Die Seele der Katze - Oliver Stein - E-Book

Die Seele der Katze E-Book

Oliver Stein

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Beschreibung

Sex, Gewalt, Liebe und wieder Sex, so ist das Leben von Kid Heller, einem „Outlaw“, der zwischen Gesetz und Ordnung hindurch lebt und dessen Biografie hier erzählt wird. In ständigem Auf und Ab berichtet sie über das Leben eines Jugendlichen, der schon zu DDR-Zeiten als Rowdy, unangepasstes Element oder Terrorist galt, genau wie auch nach der „Wende“. Dessen Geschichte wie eine Mischung aus James Bond, Bader Meinhof und Eddy Chapman Story zusammen anmutet und der es trotz aller Schwierigkeiten zu Ruhm und Wohlstand brachte. Einem beispiellosen Aufstieg, der vom „Gangleader“ auf der Straße zum Militär und Sicherheitsberater der UN mit Diplomatenstatus führte. Kid Heller verließ Deutschland im Jahr 2000 und lebt heute im Ausland seinen Traum vom „wahren Leben“ fort, was ihm Recherchen zufolge auch fantastisch gelingt. Obwohl er inzwischen als erfolgreicher Geschäftsmann die ganze Welt bereist, schafft er es immer wieder, einen Abstecher ins „alte Europa“ zu machen, um mit Freunden „unterwegs“ zu sein.

Die Chronik und Abrechnung eines jugendlichen Lebens - aufregend und kompromisslos.

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Veröffentlichungsjahr: 2016

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Oliver Stein

Die Seele der Katze

Erinnerungen eines Gesetzlosen

BookRix GmbH & Co. KG81371 München

Die Seele der Katze

OLIVER STEIN

 

 

DIE SEELE DER KATZE / ERINNERUNGEN EINES

GESETZLOSEN

 

ENGLISCHER ARBEITSTITEL: CAT OF STEEL / THE KID

HELLER STORY

 

BASIEREND AUF DREI NARRATIVEN INTERVIEWS

(1997/2010/13)

 

 

 

 

 

BookRix

2015

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Widmung

 

 

Der Weg des Suchenden ist dunkel, steinig und voller Gefahren, doch sein Ziel wird das Reich der Glücksewigkeit sein…

 

GEWIDMET

Ellena Jane Goulding gewidmet,

der Göttin meiner wiedererwachten

Inspiration,

und allen anderen Göttinnen,

die mit mir durch mein Leben

gingen und noch gehen…

 

Ebenso allen ungenannten Mitarbeitern privater

Sicherheitsunternehmen, die seit 1991 und vorher

in Krisengebieten ihr Leben verloren,

 

als auch allen anderen,

die wirklich anders sind…

 

 

Zeittafel

 ZEITTAFEL

 

1964Kid Heller wird in Leipzig geboren

1971

Einschulung

1982Schulabschluss, Anfang und Abbruch der LehreJobs als Drucker, Schmied, Transporteur, Wachmann, Härtereiarbeiter

1986Republikweite Anschläge auf staatliche Produktionseinrichtungen der DDR, die sich bis zur „Wende“ hinziehen

1989Wende

1990Wiedervereinigung Deutschlands„Jobs“ als Friedhofsmeister, Küster, Gärtner, Hausmeister, Bodyguard, Modell, Maler, Sicherheitsberater etc.

1991Beginn des Kroatienkrieges

1995Ende des Kroatienkrieges

2000Kid Heller verlässt Deutschland und wandert aus

 

Making of

MAKING OF…

 

Gesetzloser… Ein Begriff aus dem Mittelalter, wie man denken könnte, den man jetzt allerdings wieder immer öfter erneut in der Öffentlichkeit und den Medien unserer „modernen“ Gesellschaft hört. In Gesprächen, Diskussionen, Action-Filmen, Krimis, Dokus über Kopfgeldjäger oder Ähnlichem - überall ist der Begriff des gesetzlosen Outlaws präsent. Aber wie wird man überhaupt dazu? Wie sieht so ein Typ eigentlich aus? Wie lebt, liebt, trauert er - und was macht ihn aus? Seine Ichs, seine Leben und die Summe der Erlebnisse, die sich aus alledem ergibt? Das versucht der Autor in dieser Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht, darzustellen. Anhand einer authentischen Person, die so „echt“ ist, wie alle anderen Protagonisten und Geschehnisse, die Teil dieser Geschichte sind, auch. Was sie zu einer der wohl einzigartigsten, biografischsten Erzählungen der Gegenwart macht, denn moderne Biografien erscheinen meist eher langweilig - vor allem, wenn es sich dabei um Werke handelt, die nach der deutschen Wiedervereinigung entstanden sind, und welche meist von politischen Größen und Prominenten aus dem öffentlichen Leben berichten, die dort von ihren gesellschaftlichen Verdiensten und fragwürdigen sexuellen Erfolgen erzählen. In der nachfolgenden Geschichte ist das glücklicherweise nicht der Fall. Die Person, deren Leben hier vom Autor erzählt wird, gehört keiner der angesprochenen Gruppierungen an, obwohl man sie in vielen Teilen dieser Welt dennoch kennt. Sie kommt kurz gesagt aus dem „einfachen Volk“, hat geschichtlich nachweisbare Spuren hinterlassen und auch ihr ausschweifendes, Liebesleben, ist durch Zeugen und sozusagen „lebendige“ Beweise, belegt. Was aber nicht das Interessanteste an der hier beschriebenen Persönlichkeit ist, sondern wie aufregend, ereignisreich und geheimnisvoll ihr Leben über Jahrzehnte hinweg war. Wobei grad letzteres Kriterium ihr herausragendes „Markenzeichen“ ist. Zumal sie die ganze Zeit unter uns lebte und es noch immer tut. Möglicherweise ist sie sogar dem einen oder anderen Leser bekannt, ihm selbst schon begegnet, oder wird es noch tun. Eine Wahrscheinlichkeit, die wirklich besteht und an sich schon faszinierend genug erscheint. Genau wie der gesamte Inhalt der Erzählung selbst, deren Erschaffung den Autor vor ungeahnte Schwierigkeiten zu stellen schien. Ein Umstand, der schon an den rechtlichen Sicherheitsvorkehrungen ersichtlich wird, die er bei der Niederschrift der Handlung zu treffen gezwungen war. So wurden fast alle Namen der Akteure, die in der Story vorkommen, durch Pseudonyme ersetzt. Das Gleiche gilt auch für Orte und Plätze, an denen sich verschiedene Ereignisse zugetragen haben. Auch, Zeiträume, in denen sich gewisse Geschehnisse ereigneten, wurden geändert, um Rückschlüsse, welche interessierte Kreise zu realen Personen des Romans führen könnten, von vorneherein zu zerstören. Mit Rücksichtnahme auf eine mögliche Veröffentlichung im deutschsprachigen Raum, wurden nach Absprache mit dem Erzähler, einige sogenannte „Reizthemen“, wie politische, als auch allgemeingesellschaftliche, moralische und sexuelle Entwicklungen, nach der „Wende“ im wiedervereinigten Deutschland, nur oberflächlich angeschnitten und ebenso kommentiert. Kampf und Kriegssequenzen, die zwecks getreuer Wiedergabe der Handlungsfolge unumgänglich waren, wurden in ihrer Beschreibung, auf ein humanes und erträgliches Maß reduziert. Wodurch sozusagen eine „entschärfte“ Version des Buches entstand, was seine Brisanz jedoch nicht im Mindesten mindert. Schon eingedenk dessen, dass es sich hier um eine wahre Begebenheit mit ebensolchem Hintergrund handelt, was aber nicht der einzige Grund ist, der dieses Werk lesenswert macht. Denn Authentizität, Spannung und Action, sind bei Weitem nicht alles was diese Geschichte dem Leser zu bieten hat, die ihn nicht nur das Leben einer einzelnen Person und deren Umfeld durchleben lässt, sondern Jahrzehnte realer Geschichte…

Intro

INTRO

 

