Die Sterne vom Himmel holen - Carolin Schairer - E-Book
Beschreibung

Paulina ringt mit sich und dem Leben. Sie ist Mitte zwanzig und noch immer in der Ausbildung. Da verliert sie obendrein ihren Brotjob im Call-Center und bei der geliebten Oma geht auch noch die Gastherme kaputt. In Omas Wohnung wohnt leider auch Paulina selbst - ein Grund mehr, dringend Geld zu verdienen! In ihrer Not nimmt die junge Frau einen Job als Escort-Girl an. Sex zu verkaufen ist für sie allerdings tabu. Aber warum nicht jemanden gegen Bezahlung zum Essen begleiten? Überraschend ist es eine Frau, die Paulinas Escort-Service in Anspruch nimmt. Paulina sagt den Auftrag mit Erleichterung zu – mit Männern kann sie ohnehin wenig anfangen. Der Mensch, der ihr eines Tages Die Sterne vom Himmel holen wird (wie ihre Großmutter immer sagt), wäre jedenfalls kein Mann. Im Moment aber hat sie mit ihrer ewigen Schwermut und bedrückenden Geldproblemen ohnehin andere Sorgen. Die Kundin erwartet sie im Wiener Grand Hotel: Johanna Engel ist gebildet, attraktiv – und körperlich behindert. Aus dem reinen Geschäftstreff wird trotz Paulinas klaren Prinzipien rasch mehr. Doch diese Johanna gibt ihr immer neue Rätsel auf. Warum will die Frau unbedingt weiterhin bezahlen, wo doch ihre Zuneigung offensichtlich ist? Weshalb verhält sie sich bei Intimitäten so merkwürdig? Und was weiß sie über einen tragischen Unfall, dessen dunkler Schatten seit Jahren auf Paulinas Seele liegt?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:269


Carolin Schairer

Die Sterne vom Himmel holen

Roman

Ulrike HELMER Verlag

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-89741-990-2

© 2016 eBook nach der Originalausgabe© 2016 Copyright Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach/Taunus Alle Rechte vorbehalten Covergestaltung: Atelier KatarinaS / NL unter Verwendung des Fotos »Dots«© Francesca Schellhaas / photocase.de

Ulrike Helmer VerlagNeugartenstraße 36c, D-65843 Sulzbach/TaunusME-Mail: info@ulrike-helmer-verlag.de

www.ulrike-helmer-verlag.de

Vor zehn Jahren

Die Luft in unserer Wohnküche war zum Schneiden dick. Gerade noch hatte ich mit meiner Familie friedlich am Mittagstisch gesessen und mit dem panierten Schnitzel gekämpft, das mir Mama unbarmherzig auf den Teller schob, obwohl ich ihr am Vorabend erklärt hatte, dass ich ab sofort Vegetarierin sei. Mama ließ das unbeeindruckt wie so vieles, was mir wichtig war. Jetzt lag mir nicht nur das Schnitzel im Magen, sondern auch die Tatsache, dass sie schon wieder Theater machte.

»Du hast morgen Latein-Schulaufgaben und übermorgen Probe für das Schulkonzert, und du hast bisher keinen Strich getan – weder für das eine noch für das andere!«

Mama warf mir einen bitterbösen Blick zu, während sie die Schnitzelpfanne energisch mit der rauen Seite des Geschirrschwamms bearbeitete. Papa hatte ihr schon oft genug gesagt, dass sie damit die Beschichtung ruinierte, aber das war ihr anscheinend egal. Viel wichtiger war ihr, meinen Tag zu zerstören.

»Und deshalb wirst du heute Nachmittag zu Hause bleiben, während wir Bronko ohne dich abholen!«

Ich sprang auf, Tränen in den Augen. Das konnte sie mir nicht antun!

Ich hatte mich so darauf gefreut! Nach fünf Jahren unermüdlicher Überzeugungsarbeit hatten meine Schwester Lisi und ich endlich gegenüber unseren Eltern durchgesetzt, dass wir einen Hund bekamen. Bronko war ein neun Wochen alter Golden Retriever-Welpe, den wir an diesem Sonntag vom Züchter abholen und nach Hause bringen durften. Meine Enttäuschung wurde zu Wut.

