Die Schwerelosen - Valeria Luiselli - E-Book

Die Schwerelosen E-Book

Valeria Luiselli

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14,99 €

Beschreibung

Eine junge Frau lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in einem Haus in Mexiko City und schreibt an einem Roman. Sie verlässt das Haus nicht, sie kann es aber auch nicht richtig bewohnen. So beginnt sie zu erzählen. Von ihrem Mann, von ihren Kindern, von ihrer Vergangenheit. Wie sie als junge Lektorin in New York verzweifelt versucht hat, den Verleger davon zu überzeugen, das Werk von Gilberto Owen zu publizieren, diesem obskuren mexikanischen Dichter, der in den 20er-Jahren in Harlem lebte und mit Federico Garcia Lorca befreundet war. Seine geisterhafte Gegenwart hat sie verfolgt und verfolgt sie immer noch … Sie erzählt und schreibt, und dabei gerät ihr Leben aus der Bahn, und in ihr Schreiben wächst eine andere Erzählstimme, die von Owen. Nun ist er es, der sein Leben Revue passieren lässt, komisch und melancholisch, auch er wird verfolgt von einer geisterhaften Erscheinung, einer jungen Frau … Das eine Leben erscheint im anderen wie in einem Zerrspiegel, und doch ist es ein Fluss, eine Stimme, die von Liebe und Verlust erzählt und erkundet, wer wir sind. Sprachmächtig und von einer schwebenden Leichtigkeit ist dieses Debüt, klug, witzig und voller literarischer Anspielungen. Wer den Sound von Valeria Luiselli einmal im Ohr hat, wird schwer davon loskommen.

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Seitenzahl: 198

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Valeria Luiselli

Die Schwerelosen

Roman

Aus dem Spanischenvon Dagmar Ploetz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

Für Álvaro

Hüte dich! Spielst du Gespenst, bist du bald eins.Anonym, aus der Kabbala.

 

 

 

Der Mittlere weckt mich auf:

Weißt du, woher die Moskitos kommen, Mama?

Woher?

Aus der Dusche. Am Tag sind sie im Duschkopf, und nachts stechen sie uns.

*

Alles hat in einer anderen Stadt begonnen und in einem anderen Leben, vor diesem jetzt, aber nach jenem damals. Deshalb kann ich diese Geschichte nicht so schreiben, wie ich gerne möchte – als wäre ich noch dort und nur diese andere Person. Es fällt mir schwer, von Straßen und Gesichtern so zu sprechen, als begegnete ich ihnen noch täglich. Ich finde nicht die zutreffenden Zeiten für die Verben. Ich war jung, meine Beine waren kräftig und dünn.

(Ich hätte gerne so begonnen, wie Hemingways A Moveable Feast endet.)

*

In jener Stadt lebte ich allein in einer fast leeren Wohnung. Ich schlief wenig, aß schlecht und ohne große Abwechslung. Ich führte ein einfaches Leben, hatte meine Routine. Ich arbeitete als Gutachterin und Übersetzerin in einem kleinen Verlag, der sich der Rettung »ausländischer Juwelen« widmete, die keiner kaufte – schließlich trafen sie auf eine Inselkultur, in der man die Übersetzung als etwas Unreines ablehnte. Aber ich mochte meine Arbeit und habe sie, wie ich glaube, eine Zeit lang gut verrichtet. Außerdem durfte man dort rauchen. Von Montag bis Mittwoch ging ich in den Verlag, die Donnerstage und Freitage waren für die Recherchen in den Bibliotheken vorgesehen. Montags kam ich immer früh und gut gelaunt dort an, mit einem Pappbecher voll Kaffee. Ich begrüßte Minni, die Sekretärin, und den chief editor; er war der einzige Lektor, aber der Chef. Er hieß White. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch, drehte mir eine Zigarette aus blondem Tabak und arbeitete bis in die Nacht hinein.