Es war helllichter Tag, als der Tod zu uns kam. Ich war noch klein und spielte gerade im Sandkasten unseres Hofes, als es geschah. Mein Freund, der gekommen war, sah mir beim Spielen mit den Backformen zu. Stumm und aufmerksam saß er im Hof, während er mich beobachtete und die Nachmittagssonne des Spätsommertages auf seine rötlichen Haare fiel, deren Glanz ihn wie Feuer umhüllte. Da passierte es! Von einer Sekunde zur Anderen fiel er einfach um. Nicht plump oder ungelenk, so wie man es oft in Filmtragödien sah, sondern sanft und elegant, wie eine Welle, die sich sanft auf den Strand der Ewigkeit legt. Ich war wie erstarrt, als ich es sah. Mein Kinderverstand wollte nicht glauben, dass er tatsächlich den Tod erblickt hatte - und trotzdem wusste ich, dass es so war. Mein Freund war tot! Etwas Unsichtbares, das wir beide nicht sehen konnten, hatte ihn geholt. ODER WAR NOCH DABEI!! Da kam mir eine Idee. Möglicherweise war ja doch noch nicht alles zu spät, dachte ich, und vielleicht konnte ich ihn noch retten. Der Gedanke, der mich wie ein Blitz von den Zehen bis zur letzten Haarwurzel durchschoss, ließ meine Erstarrung zerbrechen und mich aus dem Sandkasten springen. Dann handelte ich wie im Traum. Schnell rannte ich zu ihm und kniete mich neben ihn hin, während er immer noch still auf dem Boden lag. Dann schob ich meine Arme unter seinen Körper und schüttelte ihn mit all meiner kindlichen Kraft. Vielleicht konnte ich ihn so wieder zum Leben erwecken und den Tod vertreiben. Es konnte, nein, es musste mir einfach gelingen! Doch es war schon zu spät. All mein gutes Zureden, Schreien und Rütteln half nicht mehr. Mein Freund, der Kater, war tot. Still lag er in meinen Armen, während ich sein Fell ein letztes Mal streichelte, und spürte wie eine tödliche Kälte von ihm Besitz ergriff. Mit vor Schmerz verkrampften Armen hockte ich da, während ich ihn hielt und meine Gedankenmaschine lief. Was war hier nur geschehen? Womit hatte mein Freund das verdient? Wer war dafür verantwortlich? Oder was? Natürlich, eigentlich wusste ich was hier passiert war, und auch das alles, was lebte, auch sterben konnte. Und auch, dass es den Tod gab, wusste ich damals schon, denn ein paar Mal hatte ich ihn bereits in unmittelbarer Nähe erlebt. Wenn eine Nachbarin, oder auch ein Nachbar, in unserem Viertel starb und die Leute dann im Konsum erzählten sie wären “dahingeschieden“, oder der Tod hätte sie geholt, dann hatte ich das schon öfter mitanhören müssen. Doch diesmal sah alles anders aus. Weil es das erste Mal war, dass ein Freund von mir gestorben war. Und auch nicht irgendeiner, sondern der Liebste, den ich bis dato besaß. Mir gingen so viele Dinge durch den Kopf, als ich verzweifelt dasaß, und über das Leben meines Freundes nachdachte, das nun wie ein Film an mir vorüberzog. All die Sachen, die ich von ihm wusste und die er erlebt hatte, Erinnerungen daran, wie wir zusammen unterwegs gewesen waren, als ich noch klein war und noch nicht mal richtig laufen konnte. Oder später, als er mich lehrte, über Zäune und Mauern zu springen, oder auf Bäume und Dächer zu klettern, er mir beibrachte wie man kämpfte. Und wie er, der große Kater, mich vor dem riesigen Nachbarshund beschützt hatte, wenn dieser wieder streunend durch das von meinen Eltern fahrlässig offengelassene Hoftor in unseren Garten kam. Ohne Zweifel - er war mir ein guter Freund gewesen. Mein ganzes kleines Leben lang - bis zu diesem Tag, das alles sah ich jetzt vor mir und noch viel mehr. Das Leben, das er an meiner Seite führte und wie er immer guter Dinge gewesen war, voll von Leben und ständig zu neuen Entdeckungen und Abenteuern unterwegs. Zu seinen Kämpfen und Lieben, von denen es unzählige gab. Ja, er hatte seine Zeit genutzt und sein Leben gelebt. Jede Sekunde und Stunde genossen, und das bis zu seinem letzten Tag. So lange die Kraft des Lebens ihn durchflutete, die er im Grunde selbst war. Und eins wurde mir damals klar. - er hatte sein Leben tatsächlich gelebt. UND NICHT NUR IRGENDEINS! Sondern ein unvergleichliches, besonderes und großes Leben. So groß, schön und gewaltig, dass ich es jetzt noch spürte, wenn ich in seine noch ungebrochenen Augen blickte, in denen ich die sich spiegelnden Wolken des Spätsommerhimmels sah. Ja, selbst jetzt, konnte ich das Leben noch in ihm sehen. Da wusste ich, dass er noch gegenwärtig war und stärker als der Tod! Und noch etwas anderes war da. Zugleich schien ich noch etwas zu spüren, als ich in die vollmondgelben Augen sah, eine Präsens, die von ihnen ausging und mich wie warme Sonnenstrahlen durchdrang. Eine Kraft, die alle Verzweiflung und jeden Schmerz, wie Körner einer Sanduhr verrinnen, und mich wieder klar denken ließ. Da wusste ich, dass ich mich nicht irrte und irgendetwas auf mich übergegangen war. Eine Macht, die in mich drang, so unsichtbar wie der Tod, und doch so viel mächtiger als er.

 

Wer Wind sät

WER WIND SÄT…

 

Nach diesem Tag war ich nicht mehr derselbe, und wahrscheinlich ist damals etwas Entscheidendes mit mir geschehen, etwas das man nicht wahrnahm oder sehen konnte und von dem ich damals bewusst nicht mal den Hauch einer Ahnung besessen hatte - und trotzdem war es so. Etwas war in mir erwacht und der Tod meines Freundes hatte damit zu tun. Vielleicht weil er mir etwas gab, was nur ich empfangen konnte. Eine besondere Kraft, die nur für mich bestimmt war und eine Botschaft, die nur eines zum Inhalt hatte – nämlich, dass das Leben nicht selbstverständlich war und manchmal unversehens endete. Von einem Tag zum anderen oder von einer Sekunde zur nächsten. Deshalb war es so kostbar! Es zeigte mir, dass man es nicht verschlafen, sondern leben musste. Nicht irgendwann, sondern sofort, zu jeder Zeit und Stunde, ganz gleich ob Tag oder Nacht - so wie es mein Freund, der Kater, jede Sekunde seines Lebens getan hatte, weil er wusste, dass es kein Später oder Hinterher gab. Wo man sich Zeit vom verordneten Dasein nehmen konnte, um Versäumtes nachzuholen. Seine Wünsche, Träume ernstnehmen und sich bewusst machen, wie man eigentlich leben wollte. Er zeigte mir, dass so was im Leben einfach nicht lief, weil es nicht so war, wie die Umwelt einen glauben machen wollte. Das man beruhigt im Alltag dahindämmern konnte und für seine Träume immer noch genug Zeit hätte. Das alles wurde mir damals bewusst und ging mir nicht mehr aus dem Kopf, Es sollte fortan mein Leben bestimmen, so sehr und gewaltig, dass es keinem anderen Leben mehr gleichen würde. Und damit fing meine Lebensgeschichte an. Aber richtig! Eigentlich stimmte das nicht so ganz, immerhin war ich, als das Entscheidende in meinem Leben geschah, schon vier Jahre alt. Und wie jedes andere Leben begann natürlich auch meines mit meiner Geburt. Zu der ich der Form halber ein paar Worte sagen möchte. Das meine Geburt ein freudiges Ereignis für meine Eltern, die Welt, oder gar für mich war, möchte ich bezweifeln. Jedenfalls wurde ich am

