Verlag: Suhrkamp Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

Die Sirenen von Belfast E-Book

Adrian McKinty  

4.72727272727273 (22)

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E-Book-Beschreibung Die Sirenen von Belfast - Adrian McKinty

Der prüfende Blick unter den Wagen gehört zu Sean Duffys Morgenritual. Im Nordirlandkonflikt stehen Autobombenanschläge auf der Tagesordnung, und als katholischer Bulle ist er die perfekte Zielscheibe der IRA. Als er und sein Kollege McCrabban auf einem verlassenen Firmengelände in Belfast einen tiefgekühlten Torso finden, ist für ihre Vorgesetzten die Sache klar: Der Konflikt hat ein weiteres Todesopfer gefordert. Wie immer glaubt Duffy nicht an einfache Lösungen und gräbt tiefer. Eine heiße Spur führt ihn in die USA, doch als sich in Nordirland die Lage zuspitzt, wird Duffy plötzlich das wahre Ausmaß des Falles klar … Ein Torso in einem Koffer, ein tätowierter Hautfetzen und eine teuflisch schöne Witwe – Detective Sergeant Sean Duffy ist zurück mit einem Fall, der ihn tief in die Wirren des Nordirlandkonflikts zieht. Er stößt auf skrupellose Geldgeschäfte und familiäre Abgründe. Bald schon wird er selbst Opfer seiner Ermittlungen.

Meinungen über das E-Book Die Sirenen von Belfast - Adrian McKinty

E-Book-Leseprobe Die Sirenen von Belfast - Adrian McKinty

Der prüfende Blick unter den Wagen gehört zu Sean Duffys Morgenritual. Im Nordirlandkonflikt stehen Autobombenanschläge auf der Tagesordnung, und als katholischer Bulle ist er die perfekte Zielscheibe der IRA. Als auf einem verlassenen Firmengelände in Belfast ein tiefgekühlter Torso gefunden wird, ist für seine Vorgesetzten die Sache klar: Der Konflikt hat ein weiteres Todesopfer gefordert. Doch Duffy glaubt nicht daran. Im Zuge seiner Ermittlungen entwickelt er eine Schwäche für eine bezaubernde Witwe und stößt auf eine andere Fährte. Die Tätowierung der Leiche führt ihn auf eine heiße Spur in die USA, und plötzlich erkennt Duffy das Ausmaß des Falles …

Adrian McKinty, geboren 1968, wuchs in Carrickfergus in der Nähe von Belfast auf. An der Oxford University studierte er Philosophie, dann übersiedelte er nach New York. Sechs Jahre lebte und arbeitete er in Harlem, u.a. als Wachmann, Vertreter, Rugbytrainer, Buchhändler und Postbote. 2001 zog er nach Denver, seit 2008 wohnt er mit seiner Familie in Melbourne.

Peter Torberg arbeitet seit 1990 als Übersetzer und hat u.a. Werke von Paul Auster, Michael Ondaatje, Irvine Welsh und David Peace ins Deutsche übertragen.

Von Adrian McKinty sind zuletzt erschienen:

Der katholische Bulle (2013), Ein letzter Job (st 4430) und Der sichere Tod (st 4343).

ADRIAN MCKINTY

DIE SIRENEN VON BELFAST

Roman

Aus dem Englischen vonPeter Torberg

Suhrkamp

Die englische Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel I Hear the Sirens in the Street bei Serpent’s Tail, London

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2014

Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe

des suhrkamp taschenbuchs 4520

Deutsche Erstausgabe

© Suhrkamp Verlag Berlin 2014

© 2013 Adrian McKinty

Suhrkamp Taschenbuch Verlag

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

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Umschlagfoto: Mark Owen/Arcangel Images (Vordergrund); Mark Owen/Trevillion Images (Mann); Arcangel Images (Hintergrund)

Umschlaggestaltung: cornelia niere, münchen

eISBN 978-3-518-73723-1

www.suhrkamp.de

MARTY MCFLY »He, Moment mal, Moment mal, Doc. Wollen Sie mir weismachen, Sie bauten eine Zeitmaschine ... aus einem DeLorean?«

DR EMMETT BROWN »Tja, ich sehe das so: Wenn man schon eine Zeitmaschine in einen Wagen einbaut, dann bitteschön mit Stil!«

Robert Zemeckis & Bob Gale,

Zurück in die Zukunft (1985)

Now I lay me down to sleep,

I hear the sirens in the street,

All my dreams are made of chrome,

I have no way to get back home.

Tom Waits, »A Sweet Little Bullet

From A Pretty Blue Gun« (1978)

1

A TOWN CALLED MALICE

Die verlassene Fabrik wirkte wie die Vorschau auf eine ungewisse Zukunft, in der die ganze Welt so aussehen würde, eine Zeit, in der es keine Möglichkeit mehr gab, gegen Verrottung anzukämpfen, Verbrennungsmotoren oder Bildröhren zu reparieren. Auf einem Planeten aus Rost und Kerzenlicht. Vogelkot bedeckte die Wände. Vermodernder Müll türmte sich auf. Sonderbare Gerätschaften lagen auf dem Boden herum, der mit seiner Schicht aus Blättern, Öl und Glasscherben wie das Unterholz eines Regenwalds wirkte. Die Melodie in meinem Kopf war eine absteigende Dezimole, ein Potpourri der zweiten Etüde von Chopin; ich konnte sie nicht zuordnen, wusste nur, dass sie berühmt war, und sobald die Schießerei vorbei war, würde es mir sicher sofort einfallen.

Der Schuss der Schrotflinte hatte die Vögel aufgescheucht, und noch während wir losrannten, um hinter einer halb abmontierten Dampfturbine in Deckung zu gehen, sahen wir, wie die Felsentauben von der Hallendecke aufflatterten und einen feinen Niesel weißer Asbestfasern auf uns herabregnen ließen wie Schnee in einem nuklearen Winter.

Wieder donnerte die Schrotflinte los, und einige Meter links von uns ging ein Fenster zu Bruch. Die Zielgenauigkeit des Wachmanns war noch problematischer als sein Verstand.

Wir fanden Schutz hinter den dicken, stählernen Rotorblättern der Turbine und beobachteten, wie die Tauben in immer niedrigeren Spiralen über unseren Köpfen kreisten. Ein abergläubischer Mensch hätte ihren melancholischen Flug wohl als schlechtes Omen gedeutet, doch war mein Partner, Detective Constable McCrabban, aus härterem Holz geschnitzt.

Noch bevor ich Gelegenheit hatte, zu Atem zu kommen, brüllte er schon: »Hören Sie endlich mit der Ballerei auf, Sie verdammter Vollidiot! Wir sind von der Polizei!«

Der Nachhall des letzten Schusses verging in einer beeindruckenden Dissonanz, die einer noch beeindruckenderen Stille wich. Asbeststaub hatte sich auf meine Lederjacke gelegt, und ich zog mir den schwarzen Rollkragen über den Mund.

Die Tauben ließen sich wieder nieder.

Die Tragbalken knarzten im Wind.

In der Entfernung war eine Glocke zu hören.

Ich kam mir vor wie in einer Symphonie von Arvo Pärt. Allerdings war er nicht der Schöpfer der Melodie, die mir noch immer im Kopf herumging. Aber wer dann? Irgendein Franzose?

Wieder ein Schuss.

Der Wachmann hatte die Zeit genutzt, um nachzuladen, und war entschlossen, sich noch ein wenig auszutoben.

»Aufhören!«, forderte McCrabban ihn erneut auf.

»Verschwindet«, antwortete eine Stimme. »Ich hab die Schnauze voll von euch Randalierern!«

Eine Greisenstimme aus einem vergangenen Irland, dreißiger Jahre, vielleicht noch früher, aber das Alter hatte ihr weder Gewicht noch Selbstsicherheit verliehen – nur gebrechliche, ungeduldige, gefährliche Zweifel.

Und so drohte das Ende, wie jeder Polizist wusste, meist nicht im Kampf Gut gegen Böse, sondern willkürlich in einem Bombenanschlag, einer schiefgelaufenen Verfolgungsjagd oder in einer Schießerei mit einem halb senilen Wachmann in einer verlassenen Fabrik im nördlichen Belfast. Außerdem war 1. April. Kein gutes Sterbedatum.

»Wir sind die Polizei!«, beharrte McCrabban.

»Wer?«

»Die Polizei!«

»Ich ruf gleich die Polizei!«

»Wir sind die Polizei!«

»Ehrlich?«

Ich zündete mir eine Zigarette an, setzte mich hin und lehnte mich an das Außengehäuse der großen Turbine.

Es handelte sich tatsächlich um eine riesige Turbinenhalle, ein immenser Raum zur Erzeugung von Strom. Die Ingenieure der Textilfabrik hatten beschlossen, dass Autarkie wohl die beste Versicherung sei, wenn man es mit der unzulänglichen und unzuverlässigen Stromversorgung in Nordirland zu tun hatte. Ich hätte den Laden gern mal zu seinen besten Zeiten gesehen, als das Licht durch die sauberen Scheiben fiel und die Turbinen in dieser Kathedrale der Technik auf vollen Touren liefen. Die ganze Fabrik musste einen enormen Anblick geboten haben mit ihren Kühltürmen, chemischen Pressen und weißgekleideten Alchimisten, die das Geheimnis kannten, aus Erdöl Kleidung zu machen.

Doch davon war nichts mehr übrig. Keine Textilien, keine Arbeiter, keine Produkte. Und dazu würde es auch nie wieder kommen. Die Großindustrie hatte sich in Irland sowieso nur zögerlich angesiedelt und die Insel schnell wieder verlassen.

