Die Sinistra - Tom Daut - E-Book
Beschreibung

Der Debüt-Roman von Tom Daut - bekannt durch Live-Hörspiel-Lesungen auf Fantasy-Conventions und Messen - und Auftakt der ANNO SALVATIO 423-Serie. Die Kommandobrigade SINISTRA macht in den Straßenschluchten Trentagons gnadenlos Jagd auf die Kräfte des Okkulten. Während sich der Dynast des Stadtstaats mit einem schrecklichen Krieg an der Nordgrenze konfrontiert sieht, wird seine Regentschaft durch unablässige Machtkämpfe in den eigenen Reihen bedroht. Caron Salvador, der junge Sohn des Dynasten, verpflichtet sich zum Dienst in der Sinistra, die loyal zu dem Herrscher steht. Doch ein Rivale seines Vaters will die Herrschaft über Trentagon an sich reißen. Ein Netz aus dunkler Magie und Intrigen soll den Dynasten und seine Sinistra zu Fall bringen. Alle Hoffnung ruht auf Caron Salvador und seinen Kameraden ...

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Vollständige E-Book-Ausgabe des Romans

Die Sinistra

Copyright©2015 Papierverzierer Verlag

Deutsche Ausgabe 2015 by Papierverzierer Verlag, Essen

Herstellung, Satz, Korrektorat, Cover: Papierverzierer Verlag

Fotos: © diter, © Jesse-lee Lang, © Algol, Fotolia.com

Alle Rechte vorbehalten.

Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sindurheberrechtlichgeschützt. Sie dürfen ohne vorherigeGenehmigungweder ganz noch auszugsweise kopiert,verändert, vervielfältigt oderveröffentlichtwerden.

ISBN 9783959623018

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www.papierverzierer.de

Inhaltsverzeichnis
Die Sinistra
Impressum
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Epilog
Tom Daut

Prolog

»Sie hätten sich niemals mit Sterling Crane überwerfen dürfen.«

»Halt dein Sprechloch, Zähler! Wenn ich eine Einschätzung hören will, frage ich danach.« Es war zum Kotzen. Zu jeder vollen Stunde nervte Zähler Pullman mit seiner blechernen Litanei. Man konnte den Chronometer danach stellen. Im Stillen musste Pullman dem Automaton allerdings recht geben. Vor allem wenn man den Grund des Streits mit Crane bedachte. Eins Komma fünf Prozentpunkte bei der Prämienaufteilung waren echt eine Lappalie. Leider verließ Pullman jene Abgeklärtheit, die ihn in Gefechten so auszeichnete, bei Verhandlungen jedes Mal. Vielleicht sollte er auch diesen Teil des Geschäfts lieber Zähler überlassen.

Andererseits hatte Crane ihm schon immer ein ungutes Gefühl beschert. Der Mann würde die Geschlechtsorgane seiner eigenen Tochter an eine dieser reichen unfruchtbaren Vetteln aus der Oberschicht verschachern, ohne mit den Augenwinkeln zu zucken.

Früher war das anders gewesen. Im Kampf hatte Pullman sich stets auf den rattenflinken Crane verlassen können. Aber seit der die Seiten gewechselt hatte, vom Prämienhund zum Rekrutierer geworden war, da konnte man ihm nur noch trauen, wenn man beim Aufteilen der Provisionen selbst dabei war.

Pullman hätte am liebsten ausgespuckt, aber der robuste Zweisitzer, in dem er und Zähler saßen, war sein eigener. Abrupt musste er den Gleiter nach rechts ziehen, damit sie nicht mit einem der riesigen Antennenmasten zusammenstießen. Nachts ohne Höhenausgleich über die Dächer zu fliegen, hatte so seine Tücken.

»Seit wir nicht mehr in Cranes Dienst stehen, hat sich die monetäre Effektivität unserer Missionen um mehr als dreiunddreißig Prozent verschlechtert.«

Zähler konnte die Klappe einfach nicht halten. Das hatte man davon, wenn man seinen Automaton aus betrieblichen Gründen dafür verwendete, sowohl auf Leute zu schießen, als auch die Buchhaltung zu übernehmen: Vorhaltungen!

»Wir werden durch diesen Auftrag so viel Kohle machen, dass für dich sogar ein neuer Anstrich drin ist«, versprach Pullman seinem gewinnorientierten Androiden. Der klobige Zähler hatte schon einige üble Kratzer auf der grauen Tarnlackierung. Da musste er wirklich ein Auge drauf haben. Sonst würde sich irgendwann die eine oder andere Selbstschussanlage anhand dieser Ortungsflecken ein korrektes Körperschema zusammenpuzzeln und dann wäre Pullman um einen Partner ärmer. So nervtötend Zähler auch sein mochte, er konnte es sich nicht leisten, einen neuen seiner Sorte anzuschaffen. Denn, wie Pullman bei jedem Kontocheck schmerzhaft vor Augen geführt wurde, sein Blechkamerad hatte leider recht: Ihre finanzielle Situation war mehr als angespannt.

In der Ferne konnte man durchs Cockpit den nächtlichen Fertigungskomplex von ROBOT-A Inc. erkennen. Der Herrscher über das Wirtschaftsimperium für Handhabungsautomaten, Bellow Kessler, ließ seinen Residenzturm äußerst beeindruckend ausleuchten und der ihn umgebende Industriekomplex wirkte nicht weniger imposant. Allerdings würde beides hinter einer dicken Mauer verschwunden sein, sobald Pullman mit dem Rabiat-Gleiter in der zwei Kilometer entfernten Parkzone runterging.

Nach einigen Minuten wies ihm eine synthetisch-weibliche Stimme über Funk Parzelle 314 zu. Auf dem Holowürfel vor ihm wurde die Position markiert und über ein Meer von abgestellten Personenschwebern fliegend hielt Pullman darauf zu.

Als sie auf dem Boden standen, fiel der kantige Rabiat zwischen all den eleganten Fahrzeugen mit ihren im Scheinwerferlicht glänzenden Dächern auf wie eine fette Ratte in einer Ausstellung für Edelkatzen. Auf dieser Mission war eine Verkleidung nicht von Nutzen. Ein Mietschweber hätte bloß unnötige Kosten verursacht. Nur eine Kleinigkeit musste noch erledigt werden, und die war schon teuer genug gewesen.

Bevor die Türen des Gleiters nach hinten geschoben wurden, verpasste Pullman Zähler die Entwertungsprägung der Dynastieverwaltung. Der Plomber hatte ein Vermögen gekostet, weit mehr als die wirklich miserable Anzahlung.

Zähler neigte das gedrungen schädelartige Haupt und betrachtete die neueste Verunzierung seiner Panzerung.

»Wir sollten die Prägung morgen sofort wieder entfernen lassen, sonst bekommen wir Ärger mit den offiziellen Stellen.« Hinter seinem grobschlächtigem Äußeren und der tiefen Stimme verbarg sich manchmal eine pedantische Programmierung. Pullman fragte sich, wie er es nur so lange mit den wechsellaunigen Verhaltensparametern seines metallenen Mitstreiters ausgehalten hatte.

»Öl dir nicht in den Sicherungskasten, Zähler. Morgen sind wir beide schon an einem Ort, wo die Gesetze der Dynastie keine Gültigkeit haben.« Beim Gedanken an die mehr als üppige zweite Rate ihrer Belohnung zeigte Pullman zwei Reihen ungepflegter Zähne. »Aber vorher haben wir noch einen Job zu erledigen. Du weißt ja: Bezahlung bei Lieferung.«

Sie stiegen aus.

Dann bewegten sich die beiden zum hundert Meter entfernten Kabinenhaus am Eingang. Pullman musste zugeben, dass Zähler trotz seines weit zurückliegenden Herstellungsdatums noch mächtig was hermachte. Vor dem Auftrag hatten sie seine Gummierung an den Sohlen entfernt. Jetzt dröhnten seine Schritte so laut über den Asphalt, dass das Team der Wächter aufblickte, bevor sie fünfzig Meter ans Tor heran waren. Sirrend richteten sich die beiden automatischen Geschütze an der Mauer auf den Menschen und den Droiden.

»Was wollen Sie?«, fragte ihn ein dunkel Uniformierter via Lautsprecher. Sein abschätzender Blick galt Pullmans Torsopanzer, dem überlangen Messer und dem vollen Ausrüstungsgürtel. Natürlich war ihm klar, welchem Metier dieser Mann nachging und warum er mitten in der Nacht hier antanzte.

»Ich muss den hier …«, Pullman hatte Mühe, auf Zählers Schulterpanzer zu klopfen, »… leider einstampfen lassen. Keine Unbedenklichkeitsverlängerung mehr.« Seine Miene verfinsterte sich. »Er hat mich mal ´ne ganze Stange gekostet. Krieg ich wenigstens noch den Materialwert für ihn?«

Der Wächter schüttelte den Kopf, während sein jüngerer Kollege sich rüberbeugte und sagte: »Seien Sie froh, dass Sie für die Entsorgung nichts zahlen müssen. Eigneridentifikation?« Diese beiden arroganten …! In dieser Stadt genossen Prämienhunde kein sehr hohes Ansehen. Aber morgen würde alles anders werden. Dann musste er sich nicht mehr mit solchen Arschgesichtern rumärgern.

Pullman kramte einen alten Datenstick aus seiner Tasche und steckte ihn mit übertriebener Übellaunigkeit in die dafür vorgesehene Öffnung vor der Trennscheibe.

»Geldschneider«, murmelte er in seinen Stoppelbart, aber die Wächter ignorierten ihn. Als die Lampe des Datensticks grün leuchtete, nahm er das fingergliedlange Gerät wieder an sich. Zählers Daten waren jetzt gelöscht und in den Zentralrechner des Komplexes gespeist. Viel würde der damit jedoch nicht anfangen können.