15.8.1964 in Leipzig geboren und keiner hat mich gefragt, ob ich damit einverstanden sei. Und damit fing eigentlich alles an. Die ganze Geschichte. Oder der ganze Ärger, wie mans auch nimmt. Denn ich war kaum zwei Wochen alt, da hatte ich diese Welt auch fast schon wieder verlassen. Als geborener Glückspilz, der ich nun mal war, hatte ich mich, kaum auf dem Planeten angekommen, mit einem seltenen Virus angesteckt. Da dieser sehr gefährlich war, verlief die Begegnung mit ihm, wie man meinen Eltern rücksichtsvoll sagte, meist tödlich. Doch diesmal irrten sich die Götter in weiß. Denn nach vierundzwanzig Stunde unter Sauerstoff, war ich wieder fit, und nach zwei Wochen ärztlicher Beobachtung ließ man mich wieder auf die Menschheit los. Glücklicherweise wusste das Diesseits damals noch nicht, was ihm mit meiner Anwesenheit hier bevorstand. Doch das sollte sich bald ändern. Denn ich erholte mich sehr schnell. Von nun an lebte ich mit meinen Eltern und vier Geschwistern auf dem Land. In einem gottverlassenen Nest, das im Süden von Leipzig lag. Der Ort war schon damals ein Kaff, in dem es von Spießern und rechtschaffenen Mitbewohnern nur so wimmelte. Es war voll von braven sozialistischen Bürgern, die in ihrem Ort für Ordnung und Sicherheit sorgten, die ihre Nachbarn bespitzelten, hinterm Rücken über alles und jeden redeten, oder arme Leute, die sich wegen des in der DDR nie endenden “Versorgungsengpasses“ auf den umliegenden Feldern mit ein paar Kartoffeln versorgten, an die Polizei „verpfiffen“. Genau wie zwei Jahrzehnte vorher. Nur das damals andere “Volksschädlinge“ ihre Opfer waren. Kaum zu glauben. Aber in so einer Umgebung wuchs ich nun auf. Und weil das noch nicht reichte, kam noch meine Familie dazu. Mein dunkelblond gelockter, drahtiger Vater, meine Brüder Elmar und Arndt, meine blonde nordische Mutter, so wie meine Schwestern Anna und Hellen. Mit ihnen musste ich mich nun herum schlagen. Was mir auch ganz gut gelang. Von meinen anfänglichen „Startschwierigkeiten“ im Leben, war bald nichts mehr zu spüren. Sobald ich einigermaßen stehen, und vor allem laufen konnte, begann ich, die Welt zu erkunden. Und die schien nur auf mich gewartet zu haben. Da ich alles zum ersten Mal sah und erlebte, schien sie für mich wie ein großes, nie enden wollendes, Abenteuer zu sein. Und deshalb rannte ich voll hinein. Nichts war mit zu schwer oder gefährlich. Kein Weg war mir zu weit, kein Baum, Zaun oder eine Mauer zu hoch, noch ein Wasser zu tief. Ich war ein wildes, temperamentvolles Kind, wie meine Eltern und andere Erwachsene oft mit Neid in der Stimme sagten. Wahrscheinlich weil ich im Gegensatz zu ihnen noch alles machen konnte. Und mein Leben noch ein Reich voller Möglichkeiten und Abenteuer war. Weil ich noch am Anfang aller Wege stand und jede Richtung einschlagen konnte, mir nicht wie sie, nach altbewährter Erwachsenenart, alle Möglichkeiten verbaut hatte, frei und glücklich zu sein. Weil ich eben, wie sie sagten: Wild und unbezähmbar war! Und in einer sprichwörtlichen Wildnis wurde ich auch groß. Genau wie meine Freunde, die mir bald begegneten und mit denen ich mich immer auf Streifzug durch die Gegend befand. Denn unser Wohnviertel lag zwischen hügligen Feldern, weitab vom eigentlichen Dorf. Hier gab es alles, was ein freies Wesen wie mich erfreute: kleine Wäldchen, Büsche, Hecken, Gräben und Teiche. Ein riesiger Abenteuerspielplatz, auf dem ich mich mit meinen Freunden traf. Jeden Tag, von Sonnenaufgang bis -untergang durchstreiften wir den Distrikt, spielten Hasche, Verstecken und was uns sonst noch so einfiel. Am Siedlungsbach, bauten wir Dämme, stauten das Wasser und fuhren mit Holzbadewannen, die unsere „Schiffe“ waren, darauf herum. Wir gründeten „Banden“, „bekämpften“ uns gegenseitig und spielten Filmszenen, die wir im Fernsehen gesehen hatten, nach. Manchmal beobachteten wir auch Tiere oder die Bestellung der Felder im Zyklus der Jahreszeiten. Das Frühjahr, wenn alles grünte und blühte. Den Sommer mit der Ernte, wenn das Getreide auf den Feldern stand, Weizen gedroschen oder der Mais gehäckselt wurde. Wenn wir alle, klein und ehrfürchtig am Feldrand standen, während die gewaltigen Mähdrescher, wie riesige Dinosaurierherden aus Motoren und Stahl, brummend und dröhnend, an uns vorüberzogen. Der Herbst, wenn die Felder umgeackert und gedüngt wurden. Wenn es überall nach frischer Erde und nach Kuhmist roch. Und den Winter, wenn Hasen und Rehe auf den zugeschneiten Feldern nach Futter suchten und die LPG-Bauern sie mit eingelagertem Heu oder Mais versorgten, damit sie nicht hungern mussten. Und sowie die Jahreszeiten vorübereilten, verging auch Jahr um Jahr. Schon waren wir vier fünf Jahre alt. Unsere Körper wurden größer und unsere Spiele „echter“. Manchmal auch zu echt, wenn aus Spiel Ernst wurde, wie es auch mir geschah. Eines Tages zum Beispiel spielte ich mit Uwe, einem meiner Freunde, bei ihm zu Hause. Wir tollten in seinem Garten und den Viehställen herum. Dabei kam es dann im Schweinestall zwischen uns zum Streit. Er wollte lieber im Garten spielen, während ich mir die Schweine und ihre Jungen ansehen wollte. Da passierte es. Mit einer kurzen Heugabel, die dort grad herumlag, ging mein Freund auf mich los. Ich wich sofort aus, sprang wie ein Panther hierhin und dorthin, bis ich die Gabel selbst zu fassen bekam. Im Angesicht des sicheren Todes packte ich wie ein Berserker zu, bis ich meinen Freund zu Boden rang. Dort angekommen schlug ich so lange auf ihn ein, bis er heulend liegen blieb. Dann rannte ich aus dem Stall nach Hause. Und während ich lief, überlegte ich: Was in aller Welt war nur in meinen Kumpel gefahren? Oder was hatte er sich dabei gedacht? Und: Hatte er überhaupt gedacht? Oder nur das getan, was er in einem Film gesehen hatte? War es Jähzorn? Wahrscheinlich etwas von beidem, dachte ich. Und ich hatte recht. Doch das erfuhr ich erst später. Als wir als Jugendliche unterwegs waren und wie junge Kater Mädchen umschmeichelten, und sie mit unseren Storys aus Gegenwart und Vergangenheit unterhielten, kamen wir darauf zurück. Da haben wir dann über damals gelacht. Tja, so ändern sich die Zeiten und die Sicht auf die Dinge. Aber das war mein erster Kampf auf Leben und Tod, dem allerdings noch unzählige folgen sollten. Ein Kampf, der eigentlich schon mein Zweiter war. Den Ersten hatte ich ja schon überstanden, als ich noch nicht mal laufen konnte und noch ein Baby war. Als mich als Kleinkind die Krankheit überfiel. Aber diesmal war alles anders. Da hatte ich den ersten Kampf gegen einen „greifbaren“ Gegner gewonnen, der noch dazu bewaffnet war. Und entschlossen und gefährlich dazu. Auch wenn es sich dabei um einen Freund gehandelt hatte, mit dem offensichtlich sein Temperament durchgegangen war. Was die Sache noch unberechenbarer machte. Und seien wir mal ehrlich. Wer erwartet den Tod durch einen Freund? Denn schließlich waren wir Freunde. Und das blieben Uwe und ich nach diesem Zwischenfall auch noch. Als echter Kumpel nahm ich ihm sein Attentat nicht krumm. Auch nicht das er es später, mit einem Krückstock, den er zufällig beim Spielen fand und einer Grabegabel, die ein Gärtner unvorsichtigerweise auf seinem Feld stehen gelassen hatte, wutentbrannt vor Zeugen noch zwei weitere Male versuchte. In beiden Fällen hatten wir uns wegen