DIE SPUR NACH TENERIFFA - Bill Knox - E-Book

DIE SPUR NACH TENERIFFA E-Book

Bill Knox

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  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2021
Beschreibung

Ein Routinefall - glaubt Jonathan Gaunt, Ermittler des Schottischen Schatzamts in Edinburgh. Doch er irrt sich. Spätestens, als er mit knapper Not einem Mordanschlag entgeht, ändert er seine Meinung: Es geht nicht nur um eine Erbschaft, sondern um einen Riesenschwindel - und die Spur führt nach Teneriffa...   Der Roman DIE SPUR NACH TENERIFFA von Bill Knox (* 1928 in Glasgow; † März 1979) erschien erstmals im Jahr 1984; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte im Jahr 1986. Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

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Seitenzahl: 344

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BILL KNOX

 

 

Die Spur nach Teneriffa

 

Roman

 

 

 

 

Apex Crime, Band 248

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

 

DIE SPUR NACH TENERIFFA 

Erstes Kapitel 

Zweites Kapitel 

Drittes Kapitel 

Viertes Kapitel 

Fünftes Kapitel 

Sechstes Kapitel 

Siebtes Kapitel 

Achtes Kapitel 

 

 

Das Buch

 

Ein Routinefall - glaubt Jonathan Gaunt, Ermittler des Schottischen Schatzamts in Edinburgh. Doch er irrt sich. Spätestens, als er mit knapper Not einem Mordanschlag entgeht, ändert er seine Meinung: Es geht nicht nur um eine Erbschaft, sondern um einen Riesenschwindel - und die Spur führt nach Teneriffa...

 

Der Roman Die Spur nach Teneriffa von Bill Knox (* 1928 in Glasgow; † März 1979) erschien erstmals im Jahr 1984; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte im Jahr 1986.

Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

  DIE SPUR NACH TENERIFFA

 

 

 

 

 

 

 

  Erbfähige und bewegliche Besitztümer fallen bona vacantis an die Krone, als Ultimus Haeres aus verschiedenen Ursachen. Dies schließt auch bewegliche Besitztümer von Ausländern in Schottland ein, die testamentlos gestorben sind.

 

- Das königliche Schatzamt

 

 

 

Wenn es niemandem gehört, dann gehört es uns.

 

- Ein ehemaliger Queen’s and Lord Treasurer’s Remembrancer 

bei einer Diskussion

 

 

 

 

 

  Erstes Kapitel

 

 

Es war einer jener Februarabende, an denen jeder vernünftige Mensch sein Heim ohne zwingenden Grund nicht mehr verließ, sondern sich der Wärme und Geborgenheit seines Zuhauses erfreute. Edinburgh hatte nach dem Wochenende einen kalten, trüben Montag hinter sich, und mit Einbruch der frühen Winterdämmerung hatte es zu schneien begonnen.

Zwei Stunden danach, um 19.00 Uhr, lag der Schnee bereits an die zehn Zentimeter hoch, und in der schottischen Hauptstadt brach nahezu der gesamte Verkehr zusammen. Die Züge verkehrten nicht mehr von der Waverly Station, der Flughafen wurde geschlossen, und in allen Vororten waren die Omnibusse liegengeblieben und Personenwagen mitten auf der Straße stehengelassen worden. Ein junger Polizeibeamter in Corstorphine musste die Rolle einer Hebamme übernehmen, als bei einer Frau in einem eingeschneiten Taxi die Wehen einsetzten. Nach der Geburt von Zwillingen fiel er in Ohnmacht. Zwei Mädchen gewannen eine Wette, indem sie, als Pinguine verkleidet, auf Skiern die Royal Mile hinunterfuhren. Ein fanatischer Terrorist, der bei einer politischen Tagung in der Usher Hall eine Bombe legen wollte, rutschte aus, stürzte zu Boden, sprengte sich selbst in die Luft und beschädigte dabei das Dach einer öffentlichen Bedürfnisanstalt. Die Tagung war übrigens schon vorher abgesagt worden.

Und über dem Chaos thronte das Edinburgh Castle als starre, gotische Silhouette von seinem märchenhaft weiß überzuckerten Felsen und ragte drohend über der Princes Street auf, wo sich nur noch vereinzelte Fahrzeuge von einer gelb blinkenden Verkehrsampel zur nächsten vorwärts kämpften.

Jonathan Gaunt berührte das alles nicht.

Er saß zu Hause in seiner Wohnung auf der Westseite der Stadt, war nach dem Arbeitstag im Schatzamt noch rechtzeitig hier angekommen, als die Straßen zwar matschig, aber noch befahrbar waren. Seine Pläne für den Abend kreisten um ein halbes Dutzend zerkratzter, aber noch spielbarer 78er Schellack-Jazzplatten, die fast alle schon vor seiner Geburt aufgenommen worden waren. Gaunt hatte sie in einem Trödelladen in der Nähe des Leith Walk entdeckt.

Wenn man originale Schellackplatten richtig würdigen wollte, dann spielte man sie mit einer frisch angespitzten Hartholznadel ab. Gaunt besaß einen kleinen Vorrat davon und einen dafür geeigneten Tonabnehmer, der in seinen modernen japanischen Plattenspieler passte. Beim Abhören musste man zwar ein paar Filter einschalten, doch das Ergebnis war gut. Jack Teagarden brachte seine Blues-Improvisationen mit einem erträglichen Minimum an Rauschen und Knacken zu Gehör und in ausreichender Lautstärke, um die etwas schäbige, aber bequeme kleine Zweizimmerwohnung mit Klang zu erfüllen.

Das Käseomelette, das sich Gaunt zubereitet hatte, war fertig. Er ließ es auf einen Teller gleiten, stellte die Pfanne in die Spüle, um sie später abzuwaschen, und trug den Teller von der Küche ins Wohnzimmer. In der Muscadet-Flasche war noch ein Rest Wein, und er schenkte ihn ein, setzte sich und begann zu essen.

Die Teagarden-Platte endete mit einem monotonen, pulsierenden Rauschen. Gaunt legte eine noch zerkratztere, aber seltene Earl-Hines-Platte auf, senkte den Tonabnehmerarm mit der Hand, wartete auf die ersten Töne und kehrte zu seinem Platz zurück. Dort lehnte er sich zurück, trank einen Schluck Wein, lauschte den Variationen des Jazzpianos und entspannte sich.

Jonathan Gaunt war ein stattlicher Mann, Anfang dreißig, stämmig gebaut, mit einem sommersprossigen, etwas grobknochigen Gesicht und stets unordentlichem blonden Haar. Er hatte schwer durchschaubare, graugrüne Augen, deren Ausdruck auf einen mitunter störrischen Charakter schließen ließ. Da er nicht die Absicht hatte, an diesem Abend noch irgendwo hinzugehen, trug er eine ausgebleichte Jeans und einen alten Pullover, der an einem Ellbogen ein Loch aufwies.

Er fühlte sich zufrieden - ein Gemütszustand, der bei ihm eher selten war. Doch es gab mehrere Gründe dafür.

