wie mein Vater, und Christian übernimmt das Gestüt.«

»Ich könnte doch auch Förster werden wie mein Vater«, wandte Teo ein. Aber tatsächlich wollte er Postbote werden. Anstatt einsam durch den Wald zu streifen, wollte er lieber Briefe von Mensch zu Mensch bringen.

»Dafür bist du zu empfindlich«, sagte Roland.

»Damit kennst du dich ja aus!«

Verwundert nahm Teo das gefaltete Papier entgegen.

»Was ist das?«

»Briefgeheimnis. Bring es ihr einfach!«

Christian gab Teo einen Schubs in Richtung der Sträucher.

Nur einen Augenblick später wühlte er sich durch das Gestrüpp der Forsythien, gelbe Blütenblätter regneten herab. Warum ließ er sich eigentlich von Roland zu solchen Botendiensten zwingen? Klar, weil Roland aus Überzeugung ein Grobian war. Wenn Teo nicht gehorchte, würde es ihm ergehen wie der Kröte.

Nach einigen Schritten drehte er sich um. Die beiden waren nicht mehr zu sehen hinter dem Geäst. Als er das Ufer des Sees erreicht hatte, faltete er den Zettel auf. Im Gehen las er, welche Nachricht er der Wirtstochter überbringen sollte. Es war ein gekrakeltes Liebesgedicht, aber offensichtlich hatte Roland es abgeschrieben und nur seinen Namen daruntergesetzt. Teo erinnerte sich, die Zeilen schon einmal irgendwo gelesen zu haben.

Roland, dieser Idiot! Den harten Hund geben, doch zu feige sein, Elisa das Gedicht selber zu bringen. Aber eine schöne Schrift hatte Roland, das musste Teo eingestehen. So viel Gefühl in der Hand hätte er dem Sohn des Schmieds gar nicht zugetraut. Und wenn er so darüber nachdachte, gefiel Elisa ihm eigentlich selbst auch.

Abgelenkt von den Reimen, achtete er nicht auf seine Schritte. Ein Quaken ertönte und Teo schreckte auf. Den rechten Fuß in der Schwebe, wäre er beinahe auf einen Laubfrosch getreten. Teo ruderte mit den Armen, war ohnehin nicht der Sicherste auf zwei Beinen, und sein Ausweichschritt platschte ins Wasser. Bis zum Knie stand er im Tümpel. Der Frosch blähte seine Schallblase, quakte knatternd los, bevor er ins Wasser sprang. Der grüne Körper tauchte unter dem Zettel hinweg, der Teo aus der Hand gefallen sein musste, als er das Gleichgewicht verloren hatte. Langsam trieb das Papier auf den Teich hinaus.

»Is’ das dein Gedicht?«, hörte Teo hinter seinem Rücken Christians Stimme.

Und Rolands Antwort: »Er hat es ins Wasser geschmissen!«

Teo zog das rechte Bein aus dem Tümpel und drehte sich um. »Das war unabsichtlich. Außerdem hast du’s dir nicht mal selbst ausgedacht.«

»Gelesen hat er’s auch«, sagte Christian. »Er …«

Ein greller Mädchenschrei unterbrach ihn. Sofort schauten sie sich um.

»Das kam vom Feldweg!«, stellte Roland fest, und kurz entschlossen stürzten sie in die Büsche.

Auf dem Feldweg stand Elisa, die Wirtstochter. Sie musste sich durch das Forsythiengestrüpp gekämpft haben. Angewidert starrte sie auf den zerdrückten Krötenkörper im Stiefelabdruck. »Pfui! Das ist so eklig!«, rief sie.

»Ich bin ja da«, antwortete Roland mit Beschützerstimme und machte einen vorsichtigen Schritt auf sie zu.

Schon raschelten die Sträucher und zwei weitere Mädchen tauchten auf. Sie stellten sich neben Elisa, die mit dem Zeigefinger auf die Kröte deutete.

Die Mädchen quiekten. Nun schob sich ein Schatten durch die gelb leuchtenden Büsche. Herr Teichgräber war aufmerksam geworden und trat aus dem Dickicht, um nach dem Rechten zu sehen. »Hört auf zu kreischen! Ihr stört die Natur!« Er baute sich mit verschränkten Armen vor Roland auf und setzte den linken Fuß auf einen moosbewachsenen Baumstumpf. »Was ist hier los?«

»Nur eine tote Kröte«, antwortete Roland gelassen.

Auf Herrn Teichgräbers Gesicht lag der Ausdruck gereizten Überdrusses. Grimmig besah er sich den zertretenen Körper. Wie in einem ausgehobenen Grab lag die Kröte im Stiefelprofil, das sich in den Schlamm gedrückt hatte. Als er hineinblickte, flog eine kurze Traurigkeit über seine Augenbrauen, gleich darauf fortgewischt vom Zorn.

»Wie konntet ihr die Natur nur so mit Füßen treten! Ich will eure Schuhsohlen sehen!« Der Direktor packte mit der linken Hand Teos Jackenärmel, mit der rechten fasste er Rolands Unterarm. »Du auch, Christian! Und die Mädchen ebenso!«

Widerwillig hoben alle ihre Füße, sodass Herr Teichgräber die Sohlen sehen konnten. Zwar hatten ihre Gummistiefel verschiedene Farben, Teos waren lichtblau, Christians gelb, Rolands rot und Elisas grün, aber weil es nur einen Schuhladen im kleinen Moorstedt gab, waren sie alle vom selben Hersteller und glichen sich in jeder Profilrille. Zu Rolands Glück musste ihm der kurze Weg zum Teich das Krötenblut von der Sohle gewischt haben, und weder Christian noch Teo wagten es, ihn zu verpetzen.

Enttäuscht brummte Herr Teichgräber, nachdem er keine Beweise gefunden hatte: »Jeder von euch schreibt mir einen Aufsatz über Erdkröten und ihre Bedeutung bei der Schädlingsbekämpfung!« Vorsichtig schob er mit der Stiefelspitze etwas Schlamm über die tote Kröte und verharrte für einen Augenblick wie bei einem Begräbnis. Glänzend bezeichnete der Kronkorken die Stelle.

»Menschenspuren!«, sagte der Direktor verächtlich, als wollte er das Wort ausspucken.

Indes warf Roland Teo einen bösartigen Blick zu. Und im Vorbeigehen zischte er: »Über das Gedicht reden wir noch! Und mein Sohlenprofil lernst du auch auswendig!«

 

Als sie zurück zur Schule liefen, näherte sich Herr Teichgräber dem humpelnden Teo. Der Direktor ging hinter ihm, dann neben ihm, schaute starr geradeaus und sagte leise, dass nur Teo es hören konnte: »Lass dich nicht von diesem Roland verderben. Du musst dir deine Freunde gut aussuchen.«

Damit wusste Teo nichts anzufangen. Roland war nicht sein Freund. Und außerdem hatte er sich noch nie Freunde aussuchen können; es gab zu wenige Kinder in der Kleinstadt, als dass er eine Wahl gehabt hätte. Aber er wollte Herrn Teichgräber nicht widersprechen. Daher nickte er nur, was den Direktor nicht zu überzeugen schien. »Lieber gar keine Freunde als die falschen«, fuhr er fort. »Das habe ich schmerzlich lernen müssen. Mein Auge«, er legte den Zeigefinger auf seine linke Wange, »habe ich bei einer Mutprobe verloren. Die Kuh, die ich einfangen sollte, hat mich abgeworfen, dabei bin ich auf einen Feldstein geprallt.«

Offenbar war die Geschichte des Glasauges gar kein Geheimnis; man hätte nur danach fragen müssen. Aber so nahe wollte ihm keiner kommen. Dabei fühlte Teo nun eine seltsame Verbundenheit mit dem Direktor. Beide hatten einen Unfall gehabt, der sie einschränkte: ihn im Gehen, Herrn Teichgräber im Sehen.