Nichtigkeiten gestritten und gingen danach aufeinander los. Und jedes Mal gelang es mir, als Sieger vom „Feld der Ehre“ zu gehen. Das war auch mein Glück. Wenn nicht, würde ich ihnen diese Geschichte hier heute nicht erzählen können. Doch glücklicherweise habe ich all diese Scharmützel überlebt. Und so reihten sich auch die zwei Siege in mein frühkindliches Bewusstsein vom wahrhaftigen Leben ein. Und mit der Botschaft, die der erste Kampf in mir erweckte, hatten sie eines gemein. Denn damals, in dem Stall als ich mit meinem Freund auf Leben und Tod kämpfte, da wusste ich es schon. Das mein Leben ein ewiger Kampf sein würde: in jeder Hinsicht und auf allen Ebenen. Und genauso kam es dann auch. Und nicht nur, was „frühkindliche Gegner“ betraf. Damit es mir nicht zu gut ging und mein Leben nicht zu einfach war, kam noch ein anderes Schlachtfeld des Alltags dazu. Von Kindesbeinen kämpfte ich gegen die gesamte Erwachsenenwelt an, deren bevorzugte Attribute, Vorurteile, Spießigkeit, Dummheit, Heimtücke und List waren. Und nicht genug damit, dass man als Kind oder Heranwachsender ohnehin schon genug Probleme mit seiner Umwelt bekam, fing der ganze Zirkus schon in meiner eigenen Familie an. Als jüngster Spross unserer Familie, hatte ich nicht grad den leichtesten Stand. Ich musste mich in handfesten Auseinandersetzungen mit meinen älteren Geschwistern behaupten, was ich auch erfolgreich tat. Anfängliche Schwierigkeiten, die Kraft und Reichweite betrafen, verschwanden mit jedem Zentimeter, den ich wuchs. Und bald ließ ich mir nichts mehr gefallen. Meine Geschwister wurden nicht mehr mit mir fertig und das rief meine Eltern auf den Plan. Die gaben natürlich meinen älteren Geschwistern recht. Was, weil Kerle bei uns in der Familie sowieso einen schweren Stand hatten, vor allem meine Schwestern betraf die eindeutig vorgezogen wurden. Und so war es mit allem. Egal, um was es auch ging. Meine Brüder standen immer hinten an. Während meine Schwestern für jeden Klecks den sie machten aufs Höchste gelobt wurden, war es bei ihnen genau umgekehrt. Egal ob meine Brüder etwas gut oder schlecht machten, kritisiert wurden sie immer. Und genauso war es natürlich auch bei mir. Nur, während meine Brüder darunter litten, war mir das scheißegal. Denn ich war anders. Ich wusste schon damals, dass in unserer Familie etwas nicht stimmte. Und die Anerkennung von meinen Eltern und Erwachsenen brauchte ich nicht. Erstens wusste ich, selbst wenn ich etwas „gutgemacht“ hatte und zweitens war mir damals schon klar, dass Erwachsene selbst nur Scheiße bauten. Dass es so war, konnte ich jeden Tag sehen. An ihren Lügen und Ausreden, ihrem bescheuerten Verhalten, sich selbst und uns Kindern gegenüber. Und der fatalen Unfähigkeit zu bemerken, dass ich alles mitbekam. Wenn sie versuchten, uns mit ihren Weisheiten zu erziehen und in eine ihnen genehme Richtung zu drängen, wusste ich das sofort. Das nervte mich genauso, als wenn sie versuchten, uns mit Sprüchen zu erziehen, die genauso verlogen waren. Zum Beispiel wenn man als Kind etwas unbedingt können sollte und sie wollten dass man es auch konnte. Etwas das man aus Sicht eines Kindes schwer hinbekam und ihnen sagte, man könne es nicht. „Man kann alles, was man will!“, bekam man dann dauernd zu hören. Ganz anders sah es andersrum aus. Wenn man unbedingt selbst etwas wollte! „Es geht nicht immer so wie man will!“, hieß es dann. Und so was, oder so ähnliche Sprüche, bekam man dann dauernd zu hören. „Bis du verheiratet bist, ist alles gut!“ Ich kannte damals schon Leute, die verheiratet waren, und bei denen war gar nichts gut! „Alle Träume werden irgendwann wahr!“ Das stimmte auch nicht. Auf das Flugzeug, mit dem man selber fliegen konnte und von dem ich als Sechsjähriger träumte, dass ich es zum Geburtstag geschenkt kriegte, warte ich noch heute. „Wenn du das geschafft hast, dann hast du es geschafft!“, war auch so eine Weisheit, die man als Kind oft zu hören bekam. Meist später wenn man schon Schulkind war. „Wenn du in dieser Arbeit eine Eins schreibst, hast du es geschafft.“ Dasselbe hörte man dann, wenn man auf dem Weg zum Jugendlichen war. „Wenn du dich in dem Fach verbesserst, du dieses Halb- oder Schuljahr schaffst, deinen Abschluss, deine Lehre, die Armee und so weiter und so fort…“ Die ganze Zeit begleitete einen dieser Spruch, der natürlich immer eine Lüge gewesen ist. Denn: Geschafft hatte man es nie. Wie sollte das auch gehen? Wenn die Umwelt einen immer mit neuen Problemen zuschüttete und vorprogrammierten Dingen, die unbedingt erledigt werden mussten kam. Wann sollte da ein Ende abzusehen sein? Die Antwort war ganz einfach: Nie! Vielleicht wenn man tot war und auf der Bahre lag. Aber sicher war auch das nicht. Dass da nicht auch noch einer kam und sagte: „He Freundchen! Du musst hier erst noch ein paar Aufgaben erledigen und erst dann hast du es…“ Na sie wissen schon. So sah es jedenfalls mit den Sprüchen der Erwachsenen aus. Und weil ich schon damals wusste, was sie damit bezweckten, war klar, dass ich nicht viel auf ihre Kommentare gab. Auch bei meinen Eltern nicht. Was bei meiner Mutter sowieso klar war. Und selbst bei meinem Vater, der neben genannten Sprüchen auch eine prophetische Ader hatte, hörte ich meistens vorbei. Obwohl er für seine wahrsagerischen Fähigkeiten im ganzen Dorf berühmt war, und seine Kunst viel Bewunderung fand. Doch selbst auf seine Weisheiten hörte ich nicht. Nur einige seiner üblichen, habe ich mir gemerkt. Und zwar eine, die er immer erzählte, wenn ich vor einem Miniaturstandbild stand, das August den Starken zeigte und welches in unserer Wohnzimmervitrine beheimatet war. „Du wirst mal genauso stark wie er! Oder noch stärker!“, meinte er dann immer stolz, indem er auf die vergoldete Reiterstatuette wies. Seine zweite Weissagung hörte ich immer, wenn ich Streit mit meinen Schwestern hatte, und obwohl ich ja noch so klein,  seiner Meinung nach viel pfiffiger war. „Du wirst mal viel schlauer als die Zwei!“, sagte er dann meist. Und auch, dass ich ganz anders werden würde, als die Mitglieder unserer Familie und jeden den er kannte! Das ich später, wenn ich „groß“ sein würde, Gedanken und Fähigkeiten haben sollte, die kein anderer hatte. Ich viele Lieben haben, mich nicht verändern und erst spät heiraten würde. Und meine Frau dann das hübscheste Mädchen, dass es auf der Welt gäbe sei. So was in der Art - und vor allem die ersten drei Sprüche mit dem “starken August“, meinen Schwestern und wie ich mal sein würde, hörte ich von ihm oft. Und fand sie alles andere als schön. Ich wollte kein starker „August“ sein. Auch der Vergleich mit meinen Schwestern, kam mir alles andere als erstrebenswert vor. Dasselbe galt für die Prophezeiung mit dem Anderssein. Vom Heiraten erst gar nicht zu reden. Das wollte ich schon damals nicht. Was ja kein Wunder war, wenn ich die Ehe meiner Eltern so sah. Da konnte einem ja alles vergehen. Und man kann sagen, dass ich von den Voraussagen, die mein Vater mir damals suggerierte, nicht begeistert war. Na ja, später änderte sich das dann, aber nur, was den starken August und das was, oder wie, ich mal sein würde, als auch den letzten Punkt betraf. Aber wie gesagt, damals war ich noch ein Kind und fand alle Sprüche und Prophezeiungen, die die Erwachsenen machten und die mich betrafen blöd.