In erster Linie das Wochenende, das heißt, dass er die Zeit mit Janey verbringen würde.

Janey war Ende zwanzig, hatte rabenschwarzes Haar und arbeitete als Krankenschwester in der chirurgischen Abteilung. Sie hatte idem Operationsteam eines Armeelazaretts angehört, in das er als Lieutenant Gaunt vom Fallschirmspringer-Regiment mit mehreren Wirbelbrüchen eingeliefert worden war, nachdem er den Absturz wegen eines sich nicht vollständig öffnenden Fallschirms glücklich überlebt hatte. Es hatte Monate gedauert, bis er sich wieder bewegen konnte, und dann waren noch einige Schicksalsschläge gefolgt. Patti, seine junge, blonde Frau, teilte ihm nach der Genesung mit, dass sie sich von ihm scheiden lassen wolle, und die Armee eröffnete ihm, dass er als körperlich untauglich entlassen werden müsse - wobei ihn diese Nachricht genau einen Tag nach den deprimierenden Formalitäten der Scheidungsverhandlung erreichte.

Aber Janey hatte den Kontakt mit Gaunt nicht abbrechen lassen. Genau ein Jahr später hatte sie vor seiner Tür gestanden, hatte ihre kleine Tasche mit den wichtigsten Utensilien in die Diele gestellt und erklärt, dass sie übers Wochenende bei ihm bleiben würde. Von nun an verbrachte sie gelegentlich die Wochenenden bei ihm.

Auch was die praktische Seite des Lebens betraf, hatte Jonathan Gaunt allen Grund zur Zufriedenheit. Er hatte sogar etwas Geld auf der hohen Kante, was selten genug vorkam. Immerhin, diesmal hatte sich seine Spekulation mit Aktien zum ersten Mal gelohnt, wodurch die Verluste der vergangenen sechs Monate weitgehend wettgemacht wurden. Daraufhin hatte er die gewinnbringenden Aktien verkauft, und seitdem wies sein Bankkonto, für ihn selbst kaum zu glauben, ein kleines Guthaben auf.

Doch die praktischen Dinge des Lebens rangierten bei ihm an zweiter Stelle. Wieder wanderten seine Gedanken zu Janey. Sie waren zwei ganz durchschnittliche Menschen, und Janey bedeutete für ihn mehr als eine gute Freundin; dennoch wollten beide nicht, dass daraus eine Bindung mit Verpflichtungen entstand. Es konnte sein, dass zwischen ihren Treffen Monate verstrichen - das war nun einmal Janeys Art.

Earl Hines klimperte sein raues, kratziges Finale. Gaunt trank den letzten Schluck Wein, dann warf er einen Blick auf die 78er Platte, die oben auf dem Stapel lag. Es war ein Bessie-Smith-Klassiker mit einem Columbia-Etikett, auf der einen Seite völlig zerkratzt und unbrauchbar, aber auf der anderen überraschend frisch und gut erhalten. Er brauchte ein paar Sekunden, um die Hartholznadel mit Sandpapier zu schärfen, dann legte Gaunt die Platte auf den Teller und wollte vorsichtig den Tonarm senken.

In diesem Augenblick klingelte das Telefon. Gaunt fluchte leise, ging durchs Zimmer, nahm den Hörer ab und meldete sich.

»Jonathan?«

»Ja.« Er kannte die Stimme nur zu gut. Henry Falconer war der rangälteste Verwaltungsdirektor beim Queen’s and Lord Treasurer’s Remembrancer, und als Ermittler im Außendienst stand Gaunt mehrere Sprossen weiter unten auf der hierarchischen Leiter dieser Behörde. Er konnte Falconer gut leiden, doch wenn dieser ihn zu Hause anrief, bedeutete das selten eine gute Nachricht.

»Ich bin eingeschneit«, erklärte Falconer unglücklich. »Wie sieht’s bei Ihnen aus?«

»Ich weiß nicht«, erwiderte Gaunt. »Vermutlich nicht so schlimm.« Er kannte Falconers Haus am Stadtrand, in der Nähe des Edinburgh-Zoos. Er kannte auch Falconers Frau, ein herrisches Geschöpf mit harten Zügen. Weniger gutgesonnene Bekannte behaupteten, dass Falconer nur deshalb so nahe beim Zoo wohnte, damit seine Frau dort öfters ihre »Angehörigem besuchen könne. »Warum - ist etwas geschehen?«

»Ja. Ich habe ein Problem.« Falconer seufzte. »Es muss etwas unternommen werden, und zwar jetzt gleich. Sie werden sich darum kümmern müssen.«

»Heute Abend?« Gaunt zuckte beim Gedanken daran zusammen.

»Heute Abend«, bestätigte Falconer. »Ich kann nicht weg. Und Sie sind näher...«

»Aber ich soll Sie morgen bei einer Sitzung in Amsterdam vertreten«, erinnerte ihn Gaunt mit Nachdruck.

»Vorausgesetzt, der Flughafen ist bis dahin wieder geöffnet, ja«, stimmte Falconer zu. »Jonathan, es dauert vermutlich höchstens eine Stunde und kommt der holländischen Sache nicht in die Quere. Außerdem wären die Akten ohnehin morgen auf Ihrem Schreibtisch gelandet.« Er brach ab, und seine Frau sagte etwas mit scharfer, schneidender Stimme im Hintergrund. Danach herrschte gedämpftes Schweigen, als ob Falconer die Hand auf die Sprechmuschel gelegt hätte, ehe er sich wieder meldete, wobei seine Stimme angestrengt und verschwörerisch leise klang. »Hören Sie, Jonathan, außerdem habe ich zurzeit eine Menge häuslichen Ärger. Wenn Sie sich erinnern, wie es bei Ihnen...« Er brach wieder ab, räusperte sich. »Entschuldigen Sie. Das war nicht sehr taktvoll.«

»Machen Sie sich keine Gedanken«, erwiderte Gaunt trocken. »Was ist denn geschehen?«

»Hier?« Falconers Stimme klang überrascht.

»Nein«, entgegnete Gaunt geduldig. »Diese Sache, um die ich mich kümmern soll.«

»Ich habe für morgen einen Termin vereinbart mit einer Kanadierin, die sich hier in Edinburgh aufhält. Ich habe sie noch nicht kennengelernt, aber sie hat mit uns Kontakt aufgenommen.« Falconer ließ eine Pause entstehen und seufzte. »Eben wurde ich von der Polizei angerufen. Sie ist heute Abend in ihrem Hotel ausgeraubt worden - die Details sind mir nicht bekannt. Aber sie scheint von der Vorstellung besessen zu sein, dass wir daran irgendwie beteiligt sind.«

»Ein guter Anfang.« Gaunt wusste, dass bei Falconer jeder Sarkasmus verschwendet war.