»Und warum habt ihr dann keine Uniform an?«, wollte der Wachmann wissen.

»Wir sind Kriminalbeamte in Zivil! Sie stecken ganz schön in der Klemme, Kumpel. Legen Sie endlich die verfluchte Waffe weg«, rief ich.

»Und wer soll mich dazu zwingen?«, fragte der Wachmann.

»Wir!«, schrie McCrabban.

»Ach ja?«, rief der Mann zurück. »Ihr und welche Armee?«

»Die verdammte Britische Armee!«, konterten McCrabban und ich unisono.

So ging es noch eine weitere Minute, bis der Wachmann schließlich einräumte, vielleicht ein wenig voreilig gewesen zu sein. Crabbie, seit kurzem Vater von Zwillingen, kochte vor Wut, und es war mehr als offensichtlich, dass er den Wachmann am liebsten eingelocht hätte, aber der Mann war nur ein alter Knacker mit wässrigen Augen in einer blauen Kunstfaseruniform, womöglich eine Vorahnung unserer beider Karrieren nach dem Polizeidienst. »Lassen wir ihn laufen«, meinte ich. »Ist doch nur unnützer Papierkram.«

»Wenn du meinst«, gab Crabbie widerwillig nach.

Der Wachmann hieß Martin Barry, und wir teilten ihm mit, dass wir wegen einer Blutspur gekommen seien, die vom Nachtwächter entdeckt worden war.

»Ach die? Die hab ich bei meinem Rundgang auch gesehen. Ich hab mir nichts weiter dabei gedacht«, erklärte Mr Barry. Er machte den Eindruck, als hätte er sich in den letzten dreißig Jahren überhaupt nichts weiter gedacht.

»Wo ist sie?«, wollte McCrabban wissen.

»Draußen bei den Müllcontainern, aber warum hat Malcolm mir denn nicht eine Nachricht hinterlassen, dass er das schon gemeldet hat?«, sagte Mr Barry.

»Wenn es sich um Blut handelt, warum haben Sie das dann nicht gemeldet?«, setzte Crabbie nach.

»Hier bricht so ein Rabauke ein und schneidet sich, da soll ich gleich die Polizei holen? Ich dachte, die Herren wüssten mit ihrer Zeit was Besseres anzufangen.«

Das alles schien tatsächlich reine Zeitverschwendung zu sein.

»Können Sie uns zeigen, wovon Sie reden?«, bat ich den Mann.

»Na ja, ist da draußen«, meinte Mr Barry zögerlich.

Er fuchtelte noch immer mit seiner steinalten Schrotflinte herum; Crabbie nahm sie ihm aus den Händen, klappte sie auf, nahm die Patronen heraus und reichte ihm die Waffe zurück.

»Wie sind Sie hier eigentlich reingekommen?«, wollte Mr Barry wissen.

»Das Tor war offen«, antwortete Crabbie.

»Aye, die Gauner haben das Schloss geknackt, die versuchen ständig, hier zu klauen.«

»Was denn?«, fragte McCrabban und sah sich in dem Chaos um.

»Der Rest der Turbine wird irgendwann mal nach Korea verschifft. Die ist sehr wertvoll«, erklärte Mr Barry.

Ich rauchte zu Ende und warf die Kippe in eine Pfütze.

»Können wir uns jetzt mal diese vermeintliche Blutspur ansehen?«, fragte ich.

»Na gut, aye.«

Wir gingen hinaus.

Es schneite.

Richtiger Schnee, kein Kunstschnee aus Asbest.

Es lag ein halber Zentimeter davon auf dem Boden, was bedeutete, dass die Züge steckenblieben, der Motorway gesperrt wurde und der Berufsverkehr die Straßen verstopfte. Crabbie sah nach oben und schniefte. »Die alte Dame rupft ja heute eine ziemlich fette Gans«, verkündete er mit lauter Stimme.

»Das solltest du in einem Buch verewigen«, meinte ich grinsend.

»Ich brauche nur ein Buch«, erwiderte Crabbie mürrisch und klopfte auf die Bibel in seiner Brusttasche.

»Aye, ich auch«, pflichtete ihm Mr Barry bei, und die beiden Presbyterianer warfen sich einen vielsagenden Blick zu.

Dieses Gequatsche machte mich wahnsinnig. »Und was ist mit dem Telefonbuch? Was, wenn du mal eine Telefonnummer suchst. Die wirst du wohl kaum in der Bibel finden«, brummte ich.

»Täuschen Sie sich da mal nicht«, meinte Mr Barry, doch bevor er anfing, seine Methode zu erläutern, wie er unbekannte Telefonnummern aus den Überlieferungen ableitete, hob ich einen Finger und ging zu dem Dutzend großer rostiger Container, die randvoll mit Müll waren.

»Meinen Sie das da?«

»Aye, da klettern die kleinen Mistkerle drüber«, sagte er und wies auf eine Stelle, an der der Maschendrahtzaun bis auf einen Meter heruntergetreten worden war.

»Nicht sonderlich gut geschützt, was?«, meinte McCrabban und klappte den Kragen seines Regenmantels hoch.

»Dafür hab ich ja die hier!«, verkündete Mr Barry und tätschelte seine Flinte, als wäre sie ein liebgewonnenes Reptil.

»Zeigen Sie uns einfach nur das Blut, bitte«, sagte ich.

»Da drüben, wenn’s überhaupt Blut ist. Menschliches Blut«, sagte Mr Barry mit einem derart bedeutungsschweren Ton in der Stimme, dass ich beinah laut losgelacht hätte.

Er deutete auf eine getrocknete, dünne rötlich braune Spur, die vom Zaun zu den Containern führte.

»Was hältst du davon?«, fragte ich Crabbie.

»Ich sag Ihnen, was ich davon halte! Die Burschen haben in der Tonne gewühlt, einer der kleinen Nichtsnutze hat sich geschnitten, gelobt sei Gott, sie sind zum Zaun gelaufen, drübergeklettert und heulend zur Mami gerannt«, erklärte Mr Barry.

Crabbie und ich schüttelten die Köpfe. Dieser Geschichte konnten wir nicht zustimmen.

»Ich erkläre Mr Barry, was passiert ist, und du suchst im Container«, sagte ich zu Crabbie.

»Ich erkläre, und du suchst«, entgegnete Crabbie.

»Was erklären?«, fragte Mr Barry.

»Die Blutspur wird dünner und schmaler, je weiter sie vom Zaun entfernt ist.«

»Und das heißt?«, wollte Mr Barry wissen.

»Das heißt, entweder gibt es einen Jackson-Pollock-Fan unter den ortsansässigen Vandalen, oder etwas oder jemand ist zu den Containern geschleift und dort hineingeworfen worden.«

Ich sah McCrabban an. »Also los, rein mit dir, Kollege«, sagte ich.

Er schüttelte den Kopf.

Ich deutete auf die nicht vorhandenen Schulterstreifen an meiner nicht vorhandenen Uniform, die meinen Rang als Inspector angegeben hätten.

Das machte auf Crabbie keinen Eindruck. »Ich geh da nicht rein. Auf gar keinen Fall. Die Hose ist fast neu. Madame zieht mir bei lebendigem Leib die Haut ab.«

»Werfen wir eine Münze. Kopf oder Zahl?«

»Deine Wahl. Das riecht mir ein bisschen zu sehr nach Wetten.«

»Also Kopf.«

Ich warf die Münze.

Natürlich wussten wir alle, was dabei rauskommen würde.

Ich kletterte also in den Container, an dem die Blutspur zu enden schien, aber so leicht wollten es uns die kriminellen Superhirne natürlich nicht machen, ich entdeckte nichts.

Ich watete durch allerlei Fabrikabfälle: nasse Pappe, feuchter Kork, Schiefer, Glasscherben und Bleirohre, während Mr Barry und Crabbie philosophisch wurden: »Die Jungs brauchen Arbeit, oder? Heutzutage gibt’s doch nur Diebe und Polizisten!«

»Und dann noch jemand, der die Stütze auszahlt, Mann«, ergänzte Crabbie, und da war was Wahres dran. Dieb, Bulle, Gefängniswärter, Arbeitsamtsmitarbeiter: Das waren die offenen Stellen in Nordirland – der schlimmsten Kakistokratie Europas.

Ich kletterte wieder hinaus.

»Und?«, fragte Crabbie.

»Nichts Organisches, mal abgesehen von ein paar neuen, unerforschten Lebensformen, die möglicherweise zu einem Arten ausrottenden Virus mutieren«, antwortete ich.

»Ich glaub, den Film hab ich gesehen«, erwiderte Crabbie.

Ich zog das Fünfzig-Pence-Stück aus der Tasche. »Also gut, noch ein paar Container, werfen wir wieder eine Münze?«, fragte ich.

»Nicht nötig, Sean, der erste Wurf gilt für alle Container«, meinte Crabbie.

»Willst du mir damit sagen, dass ich mich durch alle Tonnen wühlen muss?«, jammerte ich.

»Deshalb verdienst du ja auch die dicke Kohle, Boss«, stellte er fest, und seine ausdruckslosen Knopfaugen wirkten noch ausdrucksloser.

»Okay, es war ein faires Spiel, ich habe verloren. Aber ich werde dran denken, wenn du bei deiner verfluchten Sergeant-Prüfung um Hilfe bittest«, sagte ich.

Das hatte den gewünschten Effekt. Er schüttelte den Kopf und schnaubte. »Also gut, wir teilen sie uns. Ich nehm die zwei, du die anderen zwei. Und wir sollten uns ranhalten, sonst frieren wir uns noch zu Tode«, murmelte er.

