Die Spur der Wölfe - Francesco Guccini - E-Book
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Die Spur der Wölfe E-Book

Francesco Guccini

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Beschreibung

Der Nummer-1-Bestseller aus Italien!

In den dichten Wäldern des Apennins lebt eine Ökokommune von Aussteigern, deren Mitglieder sich selbst »Elben« nennen. Fernab von der Zivilisation haben sie sich in verlassenen Dörfern niedergelassen, leben einfach und ohne Strom vom Tauschhandel und gewähren jedem, der um Obdach bittet, Einlass. Forstinspektor Marco Gherardini beobachtet das Treiben mit Interesse. Eines Tages hallen zwei Schüsse durch den Wald, und am Fuße eines abschüssigen Geländes wird ein Toter gefunden. Es ist ein Elbe. Gherardini beginnt zu ermitteln – in seinem dritten und bisher spannendsten Fall.

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Seitenzahl: 353

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Zum Buch

In den dichten Wäldern des Apennins lebt eine Ökokommune von Aussteigern, deren Mitglieder sich selbst »Elben« nennen. Fernab von der Zivilisation haben sie sich in verlassenen Dörfern niedergelassen, leben einfach und ohne Strom vom Tauschhandel und gewähren jedem, der um Obdach bittet, Einlass. Forstinspektor Marco Gherardini, beobachtet das Treiben mit Interesse. Eines Tages hallen zwei Schüsse durch den Wald, und am Fuße eines abschüssigen Geländes wird ein Toter gefunden. Es ist ein Elbe. Gherardini beginnt zu ermitteln – in seinem dritten und bisher spannendsten Fall.

Zum Autor

FRANCESCO GUCCINI, Jahrgang 1940, zählt zu den bedeutendsten italienischen Liedermachern. Sein Freund Loriano Macchiavelli ist einer der erfolgreichsten Autoren Italiens. Beide leben im rauen Apennin, wo auch die Krimiserie um Forstinspektor Marco Gherardini spielt. Mit ihren Kriminalromanen belegen sie in Italien regelmäßig die ersten Plätze der Bestsellerliste.

GUCCINI/MACCHIAVELLI BEI BTBSchlechte Saison. KriminalromanTrübe Aussichten. KriminalromanDie Spur der Wölfe. Kriminalroman

Francesco Guccini/Loriano Macchiavelli

Die Spur der Wölfe

Kriminalroman

Aus dem Italienischen von Christiane von Bechtolsheim

Die italienische Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel »Tempo da elfi« von Francesco Guccini & Loriano Macchiavelli bei Giunti, Florenz – Mailand.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Deutsche Erstveröffentlichung August 2021

Copyright © der Originalausgabe 2017 by

Giunti editore S.p.A., Firenze – Milano

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2020 by

btb Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Covergestaltung: semper smile, München

Covermotiv: © Shutterstock / begemot_30

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

SL · Herstellung: sc

ISBN 978-3-641-23210-8V001www.btb-verlag.dewww.facebook.com/btbverlag

FIGUREN …

Marco Gherardini, genannt Bussard, 32, zurzeit Forstinspektor. Wer weiß wie lange noch?

Paolino aus Campetti, groß und sehr stämmig, kräftige Hände, rundliches Gesicht, selten rasiert, grau melierte, üppige Haarpracht, 65

Cornetta, seine Kaschmirziege

der Streicher, ein toter Vagabund, 23, blond, Jeansweste und -hose und handgefertigte Sandalen mit geflochtenen Lederriemen; ist bald nur noch als »Streicher« bekannt, als wäre das sein Name

Pietra, ein deutscher Elbe, wohnt in Campetti

Crepuscolo, Pietras Frau und

Narwain, was aufgehende Sonne bedeutet, ihr gemeinsamer Sohn

Giacomo, alteingesessener Elbe, Mitte 50, das Kinn unter einem langen grauen Vollbart versteckt, die langen Haare zum Nackenschwanz gebunden, lebhafte, intelligente Augen in einem lederfarben gebräunten Gesicht. Kleidet sich indisch: bestickte Mütze, reich verziertes, weites Hemd und Pluderhosen. Lebt in Borgo, einem kleinen Dorf bei Campetti. Trägt ähnliche Sandalen wie Streicher

Elena, 20-jährige Elbin, lebt in Stabbi und badet gerne nackt in den kalten Bergwasserfällen zusammen mit

Helga aus Deutschland, Elbin, 19

Joseph Müller, etwas undurchsichtiger Deutschitaliener. Lebt ebenfalls in Stabbi

Nicola Benelli, Elbe, lebt in Stabbi und richtet für sich und seine Freundin Helga ein verfallenes Haus her

Elvio und Sottobosco, Elben aus Stabbi

Verdiana, Elbin aus Stabbi

Valentino Ferlin, 26, ehemaliger Polizeischüler, jetzt Beamter der Forstpolizei

Benito, eigentlich Quintiliano Giusti, Wirt der Trattoria-Bar »Bei Benito«

Eugenio Baratti, leitender Forstdirektor und Chef des Provinzkommandos der Forstpolizei

Gaggioli, ein Stabsgefreiter vom alten Schlag

Stefano Barnaba, junger Maresciallo der örtlichen Carabinieri, aus dem Salento

Michela Frassinori, Staatsanwältin, mit dem Fall Streicher befasst

Clemente Farinon, 63, Polizeihauptmeister der Forstpolizei und Onkel von Ferlin

Guidotti Guido Novello, um die 30, jüngster Spross des Hauses Guidotti, das Guido Novello Guidi begründet hat, Hauptmann der Ghibellinen und Statthalter von König Manfred der Toskana. Sein Bruder war Guido Guerra Guidi, ein berühmter Hauptmann der Guelfen

Gigi, der Totengräber von Casedisopra

Adùmas, kennt und liebt die Berge und den Wald, die ihn nicht nur ernähren, weswegen er alles tut, um zu bewahren, was von seinem Lebensraum noch erhalten ist; dichter grauer Vollbart

Amdi, Kellner bei Benito, aus Marokko eingewandert, vielleicht ohne Aufenthaltserlaubnis

Andrea Antinori, Amtsarzt

Nedo, Sohn von Valeria, hat mit Schrot auf sein erstes Wildschwein geschossen

Peppe aus Casa Tornelli, wohnt in der alten Ziegelei; er ist mit bloßen Händen auf ein Wildschwein losgegangen, und wenn er einem eine knallt, kriegt man von der Wand gleich die nächste gewatscht

Adele, Benitos alte Zugehfrau und Köchin

der Professor, nach einem langen Lehrerdasein in Pension; will den Rest seines Lebens in Casedisopra verbringen

Berto, Bauer auf dem Hof neben Vinacce, wo Adùmas wohnt; bessert seine Rente mit dem Traktor auf

