Die Spur der Lügen - Ben McPherson - E-Book

Die Spur der Lügen E-Book

Ben McPherson

0,0
8,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Als Alex Mercers elfjähriger Sohn Max einer Katze hinterherläuft, die im Nachbarhaus verschwindet, folgt Alex dem Jungen notgedrungen in das fremde Haus. Dort ist alles still, doch dann hören sie ein Geräusch: Wasser tropft von der Decke. Die Badewanne im ersten Stock ist übergelaufen, und darin liegt der leblose Körper des Nachbarn. Als die Polizei einen Hinweis darauf findet, dass auch Max' Mutter vor kurzem im Haus gewesen sein muss, geraten seine Eltern in den Fokus der Ermittlungen – und die Familie in einen Konflikt, der sie zu zerreißen droht ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 568

Veröffentlichungsjahr: 2017

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Buch

»Foxxa«, so hat der elfjährige Max die scheue Katze genannt, die ihm neben seinem Vater Alex und seiner Mutter Millicent das Wichtigste auf der Welt ist. Daher folgt er Foxxa, als sie eines Abends im Haus des Nachbarn verschwindet. Alex wollte den Jungen eigentlich gerade zu Bett bringen, also bleibt ihm nichts anderes übrig, als Max nachzugehen. Im Nachbarhaus ist zunächst alles still, doch dann hören sie ein Geräusch: Wasser tropft von der Decke. Oben ist der Wasserhahn der Badewanne aufgedreht, und in der Wanne liegt der leblose Körper des Nachbarn. Als die Polizei einen Hinweis darauf findet, dass auch Millicent vor kurzem im Haus gewesen sein muss, gerät die Familie in die Mühlen einer Mordermittlung. Ein Konflikt, der Alex und Millicent zu zerreißen droht, und offenbart, dass man die, die man am meisten liebt, oft am wenigsten kennt …

Autor

Ben McPherson wurde in Glasgow geboren und ist in Edinburgh aufgewachsen. Mit 18 Jahren verließ er seine schottische Heimat, um in Cambridge zu studieren. Nach seinem Studium war er für viele Jahre in London in der Filmbranche tätig. Heute lebt Ben McPherson mit seiner Familie in Oslo, wo er als Kolumnist für die bekannte norwegische Tageszeitung »Aftenposten« arbeitet.

Ben McPherson

Die Spur der Lügen

Roman

Deutsch von Charlotte Breuer und Norbert Möllemann

Die englische Originalausgabe »A Line of Blood« erschien 2015 bei Harper. An imprint of HarperCollinsPublishers, London.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung Juni 2017

Copyright © der Originalausgabe 2015 by Ben McPherson

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2017

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: gettyimages / Ozgur Donmaz; FinePic®, München

Redaktion: Alexander Groß

An · Herstellung: kw

Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, MünchenISBN 978-3-641-19455-0V001www.goldmann-verlag.de

Besuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz

Für Charlotte

Crappy, verranzt, nennen die Nordlondoner diese finsterste Gegend des Stadtteils Finsbury Park; ursprünglich eine abfällige Bezeichnung, die schließlich als Name hängen geblieben ist.

Teil eins:Der Nachbar

1

Die bedenk­liche Magerkeit seiner weißen Arme, die sich knochig vor dem dunklen Laubwerk abhoben.

»Max.«

Nichts. Keine Reaktion. Er war halb verborgen, saß rittlings auf der Mauer, den Oberkörper von mir abgewandt. Er schien zu lauschen. Oder zu warten.

»Max.«

Er drehte sich zu mir um, sah mich an, wandte sich sofort wieder ab und blickte zum Nachbarhaus hinüber.

»Foxxa«, sagte er leise.

»Max. Schlafenszeit. Komm da runter.«

»Aber Dad, Foxxa …«

»Schlafenszeit, hab ich gesagt.«

Max schüttelte den Kopf, ohne sich umzudrehen. Ich ging zur Mauer und legte ihm meine Hand auf den Arm. »Sie kommt wieder nach Hause, Max. Sie kommt immer nach Hause.«

Max sah zu mir herunter, suchte meinen Blick, wandte sich wieder dem Nachbarhaus zu.

»Was ist los, Max?«

Keine Antwort.

»Max?«

Max schwang sein Bein über die Mauer und verschwand. Einen Moment lang stand ich verärgert da.

In unserer ersten Zeit in Crappy hatten wir uns eine Gartenbank gekauft, Liebesbank, hatte Millicent sie genannt, weil nur zwei darauf passten. Aber Finsbury Park ist keine Gegend für Liebesbänke. Wir hatten längst festgestellt, dass sie zu klein für uns war; so steif und zusammengequetscht, wie man darauf saß, das hatte nichts mit Liebe zu tun.

Jetzt stand die Liebesbank ein Stück weiter hinten an der Mauer, teilweise von einem häss­lichen Strauch verdeckt. Auf der Bank stehend konnte ich fast den ganzen Nachbargarten überblicken, der genauso erbärmlich winzig war wie unserer, aber makellos gepflegt mit geraden Linien, die die verschiedenen Bereiche abgrenzten. Ein mit hellen Steinen gepflasterter Weg führte von einem Teich an der hinteren Gartenmauer zu einem Gebilde, das Millicent einmal als Laube bezeichnet hatte und das, soweit ich es erkennen konnte, aus Kletterrosen bestand.

Max stand auf dem Weg. Als er mich sah, wandte er sich ab und ging schnurstracks in die Laube hinein.

»Max.«

Nichts.

Ich stieg auf die Armlehne der Bank, legte die Hände auf die Mauer und drückte mich ab. Mein linkes Knie stieß gegen einen Nagel, und der Schmerz war so heftig, dass ich beinahe das Gleichgewicht verloren hätte.

Keuchend setzte ich mich, genau wie Max vorher, rittlings auf die Mauer und schaute zum Nachbarhaus hinüber. Die beiden Doppelhaushälften waren identisch bis ins Detail, nur dass der Nachbar seine Fenster geputzt und die Hintertür frisch gestrichen hatte.

Mehr war vom Erdgeschoss nicht zu sehen, weil eine Japanische Zierweide davorstand. Ein Baum, ein Teich, eine Laube. Wer baut sich in Finsbury eine Laube?

Max kam wieder aus der Laube heraus.

»Dad, komm mal gucken.«

Ich blickte mich um. War das unbefugtes Betreten? Ich war mir nicht sicher.

Max verschwand wieder. In den anderen Häusern war niemand am Fenster zu sehen. Das einzige Haus, von dem aus man den Garten einsehen konnte, war unseres. Und ich musste meinen Sohn da rausholen.

Ich sprang von der Mauer, landete ungeschickt und verschlimmerte den Schmerz in meinem Knie.

»Man soll nicht Scheiße sagen, Dad.«

»Hab ich auch nicht.« Oder?

»Hast du doch.«

Er war wieder aus der Laube gekommen und schaute zu, wie ich mir das Knie massierte, in der Hoffnung, dass es nicht anschwellen würde.

»Ich darf das sagen. Im Gegensatz zu dir.«

Er grinste. »Du hast ein Loch in der Hose.«

Ich nickte, stand auf und zauste ihm das Haar.

»Tut’s weh?«

»Nur ein bisschen.«

Er sah mich ernst an.

»Also gut«, erklärte ich. »Es tut tierisch weh. Vielleicht hab ich’s doch gesagt.«

»Hast du.«

»Kannst du mir mal erzählen, was du hier machst, Max?«

Er streckte mir seine Hand hin. Ich nahm sie überrascht, und er führte mich in die Laube.

Der Nachbar hatte sich viel Mühe gegeben. Aus vier metallenen Rankgittern hatte er eine Art Kuppel geformt, so dass seine Kletterrosen – wenn es denn welche waren – daran hochranken konnten. Hier konnten zwei Personen liegen, vollständig vor Blicken geschützt. Dem plattgedrückten Gras nach zu urteilen, hatte tatsächlich vor kurzem jemand hier gelegen.

Plötzlich hörte ich Vogelgezwitscher, wie von weit her; es klang irgendwie falsch.

Max hockte sich hin und schnippte mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand.

Wie aus dem Nichts tauchte eine kleine, schattenhafte Gestalt auf und wand sich um sein Bein. Schildpatt, rot und schwarz. Max schnippte noch einmal mit den Fingern, und die Katze begrüßte ihn, richtete sich auf die Hinterläufe auf, wankte kurz, als sie mit den Vorderpfoten nach seinen Fingern langte, ließ sich fallen und drehte sich auf den Rücken, um ihm ihren Bauch darzubieten.

»Foxxa.«

Max hatte der Katze ihren Namen gegeben. Er hatte Stunden mit ihr verbracht, nachdem wir sie geholt hatten, und ihr von der anderen Seite des Zimmer aus zugeflüstert: F, K, Ks, S, Sch. Er hatte beobachtet, wie sie auf die einzelnen Laute reagierte, bis er sich schließlich sicher war, dass er den richtigen Namen gefunden hatte.

»Foxxa.«

Die Katze schnurrte. Max streckte die Hand aus, und sie wälzte sich auf dem Rücken hin und her, umfasste seine Hand mit den Vorderpfoten und rieb den Kopf an seinen Fingerknöcheln.

»Verrücktes kleines Biest«, flüsterte er.

Sie schlüpfte aus der Laube. Sie war wirklich ein verrücktes kleines Biest. Wir hatten sie schon seit Tagen nicht gesehen.

Max ging in Richtung Terrasse. Ich folgte ihm. Die Katze war nicht da.