*

In diesem Haus hier wohnen wir zwei Erwachsenen, das Baby und das mittlere Kind. Wir sprechen von ihm als dem Mittleren, weil er, obwohl er der Älteste ist, darauf besteht, noch ein mittleres Kind zu sein. Und recht hat er. Er ist der Älteste, aber noch klein, also ein mittleres Kind.

Vor ein paar Tagen ist mein Mann, als er die Treppe hinunterstieg, auf das Skelett eines Dinosauriers getreten, und es gab eine Katastrophe. Heulen, Schreien, Trampeln: Der Dinosaurier war kaputt, irreparabel. Jetzt ist der T-Rex unparabel, schluchzte der Mittlere. Manchmal kommen wir uns wie zwei paranoide Gullivers vor, die ständig auf Zehenspitzen gehen, um ja keinen aufzuwecken und nicht auf irgendetwas Wichtiges und Zerbrechliches zu treten.

*

Im Winter stürmte es. Aber ich trug Miniröcke, weil ich jung war. Ich schrieb Briefe an meine Bekannte, in denen ich von meinen Gängen durch die Stadt erzählte, von meinen Beinen, die in grauen Strümpfen steckten; von meinem Körper, der in einen roten Mantel mit tiefen Taschen gewickelt war. Ich schrieb Briefe über den kalten Wind, der diese Beine streichelte, und verglich die eisige Luft mit den Stoppeln eines schlecht rasierten Kinns, als wären die Luft und ein paar graue Beine, die durch die Straßen laufen, schon ein literarischer Stoff. Wenn jemand lange Zeit allein gelebt hat, kann er sich von der eigenen Existenz nur überzeugen, indem er die Dinge und die Aktivitäten in einer mitteilbaren Syntax artikuliert: dieses Gesicht, diese Knochen, die da laufen, dieser Mund, diese Hand, die hier schreibt.

*

Jetzt schreibe ich nachts, wenn die Kinder schlafen und es erlaubt ist zu rauchen, zu trinken und durchzulüften. Früher schrieb ich immer, zu jedweder Zeit, weil mein Körper mir gehörte. Meine Beine waren lang, kräftig und dünn. Es bot sich an, sie herzuzeigen, wem auch immer, dem Schreibpapier.

*

In jener Wohnung gab es nur fünf Möbelstücke: Bett, Esstisch, Stuhl, Bücherregal, Schreibtisch. Schreibtisch, Stuhl und Bücherregal sind eigentlich erst später dazugekommen. Als ich dort ankam, fand ich nur ein Bett und einen Klapptisch aus Aluminium vor. Es gab auch eine eingemauerte Badewanne, aber ich weiß nicht, ob die als Möbel zählt. Nach und nach wurde der Raum bevölkert, allerdings meist mit nur vorübergehend präsenten Dingen. Die Bücher aus den Biblioheken verbrachten die Wochenenden gestapelt neben dem Bett und verschwanden dann am Montag, wenn ich sie mit in den Verlag nahm, um die Gutachten zu schreiben.

*

Ein schweigsamer Roman, um die Kinder nicht zu wecken.

*

In diesem doch großen Haus habe ich keinen richtigen Platz zum Schreiben. Auf meinem Schreibtisch liegen Windeln, kleine Autos, Spielfiguren, Babyflaschen, Rasseln und Gegenstände, die ich noch nicht hab deuten können. Winzige Dinge nehmen allen Platz ein. Ich gehe durch den Raum und setze mich aufs Sofa, den Rechner auf dem Schoß. Der Mittlere kommt ins Wohnzimmer:

»Was machst du da, Mama?«

»Ich schreibe.«

»Schreibst du einfach ein Buch?«

»Ich schreibe einfach.«

*

Romane haben einen langen Atem. Das wollen die Romanschreiber. Keiner weiß genau, was das bedeutet, aber alle sagen: langer Atem. Ich habe ein Baby und ein mittleres Kind. Die lassen mir keine Luft. Alles, was ich schreibe, ist – es geht gar nicht anders – kurzatmig. Wenig Luft.