Florissa, eine junge Frau, die lange bei den Elben gelebt hat. Sie wurde schwanger, von wem, ist nicht bekannt; nach der Geburt verließ sie die Gruppe und richtete sich in Purgatorio ein, einem verlassenen Hof. Sie lebt mit ihrer Tochter allein, bestellt ihren Garten, sammelt Waldfrüchte, hält ein paar Ziegen und macht Käse

Fiorellino, die kleine Tochter von Florissa, vier Jahre alt

Biondorasta, ein Elbe mit blonden Rastalocken

Armonia und

Bosco, alle drei aus Ca’ del Bicchio, von jenseits des Flusses

Solitario, 17, seit ein paar Monaten Elbe, blond und fast krankhaft blass, Freund von Streicher. Er heißt Guido wie Fra Angelico aus Cortona und kommt ebenfalls von dort

Giovanni Balboni und sein Maschinengewehr, Partisan, hat als Zwanzigjähriger während einer Vergeltungsmaßnahme der Deutschen viele seiner Freunde gerettet

die Fhüllers, die erste Familie, die sich in Ca’ del Bicchio niedergelassen hat, und die letzte, die noch mit dem Horn zum Essen bläst. Zu ihr gehören:

Barthold, Österreicher, ein Schrank von einem Mann, wirre, lange braune Haare, ebenso der Bart

Colomba, seine Lebensgefährtin, Schwedin, blond, Zopf bis fast zum Gürtel, trägt ein geblümtes Baumwollkleid

Sole und Delfina, ihre beiden Kinder, zehn und acht Jahre alt. Sie sprechen drei Sprachen, Italienisch, Deutsch und Schwedisch, und werden im Leben gut zurechtkommen

Giuseppe Goldoni, Polizeimeister

Nerina, 72, Inhaberin eines Tabakladens, hält sich kerzengerade und qualmt mehr als ihre Kundschaft

Roberta, Nichte der Tabakhändlerin, um die 18–20, dunkler Teint und schwarze Haare, zierlich, wirkt aber resolut und wenig furchtsam

Geurt, Holländer, Freund von Armonia

… UND ORTE:

Campetti, eine Ansammlung von vier oder fünf alten Häusern; hier wohnen Pietras Elbenfamilie und Paolino

Borgo, kleines Elbendorf, nicht weit von Campetti; dort leben drei Familien und Giacomo

der Steilhang am ebenen Waldrand, unterhalb dessen Paolino eine Überraschung findet

Casedisopra, das Dorf von Bussard, Adùmas und den anderen Einheimischen

das Revier der Forstpolizei

die Bar und Trattoria von Benito an der Piazza, ehemalige Osteria der zwei Pilger, der Treffpunkt schlechthin im Dorf

die Carabinieri-Kaserne

Collina di Casedisopra, ein unberührter Ortsteil im Wald, weit entfernt vom Dorf; hier soll am neunundzwanzigsten August das Rainbow-Festival stattfinden

Valle, die Gesamtheit der Elbendörfer

Pastorale, eines der Elbendörfer

Stabbi, ebenfalls ein Elbendorf, in dem unter anderem Elena, Helga und Joseph wohnen

Ca’ Storta, ein abgelegenes Bauernhaus mit dicken Mauern und so schief, als hätte ein Riese ihm eine Ohrfeige verpasst

Ca’ del Bicchio, ein Dorf jenseits des Flusses, an der Gemeindegrenze von Casedisopra, weit entfernt auch von der nächsten Straße, bis zur Besiedelung durch die Elben viele Jahre lang unbewohnt

Vinacce, ein Mehrfamilienhaus, in dem Adùmas wohnt, etwas außerhalb von Casedisopra

Alpe, eine unbewohnte Hochebene oberhalb von Pastorale, wo es weder Menschen noch Tiere gibt, sondern nur noch Gestrüpp, das nicht mal für Ziegen taugt

Monte delle Vecchia, 1200 m ü. NHN

Monte del Paradiso, hat seinen Namen von den Gesteinsschichten, die wie eine gewaltige natürliche Treppe zum Himmel führen. Eben hin zum Paradies

Purgatorio, verlassener Bergbauernhof am Monte del Paradiso. Hier lebt Florissa mit Fiorellino, ihrer vierjährigen Tochter; der Hof liegt wenig unterhalb der Treppe, und im Wald wachsen Pilze und Wildfrüchte wie Blaubeeren, Erdbeeren und Himbeeren

der Picco Alto des Monte della Vecchia im Westen des Dorfes ist im Sommer der erste Berg, auf den die aufgehende Sonne scheint. Im Winter ist es der

Picco Basso

der Wald von Catullo, in den die Leute von Casedisopra zum Holzmachen gehen, denn der Eigentümer ist verstorben

die Buca del Fosso, eine natürliche Aushöhlung an der Böschung zu einem Bachbett, fast eine Höhle. Es passt ein Mensch hinein.

Borghetto dei Ricchi, hier wohnen Ärzte und Pflegepersonal des Krankenhauses unten an der Hauptstraße

1 UNTERWEGS ZU ZIEGEN UND WÖLFEN

Kein Mensch wusste, wie Paolo zu diesem verniedlichenden Paolino gekommen war, was nach einem dünnen, schmächtigen Mann klang. Dabei war Paolino ein Schrank von einem Mann, groß und stark, mit kräftigen Händen, die von jahrelanger manueller Arbeit aller Art zeugten, einem runden, selten rasierten Gesicht und einer graumelierten, für seine fünfundsechzig Jahre ziemlich üppigen Mähne. Das war Paolino, so kannte man ihn, er hieß einfach Paolino.

Beziehungsweise Paolino aus Campetti, womit klar war, in welchem Ort er lebte, einem Dörfchen von vier, fünf Häusern, darunter seines. Früher waren die Häuser alle bewohnt gewesen, von armen Leuten, die in den Bergen ein mühseliges, entbehrungsreiches Leben fristeten, sie ernährten sich von Esskastanien und den Kartoffeln von ebenjenen campetti – kleinen Äckern –, die sie auf einer ebenen Fläche unweit der Häuser bestellten und nach denen der kleine Ort benannt war. Später hatten sich die Bewohner zum Arbeiten in alle Winde zerstreut, zuerst als Köhler zur Saisonarbeit in Sardinien und dann ins Ausland, wo man jede Arbeit annahm, wann immer sich die Gelegenheit ergab. Kaum jemand war zurückgekommen. Die Leute waren gestorben oder in der Fremde geblieben.

Auch Paolino war fort gewesen, er hatte sich in Belgien, Frankreich und Deutschland als Bergmann oder als Hilfsarbeiter verdingt, Hauptsache, er wurde satt. Aber er, mittlerweile alt geworden, war zurückgekehrt, mit einer schmalen Rente und einer Versicherung (er sagte Ensurans) wegen eines kleinen Arbeitsunfalls in Frankreich.