»Führen Sie ihn in die Kabine!«

Pullman führte Zähler zu einer drei Meter hohen Zelle neben dem Wächterhäuschen. Die Tür stand offen, senkte sich aber sofort langsam, nachdem Zähler hindurchgegangen war. Täuschte sich Pullman oder ließ der Automaton tatsächlich den Kopf ein wenig hängen? Seine Fantasie musste ihm einen Streich gespielt haben. Zähler war ein Profi.

»Angenehme Nacht noch«, schallte es aus dem Lautsprecher an der Ecke und Pullman tat so, als ginge er zurück zum Rabiat-Gleiter. In Wirklichkeit lief er, sobald er außer Sichtweite der Wächter war, auf einem vorher genau geplanten Weg wieder zu der dicken Betonmauer zurück. Er hielt erst an, als er sich sicher sein konnte, eine von seinem Auftraggeber beschriebene Stelle erreicht zu haben.

Aus seinem Brustpanzer klappte ein kleiner Bildschirm, der Pullmans vernarbtes Gesicht bläulich beleuchtete. Vor ihm flammte eine vollständige Karte des Geländes mit den Standorten aller Sicherheitseinrichtungen auf. Er würde einen Auftraggeber nie fragen, woher er seine Daten bezog. Zu wenige Fragen konnten einem das Leben, aber zu viele Fragen den Auftrag kosten. Das war ein unausgesprochenes Gesetz der Prämienhunde. Trotzdem interessierte es ihn brennend, durch welche Lücke dieses Füllhorn an Informationen wohl gerutscht war.

Aus der größten seiner Gürteltaschen zog er einen zunächst unidentifizierbaren, in durchsichtige Folie eingeschweißten Gegenstand hervor. Beim Herausnehmen stellte sich dieser Gegenstand schnell als eine Leiche heraus. Ein toter Vogel. Er warf das stinkende, blutige Bündel über die Mauer.

Es zischte und funkte. Zwischen den gebogenen Pfählen auf der Mauerkrone entluden sich bläuliche Blitze. Alarmleuchten flammten auf und ein Suchscheinwerfer von einem Dach weiter hinten im Gelände nahm den brennenden Vogel ins Visier. Es roch nach verbranntem Fleisch und verschmorten Federn.

Sofort entfernte Pullman sich vom Ort des Geschehens. Die Wachen würden nicht lange auf sich warten lassen. Da machte es sich schlecht, wenn er noch an Ort und Stelle herumstand.

Ungefähr fünfhundert Meter weiter blieb er stehen. An der Stelle, an der der Vogel gegrillt worden war, konnte man die Positionsleuchten einer Suchdrohne sehen und leise Rufe vernehmen. Wenn Pullman sich beeilte, wäre er weit genug weg, sobald sich das Sicherheitsteam diesem Mauerabschnitt zuwandte.

Das Alarmgitter auf der Mauer würde nur so lange ausgeschaltet bleiben, bis die Wachen den Vogel entsorgt hatten. Er musste sich also sputen. Aus seinen plattenverstärkten Stiefeln schossen Kletterkrallen. Damit und unter Zuhilfenahme seines Seilwerfers war er im Nullkommanichts auf der Mauer. Dort schnitt er ein Loch in den fast unsichtbaren Draht, der zwischen die Pfähle gespannt war. Nur so groß, dass er gerade hindurchpasste. Auf der anderen Seite benutzte er kleine Metallspangen, um das Stück wieder einzusetzen. Wenigstens vorerst würde sein Eindringen unbemerkt bleiben. Die altmodischen Methoden waren oftmals die besten. Und die preiswertesten.

Schließlich sprang er von der Mauer und verschwand in der

Dunkelheit.

Pullman stand in einer riesigen Halle voller Schrott und ausgemusterter Automatons. Überall zischte und dampfte es. Im Hintergrund hörte man das beständige Brummen der Schmelzöfen. Sich unbemerkt bis in die Verwertungszone durchzuschleichen, war dank der überaus aufschlussreichen Karte ein Kinderspiel gewesen. Jetzt musste er in diesem Chaos aus Einzelteilen und Schrott nur noch Zähler finden.

Durch das gewaltige Rolltor am Eingang liefen drei der ewig rasselnden Förderbänder. Davor standen mehrere Reihen von exakt jenen Transportboxen, wie Zähler sie vor nicht ganz einer halben Stunde betreten hatte. In der Zwischenzeit war Pullmans Automaton bestimmt abgeschaltet worden, doch in seinem Inneren gab es einen verborgenen Schaltkreis, der unabhängig von anderen Energieversogern lief. Und Pullman sorgte mittels einer kleinen Fernsteuerung dafür, dass dieser Schaltkreis jetzt alle anderen wieder hochfahren würde.

Nicht lange, dann konnte man von einer der Boxen ein Rumpeln und ein leises Quietschen vernehmen. Mit der Vorsicht eines Bulldozers stemmte Zähler das Tor seines Gefängnisses von innen auf.

»Schön, Sie wiederzusehen«, kam es aus dem Lautsprecherfeld im Gesicht.

»Spar dir die Floskeln! Und nun halt erst mal die Füße still, bevor der Laden hier noch mitbekommt, dass er ein paar ungeladene Gäste hat. Setz dich hin!«

Angenehm kommentarlos tat Pullmans mechanischer Partner, wie ihm befohlen worden war. Pullman arretierte die schwarzen Gummistreifen wieder unter seinen Füßen. Danach behandelte er Zählers Gelenke und andere offenliegende bewegliche Teile mit einem Spezialöl. Dank dieses kleinen Cocktails würde man nur noch etwas von Zählers Masse hören können, wenn man direkt neben ihm stand.

»Angriffsmodus Eins!«, befahl Pullman.

Zählers rechter Unterarm klappte auf, aber statt der eingebauten Waffe sprang Pullman ein schwerer Automatikblaster in die Arme. Ein Ersatz für Zählers fehlende Bewaffnung fand sich problemlos zwischen den verschrotteten Resten im nächsten Hallenabschnitt. Munition hatte Pullman reichlich selbst mitgebracht.

Sie luden die Waffen durch, die Statusdioden wechselten von »Hundert Prozent aufgeladen« auf »Einsatzbereit« und der Prämienhund und sein Kampfroboter ließen die Verwertungshalle hinter sich.

Es lief alles wie geschmiert, bis sie in den steril erscheinenden Hauptkorridor vor der Forschungsabteilung abbogen.

Zähler hob die massige Hand. »Halt! Meine Sensoren registrieren Schrittgeräusche.«

Die Worte waren noch nicht ganz in Pullmans Verstand vorgedrungen, da eröffnete jemand von hinten das Feuer auf sie.

›Stiller Alarm‹, war alles, was Pullman dachte, dann funktionierte er nur noch. Für Zähler kam die eigene Warnung zu spät. Während um Pullman herum die Laserblitze einschlugen, hatten drei der Uniformierten aus der Angreifergruppe den Droiden mit Magnetharpunen getroffen. Lähmende Impulse zwangen Zähler in die Knie. Seine Videosensoren erloschen und steif krachte er in den Gang.

Pullman ging nicht mal in Deckung. Er nahm den Fall seines Partners nur am Rande wahr, feuerte und wich dem feindlichen Beschuss mit katzenartiger Gewandtheit aus. Zwei von den zehn Angreifern fielen durch seine roten Lichtgeschosse. Die anderen sprangen wieder zurück zu der Ecke, um die sie gerade gekommen waren.

Das gab ihm genügend Zeit, die drei Penner, die immer noch an dem bewegungslosen Zähler zerrten, auszuschalten. Mit erstickten Schreien und rauchenden Löchern in den Uniformen blieben sie im Gang liegen.

Pullman klinkte eine Brandgranate auf den Lauf seines Gewehres und heizte seinen Gegnern im wahrsten Sinne des Wortes ein.

Sterling Crane hatte seinerzeit einmal gesagt, Pullman kämpfe wie eine Maschine und dass er deswegen so gut mit Zähler auskäme. Pullman hatte das immer für jenes provozierende Gewäsch gehalten, wie es unter Prämienhunden zum guten Ton gehörte. Viele Menschen in Trentagon gaben sich fast ausschließlich mit elektronischen Wesen ab. Automatons waren eben erheblich einfacher im Umgang als Personen aus Fleisch und Blut. Zähler konnte einem zwar gehörig auf den Geist gehen, aber wenn´s drauf ankam, wusste man immer, wo sein Ausschaltknopf war.

Pullman fing an zu würgen, weil die Luft knapp wurde. Die Taktik des Prämienhundes ging auf. Zufrieden stellte er fest, wie das Gebäude auf seinen Brandsatz mit dem Freisetzen von Stickstoffwolken reagierte. Während sich aus dem Kragen der Rüstung ein dreieckiger Beatmer um seinen Mund schloss, würde sonst niemand mehr durch diese Gänge finden. Und wenn der Stickstoff sich verzogen hatte, würden Zähler und er bereits am Ziel sein.

Er drückte wieder auf Zählers Fernbedienung, aber diesmal wollte sich partout nichts tun. Ohne lange zu fackeln, zerschoss er eine Deckenlampe, griff durch das zerschmolzene Glas und zog zwei Kabel hinaus. An Zählers rechter Seite gab es ein Kläppchen, unter dem der verborgene Schaltkreis zugänglich war. Pullman zückte sein Messer. Sobald er die Spitze in den winzigen Spalt des Kläppchens gestemmt hatte, schaltete er es ein und hebelte es auf. Mit einem normalen Messer wäre dies unmöglich gewesen, aber Pullmans Klinge vibrierte im ultrahohen Bereich und trennte so ziemlich alles auf, solange es nur einen Ansatzpunkt für die Klinge gab. Vorsichtig steckte er die Kabel unter Zählers Verkleidung.

Es gab ein elektrisches Brummen und die Visorezeptoren des Androiden leuchteten wieder.

»Wie viele Feinde haben Sie ausgeschaltet?«, war das Erste, was er von sich gab. Der gute Zähler. Immer effizient in seiner Denkweise.