Auch die von meinem Vater. Doch grade deshalb merkte ich sie mir. Das war wohl das Wichtigste, was ich tat. Doch das wurde mir erst später bewusst, als sie sich erfüllten und mir in Erinnerung kamen. Da wusste ich, dass die Voraussagen meines Vaters das Einzige waren, was ich als Kind je von einem Erwachsenen übernommen hatte. Und das war’s dann auch schon. Alle anderen Lehren und Weisheiten, die mir Ältere einhämmern wollten, nahm ich nicht an. Und dafür hatte ich ja, wie schon erwähnt, auch allen Grund. Dass es gut so war, und ich mit meiner Abneigung Größeren gegenüber völlig richtig lag, werden sie später, wenn ich ihnen von meiner glorreichen Schulzeit erzähle, noch sehen. Jedenfalls bekam ich alle Tricks und Methoden der Älteren, uns Kinder zu manipulieren, mit.

Und natürlich wird auch die angebliche Tatsache, dass ich, wie so oft behauptet wurde, nie erwachsen werden würde, und man mir immer sagte, dass ich nicht so wirke, auf diese frühkindlichen Erfahrungen und Antipathie zurückgeführt . Aber eigentlich ist das Quatsch. Schon weil ich als Kind bereits einfach in der Lage war, Erwachsene zu durchschauen und man, um das zu können, eben besser als diese denken musste. Und genau das war, und ist, für die Erwachsenenwelt das Problem. Das man mich nicht reinlegen konnte. Und so verhielt es sich damals schon. Als ich noch ein kleiner Lausbub war und sah, wie es auf dieser Welt lief. Oder alles, was geschah.