Er war nach Campetti zurückgekommen, so wie Matrosen immer in den Hafen zurückkehren, in dem sie in See gestochen sind. Geheiratet hatte er nie. Gut möglich, dass er Frauen begegnet war, aber dann hatte es sich meist um käufliche Liebe gehandelt. Am Anfang hatte er mit einer älteren Schwester zusammengewohnt, die dann starb, jetzt war er allein, er hatte zwei, drei Hühner, einen Gemüsegarten (was ein Garten in neunhundert Meter Höhe eben abwarf, Salat, Kartoffeln, ein paar Köpfe Weißkohl) und eine kleine Kaschmirziege, die ein bisschen Milch gab, und wenn er Milch übrig hatte, gab es Käse.

Das Geld aus der Rente und der Versicherung reichte ihm für ein wenig Wein und Tabak, für Zigarettenpapier, Zündhölzer, Kaffee, Zucker, Salz und Brot; er bekam alles unten in dem kleinen Laden an der Hauptstraße, die sich den Fluss entlangschlängelte und von der Toskana in die Emilia führte. Paolino brauchte nicht viel, er war ein einfacher Mann. So einfach, wie man es sich in der Geschichte mit dem Pfarrer erzählte. Er hatte im Auftrag des Pfarrers als Hilfsmaurer am Kindergarten gearbeitet, und als er den vereinbarten Lohn ausbezahlt bekam, sagte der Pfarrer: »Da hast du dein Geld, Paolino, aber pass auf, dass du es nicht verlierst.«

»Verlieren!«, rief Paolino. »Ja Himmel, A…« Er fluchte, dass der arme Pfarrer ganz blass wurde. »Ich und verlieren?! Das wäre ja noch schöner!«

So war Paolino. Einfacher Mann, einfaches Leben, einfache, bescheidene Mahlzeiten, ein kleiner Gemüsegarten, ein paar Hühner, eine tibetische Kaschmirziege.

Tja, die Ziege. Morgens ließ er sie aus dem Verschlag, in dem sie nachts eingesperrt war, und dann durfte sie ringsum überall grasen. Die Ziege (sie hieß Cornetta) entfernte sich nie weit, und hin und wieder hörte Paolino draußen ein leises Meckern. Doch an diesem Tag war es still gewesen, das war ihm aber nicht aufgefallen.

Als sie am Abend nicht nach Hause kam, fing Paolino an, sich Sorgen zu machen. »Cornetta, o-o-o-oooo!«, rief er überall herum, aber das Tier ließ sich nicht blicken.

Ihm kam der Gedanke, dass vielleicht die Elben, wie sich die Aussteiger nannten, sie sich geholt haben könnten. Dann verwarf er diese Möglichkeit gleich wieder. Sie waren ruhige, freundliche Zeitgenossen. Auch wenn er sie manchmal seltsam fand.

Er hatte ein gutes Verhältnis zu ihnen, sie halfen einander auch ab und an.

Er beschloss, sie zu fragen.

Als Erstes ging er zu den Elben, die das Dach eines verlassenen Hauses reparierten, nicht weit von seinem eigenen. Eine dreiköpfige Familie. Die junge Frau wurde Crepuscolo gerufen, Abenddämmerung. Als sie ihm ihren Namen genannt hatte, fand Paolino aus Campetti, dass das ein seltsamer Name war.

Ihr Lebensgefährte wurde Pietra genannt, Stein. Das war schon besser. Es klang wie Pietro. Die beiden hatten einen Sohn, den er, Paolino, Klein-Elbe nannte, weil er den Namen vergessen hatte, den die Eltern ihm mehrmals vorgesagt hatten: Narwain. Das hieß aufgehende Sonne, hatte Crepuscolo erklärt.

»He, Pietro, hast du meine Cornetta gesehen?«

Pietra legte den Deckenbalken ab, den er aufs Dach getragen hatte, und sah hinunter. »Paolino, mein Name Pietra, ich hab schon gesagt, aber du hast nicht verstanden. Pietra, nicht Pietro«, erklärte er in holprigem Italienisch und schob einen kurzen Satz auf Deutsch hinterher, der – so viel hatte Paolino aus Campetti als Gastarbeiter in Deutschland gelernt – bedeutete, dass er Cornetta nicht gesehen hatte.

»Sie ist heute nicht nach Haus gekommen«, sagte er traurig im Gehen.

Pietra nahm seine Arbeit wieder auf. Crepuscolo, die Italienerin war, tröstete ihn: »Sie wird schon wiederkommen!«, rief sie hinter ihm her. Sie grinste. »Außer sie hat ihren Cornetto gefunden!«

Es gab in der ganzen Gegend sonst keine Ziegen, weder weibliche noch männliche.

Paolino fragte weiter herum.

Er erreichte Borgo. Dort wohnten außer Giacomo noch drei Familien. Ein paar Mädchen saßen im Kreis und flochten kleine Weidenkörbchen. Die wollten sie im Dorf den Urlaubern anbieten und den Leuten, die bis August kommen würden, wenn das Rainbow-Festival stattfand.

»Habt ihr meine Cornetta gesehen?«

»Nein, Paolino«, sagte eines der Mädchen. »Sie wollte wohl in Freiheit leben.«

Ein anderes sagte: »Vielleicht hatte sie auch keine Lust mehr, bei dir zu wohnen.«

»Lass sie doch ihr Leben leben, Paolino«, sagte wieder ein anderes.

Die hatten keine Ahnung. Er konnte Cornetta doch nicht die ganze Nacht draußen lassen. Jetzt, wo es sogar Wölfe gab.

Er beschloss, selber weiterzusuchen.

Ziegen sind doch komische Viecher, dachte er bei sich, und er meinte komisch im Sinn von frech, lästig, seltsam. Weiß der Himmel, wo sie steckt. Hoffentlich hat sie kein Wolf gerissen. Aber jetzt wird es dunkel, ich geh morgen noch mal los.

Auf dem Heimweg ging er bei Giacomo vorbei, einem Elben, der bei ihm in der Nähe wohnte, einer der ersten, die sich in der Gegend niedergelassen hatten.

Er saß mit geschlossenen Augen auf den Stufen zu seiner Haustür, wo er vor zehn Minuten noch die letzten Sonnenstrahlen genossen hatte, und rauchte.

»Hast du Cornetta hier irgendwo gesehen?«, fragte Paolino, ohne näherzutreten. Die Antwort konnte er sich ja denken.

Giacomo öffnete die Augen und nahm die Zigarette aus dem Mund. »Wenn sie nicht gekommen ist, während ich geschlafen habe …«

»Du hättest sie meckern gehört. Das macht sie immer, wenn sie jemanden sieht. Sie ist heute nicht heimgekommen.«

»Dann hoffen wir mal, dass sie nicht wie die armen Damhirsche geendet hat. Ich habe ihre zerfleischten Kadaver gefunden. Oder wie der Esel von Florestano.«

»Was war mit dem?«, fragte Paolino und trat näher.