Von der Terrasse aus gesehen wirkte die Laube noch absurder und völlig fehl am Platz. Der ganze Garten war höchstens fünf Meter lang und vier Meter breit. Die Laube nahm mindestens ein Drittel der Fläche ein, so dass der Garten noch beengter war, als er beim Einzug des Nachbarn gewesen sein musste.

Die Katze schlüpfte unter einem Strauch hervor und flitzte über die Terrasse. Zu spät sah ich, dass die Hintertür offen stand. Foxxa hielt kurz inne und drehte sich zu uns um.

»Nein, Foxxa!«, sagte Max.

Ihr Schwanz wand sich um die Türkante, dann war sie im Haus verschwunden.

Max starrte auf die offene Tür. Ich fragte mich, ob der Nachbar hinter den Drahtglasscheiben stand, wo wir ihn nicht sehen konnten. Max ging auf die Tür zu und drückte sie ganz auf.

»Max!«

Ich machte einen Satz auf ihn zu, doch er schlüpfte hinein und ließ mich im Garten stehen.

»Hallo?«, rief ich. Ich wartete an der Tür, aber es kam keine Antwort.

»Komm schon, Dad«, sagte Max.

Ich ging hinein. Max stand mitten in der Küche, die Katze zu seinen Füßen.

»Max, wir hätten hier nicht reinkommen dürfen. Los, nimm sie auf den Arm. Wir gehen.«

Max marschierte zum Lichtschalter und machte das Licht an. Der Kitzel des Verbotenen. Wir durften nicht in diesem Haus sein.

»Max«, sagte ich. »Komm schon, raus jetzt. Auf der Stelle.«

Er drehte sich um, schnippte mit den Fingern, und die Katze sprang mit einem geschmeidigen Satz auf die Anrichte, von wo aus sie uns anblinzelte.

»Ihr gefällt es hier.«

»Max … schnapp sie dir.«

Max tat so, als hätte er mich nicht gehört. Ich konnte an seiner Haltung nichts ablesen außer störrischer Entschlossenheit. Es war noch nie vorgekommen, dass er sich mir so offen widersetzt hatte.

Die weiße Arbeitsplatte, die grauen Schranktüren und die Terrakottafliesen glänzten im Lampenlicht. Alles war so sauber, so hell, so makellos. Ich dachte an unsere Küche, die genauso geschnitten war. Wie ähnlich und wie unterschiedlich zugleich. Auf dem Tisch lag ein Stapel sauberer Kleidung in Plastikhüllen – zwei Anzüge, mehrere Hemden, frisch aus der Reinigung. Keine vor zwei Tagen benutzten Kasserollen in der Spüle. Hier verdarben keine Lebensmittel, hier knirschte kein Katzenstreu unter den Füßen, hier vertrocknete keine Zimmeraralie.

Von der Mitte der Küche aus konnte man die Haustür sehen. Der Nachbar hatte eine Wand herausgerissen; oder vielleicht hatte er auch einfach nur seine Küchentür versetzt. Von beiden Seiten fiel Tageslicht herein. Ge­­schickt.

Max verließ die Küche. Ich schaute zu der Stelle, wo die Katze gestanden hatte, aber sie war weg. Ich hörte, wie Max sie mit einem leisen Schnalzen rief.

Ich folgte ihm ins Wohnzimmer. Er stand bereits am Lichtschalter. Unser Nachbar hatte eine Deckenrose aus Stuck anbringen lassen und einen für das kleine Zimmer viel zu großen antiken Kronleuchter aufgehängt. Den Kronleuchter hatte er mit Energiesparbirnen ausgestattet, die jetzt langsam zu leuchten begannen und ein häss­liches Licht auf die Wände warfen. Was für ein merkwürdiges Szenario. Und wo war die Katze?

Max drückte auf einen zweiten Schalter, und die untere Hälfte des Zimmers wurde von in den Boden und in die Fußleisten eingelassenen Strahlern erhellt.

»Los, nimm die Katze, Max. Wir gehen jetzt.«

Er machte eine Geste. Arme ausgebreitet, Handflächen nach oben. Dann hob er eine Hand. Horch, schien er mir zu bedeuten, und ich horchte. Ein Hund; Verkehrsgeräusche; eine Krähe auf dem Dach. Passanten, leise Stimmen, Schritte auf dem Asphalt.

Diese Häuser sollten einen Vorgarten haben, sagte Millicent immer: Es ist, als würden die Leute durch dein Wohnzimmer trampeln. Man konnte sie so deutlich hören, all diese schlimmen Jugend­lichen und die noch schlimmeren Erwachsenen: das Kleingeld in ihren Hosentaschen, den Schleim in ihrem Hals, die halb geflüsterten Straßendeals und die Fußballspiele mit Coladosen. Es war alles so unerträglich nah.

Und da war noch ein Geräusch, ein dumpfes, rhythmisches Klopfen, das ich nicht einordnen, nicht deuten konnte. Aber Max hatte es geortet. Er zeigte auf das braune Ledersofa. Auf dem mittleren Polster breitete sich ein dunkler Fleck aus.

Ich schaute Max an. Max schaute mich an.

»Wasser«, sagte Max.

Wasser, das auf das Ledersofa tropfte. Ja, das war das Geräusch. Max blickte nach oben. Ich blickte nach oben. Der Putz an der Decke hing durch. Es war kein Riss zu erkennen, aber an der tiefsten Stelle sammelte sich das Wasser: Es sammelte sich und tropfte in regelmäßigen Abständen auf das nasse Leder.

Jetzt sah ich auch die Katze. Sie hockte auf halber Treppe und beobachtete die Wassertropfen auf ihrem Weg durch die Luft.

Max und ich schauten einander an. Außer einer gewissen geduldigen Erwartung konnte ich nichts im Gesichtsausdruck meines Sohnes lesen.

»Du könntest ja mal rufen, Dad. Vielleicht ist er oben.«

Ja, vielleicht. Vielleicht hätte ich schon laut rufen sollen, als ich vor der Hintertür herumgesch­lichen war, denn ihn jetzt auf unsere Anwesenheit aufmerksam zu machen, wo wir mitten in seinem Wohnzimmer standen, schien mir ein bisschen spät.

»Hallo?«

Nichts.

»Ich bin’s, Alex! Der Nachbar!«

»Und Max«, sagte Max leise. »Und Foxxa.«

»Alex und Max«, rief ich nach oben. »Wir haben unsere Katze gesucht.«

Nichts. Wasser, das auf Leder tropfte. Draußen bellte ein Hund. Ich sah Max an.

»Du gehst vor«, sagte er.

Er hatte recht. Ich konnte ihn nicht vorausgehen lassen. Ich hatte schon immer den Verdacht, dass extrem ordnungsliebende Männer dunkle Geheimnisse im Schlafzimmer haben.

»Vielleicht hat er vergessen, den Wasserhahn im Bad zuzudrehen«, sagte ich leise.

»Vielleicht.« Max zog die Nase kraus.

»Also gut. Warte hier.«

Ich sah, wie der Schwanz der Katze sich um einen Pfosten des Treppengeländers legte. Langsam machte ich mich auf den Weg nach oben.

Ein Klicken, und das Licht im oberen Flur ging an. Den Schalter hatte Max also auch gefunden.

Zwei Zimmer nach hinten, zwei nach vorn – genau wie bei uns. Nach hinten das Bad und das Schlafzimmer, nach vorne ein weiteres Schlafzimmer und ein winziges Zimmer, das nur Immobilienmakler als Gästezimmer bezeichneten. Die Katze war weg. Die Badezimmertür stand offen.

Der Nachbar lag in der Badewanne auf dem Rücken, Arme und Beine auf seltsame Weise abgewinkelt, als wäre etwas in seinem Körper kaputtgegangen, das nicht mehr repariert werden konnte. Sein Mund stand offen, die Lippen waren zurückgezogen.

Seine Augen sahen aus, als würden sie von einer unsichtbaren Kraft offen gehalten; das linke Auge war blutunterlaufen. Auch um seine Nasenlöcher hatte sich Blut gesammelt.

Ich würgte nicht, schlug nicht die Hände vors Gesicht, weinte nicht und tat nichts von all dem, was man angeblich tut. Stattdessen spürte und hörte ich mich lachen, wie ich zu meiner Schande gestehen muss. Vielleicht war es sein halb erigierter Penis, der sich lächerlich stolz an seinem toten Körper erhob; vielleicht war es einfach meine Verwirrung.

Ich wandte den Blick von seinem Penis ab, dann schaute ich wieder hin und bemerkte erst jetzt, was ich vorher aus Prüderie übersehen hatte. Zwischen den Schenkeln meines Nachbarn lag ein Bügeleisen. Ein Bügeleisen der Marke Black & Decker. Ein richtig gutes Teil. Und teuer. Oben an seinem linken Oberschenkel waren Brandwunden zu erkennen. Das Bügeleisen war eingeschaltet gewesen, als er es in die Wanne geworfen hatte.

Gab es tatsächlich Leute, die so etwas taten? Das Bügeleisen? Die Badewanne? War das nicht ein Teenagermythos? Man sollte meinen, dass die Sicherung rausfliegen und einen retten würde, oder?

Aber das war offensichtlich nicht geschehen.

Die Wanne hatte einen Sprung. Der Nachbar musste so heftig um sich getreten haben, dass das Material gesprungen war. Irgendein neuartiges Kunststoffgemisch. Dann war das Wasser ziemlich schnell ausgelaufen, aber nicht schnell genug, um den Nachbarn vor einem töd­lichen Stromschlag zu bewahren. Armer Mann.

»Dad.«

Max. Er stand in der Tür, die Katze auf dem Arm. Ich hatte ihn nicht die Treppe hochkommen hören. O Gott, nein.

»Ist er tot?«

»Raus, Max.« Ich würde mir irgendeine Lüge ausdenken müssen.

