Die Stadt der Blinden - José Saramago - E-Book
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Beschreibung

In einer namenlosen Stadt erblinden aus unerfindlichen Gründen immer mehr Menschen. Schon nach kurzer Zeit nimmt dieses Phänomen die Ausmaße einer Epidemie an. Panik macht sich breit, und der Staat greift zu drastischen Mitteln. Er interniert die Erblindeten und überlässt sie sich selbst - mit fatalen Folgen. Der portugiesische Nobelpreisträger stellt in seinem Roman die Frage nach Gut und Böse und was sich hinter der kultivierten Fassade der westlichen Gesellschaft verbirgt.

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Seitenzahl:0


José Saramago

Die Stadt der Blinden

Roman

Aus dem Portugiesischen von Ray-Güde Mertin

Hoffmann und Campe

Für Pilar

Für meine Tochter Violante

Wer schauen kann, der sehe.

Wer sehen kann, der betrachte.

 

Buch der Ratschläge

Das gelbe Licht leuchtete auf. Zwei der Autos vorn beschleunigten, bevor die Ampel auf Rot wechselte. Am Fußgängerübergang erschien das grüne Männchen. Die wartenden Passanten begannen die Straße zu überqueren, sie traten auf die weißen, auf den schwarzen Asphalt gemalten Streifen, nichts ähnelt einem Zebra weniger, dennoch werden sie so genannt. Die Autofahrer hielten ihre Autos ungeduldig zurück, voller Spannung mit dem Fuß auf der Kupplung, vor und zurück, wie nervöse Pferde, die die Peitsche in der Luft spüren. Die Fußgänger haben schon die Straße überquert, doch die Ampel, die den Autos den Weg freigeben soll, wird noch einige Sekunden auf sich warten lassen, es wird behauptet, daß diese eigentlich so unbedeutende Verzögerung, wenn wir sie mit den Tausenden von Ampeln in der Stadt multiplizieren und mit dem stets aufeinanderfolgenden Wechsel der drei Farben jeder einzelnen Ampel, eine der Hauptursachen für den Verkehrsstau ist.

Endlich leuchtete das grüne Licht auf, die Autos fuhren abrupt an, doch sofort bemerkte man, daß nicht alle zugleich losgefahren waren. Das erste in der mittleren Reihe steht, da muß es irgendein technisches Problem geben, vielleicht ist das Gaspedal locker, oder die Schaltung sitzt fest, oder etwas am hydraulischen System ist defekt, die Bremsen sind blockiert, ein Fehler in der Stromversorgung, oder es ist einfach das Benzin ausgegangen, es wäre nicht das erste Mal, daß so etwas vorkommt. Die Gruppe von Fußgängern, die sich erneut auf dem Bürgersteig angesammelt hat, sieht, wie der Fahrer des stehenden Wagens hinter der Windschutzscheibe aufgeregt gestikuliert, während die Autos hinter ihm wütend hupen. Einige Fahrer sind schon auf die Straße gesprungen, bereit, das stehengebliebene Auto auf die Seite zu schieben, damit es den Verkehr nicht mehr behindert, sie klopfen heftig gegen die geschlossenen Scheiben, der Mann im Auto wendet ihnen das Gesicht zu, zur einen, dann zur anderen Seite, man sieht, daß er etwas ruft, an der Bewegung seiner Lippen sieht man, daß er ein Wort wiederholt, nicht eins, nein, in Wirklichkeit drei, wie man erfahren wird, wenn endlich jemand die Tür öffnen kann, Ich bin blind.