»Weißt du das nicht? Florestano hat wie du überall nach seinem Esel gefragt, jemand sagte, es hätte ihn jemand gestohlen, jemand anderes behauptete Stein und Bein, er hätte einen der hiesigen Elben gesehen, den er aber mit den Elben aus einer anderen Gegend verwechselte … Andere meinten, er hätte sich zum Sterben zurückgezogen. Jemand hat sogar behauptet, er hätte seine Knochen gefunden. Die Wölfe hätten ihn gefressen«, sagte Giacomo und lachte schallend.

Paolino ließ Giacomo sitzen und setzte seinen Weg fort, von den Elben war ja doch nichts über Cornetta in Erfahrung zu bringen. Er glaubte fest, dass sie ihn nicht ernst nahmen und dass Cornetta ihnen egal war. Sie begriffen nicht, worum es ging.

Er dagegen nahm die Leute ernst.

Zwei Gewehrschüsse waren zu hören, mit ohrenbetäubendem Knall.

Auf einen Schlag durchbrachen sie die Stille des Tales an diesem heißen Sommerabend, kurz vor der Dämmerung.

Zwei Schüsse, peng peng, und augenblicklich dehnte sich das Echo aus und verklang anschließend nach und nach in der Ferne.

Es war wie ein Riss, ein gewaltsamer Bruch, der aber nur ein paar Sekunden dauerte. Dann hoben die gewohnten Geräusche wieder an, eine Hornisse brummte, ein Vogel zwitscherte, Wasser plätscherte in einem Bach im Frieden der Berge ringsum.

Die Schüsse hörte auch Forstinspektor Marco Gherardini.

Man hatte ihn über einen Wolf informiert, der seinen Durst an einem der Bäche stillte, die das Tal durchquerten. Gherardini hielt sich in der Nähe einer kleinen Wasserstelle auf, die sich auf einem Plateau gebildet hatte und den Tieren als ideale Tränke diente.

Er inspizierte gerade die zahlreichen Spuren in dem Matsch rings um die Stelle, als die beiden Gewehrschüsse knallten.

Besorgt hob er den Kopf.

Wer schießt denn um diese Jahreszeit?

Und warum?

Er schüttelte den Kopf. Früher oder später würde er es erfahren.

2 DAS FESTIVAL RÜCKT NÄHER

Im Dorf wurde gefeiert. Nicht aus einem speziellen Anlass wie beim Patronatsfest oder beim Jahrmarkt oder bei einem der vielen Dorffeste: Salami-, Schinken-, Crêpes-, Crescentina-Brot-Fest und so weiter und so fort. Dieses neuartige Fest hatte es in der Gegend noch nie gegeben. Die Elben nennen es Rainbow, Regenbogen-Festival. Gefeiert wird es jedes Jahr den ganzen August über, und der jeweilige Ort wird nach bestimmten Kriterien ausgewählt. Allen voran: Das Verhältnis zwischen den dortigen Elben und den Einheimischen muss gut sein.

In Casedisopra gab es da keine Probleme, das Verhältnis war gut. Die weiteren Bedingungen, nämlich ein Ort in möglichst intakter Natur, weit weg von Straßen, erreichbar nur über Fußwege, trockenes Feuerholz und ausreichend Wasser, hatten sie in Collina di Casedisopra vorgefunden, einer Lichtung im Wald und eine knappe Wegstunde von der nächsten Fahrstraße entfernt. Die Elbengemeinde des Apennins zwischen Emilia und Toskana, ein halbes Dutzend kleiner Siedlungen, hatte den Ort für das diesjährige Rainbow-Festival vorgeschlagen, und bereits Mitte Juli kamen die Ersten aus ganz Europa, in Gruppen oder einzeln. Collina di Casedisopra belebte sich zusehends, je näher der neunundzwanzigste August und damit der Vollmond zum Ende des Treffens rückte.

Morgens kamen die ersten Ankömmlinge von Collina herunter, um sich mit Casedisopra und seinen Bewohnern vertraut zu machen, und das Dorf befand sich mittlerweile im Zustand eines Dauerjahrmarkts. Wer noch keinen Platz zum Schlafen hatte, fragte herum. Es tat auch ein Treppenverschlag. Oder ein Heuboden. Sie waren mit allem zufrieden und hatten dabei, was sie zum Leben brauchten, Schlafsack und eine eigene Schale und Besteck.

In diese umtriebige Atmosphäre kurz vor Beginn des Festivals mit den Leuten in diesen seltsamen, knallbunten und oft abgerissenen Klamotten, die so wenig zum Dorf passten, platzte nun abgehetzt Paolino aus Campetti. Er fühlte sich fehl am Platz. Er hielt inne, um Atem zu schöpfen und einen Weg zum Revier der Forstpolizei zu suchen, der nicht so überlaufen war wie die Landstraße, die quer durchs Dorf verlief. Aber es gab keinen. Die Fremden hatten sich überall breitgemacht. Also versuchte er, unauffällig weiterzugehen, was schwierig war für einen so großen, kräftigen Mann, unrasiert seit mindestens einer Woche und mit dieser Haarmatte, die wahrscheinlich seit Monaten keinen Friseur gesehen hatte. So schnell er konnte, aber ohne zu rennen, um nicht aufzufallen, lief er zum Revier, und als Valentino Ferlin, sechsundzwanzig Jahre alt und kürzlich vom Polizeischüler zum Polizeimeister aufgerückt, ihm öffnete, schlüpfte er hinein, froh, ein bekanntes Gesicht zu sehen.

Verschwitzt und keuchend stand er da. »Was ist passiert, Paolino?«, fragte Ferlin.

»Was sind denn das für Leute überall?«

»Das sind doch nur Elben, das müsstest du doch wissen, du wohnst doch bei denen.«

»Das sind nicht die aus Campetti. Ich kenne keinen einzigen.«

»Sie sind von woanders. Aus Deutschland, Frankreich …«

Paolino fiel ihm ins Wort: »Ich muss mit Bussard reden.«

»Der Inspektor ist nicht da. Du kannst es mir sagen, ich gebe es weiter, sobald er kommt.«

Paolino überlegte kurz und schüttelte dann den Kopf. »Nein, ich muss es ihm selber sagen. Außerdem muss ich mit ihm hin, wie soll er ihn sonst finden.«

»Wen soll er finden, Paolino?«

»Den Toten. Weißt du, Cornetta hatte sich verlaufen, und wo ich sie gefunden habe …«

»Den Toten? Und wer ist Cornetta?«

»Siehst du? Du hast keine Ahnung. Ich brauche Bussard.«

Auch wenn Paolino sich nicht klar ausgedrückt hatte, war es immerhin klar, dass es sich um eine ernste und daher dringliche Angelegenheit handelte.

»Schon gut, ich hab’s zwar nicht verstanden, aber wir sollten wohl besser den Inspektor suchen. Er ist im Dorf.« Er setzte seine Dienstmütze auf, öffnete die Tür und sagte, während er Paolino vorließ: »Komm mit.«

Forstinspektor Marco Gherardini, für Paolino wie für die meisten Dorfbewohner freundschaftlich Bussard, hatte frühmorgens das Revier verlassen, um sich die jungen Leute mal näher anzuschauen.