»Du bist so gemein!«, schrie ich Mama an. »Wir hatten abgemacht, dass Lisi und ich mitfahren dürfen!«

»Wir hatten auch abgemacht, dass du gestern um vier Uhr nachmittags zu Hause bist, aber gekommen bist du drei Stunden später«, konterte Mama gereizt. »Du wolltest uns in der Gärtnerei helfen, lernen und Klarinette üben. Stattdessen bist du bei dieser Kathrin herumgehangen.«

»Kathrin und ich«, begann ich mit meiner Verteidigung, brach aber ab, weil mir nichts einfiel. Was sollte ich auch sagen? Dass wir stundenlang auf Kathrins Bett herumgelegen und gequatscht hatten, bis wir … Unwillkürlich dachte ich an dieses neue, prickelnde Gefühl, das ich in meinem Körper trug, seit Kathrins Lippen gestern zum ersten Mal die meinen berührt hatten.

»Erzähl mir bloß nicht, dass ihr gemeinsam gelernt hättet! Das nehme ich euch sowieso nicht ab.« Mama war mit der Pfanne fertig. Nicht so mit ihrer Predigt. Sie hielt nichts von Kathrin, weil diese einmal sitzengeblieben war und immer noch schlechte Noten hatte, ihr Haar grün färbte, zerrissene Jeans trug, sich auffällig schminkte und aus tausend anderen Gründen, die meine Mutter mir ständig unter die Nase rieb, wenn es um meine beste Freundin ging. »Ich habe es schon hundert Mal gesagt, und ich sage es auch gerne noch einmal: Ich finde nicht, dass dieses Mädchen einen guten Einfluss auf dich hat! Außerdem, sie ist schon sechzehn.«

»Na und?«, blaffte ich zurück. »Ich bin fast fünfzehn!«

»Du bist vierzehneinhalb«, stellte Mama unbarmherzig klar. »Michael, sag doch auch etwas!«

Mein Vater, der bisher geistesabwesend in seiner Brieftasche herumgekramt hatte, sah zum ersten Mal seit Beginn unserer Diskussion auf.

»Deine Mutter hat völlig recht. Du bleibst jetzt hier, lernst Latein und übst Klarinette. – Im Übrigen werden wir uns bei diesem Hundezüchter sowieso nicht lange aufhalten. Ich habe insgesamt nur eineinhalb Stunden Zeit, danach habe ich einen Termin am Krankenhausgelände, schauen, wie die Hecke neu gepflanzt werden soll. Wir müssen uns also ohnehin beeilen.«

Wütend stampfte ich auf. Das konnte doch nicht wahr sein! In Latein würde ich auch durch üben nicht besser, und meinen kleinen Klarinetten-Part in diesem Orchester-Werk konnte ich auch noch morgen nach der Schule einstudieren. Ich dachte an die süßen kleinen Welpen beim Hundezüchter, die ich unbedingt streicheln wollte, und an Kathrins Hand auf meiner Brust.

»Ihr seid so gemein!«, schrie ich die beiden an und rannte an der verdutzten Lisi, die in Turnschuhen und Jacke abfahrbereit ins Zimmer kam, vorbei in mein Zimmer. Heulend warf ich mich auf mein Bett. Ich war echt enttäuscht wegen des ins Wasser gefallenen Ausflugs zum Züchter, aber hauptsächlich war ich völlig durcheinander.

Seit dem Vortag wusste ich nicht mehr, was ich denken sollte. War ich jetzt eine Lesbe?! Mit dem Küssen hatte Kathrin den Anfang gemacht, aber ich hatte mich nun wirklich nicht geweigert. Im Gegenteil. Es war so aufregend, so schön …! Doch als sie dann ihre Hand unter mein T-Shirt schob, bekam ich Panik. Ich verabschiedete mich hastig und radelte zurück nach Hause, so schnell ich nur konnte.

Jetzt tat es mir leid. Kathrin hatte traurig gewirkt, als ich so hastig aufgebrochen war. Ich hatte sie nicht kränken wollen. Ich dachte sowieso die ganze Zeit nur an sie, seit Wochen. Genauer gesagt, seit dem Tag, an dem Frau Maier, unsere Professorin, sie in die Klasse schleppte und als neue Mitschülerin vorstellte. Wir wurden sofort Freundinnen. Aber was waren wir jetzt, wo wir uns geküsst hatten?