Darauf würde man nicht kommen. Flüchtig betrachtet, sehen in diesem Augenblick die Augen des Mannes gesund aus, die Iris zeichnet sich klar ab, leuchtend, der weiße Augapfel ist kompakt wie Porzellan. Die Augenlider sind aufgerissen, das Gesicht in Falten, die Augenbrauen jäh zusammengezogen, alles, jeder kann es sehen, durch Angst verzerrt. Mit einer plötzlichen Bewegung wird all das, was zu sehen war, hinter den beiden geballten Fäusten des Mannes verborgen, als wollte er noch im Inneren seines Hirns das letzte Bild festhalten, ein rotes, rundes Licht an einer Ampel. Ich bin blind, ich bin blind, wiederholte er verzweifelt, während man ihm aus dem Auto half, und die Tränen, die jetzt über sein Gesicht liefen, machten seine Augen, von denen er behauptete, sie seien tot, noch glänzender. Das geht vorbei, das geht bestimmt vorbei, manchmal sind es bloß die Nerven, sagte eine Frau. Die Ampel hatte schon wieder die Farbe gewechselt, einige neugierige Passanten näherten sich der Gruppe, und die Fahrer von hinten, die nicht wußten, was los war, protestierten gegen das, was sie für einen üblichen Verkehrsunfall hielten, eine kaputte Ampel, eine verbeulte Stoßstange, nichts, was dieses Durcheinander rechtfertigte, Ruft die Polizei, riefen sie, schafft die Trümmer beiseite. Der Blinde flehte, Bitte, kann mich jemand nach Hause bringen. Die Frau, die vorher von den Nerven gesprochen hatte, meinte, man müsse eine Ambulanz rufen, den armen Mann ins Krankenhaus bringen, aber der Blinde sagte, nein, nein, das wolle er nicht, er wolle nur, daß man ihn bis zur Tür des Gebäudes bringe, in dem er wohnte, Das ist hier ganz in der Nähe, man würde mir einen großen Gefallen tun. Und das Auto, fragte eine Stimme. Wieder eine andere Stimme antwortete, Der Schlüssel steckt noch, man kann es auf den Bürgersteig schieben. Das ist nicht notwendig, sagte eine dritte Stimme, ich kümmere mich um das Auto und begleite diesen Herrn nach Hause. Man hörte beifälliges Gemurmel. Der Blinde spürte, daß man ihn am Arm nahm, Kommen Sie, kommen Sie mit, sagte dieselbe Stimme. Man half ihm, sich auf den Beifahrersitz zu setzen, legte ihm den Sicherheitsgurt an, Ich sehe nichts, ich sehe nichts, murmelte er weinend, Sagen Sie mir, wo Sie wohnen, bat der andere. Durch die Fenster des Wagens spähten gierige, auf Neuigkeiten erpichte Gesichter. Der Blinde hob die Hände vor die Augen und bewegte sie, Nichts, als wäre ich mitten in einem Nebel, als wäre ich in ein milchiges Meer gefallen, Aber Blindheit ist nicht so, sagte der andere, Blindheit, heißt es, ist doch schwarz, Aber ich sehe alles weiß, Vielleicht hatte die gute Frau ja recht, es kann etwas mit den Nerven sein, die Nerven sind wirklich teuflisch, Ich weiß sehr wohl, was es ist, ein Unglück, ein Unglück, Sagen Sie mir bitte, wo Sie wohnen, gleichzeitig hörte man, wie der Motor ansprang. Stotternd, als hätte das fehlende Augenlicht sein Gedächtnis geschwächt, gab der Blinde eine Adresse an, dann sagte er, Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll, der andere antwortete, Na, ist schon gut, heute Sie, morgen ich, wir wissen nicht, was uns noch bevorsteht, Sie haben recht, wer hätte gedacht, heute morgen, als ich meine Wohnung verließ, daß mich ein solcher Schlag treffen würde. Er wunderte sich, daß sie noch immer standen, Warum fahren wir nicht, fragte er, Die Ampel steht auf Rot, Oh, sagte der Blinde und begann erneut zu weinen. Von jetzt an würde er nie mehr wissen, wann die Ampel auf Rot stand.

Wie der Blinde gesagt hatte, lag die Wohnung in der Nähe. Aber die Bürgersteige waren alle mit Autos zugeparkt, sie fanden keine Lücke, um den Wagen abzustellen, deshalb mußten sie in einer der Seitenstraßen einen Platz suchen. Da der Gehsteig dort sehr schmal und die Tür auf der Beifahrerseite wenig mehr als eine Handbreit von der Hauswand entfernt war, mußte der Blinde vorher aussteigen, damit er nicht mühsam vom Beifahrersitz auf den Fahrersitz hinüberrutschen mußte, behindert durch den Schaltknüppel und das Lenkrad. Hilflos stand er mitten auf der Straße und fühlte, wie ihm der Boden unter den Füßen wegkippte, er versuchte, die Panik zu bezwingen, die ihm in der Kehle aufstieg. Er bewegte die Hände nervös vor seinem Gesicht, als würde er schwimmen in jenem milchigen Meer, wie er es genannt hatte, aber da öffnete sich sein Mund schon zu einem Hilfeschrei, als im letzten Augenblick die Hand des anderen ihn leicht am Arm berührte, Beruhigen Sie sich, ich führe Sie. Sie gingen sehr langsam, der Blinde hatte Angst hinzufallen, und so schlurfte er mit den Füßen über den Boden, doch dadurch stolperte er über die Unebenheiten auf der Straße, Haben Sie Geduld, wir sind schon fast da, murmelte der andere, und kurz darauf fragte er, Ist jemand bei Ihnen zu Hause, der sich um Sie kümmern kann, und der Blinde antwortete, Ich weiß nicht, meine Frau wird noch nicht von der Arbeit zurück sein, ausgerechnet heute bin ich etwas früher gegangen, und dann passiert mir so was, Sie werden sehen, es ist nichts, ich habe noch nie gehört, daß jemand so plötzlich erblindet, Und ich war so stolz darauf, daß ich keine Brille trug, nie habe ich eine gebraucht, Nun, da sehen Sie’s. Sie waren an der Tür des Gebäudes angelangt, zwei Frauen aus der Nachbarschaft beobachteten sie neugierig, da kommt der Nachbar, am Arm geführt, aber keine von beiden kam darauf zu fragen, Ist Ihnen etwas ins Auge gekommen, das fiel ihnen nicht ein, und so konnte er ihnen auch nicht antworten, Ja, ein milchiges Meer. Bereits im Gebäude sagte der Blinde, Vielen Dank, entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten, die ich Ihnen gemacht habe, hier komme ich schon zurecht, Nun, ich werde mit Ihnen hinaufgehen, ich kann Sie hier nicht einfach stehenlassen. Sie zwängten sich in den schmalen Aufzug, In welchem Stockwerk wohnen Sie, Im dritten, Sie glauben gar nicht, wie dankbar ich Ihnen bin, danken Sie mir nicht, heute sind Sie es, Ja, Sie haben recht, und morgen Sie. Der Fahrstuhl hielt, sie traten ins Treppenhaus. Möchten Sie, daß ich Ihnen helfe, die Tür zu öffnen, Danke, das kann ich, glaube ich, noch. Er nahm ein kleines Schlüsselbund aus der Tasche, tastete die Schlüssel ab, einen nach dem anderen, an den Zähnen entlang, und sagte, Dieser muß es sein, und während er mit den Fingerspitzen der linken Hand das Schloß abtastete, versuchte er, die Tür zu öffnen, Nein, dieser nicht, Lassen Sie mich mal sehen, ich helfe Ihnen. Die Tür ging beim dritten Versuch auf. Nun fragte der Blinde nach drinnen, Bist du da. Niemand antwortete, und er, Wie ich gesagt habe, sie ist noch nicht zu Hause. Mit den Händen vor sich her tastend, ging er in den Flur, dann wandte er sich vorsichtig um, richtete das Gesicht dorthin, wo er den anderen vermutete, Wie kann ich Ihnen bloß danken, sagte er, Ich habe nur meine Pflicht getan, erwiderte der barmherzige Samariter, Danken Sie mir nicht, und fügte hinzu, Soll ich Ihnen helfen, sich hier niederzulassen, soll ich Ihnen Gesellschaft leisten, bis Ihre Frau kommt. Dieser Eifer erschien dem Blinden plötzlich verdächtig, natürlich würde er einen Unbekannten nicht in seine Wohnung hineinlassen, schließlich könnte der in eben diesem Moment dabeisein, sich auszudenken, wie er den unglücklichen, hilflosen Blinden fesseln und knebeln könnte, um dann alle Wertsachen mitzunehmen. Nicht notwendig, bemühen Sie sich nicht, sagte er, ich komme zurecht, und wiederholte, während er die Tür langsam schloß, Nicht nötig, nicht nötig.