McCrabban fand den Koffer im dritten Container. Blut sickerte durch das rote Plastik.

»Hier!«, brüllte er.

Wir streiften Latexhandschuhe über, und ich half ihm, den Koffer herauszuheben.

Er war schwer.

»Sie treten besser zurück«, sagte ich zu Mr Barry.

Der Koffer hatte einen einfachen Messingreißverschluss. Wir öffneten ihn und klappten den Deckel auf. Im Kofferinneren lag der nackte Torso eines Mannes, die Gliedmaßen an Knien und Schultern abgetrennt. Crabbie und ich stellten erste Untersuchungen an, während Mr Barry hinter uns trocken würgte.

»Seine Genitalien sind noch vorhanden«, meinte Crabbie.

»Und es gibt keine Anzeichen von Misshandlung«, fügte ich hinzu. »Womit sich vermutlich die Tat einer paramilitärischen Einheit ausschließen lässt.«

Wenn es sich um einen Spitzel, einen Doppelagenten oder um ein entführtes Mitglied der Gegenseite gehandelt hätte, dann wäre er sicherlich erst gefoltert worden.

»Keine sichtbaren Tätowierungen.«

»Also hat er auch nicht gesessen.«

Ich kniff seine Haut. Eiskalt. Steif. Er war seit mindestens einem Tag tot.

Der Körper war gebräunt, das Opfer hatte sich zu Lebzeiten gut in Form gehalten. Das Alter war schwer zu schätzen, fünfzig, vielleicht sogar sechzig. Er hatte graue und weiße Brusthaare und ein paar wenige blonde, von der Sonne aufgehellte Härchen.

»Seine eigentliche Hautfarbe ist ziemlich hell, richtig?«, meinte Crabbie mit Blick auf den Bereich, wo die Shorts gewesen wären.

»Ja«, pflichtete ich ihm bei. »Hat sich eine gute Sonnenbräune geholt. Was glaubst du, woher er die in unserer Gegend wohl hat?«

»Keine Ahnung.«

»Ich wette, er ist Schwimmer, und der helle Streifen da stammt von der Badehose. So wird er sich auch fit gehalten haben, durch Schwimmen im Freien.«

In Nordirland gab es nur wenige Schwimmbäder und kein Freibad, außerdem nicht viel Sonne, was zwangsläufig zu Crabbies nächster Frage führte:

»Und du denkst, er ist nicht von hier, richtig?«

»Richtig«, antwortete ich.

»Das ist nicht gut, oder?«, murmelte Crabbie.

»Nein, mein Freund, ganz und gar nicht gut.«

Ich stampfte mit den Füßen auf und rieb mir die Hände. Der Schneefall hatte sich verstärkt, und die trostlosen Vororte des nördlichen Belfast nahmen allmählich die Farbe alter Spitze an. Ein eisiger Wind kam vom Lough herein, und die Musik in meinen Ohren drehte sich in einer Endlosschleife. Ich schloss die Augen und widmete meine Aufmerksamkeit ein paar Takten: Geige, Viola, Cello, zwei Klaviere, Flöte und eine Glasharmonika. Die Flötenmelodie legte sich über das Glissando der Klaviere – das eine spielte diese leicht chopinhafte Dezimole Ostinato, das andere eine ruhigere Sextole.

»Vielleicht haben wir ja Glück. Mal sehen, ob wir im Koffer irgendwelchen Papierkram finden«, erklärte Crabbie und riss mich aus meinen Gedanken.

Wir schauten nach, fanden aber nichts; dann gingen wir zurück zum Land Rover und meldeten den Vorfall über Funk. Matty, unser Mann für die Spurensicherung, und ein paar Reservisten kreuzten in Overalls auf, fotografierten den Tatort und nahmen Fingerabdrücke und Blutproben.

Armeehubschrauber flogen tief über den Lough, Sirenen heulten im County Down, dazu ein fernes Donnergrollen von Mörserfeuern oder Detonationen. Die Stadt lag unter einem Schleier aus Kaminqualm, und der Dokumentarfilmer drehte alles wie üblich auf 8-mm-Schwarzweißfilm. Belfast im vierzehnten Jahr eines leise köchelnden Bürgerkriegs, verharmlosend die »Troubles« genannt, die Unruhen.

Der Tag zog sich dahin. Die grauen Schneewolken verfärbten sich erst graublau, dann schwarz. Die gelbe, fast schlammige See lag träge da und träumte von Schiffbruch und Schiffbrüchigen. »Kann ich gehen?«, fragte Crabbie. »Wenn ich den Anfang von Dallas verpasse, komm ich nicht mehr rein. Madame bringt immer die Ewings und die Barnes durcheinander.«

»Na, geh schon.«

Ich schaute den Jungs von der Spurensicherung bei der Arbeit zu, stand rum und rauchte, bis ein Krankenwagen eintraf und den Unbekannten ins Leichenschauhaus im Carrickfergus Hospital brachte.

Dann fuhr ich zum Revier Carrickfergus zurück und informierte meinen Boss, Chief Inspector Brennan, über den Fund. Brennan war ein großer, leicht chaotischer Mann, der dazu neigte, seine Sätze regelrecht zu brüllen.

»Erste Ideen, Duffy?«, fragte er.

»Da draußen war es lausekalt, Sir. Napoleons Rückzug aus Moskau, wir mussten die Pferde essen, können froh sein, dass wir noch leben.«

»Das Opfer?«

»Ich habe den Eindruck, es handelt sich um einen Ausländer. Möglicherweise einen Touristen.«

»Das sind schlechte Neuigkeiten.«

»Ja, ich schätze mal, er wird beim Fragebogen, den sie den Touristen am Flughafen austeilen, der Gegend eher kein ›Sehr gut‹ verpassen.«

»Todesursache?«

»So wie es aussieht, können wir Selbstmord ausschließen«, meinte ich nur.

»Wie ist er gestorben?«

»Das weiß ich noch nicht – vermute mal, der abgehackte Kopf könnte dazu beigetragen haben, oder? Unsere besten Leute sind darauf angesetzt, Sir, seien Sie versichert.«

»Wo ist Detective Constable McCrabban?«, wollte Brennan wissen.

»Dallas, Sir.«

»Und mir hat er gesagt, er hat Angst vorm Fliegen, dieser gottverfluchte Lügner.« Chief Inspector Brennan seufzte und morste unbewusst (vielleicht auch bewusst) mit dem Zeigefinger ›Arsch‹ auf den Schreibtisch.

»Es ist Ihnen klar, wenn es sich um einen Ausländer handelt, dann wird das an die große Glocke gehängt, oder?«, murmelte er.

»Aye.«

»Ich sehe Papierkram vor mir, sehr viel Papierkram, ein Pow-Wow mit den großen Häuptlingen, und Sie werden möglicherweise von irgendeinem Trottel aus Belfast ersetzt.«

»Aber doch nicht wegen eines toten Touristen, Sir?«

»Wir werden ja sehen. Und Sie kriegen nicht wieder einen Anfall, wenn man Ihnen den Job wegnimmt, hm? Sie sind doch jetzt erwachsen geworden, Sean, nicht wahr?«

Keiner von uns konnte so leicht den Trottel vergessen, zu dem ich mich gemacht hatte, als mir das letzte Mal ein Mordfall weggenommen worden war ...

»Ich habe mich geändert, Sir. Mannschaftsspieler. Kenny Dalglish, nicht Kevin Keegan. Wenn der Fall nach oben weitergereicht wird, werde ich denen jede Unterstützung angedeihen lassen und jedem Befehl gehorchen. Bis zum bitteren Ende, Sir.«

»Hoffen wir, dass es nicht so weit kommt.«

»Amen, Sir.«

Er lehnte sich in seinem Bürosessel zurück und griff nach der Tageszeitung.

»Also gut, Inspector, Sie können gehen.«

»Jawohl, Sir.«

»Und denken Sie dran, Carol hat am Freitag Geburtstag, und Sie sind an der Reihe. Kuchen, Partyhüte, Sie wissen schon. Und ich mag dick Buttercreme obendrauf.«

»Ich habe die Bestellung gestern bei McCaffrey’s abgegeben. Auf dem Heimweg werde ich bei Henrietta vorbeischauen.«

»Sehr gut. Und immer schön kleine Brötchen backen.«

»Den haben Sie sich extra aufgespart, richtig, Sir?«

»Habe ich«, gab er lächelnd zu.

Ich machte auf dem Absatz kehrt. »Moment!«, dröhnte Brennan.

»Sir?«

»›Neapel in Neapel‹, drei senkrecht, sechs Buchstaben.«

»Napoli, Sir.«

»Häh?«

»In Neapel heißt Neapel Napoli.«

»Ah, hab’s kapiert, und jetzt raus mit Ihnen.«

Auf dem Heimweg in die Coronation Road schaute ich bei McCaffrey’s rein, begutachtete die Torte, die typische irische Geburtstagstorte aus Biskuitboden, Sahne, Rum, Marmelade und Zucker. Ich erwähnte die Vorlieben des Chief Inspector, und Annie meinte, das sei kein Problem: Sie könne auch eine ein Zentimeter dicke Buttercreme drüberstreichen, wenn wir wollten.

»Das wäre toll«, sagte ich und machte mir im Geiste eine Notiz, auch für einen Defibrillator zu sorgen.