»Aber Dad.«

»Raus. Nach unten. Sofort.«

»Aber Dad. Dad.«

Ich drehte mich zu ihm um.

»Was denn, Max?«

»Alles in Ordnung, Dad?«, fragte Max und ging zum Treppenabsatz. Ich betrachtete ihn. Die mageren Schultern, das dünne Haar, der undurchdring­liche Blick. Du bist elf, dachte ich. Wann bist du so alt geworden?

»Dad. Dad? Rufst du die Polizei?«

Ich nickte.

»Sein Telefon liegt unten auf dem Wohnzimmertisch.«

Er übernahm das Kommando. Mein elfjähriger Sohn übernahm das Kommando. Das musste aufhören. Das konnte zu nichts Gutem führen.

»Nein, Max«, sagte ich so sanft ich konnte. »Wir gehen nach Hause. Wir rufen von dort aus an.«

»Okay.« Er drehte sich um und stieg die Treppe hinunter.

Ich warf einen letzten Blick auf den Nachbarn und fragte mich, wie viel Max wohl begriffen hatte. Die Erektion war inzwischen abgeklungen, sein Penis lag schlaff auf seinem bleichen Oberschenkel.

Ich hörte, wie Max die Haustür öffnete. »Kommst du, Dad?«

Ich ging nach Hause und rief die Polizei an und berichtete, was wir entdeckt hatten. Dann rief ich Millicent an, obwohl ich wusste, dass sie nicht abnehmen würde.

Max und ich saßen einander in unserer schäbigen kleinen Küche gegenüber und schauten uns über den Tisch hinweg schweigend an.

Nach dem Anruf bei der Polizei hatte ich uns Käsesandwiches mit saurem Relish gemacht. Max hatte wie üblich sein Sandwich aufgeklappt, den Käse heruntergenommen, gedankenversunken das Relish davon abgeleckt und dann den Käse und das Brot nebeneinander auf seinem Teller abgelegt. Anschließend hatte er sich den Käse in den Mund gestopft, ihn geräuschvoll gekaut und viel zu früh heruntergeschluckt. Normalerweise hätte ich eine Bemerkung dazu gemacht, die Max ignoriert hätte, und dann hätte ich ihn angeschrien. Wenn Millicent dabei gewesen wäre, hätte sie mir einen wütenden Blick zugeworfen, kein Wort mehr mit mir geredet, bis Max im Bett war, und dann zu mir gesagt: »Warum legst du dich jedes Mal deswegen mit ihm an, Liebling? Du weißt doch, dass du sowieso den Kürzeren ziehst. Du machst aus Essen einen Staatsakt. Häng es doch nicht so hoch.«

Aber an diesem Abend sah ich Max einfach nur zu, während ich mich fragte, was ich tun und was ich Millicent erzählen sollte, wenn sie nach Hause kam.

Ein Vater führt seinen Sohn aus der Welt des Jungen in die Welt des Mannes. Ein Vater übernimmt Verantwortung und konfrontiert seinen Sohn nicht ohne sorgfältige Vorbereitung mit der kalten Realität des Todes. Genauer gesagt – ein Vater konfrontiert seinen Sohn nicht mit der Leiche des Nachbarn, erst recht nicht, wenn die Leiche nackt und der Penis aufgrund eines Selbstmords durch Stromschlag halb erigiert ist.

Die verkrampften Gliedmaßen, der offene, zu einem Grinsen verzerrte Mund – so etwas blieb im Gedächtnis haften. Was wusste Max über Selbstmord? Was konnte ein elfjähriger Junge über Verzweiflung wissen? Ich musste mit ihm reden, aber ich hatte keine Ahnung, was ich ihm sagen sollte. Es war eine schlimme Situation. Führte so etwas nicht zu Traumatisierung, zu funktionellen Sexualstörungen im Teenageralter, zu Nervenzusammenbrüchen im frühen Erwachsenenalter? Zwar hatte ich Max den toten Nachbarn nicht vorgeführt, aber ich hatte auch nicht verhindert, dass er ihn in seinem erbärm­lichen Zustand zu Gesicht bekam. Was sagt man in so einer Situation? Vielleicht würde Millicent das wissen.

»Kann ich noch mehr Käse haben, Dad?«

Ich sagte nichts.

Vielleicht sollte ich Millicent noch einmal anrufen. Ich würde nur zur Voicemail umgeleitet werden, aber es wäre tröstlich, ihre Stimme zu hören.

Max ging zum Kühlschrank, holte ein großes Stück Cheddar heraus und nahm das Brotmesser vom Schneidebrett. Er setzte sich wieder an den Tisch und blickte mich direkt an, vielleicht weil er sich fragte, warum ich ihn nicht aufhielt. Dann schnitt er ein dickes Stück Käse ab. Ich sah, wie das Brotmesser die Tischplatte ritzte, sagte jedoch nichts.

Die Katze hockte auf der Spüle. Sie sah Max mit großen Augen an. Blinzelte.

Max stand auf und ließ Wasser laufen. Die Katze trank, ihre Zunge schoss immer wieder in den Wasserstrahl vor.

»Kann ich Netflix gucken?«

Ich schaute zu meinem Computer hinüber, zu dem schwach blinkenden Licht. Nein. Siebzig Stunden Filmmaterial, das ich mir ansehen musste. Und eine Woche Zeit. Ich muss arbeiten. Ich sollte wirklich nein sagen.

»Dad?«, fragte Max.

Ich nickte. Die Arbeit schien weit weg.

Max sah mich an. »Ich nehm auch nichts zu essen mit«, sagte er schließlich.

»Okay.«

Um halb zwölf hörte ich Millicents Schlüssel im Schloss. Ich saß immer noch am Küchentisch, mein Sandwich unangerührt; der Wasserhahn lief immer noch.

Ich hörte, wie Millicent ihre Tasche am Fuß der Trep­­pe abstellte. Zum ersten Mal nahm ich das Geräusch des Computerprogramms wahr: Hubschrauber und Ge­­schützfeuer, Schreie und Explosionen. Millicent und Max tauschten leise ein paar Worte aus. Das Geschützfeuer und die Schreie verstummten.

»Nacht, Max.«

»Nacht, Mum.«

Ich hörte Max nach oben gehen, hörte, wie Millicent ihre Schuhe neben ihrer Handtasche abstellte.

»Max ist aber lange auf heute.« Millicent kam in die Küche. Sie blieb kurz in der Tür stehen, und ich sah, wie sie Max’ Teller betrachtete, das nicht angerührte Brot, den Ritz, den das Brotmesser in der Tischplatte hinterlassen hatte. Sie drehte das Wasser ab und setzte sich mir gegenüber an den Tisch. Sie wollte etwas sagen, runzelte dann jedoch nur die Stirn.

»Hallo«, sagte ich.

»Hey.« Sie zog das Wort in die Länge, es klang süß und rauchig.

In Millicents Anfangszeit in London war das für mich unser Wort gewesen. Der langgezogene kalifornische Vo­­kal, die sanfte Senkung am Ende, das war für mich, und nur für mich. Hey. In ihrer Stimme lag so viel Wärme, so viel Liebe. Mit der Zeit wurde mir jedoch klar, dass sie mit diesem Hey Freunde begrüßte, dass sie am Anfang außer mir keine Freunde in London gehabt hatte. Als ich zum ersten Mal hörte, wie sie einen anderen Mann mit Hey begrüßte, traf mich der Verrat tief. Kein Grund, mich deswegen auszulachen. Damals wusste ich es noch nicht.

»Also«, sagte Millicent. »Ich hab’s nicht verbockt.«

Ich weiß nicht, wovon du redest.

»Ich glaube sogar, dass ich es ganz gut hingekriegt habe. Okay, ich hab vielleicht ein bisschen viel geredet, aber für ein erstes Mal ist es wirklich gut gelaufen. Sieh mal.«

Eine Tasche. Eine Flasche und ein paar Blumen. Im Nachbarhaus liegt ein Toter.

Ich betrachtete den dunklen Fleck an der Wand unterhalb der Decke. Rund wie eine Zielscheibe. Wenn man von mir aus eine gerade Linie mitten durch diesen Fleck ziehen würde, käme die bei unserem Nachbarn raus. Sieben Meter, schätzte ich. Vielleicht auch weniger.

Millicent musterte mich, dann langte sie über den Tisch, nahm meine Hand, drehte sie um und öffnete meine Faust.

»Du bist total angespannt.«

»Schon okay.«

»Alles in Ordnung?«

Nein. Nichts war in Ordnung, aber die Wörter, die ich brauchte, wollten nicht kommen. »Ja«, sagte ich schließlich.

»Du hast es vergessen.« Millicent war nicht so leicht verletzt, aber in ihrer Stimme klang Enttäuschung mit. Das Radiointerview. Natürlich.

»Nein«, erwiderte ich. »Radio.« Warum finde ich nicht die richtigen Worte?

»Okay«, sagte sie. Sie sah mich an, als hätte ich ein Reh überfahren. »Aber du hast es dir nicht angehört. Na ja, man kann es auch herunterladen, offenbar hat es gerade nicht gepasst, aber ich hatte irgendwie gehofft … Alex …«

Ich holte tief Luft und überlegte, wie ich aussprechen sollte, was ich ihr zu sagen hatte. Millicents Gesichtsausdruck nach zu urteilen hatte Max ihr nichts von dem erzählt, was wir gesehen hatten. Ich fragte mich, wo die Polizei blieb. Vielleicht waren Badewannenselbstmorde nichts Außergewöhn­liches hier in der Gegend. Wie bringt man so was rüber?