Er atmete erleichtert auf, als er den Fahrstuhl nach unten fahren hörte. Mit einer mechanischen Geste, ohne daran zu denken, in welchem Zustand er sich befand, schob er die Klappe auf dem Guckloch an der Tür beiseite und schaute hinaus. Es war, als gäbe es eine weiße Wand auf der anderen Seite. Er fühlte den Metallring an der Augenbraue, seine Wimpern streiften die winzige Linse, aber er konnte nichts sehen, das undurchsichtige Weiß bedeckte alles. Er wußte, daß er zu Hause war, er erkannte die Wohnung an ihrem Geruch, an der Atmosphäre, an der Stille, er konnte die Möbel und Gegenstände erkennen, wenn er sie berührte und leicht mit den Fingern darüber strich, es war aber auch so, als würde sich alles in einer seltsamen Dimension ohne Richtung auflösen, ohne Anhaltspunkte, ohne Norden und Süden, ohne Unten oder Oben. Wie vermutlich jeder Mensch hatte auch er manchmal in seiner Jugend das Spiel gespielt, Wenn ich blind wäre, und war nach fünf Minuten mit geschlossenen Augen zu dem Ergebnis gekommen, daß Blindheit ohne jeden Zweifel ein schreckliches Unglück darstellte, jedoch einigermaßen erträglich sein könnte, wenn das Opfer eines solchen Schicksalschlages genügend Erinnerung bewahrt hätte, nicht nur an Farben, sondern auch an Formen und Ausmaße, an Oberflächen und Umrisse, natürlich nur, wenn solche Blindheit nicht von Geburt an bestand. Er hatte schließlich sogar gedacht, daß die Dunkelheit, in der die Blinden lebten, im Grunde nichts anderes sei als ein Mangel an Licht und daß das, was wir Blindheit nennen, nur Wesen und Dinge überdeckte, sie jedoch hinter diesem schwarzen Schleier intakt ließ. Jetzt aber war er eingetaucht in ein derart leuchtendes, derart vollkommenes Weiß, das mehr verschlang, als daß es absorbierte, nicht nur Farben, sondern selbst Wesen und Dinge und sie auf diese Weise in doppeltem Sinne unsichtbar machte.