Dann fuhr ich weiter durch die heruntergekommenen Einkaufsgegenden von Carrickfergus, kam vorbei an vernagelten Geschäften und Cafés, verwüsteten Parks und Spielplätzen. Gelangweilte Gören, wie man sie aus den pulitzerpreisgekrönten Fotobänden kannte, hockten finster dreinblickend auf der Mauer über den Eisenbahngleisen und warteten auf den Zug nach Belfast, um Gegenstände darauf herabregnen zu lassen.

Ich hielt vor dem schwer vergitterten Mace Supermarket, der mit sektiererischen und paramilitärischen Graffiti übersät war; darunter fand sich die verblasste und auch recht unwahrscheinliche Behauptung: »Jesus Loves The Bay City Rollers!«

Ich watete durch den üblichen Parkplatzbodenbelag aus Frittenpapier, Plastiktaschen und Chipstüten.

Als ich mitten im Laden stand, erklang die Musik, die mir den ganzen Tag im Kopf herumgegangen war, aus den Lautsprechern. Ich musste die Melodie wohl letzte Woche beim Einkauf aufgeschnappt haben. Nachdem ich Cornflakes, eine Flasche Tequila und Heinz-Tomatensuppe eingepackt hatte, ging ich zur Kasse.

»Was ist das denn für ein Stück?«, fragte ich das fünfzehnjährige Mädchen, das an der Kasse saß. »Das geht mir schon den ganzen Tag nicht mehr aus dem Kopf.«

»Keine Ahnung, Schätzchen. Fürchterlich, nicht?«

Ich bezahlte und betrat das Büro, wo ich Trevor, den stellvertretenden Filialleiter aufscheuchte, der gerade mit einem schwermütigen Ausdruck auf seinem Dachshundgesicht Der Geächtete von Gor las. Auch er kannte das Musikstück nicht.

»Ich such die Kassetten nicht aus«, sagte er zu seiner Verteidigung, »ich mache nur, was mir gesagt wird.«

Ich fragte ihn, ob ich wohl mal die Kiste mit den Kassetten sehen könnte. Er hatte nichts dagegen. Ich stöberte durch die Sammlung und fand eine leere Hülle. Light Classical Hits IV. Ich ging die Liste der Stücke durch und fand das Richtige: »Aquarium« aus dem Karneval der Tiere von Camille Saint-Saëns.

Ein merkwürdiges Stück, das beim Publikum beliebt war, aber nicht unter Musikern. Die Melodie wurde von einer Glasharmonika vorgetragen, einem wirklich verrückten Instrument, bei dem die Musiker angeblich wahnsinnig wurden. Ich nickte und stellte die Kiste beiseite.

»Ich spiel’s auch nicht wieder, Inspector, wenn Sie nicht wollen, Sie sind nicht der Erste, der sich beschwert hat«, sagte Trevor.

»Nein, eigentlich bin ich ein Bewunderer von Saint-Saëns«, wollte ich gerade sagen, aber Trev hatte schon die Kassette gewechselt, und nun lief Contemporary Hits Now!

Als ich aus dem Supermarkt kam, zog gerade der Qualm einer großen Brandbombe von Bangor her über den Lough, und man konnte die Sirenen von Feuerwehr und Krankenwagen durch die graue, merkwürdig reflektierende Atmosphäre bis herüber hören.

Aus den Außenlautsprechern des Supermarkts sang Paul Weller in seinem näselnden Bariton gerade die ersten Takte von »A Town Called Malice«, einen Song, der, wie ich zugeben musste, geradezu deprimierend passend war.

2

DAS ENDE DER WELT

Wir standen am Ufer und sahen über das Wasser hinweg zum drei Meilen entfernten nördlichen Belfast hinüber. Der Himmel war ungesund braun, die Gebäude regenverschmierte Rechtecke am düsteren Horizont. Belfast war nicht schön. Es war auf dem Watt gebaut worden, und ohne felsigen Untergrund schossen die Gebäude nicht in die Höhe. Architektonisch dominierten viktorianische Zweckbauten aus roten Ziegeln und der Brutalstil der Sechziger, bis beide kopfüber in die »Troubles« gestürzt waren. Tausend Autobomben später waren die einzigen Überreste von Betonmauern, Stacheldraht und einem Sicherheitszaun aus Stahl umgeben, die die Bombenleger fernhalten sollten.

Hier in den nördlichen Vororten gab es nur gelegentlich terroristische Angriffe, aber durch den wirtschaftlichen Zusammenbruch und den Krieg war die Architektur in veralteten Zweckbauweisen steckengeblieben, deren Hauptaugenmerk darauf zu liegen schien, die menschliche Seele zu entmutigen. Optimistische Kolonialbeamte pflanzten andauernd Bäume und unterstützten Pläne zur Beseitigung der Wandschmierereien, aber die Bäume machten es nie lang, und nur die Todesmutigen wagten es, die paramilitärischen Graffiti an den eigenen Häusern zu beseitigen, von öffentlichen Plätzen in der Stadt ganz zu schweigen.

Ich zündete mir eine zweite Zigarette an und dachte über die Architektur nach, weil ich nicht an Laura denken wollte.

Ich hatte sie seit fast einer Woche nicht gesehen.

»Sollen wir reingehen?«, fragte Crabbie.

»Immer mit der Ruhe, Kumpel. Ich hab mir gerade eine Kippe angezündet. Lass mich erst aufrauchen.«

»Ist ja dein Kopf. Sie wird es nicht sehr mögen, dass man sie warten lässt«, warnte Crabbie.

Nieselregen.

Ein streunender Hund.

Ein Mann namens McCawley, der die Kleider seiner verstorbenen Frau trug und ihren leeren Rollstuhl über den Bürgersteig schob. Er sah uns neben dem Land Rover stehen.

»Verdammtes Bullenpack, euch sollte man allesamt ans Kreuz nageln«, sagte er und hob unsere weggeworfenen Kippen auf.

»Na komm schon, Sean, das ist eine ernste Sache. Wir haben einen Termin mit der Pathologin«, hakte Crabbie nach.

Er wusste nicht, dass Laura und ich uns aus dem Weg gingen.

Ich wusste es auch nicht.

Vor zwei Wochen war sie für ein paar Tage nach Edinburgh gefahren, um einen Vortrag zu halten, und nach ihrer Rückkehr meinte sie, sie würde bis über beide Ohren in liegengebliebener Arbeit stecken.

So die offizielle Version. Aber ich wusste, dass etwas in der Luft hing. Schon seit Monaten.

Vielleicht schon, seit wir uns kennengelernt hatten.

Das war ihre dritte Fahrt nach Edinburgh dieses Jahr. Hatte sie jemand anderen kennengelernt? Mein Instinkt sprach dagegen, aber selbst ein Detective konnte blind sein. Vielleicht gerade ein Detective.

Seit einer ganzen Weile schon hatte ich das Gefühl, ich würde sie in eine Falle locken. Erst hatte ich uns in eine lebensbedrohliche Situation gebracht, dann hatte ich auf mich schießen lassen. Was konnte sie denn während meiner Genesung anderes machen, als bei mir zu bleiben? Sie konnte ja wohl schlecht einen Mann sitzenlassen, der ins Koma gefallen war und bei seinem Aufwachen feststellte, dass ihm der Polizeiorden der Queen verliehen worden war.

In gewisser Hinsicht hatte sie sich selbst geschützt. Sie hatte sich geweigert, zu mir in die Coronation Road zu ziehen, weil, wie sie sagte, die protestantischen Frauen ihr böse Blicke zuwarfen.

Und sie hatte sich ein Haus in Straid gekauft. Von Heirat war nie die Rede gewesen. Keiner von uns beiden hatte jemals gesagt: »Ich liebe dich.«

Vor der letzten Fahrt hatten wir uns zwei oder drei Mal die Woche gesehen.

Was waren wir eigentlich? Ein Paar? Es sah nicht danach aus.

Aber was dann?

Ich hatte keine Ahnung.

Crabbie sah mich mit seinen halb geschlossenen, braunen Augen leicht verärgert an und tippte auf seine Uhr.

»Es ist Viertel nach neun«, sagte er mit seiner Stimme voll moralischer Autorität, die weniger von der Position als Polizist stammte, sondern eher von seinem Status als Kirchenältester in sechster Generation einer presbyterianischen Gemeinde Irlands. »Die Ansage lautete, wir sollten um neun kommen, Sean. Wir sind spät dran.«

»Schon gut, schon gut, mach mal halblang. Gehen wir«, gab ich nach.

Schnitt: Krankenhaus. Glattgeschrubbte Oberflächen. Gedämpfte Stimmen. Ein chemischer Geruch aus Putzmitteln und Teppichreiniger. Aus den Lautsprechern tropfte Django Reinhardts »Tears«.

Die neue Schwester am Empfang, eine typische Vertreterin der forschen, irischen, hübschen, nüchternen Art, sah uns skeptisch an.

»Hier ist Rauchen verboten, meine Herren«, verkündete sie.

Ich drückte die Kippe im Aschenbecher aus. »Wir möchten bitte zu Dr Cathcart«, sagte ich.

»Und Sie sind?«

»Detective Inspector Duffy, Carrickfergus RUC, und das ist meine geistliche Inspiration, DC McCrabban.«

»Sie werden erwartet.«

Wir blieben vor den Schwingtüren zur Autopsie stehen und klopften an.

»Wer ist da?«, fragte Laura.

»DI Duffy, DC McCrabban«, antwortete ich.

»Kommen Sie herein.«

Der vertraute Geruch. Helle Deckenbeleuchtung. Edelstahlschalen voller Eingeweide. Fein säuberlich aufgereihte glänzende Präzisionsinstrumente. Und der Star der Show: unser alter Freund vom Vortag auf einer Bahre.