»Das war nicht die Schuld der Kuh«, erzählte der Direktor weiter, »sondern von Menschen, die andere Lebewesen nicht achten. Hüte dich, einer von denen zu werden, nur weil du dich alleine fühlst!«

»Ja, Herr Teichgräber«, antwortete Teo, obwohl er die Eindringlichkeit der Warnung nicht verstand. Er sah dem Direktor ins Gesicht, ins starre Glasauge, das blind war und ihm doch das Gefühl gab, ihn genau zu durchschauen.

 

 

III.

 

 

Nach dem Schulausflug zum Laichtümpel, als seine Beine sich vom Laufen erholt hatten, balancierte Teo auf der Mauer des Schulhofes und dachte über die Kröte vom Vormittag nach. Er wartete auf seinen Bruder und vertrieb sich die Zeit, indem er über die Bruchlücke in der Mauer sprang, wo Putz und Ziegel auf die Steinplatten des Hofs gestürzt waren. Dann lief er über die zerklüftete Oberkante, bis er das Tor erreichte. Von den zwei schmiedeeisernen Flügeln hing nur noch der linke in den Angeln. Den anderen hatte man entfernt, als die Ankerstifte aus dem Mauerwerk gebrochen waren. Hier setzte er sich und ließ die Beine baumeln.

In den zweistöckigen Häuserblock auf der gegenüberliegenden Straßenseite hatte kürzlich bei einem Frühlingsgewitter der Blitz eingeschlagen und der Dachstuhl war abgebrannt. Wie verkohlte Rippen ragten die Balken in die Trübnis des Nachmittags. Wenn der Wind auffrischte, roch man noch die Bitterkeit des Brandes. Aber weil niemand mehr in dem Haus wohnte, die Klingelschilder namenlos blieben, die Fenster kahl und schwarz, würde keiner den Schaden reparieren. Selbst die zerbrochenen Scheiben im Erdgeschoss hatte seit Monaten niemand ausgetauscht.

Durch den gewölbten Durchgang schlich eine schlammgraue Katze vom Hinterhof auf die Straße, hockte sich an den Bordstein und beobachtete Teo. Dem Jungen zog die Kälte der Steinmauer bereits durch die Hüfte, also rutschte er herunter und kniete sich hin. Gleich darauf kroch die Katze unter einem rostigen Pritschenwagen hindurch, tänzelte über die leere Straße zu ihm herüber. Zutraulich umkreiste sie ihn, rieb sich an seinem ledernen Schulranzen und kratzte an den Riemen. Gegen seine Langeweile spielte er mit ihr, zog aus den Ösen seines rechten Schuhs den Schnürsenkel, ließ ihn für eine Weile zwischen den Fingern baumeln und das Tier danach tatzen.

 

Lange schon war das Scheppern der Pausenklingel verhallt, als Konrad endlich aus dem Portal der Schule geschlendert kam. Teos Bruder vertrödelte nach dem Unterricht oft die Zeit mit Gesprächen, neuerdings vor allem mit Mädchen. An jedem anderen Tag wäre Teo alleine nach Hause gegangen, aber am Freitag mussten sie den Wocheneinkauf für die Großmutter besorgen. »Mensch, Konrad! Hast du Kaugummi unter den Schuhsohlen?«, fragte Teo mürrisch. »Wenn wir Pech haben, fängt es auf dem Weg zu Oma an zu regnen.« Beunruhigt zeigte er in den Himmel, der aussah wie ein grauer Blechkübel, in den die Wolken hineinflossen. »Und zu Mama auf die Post müssen wir auch noch.«

»Bleib locker!«, entgegnete Konrad. »Es ist Freitag.«

Die Gelassenheit des Bruders ärgerte Teo. Wer nicht schnell laufen konnte, hatte erst recht Grund zur Eile. »Los jetzt!« Damit fädelte er den Schnürsenkel wieder ein, nahm seinen Ranzen, und die Katze sprang davon, elegant von Pflasterstein zu Pflasterstein, ohne das ölig flimmernde Regenwasser in den Ritzen zum Zittern zu bringen.

Die Großmutter hatte Teo und Konrad eine Einkaufsliste mit allerhand Wünschen gegeben, die in fein geschwungener Handschrift notiert waren. Seit dem Tod des Großvaters vermietete sie das Obergeschoss ihres Hauses an Urlauber, um den Platz zu nutzen, den sie nicht brauchte, und sich nicht einsam zu fühlen. Doch immer wenn sie Gäste hatte, wurden ihre Einkaufslisten länger und die Brüder hatten schwer zu schleppen.

Nachdem Teo und Konrad aus dem Lebensmittelladen und der Drogerie kamen, trugen sie neben ihren Schulranzen vier pralle Stoffbeutel mit Gläsern, Flaschen, Kartons und Dosen, die bei jedem Schritt klirrten und klapperten. Zuletzt führte sie ihr Weg noch zum Postamt, wo die Mutter arbeitete. Die Brüder sparten ihr Zeit, wenn sie die Post für die Großmutter und ihre Gäste mitnahmen.

Das Postamt befand sich auf der Nordseite des Marktplatzes, dem Rathaus gegenüber. Als Teo und Konrad dort ankamen, hielt gerade ein Postauto mit kreischenden Bremsen vor der Eingangstreppe. Wackligen Schrittes stieg der Fahrer aus. Wenn man den ganzen Tag Auto fährt, so überlegte Teo, verlernte man anscheinend das Laufen. Der Mann knallte die Wagentür zu und wankte mit einer Handvoll Briefe auf das Portal zu. Als er die Söhne seiner Kollegin bemerkte, deutete er einen Gruß an, indem er kurz an den Schirm der blauen Dienstmütze mit dem gelben aufgestickten Posthorn griff. Er wackelte die Stufen hoch, stieß die Flügeltüren des Amtes auf und war kurz darauf im Inneren verschwunden. Indes schlichen die Brüder um das Postauto herum, das nach Diesel und heißem Öl roch.

»Toll, oder? Es bringt sicher viele wichtige Briefe aus aller Welt«, sagte Teo.

Konrad verdrehte die Augen. »Oder Tratsch aus dem Nachbardorf.«

Teo legte seine Hand auf die Motorhaube wie auf die Stirn eines rastenden Pferdes. Durch die Windschutzscheibe konnte er sehen, dass auf der Rückbank ein Sechserpack Bierdosen lag und eine offene Zigarettenschachtel.

Ungeduldig sagte Konrad: »Komm, wir gehen rein!«

»Gleich«, erwiderte Teo.