»Sie heißt Mrs. Lorna Anderson, ist eine Witwe aus Vancouver und wohnt im Carcroft Hotel«, sagte Falconer ärgerlich. »Diese Frau ist unangenehm, Jonathan. Beruhigen Sie sie, wie immer Sie es für richtig halten.«

Falconers Frau unterbrach ihn. Daraufhin trat wieder die gedämpfte Stille ein, sie währte diesmal jedoch länger.

»Wo war ich?«, fragte Falconer nach einiger Zeit. »Ja, fahren Sie zu ihr und tun Sie, was Sie können. Ihr Hobby scheint die Ahnenforschung zu sein, und sie ist vor drei Wochen aus Kanada herübergekommen, um Nachforschungen über ihren Stammbaum anzustellen. Ihr Zweig der Familie hat Schottland vor Generationen verlassen, aber sie ist der festen Überzeugung, dass es zumindest noch einen Verwandten hier geben müsse.«

»Und?« Solche Geschichten hatte Gaunt schon öfters gehört.

»Sie hat ihn gefunden«, sagte Falconer mit bissigem Unterton. »Einen Mann namens Peter Fraser, der im vergangenen Jahr gestorben ist - wir haben seinen Besitz als Ultimus Haeres für die Krone übernommen.« Gaunt stieß einen leisen Pfiff aus. »Und jetzt stellt sie Anspruch darauf?«

»Ja. Vielleicht ein berechtigter Anspruch - das kann ich momentan nicht beurteilen.« Falconer drängte, um zum Schluss zu kommen. »Zeigen Sie ihr also, dass wir uns darum kümmern, betonen Sie, dass wir bereit sind, sie anzuhören - aber versprechen Sie ihr nichts.«

»Vorausgesetzt, ich erreiche sie an einem Abend wie dem heutigen«, wandte Gaunt ein.

»Ich brauchte vor allem einen Schlitten und ein paar Hunde, die ihn ziehen.«

»Dann geht es Ihnen nicht anders als mir«, brummte Falconer und legte auf.

Die Platte von Bessie Smith war zu Ende; die Nadel kratzte in der inneren Rille. Gaunt schaltete ab, trat dann ans Fenster und schaute hinaus. Es schneite noch immer heftig; die Straße lag verlassen in der Dunkelheit, und die wenigen geparkten Wagen hatten sich in weiße Hügel verwandelt, deren ursprüngliche Formen kaum noch unter dem Schnee zu erkennen waren.

Er zuckte mit den Schultern und ging dann ins Schlafzimmer, um sich umzuziehen.

 

Kurze Zeit kämpfte er sich durch den Schneesturm in Richtung Innenstadt.

Fahren. Endlich wieder einen Wagen lenken, der einem selbst gehörte, war eine Freude.

Den letzten hatte er verkauft, um sein Konto etwas auszugleichen und zu verhindern, dass der ohnehin sehr langmütige Zweigstellenleiter seiner Bank ernsthafte Schwierigkeiten machte. Dann waren noch einige Wochen verstrichen, bis die Aktienhausse sein Konto bereinigt hatte - wobei noch etwas Geld übriggeblieben war, um die Anzahlung für einen Gebrauchtwagen, ein günstiges Unfallfahrzeug, leisten zu können. Dem letzten Besitzer war wegen Trunkenheit am Steuer für längere Zeit der Führerschein abgenommen worden.

Bei dem Wagen handelte es sich um einen zweitürigen Ford Escort, die XR3-Ausführung mit elektronischer Benzineinspritzung von Bosch. Der Unfallschaden war von einem ehemaligen Kameraden behoben worden, einem Ex-Sergeant, der in einer der Seitenstraßen von Edinburgh eine Reparaturwerkstatt betrieb. Sie hatten gemeinsam den Motor eingestellt und die 1600-Kubikzentimeter- Maschine ein bisschen auffrisiert.

Danach war der XR3 in der Lage, von dreißig auf siebzig Stundenmeilen in der gestoppten Rekordzeit von weniger als acht Sekunden zu beschleunigen. Wenn man einen Wagen lieben konnte, dann musste es einer wie dieser sein, fand Gaunt.

Aber an diesem Abend war es schwierig genug, überhaupt vorwärtszukommen, wobei die Scheibenwischer Mühe hatten, ein Stück der Windschutzscheibe freizubekommen, und die Reifen auf dem weichen, trügerischen Untergrund kaum noch griffen.

Eine halbe Meile von seiner Wohnung entfernt blockierte ein steckengebliebener Lastwagen die Straße. Gaunt versuchte eine Wende, machte einen Umweg und fluchte, als plötzlich zwei Fußgänger aus der weißen Milchsuppe auftauchten und blindlings auf ihn zu taumelten.

Bremsen half nichts. Gaunt sprach ein Stoßgebet für den eben erst erneuerten Lack des Fords, klammerte sich an das Lenkrad, schaltete vom dritten in den zweiten Gang und trat das Gaspedal durch. Die Reifen drehten durch, der Wagen schlingerte und bekam einen Stoß, als er den nicht zu erkennenden Randstein berührte. Schnee wirbelte auf, der Wagen schlitterte um Haaresbreite an einem Laternenpfosten vorbei, und Gaunt sah die beiden Fußgänger noch für Sekunden im Rückspiegel, wie sie weitertaumelten, als wenn nichts gewesen wäre.

Als er endlich die Princes Street erreicht hatte, waren dort schon Schneepflüge und Streufahrzeuge im Einsatz. Gaunt folgte ihren Spuren, bog rechts ab und erreichte die Rose Street. Dann, nach einem weiteren schwierigen Abbiegemanöver, rutschte er eine Anhöhe hinunter und kam genau vor dem Carcroft Hotel zum Stehen. Er ließ den Wagen in der Auffahrt und eilte hinein in den Schutz des Foyers.

Das Carcroft war keines der exklusiven Hotels, sondern für eine bescheidenere Kategorie von Touristen bestimmt. Der Teppich im Foyer war abgetreten, die Dekoration bestand teils aus Touristik-Plakaten, teils aus Vitrinen mit Souvenirs, und über der Rezeption hing ein mottenzerfressener Hirschkopf, dem ein Glasauge fehlte.

Gaunt sah sich selbst in einem Spiegel. Er trug eine schwarze Lederjacke über einem braunen Tweedanzug und einem weißen Hemd mit offenem Kragen. Im Haar und auf den Schultern glitzerte Schnee. Vielleicht hätte er sich doch eine Krawatte umbinden sollen, dachte er. Aber wenigstens hatte er es geschafft und war ohne Unfall hier angekommen.

»Ich möchte Mrs. Anderson sprechen«, erklärte er dem rothaarigen Mädchen am Empfang. »Sie erwartet mich.«

»Ja... Einen Augenblick.« Das Mädchen zögerte und schaute an ihm vorbei, machte dabei eine rasche, auffordernde Geste. Ein großer Mann in mittleren Jahren, mit einem Pferdegesicht, unterbrach die Besichtigung einer Souvenir-Vitrine und kam auf ihn zu.

»Sie wollen Mrs. Anderson sprechen?«, fragte er mit gelangweilt klingender Stimme.

Gaunt nickte.