Laura hatte ihr Gesicht hinter einer Maske versteckt, was ich, ich konnte nicht anders, wunderbar metaphorisch fand.

»Guten Morgen, Gentlemen«, sagte sie.

»Guten Morgen, Dr Cathcart«, entgegnete Crabbie automatisch.

»Hi«, erwiderte ich fröhlich.

Unsere Blicke trafen sich.

Sie schaute mir ein paar Sekunden in die Augen und lächelte dann unter der Maske.

Schwer zu sagen, aber das schien mir nicht der Blick einer Frau zu sein, die mich wegen eines anderen sitzenlassen wollte.

»Also, was können Sie uns über das Opfer sagen, Dr Cathcart?«, fragte ich.

Sie nahm ihr Klemmbrett in die Hand. »Weiß, männlich, etwa sechzig, ergrauende Haare. Groß, eins zweiundneunzig, vielleicht eins fünfundneunzig. Eine verheilte Narbe am linken Gesäß, wohl von einer schwerwiegenden Verletzung, möglicherweise ein Autounfall oder, angesichts seines Alters, eine Kriegswunde. Eine Tätowierung auf dem Rücken – ›No Sacrifice Too Grea‹ – was ich für einen Wahlspruch oder ein Bibelzitat halte. Das ›t‹ von ›Great‹ fehlte an der Stelle, wo seine Haut im Gefrierfach angefroren gewesen ist.«

»Gefrierfach?«

»Die Leiche war für unbestimmte Zeit eingefroren. Als sie dort entfernt und im Koffer platziert wurde, ist ein Stück Haut am Gefrierschrank festgefroren geblieben, deshalb also das fehlende ›t‹. Ich habe Fotos davon gemacht, die im Laufe des Tages entwickelt werden.«

»Wie, sagten Sie, lautete die Tätowierung?«, fragte Crabbie und klappte sein Notizbuch auf.

Laura zuckte mit den Schultern. »Ein Bibelzitat vielleicht? ›No Sacrifice Too Great‹.«

Ich sah Crabbie an. Der schüttelte den Kopf. Ihm fiel dazu auch nichts ein. »Bitte fahren Sie fort, Doktor«, sagte ich.

»Kopf, Arme und Beine des Opfers wurden post mortem abgetrennt. Er war zudem beschnitten, aber das ist direkt nach der Geburt gemacht worden.«

Sie verstummte und sah mich wieder an.

»Todesursache?«, fragte ich.

»Jetzt, Detective Inspector, wird es wirklich spannend.«

»Das ist es doch schon«, meinte Crabbie.

»Bitte weiter, Dr Cathcart.«

»Mord oder Selbstmord – so oder so, Tod durch Unfall. Das Opfer wurde vergiftet.«

»Vergiftet?«, entfuhr es Crabbie und mir unisono.

»Ja.«

»Sind Sie sicher?«, fragte Crabbie.

»Ganz sicher. Es handelt sich um ein äußerst seltenes, tödliches Gift namens Abrin.«

»Nie davon gehört«, meinte ich.

»Ändert aber nichts daran. Ich habe Abrin in Kehlkopf und Speiseröhre gefunden, und die Lungenblutungen lassen kaum Zweifel übrig«, fuhr Laura fort.

»Ein Rattengift oder so was?«, wollte ich wissen.

»Nein, erheblich seltener. Abrin ist ein natürliches Toxin aus der Paternostererbse. Selbstverständlich muss es raffiniert und gemahlen werden. Der Vorteil gegenüber Rattengift ist seine völlige Geschmacksneutralität. Es ist sehr ungewöhnlich, wie schon gesagt, aber ich bin mir ziemlich sicher ... Ich habe die toxikologische Untersuchung selbst vorgenommen.«

»Das ist furchtbar dumm von mir, aber was ist die Paternostererbse?«, fragte ich.

»Das ist der gebräuchliche Name der Jequirity-Pflanze aus Trinidad und Tobago, aber ich glaube, sie stammt ursprünglich aus Südostasien. Hier ist sie äußerst selten, ich musste sie selbst nachschlagen.«

»Vergiftet ... Himmel«, sagte ich.

»Soll ich fortfahren?«, wollte sie wissen.

»Bitte.«

»Das Abrin wurde oral verabreicht. Wahrscheinlich mit Wasser. Man kann es auch ins Essen mischen. Innerhalb von Minuten löst es sich im Magen des Opfers auf und geht ins Blut über. Dann dringt es in die Zellen ein und unterbindet binnen kürzester Zeit die Proteinsynthese. Ohne diese Proteine können die Zellen nicht überleben.«

»Und was passiert als Nächstes?«

»Blutungen in der Lunge, Nierenversagen, Herzversagen, Tod.«

»Grausig.«

»Ja, aber zumindest ist es recht schnell gegangen.«

»Wie schnell? Sekunden, Minuten?«

»Minuten. Diese besondere Form von Abrin war selbstgebraut, nicht sehr raffiniert. Sicher nicht aus einem Kriegswaffenlabor irgendeiner Regierung.«

»Selbstgebraut, aber wirkungsvoll.«

»So ist es.«

Ich nickte. »Und wann war das?«

»Das ist noch so ein Puzzleteil.«

»Und?«

»Unmöglich zu sagen, wie lange die Leiche eingefroren war.«

Ich nickte.

»Und Sie sind sich mit der Gefriernummer sicher? Es gibt ja viele Möglichkeiten, wie jemand am Rücken ein Stück Haut verlieren kann«, meinte McCrabban.

»Ich bin mir sicher, Detective. Der durch das Gefrieren verursachte Zellschaden ist am ganzen Torso nachweisbar.«

»Sie haben also keine Ahnung, wann das gewesen sein könnte?«, hakte ich nach.

Laura schüttelte den Kopf. »Es übersteigt meine Fähigkeiten festzustellen, für wie lange die Leiche eingefroren war.«

»Sie können also keinen Todeszeitpunkt bestimmen?«

»Tut mir leid, keine Uhrzeit, kein Datum. Aber ich arbeite noch daran.«

»Vergiftet, eingefroren, zerstückelt, weggeworfen«, sagte McCrabban traurig und schrieb alles auf.

»Ja«, sagte Laura und gähnte. Ich lächelte sie an. War ihr der Tod schon so langweilig geworden? Ging es am Ende allen Pathologen so?

Langweilten wir sie vielleicht? Oder ich?

»Paternostererbse. Interessant«, meinte McCrabban, der noch immer in sein Notizbuch kritzelte.

»Unser Mörder ist nicht dumm«, betonte Laura. »Er verfügt über Bildung.«

»Das schließt ja die Paras mehr oder weniger aus«, brummelte McCrabban.

»So klug sind sie nicht, meinen Sie?«, fragte Laura.

»Gift ist für die viel zu ausgefeilt. Eigentlich für jeden hier in der Gegend. Wozu auch? In Nordirland kriegst du an jeder Straßenecke Waffen«, sagte ich.

McCrabban nickte. »Der letzte Giftmord war 1977«, erklärte er.

»Und was war da?«, fragte Laura.

»Frau bringt ihren Mann mit Unkrautvernichtungsmittel im Tee um. Klare Sache«, antwortete McCrabban.

»Also, was denkst du haben wir hier? Einzeltäter, jemand, der nichts mit den Paras zu tun hat?«

»Schon möglich«, pflichtete mir McCrabban bei.

»Tu uns einen Gefallen, ruf ein paar Gartencenter an und frag nach Paternostererbsen und kümmere dich um ›No Sacrifice Too Great‹, okay?«

Crabbie war nicht auf den Kopf gefallen und konnte zwischen den Zeilen lesen. Er verstand, dass ich mit Laura allein reden wollte.

»Gehst du dann zu Fuß zum Revier zurück, Sean?«

»Aye, ich gehe zu Fuß, ich kann den Auslauf brauchen.«

»Na gut«, sagte er und wandte sich an Laura. »Freut mich, Sie wiedergesehen zu haben, Dr Cathcart.«

»Mich auch, Detective McCrabban«, meinte Laura.

Als Crabbie gegangen war, ging ich zu Laura und nahm ihr die Maske ab.

»Was denn?«, fragte sie.

»Sag’s mir«, sagte ich.

»Was denn?«

»Was los ist.«

Sie schüttelte den Kopf. »Ach, Sean, dafür hab ich heute keine Zeit.«

»Zeit wofür genau?«

»Die Spielchen. Das Theater.«

»Kein Theater. Ich möchte nur wissen, was los ist.«

»Wovon redest du überhaupt?«

»Was ist mit uns los?«

»Nichts«, sagte sie.

Ihre Stimme zitterte.

Ich hörte, wie Crabbie draußen den Land Rover startete.

Ich wartete ein, zwei Herzschläge lang.

»Na gut, gehen wir in mein Büro«, sagte Laura.

»Okay.«

Wir gingen den Flur entlang und traten in ihr Büro. Es war noch immer mattbeige gestrichen, dieselben Aquarelle mit irischen Landschaften hingen an den Wänden. Sie setzte sich auf ihren Lederbürosessel und löste ihr rotes Haar. Sie war blass, zerbrechlich, wunderschön.

Die Sekunden krochen dahin.

»Es ist keine große Sache«, fing sie an.

Ich schloss die Augen und lehnte mich auf dem Patientenstuhl zurück. Oh Scheiße, dachte ich, das heißt, es ist eine verdammte Riesensache.

»Man hat mir eine befristete Dozentenstelle an der University of Edinburgh angeboten«, sagte sie, und ihre Stimme klang wie aus der Tiefe eines Kohlenschachts.