Zweimal hatte er den Wagen umrundet, während sein Bruder ihm zusah, da stapfte der Postbote schon wieder aus dem Amt heraus. Er hatte einen Beutel in der Hand, der kaum gefüllt zu sein schien. »He, was macht ihr an mei’m Wagen?«, rief er mit schwerer Zunge.

»Wir gucken nur. Mein Bruder fährt auf Postautos ab«, sagte Konrad spöttisch.

Das Gesicht des Mannes entspannte sich, als verstünde er die Faszination. Er rieb sich die geröteten Augen. »Willst du einmal Postbote werden?«

Teo war nicht darauf vorbereitet, nach seinen Wünschen gefragt zu werden, und nickte nur. Er fühlte sich schon seit er denken konnte wie ein Bote. Als er früher immer seiner Familie nachgelaufen war und alle begannen, ihm Botschaften mitzugeben, hatte er diese Rolle für sich entdeckt, und nicht einmal seine schwächlichen Beine konnten ihn bremsen. Weil er der Kleinste und Jüngste im Haus war, konnte er sich selten gegen die strengen Regeln des Vaters durchsetzen, gegen die Anweisungen der Mutter, gegen Konrads überlegene Stärke. Daher fühlte er sich nach Streitereien oft schwach und ungerecht behandelt. Aber wenn er mit einem Auftrag losgeschickt wurde, wusste er, dass etwas von ihm abhing. Man vertraute ihm. Der Bote war so wichtig wie die Nachrichten, die er brachte, und er genoss die Anerkennung dafür, dass er alle Mitteilungen auswendig aufsagen konnte. Sein Vorbild war die Mutter, seine Bewunderung ein starkes Band.

»Warte, da habe ich was für dich!« Der Postmann öffnete den Kofferraum, wo taschenweise Briefe lagen, und zog aus einem Stoffbeutel eine blaue Baschlikmütze, deren ausklappbarer Witterungsschutz abgerissen war. »Ist zwar nicht so schön wie meine«, sagte er, »aber bevor ich sie wegwerfe …«

Er setzte Teo die Mütze auf, der sich von seinem Glück ganz benommen fühlte und sich brav bedankte. Obwohl der Mann wie ein Aschenbecher roch, in den man Bier geschüttet hatte, bewunderte er ihn.

Kurz darauf schwankte das Postauto wieder die Dorfstraße hinunter. Zum Abschied winkte ihm Teo lange hinterher, während Konrad schon die Treppenstufen zum Postamt hinaufstieg.

Die Mutter tippte gerade ein Telegramm in den Fernschreiber, als Teo und Konrad das beheizte Büro betraten. Im kleinen Moorstedt gab es nicht viel Post zu bewältigen. Zumeist las die Mutter hinter dem Schalter Zeitschriften oder unterhielt sich mit Kollegen und Bekannten, die ihr einen Besuch abstatteten. Aber wenn Mutter doch Formulare auszufüllen hatte, Briefe sortierte, Dokumente und Umschläge abstempelte, Pakete wog, dann sah Teo ihr gerne und aufmerksam zu und fragte neugierig, wozu die Unterlagen gebraucht würden, was all die Zahlen bedeuteten, die auf Zetteln, in Tabellen und auf Tafeln wimmelten, oder wo die Orte lagen, zu denen die Briefe geschickt wurden. Seine Mutter zeigte ihm die Dörfer und Städte dann auf einer Wandkarte. Das gesamte Land setzte sich aus Postleitzahlengebieten zusammen, und ganz am fernen Rand lag die Provinz, in der er lebte. Manchmal verbrachte er Stunden auf dem Amt und blätterte sich durch die Briefmarkenkataloge.

»Wo hast du denn die Mütze her?«, fragte die Mutter.

Teo stolzierte vor den Schaltern entlang, besah sein Spiegelbild in der Verglasung, kreisrund zersiebt von Sprechlöchern.

»Vom Postfahrer.«

»Pass lieber auf, wen du dir zum Vorbild nimmst!« Zweifel schwang in ihrer Stimme. »Man weiß nie, ob dieser Kerl müde oder betrunken ist«, fuhr sie fort. »Vielleicht sogar beides ... Wenn er fährt, gehen Briefe verloren, aus Glückwunschkarten verschwinden die Geldscheine und einige Sendungen verzögern sich um Wochen.«

»Er ist ja auch ein Säufer!«, sagte Konrad.

Die Mutter hob den Zeigefinger. »Nicht so frech, Freundchen!«

Sie wandte sich wieder Teo zu, rückte ihm die Mütze zurecht, dass der Schirm gerade über der Stirn saß.

»Dann bist du also jetzt ein Postbote … Nun, Herr Kollege, hier ist ein Schreiben für den Zimmergast, der bei Oma wohnt, Herrn Doktor Arnold.«

Sie überreichte ihm einen braunen Umschlag, der mit Stempeln übersät war. Als Absender des Briefes war die Hauptstadt-Universität angegeben.

Eine Mütze und ein Auftrag! Ja, jetzt bin ich Postbote, dachte Teo.

 

Damit der lange Weg nicht zu beschwerlich wurde, durften sich Teo und Konrad das Postfahrrad der Mutter ausleihen. Sie stopften drei der Beutel in die Taschen vor dem Lenker und neben dem Gepäckträger. Konrad schob das Rad, Teo trug den übrig gebliebenen Beutel, der nicht mit in die Taschen passte, sowie den Briefumschlag, den er nicht aus der Hand geben wollte. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg. Indes frischte der Wind auf und der Himmel floss dahin wie zäher Zement, am Horizont schon dunkel verhärtet.

Um Zeit zu sparen, verließen die Brüder die asphaltierte Straße, die einen weiten Bogen durchs Tal nahm, und entschieden sich für den Pfad, der zwischen Äckern und Koppeln verlief und schließlich durch den Wald zu der Siedlung führte, wo die Großmutter wohnte. Nach einer Wegbiegung verschwand Moorstedt hinter den Stämmen der Fichten und Tannen. Weich waren die Schatten darunter, mild-muffig der Erd- und Rindenduft, und auf den Boden aus Nadeln, Moos und Gräsern fielen Konrads und Teos Stimmen wie in Tücher. Hin und wieder raschelte es im Schlehdorn. Ein Kuckuck, im Geäst verborgen, warnte mit seinem Ruf.

»Ich glaube, wir werden verfolgt«, sagte Teo plötzlich.

»Bestimmt nur ein Fuchs«, antwortete Konrad.

Erst, als eine Brise die Äste aufflattern ließ und ein Brausen anhob, bemerkten die Brüder den einsetzenden Regen.

»Schneller!« Konrad schob das Rad kräftig an. Die Nässe sprühte die Waldschneise entlang. Vorsorglich steckte Teo den Brief durch den Reißverschluss seiner Jacke und trug ihn an der Brust. Er fror und sah, dass auch die Hände seines Bruders zitterten.

»Ich kann nicht!«, wandte Teo ein. Er konnte die Geschwindigkeit nicht halten, die Konrad vorgab. Seine Beine waren müde und er spürte jeden einzelnen Knochen.

»Nun kommt schon! Wir haben noch ein gutes Stück vor uns!«

Konrad klatschte mit einer Hand rhythmisch auf den Lenker. Sein Gesicht wirkte streng und unveränderlich wie eine verstrichene Sekunde.