»Was ist los, Alex?«

Ich hörte, wie Max oben die Toilettenspülung betätigte. Ich dachte an das Badezimmer nebenan, fünf Meter von der Stelle entfernt, wo Max sich jetzt befand.

»Alex?«

»Also gut.« Ich nahm Millicents Hand und blickte ihr in die Augen. »Also gut.«

»Du machst mir Angst, Alex. Was ist passiert?«

Drei Sätze, dachte ich. Mit drei Sätzen kann man alles sagen. Nur drei Sätze.

»Also gut. Ich muss dir etwas sagen.«

»Ja?«

»Unser Nachbar hat sich umgebracht. Ich habe ihn gefunden. Max hat ihn gesehen.« Dreizehn Wörter. Nicht schlecht.

»Nein«, sagte sie. Sehr ruhig, fast sachlich, als lehne sie einen schlecht formulierten Vorschlag ab. »Nein, Alex. Das kann nicht sein.«

»Ich habe ihn gefunden. Max hat ihn gesehen.« Acht Wörter.

Sie starrte mich an. Sagte nichts.

»Ich hätte verhindern müssen, dass er ihn sieht. Aber das habe ich nicht.«

Sie starrte mich immer noch an. Sie hob die rechte Hand und rieb sich die Nasenwurzel, wie sie es immer tat, wenn sie bei einem Streit Zeit schinden wollte.

»Ich habe noch nicht mit ihm über das gesprochen, was er gesehen hat. Ich muss es natürlich tun, aber ich wollte erst mit dir reden.« Weil du so was besser kannst als ich. Weil ich nicht weiß, was ich sagen soll.

Millicent sagte immer noch nichts.

Es klingelte an der Haustür. Millicent rührte sich nicht. Ich rührte mich nicht. Es klingelte noch einmal. Wir saßen da und starrten einander an. Erst als ich Schritte auf der Treppe hörte, stand ich auf und ging nach vorn. Max hatte bereits aufgemacht. Er stand da in seinem Löwenschlafanzug und schaute die beiden Polizisten an.

»Ab nach oben, Max«, sagte ich und versuchte, die Polizisten anzulächeln, während ich aus dem Augenwinkel die auf dem Fußboden verstreuten Zeitungen, Millicents Pizzakarton und meine leeren Bierdosen auf dem Sofatisch registrierte. »Ich komme gleich rauf«, sagte ich zu Max und bugsierte ihn zur Treppe.

»Brauchst du nicht, Dad. Nacht.« Er gab mir einen Gutenachtkuss, löste sich aus meinem Griff und lief die Treppe hoch. Ich nickte den Polizisten zu und wunderte mich über ihr freund­liches Lächeln.

Wir waren uns schnell einig, dass es einfacher für sie sein würde, durch unseren Garten auf das Grundstück des Nachbarn zu gelangen, wenn sie nicht dessen Haustür aufbrechen und unnötiges Aufsehen erregen wollten. Die anderen Nachbarn brauchten vorerst noch nichts von alldem zu erfahren.

Die Polizisten waren nicht an Erklärungen interessiert; sie wollten nicht wissen, was Max und ich im Haus des Nachbarn zu suchen gehabt oder was wir gesehen hatten. Das würde vermutlich später kommen. Tee lehnten sie ab, nickten Millicent, die immer noch auf ihrem Stuhl saß, freundlich zu und verschwanden in unserem Garten. Ich ging nach oben und fand Max im Bad, wo er auf dem Wannenrand stand und durchs Fenster beobachtete, wie die Polizisten über die Mauer kletterten.

»Ab ins Bett, Max.«

»Okay.«

Nachdem ich ihn zugedeckt hatte, zog ich einen Stuhl ans Bett.

»Was ist, Dad?«

»Ich dachte, ich bleibe hier sitzen, bis du eingeschlafen bist.«

»Brauchst du nicht, Dad. Es geht mir gut. Ehrlich.«

Es klopfte dreimal laut an der Haustür. Vielleicht ein Traum?

2

Millicents Bettseite war leer. Wir hatten stundenlang schweigend nebeneinander gelegen, hatten beide keinen Schlaf finden können. Schließlich hatte sie meine Hand genommen, ein Bein über meine Beine gelegt und mich ganz fest gehalten. Ich hatte ihre Brüste an meinem Rücken und ihr Schambein am unteren Rücken gespürt und mich gefragt, warum wir nur noch selten so lagen.

Nach einer Weile war Millicents Atem ruhiger geworden und ihre Umarmung entspannter. Immer noch spürte ich ihr Schambein. Aber als mein Penis sich zu regen begann, musste ich an die halbe Erektion des Nachbarn in der Badewanne denken. Ich rückte ein Stückchen von ihr weg, und sie zog sich wieder auf ihre Seite des Betts zurück.

»Millicent?«

»Mmm.«

»Können wir reden?«

»Morgen«, hatte sie gesagt.

Jetzt stand ich auf und zog mir die Sachen vom Vortag an. Ich öffnete die Tür zu Max’ Zimmer und sah, wie seine Brust sich sanft hob und senkte. Er schlief tief. Seine Sachen lagen gefaltet auf dem Stuhl. Sein Spielzeug war aufgeräumt. Ich schaute ihm eine Weile beim Schlafen zu, dann ging ich nach unten. Drei nach sechs.

Die Katze kam ins Wohnzimmer, den Schwanz senkrecht aufgestellt, die Muskeln angespannt. Sie tanzte um meine Füße, und ich bückte mich nach ihr.

»Hallo Foxxa.« Sie schnüffelte schnurrend an meinen Fingerspitzen, dann stellte sie sich auf die Hinterbeine und drückte ihren Rücken gegen meine Handfläche, wollte gekrault werden. Einen Moment lang schwankte sie etwas unsicher und schaute mich mit großen Augen an, als wunderte sie sich darüber, dass sie auf zwei Beinen stand. Dann ließ sie sich auf alle viere nieder und strich, wieder ganz Katze, in Achten um meine Unterschenkel.

Eine Henkeltasse auf dem Wohnzimmertisch: Millicent hatte vor dem Fernseher Kaffee getrunken. Ich sah, dass die Haustür nicht verriegelt war. Die Küche war leer. Die Katze folgte mir und fraß Trockenfutter aus dem Napf.

Millicent hatte mir eine Nachricht hinterlassen:

Alex,

wir müssen reden

mit Max (3)

mit der Schule (1)

mit einem Therapeuten (2)

mit der Polizei (?)

aber bitte nicht, bevor wir miteinander gesprochen haben.

M

Der Espressokocher stand halbvoll auf dem Herd. Ich fühlte mit der Hand, der Kaffee war noch warm genug. Ich kletterte auf die Anrichte und tastete auf den Hängeschränken herum. Eine Zehnerpackung Marlboro. Ich nahm eine Zigarette heraus und legte die Schachtel zurück.

Wir hatten uns angewöhnt, unsere Zigaretten vor Max zu verstecken. Soweit wir wussten, rauchte er nicht, aber hin und wieder verschwand eine Schachtel, wenn wir sie auf dem Küchentisch liegen ließen. Millicent war davon überzeugt, dass er sie verkaufte, aber so leidenschaftlich, wie Max gegen das Rauchen wetterte, ging ich davon aus, dass er sie vernichtete.

Im Garten zog ich die Bank von der Mauer weg, trank meinen Kaffee und rauchte meine Zigarette. An einem solchen Vormittag war es gar nicht so übel in Crappy. Kein Hundegebell, kein Geschrei auf der Straße, keine Polizeihubschrauber, die einen von oben beobachteten. Aber wir sollten den Garten in Ordnung bringen, der hatte es ausgesprochen nötig.

Ich stieg auf die Bank und blickte über die Mauer. Der arme Mann mit seinem manikürten Rasen, seiner grünen Laube und seinem geglückten Selbstmordversuch. Von hier aus war nichts – absolut nichts – zu sehen, was auf den traurigen, einsamen Tod meines Nachbarn hätte schließen lassen.

Ich schob die Bank wieder gegen die Mauer, rauchte meine Zigarette zu Ende und versuchte, meinen Tag zu planen. Ein ruhiges Gespräch mit dem Lehrer. Anruf beim Therapeuten. Die Polizei, nahm ich an, würde sich schon bei uns melden.

Was hatte Max gesehen? Als er hinter mir die Treppe hochgegangen war, was genau hatte er gesehen? Dieser Schock, der erste Anblick, das war das, was einem im Gedächtnis haften blieb, oder? Verzerrtes Gesicht oder lächer­liche Erektion? Todesstarre oder Pimmel? Was war für einen Jungen in seinem Alter traumatischer?

Ich schnippte die Kippe über die Gartenmauer und ging zurück ins Haus. Max war in der Küche, im Schlafanzug, die Haare zerzaust, und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Ich beugte mich hinunter, um ihn zu umarmen. Er schniefte theatralisch.

»Du hast geraucht.« Trotzdem schlang er die Arme um meinen Hals und verharrte eine Weile so, ehe er sich an den Tisch setzte. Ich suchte in seinem Gesicht nach Anzeichen dafür, dass etwas in ihm zerbrochen war, konnte jedoch nichts entdecken.

»Max.«

»Ja.«

»Ich gehe heute mit dir zur Schule. Ich muss deinem Lehrer erzählen, was du gesehen hast.«

»Er heißt Mr. Sharpe.«

»Ich muss Mr. Sharpe erzählen, was du gesehen hast.«

»Du hast seinen Namen vergessen, stimmt’s?«

»Max. Hörst du mir zu?«

»Mach ich doch. Wieso musst du es ihm sagen?«

»Weil das, was du gesehen hast, dich sehr erschüttert hat.«

»Hat es nicht.«

»Das kommt vielleicht noch.«

Er zuckte die Achseln. »Kann ich dabei sein, wenn du’s ihm sagst?«

»Na klar. Sicher. Warum nicht?«

Ich rechnete jeden Moment damit, dass die Polizei an die Tür klopfte. Typisch für Millicent, dass sie in so einem Moment nicht da war.