Und all diese Dinge rückten mir schon damals ins Bewusstsein, oder prägten sich in mein kindliches Leben ein. Und das ging munter so weiter. Schon seit frühester Kindheit wusste ich also, welchen Personen man trauen kann - und das kein Erwachsener darunter war. Doch damals störte mich das alles noch nicht. Ich hatte ja meine Freunde. Von denen ich jede Menge besaß: Henry, Tommy, Uwe, Steffen, Olaf, Kuni, Bimbo(el Bimbo) und so weiter. Mit ihnen verbrachte ich damals die meiste Zeit und nicht etwa mit meiner Familie. In der ich zwar lebte, aber schon zu der Zeit so wenig wie möglich, zu tun haben wollte. Denn Freunde konnte ich mir glücklicherweise aussuchen. Bei meinen Familienmitgliedern war das ja leider nicht der Fall. Die meine Einstellung damals schon bemerkte und sie mir deshalb ändern oder ausreden wollte. Aber trotzdem. Obwohl es meiner Familie nicht passte, meine Freunde blieben, das Wichtigste für mich. Daran konnten auch Eltern und Geschwister nichts ändern, die man im Leben per „Zufallsgenerator“ bekam und die einem nur Probleme bereiteten. Eine Tatsache, die eigentlich nichts ausgemacht hätte oder nicht so schlimm gewesen wäre, wenn es da nicht noch andere Schwierigkeiten gegeben hätte. Denn, wie das im Leben so ist, waren das nicht alle Probleme, die es für einen Heranwachsenden wie mich gab. Oh nein. Da gab es noch vielmehr und meine ganze Umwelt schien, schon damals, nur aus ihnen zu bestehen. Das Hauptproblem bildeten natürlich die Erwachsenen, die meine Freunde und mich andauernd gängelten, uns mit Verboten überhäuften und die für uns die größten Spielverderber waren. Das konnten wir uns natürlich nicht gefallen lassen. Und obwohl wir noch klein waren, setzten wir uns deshalb zur Wehr. Indem wir taten, was wir wollten, Krach machten und spielten, wie oder wo es uns gefiel. Ein Verhalten, das unser Viertel in Kürze berühmt, berüchtigt und aus uns kleine Räuber und Gangster machte. So nannten uns zumindest alle Älteren, mit denen es sofort Ärger gab und deren Meinung über uns, sie in zwei Lager spalteten. Während wir für den einen Teil nur lebenslustige Kinder waren, waren wir für den anderen schon kriminell. Und es erübrigt sich wohl zu sagen, dass sich letzterer Teil in der Überzahl befand. Aber so waren die Erwachsenen, von denen überhaupt nur einer Partei für uns ergriff, weil er uns wirklich mochte und leiden konnte. Und das war „Moppel“. Er war unser Freund. Und er war mehr, als das! Er war mächtiger als alle Älteren, die wir kannten, und keiner traute sich an ihn heran. Weil er ein „Hohes Tier“ bei der Armee war, wie man aus Gesprächen der Erwachsenen erfuhr. Und selbst die angesehensten Bürger hatten vor ihm Schiss. So mächtig war unser Freund. Weil Moppel sogar ein Oberst war. Und so sah er auch aus, wenn er uns in Uniform gegenüber stand. Groß, kurzhaarig, mit „Kneifer“ vor dem rechten Auge, wirkte er wie ein Darsteller einer heute bekannten TV - Comedy Serie, wo sich ein deutscher Oberst, mit einem „Käfig voller Helden“ herumschlagen muss. Aber egal. Genau so sah Moppel jedenfalls aus. Doch das war nicht wichtig. Viel wichtiger war etwas ganz anderes für uns. Er war der einzige Mann, der uns verteidigte. Bei ihm fühlten wir uns vor anderen Erwachsenen sicher. Was die wiederum stinksauer machte und zur Folge hatte, dass sie uns Kinder noch mehr zu hassen begannen. Und so ging der Ärger erst richtig los. Gründe dafür gab es immer. Ob wir mit den Fahrrädern durch unser Viertel fuhren, Äpfel und Kirschen pflückten, die verlockend über Grundstückszäune hingen, beim Fußballspielen aus Versehen Scheiben einschossen und so weiter und so fort. Immer gab es Beschwerden und Anzeigen. Und egal was es auch war, immer fand sich ein eifriger Bürger, der sich fürchterlich über uns aufregte und eine „Staatsaffäre“ aus alldem machte. Was uns nicht mal gestört hätte, wenn nicht dummerweise auch ein Polizist unter all den gesetzestreuen Erwachsenen gewesen wäre. Todenhöfer! Er, der streng genommen gar kein richtiger „Gesetzeshüter“ sondern nur VP Helfer gewesen ist, war nun dauernd hinter uns Kindern her. Ein Vorgehen, das uns, wie man sich denken kann, nicht sehr erfreute und wahrscheinlich schon damals der Grund unserer Antipathie gegenüber Polizisten gewesen ist. Das war auch kein Wunder. Erstens gehörte sich das bei unserem Ruf ohnehin schon so. Zweitens waren Gesetzeshüter bei der einfachen Bevölkerung unseres Dörfchens sowieso nicht beliebt, was nun auch für unseren Hilfssheriff galt. Er, von allen nur der Hilfsbulle oder Gummihund genannt, terrorisierte bald die ganze Gegend, führte sich wie „Robocop“ auf und stellte sich auch vor uns Kindern so dar. Woher sein tierischer Beiname stammte, war uns nicht bekannt. Und die Erwachsenen, die „Schiss“ vor dem Bullen hatten, sagten es uns nicht. Also dachten wir selber über den Spitznamen nach, welchen sie dem Polizisten verpasst hatten. Vielleicht hatten sie das alte Sprichwort „Hunde die bellen, beißen nicht“, in „Hunde aus Gummi…“ und so weiter umgedichtet, wie mein Freund „Bimbo“ zu wissen glaubte. Möglicherweise entstand der Name auch bei einem Kneipengespräch, wie Micha es gehört hatte, wo man aus der bissigen“ Beamtenbestie“ ein harmloses Gummitier machte. Oder beim Wutausbruch eines jähzornigen Kraftfahrers, der bei einer Verkehrskontrolle, den Bullen einen blöden Hund nannte und sein Gehirn mit löchrigen Autoreifen verglich, wie es uns Henry berichtete. Ich selbst hatte „Moppel“ als Erfinder des Namens in Verdacht, von ihm hatte ich ihn auch das erste Mal gehört. Und da er den VP- Helfer selbst nicht leiden konnte, war es mir schon klar. Doch ganz gleich welche Ursache, die carniide Namensgebung unseres Hilfssheriffs nun auch hatte und wessen schöpferischen Geist sie entsprungen war, ob sie nun auf abgeänderten Sprichworten, Kneipentratsch, dem Vergleich eines Polizistenverstandes mit porösen Gummireifen oder Moppels Fantasie beruhte -die Verharmlosung, die der Spitzname vermittelte war trügerisch - denn Todenhöfer war anders! Weil er sich bald zum Schrecken von uns Kindern und auch der Erwachsenen entwickelte, und das war noch nicht alles, was bemerkenswert an ihm erschien. Denn während er hinter jedem Eier- und Kartoffeldieb herjagte, klaute er selbst wie ein Rabe. Was ein Beispiel verdeutlichen soll. Als im örtlichen Sägewerk mal eine Ladung Bretter fehlte und die Bullen an jeder Haustür klingelten, um sie wiederzufinden, machten sie die Dummheit, es auch bei uns zu tun, und meinen Vater nach den Brettern zu interviewen. Das war ein großer Fehler, weil er ihnen gleich die richtige Antwort gab „Wenn ihr eure Bretter sucht, dürft ihr das nicht bei ehrlichen Leuten tun! Da müsst ihr euren Kollegen fragen, woher er sein neues Dach hat!“ Bums! Das hatte gesessen! Denn mein Vater nahm kein Blatt vor den Mund. Er, ein dekorierter Weltkriegsveteran, hatte keine Angst vor ein paar sozialistischen Gesetzeshütern, die vor ein paar Jahren, selbst noch in braunen Uniformen steckten und während andere an der „Ostfront“ ihr Leben für den „Endsieg“ riskierten, hier munter auf die Jagd nach Kommunisten und Juden gingen. Das alle wusste mein Vater natürlich. Und auch, was die Bretter betraf, hatte er Recht! Das Todenhöfer diese geklaut hatte, war hier längst kein Geheimnis mehr. Das war auch kein Wunder. Wenn man bedenkt, dass er diese am Wochenende, für jedermann, weit hör- und sichtbar, auf seinem Haus verarbeitet hatte. Was soll man dazu noch sagen? Bei so viel Scharfsinn, fällt selbst einem wie mir nichts mehr ein. Höchstens, dass seine Söhne vom gleichen Kaliber waren wie er. Womit wir schon beim nächsten problematischen Thema wären. Und das war es auf jeden Fall, denn wenn wir als Kinder jemand hassten, waren es diese drei Typen. Mit denen wir dauernd Ärger hatten, wofür es gleich mehrere Gründe gab. Ein Grund war, dass sie stets unfair kämpften und nur stark waren, wenn sie zu dritt auf einen Gegner trafen. Der Nächste, das sie im Scheißebauen zwar einsame Spitze waren, was jedoch leider auch fürs Erwischtwerden galt. Und da kamen wir wieder ins Spiel. Wenn sie sich mal wieder zu blöd angestellt hatten, wälzten sie die Schuld auf uns ab. Wenn sie beim Kirschen-, Erdbeeren- oder Äpfelklauen geschnappt wurden, über anderer Leute Frühbeete latschten, und so weiter, schoben sie immer uns vors Loch, weil sie Angst vor ihrem gewalttätigen Vater hatten. Was wir nicht als Entschuldigung gelten ließen, da viele von uns selbst solche Eltern hatten und trotzdem „dichthielten“. Das wir da auf das “ Trio“ nicht gut zu sprechen waren, und uns nicht mit ihnen abgaben, war da ja klar, weshalb uns ihre ewige Feindschaft auch sicher war. Doch das war uns egal. Denn schon damals begriffen wir, dass jeder von uns auf einer anderen gesellschaftlichen Seite stand. Auf der einen,die die sich durch staatliche Privilegien alles erlauben konnten, und