So etwas Ungerechtes! Sie hätten viel eher aufbrechen können, wenn Konrad in der Schule nicht getrödelt hätte. Er hingegen war pünktlich gewesen, hatte lange auf der Mauer gewartet und Konrad sogar antreiben müssen. Und das miese Wetter bewies, dass Teo es zu recht eilig gehabt hatte. Jetzt aber war es sein Bruder, dem es zu langsam ging. Dabei konnte Teo weder etwas dafür, dass sie in den Regen kamen, noch dass er schlecht zu Fuß war. Er fluchte still auf seine Beine und auf Konrads Behäbigkeit beim Aufbruch. Obendrein bekam er Seitenstechen, dass ihm die Luft wegblieb.

»Meine Socken sind schon ganz durchgeweicht!« Konrad schaute böse. »Jetzt mach Dampf!«

»Schneller geht’s nicht!«

Plötzlich blieb Konrad stehen.

»Das dauert zu lange. Die Einkäufe werden nass.«

»Wollen wir uns unterstellen?«, fragte Teo.

Aber sein Bruder schwang ein Bein über den Fahrradsattel und stellte den linken Fuß aufs Pedal. »Ich fahre vor und du kommst eben nach, wie du kannst.«

»Du kannst mich doch nicht zurücklassen!«

»Für dich ist das Rad zu groß. Und außerdem kennst du doch den Weg. Gib mir den Brief an den Doktor! Ich nehme ihn mit.«

Teo griff sich an die Brust. Den Brief würde er niemals in andere Hände geben. Er war der Postbote.

»Nein. Ich behalte ihn.«

»Wie du meinst …«

Konrad zog sich auf den Sattel und fuhr an. Die Kurbel knirschte.

»Aber ich hab auch auf dich gewartet vor der Schule!«

»Was bringt es, wenn wir beide nass werden?«

Fassungslos sah Teo seinem Bruder hinterher, der nunmehr im Stehen in die Pedale trat und auf und ab wippte. Bald darauf war er hinter einer Biegung verschwunden, die um einen felsigen Abhang führte.

Teo lief Konrad so schnell er konnte nach, geriet aber bald außer Atem. Seine Wut wurde zu Erschöpfung, seine Erschöpfung zu Enttäuschung. Brüder sollten zusammenhalten! Konrad war kein richtiger Bruder, wenn er ihn zurückließ! Teo brannten die Augen, als müsse er gleich weinen. Wo in der Welt konnte man sich verlorener fühlen als unter schattendunklem Tannengeäst, in der Finsternis eines Felsrückens. Er konnte nicht davonlaufen vor dem Wolkenbruch, der durch den Wald stob, kräftiger als zuvor.

Teo fror und seine Nase lief. Zur Großmutter war es noch weit, also sah er sich nach einer Gelegenheit um, sich unterzustellen.

Wo der felsige Abhang den Pfad zur Biegung zwang, lag ein umgestürzter Eichenstamm, bewachsen von Moos, unter dem er Schutz suchen konnte. Teo stapfte über den nassen Waldboden und glitschiges Totholz, bis er den Stamm erreichte. Er hockte sich hin, kroch ins Trockene, den Beutel zwischen seinen Beinen, überdacht von fauliger, zerfurchter Rinde und Schwefelporling. Vor seinem Versteck prasselte das Wasser herab.

 

Kurze Zeit später, als der Regen verebbte und der Wald sich aufhellte, sah Teo zwei Gestalten in Regenjacken und aufgezogenen Kapuzen über den Weg kommen. Also waren Konrad und er doch verfolgt worden! Aber von wem? Der Größe nach mussten es Kinder sein; sie liefen in Gummistiefeln. Das eine Paar war rot.

Teo hatte an diesem Tag schon einmal rote Stiefel gesehen. Stiefel, die auf eine Kröte traten. Roland! Und der andere musste Christian sein. Was hatten die beiden hier zu suchen?

Er drückte sich tiefer unter die Eiche, aber die zwei würden ihn gut sehen können, wenn sie in seine Richtung schauten. Und tatsächlich hob Roland den Kopf, schob die Kapuzenkrempe über die Stirn und ließ den Blick durch die Baumstämme huschen. Er blieb schließlich in der Richtung hängen, wo Teo sich versteckte. Gleich darauf zeigte er mit dem Finger zu ihm herüber. Ob die beiden sich auch unterstellen wollten? Aber er hatte das Gefühl, dass sie einen anderen Plan verfolgten. Als sie zu ihm kamen, schlugen sie die Äste eines Haselstrauchs zur Seite, knickten die Ruten einiger Büsche um und traten auf junge Fichten. Ärger drohte, zweifellos.

»Hier ist noch Platz im Trockenen«, sagte Teo betont freundlich.

»Nasser werden wir eh nicht mehr«, entgegnete Christian, der eine durchweichte Eierpappe in der Hand hielt.

»Was hast du mit den Eiern vor?«

»Das ist Munition.«

Das sah ihnen ähnlich: Vermutlich hatten sie geplant, aus sicherer Deckung mit Eiern zu werfen und sich unerkannt aus dem Staub zu machen. An Konrad hätten sie sich niemals auf die Entfernung eines Faustschlages herangetraut. Teos Bruder war ein anderer Gegner als eine wehrlose Kröte.

Roland wollte nach der Schachtel greifen. »Gut, dass dein Bruder nicht hier ist. So können wir dir in aller Ruhe den Kürbis glasieren.«

»Was soll das?«

»Stell dich nicht doof!«, raunte Christian und öffnete die Eierpappe.

»Schau mal, hier klebt noch Scheiße dran!« Als würde er zählen, tippte Roland auf die hellbraunen Schalen. »Ist sozusagen genauso beschissen wie du als Bote. Du hast meinen Brief gelesen und ihn verloren!«

Teo fühlte sich machtlos. Er wollte für Roland kein Bote sein, er wurde gezwungen. Außerdem konnte er nichts für das Missgeschick. Aber vielleicht hätte er das Gedicht wirklich nicht lesen sollen. Seine Mutter sagte immer: Wenn ein Bote einen Auftrag annimmt, muss er ihn erfüllen. Teo war nur zu feige gewesen, ihn abzulehnen.

»Mein Bruder ist in der Nähe. Wenn er euch erwischt, steckt er euch die Eier dorthin, wo sie beim Huhn rauskommen!«

»Du lügst! Wir haben ihn wegfahren sehen! Das heißt – du bist jetzt fällig!« Christian übergab Roland die Schachtel und streckte seinen Arm aus. Er packte Teo am Ärmel und zog ihn unter der Eiche hervor.

»Lass mich!«

Teo wehrte sich nach Kräften, hatte aber der Stärke Christians wenig entgegenzusetzen. Der war es gewohnt, Pferde am Zügel zu führen. Schon hatte er Teo unter dem Baum hervorgezerrt, und Roland riss ihm die Postbotenmütze vom Kopf. Gleich darauf packte ihn eine Hand im Nacken, drückte ihn zu Boden. Vornübergebeugt fühlte Teo ein Ei auf seinem Kopf zerplatzen. Der Dotter lief ihm in die Haare, über die Stirn und tropfte von der Nase. Teo versuchte, nach den beiden zu treten, aber er verlor den Halt, strauchelte und fiel auf die Knie.