»Können Sie sich ausweisen?«

»Ja«, erwiderte Gaunt kühl. »Und Sie?«

»Polizei.« Gaunt wurde kurz ein Dienstausweis hingehalten. »Detective Sergeant Angus.«

»Büro des Remembrancers«, sagte Gaunt und zeigte seinen in Plastik eingeschweißten Dienstausweis. »Danke, Sergeant.«

»Nur eine Vorsichtsmaßnahme«, erklärte der Polizeibeamte. »Ihr Chef will kein Aufsehen, und hier im Hotel unterstützt man diesen Wunsch.« Er deutete auf den Lift. »Ich begleite Sie nach oben.«

Gaunt folgte ihm in den altmodischen Lift: ein schmiedeeiserner Käfig in einem offenen Schacht. Die Tür schnappte dröhnend ein, dann zitterte die Kabine zwei Stockwerke nach oben. Als sie anhielt, drückte Sergeant Angus die Tür auf und ging dann über einen schlecht beleuchteten Korridor voraus. Er blieb vor einer der Türen stehen, klopfte kurz an, und die Tür wurde geöffnet. Ein jüngerer Mann schaute heraus, nickte grüßend und trat zurück, um die beiden Männer eintreten zu lassen.

»Detective Constable Dünn«, machte Angus bekannt und deutete mit dem Daumen auf ihn. »Sonst ist niemand hier.«

In dem Zimmer herrschte ein Chaos, geleerte Schubladen und durcheinandergeworfene Kleidungsstücke; die Laken waren vom Bett gezerrt, die Matratze herausgerissen.

Gaunt drehte sich um, als er hörte, wie hinter ihm die Tür geschlossen wurde. »Wo ist Mrs. Anderson?«

Die beiden Polizeibeamten tauschten einen Blick. Sergeant Angus machte die Andeutung eines Schulterzuckens.

»Was soll das bedeuten?«, fragte Gaunt erstaunt.

»Sie ist sozusagen in unseren Armen zusammengebrochen«, erklärte Angus und ließ erkennen, dass ihm die Angelegenheit äußerst peinlich war. »Wir waren gerade soweit, eine Erklärung von ihr zu bekommen, als sie einfach umgekippt ist.«

»Einfach so«, sagte der jüngere Polizeibeamte lakonisch und schnippte dazu mit den Fingern. »Als ob bei ihr ’ne Sicherung durchgebrannt wäre.«

»Ich verstehe.« Gaunt kaute an der Unterlippe. »Wo ist sie jetzt?«

»Im Krankenhaus«, antwortete Angus. »Hier im Hotel ist zufällig ein australischer Arzt abgestiegen. Er hat sie kurz untersucht, dann meinte er, das sei so etwas wie ein Herzanfall, und wir haben den Krankenwagen gerufen.«

»Eine meiner Tanten ist genauso gestorben«, murmelte Dünn betrübt. »Es passierte während einer Hochzeit - zu viel Aufregung.«

»Gefährliche Angelegenheit, das Heiraten«, meinte Angus sarkastisch. Dann wandte er sich wieder an Gaunt. »Mrs. Anderson befindet sich auf der Intensivstation im Royal Infirmary. Ich habe vor ein paar Minuten dort angerufen - sie ist immer noch bewusstlos, aber es scheint, als ob sie durchkommt.«

»Wann ist es passiert?«, fragte Gaunt.

»Ungefähr vor einer halben Stunde.« Angus zuckte mit den Schultern. »Ich habe Ihren Chef angerufen und es ihm berichtet.«

»Da war ich schon unterwegs.« Die Hände in den Taschen seiner Lederjacke vergraben, blieb Gaunt ein paar Augenblicke lang schweigend stehen und schaute sich in dem verwüsteten Raum um. »Und was hat dieses Durcheinander zu bedeuten?«

»Ich glaube kaum, dass man den Zimmerservice dafür verantwortlich machen kann.« Angus zeigte ein humorloses Grinsen. Er hatte große, gelbe Zähne, die sein pferdeähnliches Aussehen noch unterstrichen. »Ein klarer, eindeutiger Hotel-Einbruchdiebstahl. Ein Verbrechen, das immer häufiger vorkommt - und dieses Hotel ist geradezu dafür geschaffen.«

»Weshalb?«

»Die meisten der Gäste sind Touristen. Sie reisen nach ein paar Tagen wieder ab, und andere ziehen ein. Touristen sind meistens unterwegs, also sind die Zimmer tagsüber nicht besetzt. Und bei den vielen Leuten kann praktisch jeder ein und aus gehen, ohne aufzufallen.«

Gaunt nickte. Es hörte sich einleuchtend an.

»Wer hat das hier entdeckt?«

»Sie selbst - Mrs. Anderson.« Angus, der sich jetzt auf seinem sicheren Grund bewegte, lehnte sich gegen die Wand und wirkte deutlich erleichtert. »Sie hat uns gesagt, dass sie fast den ganzen Nachmittag unterwegs war, um das eine oder andere zu erledigen. Als es zu schneien begann, wurde sie dadurch aufgehalten und kam erst nach sechs zurück, später als geplant. Sie hatte das Zimmer abgeschlossen, und die Tür war auch noch verschlossen, als sie zurückkam.« Er ließ eine Pause entstehen und deutete dann mit düsterem Blick und abgewinkeltem Daumen auf die Tür. »Verschlossen, na ja. Wenn man das Schloss nur anpustet, geht es auf. Ein geübter Einbrecher braucht höchstens fünf Minuten, dann ist er schon wieder draußen.«

»Immerhin, er hat gründlich genug gearbeitet.« Gaunt ging in dem Zimmer auf und ab und fühlte Zorn über den Vandalismus in sich aufsteigen, der hier verübt worden war. Die Unterwäsche aus einer der Schubladen lag auf dem Boden. Einen Koffer, der verschlossen gewesen war, hatte der Täter einfach aufgeschlitzt und den Inhalt auf dem Boden verstreut. Nicht einmal die Utensilien eines Make-up-Koffers waren der Verwüstung entgangen, und dabei war eine Flasche Nagellack zerbrochen, inzwischen zu einem blutroten Fleck auf einer weißen Seidenbluse erstarrt. »Und was hat er mitgenommen?«

»Er - oder sie«, knurrte Angus. »Manchmal arbeiten sie paarweise.« Er kratzte sich am Kinn. »Ein bisschen Modeschmuck und ihre Kamera - sie glaubt, dass das alles ist. Kennen Sie Lorna Anderson?«

Gaunt schüttelte verneinend den Kopf.

»Sie ist Mitte Sechzig...«

»Dreiundsechzig«, murmelte Dünn.

»Meinetwegen, dreiundsechzig«, knurrte Angus. »Eine schlaue, kleine Frau, vielleicht ein bisschen schrullig - aber die lässt sich bestimmt nicht für dumm verkaufen. Ah - wissen Sie Bescheid über den lange verschollen geglaubten Verwandten?«

»Der angeblich tot ist?« Gaunt nickte.