»Fünf!«

»Nur fünf?« Obwohl eine Kalkulation dazu wahrscheinlich gerade hinter seiner Stirnplatte ratterte, ersparte er sich zum Glück jede Bemerkung über die verbleibende Gegneranzahl.

»Die gute Nachricht ist, dass sich zwischen den Laboratorien und uns kein lebendiger Mensch mehr aufhält.« Den Grund dafür brauchte Pullman nicht zu nennen. Auch wenn der Automaton kein atmendes Wesen war, hatte man Messgeräte in seinem Kopf installiert, die jede Umweltbedingung ausreichend analysieren konnten.

Wie prognostiziert kamen sie unbehelligt bis vor die Halle des Forschungsbereichs, in der das Zugangstor zu den Hochsicherheitslabors lag. Da die Luft wieder ausreichend Sauerstoff enthielt, zog sich der Beatmer in den Brustpanzer zurück. Pullman ging auf der linken Seite des Eingangs in die Hocke. Dann checkte er Karte und Bildmaterial. Wenn sich auf der anderen Seite dieser Halle ein großes, rundes und hermetisch abgeriegeltes Tor befand, waren sie an der richtigen Stelle.

Und sie waren offensichtlich goldrichtig. Als sie in die Halle traten und Pullman gerade argwöhnisch dachte, dass es ihnen trotz allem doch sehr rasch gelungen war, in diese hochsensible Zone des Konzerns einzudringen, musste er feststellen, dass das Rundtor nicht das Einzige war, was zwischen ihnen und den Laboratorien lag. Zehn voll aufgerüstete Kampfroboter blockierten ihren Weg. Klobige Ungetüme, die sofort anfingen zu schießen.

Zähler brachte blitzartig seinen Schildarm zwischen Pullman und die erste Salve. Trotz der Schnelligkeit des Androiden fing sich Pullmans Körperpanzer einen Treffer. Eine Stichflamme versengte sein Ohr, aber er spürte es nicht. Der Prämienhund fiel in die Hocke und holte mit ein paar präzise gezielten Knieschüssen die beiden grausilbernen Kolosse von den Beinen, die links und rechts Streufeuer mit Repetierkanonen austeilten. Alles geschah, noch bevor Zählers Reflektorschicht durchgeschmolzen war.

»Neun und acht!«, kommentierte der ihren Erfolg nüchtern.

In der Zwischenzeit kamen drei Granatengeschosse von der Gegenseite angeflogen. Exakt gezielt, aber zu langsam für Pullman und Zähler. In unzähligen Gefechten dieser Art erprobt, warfen sie sich zur Seite, sobald sie das Fauchen des Abschusses hörten. Die Geschosse landeten im Korridor hinter der Halle und verwandelten ihn in einen Flammentunnel. Ein nützliches Hindernis für eine etwaige Verstärkung.

Zähler schnappte sich einen von den kleinen Containern, die überall herumstanden, und warf ihn mit einer ächzenden Rumpfdrehung gegen die feindliche Truppe. Sofort setzte Pullman nach. Er rannte dem Container hinterher, und während die acht verbliebenen Verteidiger dem aufschmetternden Stahlbehälter auswichen, sprang Pullman oben drauf. Er drehte sich nach links und deckte eine der Vierergruppen mit Salven aus seinem schweren Blastergewehr ein.

Die empfindliche Stelle hinter den Metallkrägen der Androiden war schwer zu treffen, aber von dem erhöhten Standpunkt aus und bei der frisierten Schussfrequenz seiner Waffe haute es hin. Innerhalb von Sekunden waren zwei Gegner am Boden und einer stolperte ohne Kopf umher. Dem letzten sprang Pullman direkt vor die Füße und rammte ihm mit aller Gewalt sein Messer in die empfindliche Kinnpartie. Aus den Visorezeptoren stoben Funken. Pullman machte einen Schritt zur Seite. Der Roboter donnerte neben ihn.

»Sieben … sechs, fünf … vier.« Zählers gelbe Hochenergiegeschosse fällte den Rest der Truppe, noch bevor dieser sich umorganisiert hatte. »Dreizweieins. Fertig!«

Die Waffen schwiegen. Zählers Repetiertrommel sirrte noch nach.

Bedauernd verzog Pullman die schwarzen Augenbrauen. »Vielleicht weißt du unsere Partnerschaft jetzt mal endlich zu schätzen, Zähler. So sieht das nämlich aus, wenn man einer unflexiblen Programmierung zum Opfer fällt.«

Zähler schloss zu ihm auf und räumte die Reste vor dem Tor weg. »Vielleicht hätten Sie bei ROBOT-A als Programmierer anheuern sollen.«

Was Zählers Kommentar wirklich Biss verlieh, war die Tatsache, dass er es absolut ernst meinte. Maschinen verfügten nicht über Sarkasmus.

Pullman winkte ihn zur Seite. »So. Wenn auch dieser Code stimmt, dann müssen wir nur noch den Kopf holen und uns durch die Kanalisation absetzen.« Hastig tippte er die Zahlenfolge ein, die ihm der kleine, wieder ausgeklappte Bildschirm aus seinem Brustpanzer verriet.

Mit einem mechanischen Seufzen lösten sich die Ränder der Tür. Zwei große Scharnierarme schwenkten sie nach innen.

In der achteckigen Kammer, die sich öffnete, stand ROBOTAs wohlgehütetes Geheimnis: ein Raum voller humanoider Kampfmaschinen, die größer waren als Zähler und noch wesentlich Ehrfurcht gebietender. Wahre Giganten. Aber was sie angeblich so gefährlich machen sollte, war eben jene Programmierung, mit der Pullman schon bei den Wächtern vor dem Tor gerechnet hatte. Schenkte man ihrem Auftraggeber Glauben, waren sie kreativ, anpassungsfähig und absolut tödlich.

Zum Glück war zu dieser Phase des Projekts keiner von ihnen eingeschaltet. Alle standen im Halbdunkel an Arbeitsstationen herum und blickten aus leeren Augenhöhlen ins Nichts.

Während Pullman sich auf die Suche nach ihrem Zielobjekt machte, deckte Zähler den Eingang.

Die Automatons hatten alle einen dieser flachen runden Köpfe, an denen hinten ein halb umlaufender Nackenschutz gesetzt war. Genau wie der, den er suchen sollte. Nur dass sein Zielobjekt ohne Körper in einem verglasten Fach an der Wand untergebracht sein würde.

Pullman ging zur Hauptkonsole nahe einer Wand zu seiner Linken und steckte einen kleinen rechteckigen Bypasser hinein. Nun hatte er mittels des Holowürfels, den das Gerät vor sein Gesicht projizierte, Zugriff auf alle Funktionen des Raumes, ohne dass die Zentralstelle davon Wind bekam. Er musste nur die Innenbeleuchtung für die Fächer der hinteren Wandabschnitte einschalten und sie entriegeln.

Drei Wände erhellten sich und alle Türchen der quadratischen weißen Fächer klackten.

»Ich nehme eine Lebensform wahr. Aber das kann nicht sein. Ohne Herzschlag …« Zähler bekam nicht die Gelegenheit, diesen Satz zu beenden.

Die Augen eines Automaton in der rechten Ecke flammten auf. Gleichzeitig schob sich aus der Decke eine Selbstschusskanone. Pullman hatte keine Ahnung, was für ein Ballermann das war, aber er hatte genug in den Spulen, um Zählers Panzerung mühelos zu durchschlagen.

Kopftreffer. Seine Gesichtsplatte wurde zur Seite gerissen und grelle Flammen zerschmolzen die Integralschaltkreise seines Gehirns. Innerhalb einer Sekunde war Zähler Geschichte.

Der Kampfroboter aus der Ecke stampfte auf Pullman zu. Rücksichtslos schubste er seine starren Kameraden dabei zur Seite.

Tische barsten. Klirrend ging Glas zu Bruch.

Pullman überlegte nicht, er reagierte bloß wieder. Reflexartig gab er dem Koloss drei kurze Salven auf die Fußgelenke, aber der Kerl hatte ebenfalls einen Schildarm und einen extrem schnellen dazu!

Bevor er allerdings drei weitere Schritte auf Pullman zu getan hatte, zeigte ihm dieser, dass auch sein Gewehr über einen Harpunenaufsatz verfügte. Der Magnetbolzen traf den Automaton direkt in den Bauch. Pullman war klar, dass die Ladung eines einzelnen Gewehres nie und nimmer einen bemerkbaren Effekt erzielen würde. Und richtig: In einer schnellen Bewegung hatte der Roboter den Bolzen abgerissen und wollte Pullman mit dem Seil die Waffe entreißen. Aber damit hatte Pullman gerechnet. Er hatte längst die Rückholspule der Harpune ausgelöst und sich fallen lassen. Als er unter den ersten von drei Tischen geriet, klinkte er das Seil aus. Einen Dreifachsalut auf die Beschichtung seines Torsopanzers! Der Vorwärtsschwung reichte, um ihn über den Boden direkt durch die Beine seines Feindes gleiten zu lassen.

Die gesamte Rutschpartie über blieb Pullmans Finger am Abzug. Die Reflektorschicht in der unteren Körperhälfte des Androiden warf Blasen. Schließlich kam Pullman im Rücken des Feindes zum Liegen.

Der Kampfroboter drehte sich herum. Seine Optiksensoren brannten wie Schmelzöfen. Kaum stand der Prämienhund auf den Füßen, wurde ihm das Gewehr aus der Hand geschlagen. Mit der anderen Metallpranke packte der Roboter zu und hob ihn vom Boden. Offenbar wollte er Pullman zerdrücken, doch der schweineteure Prälasiumpanzer leistete hervorragend Widerstand. Der Roboter zischte. Vor Wut?