Als er sich auf das Wohnzimmer zubewegte, und obwohl er dies vorsichtig und langsam tat, indem er mit der Hand zögernd an der Wand entlangfuhr, stieß er eine Blumenvase um, die er dort nicht erwartet hatte. Er hatte sie vergessen, oder seine Frau hatte sie dorthin gestellt, als sie zur Arbeit ging, in der Absicht, sie später an einen geeigneten Platz zu stellen. Er beugte sich hinab, um den Schaden zu begutachten. Das Wasser hatte sich über den gebohnerten Fußboden ausgebreitet. Er wollte die Blumen aufheben, dachte aber nicht an die Scherben, und ein langer, sehr feiner Glassplitter bohrte sich in seinen Finger, so daß ihm vor Schmerzen die Tränen kamen, vor Schmerzen und vor Verlassenheit, wie einem Kind, blind vom Weiß inmitten einer Wohnung, die am ausgehenden Nachmittag schon dunkel wurde. Ohne die Blumen loszulassen, während er fühlte, wie das Blut herabtropfte, drehte er sich, um ein Taschentuch aus der Tasche zu ziehen, und so gut er konnte, umwickelte er damit den Finger. Dann ging er tastend und stolpernd um die Möbel herum, vorsichtig, damit er sich nicht in den Teppichen verhedderte, zum Sofa, auf dem er und seine Frau immer zum Fernsehen saßen. Er setzte sich, legte die Blumen auf seine Beine und wickelte ganz vorsichtig das Taschentuch ab. Das Blut fühlte sich klebrig an, es verwirrte ihn, er dachte, vielleicht, weil er es nicht sehen konnte, sein Blut hätte sich in eine farblose, klebrige Masse verwandelt, in etwas, das ihm zwar gehörte, aber dennoch wie eine Drohung gegen ihn wirkte. Vorsichtig ertastete er mit der unversehrten Hand den schmalen Glassplitter, der so scharf war wie ein winziger Dolch, bildete mit den Nägeln von Daumen und Zeigefinger eine Pinzette und zog den Splitter ganz heraus. Er umwickelte den verletzten Finger wieder mit dem Taschentuch, ganz fest, um das Blut abzubinden, und lehnte sich völlig erschöpft im Sofa zurück. Einige Minute später, nicht selten wählt der Körper, um sich gehenzulassen, gewisse Augenblicke der Angst und Verzweiflung, statt sich ausschließlich von der Logik leiten zu lassen, nach der doch alle seine Nerven wach und angespannt sein müßten, überfiel ihn eine Art Mattigkeit, es war mehr Schläfrigkeit als Müdigkeit, jedoch genauso schwer. Sofort träumte er den Traum von dem Spiel, Wenn ich blind wäre, er träumte, daß er die Augen viele Male öffnete und schloß und daß jedesmal, als kehrte er von einer Reise zurück, alle Formen und Farben fest und unverändert auf ihn warteten und die Welt so war, wie er sie kannte. Unter dieser beruhigenden Gewißheit nahm er jedoch einen dumpf bohrenden Zweifel wahr, vielleicht war es ein trügerischer Traum, ein Traum, aus dem er früher oder später erwachen würde, ohne in diesem Augenblick zu wissen, welche Wirklichkeit auf ihn wartete. Dann, wenn ein solches Wort einen Sinn hat, bezogen auf eine Mattigkeit, die nur wenige Sekunden anhielt, denn er befand sich schon in jenem Zustand des Halbschlafs, der das Erwachen vorbereitet, dachte er ernsthaft darüber nach, daß es nicht gut war, in dieser Ungewißheit zu verharren, wache ich auf oder nicht, wache ich auf oder nicht, es kommt immer ein Augenblick in dem man einfach etwas wagen muß, Was tue ich eigentlich hier mit diesen Blumen auf meinen Beinen und mit geschlossenen Augen, als hätte ich Angst, sie zu öffnen, Was tust du da, schläfst mit diesen Blumen auf deinen Beinen, fragte seine Frau.

Sie hatte keine Antwort abgewartet. Demonstrativ hatte sie die Reste der Vase eingesammelt, den Boden trockengewischt und dabei vor sich hin gebrummelt, ohne ihren Ärger verhehlen zu wollen, Das hättest ruhig du machen können, statt dich da hinzulegen und zu schlafen, als hättest du damit nichts zu tun. Er sagte nichts, er schützte seine Augen hinter den geschlossenen Lidern, und plötzlich erregte ihn ein Gedanke, Wenn ich jetzt die Augen öffne und sehe, fragte er sich, voll ängstlicher Hoffnung. Die Frau kam näher, sah das blutbefleckte Taschentuch, ihre schlechte Laune verflog sofort, Du Ärmster, wie ist denn das passiert, fragte sie mitleidig, während sie den improvisierten Verband entfernte. Nun wollte er seine Frau mit aller Kraft vor sich knien sehen, er wußte, dort war sie, und schon in der Gewißheit, daß er sie nicht sehen würde, öffnete er die Augen, Na endlich bist du wach, mein Murmeltier, sagte sie lächelnd. Es herrschte Schweigen, dann sagte er, Ich bin blind, ich sehe dich nicht. Die Frau schimpfte, Laß doch solche dummen Spielereien, es gibt Dinge, mit denen man nicht scherzen darf, Wenn es doch nur ein Scherz wäre, die Wahrheit ist, daß ich wirklich blind bin, ich sehe nichts, Bitte mach mir keine Angst, schau mich an, hier, ich bin hier, das Licht ist an, Ich weiß, daß du da bist, ich höre dich, ich berühre dich, ich nehme an, daß du das Licht angemacht hast, aber ich bin blind. Sie begann zu weinen, klammerte sich an ihn, Das ist nicht wahr, sag doch, daß es nicht wahr ist. Die Blumen waren auf den Boden gerutscht, über das blutbefleckte Taschentuch, das Blut begann wieder von dem verwundeten Finger zu tropfen, und als wollte er mit anderen Worten sagen, wenigstens das kleinere Übel, murmelte er, Ich sehe alles weiß, und ein trauriges Lächeln trat auf sein Gesicht. Seine Frau setzte sich neben ihn, umarmte ihn fest, küßte ihn behutsam auf die Stirn, auf das Gesicht, sanft auf die Augen, Du wirst schon sehen, das geht vorbei, du warst nicht krank, niemand erblindet einfach so, von einem Augenblick zum anderen, Vielleicht, Erzähl mir, wie es passiert ist, was du gefühlt hast, wann, wo, nein, noch nicht, warte, wir müssen zuerst mit einem Augenarzt sprechen, kennst du einen, Nein, ich nicht, wir tragen beide keine Brille, Und wenn ich dich ins Krankenhaus bringe, Für Augen, die nicht sehen, gibt es sicher keinen Notdienst, Du hast recht, am besten gehen wir zu einem Arzt, ich werde im Telefonbuch nachsehen, zu einem, der hier in der Nähe ist. Sie erhob sich und fragte noch, Merkst du irgendeinen Unterschied, Nein, keinen, sagte er, Achtung, ich werde das Licht ausschalten, und du sagst mir, ob du etwas merkst, jetzt, Nichts, Was, nichts, Nichts, ich sehe immer dasselbe Weiß, für mich ist es, als gäbe es keine Nacht.