»Gratuliere«, sagte ich mechanisch.

»Sei doch nicht so, Sean.«

»Bin ich nicht.«

»An der medizinischen Fakultät. Erstsemester, Einführung in die Anatomie an einer Leiche. Wenn ich ehrlich bin, brauche ich mal eine Auszeit von, von …«

»Mir?«

»Von alldem ...«

Es musste also nichts mit mir zu tun haben. Jeder, der noch ein wenig Verstand hatte, verließ das Land. Wohin, war egal. England, Schottland, Kanada, Amerika, Australien ... Hauptsache weg.

»Ja klar.«

Laura erklärte mir, warum das Ganze eine aufregende Herausforderung war und warum es nicht notwendigerweise das Ende zwischen uns beiden bedeutete.

Ich nickte, lächelte, freute mich für sie.

Die Sache war mir vollkommen klar. Sie würde Nordirland hinter sich lassen und niemals zurückkehren. Mal ehrlich, wer wollte wieder zurück an Bord der Titanic?

Ihre Schwestern hatten die Highschool beendet, ihre Eltern zogen gerade nach England um. Das Einzige, was Laura noch hier hielt, war ihr lausiger Job, war ich, und beides konnte sie verschmerzen.

»Und wann willst du los?«, fragte ich.

»Montag.«

»Schon?«

»Ich habe mir ein Apartment gemietet und muss mir noch Möbel besorgen.«

»Was ist mit deinem Haus in Straid?«

»Meine Ma kümmert sich darum.«

»Und im Krankenhaus? Wer springt hier für dich ein?«

»Die anderen Ärzte können meinen Dienst übernehmen, und ich habe einen meiner Professoren gebeten, in der Zwischenzeit meine Autopsien vorzunehmen. Dr Hagan. Er kommt mir zuliebe aus dem Ruhestand zurück. Ein sehr erfahrener Mann. Er hat jahrelang für Scotland Yard gearbeitet und am Royal Free Hospital unterrichtet. Er meint, er würde mich gern für ein paar Monate vertreten. Er wird die Arbeit besser machen als ich.«

»Das bezweifle ich.«

Laura lächelte.

Dann setzte Stille ein. Hinten am Empfang konnte ich ein Kind weinen hören.

»Kommst du am Wochenende zu mir zum Essen?«

»Ich habe sehr viel zu tun. Packen und alles.«

Das war’s. Ich würde sie nicht anflehen. »Wenn du es dir noch mal anders überlegst, kannst du mich ja anrufen.«

»Mach ich.«

Ich stand auf, zwinkerte und sah sie an. Sie hielt dem Blick stand, wirkte entschlossen, fast entspannt. »Bye, Laura.«

»Bye, Sean. Ist doch nur für ein Semester. Zehn Wochen«, sagte sie. Sie wollte noch etwas hinzufügen, doch ihr Mund zitterte einen Augenblick, und sie schloss ihn wieder.

Ich ging, um eine Szene zu vermeiden. Ich nickte ihr kurz zu, als ich aus dem Büro trat, und schlug die Tür ein wenig zu laut zu. Meinen Abgang begleitete »Heart of Glass« von Blondie, das von der Rezeption herüberdrang.

Ich ging zum Parkplatz und rief: »Scheiße! Scheiße! Scheiße!«, dann zündete ich mir eine Zigarette an. Ich marterte mein Hirn auf der Suche nach einem Fluch, doch die irische Sprachgewandtheit war seit den Tagen von Wilde und Yeats, Synge und Shaw klar auf dem absteigenden Ast. Drei Mal ›Scheiße‹ und eine Kippe, mehr war in diesen schlechten Zeiten nicht drin.

Ich ging über die Eisenbahnbrücke.

Eine steife Seebrise legte einen Schleier über die Autos auf der Belfast Road, und die Wellen von hier bis Schottland trugen weiße Schaumkronen. Auf der Scotch Quarter unterhielt vor der Gospel Hall ein wuschelhaariger amerikanischer Prediger eine Gruppe von Rentnern mit der Verkündung, das Ende der Welt sei nahe und die letzten Tage seien angebrochen. Ich hörte ihm eine Weile zu und fand ihn recht überzeugend. Doch bevor ich ›erlöst‹ werden konnte, durchnässte ein Kaventsmann mich und einen anderen Spätankömmling, und die Alten lachten angesichts dieses schlechten Witzes der Vorsehung.

Das Royal Oak hatte gerade erst geöffnet, war aber bereits bevölkert mit standhaften Alkoholikern und Polizisten, die eifrig den Kollegenrabatt ausnutzten.

Alex, der Barkeeper, trug ein Batikhemd, Fellstiefel und ein knöchellanges Samtcape. Offenbar hatte er ein Zeitportal ins Jahr 1972 entdeckt. Oder er hatte eine Verabredung mit Elton John. Beides interessierte mich nicht sonderlich.

Ich sagte Hallo und bestellte einen ordentlichen Scotch.

»Frauen oder Arbeit?«, fragte Alex.

»Ist es immer das eine oder das andere?«, fragte ich zurück.

»Aye, ist es«, antwortete er bedacht.

»Frauen«, sagte ich.

»In dem Falle, Kumpel, spendier ich dir einen Doppelten aufs Haus«, erklärte er voller Mitgefühl.

3

THE BIG RED ONE

Ich wollte mir schon einen weiteren Doppelten und ein Guinness bestellen, damit sich das Gelage auch richtig lohnte, aber es war Freitag, was bedeutete, dass Tiefkühlpizza auf dem Menü stand, und das Zeug schrie nur so nach Schlaganfall.

Auf dem Revier grüßte ich Sergeant Burke am Tresen, beglückwünschte ihn zu seinem Zapata-Bärtchen im Retrostil und ging die Treppe nach oben in den Einsatzraum.

»Himmel! Wo kommst du denn her?«, fragte Matty, den ich beim Dartspielen aufgescheucht hatte.

»Auf der neunzehnten Ebene des Zen-Buddhismus lernt man zu teleportieren – und jetzt pack die Pfeile weg, wir haben zu arbeiten«, entgegnete ich gereizt.

Matty warf den letzten Pfeil und setzte sich an den Schreibtisch.

So langsam ging mir Matty auf die Nerven. Er hatte sich die Haare wachsen lassen, und wegen seiner natürlichen Irenkrause standen sie seitlich steil ab. Er hatte einen Daumenring und trug nun weiße Jacketts über weißen T-Shirts. Keine Ahnung, was dieser Look genau darstellen sollte, aber mir gefiel er nicht, nicht mal als ironische Anspielung.

Matty und McCrabban starrten mich mit stupidem Gesichtsausdruck an.

»Vermisste Personen?«, fragte ich.

»Keine bislang, Sean.«

»Irgendwas in Erfahrung bringen können mit diesem Motto?«

»Noch nicht, nein«, antwortete McCrabban traurig.

»Bleib dran! Und denk an Winston Churchills Ausspruch: ›Wenn die Schiffe erstmal aus Dünkirchen zurück sind, ist noch genug Zeit, sich einen von der Palme zu schütteln.‹«

»Ich glaube nicht, dass Churchill jemals so etwas …«

»Und du, Matty, mein Freund, häng dich an die Strippe, ruf alle Gartencenter ab und frag mal nach Paternostererbsen.«

Eine Stunde lang liefen die Telefone heiß.

In nicht einem einzigen Gartencenter in ganz Nordirland gab es Paternostererbsen. Ich rief die nordirische Horticultural Society an, aber auch dort war nichts zu holen. Sie kannten niemanden, der sie jemals angebaut hätte. Aber dazu bräuchte man auf jeden Fall ein Gewächshaus, erklärten sie mir.

»Der Mörder hat wahrscheinlich ein Gewächshaus. Schreib das an die Tafel«, sagte ich.

Crabbie fügte die Information zu unserer Liste aus Kästchen und Pfeilen hinzu, die wir auf dem Whiteboard im Einsatzraum erstellt hatten.

»Weiter telefonieren. Ich gehe in die Bibliothek«, erklärte ich.

Ich ging den Scotch Quarter entlang. Ein Tinker bot am Heck seines Ford Transit eine bösartig wirkende Ziege zum Verkauf an. »Ziege zu verkaufen«, stand auf seinem Schild. »Übellaunig. Nehme jedes Angebot an«.

»Nein danke, Kumpel«, sagte ich; dann fing es an zu hageln, und ich flüchtete mich in die Bibliothek von Carrickfergus. Ich begrüßte Mrs Clemens. »Es soll noch ein schöner Tag werden, sagt man«, fügte ich rein konversationshalber hinzu.

»Wer sagt das?«, fragte sie argwöhnisch.

Ich mochte Mrs Clemens sehr. Sie ging auf die fünfundsiebzig zu. Sie hatte wegen eines Krebsleidens ein Auge verloren und trug statt eines Glasauges eine Augenklappe. Das gefiel mir – sie sah aus wie eine Piratenoma. Sie war magenkrank, kannte die Bibliothek in- und auswendig und hasste jeden, der etwas ausleihen wollte.

»Pflanzen, Gartenbau, Botanik«, fragte ich.