Noch bevor er Pullmans Bein mit der anderen Hand greifen konnte, hatte dieser sein Messer in den Handgelenksschlitz gerammt. Die Klinge teilte sich und eine dritte, noch schmalere Klinge schoss hervor. In dem Gelenkspalt blitzte es. Dann fiel Pullman mit der erschlafften Hand zu Boden.

Während der Automaton wie verblüfft auf seinen Armstumpf blickte, hatte Pullman sich bereits wieder aufgerappelt. Er sprintete zur Wand. Wie eine Urgewalt stampfte der Kampfkoloss hinter ihm her. Aus vollem Anlauf heraus fuhr Pullman die Kletterkrallen aus und rannte ein Stück der gläsernen Wand empor. Die Glasfächer klirrten unter jedem seiner Schritte, bis er einen Salto schlug. Er sprang so hoch, dass er genau auf den Schultern des drei Meter großen Automaton landete.

Dort trieb er mit aller Gewalt sein Messer zwischen den Kragenring ins Genick des Roboters. Es gab ein elektronisches Schnaufen.

Zuerst polterte der Kopf vom Rumpf. Danach Stille.

Nach einer Sekunde sackte der Kampfdroide geräuschvoll in die Knie, um anschließend mit einem kräftigen Rumms gänzlich unter ihm zusammenzubrechen.

Pullman erhob sich und stellte sich neben den Besiegten. Unter der Panzerung hob und senkte sich seine Brust in schnellem Rhythmus. Keine Zeit für Bedauern oder Triumphe. Er blickte sich um. Wo war Fach 0040? Hoffentlich hatte er es nicht gerade mit den Kletterkrallen beschädigt.

Fach um Fach schritt er ab. In fast jedem lag ein Kopf in der Art, wie er ihn gerade vom Körper des Kampfdroiden abgetrennt hatte. Nur dass ihre Pupillen nicht von jenem gelben Feuer erfüllt waren. Sie blickten lediglich mit matt silbrigen Augen an ihm vorbei.

Endlich entdeckte Pullman das Fach. Er konnte keinen Unterschied zu all den anderen Köpfen ausmachen. Selbst als er durch die kleine Glastür nach ihm griff, schien der beträchtlich schwere Kopf wie all die anderen zu sein. Aber was sein Auftraggeber gerade an diesem Ding aus Fach 0040 so Besonderes fand, hatte ihn nicht zu interessieren. Wichtig war nur, dass er ihn fristgerecht ablieferte. Und davon konnte ihn jetzt niemand mehr abbringen.

Vielleicht wollte es der dunkelhäutige ältere Herr in dem weißen Gewand versuchen, der den Eingang versperrte?

Pullman schreckte zusammen. Bellow Kessler persönlich. Was machte der denn hier? Der Mann mit dem von Grau durchzogenen Bart schien ihm keine Erklärung liefern zu wollen und Pullman würde auch nach keiner fragen. Er wollte gerade das Gewehr heben, um Kessler einfach über den Haufen zu schießen, da fing der Vorsteher von ROBOT-A Inc. an zu murmeln. Während seine Finger minimalistisch in Pullmans Richtung gestikulierten, kam ein wahrer Fluss von unverständlichen Worten über seine Lippen.

Was, bei allen Teufeln, ging denn jetzt ab?

Pullman wurde erst schlecht, gleich darauf schwindelig. Das Gewehr fiel aus seiner Hand. Für einen Augenblick hatte er das seltsame Gefühl, er würde sich selbst in die Augen schauen, schließlich fiel er hin. Um ihn herum drehte sich alles. Nach einer gefühlten Ewigkeit schlug er mit der Nase auf den Boden. Da war gar kein Schmerz?!

»Gift!«, dachte er noch und wurde daraufhin sofort bewusstlos.

Als Pullman erwachte, schaute er direkt in Bellow Kesslers Gesicht.

»Ich sagte ihnen doch, er wäre der ideale Kandidat.«

Auch wenn sie seltsam hohl in seinen Ohren klang, kam Pullman diese Stimme bekannt vor. Kesslers Lippen hatten sich jedenfalls nicht bewegt. Der Industriekapitän schloss lediglich seine Hände um Pullmans Wangen. Allerdings konnte der nichts von der Berührung wahrnehmen. Er konnte, verflucht nochmal, seinen ganzen Körper nicht mehr spüren.

»Die Fächer!«, schoss es ihm durch den Kopf. »Das Nervengift musste in der Luft der Fächer gewesen sein.« Er verwünschte seine unprofessionelle Eile.

Jetzt drehte Kessler Pullmans Gesicht ein wenig zur Seite. Sterling Crane, diese verräterische Ratte, kam ins Sichtfeld. Er steckte also dahinter. Er hatte einen Mittelsmann engagiert, um Pullman in die Falle zu locken. Und das alles wegen eins Komma fünf Prozent.

»Sie müssen nur die Dämpfung der Gelenke an seine Bewegungsmuster anpassen, dann wird er tödlicher als alle vor ihm werden. Vielleicht sollten Sie darüber hinaus den Schutz der Gelenke und der Region unter dem Kinn noch einmal überdenken.«

»Wenn er fertig ist, bekommt er den Rang eines Commanders«, antwortete Kessler mit väterlichem Stolz in der Stimme.

Pullman bemerkte, dass er nicht auf dem Boden lag. Eigentlich war er genau davon ausgegangen. Bei diesem Blickwinkel jedoch war das unmöglich. Aber so leicht wie Kessler ihn nun herumschwenkte, konnte er sich auch nicht im Stand befinden.

»Der Kerl hat schon als Prämienhund gekämpft wie eine Maschine«, schnarrte Crane.

Als Kessler ihn in das gläserne Fach 0040 steckte und er seinen eigenen Körper auf dem Boden liegen sah, traf Pullman die Erkenntnis. Crane beugte sich gerade über ihn und entfernte die ID-Chips aus dem versteckten Fach im Torsopanzer.

Pullman war in dem Kopf eines Automaton!

Vor seinen Augen wurde die Tür mit der Nummer geschlossen. Kessler hatte ihn mit seinem Gemurmel irgendwie in diesen verfluchten Metallschädel befördert. Aber das konnte nicht sein. Das wäre Zauberei und so etwas gab es unter der Regentschaft des Dynasten nicht. Jeder, der auch nur den Anschein erweckte, irgendwelche übernatürlichen Kunststückchen oder religiösen Mätzchen zu veranstalten, wurde von einer Spezialeinheit des Regenten sofort zur Strecke gebracht.

»Sie sprachen von einer Truppe, die sich regelmäßig im Grenzkrieg verdingt.« Durch das Glas war Kessler nur schwer zu verstehen.

Crane nickte begeistert. »Oh, ja. Das sind wirklich ausgesprochen zähe Hunde. Sie würden exzellent zu 0040 passen.«

»Gut, leiten Sie das in die Wege, Crane. Bezahlung bei Lieferung.«

Bezahlung bei Lieferung. Der Leitsatz der Prämienhunde waren die letzten Worte, die Gregorian Pullman vernahm. Danach erlosch das Licht um ihn herum, und in gleicher Weise sein freier Wille.

Kapitel 1

Während der Aufzugfahrt nach unten konnte Caron den Blick kaum von den beiden Wachen nehmen, die man ihm zur Seite gestellt hatte. Auf ihrer Brust prangte das rote Herz mit der weißen Hand, das Symbol der absoluten Wahrheit. Ihre Verpflichtung galt allein dem Herrscher Trentagons: Carons Vater, dem Dynasten.

Beide waren in die gleiche Mischung aus braunen Rüstungsteilen und Stoff gekleidet. Doch die Zusammenstellung und der Grad der Abnutzung ihrer Ausstattung unterschieden sich erheblich.

Was mochte in den verwegen uniformierten Männern wohl vorgehen? Sie würden jederzeit ihr Leben für ihn hingeben, aber Caron auch genauso bedenkenlos niederschießen, sobald sie ihn als Bedrohung für den Dynasten einstuften. Trotzdem wünschte er sich nichts so sehr, als einer von ihnen zu sein. Und wenn das Schicksal es gut mit ihm meinte, dann wäre genau das schon bald der Fall.

Der Aufzug stoppte. Die Türen glitten auf. Beide Wächter rührten sich nicht, bis Caron selber aus der Kabine trat. Dann folgten sie mit ausdruckslosen Gesichtern unter den Helmen.

So lang und hell, wie er war, sah man dem Gang, den die Dreiergruppe nun entlangschritt, kaum an, dass er sich fast hundert Meter tief in der Erde befand. In regelmäßigen Abständen konnte man hinter den abgerundeten Fensterfronten der Regentschaftsbüros rege Betriebsamkeit erkennen. Dazwischen zeigten Panoramahologramme an den Wänden Szenen aus der wilden Natur.

Nach hundert Metern endete der Weg vor einer automatischen Doppeltür. Im Gegensatz zur unruhigen Geräuschkulisse des Ganges herrschte in dem recht geräumigen Zimmer hinter den Türen eine geradezu meditative Stille. Ein Brunnen aus weißem Stein plätscherte beruhigend vor sich hin. Abgesehen von den Soldaten, die den Ausgang auf der gegenüberliegenden Seite bewachten, war nur noch eine Person anwesend. Der Mann war ein paar Jahre jünger als Caron, trug den gleichen schlichten Tuchanzug wie er und saß in einem der Formsessel an den Wänden. Genau in dem Augenblick, als sich die Türen wieder schlossen, stand er auf.

»Caron!«, hieß er den Neuankömmling mit offenen Armen willkommen. »Du hast es also endlich geschafft?«

»Ich grüße dich, Bruder«, erwiderte Caron unterkühlt, denn die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass sein Gegenüber es keinesfalls so herzlich meinte, wie es den Anschein hatte. »Woher weißt du von meiner Unterredung mit Vater?«

»Der Dynast hat mich heute ebenfalls zu sich bestellt. Es gibt wohl einige Formalitäten zu klären, die sich aus deiner Abwesenheit ergeben werden.« Deutlicher musste sein Bruder nicht werden. Caron war klar, dass Sito, Nächster in der Erbfolge des Dynasten, nur darauf lauerte, Carons Aufgaben im Hintergrund zu übernehmen, und — falls er scheitern sollte — diese auch zu behalten. Caron würde weder den langweiligen politischen Unterricht noch das Auswerten von Aufklärungsprotokollen wirklich vermissen. Ihn erwartete weitaus Aufregenderes.