»Jetzt fehlen nur noch Streusel auf der Glasur«, sagte Roland grinsend.

Was hatten sie vor mit ihm? Wild schlug Teo um sich und wusste doch, dass er nicht einmal eine Fliege hätte verscheuchen können. Hände zogen, stießen, drückten ihn über den Waldboden. Dabei spürte er, wie der Briefumschlag unter seiner Jacke zu rutschen begann und schließlich herausfiel.

Dem Brief durfte nichts zustoßen! Im Gegensatz zu Rolands Zettel fühlte er sich dieses Mal tatsächlich verantwortlich. Er war der Postbote!

Teo blieb die Luft weg vor Angst, der Brief könnte Schaden nehmen. »Pass auf!«, rief er, doch schon latschten die roten Stiefel über das Papier. Wie sollte er Doktor Arnold bloß den Schuhabdruck erklären?

Vor Sorge um die Sendung bemerkte er kaum den Ameisenhaufen in seinem Augenwinkel. Aber sogleich wurde er mit Schwung umgeworfen, dass sein Gesicht in das Nest klatschte. Er hielt die Luft an, stützte sich mit den Händen auf, wurde niedergedrückt, wollte dagegenhalten, aber versank mit den Fingern in dem weichen Hügel aus Holzsplittern, Ästchen, Blattfetzen, Pflanzenfasern, Harz, Erde und Ameisenleibern. In seinem Gesicht juckte und krabbelte es, in der Nase, auf dem Kinn, auf den Augenlidern. Bald würde er den Mund öffnen müssen, um zu atmen. Er hielt es kaum noch aus und strampelte, aber unbarmherzig waren die Ameisenbisse und das Brennen des Gifts. Vor Schreck öffnete er die Lippen, sog Luft ein und verschluckte sich an Unrat und Ameisen.

Mit seinem heftigen Husten löste sich auch der Druck, der ihn am Boden hielt. Endlich ließen Roland und Christian von ihm ab. Teo drehte sich zur Seite, setzte sich auf, spuckte, rieb sich eilig das Gesicht frei, die Augen und die Nase. Doch das Eiweiß klebte in seinen Haaren, das Getier wimmelte auf ihm. Schließlich stand er auf, machte ein paar Schritte weg vom Ameisennest, fuhr sich durch die Haare und schüttelte sich, klopfte die Hose und die Jacke ab.

Wo war der Brief abgeblieben?

Er schaute auf und wischte sich noch eine Ameise aus dem Auge. Christian hatte die Postbotenmütze aufgesetzt und Roland hielt das Schreiben in den Händen.

»Lass deine Pfoten davon!«, schrie Teo wütend.

Roland beachtete ihn nicht, sondern riss den Umschlag auf. Er zog das Papier heraus und überflog es. »Rhabarber, Hasenschiss und Rübenbrei.« Dann sprang er das kurze Stück bis zum Weg hinab, überquerte diesen bis zur Kante, wo der Felshang steiler abfiel, und ließ die Blätter in die Tiefe flattern. Entsetzt sah Teo, wie sein Auftrag als Postbote in eine Katastrophe stürzte. Nie wieder würde die Mutter ihm Briefe anvertrauen. Und was sollte er dem Doktor sagen?

»Jetzt weißt du, wie es ist, wenn man seine Post verliert«, rief Roland. »Komm, Christian! Wir sind fertig. Der Lurch wird sich schon merken, was passiert, wenn er Mist baut.«

Christian bewarf Teo noch im Gehen mit den restlichen Eiern, bis dessen Jacke vollkommen bespritzt war. »Nächstes Mal verfüttern wir dich im Ganzen an die Krabbler«, sagte er zum Abschied.

Eine Ameise kletterte über Teos Stirn. Er fasste sie zwischen Daumen und Zeigefinger. Als er sich das Insekt besah, dessen Artgenossen ihn gebissen hatten, fiel ihm der blaue Schimmer ihres Körpers auf. Blaue Ameisen hatte er noch nie gesehen.

 

Nachdem Roland und Christian abgezogen waren, holte Teo den Einkaufsbeutel, der noch immer unter dem Baumstamm lag, und wagte sich an den Abhang. Vom Regen war die Erde aufgeweicht und die Felsen glänzten wie Fischhaut. Das Briefpapier, hell leuchtend zwischen Erde, Holz und Stein, hatte sich über den Hang verstreut, aber Teo würde es einsammeln können, wenn er hinabstieg.

Behutsam setzte er einen Seitenschritt, unsicher und müde, der Boden gab nach und rutschte leicht, ein Erdklumpen rollte bergab. In seinen Beinen zitterte das Glas, aber er ließ sich nicht abhalten; auch nicht, als er ausglitt und sich in den Dreck setzte. Zu seinem Glück war ihm der Beutel auf den Schoß gefallen und heil geblieben.

Unter Ästen, auf Steinen, im Laub fand er schließlich die beschmutzten und feuchten Seiten des Briefs. Aber der Nummerierung nach fehlten einige Blätter, und auch der Umschlag war nirgends zu sehen.

In der Nähe, einige Schritte tiefer am Hang, waren mächtige Gesteinsbrocken ineinandergerutscht, stapelten sich zu einem Plateau. Ob es den Briefumschlag bis dorthin geweht hatte?

Teo rutschte und sprang tiefer, bis er auf einem Stein Halt fand. Er umrundete die Felsgruppe und schaute angestrengt in die Ritzen, unter die Steine, bis ihm in einem Spalt tatsächlich hellgelbes Papier ins Auge fiel. Die Öffnung war gerade breit genug, dass er sich hätte hineinzwängen können, aber ihn beschlich beim Blick ins Dunkel Beklemmung. Immer fraß sie an ihm bei Düsterkeit, Finsternis und Schwärze, womöglich ein Nachklang von seinem Kellersturz. Doch es half nichts, er musste an die fehlenden Seiten und den Umschlag kommen, um die Briefsendung vollständig zu überbringen und wenigstens einen Teil seiner Postbotenwürde zu retten. Das war seine Pflicht! Also setzte er den Beutel ab und überwand sich.

Er zwängte sich in den Spalt, seine Jacke scheuerte am kühlen Stein, die Gummistiefel raschelten in dem alten Laub, das muffig und sandig roch. Tausendfüßler verkrochen sich vor dem Eindringling und ein dünnes Licht hauchte von oben herein, ohne etwas sichtbar zu machen. Durch diese schmale Öffnung musste der Brief hier reingefallen sein. An einer Stelle, wo der wettergeschmirgelte Fels hervorstand, machte sich Teo ganz schlank. Die Enge drückte ihm aufs Herz, kellerdunkel, angstfinster, nichts zu sehen, nichts zu hören und allein mit dem Zittern in den gläsernen Beinen. Aber er musste die Atemnot überwinden und die Blindheit, weil er der Bote war. Beinahe war der Briefumschlag erreichbar, er musste sich nur noch etwas vorbeugen, leicht in die Knie gehen, den Arm strecken, die Finger langmachen. Jede Sehne seines Körpers bebte in der Dehnung. Schließlich strich der Zeigefinger über das glatte Papier, rutschte ab; ein weiterer Versuch, noch mal und noch mal. Endlich bewegte sich der Umschlag und mit ihm die fehlenden Seiten. Schweiß brannte in Teos Augen, tropfte ihm vom Kinn, schmierig die Handflächen, so klebrig auf den Fingerkuppen, dass der Brief haften blieb und Teo ihn heranziehen konnte. Ein erleichternder Griff noch, und er hatte das Schreiben an den Doktor vollständig eingesammelt.