Ihm gefiel die Art, wie die Elben mit den Wäldern und den Bergen umgingen. Es war auch seine Art: die Achtung vor der Natur. Aus diesem Grund und auch wegen anderer Dinge, die ihm am Herzen lagen, hatte er Forstpolizist werden wollen, und er war mit achtundzwanzig Jahren vielleicht der jüngste Inspektor überhaupt gewesen. Jetzt war er zweiunddreißig, und vor vier Jahren hatte Dottor Eugenio Baratti, leitender Forstdirektor und Chef des Provinzkommandos, ihn als Leiter der Forstinspektion von Casedisopra eingesetzt. Marco Gherardini war hier geboren, und das war ein schönes Geschenk gewesen.

Vor drei jungen Frauen in bunten Gewändern, die ein paar Matten auf dem Straßenpflaster ausgelegt hatten, war er stehen geblieben, um zu sehen, was sie wohl machen würden. Gleich hatten sich ein paar genauso neugierige Kinder um sie geschart.

Dann war er in Richtung Piazza weitergeschlendert, um wie jeden Tag nach dem Mittagessen einen Espresso zu trinken. Als er Ferlin von fern »Inspektor!« rufen hörte, blieb er stehen. Ferlin winkte, er solle warten, und der Inspektor begriff, dass etwas nicht stimmte. Nicht so sehr weil der Polizeimeister besorgt wirkte, sondern weil er Paolino aus Campetti im Schlepptau hatte. Seit wann kam der denn runter ins Dorf, ohne dass es die Rente abzuholen gab? Und warum sah er noch zerknitterter aus als sonst?

In der Tür der Trattoria-Bar lehnte Benito, der Wirt. Er hatte den Inspektor kommen sehen und wartete jetzt auf ihn.

Der große glatzköpfige Kerl trug wie immer ein kragenloses Hemd und eine Schürze, beides in Weiß. Er war im Winter wie im Sommer so angezogen, als wäre es seine Uniform.

Warum Benito Bologna verlassen hatte und nach Casedisopra gezogen war, wusste niemand so recht. Die Welt war doch groß, und es hatte viel Gerede gegeben. Darunter manche böse Zunge. Jedenfalls hatte er, als er in Casedisopra erschien, den Kaufvertrag für die Osteria nebst allem Drum und Dran in der Tasche und im Sinn einen radikalen Umbau seines neu erworbenen Eigentums gehabt, um es für die Touristensaison entsprechend aufgepeppt präsentieren zu können.

Sofort machte er sich an die Arbeit, und ein paar Tage später stand auf dem Schild, einem uralten wettergegerbten Holzbrett mit der Inschrift Osteria der zwei Pilger, nuneingebrannt: BeiBenito. Dasselbe Brett, bloß dunkelgrün lackiert.

Eigentlich hieß der Wirt Quintiliano Giusti. Der Name auf dem Schild rührte von Benitos außerordentlicher Ähnlichkeit mit dem leidig berühmten Benito der jüngsten Geschichte des Landes, und das Schild legte die Vermutung nahe, dass die Ähnlichkeit dem Wirt nicht missfiel. Eine Frage des Geschmacks.

Unter Bei Benito hatte er auf dasselbe Brett noch Trattoria-Bar geschrieben. Das war der ganze Umbau, den der neue Wirt sich leisten konnte. So blieb neben der Tür ein ebenfalls hölzernes altes Schild an der Wand hängen, auf das ein unbekannter naiver Künstler einen lachenden Koch gemalt hatte, der die Spezialitäten des Hauses anpries: Handgemachte Tagliatelle und In der Saison: Pilze, Trüffel und Wildbret.

Wie die vielen anderen Lokale in den Bergen war BeiBenito ein Treffpunkt für alle möglichen Menschen, eine Insel, auf der unterschiedliche Völker, Kulturen und Religionen zumindest auf den ersten Blick friedlich miteinander lebten. Vor allem traditionsbewusste Alteingesessene waren dort anzutreffen, aber auch Migranten von sonst wo, geflüchtet vor einem Krieg oder auf Arbeitssuche, Menschen aus Süditalien – besonders Maurer –, Amdi, der vielleicht marokkanische Kellner, und die von den Einheimischen als Flachlandindianer betitelten Stadtflüchtlinge der hohen Mieten wegen. Im Sommer kamen auch Urlauber.

Die Trattoria-Bar konnte als seltenes Beispiel multikultureller Integration bezeichnet werden. Zumindest in dieser Zeit und an diesem Ort.

Benito beobachtete die drei, die erregt miteinander sprachen. Vor allem Paolino, was ihn nicht erstaunte.

»War doch klar, mein Lieber, dass die blöden Elben irgendwann Scherereien machen«, murmelte er, kehrte mit seinen felsenfesten Überzeugungen, die dem üblichen »Mein Lieber« folgten, in sein Lokal zurück, wobei er bedauerte, dass ihm die Einnahme für mindestens dreimal Espresso durch die Lappen ging, und fasste seine Zukunftsaussichten so zusammen: »Und bis dieses Affentheater mit dem Renbo vorbei ist, bauen sie bestimmt noch eine Menge Mist.«

In der Zwischenzeit berichtete Paolino, noch bevor sie das Revier erreichten, dem Inspektor, was er erlebt hatte.

»Cornetta ist gestern Abend nämlich nicht nach Hause gekommen, Bussard …«

»Wer ist denn Cornetta?«

»Meine Kaschmirziege. Die hab ich schon seit Jahren.«

»Aha. Deine Cornetta ist …«

Seine Cornetta war nicht wie jeden Abend nach Hause gekommen, und er hatte sich auf die Suche nach ihr gemacht. Und hatte sie nicht gefunden. Am nächsten Morgen war er noch mal losgezogen und hatte sie den ganzen Tag gesucht. Ohne Erfolg. Am dritten Tag …

»Also heute früh. Da hab ich nach dem Frühstück wie immer eine Zigarette geraucht …«

… hatte er sie gefunden, später, als die Sonne schon hoch stand. Er war am Waldrand auf einem ebenen Stück Weg an der Kante stehen geblieben, wo ein schroffer, steiler Hang zu einem flächigen Grund hin abfiel. Als er sich den Schweiß abwischte, vernahm er ein Meckern von unten. Er spähte hinunter und entdeckte die Ziege, die vergebens versuchte, den steilen Abhang hinaufzuklettern. Das Tier hinkte deutlich.

»Cornetta, Cornetta!«, rief er, und sie antwortete mit einem verzweifelten Meckern. »Blödes Viech«, sagte Paolino bei sich. »Ausgerechnet da musstest du runter, wie soll ich dich denn da rausholen? Verletzt hast du dich auch noch. Was musst du auch in der Weltgeschichte herumklettern!«

Paolino klammerte sich an vorstehendem Gestrüpp fest und kam tatsächlich heil unten an.