»Ich weiß, du lehnst gut gemeinte Ratschläge grundsätzlich ab, Sito, aber ich werde dir trotzdem einen mit auf den Weg geben: Die Administratorin der südlichen Halbinseln macht gerne Komplimente. Und wenn du mit ihr alleine bist, wird sie sogar noch direkter, aber in Wahrheit meint sie es alles andere als ernst. Maestro Govan hat mir erklärt, dass sie nur mit allen Mitteln von ihren windumtosten Felsen runter möchte, und ich musste leider einsehen, dass er recht hatte. Treib mit ihr also, was du willst, mach nur ja nicht den Fehler und offenbare dich dabei. Es würde sowohl deiner Sicherheit als auch der unseres Vaters sehr schaden.«

Sitos Gesichtsausdruck verlor etwas von seiner gespielten Freundlichkeit.

Caron ergänzte: »Ihre Tochter soll im Übrigen auch nicht besser sein, sagte Govan.«

Nun schaute Sito regelrecht verdrießlich. Carons Bruder war bei all seinem Opportunismus und den ungezügelten Ambitionen manchmal ein wenig vorschnell. Sollte er aus lauter Eitelkeit jemandem verraten haben, dass er weit mehr war als einer der hundert Günstlinge des Dynasten, nämlich ein leiblicher Sohn desselben, konnte er schneller zum politischen Faustpfand werden, als ihm lieb war. Und ein Dynast ließ sich niemals erpressen, selbst mit dem Leben des eigenen Kindes nicht. Sito wäre nicht der erste Spross eines Herrschers von Trentagon, der dies am eigenen Leib erfahren müsste.

Caron ließ ihn stehen und bewegte sich zum Durchgang in das kleine Reich seines Vaters. Die Wächter tauschten ihre Formalitäten mit seinem Begleitschutz nach dem strengen Prozedere der Sinistra aus. Dann öffneten sich zwei weitere Schiebetüren und Caron wurde ins innerste Zentrum der Macht eingelassen.

Hier waren Bildschirme, Holodisplays und Überwachungsanzeigen aller Art in mehreren konzentrischen Ringen angeordnet. Mit verschränkten Armen blieb Caron vor dem äußersten Ring stehen und beobachtete seinen Vater. Der Dynast stand umgeben von über einem Dutzend Übertragungsgabeln im kreisrunden Sendefeld in der Mitte. Zwischen den U-förmigen Zacken der Gabeln bewegten sich die holografischen Abbilder der mächtigsten Köpfe in ganz Trentagon. Und das im wahrsten Sinne des Wortes.

»Die Phase des letzten Geburtenrückgangs dringt jetzt langsam in den zweiten Dekadezyklus und schon machen sich die ersten negativen Auswirkungen bemerkbar. Das ist nicht mehr wegzudiskutieren«, sagte gerade der Kopf des Obersten Militäradministrators. »Sollte es an der Grenze im Laufe des nächsten Halbjahres wieder zu mehreren Großoffensiven kommen, weiß ich nicht, wie wir die aktuelle Frontlinie ohne vernünftigen Nachschub noch halten sollen. Entweder bitten wir unsere Nachbarn im Süden endlich um Unterstützung oder Trentagon kommt um Zwangsrekrutierungen aus der Zivilbevölkerung nicht herum.« Während er sprach, hatte seine Stimme an Schärfe gewonnen und die schiffchenartige Kopfbedeckung war um einen deutlichen Zentimeter näher an die buschigen Augenbrauen gerutscht.

»Extrinsische Rekrutierungsmaßnahmen wären eine Katastrophe für die Universitäten und Elitekollegien. Die Jahrgangsstärken nehmen auch so schon jedes Jahr ab«, ereiferte sich die Hochadministratorin für Edukation und der dreiköpfige Wissenschaftsrat gab ihr lautstark recht.

Für den Kopf mit dem weißen Schiffchen war dies Öl ins Feuer. »Dann müssen diese Institutionen von der Rekrutierung eben ausgenommen werden. Aber wenn wir uns weiterhin auf die bloße Einsicht unserer Bürger verlassen, dann wird es in Trentagon bald keinen Ort mehr geben, an dem man das Wissen mehren könnte, denn hier steht die Existenz des gesamten Sektors auf dem Spiel.«

Jetzt wehrten sich die Verwalter der verschiedenen Produktionsbereiche dagegen, dass man ihnen die jungen Arbeiter wegnehmen wollte, und jeder stimmte in das Streitgespräch mit ein. Bis auf den Mann in ihrer Mitte.

Mit einem schnellen Wischen seiner Hand drehte er der fruchtlosen Diskussion den Ton ab. Ein paar Sekunden brüllten die Köpfe noch stumm aufeinander ein, dann merkte der Erste, dass ihm niemand mehr zuhören konnte, und die Bewegungen seiner Lippen hörten auf.

Erst als auch der Letzte seine Aufmerksamkeit ganz auf den Dynasten lenkte, sagte dieser mit fester, dosierter Stimme: »Wir werden uns weder die Blöße geben, Wuanco um Hilfe zu ersuchen, noch unseren Bürgern die Freiheit nehmen, über ihren Lebensweg selbst zu entscheiden. Ich glaube kaum, dass Krieger wider Willen geeignete Kämpfer abgeben würden. Und damit ist dieser höchst unangenehme Disput ein für alle Mal beendet.«

Fast alle nickten.

Der Dynast schenkte dem Militäradministrator einen strengen Blick, dann nickte auch der. Mit der gleichen Geste, mit der er seinen Beraterstab gerade zum Schweigen gebracht hatte, räumte er ihm jetzt das Recht der freien Rede wieder ein. Dennoch sagte niemand ein Wort.

»Schon vor ein paar Monaten habe ich Maßnahmen eingeleitet, um sowohl die innere als auch die äußere Sicherheit für Trentagon weiter zu gewährleisten. Zu einem geeigneten Zeitpunkt werde ich die Administrative darüber genauer informieren. Möge euer Tag erfüllt verlaufen.« Nach einer weiteren Geste verschwanden die Köpfe. Der Dynast verblieb noch für einen nachdenklichen Augenblick, wo er war. »Es sollte eigentlich eine Finanzplanung für das nächste Jahr werden«, dachte er laut, dann winkte er Caron zu sich. Sein Ton wurde versöhnlicher. »Ich würde mir nichts mehr wünschen, als dass du diese Aufgabe eines Tages übernimmst. Eigentlich sollte ich dir gegenüber ein schlechtes Gewissen haben.«

Caron lächelte und umschloss mit dem Ritus der gleichgestellten Krieger den Unterarm seines Vaters mit der Hand. »Gab es Probleme?«

»Selbstverständlich. Und immer die gleichen. Jeder will dem anderen ein Auge aushacken, wenn möglich sogar beide. Und sobald sich einer von diesen Geiern mächtig genug fühlt, wird er mich beseitigen, um meinen Platz einzunehmen. Das ist der Weg der Dynasten. Wer sich dem nicht gewachsen fühlt, der gehört nicht an meine Position. Aber was rede ich. Heute gibt es weitaus Wichtigeres. Wie fühlst du dich, mein Sohn?«

Caron fuhr sich durch die schwarzen Haare. »Ein wenig aufgeregt, aber auch neugierig und voller Vorfreude.«

»Willst du es dir nicht noch einmal überlegen? Ich könnte dich gegebenenfalls mühelos in der Administration unterbringen. Nach dem Gespräch gerade kann ich mir nämlich durchaus vorstellen, dass das Manipulieren von Zahlen und Meinungen viel hilfreicher ist als Nahkampftraining und Zielübungen, wenn du selber einst über Trentagon herrschen willst.«

»Nein. Mein Wunsch steht unumstößlich fest: Ich will in die Sinistra.«

Der Dynast zeichnete mit einem Finger die Narbe nach, die sich von seiner Wange bis zur Oberlippe zog. »Du bist mir in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich.«

»Dasselbe wirft Sito mir auch dauernd vor. Er hat sich übrigens wahrscheinlich gegenüber der Administratorin der südlichen Halbinseln verraten.«

Der Mund des Dynasten bekam einen strengen Zug. »Das Naturell deines Bruders schlägt eher nach dem seiner Mutter. Sein Charakter unterscheidet sich erheblich von deinem, dennoch wurden auch ihm Fähigkeiten vererbt, die vorzüglich zu einem zukünftigen Regenten passen würden. Jedoch … wenn er sich durch eigene Unvorsichtigkeit in Gefahr bringt, soll er selber sehen, wie er seinen Hals rettet. Versagt er dabei, dann ist er vielleicht doch nicht so fähig, wie ich die ganze Zeit über gedacht habe.«

Für einen unbehaglichen Moment herrschte Schweigen zwischen Vater und Sohn, doch zu guter Letzt brach die Miene des Dynasten wieder auf.

»Natürlich bin ich dir dankbar für deine Offenheit, Caron. So kann ich im Vorhinein bereits verhindern, dass Sitos Fehler Trentagon schaden werden. Er selber hätte wahrscheinlich versucht, es zu vertuschen.« Dann baute er sich feierlich vor Caron auf. »Aber kommen wir zu dir und deinem wichtigen Tag morgen. Über deine Entscheidung, der Sinistra beizutreten, bin ich sehr glücklich. Ein Herrscher sollte aus erster Hand erfahren, was er seinen Kämpfern abverlangt. Wenn du deine Sache gut machst, habe ich schon bald einen Auftrag für dich, der eines Dynastensohns würdig ist.«

Carons Haltung straffte sich. »Ich werde dich niemals enttäuschen, Vater.«

»Davon bin ich überzeugt.« Jetzt deutete der Mann mit den schwarzgrauen Haaren ein Lächeln an. »Hast du dir einen Namen ausgesucht?«

»Salvador. Caron Salvador.«

»Ist das nicht ein wenig pathetisch für einen zukünftigen Regenten?«, fragte der Dynast skeptisch.