Er hörte, wie seine Frau rasch die Seiten des Telefonbuchs umblätterte, sie schniefte dabei, um die Tränen zurückzuhalten, und seufzte, schließlich sagte sie, Dieser hier müßte der richtige sein, hoffentlich kann er uns nehmen, sie wählte die Nummer, fragte, ob dort die Praxis sei, ob der Herr Doktor da sei, sie mit ihm sprechen könne, Nein, nein, der Doktor kennt mich nicht, es geht um einen sehr dringenden Fall, ja, bitte, ich verstehe, dann sage ich es Ihnen, aber ich bitte Sie, es dem Doktor zu sagen, mein Mann ist nämlich plötzlich erblindet, ja, ja, so wie ich es Ihnen sage, plötzlich, nein, nein, er ist kein Patient des Doktors, mein Mann trägt auch keine Brille, nein, er hat nie eine getragen, ja, er konnte hervorragend sehen, wie ich, ich sehe auch gut, ach so, ja vielen Dank, ich warte, ich warte, ja Herr Doktor, ja plötzlich, er sagt, er sieht alles weiß, ich habe keine Ahnung, wie das gekommen ist, ich hatte nicht einmal Zeit, ihn danach zu fragen, ich bin gerade nach Hause gekommen und habe ihn in diesem Zustand angetroffen, soll ich ihn fragen, oh, ja, ich bin Ihnen so dankbar, Herr Doktor, wir fahren sofort los, sofort. Der Blinde stand auf, Warte, sagte seine Frau, laß mich erst diesen Finger verbinden, sie verschwand für einen Augenblick, kam mit einer Flasche Wasserstoffsuperoxyd und einer anderen mit Jodtinktur, mit Watte und einer kleinen Schachtel Heftpflaster zurück. Während sie ihn verband, fragte sie, Wo hast du das Auto hingestellt, und plötzlich, Aber hör mal, in dem Zustand konntest du doch gar nicht fahren, oder warst du schon zu Hause, als, Nein, es war auf der Straße, als ich an einer roten Ampel hielt, da hat mir jemand geholfen und mich hergebracht, das Auto steht in der Seitenstraße, Gut, dann laß uns hinuntergehen, warte an der Tür, ich hole das Auto, wo hast du die Schlüssel hingetan, Ich weiß nicht, er hat sie mir nicht wiedergegeben, Wer er, Der Mann, der mich nach Hause gebracht hat, es war ein Mann, Du hast sie sicher irgendwo hingelegt, ich werde nachsehen, Es lohnt nicht zu suchen, er ist nicht hereingekommen, Aber die Schlüssel müssen doch irgendwo sein, Wahrscheinlich hat er nicht daran gedacht und sie mitgenommen, ohne sich dessen bewußt zu sein, Das hat uns gerade noch gefehlt, Dann nimm deine Schlüssel, wir werden schon sehen, Gut, gehen wir, gib mir die Hand. Der Blinde sagte, Wenn das so bleibt, mach ich Schluß mit dem Leben, Bitte sag nicht solchen Unsinn, das Unglück ist schon groß genug, Ich bin es, der blind ist, nicht du, du weißt ja gar nicht, wie das ist, Der Arzt bringt dich bestimmt in Ordnung, du wirst schon sehen, Ja, das werde ich.