*

Manchmal kaufte ich Wein, aber die Flasche langte nicht mal einen Abend. Etwas länger hielten sich Brot, Salat, Käse, Whisky und Kaffee, in dieser Reihenfolge. Und etwas länger als diese fünf Dinge zusammen das Ölund die Sojasauce. Aber Füller und Feuerzeuge beispielsweise, die kamen und gingen wie Halbwüchsige, die ihre Eigenwilligkeit und absolute Autonomie beweisen wollen. Ich wusste, es war nicht gut, auf die Gegenstände in einem Haus zu vertrauen; dass, sobald man sich an die stille Gegenwart eines Dings gewöhnt, dieses kaputtgeht oder verschwindet. Meine Bindung an die Menschen, die mich umgaben, war gleichermaßen von diesen beiden Erscheinungsweisen der Unbeständigkeit geprägt: Kaputtgehen oder Verschwinden.

Das Einzige, was noch aus jener Phase herüberreicht, sind die Echos einiger Gespräche, eine Handvoll wiederkehrender Gedanken, Gedichte, die ich mochte und wieder und wieder las, bis ich sie auswendig konnte. Alles andere ist spätere Aufbereitung. Meine Erinnerungen an jenes Leben könnten auch gar nicht inhaltsreicher sein. Es sind Baugerüste, Strukturen, leere Häuser.

*

Ich schreibe auch ein Buch, sagt das mittlere Kind, während wir das Abendessen zubereiten und darauf warten, dass sein Vater aus dem Büro zurückkommt. Sein Vater hat kein Büro, aber er hat viele Arbeitstermine und sagt manchmal: Ich geh jetzt ins Büro. Der Mittlere sagt, sein Vater arbeite in der Arbeiterei. Das Baby sagt nichts, eines Tages aber wird sie Papa sagen.

Mein Mann schreibt Filme, aber auch Werbung fürs Fernsehen und manchmal Gedichte. Er glaubt, bereits die Vitalität verloren zu haben, die man braucht, um gute Gedichte zu schreiben, also notiert er sie in ein kaffeebraunes Heft, das er immer in einer Schublade unter Verschluss hält.

Wie soll dein Buch heißen?, frag ich den Mittleren.

Es wird heißen: Immer kommt Papa muffig aus der Arbeiterei.

*

In unserem Haus geht das Licht aus. Man muss sehr oft die Sicherungen wechseln. Das Wort gehört neuerdings in unser häusliches Vokabular. Geht das Licht aus, sagt der Mittlere: Die Sicherungen sind wieder entsichert.

Ich glaube nicht, dass es in jener Wohnung, in jener anderen Stadt, Sicherungen gab. Ich habe nie den Zähler gesehen, nie ging das Licht aus, nie habe ich eine Birne gewechselt. Es waren alles Neonröhren: Sie hielten ewig. Ein chinesischer Student wohnte hinter dem Fenster gegenüber. Er lernte bis spät in der Nacht unter dem toten Licht; ich las auch bis spät. Um drei Uhr morgens machte er mit fernöstlicher Pünktlichkeit das Licht in seinem Wohnraum aus. Er knipste das Licht im Bad an und machte es nach vier Minuten wieder aus. Das Licht im Schlafzimmer schaltete er nie an. Seine intimen Rituale verrichtete er im Dunkeln. Ich stellte mir den Chinesen gern dabei vor: Zog er sich aus, bevor er zwischen die Laken schlüpfte, fasste er sich an, machte er es unter der Decke oder neben dem Bett stehend; wie sah das Auge von seinem Penis aus; dachte er an etwas Bestimmtes oder beobachtete er mich, während ich ihn mir von meiner Küche aus vorstellte? Wenn die nächtliche Zeremonie zu Ende war, knipste ich das Licht aus und verließ meine Wohnung.