»Hei … Paulina.« Lisi stand im Türrahmen. »Kann ich hereinkommen?«

Ich nickte unter Tränen und richtete mich auf.

Lisi setzte sich auf die Bettkante.

»Ich werde ein paar Fotos von den anderen Welpen machen«, versprach sie. »Und Bronko nehmen wir ja sowieso mit nach Hause. Du hast ihn dann die ganze Zeit.«

Sie lächelte mich aufmunternd an, und ich wusste in diesem Augenblick, dass ich sie liebte. Natürlich nicht liebte wie Kathrin. Falls es überhaupt Liebe war, was ich für Kathrin empfand. Aber so sehr liebte, wie man eine zwei Jahre ältere Schwester, die immer für einen da war, eben lieben konnte. Lisi war schon immer mein rettender Fels in der Familienbrandung gewesen. Seit ich denken konnte, waren meine Eltern mehr mit ihrer Gärtnerei beschäftigt als mit uns. Immer war es Lisi gewesen, die mit mir Fangen und Verstecken spielte, mich später bei den Hausaufgaben unterstützte und sich meine Sorgen und Träume anhörte. Lisi und ich würden später beide in Wien studieren und in einer WG wohnen, das stand für mich fest. Oder vielleicht bei Oma, die ein kleines Häuschen im 17. Bezirk hatte, falls sie genug Platz für uns schaffen konnte. Da könnten wir dann auch Bronko mitnehmen.

In unseren Vorstellungen von der Zukunft waren wir uns ähnlich, äußerlich dagegen grundverschieden: Während ich die rotblonden Haare meiner Mutter geerbt hatte und sicherlich nicht größer als 1,65 Meter werden würde, wenn überhaupt, ging Lisi optisch voll und ganz nach unserem Vater. Sie war schlank und hochwachsen wie er, hatte sein dunkelbraunes, dünnes Haar.

»Von mir aus kann Bronko auch gerne bei dir im Zimmer schlafen, in der ersten Woche«, bot Lisi nun noch an. »Wir können uns abwechseln.«

Ich zog die Nase hoch. Ein Taschentuch hatte ich wie so oft nicht parat. Bereitwillig stellte ich mir vor, wie Bronko künftig an meinem Fußende kuscheln würde. Trotzdem fühlte ich mich nicht besser. In mir herrschte Chaos.

»Ich glaube, ich bin eine Lesbe«, platzte es aus mir heraus. »Ich habe Kathrin geküsst!«

Lisi sagte erst einmal nichts. Mein Herz schlug bis zum Halse. Ich hatte Angst vor ihrer Reaktion, auch wenn ich intuitiv wusste, dass sie mich nicht verurteilen würde.

»Ich habe auch schon einmal beim Flaschendrehen im Skilager meine beste Freundin geküsst«, erwiderte sie nach einer Weile schulterzuckend. »Deshalb ist man nicht gleich lesbisch.«

»Es war aber nicht beim Flaschendrehen. Es war bei ihr im Bett.«

Lisis Augen wurden groß.

»Wow!«, sie atmete tief durch. »Na und?«, sagte sie dann. »Selbst wenn du es bist, was macht das schon?«

Ich begann wieder zu weinen. Zwar war ich erleichtert über ihre coole Reaktion, aber immer noch durcheinander.

»Ich weiß nicht, was Mama und Papa dazu sagen würden …«

»Denen musst du das ja nicht gleich erzählen.« Lisi strich mir über das Haar. »Sei dir erst einmal sicher, was du wirklich fühlst, dann kannst du es ihnen immer noch sagen. Vermutlich sind sie anfangs geschockt, aber sie werden sich früher oder später damit abfinden. Entspann dich. Das ist echt kein Weltuntergang!«

Ich schniefte und wischte mir mit dem Handrücken meine Tränen aus den Augen. Langsam fühlte ich mich etwas besser. Was Lisi sagte, klang ziemlich vernünftig. Warum hatte ich ihr nicht schon am Vortag davon erzählt? Ich hätte mir vielleicht eine schlaflose Nacht erspart.