Ich bereitete ein aufwendiges Frühstück zu, um die Zeit zu füllen, bis wir uns auf den Weg machen mussten. Ich ließ Max die Eier braten, was ihn überraschte. Mich selbst überraschte es auch. Wir aßen schweigend erst unsere Portionen, dann auch noch die von Millicent, schuldbewusst, aber dennoch mit Genuss. Max ging nach oben. Ich stellte das Geschirr in die Spülmaschine und schaltete sie ein. Millicent brauchte nichts davon zu erfahren.

Max kam wieder nach unten, angezogen und fertig zum Aufbruch. Ich schickte Millicent eine SMS, um ihr Bescheid zu geben, dass ich ihn in die Schule brachte.

Vor unserem Haus stand ein Mann. Er war lässig gekleidet – Lederjacke, Jeans –, in seiner Haltung lag jedoch nichts Lässiges. Vielleicht hatte er gerade klopfen wollen, denn die offene Tür schien ihn aus dem Konzept zu bringen. Max hatte die Tür weit aufgerissen, und jetzt stand der Mann vor uns und schien nicht so recht zu wissen, was er sagen sollte.

»Wer sind Sie?«, fragte Max. »Sind Sie Polizist?«

Der Mann nickte und fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund. Er hatte eine Aktentasche bei sich, die im Vergleich zu seiner Kleidung viel zu elegant war.

»Das hab ich gleich gesehen«, sagte Max. »Wollen Sie jemanden verhaften?«

Der Polizist ignorierte die Frage. »Mr. Mercer?«, sagte er.

Ich nickte, und er nickte ebenfalls. Er nannte mir seinen Namen und seinen Dienstgrad. Ich vergaß beides augenblicklich.

»Haben Sie einen Moment Zeit?«

»Ich wollte Max gerade zur Schule bringen.«

»Kein Problem«, sagte Max. »Ich kann auch alleine gehen.«

»Eigentlich wollte ich mit Ihrem Sohn sprechen, wenn es geht. Mit Ihrer Erlaubnis und in Ihrer Gegenwart.«

Nein.

»Ich heiße Max«, sagte Max.

Ich schaute Max an. Willst du das wirklich? Er nickte.

»In Ordnung«, sagte ich.

»Sie geben also Ihre Zustimmung?«

»Ja«, antwortete ich.

»Ich auch«, sagte Max.

Der Polizist erklärte, es handle sich nicht um eine Befragung, auch wenn er erst kürzlich eine Fortbildung zum Thema Befragung von Kindern gemacht habe. Er reichte mir einen Informationsbogen, auf dem erläutert wurde, was wir von der Polizei zu erwarten hatten und wie und wo wir uns beschweren konnten, falls wir nicht zufrieden waren. Dann zückte er ein Notizheft. Ich gab Max das Informationsblatt, das er sorgfältig las.

Beim ersten Anzeichen, dachte ich. Beim ersten Anzeichen dafür, dass hier etwas schiefging, würde ich das Gespräch beenden und den Mann bitten zu gehen. Er ist erst elf.

Ich holte für den Polizisten einen Stuhl aus der Küche. Max und ich setzten uns aufs Sofa. Der Polizist fragte mich, wo Millicent sei, und ich antwortete, sie sei nicht da. Er wollte wissen, wo sie arbeitete, und ich erklärte ihm, sie arbeite zu Hause. Er fragte noch einmal, wo sie sei, und ich sagte, ich sei mir nicht sicher.

Er notierte sich etwas in seinem Heft.

»Sie geht oft weg«, sagte Max. »Dad weiß nie, wo sie ist.«

»Max«, sagte ich.

»Stimmt doch.«

Der Polizist notierte sich auch das.

»Mum legt Wert auf ihre Freiheit.«

Der Polizist schrieb. Dann nahm er ein Formular aus seiner Aktentasche und begann es auszufüllen.

»Wie alt bist du, Max?«

»Elf.«

»Und ist Max Mercer dein vollständiger Name?«

»Ja. Ich habe keinen zweiten Vornamen.«

»Und du bist offensichtlich ein Junge.«

»Klar.«

Sie grinsten einander an. Mir war klar, dass der Polizist einfach nur nervös war.

»Kann ich mich neben Sie setzen?«, fragte Max. »Während Sie das Formular ausfüllen?«

Der Polizist sah mich an. »Wenn dein Dad nichts dagegen hat.«

»Kein Problem«, erklärte ich. Ich fragte ihn, ob er Kaffee wolle, aber er bat stattdessen um ein Glas Wasser. Ich ging in die Küche. Ich fragte mich, ob er tatsächlich nervös war oder ob er nur den netten Cop spielte.

»Ich bin ein weißer Brite«, hörte ich Max sagen. »Obwohl Brite keine Rasse ist, so wie die mensch­liche Rasse. Wir sind nicht religiös oder irgendwas. Und meine Muttersprache ist Englisch, ich brauche also keinen Dolmetscher.«

Er las offenbar von dem Formular ab und ging die Ka­­tegorien durch: so stolz, so begierig zu zeigen, wie erwachsen er sein konnte.

»Bei sexueller Orientierung können Sie heterosexuell ankreuzen.«

»Das ist eigentlich für Jugend­liche«, hörte ich den Polizisten antworten.

»Aber können Sie nicht einfach heterosexuell ankreuzen?«

»In Ordnung, Max. Heterosexuell.«

Ich ging mit dem Wasser ins Wohnzimmer. Der Polizist stand auf, setzte sich wieder uns gegenüber auf den Küchenstuhl und machte sich sorgfältig Notizen, während sein Handy Max’ Worte aufnahm.

»Was hast du gemacht, bevor ihr den Nachbarn gefunden habt, Max?«

»Nicht viel. Ich hab gelesen und Hausaufgaben ge­­macht und so. Eine Xbox und so Sachen darf ich nicht haben. Mum war unterwegs, und Dad war zu Hause und hat gearbeitet. Aber ich darf sein Handy benutzen.«

Der Polizist warf mir einen fragenden Blick zu. Dann machte er sich noch eine Notiz. Ich hatte mich geirrt. Es war keine Nervosität. Es war etwas anderes. Er besaß eine Schlauheit, die mir anfangs entgangen war und die mir überhaupt nicht gefiel. »Wir sind gute Eltern«, hätte ich am liebsten zu ihm gesagt. »Wir lieben unseren Sohn bedingungslos. Wir setzen ihm Grenzen.« Es steht dir nicht zu, uns zu beurteilen.

Aber er war wirklich geschickt darin, mit Kindern zu reden, das musste ich ihm lassen. Max erzählte ihm alles. Dass wir nach der Katze gesucht hatten, dass die Katze im Haus des Nachbarn verschwunden war, dass die Hintertür offen gestanden hatte und dass die Katze die Treppe hochgelaufen war.

»Muss es Erektion heißen, oder darf ich Latte sagen?«, fragte Max.

»Du kannst sagen, was dir besser gefällt«, antwortete der Polizist.

»Und vor Gericht?«

»Ich glaube nicht, dass du vor Gericht wirst aussagen müssen«, antwortete der Polizist. »Das ist sehr unwahrscheinlich.«

»Aber was würden Sie sagen?«

Der Polizist lachte leise. »Wahrscheinlich Erektion. Das ist die offizielle Bezeichnung.«

»Okay.« Max lächelte breit. »Erektion.« Dann wurde er wieder ernst; er machte sich bewusst größer, ein Erwachsener im Miniaturformat. »Jedenfalls, obwohl mein Dad versucht hat, es zu verhindern, habe ich gesehen, dass der Nachbar eine Erektion hatte.«

Aber ich hatte gar nicht zu verhindern versucht, dass er das sah. Zumindest konnte ich mich nicht daran erinnern. Plötzlich war ich mir unsicher. Vielleicht hatte ich es ja doch getan.

»Tut mir leid, Max«, sagte der Polizist. »Das muss dich ziemlich schockiert haben.«

»Sie meinen aber nicht die Erektion, sondern die Leiche, oder?«

»Ja«, antwortete der Polizist.

»Es war nicht so schlimm«, erklärte Max. »Also, es war nicht schön, aber es war auch nicht schlimm. Haben Sie schon mal eine Leiche gesehen?«

»Nein«, sagte der Polizist. »Nur auf Fotos.«

»Ist das nicht Ihr Job?«

»Bei uns hat jeder eine andere Aufgabe.«

»Wie lange sind Sie schon Polizist?«

»Ein paar Jahre.«

Ich hatte mich die ganze Zeit gefragt, ob ich Max nach oben auf sein Zimmer schicken oder ob ich vorschlagen sollte, ihn in die Schule zu bringen und dann zurückzukommen. Natürlich hätte Max allein zur Schule gehen können, aber ich wollte neben ihm hergehen, mich vergewissern, dass er sicher ankam, dass es ihm nach der Befragung durch den Polizisten gut ging.

Der Polizist wollte gar nicht mit mir reden. Es gebe noch mehr Kinder, die er befragen müsse. Offizielle Vernehmungen.

»Finsteres Zeug«, sagte er mit sorgenvoller Miene.

»Was denn für finsteres Zeug?«, wollte Max wissen.

Der Polizist wurde wieder förmlich. Er stand auf, verstaute die Formulare in seiner Aktentasche, reichte mir eine Visitenkarte und sagte, seine Kollegen würden sich bei mir melden wegen einer Befragung.

»Was für finsteres Zeug?«, fragte Max noch einmal.