»Von dem hat sie uns auch erzählt.« Angus gestattete sich ein Lächeln und schaute Gaunt dabei verschmitzt an. »Sie hat auch erklärt, das Remembrancers Department sei eine gesetzlose Bande von diebischen Aasgeiern - und damit drücke ich es schon vornehmer aus als sie.« Er zog ein Päckchen Zigaretten aus der Tasche und steckte sich eine davon zwischen die Lippen, zündete sie aber nicht an. »Jedenfalls war sie schlau, oder sie hat Glück gehabt, vielleicht beides. Sie hat eine verdammt große Umhängetasche bei sich gehabt, und darin trug sie alles bei sich, was wichtig und wertvoll ist.«

Gaunt stand am Fenster. Er schaute hinaus, sein Blick fiel aber nur auf den Hinterhof des Hotels, die dunkle Silhouette anderer Häuser und die Schneemassen. Er fragte sich, wie sich eine einsame, ältere Frau fühlen musste, die aus Kanada herübergekommen war und dann dieses Chaos in ihrem Hotelzimmer vorfand. Und wieder merkte er, dass der Zorn in ihm hochstieg.

»Wo ist ihre Umhängetasche jetzt?«, fragte er und drehte sich um.

»Hier.« Angus ging zu seinem Kollegen hinüber. »Dünn, wie wär’s, wenn du dich mal nützlich machst? Ich brauche einen Schluck Kaffee - den gibt’s hier sicher irgendwo.«

Dünn nickte und ließ sie allein. Als sich die Tür hinter dem Detective Constable geschlossen hatte, ließ sich Angus sehr viel Zeit, suchte nach einem Streichholz und zündete sich schließlich die Zigarette an.

»Wenn mir nach einem Privatgespräch ist, dann muss es auch wirklich unter vier Augen stattfinden«, sagte er nachdrücklich. »Wie - na ja, wie eben jetzt, Mr. Gaunt. Das hier ist zwar ein gewöhnlicher Hoteldiebstahl, aber Mrs. Anderson hat ein paar Andeutungen gemacht über gewisse Dokumente und über Ihre Behörde...«

»Montags nie«, sagte Gaunt trocken. »Unser Tag für Einbrüche und Diebstähle ist der Mittwoch. Oder haben Sie ihr etwa geglaubt?«

»Wenn ich so etwas höre, glaube ich zumindest daran, dass es Ärger geben kann«, erwiderte Angus und seufzte. »Deshalb habe ich meinen Chef benachrichtigt. Und er hatte das gleiche Gefühl wie ich. Deshalb hat er mir die Privatnummer Ihres Chefs gegeben und mir gesagt, ich soll ihn informieren.«

»Und damit war ich an der Reihe.«

Gaunt schaute sich wieder um. »Wie sieht es in den anderen Zimmern aus?«

»Alles unberührt.« Angus konnte keinen Aschenbecher finden und benützte eine Blumenvase als Ersatz. »Bei der Aufnahme im Krankenhaus hat man mich nach Angehörigen gefragt. Wissen Sie...«

»Tut mir leid.« Gaunt schüttelte den Kopf. »Vielleicht sehen Sie mal in der Umhängetasche nach.«

»Daran habe ich auch schon gedacht.« Angus schien sich über den Vorschlag zu freuen. »Der australische Doktor hat sowieso schon drin herumgekramt, um zu sehen, ob sie irgendwelche Medikamente nimmt.« Er ging zur Garderobe, langte auf die oberste Ablage und holte einen großen, altmodischen Umhängebeutel aus verwittertem Rindsleder herunter. »Aber wenn sie das erfährt, macht sie uns die Hölle heiß.«

Der Beutel hatte einen einfachen Messingverschluss. Angus öffnete ihn, dann zog er die Augenbrauen hoch und starrte auf das Durcheinander in der Tasche.

»Weiber!«, sagte er sehr betont.

Sie machten einen Teil der Frisierkommode frei, dann schüttete Angus den Beutel aus, und sein Inhalt ergoss sich auf die polierte Platte. Seufzend gab der Sergeant dann den Beutel an Gaunt weiter und begann die Utensilien zu sortieren. Gaunt schaute sich den Beutel genauer an. Er hatte innen zwei Reißverschlusstaschen. In der einen fand er eine Geldbörse mit etwas Kleingeld und einen Lippenstift, in der anderen ein dünnes Reisescheckheft, ein Flugticket und einen kanadischen Reisepass.

Angus murmelte leise vor sich hin, während er weiter den Tascheninhalt sortierte. Gaunt schlug den Pass auf und betrachtete das Foto von Lorna Anderson. Es zeigte eine Frau mit gut geschnittenem und frisiertem grauen Haar, einem schmalen, faltigen, aber möglicherweise in natura fröhlichen Gesicht und intelligenten Augen. Sie machte genau den Eindruck, wie Angus sie beschrieben hatte: Eine Frau, die sich bestimmt nicht für dumm verkaufen ließ.

Er klappte den Reisepass zu. Angus war noch mit dem Inhalt der Umhängetasche beschäftigt und schob gerade zwei Brillenetuis und eine kleine Verbandschachtel auf einen Haufen zu einer Schmuckschatulle, die mit Wildleder bezogen war, einem Schlüsselbund und drei verschiedenfarbigen Kopftüchern.

»Sehen Sie sich das an.« Angus nahm eine kleine, in Schottenkaros gekleidete Souvenirpuppe und hielt sie in die Höhe. Dazu schüttelte er den Kopf. »Ein Glück, dass Männer nur Hosentaschen haben.«

»Und meistens auch noch mit Löchern drin«, fügte Gaunt hinzu und schien mit den Gedanken woanders zu sein.

Er wandte sich den anderen Gegenständen zu, die Angus auf die Seite geschoben hatte. Ein Notizbuch, zwei dicke Briefumschläge und ein paar alte, verblichene Fotografien in einem Plastikumschlag, das alles zusammengehalten von einem dicken Gummiband. Ein weiterer, aber kleinerer Briefumschlag war mit einem Siegel verschlossen. Gaunt nahm ihn in die Hand und betrachtete ihn genauer. Auf der Vorderseite stand in einer kleinen, sehr präzisen Handschrift die Anweisung: Nur nach meinem Tode zu öffnen. Letztwillige Verfügung und Testament von Lorna Anderson.

»Das sollten wir sorgfältig aufheben.« Er schob das versiegelte Testament zu Angus hinüber, dann nahm er das Bündel und entfernte das Gummiband. »Ich schau mir das hier mal an.«

Die beiden großen Umschläge waren nicht versiegelt. Beide schienen Sammlungen vergilbter Dokumente und irgendwelche Papiere zu enthalten. Gaunt entschloss sich, die Umschläge nicht zu öffnen, warf kurz einen Blick auf die Fotos, alles ausgebleichte Familien-Schnappschüsse, dann schaute er sich das Notizbuch an. Es hatte einen Spiralrücken, und die Papierreste deuteten an, dass viele Seiten herausgerissen worden waren. Die übriggebliebenen waren alle leer.