»Elisabeth!« Selbst durch die geschlossene Türe war Mamas kräftige Stimme nicht zu überhören. »Wir fahren!«

Ich begleitete Lisi zur Türe. Wir umarmten uns.

»Können wir später noch darüber reden?«, flüsterte ich ihr ins Ohr. »Ich weiß nicht, was ich jetzt machen soll. Wegen Kathrin. Und so.«

»Ja, klar.« Lisi schenkte mir ein weiteres aufmunterndes Lächeln. »Mach dir einstweilen keinen Kopf. Du bist eine wunderbare kleine Schwester, und ob du dich in Mädchen oder Burschen verliebst, spielt wirklich keine Rolle.«

Vom Erdgeschoss drangen Bruchteile des Wortwechsels meiner Eltern nach oben.

»Paulina … mitten in der Pubertät … zurzeit wirklich nicht auszuhalten!« – »… schwierige Phase … sicherlich wieder besser … Lisi … umgänglicher …« – »… tut mir auch leid … aber … müssen jetzt eben konsequent sein.«

Lisi und ich grinsten uns an. Dann ging sie hinaus.

»Bis später, Paulina!«, rief Mama von unten hoch. »Wenn wir zurückkommen, fragt Papa dich Vokabeln ab!«

Die Drohung ließ ich unerwidert, ich war schon sauer genug. Diesen Sonntag hatte ich mir wirklich anders vorgestellt.

Als sie gleich darauf aufbrachen, wartete ich, bis die Türe hinter ihnen ins Schloss gefallen war, dann ging ich die Treppe hinunter und ins Wohnzimmer. Ich wollte gerade den Fernseher einschalten und durch die Kanäle zappen, als ich nochmals die Haustüre hörte. Vor Schreck fiel mir die Fernbedienung aus der Hand und landete mit lautem Krachen auf dem Parkett. Die Türe zum Wohnzimmer, die ich angelehnt gelassen hatte, öffnete sich langsam.

Ich rechnete mit meiner Mutter und machte mich bereits auf die nächste Schimpftirade gefasst, doch es war Lisi, die den Kopf zur Wohnzimmertür hereinstreckte.

»Erwischt, du Fernsehsüchtlerin!« Sie kicherte. »Keine Panik«, fügte sie hinzu, als ich sie noch immer wie schockgefroren anstarrte. »Mama und Papa sitzen schon im Auto. Aber es regnet ziemlich heftig, daher hole ich vorsichtshalber noch Schirme und meine Regenjacke.«

Ich folgte ihr zur Garderobe und sah zu, wie sie ihr knallgelbes Outdoor-Cape zwischen unzähligen weiteren Jacken aus der Tiefe des Kastens herausfischte. Ehe sie das Haus verließ, drehte sie sich nochmals zu mir um.

»Viel Spaß beim Latein lernen!«

Die Art, wie sie es sagte, ließ keinen Zweifel offen, dass sie mich für die nächsten Stunden nicht über meinen Büchern vermutete. Sie warf mir noch einen amüsierten Blick zu, dann verschwand sie nach draußen.

Es war das letzte Mal, dass ich sie lebendig sah.

Meine Oma

Oma sitzt auf dem alten beigefarbenen Kanapee, das linke Bein hochgelagert. Das rechte steckt in einem dicken Seidenstrumpf, obwohl es draußen 30 Grad hat. Über ihrem buntgemusterten Hauskleid trägt sie eine graue Wolljacke. Die Sonnenstrahlen dringen durch das geschlossene Fenster ins Innere des Hauses. In ihrem Lichtkegel tanzen Staubkörner.

Egal, ob Winter oder Hochsommer, Oma ist es immer kalt. An dem Tag, an dem sie ihren eigenen Sohn beerdigen musste, kroch diese Kälte unerbittlich in ihre Knochen und drang bis in die tiefsten Leibestiefen. Das Frieren lässt sich seither ebenso wenig vertreiben wie die Streptokokken, die vor einiger Zeit über eine offene Wunde in Omas Körper gerieten und ihr Bein rot anschwellen ließen.