»Diesem Status bin ich doch wohl für die nächsten fünf Jahre enthoben. Es könnte also gar keine bessere Tarnung geben.«

»Ich gebe dir recht. Vergiss niemals, dass kein Mensch jenseits dieser Mauern wissen darf, wer du wirklich bist, Caron Salvador.«

Zur Antwort nickte Caron bloß. Sein Vater beugte sich an sein Ohr und flüsterte ihm ein einzelnes Wort zu. Fragend verzog Caron das Gesicht.

»Sollte eine Offenbarung deiner wahren Identität jemals unabwendbar werden, kannst du dich mit diesem Codewort als mein Sohn legitimieren. Nutze es weise. Verwende es nur, wenn Trentagon höchste Gefahr droht, andernfalls ist dein Anspruch auf die Stellung eines Dynasten für mich nichtig geworden.«

»Mir ist die Bürde dieser Verantwortung bewusst, Vater.«

Der Dynast betrachtete ihn drei Sekunden forschend, danach sagte er: »Die Zeit des Abschieds ist gekommen. Es fällt mir schwer, es auszusprechen, aber hoffentlich werden bis zu unserem nächsten Zusammentreffen fünf Jahre vergehen. Denn nur das würde bedeuten, dass du den Rang des Commodore erreicht hast und alles so verlaufen ist, wie wir es uns erhofft haben.« Diesmal ergriff der Dynast seinerseits den Unterarm seines Sohnes. »Mach mich stolz!«

»Nichts anderes wird geschehen«, versicherte Caron mit fester Stimme.

Kapitel 2

Caron kratzte sich im Nacken. Die neue Kurzhaarfrisur war ungewohnt. Doch wenn er sich in dem Militärshuttle umsah, hatte fast keiner der Mitreisenden längere Haare als er. Bloß einer Frau, zwei abgewetzte Sitzreihen vor ihm, fiel die schwarze Lockenpracht ungebändigt bis auf die Schultern.

Keiner hier wechselte ein Wort mit dem anderen. Zwar dröhnte das Geräusch der Antriebsdüsen laut durch die offenen Lamellenschlitze über den Fenstern, aber dies stellte wohl kaum einen Grund für die allgemeine Schweigsamkeit in dem Shuttle dar. Jeder von den dreißig Männern und Frauen hatte in der einen oder anderen Hinsicht eine militärische Ausbildung genossen. Von seinem Gefechtsinstruktor wusste Caron, dass solche Leute in der Regel nicht zu überflüssigen Gesprächen neigten. Allerdings konnte er sich ebenso gut vorstellen, dass alle, so hartgesotten wie sie auch aussahen, dasselbe Magendrücken verspürten wie er selbst.

Die Sinistra. Diese Sturm- und Sicherheitseinheit des Dynasten war der Traum eines jeden Kämpfers unter Waffen. Von der Front im Norden Trentagons bis hin zu den südwestlichen Territorien galt die Sinistra alsdieElitebrigade. Betraten Krieger in Braun die Szene, mussten alle anderen zurückstehen. Selbst diejenigen, die in der Aufnahmeausbildung scheiterten, galten bei anderen Truppen als etwas Besonderes.

Caron reckte den Hals. Nicht mehr lange, dann mussten sie am Ziel angekommen sein. Er versuchte, den sogenannten Bunker irgendwo auszumachen, doch die kopfhohe Fensterfurche ließ ihm kaum genug Sicht auf den Flugverkehr, der links und rechts an ihnen vorbeisauste.

Nachdem ein besonders dicker Nachschubfrachter ihre linke Flanke passiert hatte, änderten die Piloten des Militärtransporters den Kurs. Für ein paar Sekunden flogen sie längsseits zu einem ausgedehnten Gebäudekomplex, der sich unter der heißen Sonne Trentagons erhob und wie eine abgeschnittene Pyramide aussah. Ein Raunen ging durch die Großkabine. Caron hatte richtig gelegen: Ein jeder hier erwartete das Kommende ebenso angespannt wie er selbst. Mit Glitzern in den harten Blicken und auf- und abgleitenden Adamsäpfeln wandten alle ihre Aufmerksamkeit nach rechts. Ein Kadett im Mittelgang stand sogar auf, um einen Blick auf das Hauptquartier der Sinistra zu werfen.

Nicht lange, dann setzte der Transporter zum Landeanflug an und der Bunker entzog sich wieder jeder Betrachtung.

In ein paar Minuten wäre Caron genau da, wo er schon sein wollte, als er noch als kleiner Junge mit hochrotem Gesicht Berichte über die Verteidiger des Dynasten im Nuevo-Sender verfolgt hatte.

In effizientem Eiltempo wurde die Ausbildungskompanie auf Korridore und Räume aufgeteilt. Kaum hatte Caron den braunen Overall und die schwarzen Plattenstiefel wie befohlen angelegt, ließ man die Kadetten auch schon wieder auf einem kleinen Exerzierplatz antreten. Die mit Pistenbeton bedeckte Fläche war, einer übergroßen Terrasse gleich, in die Südwand des Bunkers eingelassen. Unter der grellen Morgensonne geriet man nach ein paar Minuten ganz schön ins Schwitzen, doch von den vier rechteckig ausgerichteten Dreißigmannkarrees hörte man kein einziges mürrisches Wort.

Caron stand in der zweiten Reihe der vorderen Gruppe links. Über die Schulter seines Vordermannes konnte er fünf Männer erkennen, die sich in militärisch strammer Haltung vor ihnen aufgebaut hatten. Die Fünf trugen einen braunen Brustpanzer und jene schiffchenartige Kopfbedeckung, wie Caron sie vom Obersten Militäradministrator her kannte. Hinter dem Mann in der Mitte flatterte zusätzlich ein Cape im leichten Wind. Vor seinem Mund schwebte ein Stimmverstärker.

Caron blinzelte. Wenn er sich recht erinnerte, handelte es sich bei dem Mann mit dem Cape um einen Coronel, wahrscheinlich Peon Duro, den Leiter der Ausbildungsabteilung. Die vier Männer zu seinen Seiten waren anhand der Abzeichen auf den Schulterspangen als einfache Capitanes zu identifizieren. Für die ersten Monate würden sie Carons direkte Vorgesetzte sein.

»Bislang wart ihr alle aufrechte Kämpfer im Dienst von Trentagon; jeder von euch der Stolz seiner jeweiligen Truppengattung«, begann Coronel Duro in den Stimmverstärker zu bellen.

Caron musste an das Zeugnis denken, das ihm seine Ausbilder ausgestellt hatten. Die Noten darauf waren die besten und spiegelten authentisch seinen Leistungsstand wider, das hatte Maestro Govan ihm mehrmals versichert. Nichtsdestotrotz war es eine Fälschung. Das Militärkollegium in Balota hatte er nie besucht.

»Doch so gut eure Errungenschaften bis jetzt auch waren«, fuhr der Coronel fort. »… so hoch der Rang war, den ihr bekleidet habt, nun lasst ihr dies alles hinter euch. Allein die Tatsache, dass ihr hier im Centro Sinistra vor mir steht, beweist euer Bestreben nach einem höheren, edleren Weg. Wenn ihr eines Tages das Herz der Wahrheit auf und in eurer Brust tragt, gibt es keine Regel mehr außer dem Canon Sinistra. Jeder Mensch außerhalb unseres Bundes muss beiseitetreten, wenn ihr seinen Weg kreuzt. Das gilt bis hinauf in die Hochadministration.«

Caron schwoll die Brust bei dem Gedanken an solche Aussichten.

»Doch dieses Vorrecht ist alles andere als ein Geschenk. Ihr müsst es dem Schicksal abtrotzen. Seid euch dessen immer bewusst. Ihr alle müsst nichts Geringeres tun, als über euch hinauszuwachsen. Von den hundertzwanzig, die hier stehen, werden das nicht alle schaffen. Viele werden wieder in ihr altes Leben zurückgeschickt. Letztendlich werden nur dreißig in unsere Reihen aufgenommen. Ich erwarte also euer Bestes … oder mehr. Viva Verdad!«

»Viva Verdad!«, brüllten die vier Capitanes wie aus einem Mund und gesellten sich mit zackigem Schritt jeweils neben die Dreißigergruppe, für die sie ab heute die Verantwortung trugen. Dann marschierten sie geschlossen vom sonnigen Platz durch das große, dunkle Tor des Bunkers.

Zurück auf dem Korridor hieß es für Carons Mitkadetten gleich wieder, in Reihe vor den Türen ihrer Zimmer Aufstellung zu nehmen.

Der Capitan machte sich nicht die Mühe, sich vorzustellen, sondern brüllte sofort wieder los: »Ihr seid nun Mitglieder der Araca, des dritten Ausbildungszuges.MeinesZuges! Jede Anweisung, die ich euch gebe, werdet ihr gefälligst mit›Ja, Capitan!‹beantworten. So viel zu den Formalitäten.«

Noch eine Ansprache, dachte Caron genervt. Zum Glück pflegten die Offiziere der Sinistra sich kürzer zu halten als die Administratoren im Dynastensitz.

»Ihr habt den Coronel gehört. Nur dreißig werden es in die Sinistra schaffen. Ich werde dafür sorgen, dass die meisten davon Aracas sind.« Er holte einmal tief Luft. »Die Besetzung der Zimmer entspricht den Truppen dieses Zuges. Ihr schlaft mit den gleichen Leuten, mit denen ihr euch Seite an Seite durch diese Ausbildung kämpft. Gewöhnt euch also an die Gesichter, an die Geräusche, an den Geruch. Und ja: Frauen wohnen hier mit Männern in einem Raum. Da wo ihr herkommt, mag das anders gewesen sein, aber bei der Sinistra hat man nichts vor seinen Compañeros zu verbergen. Egal, wie groß …« Er lächelte vielsagend. »… oder wie klein es sein mag.«

Die Frauen lachten. Einige der Männer auch, aber längst nicht alle.