Als er aus dem düsteren Spalt kroch, befreiten ihn Helligkeit und Licht von seiner Beklemmung. Die Wolken hatten ihren Regenzoll entrichtet und zogen nun leichter am Gebirge entlang. Sorgfältig sortierte Teo die Seiten, die verdreckt, feucht und zerknittert waren, strich sie glatt, so gut es eben ging, und steckte sie zurück in den Umschlag, den Roland derb aufgerissen hatte. Dabei fiel ihm die Briefmarke ins Auge. Eine derartige Marke hatte er noch nicht in seinem Sammelalbum. Eine seltsame Rechenmaschine war darauf abgebildet und er fragte sich, ob dieses elektronische Schaltkreisungetüm, mächtig wie sein Kleiderschrank, den Schülern irgendwann bei den Hausaufgaben helfen mochte.

Aus Sorge um den Brief bemerkte Teo erst in diesem Augenblick, dass Christian seine Postmütze mitgenommen hatte. Aber ohnehin war seine Karriere als Bote beendet, wenn er die Sendung in diesem Zustand zustellte.

Auf dem Weg zur Siedlung, in der die Großmutter lebte, nahe dem stillgelegten Steinbruch, überlegte sich Teo, wie er Doktor Arnold erklären sollte, dass der Brief aufgerissen, zerfleddert und schmutzig geworden war. Auch wenn Roland an allem schuld war, so hatte Teo es doch nicht verhindern können.

Einen Weg aus aufgeschwemmter Erde ging es hinauf, zerteilt von einem Unkrautstreifen und gesäumt von Apfelbäumen, zu einer Lichtung am Waldrand, in der das Haus saß wie ein Nest in den Zweigen. Spitz und schwarz ragte das Giebeldach empor. Zwischen zwei Holzpfählen war eine Wäscheleine gespannt, ohne dass etwas daran hing, außer den Regentropfen, die ein Windhauch vorsichtig abzupfte. Das Postfahrrad leuchtete gelb an der Eingangstür, ebenso die Narzissen in den nebenstehenden Holzbottichen.

Je näher Teo kam, desto mehr wuchs das Unbehagen, sich gleich erklären zu müssen. Es würde ihm nichts anderes übrig bleiben, als die Verantwortung auf sich zu nehmen und sich zu entschuldigen. Natürlich stand es ihm erst recht nicht zu, den Doktor um die Briefmarke zu bitten. Aber vielleicht könnte er an die Marke kommen, indem er ihm anbot, den unansehnlichen Umschlag zu entsorgen.

Von Weitem sah Teo die Großmutter mit der leeren Futterschüssel von den Ställen der Hasen und Hühner kommen. Als sie ihn bemerkte, kippte ihr Lächeln. Erschrocken starrte sie ihn an. Er musste wohl furchtbar aussehen, durchnässt und schmutzig.

Sie kam ihm entgegen und nahm ihm den Beutel ab.

»An dir klebt der halbe Wald, Junge! Was ist passiert?«

»Regen und bisschen Ärger.«

Sie wies ihn an, seine Gummistiefel auszuziehen und auf den Stufen zur Haustür abzustellen. Aus den Profilrillen quollen Erde und Schlamm, verkrustet waren Kappe und Ferse. Teo stellte sich barfuß auf die Fußmatte, die mit einem Putzlappen umwickelt war. Noch vor dem Haus musste er außerdem die verdreckte Jacke und seine Hose ausziehen. Den Briefumschlag behielt er, als die Großmutter ihm die Schüssel in die Hand drückte und seine Kleidung mit spitzen Fingern nahm.

»Das kommt gleich in die Wäsche. Setz dich in die Küche und warte, bis ich dir was zum Anziehen bringe! Kakao ist auf dem Herd.«

 

Der Herdofen flackerte in der düsteren Küche, durch deren kleine Fenster sich das Licht von draußen kaum zwängen konnte. Konrad saß am Tisch auf der hölzernen Eckbank, vor sich eine dampfende Tasse. Teo tapste über den Fliesenboden. Es roch nach Schokolade und gezuckerter Milch.

»Hast du dich verlaufen?«, fragte sein Bruder. »Ich bin schon bei meinem zweiten Kakao.«

Teo legte den Briefumschlag auf den Tisch und bemerkte Konrads fragenden Blick. Erschöpft ließ er sich auf dem gedrechselten Küchenstuhl nieder, um zu erzählen, was geschehen war. Den ganzen Bericht lang zeigte Konrad keine Regung, bis Teo mit den Worten schloss: »Du hättest nicht fahren, mich nicht zurücklassen dürfen!«

Konrad wandte den Kopf ab und starrte in Richtung Ofen, in dem die Glut knackte.

»Brüder halten doch zusammen!«

Sein Bruder tat gelangweilt, kratzte sich im Nacken und atmete langsam aus.

»Ich kann doch nicht mal weglaufen mit meinen Beinen.«

Damit schien er einen wunden Punkt getroffen zu haben, womöglich das verschüttete Bewusstsein von Schuld. Sein Bruder verzog den Mund, als hätte er auf ein Pfefferkorn gebissen. »Schlag doch zurück, wenn sie dich ärgern!«

»Das stachelt sie nur weiter an.«

»Ach, Unsinn! Du hast nur Arme wie Lauchstangen. Hilf Papa doch mal beim Holzhacken!«

Teo rieb die nackten Füße aneinander und schaute auf den zerfledderten Briefumschlag. »Ich bin wirklich ein mieser Postbote«, sagte er schließlich.

»Wo ist denn deine Mütze?«

»Die haben sie mitgenommen.«

Ein Funken Mitleid sprang durch Konrads Augen.

Gleich darauf kam die Großmutter durch die Tür. Über ihrem Arm lagen eine ausgewaschene Cordhose, ein Wollpullover und ein paar karierte Socken. »Die lagen in Opas Truhe. Ich bin noch nicht zum Ausräumen gekommen.«

Eine Ausrede. Teo wusste, dass sie sich nie von Großvaters Sachen trennen würde.

Es kam ihm unheimlich vor, die viel zu große Kleidung des Verstorbenen zu tragen, seines Opas, des früheren Bürgermeisters von Moorstedt. Doch schon während sich Teo anzog, wärmten ihn die trockenen Kleider, und die Großmutter nahm einen feuchten Lappen und wischte ihm das Gesicht ab.

»Damit kühlst du dir die Pusteln.«

»Das waren die Ameisen.«

»Du steckst deine Nase auch überall rein.«

Dann griff sie sich den Brief vom Tisch. »Na, der sieht ja aus!«

»Ich erklär es dem Doktor«, sagte Teo. »Ich bin der Bote.«

Indem er die Verantwortung übernahm, kam er den Vorwürfen der Großmutter zuvor, die bereits mahnend den Mund geöffnet hatte. Aber den Zeigefinger hob sie trotzdem.

»Ist er Arzt?«, fragte Teo.