Aber auf der Innenseite des Umschlags entdeckte er etwas. Er ging näher ans Licht heran. Eine deutlich eingekreiste Schrift mit einem Rufzeichen darüber.

»Was gefunden?« Angus trat zu ihm.

»Vielleicht.« Gaunt legte die Stirn in Falten und betrachtete die Schrift innerhalb des Kreises. »Da steht Lorna Zwei - und die Zahlen könnten eine Telefonnummer sein.«

»Kann mir nicht vorstellen, was das für ein Buchstabencode sein sollte.« Angus zuckte mit den Schultern. »Aber wir können es ja mal überprüfen.« Er deutete auf die beiden dicken Briefumschläge und streute dabei unachtsam Asche auf den Teppich. »Was ist das?«

»Sie war wohl dabei, eine Art Krieg zu führen«, sagte Gaunt schlicht. »Und das sieht aus wie ihre Munition. Wenn Sie sie nicht brauchen, schlage ich vor, wir rühren sie nicht an.«

Angus nickte. »Stimmt, wir haben schon genug Probleme - und noch mehr, wenn sie nicht durchkommt.«

Der Rest war schnell durchgesehen. Ein kleines, leinengebundenes Adressbuch; die Eintragungen betrafen nur kanadische Adressen. Angus blätterte es durch und stieß ein zufriedenes Brummen aus.

»So oder so, wir kriegen eins aufs Dach«, erklärte er dann. »Ich gebe Ihrem Büro Bescheid - und wir halten Kontakt mit dem Krankenhaus.«

Gaunt nickte und warf einen Blick auf seine-Armbanduhr. »Jetzt werde ich erst mal versuchen, wieder nach Hause zu kommen.«

»Ich begleite Sie hinunter«, meinte Angus und fügte hinzu: »Mal sehen, wo sich dieser idiotische Dünn versteckt hat.«

Sie schlossen die Tür hinter sich ab und fuhren mit dem knarrenden und quietschenden Lift hinunter in die Hotelhalle. Angus ging mit Gaunt zum Haupteingang, blieb dann stehen.

»Ich muss Sie noch etwas fragen«, sagte er zögernd, und es war ihm offensichtlich sehr peinlich. »Gibt es etwas - ich meine, wissen Sie noch etwas über Mrs. Anderson, was für mich wichtig ist?« Er rieb sich das Kinn und zwang sich zu einem Lächeln. »Ich meine, ich habe gehört, dass ihr vom Remembrancers eine ziemlich gut informierte Abteilung seid.«

»Es gibt nichts Besonderes«, versicherte ihm Gaunt. »Und Sie irren auch, was Ihre Ansicht über das Büro des Remembrancers betrifft, Sergeant. Wir sind ganz gewöhnliche Leute. Verrückt ist allerdings das, was manchmal auf unseren Schreibtischen landet.«

Sie gingen hinaus auf die Straße. Der Schneesturm hatte sich zu einem leichten Schneetreiben beruhigt, und während Gaunt sich im Hotel auf gehalten hatte, waren auch die Fahrbahnen gestreut worden. Er säuberte die Fenster seines Wagens vom Schnee, wollte die Tür öffnen und sah, dass Angus irgendwie unzufrieden wirkte.

»Haben Sie noch etwas auf dem Herzen, Sergeant?«, fragte er.

»Ich weiß nicht«, erwiderte Angus langsam. »Vielleicht ist es nur die Art und Weise, wie das Zimmer verwüstet worden ist - als ob da jemand mit ganz bestimmtem Ziel gesucht hätte.« Er schniefte angewidert. »Der Teufel soll dieses Wetter holen. Es macht mich ganz krank.«

Dann ging er zurück zum Hoteleingang, und Gaunt stieg in den Ford. Als sich der Wagen in Bewegung setzte, winkte Angus kurz und verschwand in der Halle.

Die Straßen waren immer noch schwierig zu befahren, und Gaunt kam nur langsam voran in Richtung auf die Princes Street. Er sah, dass ein Taxi gegen das Geländer auf der Parkseite gerutscht war, aber daneben stand bereits ein Rettungswagen, und ein Polizist winkte ihn weiter. Gaunt folgte der Aufforderung, fuhr vorsichtig und gefühlvoll und hielt sich an die alte Faustregel beim Autofahren unter winterlichen Bedingungen, die man ihm bei der Armee beigebracht hatte: »Lass die Blicke auf der Straße und den Huf von der Bremse.« Er schaltete das Autoradio ein und fand ein Musikprogramm.

Auf der Heimfahrt kam er in der Nähe der Royal Infirmary, des Königlichen Hauptkrankenhauses von Edinburgh, vorbei. Er warf einen kurzen Blick auf das riesige Gebäude und dachte an Lorna Anderson. Ihr Leben stand vermutlich noch immer auf der Kippe, und der Dieb, der ihr Zimmer verwüstet hatte, war dafür genauso verantwortlich, als wenn er sie körperlich angegriffen hätte. Nur, dass das Gericht es sicherlich nicht so sehen würde...

Er erreichte eine noch ungeräumte, ungestreute Straße, und die Reifen des Fords hatten größte Mühe, auf der rutschigen Unterlage zu greifen. Im Rückspiegel sah Gaunt einen weiteren Wagen, der ebenso in Schwierigkeiten geraten war wie der seine und dessen hin und her huschende Scheinwerfer erkennen ließen, dass er mehrmals nach den Seiten ausbrach.

Dann ging es einen Hügel hinauf. Gaunt gab ein bisschen mehr Gas, hörte, wie der Motor reagierte, und widerstand der Versuchung, noch weiter zu beschleunigen. Auf einem verlassenen Grundstück hatten Kinder einen Schneemann gebaut. Er trug einen alten Hut und einen Schal aus Sackleinen, und Gaunt musste grinsen, als er vorbeifuhr. Das betrübte Gesicht des Schneemanns erinnerte ihn an Sergeant Angus, der verwirrt und besorgt war, weil er durch diesen Fall mit der Behörde des Remembrancers in Berührung gekommen war.

Gaunt konnte das gut verstehen. Auch er war zunächst völlig ahnungslos gewesen, welche Aufgaben sich ihm bei dieser Behörde stellen würden; er hatte den Job angenommen und war froh gewesen, überhaupt eine passable Arbeit zu finden. Oberflächlich betrachtet, stellte das Büro des Queen’s and Lord Treasurer’s Remembrancers einen totalen Anachronismus dar, eine Institution, die nur durch Zufall die Jahrhunderte überdauert haben konnte.

Die ersten Remembrancers hatten ihr Amt schon im Mittelalter ausgeübt, waren eng vertraute Diener der frühen schottischen Könige und Königinnen gewesen, hatten sie auf Schritt und Tritt begleitet und tatsächlich an alles erinnert, was getan werden musste; außerdem waren sie vermutlich in der Lage gewesen, zu lesen und zu schreiben.