Schnell wurde der Capitan wieder ernst. »Ich erwarte alle Aracas so schnell wie möglich in Trainingsarena 037!«, brüllte er unvermittelt.

Niemand rührte sich.

»Das war ein Befehl! Na los, umziehen und dann in die Arena mit euren Ärschen!«

»Ja, Capitan!«, brüllten die Kadetten laut, aber nicht ganz synchron, zurück. Mit trampelnden Stiefeln lief jeder in sein Truppenzimmer.

»Wollen doch mal sehen, welche Gruppe ich als erste unten begrüßen darf«, rief der Capitan ihnen nach.

Auf den Zimmern erwartete sie die erste Überraschung. Sowohl ihre Taschen als auch ihre Kleidung war verschwunden.

»Was zum …?« Indem er sich über das ihm zugeteilte Bett beugte, verschluckte der Schrank von einem Kerl, der direkt vor Caron durch die Tür gegangen war, einen Fluch. Er hatte auf der groben Decke einen silbernen Codeschlüssel gefunden. Auf jedem Bett lag einer.

Caron schnappte sich den von seinem Bett und probierte ihn an einem der Spinde an der hinteren Wand aus. Nach dem dritten Versuch gab das Schloss an einer der schmalen Türen ein Zischen von sich und sie sprang auf. Caron war bereits dabei, eine der drei Uniformjacken auf ihre Größe hin zu überprüfen, während der Rest der Gruppe hektisch mit seinen Schlüsseln herumprobierte. Noch bevor er einen Blick auf das Größenmuster auf der Innenseite des Ärmels werfen konnte, fielen ihm Brustabnäher an der Jacke auf.

»Das ist dann wohl mein Schrank«, sagte jemand und griff von hinten nach der Jacke.

Caron drehte sich herum. Vor ihm stand die junge Frau mit den schwarzen Locken aus dem Transporter.

»Sieht ganz so aus«, erwiderte Caron ihr Grinsen und händigte den Codeschlüssel aus. »Aber wer hat meinen Schlüssel?«, fragte er in die Runde.

»Ich«, kam es vom anderen Ende der Spindwand. Ein hagerer Typ hielt das Plättchen in die Höhe. »Jedenfalls, wenn du Caron Salvador bist. Die richtige Statur hättest du für diese Sachen.«

Caron trat an den Spind. »Ich bin Salvador, aber woher weißt du das?«

»In den Schlössern sind die Stamminformationen des jeweiligen Besitzers eingetragen.«

»Das weiß ich auch, aber wie bist du an die Daten herangekommen?«

Der Kerl hielt einen Lesestift mit einem kleinen Display hoch. »Ich habe nicht alle meine Sachen nach dem Umziehen hiergelassen.« Er setzte eine verschlagene Miene auf.

»Sehr gut. Danke.« Diesen Typen musste Caron sich warmhalten. Er nahm seinen Schlüssel und ging die Sachen im Spind durch.

Auch der Rest der Truppe ließ sich von dem Hageren flugs die richtigen Spinde zeigen.

Caron war in Gedanken schon beim nächsten Schritt. Von seinen Studien über die Sinistra wusste er, dass es in einer der Schubladen ein Instruktions- und Regelbuch gab: der Codex Sinistra, Bibel der Ausbildung. In dem Buch stand unter anderem auch die Bekleidungsordnung für jede Gelegenheit. Er fand den Codex in einer der Schubladen und konnte sich anhand der Abbildungen rasch in die braune Sportmontur werfen.

Eilig stopfte er die abgelegten Sachen in den Spind, drückte die Tür zu und machte sich auf den Weg aus dem Raum. Auf jeden Fall wollte er unter den Ersten sein, die in der Arena eintrafen.

Caron war noch nicht an der Tür, da rief jemand: »Warte, Mann! Ich komme mit. Du hast vielleicht ein Tempo drauf.« Das Muskelpaket musste Caron beim Umziehen beobachtet haben. Während die meisten sich noch in die Hosen mit dem nicht ganz einfach zu wickelnden Stoffgurt kämpften, war er abmarschbereit und genauso korrekt gekleidet wie Caron selber. Caron nickte. Dann machten sich beide auf die Suche nach Trainingsarena 037.

Offenbar war die Suche nach der Trainingsarena 037 ein Aufnahmeritus mit Tradition. Sie setzte sich aus dem Studium der verwirrenden Orientierungstafeln und dem Hetzen durch Hunderte von Metern lange Flure zusammen. Dabei wurden Caron und sein kräftiger Begleiter von vielen der alteingesessenen Kadetten hämisch angefeuert und verspottet.

Carons Compañero hätte gerne zwischendurch angehalten, um nach dem Weg zu fragen, aber Caron überging ihn. Seinen Orientierungssinn in fremden Gebäudekomplexen hatte er bei unzähligen Botendiensten als Günstling mehr als einmal unter Beweis stellen müssen. Darin war er geübt. Außerdem wollte er den älteren Semestern keine Gelegenheit geben, weitere Späße mit ihnen zu treiben. Zig Mal die Tür zu einer schmierigen Hygienekammer mit höhnischen Spruchbändern aufzustoßen, würde sie bei der Suche nach Arena 037 kein Stück weiterbringen.

Irgendwann erzeugten ihre Trainingsschuhe in der riesigen Sporthalle 037 endlich die für Stoßbelag typischen Quietschgeräusche und Caron konnte sich ein Siegesgrinsen nicht verkneifen. Sie waren tatsächlich die Ersten. Die vier Capitanes waren unter den ausnahmslos niederen Dienstgraden schnell ausgemacht. Er und sein Truppenkamerad rannten um ein paar Kadetten in Konditionszirkeln herum und stellten sich in Standardabstand zu den Vorgesetzten auf. Nun blieb ihnen bloß noch, schweigend mit starr geradeaus gerichteten Augen auf die Dinge zu warten, die da folgen sollten.

Zunächst einmal folgte gar nichts. Die Capitanes standen steif wie Zielfiguren vor der nördlichen Wand der Halle. Um sie herum hätte auch eine Geiselnahme stattfinden können–sie wirkten, als ob selbst ein solches Ereignis sie nicht im Mindesten berühren konnte.

Nach und nach trafen die anderen Neulinge ein. Zunächst gehörten alle zu anderen Zügen, aber schließlich kamen auch welche aus Carons Zug dazu. Die erste vollständige Truppe, die vor den drahtigen Capitanes Aufstellung nahm, bewohnte den Raum neben Carons Truppe. Eine große blonde Frau mit Kurzhaarschnitt, die Caron vorhin auf dem Korridor schon einmal aufgefallen war, schien bei den Sechsen bereits die Führung an sich gerissen zu haben. Jedenfalls folgten ihr die übrigen, ausschließlich männlichen, Mitglieder brav in gerader Linie.

Der Rest von Carons Trupp kam ziemlich genau in der Mitte des letzten Drittels an. Sie hatten sich unter der Führung eines Kadetten mit den silbernen Schläfen gesammelt. Dessen Gesichtsausdruck verriet gar nichts, der des Hageren dafür umso mehr. Als er sich neben Caron und Muskelmann stellte, blitzte er sie verärgert an. Den Grund verstand Caron nicht genau. Sollte der Kerl doch froh sein, dass sie ein so gutes Ergebnis für ihren Trupp herausgeholt hatten.

Nachdem auch die Letzten durch das robuste Stahltor der Arena gefunden hatten, schrie einer der Capitanes: »Atención!« Ein Ruck ging durch die Truppen und alle standen stramm. Carons Capitan trat vor. Er kam direkt auf seinen Trupp zu. Innerlich bereitete Caron sich schon auf die erste Belobigung vor.

Dicht vor Carons Laufbegleitung blieb der Ausbildungsoffizier stehen. »Mein Name ist Capitan Adamanto. Wie heißen Sie, Kadett?«

»Roscoe Venlok, Capitan!«, brüllte dieser zurück.

»Okay, Cadetto Venlok. Sie waren einer der Ersten hier. Da Sie offenbar ein so findiges Kerlchen sind, können Sie mir doch sicherlich eine einfache Frage beantworten?« Capitan Adamantos Stimme war leiser geworden, dennoch konnte jeder in seinem Zug ihn deutlich verstehen.

Caron wurde irgendwie unwohl.

Venlok antwortete laut und deutlich: »Das kann ich, Capitan!«

Adamantos klare, graue Augen fixierten jetzt ausschließlich sein Gegenüber. »Wann ist mit einem Angriff des Feindes zu rechnen?«

Venlok wollte zum Sprechen ansetzen, dann verzog er fragend das Gesicht. Carons Blick konnten kaum folgen, aber urplötzlich krachte der angewinkelte Ellenbogen des Capitans vor Venloks Halsseite. Der Getroffene verdrehte die Augen und ging zu Boden wie ein Sack Kartoffeln.

Caron ballte die Fäuste.