»Ein Wissenschaftler aus der Hauptstadt«, antwortete die Großmutter. »Aber er kommt mir nicht wie ein Feriengast vor. Den ganzen Tag hockt er in seinem Zimmer und schreibt. Nur manchmal geht er mit einem Klemmbrett in den Wald. Ich glaube nicht, dass der seinen Urlaub hier verbringt.«

Was mochte jemanden aus der Hauptstadt aber sonst in diese abgelegene Gegend treiben?

 

Mit Magendrücken stieg Teo die knarzige Treppe ins Dachgeschoss hinauf. Die weite Hose rutschte und er musste sie bei jedem Schritt am Bund festhalten. Er hatte sich vorgenommen, die ganze Wahrheit offenzulegen und einzugestehen, dass er seinem Bruder den Brief hätte mitgeben sollen. Zugleich hoffte er auf die Einsicht des Doktors, dass es nicht seine Schuld war.

Dunkelheit lag in der engen Stiege, über das Dach zischte der Wind und die Balken knurrten. Vor der Tür aus roher Kiefer verharrte Teo und lauschte. Tatsächlich hörte er ein Klicken und Klacken, als hieben geübte Finger auf eine Schreibmaschine ein. Die Astlöcher in der Tür starrten ihn an, zweifelnde Holzaugen, fragende Blicke aus der Maserung. Ihm war flau zumute. Hatte er sich gut überlegt, was er sagen wollte?

Teo hob die Hand, um anzuklopfen, streifte den überlangen Ärmel zurück, bemerkte sein Zittern, atmete ein, bevor er sich ein Herz fasste und die Knöchel zweimal gegen das Holz schlug.

Das Tastenklacken erstarb: Stille.

Teo wartete, aber keine Stimme erhob sich. Stattdessen begannen die Tasten wieder zu klappern.

Also klopfte Teo abermals und mit trockener Stimme rief er: »Doktor Arnold? Ich habe einen Brief für Sie.«

Der Lärm der Schreibmaschine setzte sich noch kurz fort, als wollte der Doktor einen Gedanken zu Ende bringen. Dann endlich brummte eine Stimme: »Herrrrein!« Das Wort klang wie das Starten eines Mopeds.

Teo legte die Hand auf die geschwungene Eisenklinke und drückte sie nieder, dass der Schnapper quietschte. Dann schob er die Tür auf. Die Angeln ächzten.

An dem antiken Sekretär neben dem Fenster saß ein junger stämmiger Mann, der sich Teo zugewandte hatte, ein Arm lag auf der Stuhllehne, die andere Hand auf der Tischkante. Unzweifelhaft stammte er nicht aus dieser rauen Provinz: Exakt, beinahe mathematisch war das kupferblonde Haar zu einem Scheitel gekämmt, als kenne es den hiesigen Wind nicht. Staubgrau erschien das Gesicht, als hätte es kaum einmal Sonne gesehen, nur Archive, Labore und Hörsäle. Die Beine schlug der Doktor in der Drehung übereinander, sodass die Hose knitterte und ihre Fasern metallisch glänzten. Selbst in der Trübnis, die durch das Fenster fiel, blitzten die Schnallen seiner neongelben Hosenträger wie poliertes Messing. Dazu trug Doktor Arnold ein betongraues Hemd, zwischen dessen Kragenspitzen eine Fliege aus silbrig durchsichtigem Stoff saß wie ein gläserner Schmetterling.

»Entschuldige, ich dachte, ich hätte mich verhört. Dieses alte Haus knirscht, knarrt und poltert immerzu«, sagte der Mann. Mit dem neugierigen Blick seiner hellgrünen Augen empfing er Teo, der sich Wissenschaftler immer älter und auch nicht so vornehm angezogen vorgestellt hatte. Er war überrascht. In Moorstedt hatte er noch niemanden gesehen, der einen solchen Kleidungsstil pflegte.

»Ich habe einen Brief für Sie«, sagte Teo mit einer Stimme, die vor Nervosität in kindliche Höhen flatterte. Peinlich berührt hielt er den Umschlag hinter seinem Rücken.

»Nun denn!«, sagte Doktor Arnold, ohne den Willen zu zeigen, sich zu erheben. Stattdessen lächelte er, womöglich amüsiert über Teos Erscheinung in der langen Hose und dem weiten Pullover.

»Es ist nur«, fuhr Teo fort, »dass der Brief nicht so aussieht, wie er aussehen sollte.«

Der Körper des Doktors spannte sich. »Ich bin nicht in Rätsellaune.«

»Ich wollte darauf aufpassen, hab’s aber nicht geschafft.«

Teo ging vorsichtig auf Doktor Arnold zu und holte den Brief hinter seinem Rücken hervor. Seine Wangen waren heiß vor Scham.

Doktor Arnold erhob sich, bog sein Kreuz durch und streckte ihm fordern die Hand entgegen. »Gib schon her!«

»Es tut mir leid. Wirklich. Entschuldigung!«

Teo reichte ihm den zerfledderten Briefumschlag. Den Kopf hatte er zwischen die Schultern gezogen.

Es war Doktor Arnold anzusehen, dass er sich um Beherrschung bemühen musste, als er die Post entgegennahm.

»Der Umschlag ist offen!«, sagte er erbost. Vor Ärger wurde seine Aussprache kantig. Mit spitzen Fingern zog er den Brief heraus. »Und die Seiten sehen aus wie benutztes Toilettenpapier! Wer hat einem Kind überhaupt meine Unterlagen ausgehändigt?«

»Meine Mutter arbeitet bei der Post.«

»Das ist eine Zumutung!«, knurrte Doktor Arnold. Seine Augenbrauen pressten eine Zornesfalte über der Nase zusammen. Ihn packte die Rage. »Wie kann man nur so fahrlässig mit anderer Leute Korrespondenz umgehen? Das ist unerhört!«

Teo schwieg und war darauf gefasst, dass die Wut über ihn hinwegstürmte. Er glaubte, die Vorwürfe still ertragen zu können, aber das Versagen bei einer Aufgabe, die ihm so wichtig war, traf ihn unerwartet heftig. Er wollte standhaft bleiben und hielt die Luft an, aber schließlich weinte er doch. Das Schluchzen warf ihn auf, dass die Hose beinahe erneut gerutscht wäre, hätte er nicht schnell den Bund festgehalten.

»Na, na!« Doktor Arnold senkte die Stimme. Behutsam legte er den Brief auf die Schreibplatte des Sekretärs. »Ich will kein Unmensch sein. Offenkundig hast du das nicht gewollt. Erzähl mir, was passiert ist.«

Teo wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. Endlich durfte er sich verteidigen. Und während er berichtete, was vorgefallen war, beruhigte er sich allmählich.

Nachdem Teo seine Erzählung beendet hatte, schaute Doktor Arnold nachdenklich drein. Es war ihm nicht anzusehen, ob er dem Bericht glaubte oder ihn für eine Ausrede hielt. Wortlos wandte er sich dem Sekretär zu und nahm den Briefumschlag zur Hand, entnahm ihm die Seiten, um sie eilig zu überfliegen.