Sie gingen hinunter. Unten im Flur an der Treppe schaltete die Frau das Licht an und flüsterte ihm ins Ohr, Warte hier auf mich, wenn ein Nachbar kommt, sprich ganz natürlich mit ihm, sag, daß du auf mich wartest, wenn jemand dich anschaut, wird niemand darauf kommen, daß du nicht sehen kannst, wir brauchen wirklich keine Auskunft über unser Leben zu geben, Gut, aber bleib nicht so lange weg. Seine Frau lief schnell hinaus. Kein Nachbar kam herein oder ging hinaus. Aus Erfahrung wußte der Blinde, daß die Treppe nur beleuchtet war, wenn man den automatischen Zähler hörte, deshalb drückte er jedesmal auf den Schalter, wenn es still wurde. Das Licht, dieses Licht, war für ihn zu einem Geräusch geworden. Er verstand nicht, warum seine Frau so lange brauchte, die Straße war gleich nebenan, achtzig oder hundert Meter entfernt, Wenn wir uns sehr verspäten, wird der Arzt fort sein, dachte er. Unwillkürlich hob er das linke Handgelenk und blickte darauf, um die Uhrzeit abzulesen. Er preßte die Lippen aufeinander, als hätte er einen plötzlichen Schmerz verspürt, und dankte dem Schicksal, daß in diesem Augenblick kein Nachbar auftauchte, denn beim ersten Wort, das dieser an ihn gerichtet hätte, wäre er auf der Stelle in Tränen ausgebrochen. Ein Auto hielt auf der Straße, Na endlich, dachte er, aber dann wunderte er sich gleich über das Geräusch des Motors, Das ist ein Diesel, das ist ein Taxi, sagte er, und drückte noch einmal auf den Lichtschalter. Seine Frau kam zurück, nervös, verwirrt, Dein netter kleiner Beschützer, diese gute Seele, hat unser Auto gestohlen, Unmöglich, vielleicht hast du nicht richtig hingesehen, O doch, das habe ich, ich sehe sehr gut, die letzten Worte rutschten ihr heraus, ohne daß sie es wollte, Du hattest mir gesagt, daß das Auto in der Nebenstraße steht, fügte sie hinzu, und dort ist es nicht, oder ihr habt es in einer anderen Straße abgestellt, Nein, nein, in dieser, ich bin ganz sicher, Nun, dann ist es verschwunden, In diesem Fall, die Schlüssel, Er hat deine Verwirrung ausgenutzt, deine Verzweiflung, und uns bestohlen, Und ich wollte ihn nicht in die Wohnung lassen, aus Angst, aber wenn er bei mir geblieben wäre, bis du kamst, dann hätte er das Auto nicht stehlen können, Komm, das Taxi wartet auf uns, ich schwöre dir, daß ich ein Jahr meines Lebens dafür geben würde, damit dieser Halunke auch erblindet, Sprich nicht so laut, Und damit ihm alles, was er hat, geklaut wird, Vielleicht taucht er ja auf, Na sicher, morgen klopft er bei uns an und sagt, er sei zerstreut gewesen, dann wird er sich entschuldigen und artig fragen, ob es dir bessergeht.

Sie schwiegen, bis sie zur Arztpraxis kamen. Sie versuchte, nicht an den Diebstahl des Autos zu denken, drückte liebevoll die Hände ihres Mannes zwischen den ihren, während er, mit gesenktem Kopf, damit der Chauffeur ihm durch den Rückspiegel nicht in die Augen sehen konnte, sich unaufhörlich fragte, wie es möglich war, daß gerade ihn ein so großes Unglück ereilt hatte, Warum ich. An seine Ohren drangen die Geräusche des Verkehrs, die eine oder andere lautere Stimme, als das Taxi hielt, so ist es manchmal, auch wenn wir noch schlafen und die Geräusche von draußen schon den Schleier des Unbewußten streifen, der uns noch umhüllt wie ein weißes Laken. Wie ein weißes Laken. Er schüttelte seufzend den Kopf, seine Frau berührte ihn leicht im Gesicht, als wollte sie sagen, Nur ruhig, ich bin hier, und er ließ seinen Kopf auf ihre Schulter sinken, ohne sich darum zu kümmern, was der Fahrer wohl dachte, Wenn du in meiner Lage wärst, könntest du auch nicht fahren, dachte er kindisch, und ohne über die Absurdität dieses Gedankens nachzudenken, beglückwünschte er sich dafür, daß er inmitten seiner Verzweiflung noch in der Lage gewesen war, einen logischen Schluß zu formulieren. Als er das Taxi verließ, seine Frau half ihm unauffällig, schien er ruhig, doch als sie die Praxis betraten, wo er erfahren würde, wie es um ihn stand, fragte er sie leise mit zitternder Stimme, Wie werde ich nachher wohl dastehen, und schüttelte den Kopf wie jemand, der nichts mehr erhofft.