*

Wir stellen uns gerne vor, dass uns hier im Haus ein Gespenst begleitet und beobachtet. Wir sehen es nicht, meinen aber, dass es sich ein paar Wochen nach unserem Umzug eingeschlichen hat. Ich war schrecklich dick, im achten Monat schwanger. Ich bewegte mich kaum, robbte wie eine Seelöwin über den Dielenboden. Ich packte die Bücher aus den Kisten und stapelte sie alphabetisch. Mein Mann und das mittlere Kind stellten sie in die frisch gestrichenen Regale. Das Gespenst warf die Bücherstapel um. Der Mittlere taufte es Mitohnegesicht. Das Gespenst öffnet Türen und schließt sie. Es zündet den Ofen an. Das Haus hier hat einen riesigen Ofen und viele Türen. Mein Mann sagt dem mittleren Kind, dass das Gespenst einen kleinen Ball gegen die Wand wirft, und der Mittlere bekommt fürchterlich Angst und kuschelt sich schnell in die Arme des Vaters, bis dieser unserem Sohn schwört, es sei nur ein Scherz gewesen. Manchmal wiegt Mitohnegesicht die Kleine, während ich schreibe. Weder sie noch ich haben Angst vor ihm, dabei wissen wir, dass es sich nicht um einen Scherz handelt. Sie ist die Einzige, die ihn sehen kann, sie lächelt ins Leere, mit allem Charisma, das sie entfalten kann. Bald bekommt sie den ersten Zahn.

*

In diesem Viertel kommt der Straßenverkäufer mit den Tamales um acht Uhr abends vorbei. Dann rennen wir raus und kaufen ein halbes Dutzend süßer Tamales. Das heißt, raus gehe ich nicht, stecke aber zwei Finger in den Mund und pfeife, dann läuft mein Mann auf die Straße, hinter dem Verkäufer her. Wenn er zurückkommt, sagt er beim Auspacken der Tamales: Ich habe eine Person geheiratet, die pfeift. An unserem Fenster kommen auch Nachbarn vorbei, sie grüßen. Obwohl wir die Neuankömmlinge sind, behandeln sie uns freundlich. Alle kennen sich untereinander. Sonntags essen sie zusammen in dem gemeinsamen Hof. Sie laden uns dazu ein, aber wir schließen uns nicht an; wir grüßen vom Wohnzimmerfenster aus und wünschen ihnen einen schönen Sonntag. Es ist eine Ansammlung alter Häuser, alle ein bisschen heruntergekommen oder baufällig.

*

In jenem anderen Viertel kannte ich keinen. Ich bemühte mich, nur zum Essen, Duschen und Lesen da zu sein; die Nacht verbrachte ich fast nie zu Hause. Ich schlief nicht gerne allein in meiner Wohnung. Lieber überließ ich sie entfernten Bekannten und suchte mir selbst andere Zimmer, geliehene Sessel, geteilte Betten, um dort die Nacht zu verbringen.

Ich habe Nachschlüssel zu meiner Wohnung an viele Leute vergeben. Andere Menschen haben mir Nachschlüssel zu den Ihrigen gegeben. Das war nicht Großzügigkeit, sondern Gegenseitigkeit.