»Fünfhunderteinundachtzig«, antwortete sie. »Zu Beginn der Abteilung stehen ein paar gute Enzyklopädien.«

»Danke.«

Ich ging zur Abteilung 581 und schlug Paternostererbsen nach:

ABRUS PRECATORIUS, auf Trinidad & Tobago meist bekannt unter den Namen Jequirity, Crab’s Eye, Krabbenaugenwein, Paternostererbse, John Crow Bead, Paternosterbohne, Indian Liquorice, Akar Saga, Giddee Giddee or Jumbie Bead, ist eine mehrjährige verholzende Ranke. Es handelt sich um eine Hülsenfrucht mit langen, paarig gefiederten Blättern. Die Pflanze ist in Indonesien heimisch und gedeiht, wenn sie einmal eingeführt ist, in allen tropischen und subtropischen Regionen. Die Pflanze ist invasiv und neigt zur Verkrautung. In Indien werden die Samen der Paternostererbsen häufig in Rhythmusinstrumenten verwendet.

»Interessant«, sagte ich mir. Ich fotokopierte die Seite und fand mit Mrs Clemens’ Hilfe ein Buch über Gifte. Der gesuchte Eintrag fand sich unter ›Jequirity‹:

Die Bohne enthält das hochtoxische Gift Abrin, ein enger Verwandter des besser bekannten Rizin. Es handelt sich um ein Dimer, das aus zwei Protein-Untereinheiten A und B besteht. Die B-Kette erlaubt Abrin das Eindringen in die Zelle durch Andocken an bestimmte Botenproteine auf den Zellmembranen, die das Toxin in die Zelle transportieren. In der Zellmembran verhindert die A-Kette die Proteinsynthese durch Ausschaltung der Ribosomen-Untereinheit 26S. Ein Molekül Abrin schaltet bis zu 1500 Ribosomen pro Sekunde aus. Die Symptome entsprechen denen des Rizins, doch ist Abrin um mehrere Potenzen giftiger. Waffentaugliches, hochtoxisches Abrin führt kurz nach der Einnahme zu Leberversagen, Lungenödem und Tod. Es gibt kein bekanntes Gegenmittel.

Ich fotokopierte auch diese Seite und lief durch den Hagel zurück aufs Revier. Es war niemand da, abgesehen von einem feisten, nervigen Neureservisten namens McDowell, der an seinem ersten Tag zu mir gekommen war und mich ohne Umschweife gefragt hatte, »ob es stimme, dass ich ein Fenier sei«. Zufällig hatte es an jenem Tag geregnet, also konnte ich meine Wollmütze abnehmen und ihn fragen, ob er irgendwelche Hörner sehe. Der Laden war in Gelächter ausgebrochen, und Inspector McCallister schüttelte es derart, dass er sich fast einen Bruch dabei holte. Seitdem war mir McDowell aus dem Weg gegangen.

Ich fand die anderen inmitten einer Tabakwolke im Konferenzraum des zweiten Stocks, wo Chief Inspector Brennan alle auf den neuesten Stand der Terrorsituation brachte – ein Vortrag, den er gerade auf dem Treffen der Revierleiter und Divisionskommandeure in Belfast gehalten hatte. »Schön, dass Sie sich uns anschließen, Inspector Duffy, setzen Sie sich, das geht auch Sie an!«

»Jawohl, Sir«, sagte ich und setzte mich hinten im Raum neben die beiden Sergeants Burke und Quinn.

Ich hörte zu, war aber nicht bei der Sache. Brennan berichtete uns, dass die Paras gerade in einer »Phase der Umstrukturierung und der Auskundschaftung« steckten, wie Special Branch das nannte. Außerdem hatte die IRA gerade ein Luxusproblem. Die Rekrutierungszahlen waren wegen des Hungerstreiks im Vorjahr in die Höhe geschossen, vor allem nach dem Märtyrertod von Bobby Sands. Freiwillige mussten abgewiesen werden, und das Geld floss dank der Schutzgelderpressungen, Drogen und Kneipenkollekten in den irischen Bars in Boston und New York in Strömen. Die Libyer hatten die IRA mit Semtex-Sprengstoff ausgestattet, mit Raketen und Armalite-Gewehren. Die führenden Köpfe der IRA waren gegenwärtig ratlos, was sie mit all den Männern und Waffen machen sollten, aber die Ruhepause würde nicht ewig anhalten, und wir mussten alle auf der Hut sein und uns auf einen drohenden epischen Kampf einstellen.

Brennans Vortragsmethode bestand darin, uns die Fakten zu nennen, ohne sich groß mit aufmunternden Worten aufzuhalten. Dafür waren wir eh schon zu abgestumpft, und das wusste er. Er brach noch nicht mal seine Whiskyvorräte an, was schon ziemlich unerhört war.

»Passen Sie überhaupt auf, Duffy?«, fragte er.

»Aye, Sir, ce n’est pas un revolte, es ist eine verdammte Revolution, richtig?«

»Aye, das ist es. Und reden Sie kein Ausländisch. Also gut, alle wieder an die Arbeit«, verkündete er brüsk.

Ich scheuchte Matty und McCrabban zurück ins Einsatzzimmer; auf dem Whiteboard prangte eine große rote ›1‹ über der Liste der bekannten Fakten unseres Unbekannten.

»Und wozu ist das gut?«, fragte ich Crabbie.

Er grinste und reichte mir ein Blatt von seinem Schreibtisch, auf dem sich Notizen über die First Infantry Division der United States Army befanden.

»Unser Freund ist ein Ami. ›No Mission Too Difficult, No Sacrifice Too Great‹ ist der Leitspruch der First Infantry Division. Ich habe ein wenig gebuddelt. Wenn unser Unbekannter im richtigen Alter für den Zweiten Weltkrieg war, dann hat er das Schlimmste abgekriegt: Sizilien, Normandie, Hürtgenwald. Da hat er vielleicht auch die Schrapnellwunden her.«

»Ausgezeichnete Arbeit, Crabbie!«, lobte ich ihn hocherfreut. »Fantastisch! Damit können wir gut was anfangen. Ein Amerikaner! Mannomann.«

»Ich hab auch geholfen!«, beklagte sich Matty zickig.

»Das weiß ich doch, Kumpel«, beruhigte ich ihn.

»Ein Ex-GI kommt nach Nordirland, um Urlaub zu machen oder die alte Heimat zu besuchen, am Ende wird der arme Kerl vergiftet«, meinte Crabbie nachdenklich.

»Aye«, sagte ich und rieb mir das Kinn. »Habt ihr schon den Zoll angerufen?«

»Haben wir. Die kümmern sich drum. Wir haben sie um eine Liste der Namen aller amerikanischen Besucher in Nordirland in den letzten drei Monaten gebeten«, erklärte Matty.

»Warum denn drei Monate?«

»Wenn seine Leiche eingefroren worden ist, dann kann das jederzeit gewesen sein. Aber wenn es länger als drei Monate zurückliegen würde, dann wäre er doch schon auf der Vermisstenliste aufgetaucht«, antwortete Matty ein wenig überempfindlich.

»Ruft sie an und weitet die Datensuche auf ein ganzes Jahr aus«, sagte ich.

»Himmel, Sean, das könnten Hunderte, vielleicht Tausende von Namen sein«, protestierte Matty.

»Und wenn wir fünf Jahre zurückgehen, wir brauchen Ergebnisse. Du hast doch gehört, was der Chief gesagt hat. Wir haben den Luxus, uns nur um einen Fall kümmern zu müssen. Wenn wir Pech haben, kriegen wir es in den nächsten Monaten mit einem ganzen Haufen an Morden zu tun.«

Matty nickte und griff nach dem Hörer, während ich McCrabban mitteilte, was ich über das Gift herausgefunden hatte.

»Das ist ja tatsächlich was ganz Seltenes«, stellte er fest.

»Aye. Wir müssen herausfinden, wer eine solche Pflanze anbauen kann oder woher man die Samen kriegt.«

»Ran ans alte Sprachrohr?«, fragte er.

»Du sagst es, Kumpel.«

Ich ging aufs Klo und las die Sun; ein Exemplar davon lag immer da. Das musste ich Rupert Murdoch lassen, er machte da eine prima Scheißzeitung.

Als ich zurückkehrte, strahlte Matty.

»Was hat denn der Zoll wegen der Namen gesagt?«, wollte ich wissen.

»Na ja, die haben ziemlich rumgejammert.«

»Und hast du Druck gemacht?«

»Diese Mistkerle haben die Arbeit nicht erfunden, aber ich habe die Daumenschrauben angelegt, und sie meinten, wir kriegen die Liste Ende der Woche.«

»Gut. Wobei das in Beamtensprache Ende des Jahres bedeutet.«

»Aye, und woran soll ich mich jetzt machen?«

»Ist der Koffer noch irgendwo?«

»Natürlich. In der Asservatenkammer.«

»Versuche herauszufinden, woher er stammt, wie viele davon in Nordirland verkauft worden sind, so was eben.«

»Wozu soll das denn gut sein?«, meckerte er.

»Matty, um es mit den Worten des großen William Shakespeare zu sagen: ›Mach einfach, du kleiner Scheißer‹.«

»Wird gemacht, Boss«, erwiderte er und ging in die Asservatenkammer, um den Koffer aus der Plastikverpackung zu nehmen.

Den restlichen Nachmittag über riefen wir Gartencenter in ganz Irland an. Nichts. Ein paar wenige hatten schon mal von Paternostererbsen gehört, aber keiner hatte irgendwelche Unterlagen über jemanden, der sie zog oder Samen hatte kaufen wollen.

Ich rief das Hauptpostamt in Belfast an und fragte nach, ob es irgendwelche Unterlagen gab, ob Samen beschlagnahmt oder mit der Post versandt worden seien. Sie wüssten es nicht, antwortete man mir dort, aber sie würden zurückrufen.