Aber Gaunt hatte bald herausgefunden, dass der Remembrancer von heute ein hoher und wichtiger Staatsdiener war, der Leiter eines Amtes mit den Verpflichtungen des Computerzeitalters, die sich wie ein dünnes, unsichtbares Netz über viele Bereiche von Wirtschaft und Politik ausbreiteten. Die Remembrancer hatten die Strömungen der Zeiten, die Kriege, die Umorganisationen, die Beschränkungen durch viele Generationen hindurch überstanden, hatten neue Aufgaben übernommen, neue Bedeutungen entwickelt und sich der ungewöhnlichsten und ausgefallensten Probleme angenommen.

Daraus war eine bemerkenswerte Liste von Aufgaben entstanden.

Sie erstreckten sich vom Mitspracherecht bei der Entscheidung der Erbschaftsgerichte bis zur Kontrolle der Beamten im Hinblick auf ihre Steuerrückerstattungen. Da es manchmal auch mit Angelegenheiten der Landesverteidigung befasst war, entwickelte das Büro des Remembrancers etwas, was man vage als staatlichen Nachrichtendienst bezeichnen konnte. Abgesehen davon sicherte der Remembrancer die schottischen Kronjuwelen, wurde bei Schatzfunden hinzugezogen, überwachte die Eintragungen und Löschungen von Handelsgesellschaften - dies alles und noch vieles mehr.

Das Amt kümmerte sich zum Beispiel auch, wie Lorna Anderson herausgefunden hatte, um den Vollzug des Ultimus-Haeres-Gesetzes, welches bestimmte, dass der gesamte Besitz eines jeden - und das galt auch für Ausländer-, der in Schottland ohne Testament und ohne Erben verstarb, automatisch an die Krone fiel.

Und kein Anwalt dieser Erde konnte dagegen etwas ausrichten.

Weit vor ihm war schwach eine Verkehrsampel zu sehen, die auf Rot zeigte. Gaunt ließ den Ford ausrollen und schaute kurz in den Rückspiegel. Hinter ihm war nur ein Fahrzeug zu erkennen, in einigem Abstand - nicht mehr als zwei Lichtpunkte, die zwischendurch von Schneeböen verschleiert waren.

Gaunt erreichte die Verkehrsampel, hielt an, schaute noch einmal nach hinten und zog dann die Stirn in Falten. Der andere Wagen war in einigem Abstand hinter ihm stehengeblieben, und die Scheinwerfer kamen Gaunt irgendwie bekannt vor: einer heller als der andere, als ob eine Glühbirne neu und die andere fast ausgebrannt wäre.

Er erinnerte sich. Es war vermutlich derselbe Wagen, der hinter ihm ins Schlingern gekommen war.

Die Ampel wechselte auf Grün. Gaunt setzte den Ford vorsichtig in Bewegung, aber jetzt war seine Neugier erwacht, und er beobachtete den anderen Wagen aufmerksamer durch den Rückspiegel.

Der Wagen hinter ihm fuhr ebenfalls an und behielt dieselbe Distanz bei.

Kurz darauf näherte sich Gaunt einer Kreuzung, wobei die Hauptstraße nach rechts abzweigte, während die Straße geradeaus nur auf einen Rundkurs um mehrere Bürohäuser führte, bis sie wieder in die Hauptstraße einmündete. Aus dem Radio klang leise Musik, und Gaunt schaltete es aus. Dann, als er die Kreuzung erreicht hatte, fuhr Gaunt ohne zu beschleunigen geradeaus weiter.

Der Wagen hinter ihm folgte weiter im gleichen Abstand und war auch noch hinter ihm, als Gaunt wieder in die Hauptstraße einbog.

Aber warum wurde er verfolgt? Gaunt trommelte mit den Fingerspitzen auf das Lenkrad, und ein Teil seiner Aufmerksamkeit galt dem Lenken des Wagens auf der rutschigen, verschneiten Straße, dann der Frage, wie er herausfinden konnte, was da vor sich ging. Dann sah er einen Schneepflug entgegenkommen, gefolgt von einem langen, sich nur zögernd vorwärtsbewegenden Konvoi von Scheinwerfern.

Der andere Wagen war hinter ihm, hielt noch immer dieselbe Distanz, und der Schneepflug näherte sich rasch.

Gaunt schaltete herunter, trat voll aufs Gaspedal und ließ den Ford einen Satz nach vorn machen.

Der Schneepflug näherte sich. Gaunt sah das erschrockene Gesicht des Fahrers, als das Licht des Fords die Fahrerkabine streifte, sah, wie die Lippen des Mannes einen Fluch formten. Dann hatte sein Wagen die Schneemauer, die der Pflug beiseiteschob, durchbrochen und schlitterte weiter, vorbei an der Kolonne von Fahrzeugen.

Gaunt sah eine schmale Gasse auf der rechten Seite. Er bremste, rutschte, legte den Rückwärtsgang ein und fuhr mit dem Heck voran in den tiefen, weichen Schnee. Nach ein paar Metern blieb er stehen, schaltete die Scheinwerfer aus und wartete.

Der andere Wagen tauchte wenige Sekunden später auf und hatte offensichtlich Mühe, sich auf der ungeräumten Straßenseite bei den vielen entgegenkommenden Fahrzeugen einen Weg zu bahnen. Er kam an der Gasse vorüber: ein großer, im Licht der Straßenlaternen erkennbarer dunkelroter Peugeot-Kombi. Zwei Männer saßen darin. Die Kennzeichenschilder waren zugeschneit.

Lächelnd legte Gaunt den ersten Gang ein, lockerte die Handbremse und machte sich bereit, die Rolle des Verfolgten mit der des Verfolgers zu tauschen. Die kleinen Räder drehten durch, und der Wagen rührte sich nicht von der Stelle. Gaunt versuchte es noch einmal, und der Motor starb ab.

Er steckte fest. Stieg aus, sank bis an die Knie in weichen Schnee und erkannte, dass es aussichtslos war.

Nachdem er fünfzehn Minuten lang mit den Händen geschaufelt hatte, kam der Ford frei. Verschwitzt und unterkühlt zugleich fuhr Gaunt den Rest der Strecke mit voll aufgedrehter Heizung, und seine Hosenbeine begännen buchstäblich zu dampfen.

Warum hatte der Peugeot ihn verfolgt? Hatte er seine Spur schon beim Hotel aufgenommen oder erst später? Eine mysteriöse Sache - nur eines stand fest: dass sie stattgefunden hatte und dass die beiden Männer in dem Kombi Realität waren.

 

Es war morgens um 6.30 Uhr und noch dunkel draußen, als der Radiowecker neben dem Bett zu spielen begann. Gaunt hatte eine zweite Schaltuhr mit der Kaffeemaschine verbunden, und nachdem er geduscht, sich rasiert und angezogen hatte, stand der Kaffee schon zum Einschenken bereit.

Er ging ans Telefon, wählte die Nummer des Hauptkrankenhauses und erreichte die Auskunft.