Die Frau sagte der Sprechstundenhilfe im Empfangszimmer, daß sie diejenige sei, die vor einer halben Stunde wegen ihres Mannes angerufen habe, und sie wurden beide in einen kleinen Raum geführt, in dem auch andere Patienten warteten. Dort saß ein alter Mann mit einer schwarzen Klappe auf einem Auge, ein Junge, der offenbar schielte, in Begleitung einer Frau, die wohl seine Mutter war, eine junge Frau mit dunkler Brille und zwei andere ohne besondere sichtbare Merkmale, aber kein Blinder, Blinde gehen nicht zum Augenarzt. Die Frau führte ihren Mann zu einem freien Stuhl, und da es sonst keinen Platz mehr gab, blieb sie neben ihm stehen, Wir werden warten müssen, flüsterte sie ihm ins Ohr. Er merkte, warum, er hatte die Stimmen der anderen gehört, die dort waren, und jetzt bedrückte ihn ein anderer Gedanke, er überlegte, je mehr Zeit verginge, bis der Arzt ihn untersuchte, um so schlimmer würde die Blindheit werden, also unheilbar, ohne Gegenmittel. Er bewegte sich unruhig auf dem Stuhl, er wollte die Bedenken seiner Frau mitteilen, doch in diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und die Sprechstundenhilfe sagte, Sie bitte, kommen Sie bitte, und richtete sich an die anderen Patienten, Das ist eine Anordnung vom Herrn Doktor, der Fall dieses Herrn ist sehr dringend. Die Mutter des schielenden Jungen protestierte, Recht sei Recht, sie sei vorher dran und warte schon über eine Stunde. Die anderen Patienten stimmten ihr leise zu, aber keiner, auch sie selbst nicht, hielt es für klug, länger zu protestieren, damit man den Arzt nicht verärgerte und die Unverschämtheit mit einer noch längeren Wartezeit bezahlen müßte, was durchaus vorkommt. Der Alte mit dem verdeckten Auge war großzügig, Lassen Sie ihn doch, der Ärmste, dem geht es schlechter als jedem von uns hier. Der Blinde hörte ihn nicht mehr, denn sie betraten schon das Sprechzimmer, und seine Frau sagte, Vielen Dank für Ihre Güte, Herr Doktor, wissen Sie, mein Mann, dann aber unterbrach sie sich, in Wahrheit wußte sie nicht, was wirklich vorgefallen war, sie wußte nur, daß ihr Mann blind war und man ihnen das Auto gestohlen hatte. Der Arzt sagte, Setzen Sie sich bitte, er selbst half dem Patienten dabei, und dann, während er seine Hand berührte, wandte er sich direkt an ihn, Erzählen Sie mal, was Ihnen zugestoßen ist. Der Blinde berichtete, daß er im Auto auf das Umschalten der roten Ampel gewartet hatte und plötzlich nichts mehr sehen konnte, daß einige Menschen ihm zu Hilfe gekommen waren und eine ältere Frau, der Stimme nach zu urteilen, sagte, es sei vielleicht etwas mit den Nerven, und daß dann ein Mann ihn nach Hause begleitet hatte, weil er selbst sich nicht helfen konnte, Ich sehe alles weiß, Herr Doktor. Den Diebstahl des Autos erwähnte er nicht.

Der Arzt fragte ihn, Vorher haben Sie so etwas noch nie gehabt, ich meine, so wie jetzt oder etwas Ähnliches, Noch nie, Herr Doktor, ich trage nicht einmal eine Brille, Und Sie sagen, es sei plötzlich geschehen, Ja, Herr Doktor, Wie ein Licht, das erlischt, Eher wie ein Licht, das angeht, Haben Sie in den vergangenen Tagen irgendeine Veränderung an den Augen bemerkt, Nein, Herr Doktor, Gibt oder gab es einen Fall von Blindheit in Ihrer Familie, Bei den Verwandten, die ich kannte oder von denen ich gehört habe, nicht, Leiden Sie an Diabetes, Nein, Herr Doktor, An Syphilis, Nein, Herr Doktor, Oder zu hohem Blutdruck in den Arterien oder im Gehirn, Im Gehirn weiß ich nicht, und sonst habe ich nichts, in der Firma werden wir immer untersucht, Haben Sie gestern oder heute einen heftigen Schlag auf den Kopf erhalten, Nein, Herr Doktor, Wie alt sind Sie, Achtunddreißig, Na gut, dann schauen wir uns mal diese Augen an. Der Blinde öffnete sie ganz weit, wie um die Untersuchung zu erleichtern, doch der Arzt nahm seinen Arm und setzte ihn hinter ein Gerät, unter dem man sich, mit einiger Phantasie, das neue Modell eines Beichtstuhls vorstellen konnte, bei dem die Augen die Wörter ersetzt haben und wo der Beichtvater unmittelbar in die Seele des Sünders blickt, Stützen Sie hier Ihr Kinn auf, sagte er, halten Sie die Augen geöffnet, nicht bewegen. Die Frau trat zu ihrem Mann, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte, Du wirst sehen, es wird alles wieder gut. Der Arzt fuhr von seiner Seite mit dem Gerät auf und ab, drehte an Schrauben mit feinster Einstellung und begann mit der Untersuchung. Er fand nichts auf der Hornhaut, der Bindehaut, an der Iris, auf der Netzhaut, nichts am Glaskörper, am »Blinden Fleck« oder am Sehnerv, einfach gar nichts. Er lehnte sich zurück, rieb sich die Augen und begann die Untersuchung noch einmal von vorn, wortlos, und als er sie beendet hatte, zeichnete sich Verblüffung auf seinem Gesicht ab, Ich finde nichts, Ihre Augen sind vollkommen. Seine Frau legte voller Freude die Hände zusammen und rief aus, Ich habe es dir doch gesagt, ich habe doch gesagt, daß alles wieder gut wird. Ohne auf sie einzugehen, fragte der Blinde, Kann ich das Kinn wegnehmen, Herr Doktor, Natürlich, entschuldigen Sie, Wenn meine Augen vollkommen sind, wie Sie sagen, warum bin ich dann blind, Das kann ich Ihnen im Augenblick noch nicht sagen, wir werden noch genauere Untersuchungen, Analysen, eine Echographie und ein Enzephalogramm vornehmen müssen, Meinen Sie, es hat etwas mit dem Gehirn zu tun, Schon möglich, glaube ich aber nicht, Und doch sagen Sie, daß Sie an meinen Augen nichts finden, So ist es, Das verstehe ich nicht, Ich will damit sagen, daß Sie in der Tat blind sind, Ihre Blindheit im Augenblick jedoch unerklärlich ist, Bezweifeln Sie, daß ich blind bin, Aber nein, das Problem liegt darin, daß dies ein seltsamer Fall ist, ich selbst habe in meinem ganzen Leben als Arzt so etwas noch nicht gesehen, und ich wage zu behaupten, in der ganzen Geschichte der Augenheilkunde ist so etwas noch nicht vorgekommen, Glauben Sie, es gibt eine Heilung für mich, Da ich keinerlei Beschädigung irgendwelcher Art oder erblich bedingte Verbildungen bei Ihnen finde, müßte meine Antwort im Prinzip ja sein, Aber allem Augenschein nach ist es nicht so, Ich sage das nur aus Vorsicht, weil ich Ihnen keine Hoffnungen machen möchte, die sich dann als unbegründet herausstellen, Ich verstehe, Nun gut, Und soll ich mich einer Behandlung unterziehen, ein Medikament nehmen, Vorläufig werde ich Ihnen nichts geben, ich müßte blindlings irgend etwas verschreiben, Welch passender Ausdruck, bemerkte der Blinde. Der Arzt tat so, als hätte er das nicht gehört, er erhob sich von dem Drehstuhl, auf dem er während der Untersuchung gesessen hatte, und im Stehen schrieb er auf einem Rezeptblock die Untersuchungen und Laboranalysen auf, die er als notwendig erachtete. Er gab den Zettel der Frau, Bitte, nehmen Sie das und kommen Sie mit Ihrem Mann wieder, wenn Sie die Ergebnisse haben, sollte sich bis dahin etwas an seinem Zustand ändern, rufen Sie mich an, Und für die Sprechstunde, Herr Doktor, Zahlen Sie bitte bei der Sprechstundenhilfe draußen. Er begleitete sie zur Tür, stammelte etwas Tröstliches wie Wir werden das schon hinkriegen, nur nicht verzweifeln, und als er wieder allein war, betrat er das kleine Bad neben seinem Sprechzimmer und betrachtete sich eine lange Minute im Spiegel, Was das wohl ist, murmelte er, dann kehrte er in das Zimmer zurück und rief die Sprechstundenhilfe, Lassen Sie den nächsten herein.