auf der anderen, die die  bestraft wurden, wenn sie das gleiche Recht für sich in Anspruch nahmen. Jeder von uns wusste natürlich auf welcher Seite er stand und handelte entsprechend danach. Und durch Vorsicht, gepaart mit Zusammenhalt, machten wir es der Gegenseite schwer. Und außerdem hatten wir ja noch „Moppel“: Wenn wir in seiner Nähe waren, traute sich nicht mal der VP Helfer an uns heran. Ein gutes Gefühl, das wir genossen, wenn er zähneknirschend und mit ärgerlichem Gesicht, respektvoll an Moppel und uns vorüberschlich. Aber so war eben das Leben manchmal. Ein ständiges Spiel mit der Macht, die in dem Fall zufällig einmal auf unserer Seite stand. Doch natürlich sahen wir uns trotzdem vor. Moppel konnte uns ja nicht immer zur Seite stehen. Wenn er uns auch den Hilfssheriff vom Hals hielt, hatte der ja noch seine drei Söhne, die uns ständig in die Quere kamen. Und das taten sie, wo es nur ging. Doch auch damit kamen wir ganz gut zurecht, weil wir wussten wie und wer sie waren, konnte es auch gar nicht anders sein. Und überraschen konnten sie uns kaum. Ja, manchmal, wenn wir uns grad nicht im „Krieg der Knöpfe “ befanden, ließen wir sie sogar in unserer Nähe spielen. Was natürlich nichts an ihrer Rolle als unsere Gegenspieler änderte, die sie als „Polizistenkinder“ hervorragend besetzten. Indem sie uns nachspionierten und verpetzten, wo es nur ging. Und so würde es, das wussten wir, immer sein. Denn ihr Verhalten uns gegenüber sollte sich nie ändern. Genau wie ihr Name, den der Volksmund ihnen gab. Der uns irgendwie geläufig war und bekannt vorkam. Wer ihn in Umlauf brachte, war auch in diesem Fall nicht bekannt. Und eigentlich war das auch egal, aber eines stand fest. Von dem Tag an, als ihr Vater seinen Spitznamen erhielt, wurden auch sie nur noch „Gummihunde“ genannt. Das waren sie also. Unsere privaten Gegner, die wir als Kinder schon hatten. Sie, ihr Vater und die anderen Erwachsenen machten uns das Leben schwer. Und schon damals, als Kinder, schlugen wir uns mit solchen Problemen herum. Doch das machte nichts. Denn auch, wenn unser Leben schon zu der Zeit aus Schwierigkeiten bestand, lernten wir damit umzugehen. Und zum Glück konnten wir das schon damals sehr gut. Zudem muss ich sagen, dass es auch in der Zeit angenehme Seiten gab. Selbst für mich. Natürlich bestand mein Leben nicht nur aus Scherereien und Schwierigkeiten, aus unwilligen Erwachsenen und heimtückischen Feinden. Nein. Denn da gab es noch etwas anderes, Wunderbares und, Wichtiges. Das schon damals faszinierend und nicht nur für mich wichtig war. Nämlich: Mädchen! Und davon gab es bei uns viele im Dorf. Gemeinsam unternahmen wir alles Mögliche. Und zusammen ließen wir unserer Fantasie ihren Lauf, spielten Verstecke, Hasche und „Doktorspiele“, für die man heut als Kind lebenslang hinter Gitter oder in „Sicherheitsverwahrung“ käme. Doch wir hatten Glück, und glücklicherweise wurden wir nicht in einer „Mediengesellschaft“, sondern noch in einer normalen Zeit groß. Da sah man „ES“ und vor allem wir, nicht so eng. Auch die Mädels nicht. Denn sie waren so wie wir. Frei, ungehemmt neugierig und zu allen Abenteuern bereit. So waren sie damals - unsere Mädchen. Und eines davon war Sabine, auch Sabsi genannt. Ich lernte sie kennen, als meine Mutter sich mit der ihren an unserem Hoftor unterhielt. Denn Sabine wohnte genau gegenüber von uns. Sie war sehr hübsch, schlank, hatte blondes Engelshaar, das im wilden Kontrast zu ihren bernsteinfarbenen Augen stand. Sie war eine Mischung aus Amazone und Nymphe zugleich. Und keine Ahnung, ob es nun „Liebe auf den ersten Blick“, oder „nur “ Freundschaft war. Das alles war vielleicht nicht mal dem Schicksal klar, dem Buch des Lebens, in dem es geschrieben stand oder Sabine und mir. Doch eins stand zweifelsfrei fest. Das wir vom Tag unserer ersten Begegnung unzertrennlich waren. Natürlich hatten wir noch andere Freunde, Kameraden und so. Doch jeder, und ich, konnten sehen, dass das mit Sabine und mir, was völlig anderes war. Wir waren wie Winnetou und Old Shatterhand, Mingo und Daniel Boone, Robin Hood und Little John, Bonny and Clyde oder Tarzan und Jane. Man konnte es gar nicht anders sagen als: Wir waren füreinander bestimmt. Freunde, Geliebte und alles zugleich. Denn Sabine war anders, als alle anderen Mädchen, die ich bisher kennengelernt hatte und damit unvergleichbar. Auch mit anderen weiblichen Wesen, zu denen Mütter und Schwestern gehörten, hatte sie nicht das Geringste gemein. Sie war keine dieser „weiblichen Schlaftabletten“ und „Triefkannen“, die es damals schon zur Genüge gab. Mit denen nichts los war und in deren jungen Körper sich eine alte Seele befand. Sabine hatte Feuer im Blut! Sie war unbeschreiblich, temperamentvoll und unsagbar schön. Und sie war wild und stark! Man konnte sich immer auf sie verlassen, selbst wenn es um Schlägereien und „Gebietsstreitigkeiten“ ging. Sabine war immer mit von der Partie, und machte selbst vor Gefechten mit älteren Jungs nicht halt. Das bekamen auch die „Gummihunde“ zu spüren. Eines Tages zum Beispiel, als sie unseren Nachbarsfreund Henry aufgelauert hatten, um ihn zu verprügeln und wir zufällig grad aus unserem Garten kamen, handelte sie sofort. Indem sie blitzschnell eine Latte von unserem Gartenzaun riss, während Henry, ich, nebst erstaunten Nachbarn dabei zusahen, wie Sabine das verhasste Trio die Straße herunterzuprügeln begann. Dabei langte sie ordentlich hin, dass so mancher Fetzen flog. Ein Anblick, der faszinierend war. Henry und ich sahen erstaunt wie das Rudel „Gummis“ die Flucht ergriff und zu uns „Das sagen wir alles unserem Vater! Der wird euch alle einsperren!“ schrie. Dann drohten sie Sabine: „Und morgen in der Schule kriegst du alles zurück!“ Doch darüber lachte Sabsi nur und rief ihrerseits zurück: „Euer Vater soll lieber aufpassen, dass er nicht selbst ins Gefängnis kommt! Und wenn ihr morgen wieder „Knüppelsuppe“ wollt, lade ich euch gerne ein!“ Damit war der Fall für sie erledigt. Jedenfalls für den Augenblick. Das es morgen schon anders sein konnte, war mir durchaus klar. Ich wusste, dass Sabine es ernst gemeint hatte, und auch der Schulhof einen Zaun besaß. Nur das der aus geschmiedeten Eisenstäben bestand, die wie spitze Massaispeere in einem Waffenständer aussahen, die man auch als Kind mit einem Ruck aus ihrer Halterung bekam. Was passieren würde, wenn Sabine ihre Drohung wahrmachte, darüber dachte ich lieber gar nicht erst nach. Und warum auch: Erstens, würde ich die Stange nicht abkriegen. Zweitens, war es ja noch nicht so weit - und bis Morgen war es ja noch ein Stück hin. Und schließlich hatten wir jetzt Wichtigeres zu tun. Wir mussten uns um unseren verletzten Freund Henry kümmern und ihn nach Hause bringen. So ging der ereignisreiche Abend zu Ende. Den nächsten Tag in der Schule werde ich trotzdem nie vergessen. Da ich selbst noch kein Schulkind war, holte ich Sabine von dort ab. Genau wie heute, wo die Schlacht mit den „Gummis“ stattfinden sollte. Und da waren sie auch schon. Erst liefen sie respektvoll an unserer „Ecke“ vorbei, wo außer Sabine, auch Henry und ein paar Freunde von uns standen. Deshalb gingen die Gummihunde zunächst ganz unschuldig vorbei, kamen aber später mit „Verstärkung“ zurück. Aber gegen Sabine und ihre herbeigeeilten Freundinnen hatten sie dennoch keine Chance. Ohne es zu wissen, hatten sich unsere Gegner; außer mit uns, noch mit einem „Rudel Kriegerprinzessinnen“ angelegt. Die nicht von „Pappe“ und durchweg Leistungssportlerinnen waren. Wo die hinhauten, wuchs kein Gras mehr. Das wussten nun auch die Gummis und zogen sich rasch zurück. Gegen die „Mädchengang“ und unsere Freunde aus dem „Unterdorf“ konnten sie nichts machen. Und so wie damals, war es dann immer, wenn unsere Gruppen zufällig „aufeiineinander trafen“. An allen Orten, zu allen Jahreszeiten. Ob im Frühjahr, beim Fußballspielen im Park, im Sommer, beim Baden am See, im Winter beim Rodeln am Berg, oder im Herbst beim Drachensteigen auf dem Feld. Es war immer das Gleiche. Immer gab es Grund für Streit und Keilerei. Und so ging das dann, bis wir Jugendliche waren. Wo aus Exfeinden und -feindinnen irgendwann Liebespaare wurden. Aber bis dahin sollte es noch dauern. Noch waren wir auf dem „Kriegspfad“ und streunten wild in der Gegend herum. Sabine, mit ihrer Bande und mir. Ich mit Sabine und meinen Freunden. Oder alle zusammen. Doch die meiste Zeit verbrachte ich mit Sabine allein. Dem fantastischsten Mädchen, das es damals gab. Das für mich wie das Leuchten von Sonne und Sternen war. Meine jugendliche Muße, Inspiration, mein ein und alles. Sie war einfach unbeschreiblich. Doch sie war noch viel mehr: Sie war das Leben, das mich durchströmte, die Luft die ich atmete, die Kraft, die das Licht meiner dunklen Kindheit durchdrang. Und die ich auch brauchte. Weil jetzt ein anderes Leben, neben dem was ich bisher lebte, begann…