*

Freitags, aber nicht jeden Freitag, kam Moby. Er war der erste, der einen Schlüssel hatte. Wir begegneten uns fast immer in der Tür. Ich war auf dem Weg zur Bibliothek, und er kam zum Duschen, weil es bei ihm zu Hause, in einem anderthalb Stunden von der Stadt entfernten Dorf, kein heißes Wasser gab. Anfangs blieb er nicht zum Schlafen, ich weiß nicht, wo er schlief, aber er badete in meiner eingebauten Badewanne und brachte mir dafür irgendeine Pflanze mit oder kochte einen Eintopf, den er in den Kühlschrank stellte. Er hinterließ mir Zettel, die ich abends, wenn ich zum Essen heimkam, vorfand: »Ich habe Dein Shampoo benutzt. Danke, M.«

Moby hatte eine Wochenendarbeit in der Stadt. Er verkaufte falsche alte Bücher, die er selbst in seiner kleinen Hausdruckerei herstellte. Die wohlhabenden Intellektuellen aus den Vierteln im Süden kauften sie ihm zu unvernünftig hohen Preisen ab. Er stellte auch Neudrucke von Unikaten nordamerikanischer Klassiker in entsprechend einzigartigen Formaten her (bemerkenswert, der Hang der Gringos zu Unikaten). Er hatte ein illustriertes Exemplar der Leaves of grass im Programm, ein mit Bleistift geschriebenes Manuskript von Walden und eine Tonbandaufnahme der Essays von Ralph Waldo Emerson, vorgelesen von seiner polnischen Großmutter. Aber die meisten seiner Autoren waren »Dichter der Zwanziger- und Dreißigerjahre aus Ohio«. Das war seine Nische. Er hatte eine Theorie über die Höchstspezialisierung entwickelt, mit der er Erfolge verbuchte. Die Theorie hatte natürlich nicht er, sondern der gute Herr Adam Smith entwickelt, aber er glaubte, es sei seine Theorie. Ich sagte ihm: Das ist die Nadel-Theorie von Adam Smith. Und Moby erwiderte: Ich spreche über American Poets. Das Buch, das er damals zu verkaufen versuchte, hieß Can We Hold Hands Out Here? Er hatte zehn Exemplare und schenkte mir eins davon. Es handelte sich um einen sehr schlechten Lyriker, der, wie Moby auch, aus Cleveland, Ohio, stammte.

Bevor er in sein Dorf zurückfuhr, kam er manchmal in meine Wohnung, um noch mal ein Bad zu nehmen. Zum Abendessen aßen wir die Reste von dem, was er am Freitag gekocht hatte. Wir sprachen über die Bücher, die er verkauft hatte; über Bücher im Allgemeinen. Manchmal schliefen wir sonntags miteinander.

*

Mein Mann liest einige dieser Absätze und fragt, wer Moby ist. Niemand, sage ich. Moby ist eine literarische Figur.

*

Aber Moby existiert. Oder vielleicht schon nicht mehr. Damals aber existierte er. So wie auch Dakota existierte, die aus dem gleichen Grund wie Moby in meine Wohnung kam: Sie hatte keine Dusche. Sie war die Zweite, die Schlüssel bekam. Sie kam auf ein Bad und blieb manchmal zum Schlafen. Sie hat mir auch Nachschlüssel für ihre Wohnung gegeben. Sie wohnte mit ihrem Freund im Keller einer Villa und entwarf seit Monaten ein Bad, das sie nie einbauten. Ich verbrachte die Nächte gerne in diesem Keller ohne Dusche, zog mir Dakotas Nachthemden an und probierte ihre Bettseite aus.

Dakota arbeitete nachts, sie sang in Bars und manchmal auch in der Metro. Ihr Gesicht war wie aus einem Stummfilm, die Lider zwei riesige Halbmonde, ein sehr kleiner Mund und hochmütige Augenbrauen. Mit ihrem Freund zusammen hatte sie eine Band. Er spielte Harmonika und kam aus Wyoming – einer jener Gringos, die gut aussehen, obwohl sie fast durchsichtige Augen haben. Er hatte eine Narbe quer über das Gesicht. An dem Tag, als ich ihm sagte, dass ich für immer die Stadt verließ, weil ich zum Gespenst geworden war, streichelte er meine Stirn. Damals konnte ich nicht erkennen, ob das eine Antwort war. Ich wollte sein Gesicht berühren, traute mich aber nicht, auf die Narbe hinzuweisen.