Adamanto fuhr unbeirrt in seiner Rede fort: »Die Antwort auf meine Frage lautet: jederzeit. Der Feind hat tausend Gesichter. Manchmal lauert er im Körper des besten Freundes. Sie können niemandem vertrauen.« Der Atemrhythmus des Capitans hatte sich nicht verändert. »Die Gruppe von Kadett Venlok hat beim Auffinden der Arena, wie so manch andere auch, versagt!« Jetzt packte Caron die Wut. Er konnte kaum glauben, was er da hören musste. Das war eine glatte Lüge. Er und Venlok waren die Ersten in der Arena gewesen und der Rest war keinesfalls als Letzte hier eingetroffen. Ihm wollte Adamantos Verhalten nicht in den Kopf. »Sie haben versagt, weil sie nicht als Gruppe gehandelt haben. Lasst euch das alle eine Lehre sein.«

Caron schien nicht der Einzige zu sein, dem Adamantos Urteil gegen den Strich ging. Der Capitan begab sich gerade von Venloks regungslosem Körper weg, da machte Carons Truppenkameradin mit den schwarzen Locken einen Schritt nach vorn. Ihr Tritt zielte gegen Adamantos Rippen und um ein Haar wäre er auch dort gelandet, aber unter einer blitzartigen Wendung seines Körpers konnte Adamanto dem Fuß der Frau entgehen. Gleichzeitig packte er ihr Bein und verdrehte es. Die Frau stöhnte vor Schmerz auf. Adamanto war so schnell über ihr und hatte sein Knie gegen ihren Kehlkopf gedrückt, dass Caron es wieder kaum mitbekam. Die anderen Capitanes wollten ihm zur Hilfe eilen, doch er hielt sie zurück.

»Nicht schlecht, kleine Wildkatze. Mit wem habe ich das Vergnügen?«

Im Gegensatz zum Capitan ging der Atem der Frau stoßweise. »Felis. Felis Lagun«, presste sie hervor.

»Okay, Kadettin Lagun. Ich werde Sie jetzt aus Ihrer misslichen Lage entlassen und vergessen, dass sie mich angegriffen haben, bevor wir uns einander vorgestellt haben, wenn Sie mir eine gute Erklärung für ihren Verstoß liefern können. Comprende?«

Die Frau nickte mühevoll.

Adamanto gab sie frei und beide erhoben sich. Während sie sich über den Hals rieb, sah der Capitan sie erwartungsvoll an.

»Sie haben gesagt, dass wir jederzeit mit einem Angriff rechnen müssen, das schließt doch wohl sämtliche Ränge der Sinistra ein, oder nicht?«

»Das sehen Sie verdammt richtig, Lagun.«

»Ich wollte mich vergewissern, wie es um die Bereitschaft der Ausbilder hier steht, für das einzutreten, was sie uns beibringen wollen. Und außerdem …« Sie wischte sich mit der Hand über den Mund und blickte noch finsterer als der Hagere vorhin, » … außerdem hat der Capitan ein Mitglied meiner Truppe angegriffen.«

Adamanto nickte wieder. Caron war verblüfft, wie geschickt Lagun ihn mit seinen eigenen Argumenten geschlagen hatte.

Jetzt grinste der Capitan doch tatsächlich. »Ich hoffe, dass dies anschaulich genug für alle war. Nehmt euch ein Beispiel an Cadetta Lagun«, verwendete er die militärische Koseform von›Kadettin‹. »Vielleicht nicht gerade an ihrer Impulsivität, aber doch daran, wie gut sie die erste Lektion des heutigen Tages schon verinnerlicht hat.« Er pfiff die Medicos heran.

Die zwei Sanitäter stürmten sofort aus ihrer verglasten Kabine in der Hallenwand und kümmerten sich um den am Boden liegenden Venlok.

»Ich verstehe das nicht, Capitan!«, rief der Hagere laut.

Adamantos selbstzufriedene Miene löste sich augenblicklich auf. »Erklären Sie sich, Kadett!«

»Wir sollen als Gruppe handeln, aber dürfen gleichzeitig niemandem vertrauen? Wie passt das zusammen?« Der Hagere war augenscheinlich ein Klugscheißer reinsten Blutes. Trotzdem musste Caron ihm recht geben.

»Ich verstehe eure Verwirrung«, wandte sich der Capitan nun an die Übrigen. »Eben weil es jederzeit zu einem versteckten Angriff aus den eigenen Reihen kommen kann, müsst ihr euch gut kennenlernen. Hier, im Centro Sinistra, seid ihr noch relativ sicher. Stellt euch also vor dem ersten Außeneinsatz bestens aufeinander ein, verschmelzt so sehr zu einer Einheit, dass ihr im gleichen Takt Luft holt! Nur so könnt ihr verhindern, dass sich irgendwann ein Gegner im Deckmantel unter euch mischt und der Sinistra in den Rücken fällt.« Mit einem knappen Nicken in Richtung des Hageren beendete er seine Ansprache. Er reihte sich wieder bei den anderen Capitanes ein. Der Ausbilder neben ihm übernahm das Wort.

»Wer jetzt denkt, es wäre schlecht, sich an Kadett Lagun ein Beispiel zu nehmen, weil sie einen Offizier angegriffen hat, dem kann ich nur antworten: Das ist ein Irrtum. Die meisten werden heute genug Gelegenheit bekommen, sich mit uns anzulegen.«

»Nur beim Kämpfen lernt man sein Gegenüber richtig kennen. Für´n Arsch, Mann!«

Caron lag in einem der unteren von zwei Dreietagenbetten und hörte dem direkt über ihm liegenden Roscoe beim Fluchen in die Dunkelheit zu.

»Adamanto hat mir heute drei Mal auf die gleiche Weise den Hintern versohlt. Möchte mal wissen, was er daraus gelernt hat. Ich hatte jedenfalls dadurch keinen besseren Einblick in seinen Charakter und sympathischer ist er mir auch nicht geworden.« Die Matratze über Caron knarrte. »Wie siehst du das, Salvador?«

»Caron«, antwortete der. »Nenn mich ruhig Caron.«

»Wie du willst, Salvador. Zu mir kannst du Roscoe oder Venlok sagen. Meine Exfreundinnen haben mich meistens›mieser Penner‹genannt. Ist mir alles drei recht.« Die Matratze knarzte ein weiteres Mal. »Und, Caron? Wie steht`s nun um deine Knochen und um dein Verhältnis zu unserem Capitano?«

»Drei Mal hat Adamanto versucht, mich zu erwischen und zwei Mal hat er es halt geschafft. Nichts, was mich umgebracht hätte. Ich glaube, er versucht seinen Job einfach so gut wie möglich zu erledigen. Die Okkulten da draußen werden weitaus mehr versuchen, als uns nur›den Hintern zu versohlen‹. Wir werden schon warm mit ihm werden.«

»Ts, gerade von dir hätte ich mehr Verständnis erwartet, nachdem er dich heute Abend noch zur Küchenhilfe degradiert hat.«

»Ich schätze, Adamanto hat heute rausgekriegt, dass du immer wieder auf die gleichen Tricks reinfällst«, meldete sich der Kämpfer mit den silbernen Schläfen von ganz oben zu Wort. »Und wenn Carons Fähigkeit, sich auf andere einzustellen, so gut wie seine Beinarbeit im Zweikampf wäre, dann hätte der›Capitano‹garantiert nicht so verbissen probiert, ihn zweimal auf die Matte zu schicken.«

Roscoe stieß Luft aus. »Hört euch den an. Du hast gut reden, Martill. Dich hat der Kerl nicht mal schräg angeguckt, geschweige denn zum Tänzchen aufgefordert.«

»Keine Bange. Das hebt er sich sicherlich für morgen auf. Vielleicht wirst du dann voller Freude erleben können, wie der alte Martill dieselbe Prügel bezieht wie Roscoe Venlok, der miese Penner. Aber ich würde dir schwerstens raten, in den nächsten Wochen mehr Teamgeist an den Tag zu legen. Sonst wirst du nie zu den dreißig gehören, die hier bleiben dürfen.«

Roscoe wollte zu einer ätzenden Erwiderung ansetzen, stoppte sich dann aber selber. »Bei dem Wörtchen Teamgeist fällt mir noch was ein: Dank dir, Lagun. Malico hat mir erzählt, was du getan hast, während ich kurz ein Nickerchen auf dem Hallenboden gemacht habe.«

Das entsprach nicht ganz der Wahrheit, wusste Caron. Der hagere Malico hatte Roscoe vorhin unter der Dusche zahlreiche Vorhaltungen gemacht. Dabei war das Gespräch auf Laguns Aktion gekommen. Ihre kleine Gruppe hatte wahrlich keinen optimalen Start hingelegt, und daran war er selber nicht ganz unschuldig.

Caron drehte den Kopf zum gegenüberliegenden Etagenbett. Felis hatte gerade noch zu ihm rübergeschaut, da war er sich ganz sicher. Nun blickte sie, wie er zuvor, zu den zwei Betten über sich.

»Keine Ursache, Roscoe. Wenn du dich erkenntlich zeigen willst, dann warte das nächste Mal einfach auf mich, wenn wir irgendwo zusammen erscheinen sollen.«

»Soll mir eine Freude sein, Cadetta Lagun!«, ahmte Roscoe den Tonfall des Capitans nach.

Felis spielte mit einer Locke ihres Haars. »Warum Adamanto wohl so versessen darauf war, unsere Namen zu kennen, bevor er mit uns ins Sparring ging?«

»Sagt mal, habt ihr euch eigentlich nicht im Geringsten darüber informiert, wofür ihr euch gemeldet habt?«, fragte der Hagere jetzt aufgebracht. »Bei Salvador hat es ja wenigstens noch dafür gereicht, dass er wusste, wo er nach dem Codex Sinistra suchen musste, aber spätestens danach hört es bei euch allen auch auf, was?«

Jetzt wirkte selbst Felis leicht gereizt. »Red nicht so viel drum herum, Malico! Erhelle uns.«

»Ein Soldat der Sinistra versteckt seine Identität nie. Er ist stolz darauf. Die Okkulten hingegen lassen kein hinterhältiges Versteckspiel aus. Sie arbeiten mit Maskerade, Blendwerk und Intrigen, um ans Ziel zu kommen. Dass wir uns dazu bekennen, wer wir sind, unterscheidet uns vom Feind.«

»Davon habe ich gelesen, aber dass die Offiziere dabei so ins Detail gehen, das war mir nicht bewusst«, äußerte Felis sich erstaunt. »Danke für die Info, Malico.«