 

Ende der Unschuld

ENDE DER UNSCHULD

 

So war sie also. Die Morgenröte meiner Kinderzeit. Eine scheinbar endlose Abenteuerreise, die ich mit Freunden erlebte und eine unbeschwerte Zeit wie mancher denken mag. Die, bis auf die paar erwähnten Probleme, fast sorglos war. Und von mir aus hätte das ewig so weitergehen können. Aber natürlich tat es das nicht. Und warum auch? So ein perfektes Leben wäre ja nicht zum Aushalten und viel zu langweilig gewesen. Und das Maß an Problemen hätte uns Kindern dann vielleicht nicht gereicht. Deshalb hat uns das Leben auch gleich mit neuen versorgt. Und wie das Schicksal es wollte, stand das Nächste schon vor der Tür. DER SCHULANFANG! Der Tag, welcher der schwärzeste im Leben meiner Freunde und auch von mir selbst war. Obwohl ich im Gegensatz zu ihnen, schon von Sabine wusste, dass „Paukerei“ Scheiße war, kam für sie die Ernüchterung erst später. Als der „Zuckertütenrummel“ und die Feiern vorüber waren. Jeden Tag bis Mittag stillsitzen, war für sie, die nach heutigem Maßstab alle als hyperaktiv gelten würden und es gewohnt waren den ganzen Tag herumzurennen, die reinste Tortur. Genau wie für mich, der genauso war. Und je mehr Schulstunden es wurden, umso schlimmer wurde es für uns. Das alles passte uns natürlich überhaupt nicht. Aber was konnten wir tun? Irgendwie mussten wir uns mit den neuen Gegebenheiten arrangieren. Und das schafften wir auch. Nach und nach, gewöhnten wir uns an unseren neuen Tagesablauf. Und ein Glück gab es da ja auch noch die Ferien. Dann konnten wir uns erholen und für meine Freunde und mich war dann alles wie vorher. Zusammen genossen wir dann unsere wiedergewonnene Freiheit, indem wir von früh bis abends durch die Gegend streiften, die alten Spiele von „früher“ spielten, „alte Orte“ aufsuchten, und die ganze Umgebung unsicher machten. Leider dauerten diese Zeiten nie lange genug. Und die Ferien erschienen uns immer viel zu kurz. Dann hatte uns der „sozialistische Schulalltag“ wieder, der öde, langweilig und zudem nicht ganz ungefährlich war. Das merkten wir immer, wenn die Ferien vorbei waren und ein Kind, welches sich vorher noch in unserer Klasse befand, plötzlich verschwunden war. Und das schien tatsächlich öfter zu geschehen. Einmal war es nur ein Klassenkamerad, manchmal mehrere, mal ein Banknachbar und dann gleich ein Geschwisterpaar. Das war schon seltsam. Und natürlich fiel uns das auf. Denn wo waren unsere Kameraden hin? Das fragte sich natürlich jeder. Doch wo unsere Freunde waren, sagte man uns nicht. Die Lehrer sprachen nicht darüber und auch unsere Eltern schwiegen sich aus. Das wunderte uns schon sehr. Offenbar wollte man uns die Wahrheit nicht sagen und viele begnügten sich auch damit. Aber nicht alle. Einige von uns wollten wissen, wo unsere Mitschüler geblieben waren. Und stellten selbst Nachforschungen an, bei denen jeder, wie man bald hören konnte, zu einem anderem Ergebnis kam: „Die sind in Sonderschulen gekommen, weil sie nicht gut lernen!“, sagte Henry, der in der Hofpause neben mir stand, in die Runde Wissbegieriger hinein. Doch „Bimbo“ schüttelte seinen lockigen Kopf. „Nein; weil sie sozial schwach sind, oder so!“ „Quatsch!“, meinte Mischa, der wissend durch sein Brillenglas linste. „Mein Vater hat gesagt, dass sie in ein Heim gesteckt wurden, weil ihre Eltern „POLITISCH“ sind.“ „Politisch? Was soll denn das sein?“ „Ist das was Schlechtes, oder so?“, fragten jetzt einige, doch keiner wusste die Antwort darauf. Aber eines war sicher! Es musste was ganz Schlimmes sein, wenn man unsere Freunde deshalb in ein Heim gesteckt hatte und die Erwachsenen nicht darüber sprachen und sich selbst zu fürchten schienen. Weshalb das so war, erschloss sich vielen nicht.

Oder warum? Weil die Älteren selbst fürchteten, dann politisch zu sein? Sie es vielleicht selbst erfunden hatten und jetzt nicht damit klarkamen, oder so? Was in aller Welt sollte sonst der Grund für ihre Ängste sein? So, oder so ähnlich dachten die Meisten, ohne zu wissen, was „politisch“ überhaupt genau war. Außer ein paar Wenigen: Und mir! Ich hatte ein paar Lehrer belauscht und erfahren, was mit unseren Freunden geschehen war. Auch was politisch zu sein hieß. Und irgendwie hatte ich das schon geahnt. Zudem wusste ich auch, wie es sich mit den Eltern unserer verschwundenen Klassenkameraden verhielt, die ja auch politisch waren. Solche Eltern waren anders, wie ich jetzt erfuhr. Weil sie „anders“ dachten. Und das war noch nicht alles. Denn anders leben wollten sie auch. Und das mochten die anderen Erwachsenen nicht. Jedenfalls solche nicht, die hier im Land was zu sagen hatten. Das hörte ich aus den Gesprächen heraus. Auch was mit den Erwachsenen die sich dem Verbot politisch zu sein, widersetzt hatten, geschehen war. Das sie ins Gefängnis kamen. Und was noch wichtiger war. Wo ihre Kinder geblieben waren. Das die wirklich in Heime und „Jugendwerkhöfe“ kamen und so. So war das also! Mischa hatte mit seiner Behauptung recht gehabt, so wie ich mit meiner Ahnung, die ich in mir trug. Doch irgendwie war das nicht das Schlimmste, was wir bei unserer Nachforschung herausbekamen. Das Schlimmste war, dass wir erfuhren, dass Kinder hier gnadenlos „aussortiert“ worden waren. Und unsere Lehrer hatten dabei mitgemacht! Sie, die laut sozialistischer Ideologie und Propaganda unsere Freunde und Wegbegleiter in eine glückliche Zukunft sein sollten! Denen all diese Kinder blind vertraut hatten! Das alles bestätigte mein Weltbild: Man durfte keinem Erwachsenen trauen.

Das merkte bald nicht nur ich. Denn die „Auslese“ ging weiter. Und bis wir die Oberstufe erreichten, verschwanden immer mal ein paar Leute von uns. Zum Beispiel Sven, Sohn einer alleinstehenden Mutter, auf welche die Lehrerinnen neidisch waren, weil sie, im Gegensatz zu ihnen, öfter mal einen Liebhaber hatte und die,auf dem damals schon existierenden, „Singlemarkt“ erfolgreicher war. Oder Holger und Steffi, weil ihre Eltern die Ausreise in den „Westen“ beantragt hatten. Auch Kerstin, meine Banknachbarin verschwand über Nacht spurlos. Ihre Eltern hatten angeblich eine Flucht in den Westen geplant. Blöderweise hatte auch sie jemand „verpetzt“. Dann waren da noch zwei Mädels aus unserer Parallelklasse, deren Mutter einen „Messeonkel“ heiraten wollte und so weiter. Sie alle landeten dort, wo Mischas Vater gesagt hatte. Weil sie und ihre Eltern nicht der „Sozialistischen Norm“ entsprachen, oder aus anderen fadenscheinigen Gründen, die man schlichtweg erfand. Natürlich wusste JETZT jeder von uns darüber Bescheid. Und nun, da wir älter waren, machte uns niemand mehr so leicht etwas vor. Das änderte aber nichts an den Tatsachen und der ständigen Gefahr, in der sich jeder von uns befand. Und das die allgegenwärtig war. Also sahen wir uns schon damals vor. Als wir noch Kinder waren und hinter das schreckliche Geheimnis kamen. Und so lebten wir unser Schulleben unauffällig fort, von einer Katastrophe zur Nächsten, einem mysteriösen Verschwinden zum Anderen. Bis es wieder mal Ferien gab. Die wir auf die übliche Weise verbrachten. Genau wie ich, der das dann mit Sabine tat, die zu der Zeit der größte Lichtblick in meinem Leben war. Zusammen konnten wir uns dann vom Alltag, beschützter, sozialistischer Jugend erholen. Vom Stress und Überlebenskampf wo man, wenn man Pech hatte, als „Selektionsopfer“ über Nacht verschwand. Gemeinsam konnten wir das dann alles vergessen und ließen die Sorgen, Sorgen und die Schule, Schule sein. Und das war auch nötig. Vor allem bei mir, der ich im Schulleben nicht so erfahren war wie Sabine selbst. Denn mit jedem neuen Schuljahr wurde der Druck größer und wir mussten uns auf neue Anforderungen einstellen. Doch das war noch nicht alles. Nicht genug damit, wurde unsere ohnehin „geschrumpfte“ Freizeit noch mit Hausaufgaben und Pioniernachmittagen zugemüllt. Und weil das immer noch nicht reichte, begannen uns die Lehrer noch mit „Zensurenterror“ zu überziehen. Das rief wiederum unsere Eltern auf den Plan. Die nicht die Spur Verständnis für uns hatten, wenn man kein Einser-Schüler war, was vor allem für meine Eltern galt. Damit waren die schönen Zeiten vorbei.