*

Der Mittlere kommt aus der Schule und zeigt mir sein Knie:

Schau dir den Schnitt an.

Was ist passiert?

Ich bin über den Schulhof gerannt und ein Haus ist auf mich draufgestürzt.

Ein was?

Ein Haus.

*

In diesem Haus gibt es einen neuen Kühlschrank, ein neues Möbel neben dem Bett, neue Pflanzen in Tontöpfen. Mein Mann wacht gegen Mitternacht aus einem Albtraum auf. Er beginnt zu erzählen, während ich etwas anderes träume, aber ich höre alles von Anfang an, als hätte ich die ganze Nacht auf dieses Gespräch gewartet. Er sagt, dass wir in einem wachsenden Haus leben. Neue Zimmer tauchen auf, neue Gegenstände, die Decke hebt sich auf ein anderes Niveau. Die Kinder sind da, aber immer in einem anderen Zimmer. Der Mittlere ist in Gefahr, und wir finden die Kleine nicht. Auf der einen Seite unseres Betts steht ein Möbelstück, das auseinanderklappt und Musik von sich gibt. In diesem Möbel entdeckt er einen Baum, einen abgestorbenen Baum, der aber fest mit einer der Schubladen verwachsen ist. Dieser Baum ist Schuld an dem Zauber des wachsenden Hauses; er versucht, ihn auszureißen; die Äste strecken sich und kratzen seine Hoden. Mein Mann weint. Ich umarme ihn und gehe dann ins Kinderzimmer. Ich gebe dem Mittleren einen Kuss und schau in die Wiege, ob das Baby noch atmet. Es atmet. Aber ich kriege keine Luft.

*

Ich mochte Friedhöfe, Parks und die Dachterrassen auf den Gebäuden, vor allem aber Friedhöfe. Irgendwie lebte ich in einem Zustand der andauernden Kommunion mit den Toten. Aber nicht auf eine bedrängende Weise. Die Lebenden hingegen, die mich umgaben, bedrängten mich. Moby war unangenehm bedrängend, Dakota manchmal auch. Die Toten und ich nicht. Ich hatte Quevedo gelesen und vielleicht allzu wörtlich, wie ein Gebet, verinnerlicht, was er über das Leben im ständigen Gespräch mit den Verstorbenen schreibt. Häufig besuchte ich ein kleines Pantheon, fünf Blocks von meiner Wohnung entfernt, weil ich dort lesen und nachdenken konnte und nichts oder niemand mich störte.

*

Eine Struktur voller Löcher schaffen, damit man immer zur Buchseite vordringen, sie bewohnen kann. Nie mehr als nötig reinstopfen, nie ausstaffieren, weder möblieren noch dekorieren. Türen und Fenster öffnen. Mauern hochziehen und wieder einreißen.

*

Wenn Dakota bei mir in der Wohnung war, machte sie Stimmübungen mit dem Eimer, den ich zum Wischen des Bodens benutzte. Sie steckte den ganzen Kopf hinein und produzierte sehr schrille Töne, wie von einer schlecht gestimmten Geige, wie von einem sterbenden Vogel, wie von einer alten Tür. Manchmal, wenn ich nach ein paar Tagen heimkam, fand ich Dakota dort vor, sie lag im Wohnzimmer am Boden – die Lendenwirbel ausruhen, erklärte sie – und hatte den blauen Eimer neben sich stehen.

Warum holst du immer meinen Eimer aus dem Bad?

Damit deine Nachbarn mich nicht hören.

Wer?

Damit ich mich hören kann.

*

Mein Mann schreibt schnell; er macht viel Lärm beim Tippen. Er schreibt fürs Kino, und seine Figuren haben eine Stimme und einen Körper. Meine existieren nicht. Er spricht ihre Tiraden nach, wenn er mit einer Seite fertig ist. Dramatisiert sie. Ich eifere meinen Gespenstern nach; bemühe mich, so zu schreiben, wie sie sprechen, keinen Krach zu machen, unsere Phantasmagorien zu erzählen.