»Nicht alle Eltern haben ihre Kinder so lieb wie dein Dad dich, Max.«

Als wir das Haus verließen, schob Max seine Hand in meine. Kleiner Max, mein eingeborener Sohn. In letzter Zeit kam es kaum noch vor, dass er an meiner Hand ging.

»Dad«, sagte Max. »Ravion Stamp musste zur Polizei gehen, und sie haben seine Aussage gefilmt und alles. Und sein Dad durfte nicht dabei sein.«

»Das wird dir nicht passieren«, erwiderte ich.

»Aber was ist, wenn sie dich verhaften?«

»Warum sollten sie das tun?«

»Aber Ravions Dad …«

Jason Stamp hatte seinem Sohn Gewalt angetan. Ravion hatte in einer Videoschaltung ausgesagt. Ich war mir nicht sicher, wie viel Max über den Fall wusste.

»Das wird uns nicht passieren, Max. Das verspreche ich dir.«

»Aber woher wusste der Mann, dass du mich lieb hast?«

»Er hat es gesehen.«

»Wie denn?«

»Okay, er hat geraten.«

»Du bist unmöglich, Dad«, sagte Max. Aber er schmieg­­te sich an mich und schlang seine Arme um mich. Mein wunderbarer, kluger Sohn. Mein Eingeborener. Dessen erstes Wort Katze und dessen siebtes Wort Scheiße gewesen war; dessen vierundvierzigstes Wort so etwas Ähn­liches wie Arschloch gewesen war.

Die Schimpfwörter spielten keine Rolle. Wir gaben ihm zu essen, zogen ihn warm an und sangen ihn abends in den Schlaf. Wir setzten ihm klare Grenzen und bestanden darauf, dass Regeln eingehalten wurden. In unserem Haus regierte die Liebe. Wir waren die klassischen durchschnittlich guten Eltern.

Millicent und Max badeten gern zusammen; ich hörte ihr Kreischen und Lachen schon von weitem, wenn ich nach Hause kam. Die Lebensgeräusche meines kleinen Stammes. Meine Realität.

Ja, wir fluchten in Max’ Hörweite, und ja, wir rauchten hinter seinem Rücken. Das spielte keine Rolle. Wichtig war nur: meine Frau, mein Sohn, das Wasser, das Lachen.

Mein kleiner Stamm.

Max ging an meiner Hand, bis wir uns der Schule näherten, dann entzog er sie mir. Auf den letzten Metern fiel er fast in einen Laufschritt, um etwas Abstand zwischen uns zu bringen und nur ja nicht dabei gesehen zu werden, dass er von seinem Vater zur Schule gebracht wurde.

Millicent rief an. Ich hielt mir das Handy ans Ohr. Das Geschrei von sechshundert Londoner Schülern in der großen Pause.

»Ich hab mir schon Sorgen gemacht.«

»Hey. Tut mir leid.« Ihre Stimme klang angespannt.

»Wo bist du?«

»Auf dem Weg. Bist du an der Schule?«

»Ja.«

»Wartest du auf mich?«

»Ich hatte gehofft, mit ihm zu reden zu können, bevor die Pause zu Ende ist.«

»Du hast seinen Namen schon wieder vergessen, stimmt’s?« Ihre Stimme klang jetzt weicher.

»Ja. Schlechter Vater.«

»Wartest du auf mich, schlechter Vater?«

»Also gut.«

Ich sah Max mit ein paar Jungs zusammenstehen, alle in übergroßen T-Shirts und Baggy Jeans. Ich erhaschte seinen Blick und zeigte auf das Schulgebäude, um ihm zu bedeuten, dass wir uns drinnen sehen würden. Er nickte und wandte sich ab.

Millicent kam fünf Minuten, nachdem die Schulglocke geläutet hatte. Sie war blass, und man sah ihr an, dass sie kaum geschlafen hatte. Sie gab mir einen Kuss.

Selbst auf hohen Absätzen war Millicent klein. Anfänglich hatte das meinen Beschützerinstinkt geweckt. Jetzt fiel es mir kaum noch auf. Ich nahm sie in die Arme, froh, dass sie da war. Sie drückte mich genauso fest. Dann beendete sie die Umarmung, indem sie mir auf den Rücken klopfte.

»Wo bist du gewesen?«, fragte ich.

»Unterwegs. Ich musste nachdenken. Tut mir leid.«

So ging das, seit wir Sarah verloren hatten. Nachdem Millicent zuerst zusammengebrochen war, tat sie nun das genaue Gegenteil. Sie hatte sich neu erfunden. Jetzt war sie superkompetent. Mach deinen Spielzug, schrieb sie, und geh weiter. Spielen und weitergehen.

Im Klassenzimmer sah es aus wie in einem Volksaufklärungsfilm aus der Nachkriegszeit, außer dass mehr schwarze und braune Gesichter zu sehen waren. Didaktische Poster bedeckten die Wände. Die Kinder saßen in ordent­lichen Reihen und arbeiteten jeweils zu zweit mit ihren Lehrbüchern. In der dritten Reihe saß Max neben seinem Freund Tarek. Er blickte auf, als wir eintraten, grüßte uns jedoch nicht.

Auch Mr. Sharpe sah aus wie ein Mann aus einer vergangenen Zeit. Dunkelhäutig mit kurzgeschorenem Haar, bekleidet mit einem tadellos gebügelten Anzug: wie ein Landschullehrer aus einer Zeit, als noch kein Landschullehrer schwarz war. Sein Haar war mit Pomade an den Kopf geklatscht, sein Schnurrbart so dünn wie ein Bleistift, und seine Hände waren feingliedrig und flink.

»Könnten wir Sie kurz sprechen?«, fragte Millicent. »Wir sind die Eltern von Max. Wir wollten Ihnen erklären, warum er heute zu spät zum Unterricht gekommen ist.«

»Selbstverständlich.«

»Unter vier Augen.« Sie machte eine Kopfbewegung in Richtung Korridor.

»Das ist eigentlich nicht erlaubt.« Er zeigte auf seine Schüler.

Ich blickte mich um und stellte fest, dass Tarek und Max mich direkt ansahen. Tarek flüsterte Max gerade etwas zu; sie schauten erst den Lehrer, dann uns an und lachten.

»Aber vielleicht haben Sie ja Zeit bis zur Mittagspause. Viertel nach zwölf. Hier.«

»Wir möchten Max gern dabeihaben.«

Mr. Sharpe nickte, bugsierte uns aus dem Klassenzimmer und schloss die Tür hinter uns.

3

»Puh«, sagte Millicent. »Das fängt ja gut an.«

Wir kauften uns miserablen Kaffee in einem miserablen Café und tranken ihn aus miserablen Styroporbechern auf einer niedrigen Mauer in der schäbigsten aller schäbigen Straßen in Crappy. Ich zündete mir eine Zigarette an, und wir teilten sie uns wie das schlimme Mädchen und der schlimme Junge, die wir nicht waren und nie sein würden.

Millicent inhalierte tief, behielt etwas Rauch im Mund, fing ihn wieder auf, als er entwich, und sog ihn dann gierig ein. Doppelgenuss in einem Zug: So rauchte man in einem Film noir. Selbst nach dreizehn Ehejahren verwies das auf etwas Unbekanntes, auf ein aufregendes Geheimnis, das ich nie mit ihr teilen würde.

»Was ist los, Alex?«

»Du. Wie du in der Sonne rauchst. Hallo.«

Dasselbe Bild – Millicent, Gegenlicht, Rauch. Es kam immer wieder, und immer dann, wenn ich am wenigsten damit rechnete. Es war nur ein Bruchteil dessen, was sie ausmachte, wer sie war, eine Erinnerung an die Zeit, bevor wir angefangen hatten, unsere Unvollkommenheiten miteinander zu teilen. Die junge Amerikanerin, die ich im Pub kennengelernt hatte.

»Also«, sagte Millicent. »Die Sache mit dem Radio.«

»Tut mir leid. Ich hätte es mir anhören sollen.«

»Nein, ich kann schon verstehen, warum du es dir nicht angehört hast, Alex.« Sie lachte leise. »Ich habe das wirklich nicht kommen sehen.«

Ich musste ebenfalls lachen, brach jedoch ab, weil ich urplötzlich wieder den Nachbarn vor mir sah, ein Bild, das mich aus meinen Gedanken riss: der tote Körper in der kaputten Badewanne, das blutunterlaufene Auge, das sich kalt gegen die Londoner Hitze abhob. Wasser, das durch den Raum tropfte.

Drei Bilder einer falschen Wirklichkeit.

»Was ist bloß mit dir los, Alex, Liebling?«

Das Bild löschen. Atmen.

»Alex, alles in Ordnung?«

»Ja«, sagte ich. Atmen.

Millicent wirkte besorgt. Sie legte mir eine Hand auf den Arm.

»Es geht mir gut«, flüsterte ich.

»Wirklich?«

»Ja.« Ich atmete. »Du hast gesagt, du hast es nicht verbockt.«

»Es war nicht optimal, aber es war trotzdem okay.«

»Die haben dir Blumen überreicht.«

»Es war eine Abendübertragung. Die hatten die Blumen wahrscheinlich schon vorher gekauft.«

»Aber du hast ihnen gefallen. Komm schon.«

»Ja.« Ihre Augen leuchteten. »Ich hab ihnen gefallen. Denn sie haben mir auch das hier überreicht. Sieh mal.« Sie nahm einen Umschlag aus ihrer Tasche.

Ich nahm ihn entgegen.