»Glücklicherweise kamen keine bedeutsamen Dokumente zu Schaden«, stellte er schließlich fest. »Nur ein Kollegenbericht über fehlgeschlagene Forschungen. Aber ein Durchbruch ist in Sicht.«

Teo wagte nicht zu fragen, um welche Forschungen es sich handelte, aber offenbar schaute er wissbegierig genug, dass der Doktor hinzufügte: »Ich studiere, wie sich Tierschwärme verständigen. Bienen, Vögel, Fische. Deshalb bin ich hier. Wir wollen neue Nachrichtenwege finden, damit so etwas«, er schlug mit dem Handrücken auf die Seiten, »nicht mehr passiert.«

Er legte den Umschlag wieder auf den Sekretär und rieb sich den Nacken.

»Trotzdem kann ich die Sache nicht einfach auf sich beruhen lassen. Ich werde deine Mutter unterrichten müssen. Aber immerhin stehst du für den Schaden gerade.«

Demütig nickte Teo. Das hatte er befürchtet. Auf die Briefmarke wagte er gar nicht mehr zu hoffen.

Doch auf einmal schaute Doktor Arnold ihn überrascht an. Gleich darauf kniff er die Lider angestrengt zusammen. »Augenblick!« Behutsam kam er einen Schritt näher und streckte seine Hand aus. »Du hast da was.«

Teo zuckte zurück.

»Jetzt halt still!« Doktor Arnold fasste ihm mit Daumen und Zeigefinger in die Haare und besah sich genauer, was er gefunden hatte. »Was haben wir denn hier?«

Zunächst erkannte Teo nicht, was der andere meinte, bis er den bläulichen Funken erkannte.

»Cobaltameise heißt sie.«

»Ein beißendes Ungeheuer ist das!«

Der Doktor lachte laut. »Muss ziemlich jucken um die Nase, Herr Postbote.«

Bei dem Gedanken, dass sich noch mehr Ameisen in seinem Haarschopf versteckt haben könnten, musste Teo sich plötzlich kratzen.

»Ameisen setzen ihre Wegmarken durch Düfte. Wusstest du das? Und die Straßen der Cobaltameise überstehen selbst die schlechteste Witterung. So findet sie immer den kürzesten Weg zum Futter. Wir nennen das Ameisenalgorithmus. Nur wegen dieses blauen beißenden Ungeheuers bin ich hier.«

»Ist sie selten? Ich habe solche Ameisen noch nie gesehen.«

»Manchmal muss man mit der Nase drauf gestoßen werden«, sagte Doktor Arnold und lachte über seinen Scherz. Teo fand ihn nicht lustig, er dachte an das Gewimmel in seinem Gesicht.

»Gut. Ich glaube, wir können uns einigen. Ich werde niemandem erzählen, wie meine Post in deiner Obhut zugerichtet wurde. Auch nicht deiner Mutter.«

»Und was muss ich dafür tun?«

»Du zeigst mir die Stelle, wo die Ameisen ihr Nest gebaut haben.«

Teo musste nicht erst nachdenken, um in dieses Angebot einzuwilligen.

»Ja, natürlich! Alles, was Sie wollen!«

Mit dieser Wendung schien seine Botenehre gerettet.

Euphorisch ließ er sich noch zu einer Bitte hinreißen. »Brauchen Sie den Umschlag?«

»Was willst du damit?«

»Ich sammle Briefmarken.«

»Ah, ein Philatelist!«

»Ein was?«

»So nennt man Briefmarkensammler. Nun gut.« Er zwinkerte Teo zu. »Lass die Beweise deines Pechs verschwinden.«

Glücklich nahm Teo den Umschlag entgegen. Dabei ließ er unachtsam die Hose los, sodass sie ihm fast von den schmalen Hüften gerutscht wäre. »Danke vielmals! Die kommt gleich ins Album.«

»Du wirst schon noch hineinwachsen«, sagte Doktor Arnold mit versonnenem Blick auf Teos weite Kleidung. »Du wirst in vieles hineinwachsen, was du noch nicht für möglich hältst …«

 

Als Teo in die Küche zurückkehrte, wo die Großmutter seine Kleider zum Trocknen über eine Stuhllehne gelegt und vor den Ofen gestellt hatte, war sein Bruder verschwunden.

»Es ist noch eine Tasse Kakao übrig«, sagte sie.

»Ist Konrad nach Hause gefahren?«

»Er sagte, er hätte irgendwo etwas vergessen.«

Die Großmutter ging an den Herd und nahm den dampfenden Topf herunter.

»Das ist das zweite Mal heute, dass er sich aus dem Staub macht.«

Doch für Enttäuschung blieb keine Zeit. Dumpfe Schritte stapften die Treppe vom Obergeschoss herunter. Doktor Arnold kam in die Küche. Er hatte sich einen schwarzen Staubmantel aus gewachster Baumwolle übergeworfen. Unter dem Arm hielt er das Klemmbrett.

»Wir können aufbrechen«, sagte er zu Teo.

 

Am frühen Abend, schob Teo auf dem Heimweg das Postfahrrad seiner Mutter durch das müde Moorstedt. Ein paarmal hatte er versucht, mit dem Ding zu fahren, doch Konrad hatte recht: Es war zu groß und zu schwer. Beinahe wäre er gestürzt und hatte es schließlich aufgegeben. Doktor Arnold hatte ihn noch durch den Wald bis zum Stadtrand begleitet, weil Konrad nicht wieder aufgetaucht war. Sein Bruder konnte ihm gestohlen bleiben. Er hatte ihn verraten und allein gelassen. Zweimal an einem Tag! Nie wieder, so nahm sich Teo vor, würde er irgendwo auf Konrad warten.

Teo kam an der geschlossenen Schule vorüber, die eingesponnen war von befremdlicher Ruhe. Auf der Schulhofsmauer, an der Kante des Bruchs, saß die Katze und putzte sich. Die Straße war leer, aber hinter dem Haus mit dem abgebrannten Dachstuhl schallten Schritte aus einer Gasse. Teo ging weiter, die vordere Felge des Fahrrades schliff rhythmisch an den Bremsklötzen, und er hielt den Blick auf die Häuserecke gerichtet. Schließlich konnte er die Gasse tiefer einsehen und erkannte seinen Bruder, der auf ihn zukam. Überrascht blieb Teo stehen und wartete.

Auf Konrads Gesicht lag rötlich eine abklingende Aufregung. Die Hände steckten in den Taschen seiner Regenjacke. »Kommst du erst jetzt zurück?«, fragte er.

»Ich war mit Doktor Arnold im Wald. Wir haben blaue Ameisen gefangen. Er hat sie in einem Glas mitgenommen.«

»Man geht nicht mit fremden Leuten mit«, mahnte Konrad.

»Du hättest ja auf mich aufpassen können, wenn du nicht abgehauen wärst!«

Statt zu antworten, zog Konrad aus der Jackentasche eine Mütze. Erstaunt sagte Teo: »Das ist meine Postmütze!«

»Ich hatte vergessen, was man als großer Bruder tun sollte.« Konrad kam einen Schritt näher, setzte Teo die Mütze auf und richtete sie behutsam. »Ich habe mir Roland und Christian vorgeknöpft. Ich glaube, die treten dir nicht noch mal auf die Füße.«

Vor Erleichterung wusste Teo nichts zu sagen. Die Mütze gab ihm nicht nur seine Botenrolle zurück, sondern auch den Beweis, dass sein Bruder für ihn da war.