In dieser Nacht träumte der Blinde, er sei blind.

Als er dem Blinden seine Hilfe anbot, hatte der Mann, der später das Auto stahl, keinerlei böswillige Absicht, ganz im Gegenteil, er war lediglich einem Gefühl der Großzügigkeit und Nächstenliebe gefolgt, zwei der besten menschlichen Eigenschaften, wie jedermann weiß, die man sogar bei Straftätern findet, die viel gefühlloser sind als dieser, ein einfacher kleiner Autoklauer ohne Aussicht auf berufliches Fortkommen, der von den wahren Herren des Geschäfts ausgebeutet wird, denn sie sind es, die die Not der Armen ausnutzen. Wenn man es recht betrachtet, besteht kein so großer Unterschied zwischen der Hilfe für einen Blinden, dem man anschließend das Auto stiehlt, und der Sorge um einen hinfälligen, alten Menschen, weil man ein Auge auf sein Erbe hat. Erst als er schon nahe der Wohnung des Blinden war, kam ihm ganz selbstverständlich diese Idee, genauso, könnte man sagen, als ob er beschlossen hätte, ein Los zu kaufen, weil er einen Lotterieverkäufer sah, ohne einen Tip zu haben, nur um zu sehen, was die unberechenbare Fortuna ihm bringen würde, etwas oder gar nichts, andere würden sagen, er folgte einem in seiner Persönlichkeit bereits angelegten Impuls. Skeptiker, und es gibt ihrer viele, und sie sind unbeirrbar, behaupten zwar, nicht immer mache die Gelegenheit den Dieb, sie komme ihm aber sicher sehr zustatten. Was uns betrifft, erlauben wir uns die Überlegung, daß, wenn der Blinde das zweite Angebot des, wie wir nun wissen, falschen Samariters in jenem letzten Augenblick angenommen hätte, als die Hilfsbereitschaft vielleicht noch im Vordergrund stand, wir meinen das Angebot, ihm Gesellschaft zu leisten, bis seine Frau nach Hause käme, die moralische Verantwortung aufgrund des solcherart ausgesprochenen Vertrauens der kriminellen Anwandlung Einhalt geboten und das Lichte, Edle zum Vorschein gebracht hätte, das man immer auch in den verlorensten Seelen anzutreffen vermag. Volkstümlicher ausgedrückt, mit einem alten wie immer lehrreichen Sprichwort, kam der Blinde vom Regen in die Traufe.

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