»Wow«, sagte ich. »Ein Vertrag.«

»Ein Honorarvertrag. Kam heute Morgen um vier Uhr dreißig per Mail.«

»Das heißt doch, du musst richtig gut gewesen sein, Millicent.«

»Die stecken gerade im Sommerloch, die müssen irgendwas bringen. Dienstags von acht bis zehn. Vier Wochen lang.«

»Wow«, sagte ich noch einmal.

»Ja«, sagte sie. »Cool, oder?«

»Es ist großartig, das weißt du genau.«

Mein Amerika.

Wir saßen auf der niedrigen Mauer und strahlten einander an.

Unabwendbares Schicksal.

Das Gespräch mit Mr. Sharpe dauerte zehn Minuten. Die ersten fünf verbrachte Max damit, aus dem Fenster zu schauen. Als ich meine Befürchtung beschrieb, dass das, was er gesehen hatte, ihn traumatisiert haben könnte, ihn traumatisiert haben musste, sah Max erst mich, dann Mr. Sharpe an. Dann gähnte er und blickte wieder aus dem Fenster.

Mr. Sharpe hörte aufmerksam zu. Als ich nichts mehr zu sagen hatte, trommelte er mit den Fingern auf seinen Schreibtisch und sah abwechselnd Millicent und mich an. Dann schlug er ein Notizheft auf, das vor ihm auf dem Schreibtisch lag.

»Also, Mrs. … Verzeihung, Ms. Weitzman.«

»Millicent.«

»Hmm. Ganz recht. Sie wollten, dass Max bei diesem Gespräch zugegen ist. Darf ich fragen, warum?«

»Du wolltest doch dabei sein, nicht wahr, Max?«

»Ja«, antwortete Max, der immer noch aus dem Fenster schaute.

»Und warum wolltest du das, Max?«, fragte Mr. Sharpe und klappte das Notizheft zu.

»Weiß nicht, Mr. Sharpe.«

»Möchtest du dem, was dein Vater mir erzählt hat, noch irgendetwas hinzufügen?«

»Nein, Mr. Sharpe.«

»Also gut, Max, dann lauf du nur und geh nach draußen zu deinen Freunden.«

Max verließ das Klassenzimmer und schloss die Tür mit übertriebener Sorgfalt. Millicent und ich tauschten einen Blick aus. Lauf du nur? Trotzdem, dieser merkwürdige kleine Mann mit seiner väter­lichen Milde und der Pomade im Haar strahlte etwas Tröst­liches aus.

Durch die Drahtglasscheibe in der Tür sah ich Max kurz zögern, dann verschwand er den Korridor hinunter.

»Nun, Millicent und …«

»Alex.«

»Millicent und Alex. Ganz recht. Max wirkt ausgeg­lichen und wohlgeraten, wenn ich den Ausdruck benutzen darf. Sie können sich darauf verlassen, dass ich Sie benachrichtigen werde, falls ich irgendwelche Anzeichen für eine Traumatisierung bemerken sollte.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen, Mr. Sharpe«, sagte Millicent.

»Ja, danke«, fügte ich unwillkürlich hinzu. »Wirklich sehr freundlich.« Die Förmlichkeit des Mannes war ansteckend.

Mr. Sharpe schenkte uns ein gütiges Lächeln. »Aber bald fangen ja die Sommerferien an, und Max wird uns schon in wenigen Wochen verlassen. Gibt es sonst noch etwas?«

»Höchstens, wenn Sie möchten, dass wir zu Hause etwas mit ihm besprechen«, antwortete ich, verwundert, dass er kein Wort zu den Kraftausdrücken gesagt hatte, die Max neuerdings so oft benutzte.

»Nein, wie gesagt, ein wohlerzogener Junge. Er hat liebenswerte Freunde, bringt sich nie in Schwierigkeiten. Fleißig, ohne ein Streber zu sein. Weder ein Opfertyp noch einer, der andere drangsaliert. Er beteiligt sich am Unterricht, macht seine Hausaufgaben, liest gern. Er wird sich in der Oberschule gut einfügen, daran habe ich keine Zweifel. Ich wüsste nicht, was ich dem noch hinzufügen könnte.«

»Wohlgeraten, sagten Sie?«, fragte Millicent.

»Ja, dank Ihnen und Ihrem Mann.«

»Er kommt Ihnen nicht irgendwie merkwürdig vor?«

»Meine Güte, nein. Warum?«

Wir sahen Max nicht, als wir die Schule verließen.

»Der Typ hätte in den fünfziger Jahren den perfekten Landschullehrer abgegeben«, bemerkte ich.

»Ich fand ihn sympathisch«, sagte Millicent.

»Ich auch. Aber es wundert mich, dass Max ihn so sehr mag.«

»Kinder stehen nicht auf Lehrer, die so tun, als wären sie ihre Kumpels; sie mögen es nicht, wenn Erwachsene über Hip-Hop oder soziale Netzwerke reden. Sie wollen wissen, wo die Grenzen sind und was passiert, wenn sie diese Grenzen überschreiten. Vor allem Jungs. In dem Alter sind sie stockkonservativ.«

»Aber wie funktioniert das hier in Crappy?«

»Du immer mit deinen Fragen, Alex. Bist du denn nicht müde?«

Siebzig Stunden Film warteten auf meinem Computer auf mich. Fünf Tage, um das Zeug durchzusehen.

4

Gegenüber dem Haus unseres Nachbarn stand ein Krankenwagen. Drei Streifenwagen blockierten die auf unserer Straßenseite geparkten Autos.

Die Tür unseres anderen Nachbarhauses wurde geöffnet. Es war frisch gestrichen, und an allen Fenstern hingen Blumenkästen. Mr. Ashani trat heraus, der anständige Bürger in Person, die cremefarbene Hose tadellos gebügelt; sein Lächeln hatte Gott auf seiner Seite.

»Mr. und Mrs. Mercer«, sagte er strahlend. »Wir sehen uns viel zu selten.«

»Hallo, Mr. Ashani«, sagte Millicent und bot ihm ihre Wange dar.

»Ah, die französische Art«, sagte Mr. Ashani. »Wie nett.« Er hauchte ihr einen Kuss auf beide Wangen, dann reichte er mir die Hand. Ich versuchte, seinen festen Händedruck genauso fest zu erwidern. »Nett«, sagte er noch einmal. In seinem rechten Auge waren die ersten Anzeichen von grauem Star zu sehen, aber seine Haut war makellos.

Ich hatte ihn einmal nach seinem Alter gefragt, und er hatte gelacht. »Ach, Sie meinen, weil schwarze Haut nicht altert?« Ich hätte ihn noch einmal fragen sollen, aber ich wollte nicht unhöflich erscheinen, oder Schlimmeres.

»Warten Sie auf den Toten?«, fragte Mr. Ashani.

»Nein«, antwortete ich. »Überhaupt nicht.«

Mr. Ashani lachte, hustete ein bisschen und lachte wieder. »Ich meine nicht Sie, Mr. Mercer.« Er nickte in Richtung Krankenwagen. Die Sanitäter hatten wegen der Hitze die Türen weit geöffnet, hörten Radio und tranken Wasser aus Aluminiumflaschen. »Ich habe sie gefragt, aber sie wollten mir nichts sagen. Die Polizei ist schon seit zwei Stunden da drin. Ich habe Männer mit Metallkisten reingehen sehen, und drinnen hat es mehrmals geblitzt. Das würden sie doch nicht tun, wenn der Mann noch lebte, oder?«

»Sie glauben, die fotografieren da drinnen?«, fragte ich.

»Welchen anderen Grund sollten die Blitze haben, Sir?«, entgegnete er. »Wir sollten beten, dass das nicht der Anfang einer Verbrechenswelle ist.«

»Es wurde kein Verbrechen verübt, Mr. Ashani.«

»Nein?«

»Scheint sich um Selbstmord zu handeln«, sagte Millicent leise.

»Nein!«, stieß er entsetzt hervor. »Was für eine abscheu­liche und feige Tat das wäre. Hoffen wir, dass Sie sich irren. Hoffen wir, dass es Mord war.«

»Wie können Sie so etwas sagen, Mr. Ashani?«

»Ich wollte Sie nicht verletzen, Mrs. Mercer.«

»Da drin liegt ein Toter, Mr. Ashani. Er hat unser Mitgefühl – Ihr Mitgefühl – verdient, egal, wie er gestorben ist.«

Mr. Ashani überlegte. »Nein, Mrs. Mercer«, sagte er schließlich. »Nein, Selbstmord ist das schlimmste Verbrechen. Auf diese Weise die Erlösung verschmähen, sich der Verzweiflung hingeben … Das ist … Dass Sie das nicht verstehen … Mir fehlen die Worte …« Er machte Anstalten, zurück ins Haus zu gehen.

»Mr. Ashani, bitte«, rief Millicent.

Er drehte sich um und kam entschlossen auf uns zu. »Ich möchte nicht grausam erscheinen«, sagte er, »aber die Bibel ist in dem Fall sehr eindeutig, meine Liebe. Außerdem war dieser Mann sehr unmoralisch.«

Ich versuchte, mich in Millicents Blickrichtung zu bewegen. Ich wollte, dass sie das Thema wechselte.

»Mr. Ashani«, sagte Millicent, »selbstverständlich respektiere ich Ihre Ansichten, aber wir sind nicht Ihrer Meinung.«

Mr. Ashani sprach sehr schnell, seine Stimme klang ernst. »Bei Mord bleibt wenigstens die Hoffnung auf Erlösung. Die Seele des Opfers kann in den Himmel aufsteigen, und der Mörder kann über seine Tat nachdenken und sie bereuen.« Er wandte sich an mich, ein vernünftiges Lächeln auf den Lippen. »Sie verstehen das doch, Sir, oder nicht?«

Ich bemühte mich um ein respektvolles Lächeln.