»So, jetzt hab ich dich. Was ich dir zuliebe nicht alles mache, du kannst mich mal! Jetzt müssen wir hier irgendwie wieder rauf.« Paolino hielt inne. Etwas roch komisch, anders als das Moos und die Grasbüschel, die er plattgedrückt hatte, es roch nach … »Hier liegt irgendwo ein totes Tier.«

Er hatte sich umgesehen, da lag etwas, halb von Laub bedeckt, der Kopf seitlich in der Erde. Aber es war kein Tierkadaver. Es war ein Mensch.

»Liebe Cornetta«, hatte er mit lauter Stimme gesagt, die Ziege gepackt und wie der gute Hirte auf seine Schulter geladen. »Schnell weg hier. Das müssen wir Bussard erzählen.«

Als Paolino fertig berichtet hatte, sah er den Inspektor an. »Wahnsinn, oder?«

»Ja, aber was hab ich damit zu tun? Du musst zum Maresciallo«, sagte er und versuchte Paolino zu überzeugen. »Das fällt in seine Zuständigkeit, also musst du bei ihm Anzeige erstatten, verstehst du? Keine Sorge, er macht das genauso gut. Er ist in Ordnung, du kannst ihm vertrauen. Das gehört zu seinem Bereich«, erklärte er, aber Paolino blieb skeptisch.

»Du bist wie er, alle sagen, dass du sogar mehr bist. Ich bin zu dir gegangen, ich hab meine Pflicht erfüllt, und jetzt geh ich nach Hause.«

Inzwischen waren sie bei den Carabinieri angelangt, Ferlin hatte schon geklingelt, Paolino wartete und verbarg nicht seine Ungeduld.

»Inspektor Gherardini«, salutierte Stabsgefreiter Gaggioli hierarchiegemäß. Er gehörte der Vorgängergeneration an und legte Wert auf Umgangsformen.

»Ist Maresciallo Barnaba da?«

»Bedaure, Inspektor. Der Maresciallo ist außer Haus. Er nimmt an einem Fortbildungskurs teil und kommt erst in vierzehn Tagen wieder. Kann ich Ihnen weiterhelfen?«

Paolino hörte sich schweigend an, was Inspektor Gherardini dem Stabsgefreiten erzählte, ohne den Bericht zu bestätigen oder ihm zu widersprechen. Erst als Bussard fragte: »War das richtig so?«, nickte er unmerklich.

»Leider übersteigt die Lage meine dienstlichen Befugnisse, deshalb müssten Sie den Fall übernehmen, Inspektor. Wenn Sie wollen, kann ich Sie bei den Ermittlungen unterstützen, fotografieren, Notizen erstellen …«

»Das ist nicht nötig, Gaggioli«, beruhigte ihn Bussard. »Ich habe ja den tüchtigen Ferlin, er ist Spezialist für Fotos und Computer. Er hilft mir, dann ist das bald aufgeklärt. Nach dem, was Paolino erzählt hat, dürfte es ein Unfall gewesen sein, ich kenne die Gegend ja selber. Ich werde Sie auf dem Laufenden halten, Stabsgefreiter. Der Maresciallo soll ruhig seine Fortbildung machen.« Er wollte schon gehen. »Apropos, was ist das eigentlich für eine Fortbildung?«

»Inspektor, Sie wissen ja, dass die Forstpolizei zum Ende des Jahres mit den Carabinieri zusammengelegt wird, und die Verantwortlichen in den Kasernen, die das neue Personal übernehmen, wurden für die Fortbildung zu einer Weiterqualifikation abgestellt, die im Carabinieri-Corps nicht für unbedingt notwendig erachtet wurde …« Und weiter ging es mit den Unterschieden zwischen Carabinieri und Forstpolizei.

Der Inspektor fiel ihm ins Wort. »Meine besten Wünsche an den Maresciallo, wenn Sie ihn hören.«

Niemand sprach auf dem Rückweg zum Forstrevier. Erst als alle drei später im Geländewagen der Forstpolizei saßen, fragte Ferlin: »Heißt das, Maresciallo wird unser Chef?«

»Ich weiß es nicht, Ferlin. Ich weiß es nicht und will es auch nicht wissen.«

3 EIN NAMENLOSER TOTER

Bevor er aus dem Wagen stieg, hängte Ferlin sich einen kleinen Rucksack um, und dann machten sich die beiden, er und Gherardini, zusammen mit Paolino auf den Weg. Paolino führte sie an die Kante des Abhangs, auf dessen Grund er seine kostbare Cornetta wiedergefunden und leider auch eine böse Überraschung gemacht hatte. Er deutete hinunter und sagte: »Da unten liegt er.« Alles Weitere wollte er Marco Gherardini und Ferlin überlassen.

»Du musst jetzt hier warten, Paolino. Wir gehen runter, schauen uns das mal an und kommen anschließend wieder rauf. Und vielleicht haben wir dann ein paar Fragen an dich.«

»Was für Fragen denn, Bussard?« In seiner Stimme schwang leichte Besorgnis mit.

»Ich habe ›vielleicht‹ gesagt.«

»Ich hab dir alles erzählt!«

»Jetzt schau ich mir das erst mal an, vielleicht gibt es dann noch was zu klären.«

»Mensch, Bussard! Da ist wenig zu klären. Ich hab da unten die meckernde Cornetta und eine Leiche gefunden und gehe jetzt nach Hause; Cornetta ist verletzt, und ich muss meine Tiere füttern. Ich bin sowieso spät dran«, erklärte Paolino und machte sich unverzüglich auf den Weg nach Campetti.

»Zehn Minuten, Paolino!«, rief der Inspektor hinter ihm her. »Kennst du den Toten? Hast du eine Ahnung, wer das sein könnte?«

»Ich kenne ihn nicht. Ich habe ihn heute Morgen zum ersten Mal gesehen, zudem tot, und ich will ihn nie mehr sehen«, erwiderte er, ohne stehen zu bleiben.

»Soll ich ihn aufhalten?«, fragte Ferlin.

»Das schaffst du gar nicht. Wenn er sich was in den Kopf gesetzt hat …«

»Ich kann es versuchen.«

»Lass ihn. Er haut nicht ab. Ich werde ihm einen Besuch abstatten, wenn ich weiß, was ich ihn fragen will. Er muss ja auch seine Aussage unterschreiben. Lass ihn«, sagte der Inspektor und setzte nach einem Blick den Abhang hinunter hinzu: »Wir gehen jetzt runter, gib Acht, wo du hintrittst, Ferlin.«

»Muss ich mit?«

Bussard, der die ersten Schritte abwärts gemacht hatte, blieb stehen und musterte den jungen Beamten. »Genau genommen müsstest ja du runter, Notizen und Fotos machen und dann wieder raufklettern und mir berichten. Sollte ich es dann für notwendig erachten, würde ich auch runtergehen. Zusammen mit dir. Klar?« Der junge Mann nickte langsam und widerstrebend. »Gut, dann mal los, Ferlin.«

Der Beamte trat in die Fußstapfen seines Chefs. In dem Fall nicht im übertragenen Sinn, sondern indem er versuchte, die Füße da hinzusetzen, wo Gherardini sie hingesetzt hatte, und sich dabei an den Ästen und dem Gestrüpp festhielt, das schon der Inspektor für brauchbar gehalten hatte. Ein paarmal wäre er fast ausgerutscht, aber er beschwerte sich nicht. Das tat er nicht mehr, seit er Polizist war.