»Bei Ihnen ist gestern Abend ein Notfall eingeliefert worden - eine Mrs. Lorna Anderson«, sagte er zur Telefonistin. »Wie geht es ihr?«

Er musste warten. Dann meldete sich die Telefonistin wieder. »Es tut mir leid.« Ihre Stimme drückte jetzt das Mitleid aus, über das Krankenhausangestellte von Berufs wegen verfügen. »Mrs. Anderson hat das Bewusstsein nicht mehr erlangt. Sie ist kurz nach Mitternacht gestorben.«

Gaunt dankte ihr für die Auskunft und legte auf. Dann schenkte er den Kaffee in einen großen Keramikbecher, ohne Milch oder Zucker, und ging damit hinüber zum Fenster. Es hatte aufgehört zu schneien, und die ersten grauen Streifen des Tageslichts deuteten darauf hin, dass der Himmel klar geworden war.

Also hatte Lorna Anderson es doch nicht geschafft!

Er fragte sich, was Henry Falconer sagen würde, wenn er es erfuhr, und erinnerte sich an Falconers kommentarlose Bemerkung, dass die Fraser-Akte ohnehin auf seinem Schreibtisch landen würde. Vielleicht hatte Falconer eine Erklärung für die zwei Männer im Peugeot.

Danach telefonierte er mit der Informationsstelle des Flughafens. Er war wieder geöffnet, und die Maschinen starteten mehr oder weniger pünktlich, aber die Fahrt von der Stadt zum Flughafen war immer noch schwierig, wie man ihm zugleich mitteilte.

Gaunt trank den Kaffee aus, nahm dann seinen Mantel und die schwarze Aktenmappe mit den Unterlagen seiner Dienststelle, die er für Amsterdam brauchte, und ging hinaus. Als er unten auf der Straße war, stellte er fest, dass der Schnee an den Fenstern und auf dem Dach seines Wagens angefroren war. Dennoch sprang der Motor sofort an.

Die Fahrt zum Flughafen verlief nicht allzu problematisch, obwohl unterwegs Abschleppwagen damit beschäftigt waren, liegengebliebene Fahrzeuge aus dem Straßengraben zu ziehen, und viele Wagen noch dort standen, wo sie steckengeblieben und von ihren Fahrern verlassen worden waren. Gaunt kam rechtzeitig vor dem Aufruf des Fluges nach Amsterdam an, kaufte sich zwei Tageszeitungen und schaute sie durch.

Nirgends eine Meldung über Lorna Anderson. Gaunt hatte allerdings auch nicht damit gerechnet.

 

Der Tag in Amsterdam war unangenehm und lästig, und die Besprechung dauerte bis zum frühen Abend: ein wenig erfreuliches Gezänk mit zwei niederländischen Regierungsbeamtinnen, die eine Rechtsanwältin, die andere Wirtschaftsprüferin. Dabei ging es um die Frage, was mit dem Vermögen eines niederländischen Staatsbürgers geschehen sollte, der wegen Verstoßes gegen die Rauschgiftgesetze die nächsten Jahre in einem schottischen Gefängnis verbringen musste.

Die niederländischen Beamtinnen versuchten von Anfang an, Gaunt mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln matt zu setzen. Am Schluss stimmten die Holländerinnen dem zu, was sie einen Kompromiss nannten und was im Grunde nichts anderes als Gaunts Niederlage bedeutete. Nachdem sie das erreicht hatten, vergaßen sie ihre sture Borniertheit, und auch ihr Englisch verbesserte sich in geradezu wundersamer Weise. Die beiden Frauen luden Gaunt zum Abendessen ein und bewiesen ihm, dass sie über eine erstaunliche Aufnahmefähigkeit für gut gezapftes Fassbier verfügten.

Sein Rückflug erfolgte mit Verspätung; die Maschine traf erst kurz vor Mitternacht in Edinburgh ein. Gegen ein Uhr morgens war er dann endlich zu Hause. Inzwischen hatte sein Rücken zu schmerzen begonnen, ein Zeichen seiner Müdigkeit und Erschöpfung, und Gaunt schluckte zwei von den Schmerztabletten, die ihm sein Arzt verschrieben hatte.

Nachdem er endlich eingeschlafen war, überfielen ihn wieder die alten, vertrauten Alpträume. Er stürzte durch den endlosen Raum; sein Fallschirm hatte sich nur teilweise geöffnet. Es war ein Alptraum, der wie immer ganz kurz vor dem in der Erinnerung noch sehr realen Aufprall endete, und Gaunt fuhr ruckartig hoch, zitternd und schwitzend am ganzen Körper. Schließlich döste er wieder ein. Es war schon spät, als er erwachte; mit Tagesanbruch hatte Tauwetter eingesetzt, das den Schnee rasch in Matsch verwandelte. Gaunt erreichte das Schatzamt in der George Street gegen zehn Uhr vormittags; inzwischen glichen die Rinnsteine reißenden Gießbächen, und die Straßen und Gehsteige bedeckte bräunlicher, rutschiger Matsch. Nur die Dächer waren noch weiß.

Die Abteilung des Remembrancers, wo Gaunts Büro lag, befand sich im zweiten Stock des Gebäudes. Eines der Mädchen vom Zentralbüro, eine Blondine, die der Meinung war, dass ein unverheirateter Mann die Vergeudung wertvoller Gottesgaben verkörperte, brachte ihm Kaffee und ein Stück Kuchen, kaum dass er sein Büro betreten hatte. Sie blieb ein paar Minuten und fragte nach seinem Aufenthalt in Amsterdam.

Gaunt schönte ein wenig, um ihr den Tag nicht zu vermiesen. Dann, als sie gegangen war, bemerkte er, dass vor seinem Telefon ein Zettel lag. Falconer wollte ihn sprechen.

Er ging den Korridor entlang zum Büro des Verwaltungschefs. Falconers Sekretärin, eine kalt wirkende, aber tüchtige Frau um die Dreißig mit guter Figur, rümpfte hochmütig die Nase, als er eintrat.

»Er sucht Sie schon seit einer Stunde«, tadelte sie mit sorgfältig einstudierter, vorwurfsvoller Miene. »Inzwischen ist ein Telex aus den Niederlanden eingetroffen. Sie scheinen die Holländer sehr glücklich gemacht zu haben.«

»Hannah, eines muss man Ihnen lassen: Es gelingt Ihnen immer wieder, mir den Tag zu versüßen.« Dabei grinste er sie unverschämt und herausfordernd an. Hannah North betrachtete Falconer als ihren Privatbesitz, der gegen alle Bedrohungen verteidigt werden musste - seine eigene Frau eingeschlossen. »Muss ich jetzt in der Ecke stehen, oder bekomme ich eine Strafarbeit?«

»Wenn es nach mir ginge: Ich würde Sie in einen Käfig stecken.« Der Gedanke schien ihr tu gefallen. »Ja, und dann würde ich einen langen Stock nehmen, mit einem spitzen Ende.«

Die Tür zu Henry Falconers Büro stand offen. Gaunt klopfte an und ging hinein.