Mr. Ashani nickte, als hätte ich ihm zugestimmt, und wandte sich wieder Millicent zu. »Bei Selbstmord, Mrs. Mercer, ist die Seele für immer verloren. Wer sich selbst das Leben nimmt, entscheidet sich für ewige Verdammnis. Nein, Mrs. Mercer, nein, wir müssen beten, dass es Mord war.«

Ich schaute Millicent an. Wechsle das Thema!

Okay, bedeutete sie mir mit ihrem Blick. In Ordnung.

»Mr. Ashani«, sagte sie. »Mein Mann und ich streiten uns immer wieder darüber, wie alt Sie sind.«

Er lächelte. »Was glauben Sie denn, wie alt ich bin?«

»Na ja, irgendwas zwischen fünfzig und …«

»Fünfzig? Großartig.« Er lachte.

»Na ja, also … ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, aber wir wussten wirklich nicht …« Sie kniff die Augen ein bisschen zusammen, berührte seine Hand, um ihm zu zeigen, dass sie nichts Böses wollte. »Eigentlich dachten wir, höchstens Ende sechzig.«

»Ende? Was genau meinen Sie denn mit Ende?«

Millicent zögerte. »Vielleicht siebenundsechzig?«

»Ich bin siebenundsiebzig«, sagte er sichtlich erfreut. »Und topfit.«

»Mein Mann macht sich Sorgen, Mr. Ashani. Er fürchtet, es könnte Sie kränken, falls wir mit unserer Schätzung danebenliegen. Sie haben so vollkommene Haut.«

»Nein, meine Liebe, ich bin nicht gekränkt. Andere Dinge könnten mich kränken, aber das nicht.«

»Siehst du«, sagte sie zu mir, als ich unsere Haustür hinter uns schloss. »Er hält dich nicht für einen Rassisten, bloß weil du sein Alter nicht schätzen kannst.«

»Was hat er denn mit anderen Dingen gemeint?«

»Na ja, er könnte dich für ein bisschen rassistisch halten, weil du dich nicht auf eine Diskussion mit ihm einlässt … Bei jedem anderen wärst du sofort auf das Thema angesprungen, aber was Mr. Ashani über Gott und Selbstmord und Mord von sich gibt, lässt du unangefochten durchgehen.«

»Er ist alt.«

»Stimmt … Das ist zweifellos der Grund, warum du dich nicht mit ihm anlegst. Und warum du ihn nie zu uns einlädst. Der Typ streitet sich gern. Das merkt man doch.«

»Du hältst mich für einen Rassisten?« Plötzlich wurde ich gewahr, dass sie lachte. »Und Rassismus ist auf einmal lustig?«

Ein dumpfes Geräusch, als hätte im Haus des toten Nachbarn jemand einen Vorschlaghammer fallen lassen. Die Zeit blieb stehen. Millicent zuckte zusammen. Die Luft im Zimmer war heiß und voller Staub. Millicent lachte, als schäme sie sich für ihre Reaktion. Die Zeit ging weiter.

»Nein, Alex, nein. Das ist es nicht. Es ist nur … Er ist halt unser Nachbar; wir haben nichts gemeinsam mit ihm. Du brauchst ihn nicht auf ein Mineralwasser einzuladen, um mit ihm über nigerianische Politik zu debattieren.«

Bei unserem toten Nachbarn wurde im ersten Stock etwas über den Fußboden geschleift.

Millicents Augen weiteten sich. »Puh«, sagte sie. »Das war aber …«

»… unerwartet«, sagte ich.

»Unerwartet.« Sie fing sich wieder. »Genau.«

»Er ist aus Ghana«, sagte ich. »Und er ist ziemlich nett.«

»Aber erst, seit er rausgefunden hat, dass wir verheiratet sind. Davor war er ein Miesepeter. Und er hat außerdem ziemlich extreme Ansichten über Nigeria.«

»Liebling«, sagte ich und nahm ihre Hand. »Alles in Ordnung mit dir?«

»Wie kommst du darauf, dass es nicht so sein könnte?«

Ich zog sie an mich, und sie lächelte zaghaft. Weil Selbstmord dich schockiert, dachte ich. Weil es dich erschreckt zu denken, dass jemandes Schmerz so groß sein kann. Weil du mir mal erzählt hast, dass jemand, den du kanntest …

Stimmen im Nachbarhaus. Millicents Blick huschte zur Wand.

»Also … das ist alles ein bisschen unheimlich«, sagte sie. »Warum haben die die Leiche nicht schon gestern Abend mitgenommen?«

»Die sind halt gründlich«, erwiderte ich. »Nehme ich jedenfalls an. Aber ich weiß es auch nicht.«

»Furchtbar. Vielleicht komme ich doch nicht so gut damit klar.« Sie befeuchtete ihre Lippen.

Warum solltest du auch?, dachte ich. Wie kann man denn mit so etwas klarkommen? Ich legte ihr eine Hand an die Wange, und sie hielt sie eine Weile dort fest und schaute mir in die Augen. Dann wandte sie sich ab, und ein Schauder schien über ihren Körper zu fahren.

»Hey«, sagte ich. »Ich bin hier. Du kannst mir sagen, was in dir vorgeht.«

»Ich glaube, das habe ich gerade getan.«

Hast du nicht, dachte ich. Nicht wirklich.

»Der Typ war in Ordnung. Ein bisschen zugeknöpft vielleicht, aber in Ordnung. Ich fand ihn jedenfalls sympathisch.« Ihr Blick verdüsterte sich. »Es fühlt sich einfach komisch an, dass er immer noch da ist.«

»Hast du ihn gekannt?«

»Na ja, wie man sich halt so kennt unter Nachbarn.«

Ein Schatten bewegte sich vor dem Vorhang am Fenster zur Straße. Dann klopfte es dreimal an der Haustür.

Ich schaute Millicent an. Sie schüttelte den Kopf. Sie formte mit den Lippen das Wort Polizei. Plötzlich wirkte sie wieder klein, gebeugt. Nein, flüsterte sie fast unhörbar. Nicht jetzt, Alex. Ängst­licher Blick, wie ein Tier, das über den Punkt Kampf-oder-Flucht schon hinaus ist. Diesen Blick hatte ich fast vergessen.

»Wie stellst du dir das vor?«, flüsterte ich. »Die haben uns doch bestimmt hier drin gehört.« Ich ging zur Haustür; Millicent verschwand in der Küche.

Der Mann war klein und dünn, er trug ein weißes T-Shirt und knielange Shorts und war voller Staub. Muskulös. Ein Bauarbeiter, dachte ich. Ein Bauarbeiter mit einem Klemmbrett.

»Mr. Bryce?«, sagte er. »Guten Tag. Continent Containers.«

Er sah mich an, als müsste ich wissen, wovon er redete. Ich wusste es nicht.

»Containervermietung.« Er reichte mir die Hand. Sein Lächeln war warm und professionell.

»Tut mir leid«, sagte ich. »Ich bin nicht Mr. Bryce.«

»Könnte ich dann mit Mr. Bryce sprechen?«

»Hier wohnt kein Mr. Bryce«, erwiderte ich. »Ich bin Alex Mercer. Und ich habe noch nie in meinem Leben einen Container gemietet.«

»Seltsam«, sagte der Mann und betrachtete sein Klemmbrett. »Also gut.« Er nahm ein Handy heraus.

»Bitte entschuldigen Sie mich«, sagte ich. »Wir haben viel um die Ohren.«

»Kein Problem, Sir. Trotzdem vielen Dank.«

Ich schloss die Tür. Millicent kam aus der Küche.

»Tut mir leid«, sagte sie. »Ich weiß, dass du meinetwegen tapfer bist. Und wegen Max. Und es tut mir leid, dass ihr beide sehen musstet, was ihr gesehen habt.«

»Ich hätte verhindern können, dass er es sah, aber das habe ich nicht getan.«

»Ich weiß, Liebling, aber ich nehme an, du warst unter Schock.«

»Ich habe gelacht. Ich habe tatsächlich gelacht.«

»Das ist eine klassische Schockreaktion. Du bist ein guter Vater, Alex. Du hast einen ausgeprägten Beschützerinstinkt. Das weiß ich. Und Max weiß es auch.«

»Ich habe versagt. Max hat alles gesehen.«

»Okay, Alex. Ja, darüber müssen wir reden.« Sie atmete tief aus.

»Soll ich dir sagen, was ich glaube? Bei Max kommt der Schock noch.« Ich setzte mich aufs Sofa und biss mir auf die Knöchel. Was habe ich getan?

»Alex, das ist normal. Davon geht die Welt nicht unter. Jetzt sind bald Sommerferien.« Millicent setzte sich neben mich.

»Und in den Sommerferien sehen wir zu, wie unser Sohn unter Schock steht? Und sorgen dafür, dass er bis September wieder fit ist und zur Schule gehen kann?«

»Wir fangen ihn auf, Alex. Diese Dinge haben ihre eigene Logik. Wir hören ihm zu, wenn er reden will, und wir helfen ihm auf die Füße, wenn – falls – er zusammenbricht. Das ist ein Prozess. Er wird das überstehen. Wir sind gute Eltern. Wir suchen ihm einen guten Therapeuten.«

»Das ist unser Sommer?«

»Das ist unser Sommer.«

»Und was ist mit der Arbeit?«

Siebzig Stunden Filmmaterial auf meinem Laptop. Ein weiterer Aufnahmetermin, den ich planen musste.

»Du kannst trotzdem fahren«, sagte sie.

»Nein, kann ich nicht. Du wirst mich hier brauchen.«

Zwei Wochen in Amerika. Acht Wochen Bearbeitung. Wie sollte das funktionieren?

»Ach was. Max und ich sind doch bisher immer zu­­rechtgekommen.«