Bussard brummte vor sich hin: »Trau dich, Ferlin, in ein paar Monaten fährst du Streife und fängst Straßenrowdys ab.«

Der andere grummelte zurück: »Das werden wir noch sehen. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.«

Am Fuß des Abhangs wartete Marco Gherardini auf Ferlin. Gherardini deutete auf eine Stelle. »Bitte schön.«

Ferlin sah hin und wandte sich sofort wieder ab.

Der Tote lag am Fuß des Abhangs und sah aus wie eine Vogelscheuche, die ein Windstoß heruntergefegt hatte.

»Und, was machst du?«, fragte der Inspektor, der sich nicht vom Fleck rührte.

»Ich?« Ferlin sah seinen Chef erschrocken an. »Ich weiß nicht … ich würde den Krankenwagen rufen …«

»Der braucht keinen Krankenwagen mehr, Ferlin. Aber keine Sorge, ich rede nicht von der Leiche. Was machst du, wenn die sich die Forstpolizei einverleiben?« Marco Gherardini versuchte, den jungen Mann von der makabren Situation abzulenken.

Ferlin überlegte, schon etwas entspannter, und fragte dann: »Hat Farinon mit dir darüber geredet? Weißt du, was er vorhat?«

Polizeihauptmeister Clemente Farinon aus Erto war der Onkel von Ferlin. Dreiundsechzig Jahre alt, über dreißig davon bei der Forstpolizei, davon wiederum siebzehn in Casedisopra. Den ganzen Bezirk kannte er wie seine Westentasche. Er hatte Valentino Ferlin, den Sohn seiner Schwester, direkt nach dem Lehrgang am Ausbildungszentrum in Cittaducale nach Casedisopra geholt. Seine Schwester hatte ihn darum gebeten. Sie und Clemente wussten beide, dass man ein Auge auf den Jungen haben sollte.

»Du musst ihm helfen«, hatte sie ihn gebeten.

»Dein Sohn hat Flausen im Kopf.«

»Er ist dein Neffe«, hatte sie insistiert. »Und wer hat mit zwanzig keine Flausen im Kopf.«

»Ich. Ich hatte nie Flausen.«

»Das waren andere Zeiten, Clemente. Er ändert sich bestimmt, er wird ein guter Junge«, hatte sie gesagt, und Farinon hatte ihn zu sich genommen und passte auf ihn auf. In der Erwartung, dass er ein guter Junge würde. Was nicht bedeutete, dass er auch ein guter Forstpolizist wurde.

Um ihm einen Schubs zumindest hin zum guten Jungen zu geben, hatte Marco Gherardini zum Auftakt von Ferlins beruflicher Laufbahn dafür gesorgt, dass er sich die Finger verbrannte. Und zwar indem er ihm mit einem kleinen Stromschlag leichte Verletzungen an den Händen zufügte, nachdem aus einer Aufzucht der Forstpolizei mehrfach Süßwasserkrebse gestohlen worden waren. Die Verbrennungen hatten sich als heilsam erwiesen, die Angelegenheit war damit erledigt gewesen.

»Warum, habt ihr etwa noch nicht über eure Zukunft nachgedacht?«, fragte Bussard. »Du bist jung, du musst dich entscheiden. Farinon geht vielleicht auch in Pension …«

»Ich hatte gehofft, dass du mit ihm sprichst. Ich weiß nie, wann der richtige Moment ist, mit ihm zu reden, aber er wird bestimmt das machen, was du machst.«

»Komm, trau dich!«

»Na gut, ich spreche mit ihm. Gleich nachher auf dem Revier.«

»Trau dich jetzt, meine ich. Trau dich, wir schauen mal, was dem armen Kerl da passiert ist«, sagte Bussard und setzte sich in Bewegung.

Ferlin tat ebenfalls ein paar Schritte, den Blick fest auf die Leiche gerichtet. Dann verharrte er, krümmte sich und übergab sich. Kein Wunder, er hatte noch nie eine Leiche in einem solchen Zustand gesehen.

»Der arme Kerl da« sah schlimm aus. Sehr schlimm.

Der Tote lag auf dem Rücken, halb von Laub und Erde bedeckt. Ein Teil des Gesichts lag frei, eine blonde Haarmasse, kaum mehr. Er trug eine Jeansweste direkt auf der Haut und zerschlissene Jeans und an den Füßen geflochtene Ledersandalen, die selbstgemacht aussahen, über groben grünen Baumwollsocken, möglicherweise aus Militärbeständen.

»Er muss oben auf dem Weg ausgerutscht und dann abgestürzt sein«, sagte Gherardini laut, auch um Ferlin zu informieren. »Hier unten sind Steine und Erdreich, das ist mit ihm heruntergekommen.« Er gab dem Polizeimeister einen Klaps auf die Schulter.

»Jetzt reiß dich zusammen und schau ihn dir an.« Er wartete, bis Ferlin so weit war. »Fällt dir nichts Merkwürdiges auf?«

Ferlin sah noch mal hin. »Da ist alles merkwürdig«, sagte er. »Dass ein junger Mann auf so schreckliche Weise zu Tode kommt, ist doch sehr merkwürdig …«

»Das Blut«, sagte der Inspektor. Er trat zu der Leiche und deutete auf die Stelle. »Der Körper liegt hier, einen halben Meter von dem Blut entfernt.«

»Wurde er … wurde er fortgeschleift?«

»Ja, wahrscheinlich von einem Tier. Allerdings war er da schon eine Weile tot, und es ist kein Blut mehr ausgetreten.«

Auf dem Boden ringsum, der in dieser feuchten Umgebung weich war, entdeckte Gherardini Spuren von Schwarzwild. Und Wolfsspuren. Von nur einem Wolf. Er musste hier gewesen sein, bevor der Mann abgestürzt war. In einiger Entfernung auch Spuren der Ziege, mit der die ganze Geschichte ihren Anfang genommen hatte.