*

Pajarote sprach wenig. Er studierte Philosophie und wohnte in New Brunswick, einem grauslichen Städtchen in New Jersey. Mittwochs kam er zum Übernachten, weil er donnerstags zu einem Kurs in die Uni musste. Wenn er da war, schlief ich gerne daheim. Er umarmte mich mit einem langen, unbehaarten Arm. Aber gevögelt haben wir nie. Es war ein stillschweigender Pakt, der unsere Freundschaft schützte. Donnerstags wachte er immer früh auf und holte im Supermarkt an der Ecke Brot und Coca-Cola. Wir frühstückten gemeinsam und sprachen dabei kein Wort.

Eines Tages wagte ich zu fragen, über was sein Kurs ging. Es geht um Unklarheit, sagte er, an einem Stück Brot kauend. Mehr nicht? Unklarheit? Es kam mir wie ein Witz vor, ich hab ein wenig darüber gespottet, aber er sagte: Das ist der Gipfel der analytischen Philosophie. In diesem Monat würden sie das Paradoxon der materiellen Konstitution behandeln, als Beispiel diene eine Katze, einmal mit, einmal ohne Schwanz.

Handelt es sich dabei um dieselbe Katze, fragte er mich nach einer langen Erklärung, bei der ich schließlich nicht mehr aufgepasst hatte.

Ich nickte erst, sagte dann, eher doch nicht, ich wisse es einfach nicht; vielleicht handele es sich ja um eine Winzelchwanzkatze. Pajarote lachte nicht. Er lachte nie. Oder vielleicht lachte er, aber nur, wenn es nichts zu lachen gab. Er war intelligenter als ich, ernsthafter. Er war sehr groß und hatte lange, unbehaarte Arme.

*

Jene Wohnung füllte sich allmählich mit Pflanzen, deren schweigsame Gegenwart mich dann und wann daran erinnerte, dass die Welt der Pflege, ja sogar der Zärtlichkeit bedarf. Fast nie gab es Blumen. Blätter schon: einige grüne und sehr viele gelbe. Ich sah eine Handvoll trockener Blätter auf dem Boden und fühlte mich schuldig; ich hob sie auf, goss alle Töpfe, aber dann vergaß ich es wieder ein paar Wochen lang. Nichts ist weniger zu empfehlen, als den unbelebten Wesen eine metonymische Bedeutung zuzusprechen. Glaubt man, dass der Zustand einer Pflanze den Zustand ihrer Seele widerspiegelt oder, schlimmer noch, den eines geliebten Menschen, ist man zur Enttäuschung oder zu ständiger Paranoia verdammt.

*

Das sagte White. Er hatte keinen Schlüssel zu meiner Wohnung. War aber zweimal da. Beide Male erzählte er mir nach ein paar Gläsern die gleiche Geschichte. Vor seinem Haus stand ein Baum, in dem er immer seine verstorbene Frau sah. Er sah sie nicht wirklich, aber er wusste, dass sie dort war. Wie die Angst bei einem Albtraum, wie meine Tochter und mein Mann, die da oben im Zimmer schlafen. Jeden Abend, wenn er heimkam, verabschiedete er sich von ihr, vom Baum, von ihr im Baum. Er sagte nichts, dachte nur an sie, wenn er am Baum vorbeikam, und streifte ihn mit den Fingerspitzen. Es war eine Art, Abschied zu nehmen, noch einmal, jedes Mal.

Eines Abends vergaß er es. Er betrat seine Wohnung, putzte sich die Zähne und legte sich ins Bett. Da merkte er, dass er seine Frau vergessen hatte. Schuldgefühle bedrängten ihn, und er ging aus dem Haus. Ohne Schuhe. Er umarmte den Baum und weinte, bis seine Socken, die Füße und die Knie nass waren in der verschneiten Straße. Als er ins Haus zurückam, zog er die Socken zum Schlafen nicht aus.