McCrabban rief den englischen Zoll an und stellte dieselben Fragen. Nach einer Weile von Nieten teilte ihm ein »Polizeiverbindungsbeamter« mit, dass der Import der Samen nicht illegal sei und auch keinem Zoll unterliege, daher habe seine Behörde keinerlei Interesse daran.

Das Postamt rief zurück und gab uns dieselbe Auskunft.

Ich rief Dick Savage bei Special Branch an. Dick hatte etwa zur selben Zeit wie ich an der Queen’s University studiert, Chemie. Er war kein Überflieger, aber er hatte ein paar überraschend gute interne Memos über Selbstmord geschrieben und darüber, wie man einen echten Selbstmord von einem Mord unterscheiden konnte, der wie ein Selbstmord aussehen sollte.

Dick hatte von Abrin gehört, wusste aber nicht, ob es schon jemals auf den Britischen Inseln verwendet worden war. Er wollte sich die Sache mal anschauen.

Dann ging ich zu Chief Inspector Brennan und überbrachte ihm die schlechte Neuigkeit, dass unser Unbekannter ganz sicher Amerikaner sei, wir aber durchaus gute Chancen hätten, ihn aufgrund der Einreiseunterlagen identifizieren zu können.

»Sobald wir den Namen kennen, sollten wir wohl besser das amerikanische Konsulat informieren. Wir brauchen womöglich auch deren Mithilfe, um unsere Liste mit jener der Veteranen der First Infantry Division abzugleichen.«

Brennan nickte. »Ich soll also dort anrufen, nehme ich an.«

»Das wäre besser, Sir. Sie sind der Revierleiter. Das klingt offizieller, mit all dem Brimborium.«

»Sie wollen einfach nicht selbst anrufen.«

»Könnte ein schwieriges Telefonat werden.«

»Und?«

»Ich bin heute ein wenig angeknackst, Sir. Sieht so aus, als hätte mich meine Freundin gerade verlassen.«

»Diese Doktortante, mit der Sie ausgegangen sind?«

»Aye.«

»Das hab ich kommen sehen. Die war eh eine Nummer zu groß für Sie, Junge.«

»Rufen Sie an, Sir?«

»Die Scheiße wird uns nur so um die Ohren fliegen ... ein toter Amerikaner – als wenn wir nicht schon genug Probleme am Hals hätten.«

Ich stand da und sah müde Resignation sein wettergegerbtes Gesicht überziehen wie Schmalz eine heiße Pfanne. Er seufzte theatralisch. »Also gut. Schätze, das sollte ich wohl machen, wo ich ja hier eh schon alles mache. Und Sie sind sicher, dass er ein Ami ist?«

Ich berichtete ihm von der Tätowierung.

»Na gut. Hauen Sie ab. Und holen Sie Carols Torte. In einer halben Stunde kommt sie.«

Carol kam um drei, und wir schmissen ihr eine Geburtstagsparty. Tee, Torte, Partyhüte, zwei Sorten Limonade.

Carol wandelte seit sechzig Jahren auf Erden. Sie aß Torte, trank Tee, lächelte und sagte, wie wundervoll das alles sei. Brennan sprach einen Toast auf sie aus, und er war es auch, nicht Carol, der uns die Geschichte ihrer ersten Woche in dem Job erzählte, als 1941 eine Heinkel He 111 der deutschen Luftwaffe ein paar 250-Kilo-Bomben auf das Revier abgeworfen hatte. Wir alle hatten die Geschichte schon mal gehört, aber so etwas konnte man sich gut mehrmals erzählen lassen. Die einzige Person, die an jenem Tag zu Schaden gekommen war, war ein Mann, der einsaß. Er brach sich einen Arm. Drüben in Belfast, wohin der Rest der Heinkel-Schwadron geflogen war, waren die Leute nicht so glimpflich davongekommen.

Die Sonne bahnte sich einen Weg durch die Wolken, und der Tag wurde noch so schön, dass ein paar von uns auf die Feuerleiter hinausstiegen und sich die Cola mit Rum verlängerten. Eine hübsche Reservistin mit Wespentaille und einem heftigen Newcastler Akzent fragte mich, ob es wahr sei, dass ich drei Männer mit bloßen Händen erledigt hätte.

Sie machte mir Angst, also verdrückte ich mich, gab Carol einen Kuss, sagte den Jungs Gute Nacht und ging nach Hause.

Coronation Road in der Sozialbausiedlung Victoria befand sich in einem dieser seltenen Augenblicke der Ruhe: Streunende Hunde schliefen mitten auf der Straße, halbwilde Katzen stiefelten über die Schieferdächer, Frauen mit Lockenwicklern hängten die Wäsche auf, Männer mit flachen Käppis und Pfeifen im Mund buddelten in den Gärten. Kinder aus drei benachbarten Straßen, niedlich und schuhlos und angezogen wie Komparsen in einem Film aus den Fünfzigern, spielten eine ausgeklügelte Version von 1-2-3-4-Eckstein.

Ich stellte meinen BMW vor dem Haus ab, nickte den Nachbarn zu und ging hinein.

Ich mixte mir einen Wodka Gimlet in einem Pintglas, setzte irgendeine Dosensuppe auf und wählte mit erheblich größerer Sorgfalt eine Reihe von Schallplatten aus, die mich durch den Abend bringen sollten: Unknown Pleasures von Joy Division, Bryter Layter von Nick Drake und Neil Youngs After The Goldrush. Ja, ich war in der Art von Stimmung.

Ich lag auf dem Ledersofa und betrachtete die Uhr. Das Kinderspiel fand ein Ende. In ganz Belfast gingen die Lichter an. Die Armeehelikopter schwangen sich in die Lüfte.

Das Telefon klingelte.

»Hallo?«

»Ist da Duffy?«

»Wer will das wissen?«

»Ich habe auf der Arbeit nach Ihnen gesucht, Duffy, aber offenbar sind Sie schon nach Hause gegangen. Manche haben eben Glück, was?«

Es war der wieselhafte Kenny Dalziel aus der Verwaltung.

»Was gibt’s denn, Kenny?«

»Es ist eine Katastrophe. Eine totale Katastrophe. Ich raufe mir die Haare. Sie wissen nicht zufällig, wer mit alldem angefangen hat, oder?«

»Gavrilo Princip?«

»Wer?«

»Worum geht’s, Kenny?«

»In Ihrer Abteilung gibt es mal wieder ein Problem, Inspector Duffy. Vor allem mit Detective Constable Matty McBrides Überstundenanspruch im letzten Lohnzahlungszeitraum. Das grenzt ja schon an Betrug.«

»Würde mich nicht überraschen.«

»Constable McBride kann doch nicht fünfzig Prozent Gefahrenzuschlag beanspruchen und noch Überstunden dazu! Das wäre ja dreifacher Lohn, und glauben Sie mir, Duffy, niemand, und ich meine absolut niemand, erhält unter meiner Federführung dreifachen Stundenlohn ...«

Ich hörte nicht weiter zu. Als das Gespräch an sein natürliches Ende gelangt war, sagte ich, ich würde seine Besorgnis verstehen, und legte auf. Dann schaltete ich die Glotze ein. Auf dem einen Kanal ein Prediger, der Gedanke zum Tag auf dem anderen. Dieses Land war vollkommen bibelverrückt.

Eine halbe Stunde später rief mich Dick Savage an, er hatte Rechercheergebnisse zu Abrin. Es handelte sich um ein äußerst seltenes Gift, das bislang noch nirgendwo auf den Britischen Inseln bei einem Verbrechen verwendet worden sei. Womöglich habe es ein paar Einzelfälle in den Vereinigten Staaten gegeben, doch das müsse ich selbst nachprüfen.

Ich bedankte mich bei ihm und rief Laura an, aber sie ging nicht ran.

Ich mixte mir noch einen Wodka Gimlet, trank ihn, nahm die Suppe vom Herd, legte Bryter Layter auf und drückte auf repeat, überlegte es mir dann aber anders. Nick Drake sollte man, wie Heroin oder Hefeaufstrich, nur in kleinen Mengen genießen.

Typisch für die Wetterlage in Ulster, peitschte nun ein harter, waagerechter Regen gegen die Küchenfenster, also stellte ich den Plattenspieler auf 78 rpm und zog nach einigem Stöbern »Into Each Life Some Rain Must Fall« von The Ink Spots und Ella Fitzgerald aus dem Regal.

Die erste Strophe des Sängers von The Ink Spots konnte ich gerade noch ertragen, aber als Ella anfing zu singen, hätte ich beinahe losgeheult.

Das Telefon schreckte mich auf.

»Ja, hallo?«

»Weißt du, die Art, wie du mir andauernd steckst, dass ich ein fauler Hund sei und die Arbeit nicht ernst nehmen würde?«

Matty.

»Ich glaube nicht, dass ich jemals so etwas gesagt habe, Matty. Ganz im Gegenteil, gerade eben erst habe ich deine Ehre verteidigt gegen dieses Raubvogelgesicht Dalziel aus der Verwaltung«, erwiderte ich.

»Das hört sich für mich nach einer fetten Lüge an.«

»Du leidest an Verfolgungswahn, Kumpel.«

»Na ja, während alle anderen mit den hübschen Reservistinnen herumalbern und nach Hause verschwinden, habe ich bis spät in die Nacht geschuftet.«

»Und?«

»Ich habe nichts weiter als einen Durchbruch erzielt, jawohl.«

»Und?«

»Was ist denn das für ein Krach da im Hintergrund?«

»Der ›Krach‹ ist Ella Fitzgerald.«

»Nie von ihm gehört.«

»Was ist los, Mann? Hast du wirklich was rausgekriegt?«