»Paolino wird einiges erklären müssen.«

Ferlin saß auf einem Felsbrocken, den Kopf in den Händen und die Ellbogen auf die Knie gestützt. Ohne den Kopf zu heben, fragte er: »Was muss er erklären?«

Der Inspektor trat zu ihm. »Ich erzähle es dir gleich. Hast du Handschuhe dabei?«, fragte er und wies mit dem Kopf auf den »armen Kerl«. Er sah es Ferlin an, dass die Handschuhe nicht im Rucksack waren. »Ich informiere jetzt erst mal Baratti. Ich würde die Leiche gern wegbringen, bevor es Nacht wird. Wir dürfen sie nicht den Wildschweinen überlassen. Obwohl ich bezweifle, dass sie bei dem Gestank noch mal herkommen. Mal sehen, ob wir hier Empfang haben.« Mit dem Handy in der Rechten suchte er eine Stelle, an der wenigstens zwei Balken erschienen. Er fand sie wenig unterhalb, wo die Rinne sich zum Tal hin öffnete und ein längst vergessener Pfad sich am Berg wieder hinaufschlängelte.

Er schilderte Dottor Baratti die Lage, angefangen von Maresciallo Barnabas Abwesenheit, aufgrund derer er sich mit dem Fund hatte befassen müssen. Er schloss das rasche Resümee mit einigen Überlegungen, die er aus dem bisher Zusammengetragenen folgerte.

»Könnte ein Elbe sein. Vielleicht war er einer von denen, die erst vor Kurzem wegen des Festivals gekommen sind. Vielleicht kannte er die Gegend nicht, dann könnte es sich gut um einen Unfall handeln. Ich würde die sterblichen Überreste gern bergen lassen, wenn Sie einverstanden sind, Dottor Baratti.«

»Das hängt nicht von mir ab, Ghera. Ich muss mit der Staatsanwältin sprechen und melde mich bei dir per SMS. Schick mir möglichst bald eine E-Mail mit dem Vorbericht. Und der Staatsanwältin auch.«

Der Inspektor ging zurück zu Ferlin, der noch immer in gebührendem Abstand zu dem »armen Kerl« saß. Er hoffte auf das Ende einer Inaugenscheinnahme, die für seinen Geschmack schon viel zu lange dauerte.

»Aber wenigstens die Kamera hast du doch dabei, Ferlin?«

Der Polizeimeister kramte in seinem Rucksack, den er abgestreift hatte, nachdem die Speiattacke vorüber gewesen war. Er fand die Kamera und reichte sie dem Inspektor. »Sie ist startbereit«, sagte er, und als Gherardini wieder zu der Leiche ging, setzte er leise hinzu: »Tut mir leid, Inspektor.«

»So was passiert einem ja nicht alle Tage, Ferlin. Ich kann dich gut verstehen.«

»Wäre es möglich, dass Farinon das nicht erfährt?«

»Wenn du es ihm nicht erzählst?«

Der Inspektor fotografierte den Körper aus verschiedenen Blickwinkeln so, wie sie ihn vorgefunden hatten. Dann wischte er an ein paar Stellen Erde und Blätter weg, die ihn teilweise bedeckten, und machte Detailaufnahmen.

Die rechte Wange lag im Moos, die linke Wange und die Nase zeugten sichtbar vom Besuch irgendeines Tieres. Die Sohlen der Sandalen waren glatt und sauber, wie wenn man durch Gras läuft. Und der Pfad oberhalb des Abhangs war von Gras bewachsen.

Vorsichtig kramte er in den Taschen von Hose und Jacke des Toten.

Da war nichts, keine Geldbörse, kein Ausweis. Marco Gherardini hatte mit einer namenlosen Leiche zu tun. Zumindest vorerst namenlos.

Ein Vibrieren in der Brusttasche seiner Dienstjacke und ein kurzes Klingeln meldeten ihm eine eingehende SMS. Er musste eine kleine Stelle mit einem Minimum an Empfang passiert haben. Er las: »Ruf sobald wie möglich Frassinori an. Baratti.«

»Wir sind fertig«, sagte er zu Ferlin, der immer noch Abstand hielt, aber inzwischen beobachtete, was der Inspektor machte. »Ich muss kurz telefonieren, dann schicke ich dich ins Dorf.«

Bevor er an die Stelle mit den zwei Balken Netz zurückkehrte, warf er einen Blick ringsum, ob er auch nichts vergessen hatte. Er merkte, dass sich die Stimmung des Ortes verändert hatte. Die wenigen tiefstehenden Sonnenstrahlen, die sich schräg noch einen Weg zwischen den Ästen bahnten, zerschnitten den felsigen Boden wie Lichtklingen und verliehen dem Grund des Abhangs, so empfand es Marco Gherardini, ein dunkles Leuchten.

Er führte das auf die ungewöhnliche Situation zurück, in der er sich befand. Wenn er sonst in den Bergen unterwegs war, gab es immer einen Grund zur Freude. Oder zumindest Ruhe. An diesem Platz und bei dem, was er erlebte, konnte ringsum nichts anderes sein als Trauer.

Er löste sich aus der Stimmung und telefonierte. Die Frassinori erinnerte sich an ihn. »Ihr Vorgesetzter hat mich informiert, Inspektor«, sagte sie. »Man nennt Sie Bussard, wenn ich mich recht erinnere. Woher kommt das?«

»Das ist eine lange, komplizierte Geschichte …«

»Nun, die erzählen Sie mir ein andermal. Wir sind uns vor ein paar Jahren begegnet …«

»Vor zwei.«

»… und ich weiß, dass ich mich auf Sie verlassen kann. Wenn Sie sicher sind, dass es sich um einen Unfall handelt …«

»In solchen Fällen gibt es keine Gewissheit, aber soweit ich das momentan überblicke …«

»Das genügt mir, Inspektor. Veranlassen Sie nach der Spurensicherung und den üblichen Fotos den Abtransport der Leiche und sorgen Sie dafür, dass sie zur Obduktion in die Rechtsmedizin kommt. Halten Sie mich unbedingt auf dem Laufenden!«

Es war spät geworden, das Licht reichte nicht mehr aus, um die Leiche zu bergen.

»Hier kriegen wir keine Akkustrahler her«, erklärte der Inspektor Ferlin. »In der Stadt braucht man bloß ein paar Scheinwerfer aufzustellen, dann kann man auch nachts arbeiten.« Er sah sich um. »Geh schnell rauf zum Auto und hol die Plane. Wir können ihn nicht die ganze Nacht so liegen lassen. Hier sind Tiere … Na ja, ich würde ja selber gehen, aber ich weiß nicht, ob du große Lust hast, hier mit …«, sagte er und wies mit dem Kopf in Richtung Leiche.

»Ich geh schon«, erwiderte der junge Polizeimeister.

4 WAS VON EINEM MENSCHEN ÜBRIG BLEIBT

Sie kamen spät zurück.

Ferlin steckte den Kopf durch die Tür von Gherardinis Büro. »Ich würde jetzt schlafen gehen«, sagte er.

»Das würde ich auch, aber ich muss den Bericht für die Frassinori und Baratti fertig machen. Ah ja, noch ein guter Rat. Trink einen Grappa, bevor du dich aufs Ohr haust. Das hilft dir, diesen schlimmen Tag zu vergessen.«