*

Über was ist dein Buch, Mama?, fragt der Mittlere.

Es ist ein Gespensterroman.

Zum Gruseln?

Nein, aber er macht ein wenig traurig.

Warum? Weil sie tot sind?

Nein, sie sind nicht tot.

Dann sind es auch keine richtigen Gespenster.

Nein, es sind keine Gespenster.

*

Es gibt verschiedene Versionen der Geschichte. Ich mochte diejenige, die mir White damals erzählt hat, als wir bis spät im Verlag gearbeitet hatten und dann über eine Stunde auf die Metro warten mussten. Wir standen auf dem Bahnsteig, lauerten auf diese Erschütterung im Inneren der Dinge beim Nahen eines fahrenden Zuges, und er sagte mir, dass der Dichter Ezra Pound an eben dieser Station einmal seinen Freund Henri Gaudier-Brzeska gesehen hatte, der ein paar Monate zuvor in einem Schützengraben in Neuville-Saint-Vaast gestorben war. Auf dem Bahnsteig, an eine der Säulen gelehnt, wartete Pound, bis endlich der Zug einfuhr. Als sich die Waggontüren öffneten, tauchte zwischen all den Leuten das Gesicht seines Freundes auf. Innerhalb weniger Sekunden hatte sich der Waggon mit neuen Gesichtern gefüllt, und das von Brzeska wurde in der Menge begraben. Pound blieb überwältigt einige Augenblicke starr stehen, bis erst seine Knie und dann sein ganzer Körper nachgaben. Das ganze Gewicht gegen die Säule gestützt, ließ er seinen Rücken abwärtsgleiten, bis er die zärtliche Berührung des Betons am Gesäß spürte. Er zog ein Heft heraus und machte sich ein paar Notizen. In derselben Nacht noch, in einem Diner im Süden der Stadt, beendete er ein Gedicht von über dreihundert Versen. Am nächsten Tag las er es durch und fand es zu lang. Er kehrte Tag für Tag zur selben Metrostation zurück, zur selben Säule, um das Gedicht zu beschneiden, zu stutzen, zu amputieren. Es sollte genauso kurz werden wie die Erscheinung seines toten Freundes, genauso erschütternd. Man musste alles verschwinden lassen, um nur ein Gesicht zum Erscheinen zu bringen. Nach einem Monat Arbeit überlebten zwei Verszeilen:

The apparition of these faces in the crowd;

Petals on a wet, black bough.

*

Dakota und ich haben uns in einer öffentlichen Toilette kennengelernt, in einer Bar. Sie legte mit einem Schwämmchen Make-up auf, als ich mich dem Becken näherte, um mir die Hände zu waschen. Auf öffentlichen Toiletten wasche ich mir nie die Hände, aber die Frau, die sich das künftige Gesicht von Dakota mit einem Schwämmchen herrichtete, machte mich unruhig. Ich wusch mir die Hände.

*

Der Verlag hatte seinen Sitz in der Edgecombe Avenue 555, ich verbrachte aber die halbe Woche in den umliegenden Bibliotheken der Stadt, auf der Suche nach Büchern von lateinamerikanischen Schriftstellern, die zu übersetzen oder wiederaufzulegen lohnte. White war sich sicher, dass es nach dem Erfolg von Bolaño vor gut fünf Jahren bald wieder einen Lateinamerika-Boom geben werde. Als (bezahlte) Passagierin auf dem Zug seiner Begeisterung schleppte ich ihm jeden Montag einen Rucksack voll Bücher an und schrieb in meinen Bürostunden detaillierte Gutachten über jedes einzelne. Inés Arredondo, Josefina Vicens, Carlos Díaz Dufoo Jr., keiner überzeugte ihn.