»Oma, hast du deine Tabletten heute schon genommen?«

Sie antwortet nicht, weil die Talkshow auf ORF 1 sie gefangen nimmt. Es geht um Leute, die ihr Geld sprichwörtlich zum Fenster hinausschmeißen. Oma schüttelt immer wieder fassungslos den Kopf. Sie kann die aufgetakelte Kosmetikerin, die, rein privat, im Monat 500,– Euro für Make-up ausgibt, genauso wenig verstehen wie den jungen Türken, der immer das neueste Smartphone haben muss.

Ich setze mich kurz zu ihr, kann das Programm aber nicht lange ertragen. Die dreisten finanziellen Ansprüche der Studiogäste machen mich wütend. Oma und ich sind seit Jahren mit dem puren Überleben beschäftigt. Die Rechnung meines eigenen Handys überschreitet nie den von der Telefongesellschaft festgesetzten Pauschalbetrag.

Ich gehe in die Küche, sehe Omas prall gefüllte Medikamentenbox und unterdrücke ein Seufzen. Wenn ich nicht danebenstehe, nimmt sie ihre Tabletten nicht. Oma ist etwas vergesslich, aber ihre unzuverlässige Medikamenteneinnahme hat andere Gründe. Von dem »Pulverl«, wie sie die Medizin nennt, hält sie nichts. Lieber kocht sie sich Tees mit Kräutern, die sie in ihrem kleinen Garten findet. Dass gegen die Bakterien in ihrem Bein nur Antibiotika helfen, will sie nicht einsehen, und auch ihr vom Internisten diagnostiziertes Vorhofflimmern und den Bluthochdruck verleugnet sie beharrlich.

Ich sehe die Post durch, die heute gekommen ist. Wir müssen rund 200,– Euro Energiekosten nachzahlen! Damit erhöhen sich die monatlichen Raten um jeweils zehn Euro. 120 ,– Euro mehr im Jahr, das klingt nicht viel, für Oma mit ihrer Rente und mich mit meinem kärglichen Einkommen ist es eine deftige Summe.

Der nächste Brief kommt per Nachsendeauftrag. Er ist an Michael Ziegler gerichtet. Die Privatbank, die meinem Vater immer wieder beharrlich einen Kredit anbietet, will auch nach zehn Jahren nicht zur Kenntnis nehmen, dass er nicht mehr unter den Lebenden ist.

Papa, Mama und Lisi starben auf einer Landstraße in Niederösterreich, nur dreißig Kilometer von unserem damaligen Heimatort entfernt, auf der Fahrt zu einem Golden Retriever-Welpen, der niemals unser Hund werden sollte. Ihr Auto kam auf regennasser Fahrbahn ins Schleudern, überschlug sich und prallte gegen einen Baum. Papa und Mama starben im Wagen; Lisi wurde nach draußen geschleudert. Die Polizei rekonstruierte anhand von Reifen- und Bremsspuren, dass Papa offensichtlich einem anderen Auto ausgewichen war. Der Fahrer des Wagens konnte nie ermittelt werden.

Ich zerreiße den Werbebrief und widme mich dem nächsten Umschlag. Ein Schreiben vom Wirtschaftsförderungsfonds. Eine Dame mit Doktortitel und in der tragenden Position einer Ressortleiterin teilt mir mit, dass ich im letzten Quartal fünfundvierzig Fehlstunden hatte. Sie spricht mir eine Verwarnung aus. Sollte ich noch fünf Stunden fehlen, werde mir die weitere Finanzierung des Lehrgangs gestrichen. Schlimmer noch: Ich müsste die Gebühren der ersten zwei Semester zurückzahlen.

Die Dame, die mich und mein Leben nicht kennt, weiß nichts von Oma und nichts von deren Arztterminen, erst recht nichts davon, dass ich sie immer dorthin begleiten muss. Allein in eine Straßenbahn steigen, das schafft Oma nicht mehr mit ihrem kaputten Bein. Wir können uns nur ganz langsam fortbewegen. Beim Hausarzt warten wir rund eine Stunde, bis wir an der Reihe sind, dann geht das Warten weiter: Die Antibiotika-Infusionen, die ihr in den vergangenen Wochen alle zwei Tage wegen der Infektion verabreicht wurden, tröpfeln mit qualvoller Langsamkeit durch den Schlauch in die Venen.

Und dazu mein Job. Ich arbeite in einem Callcenter, Marktund Meinungsforschung. Das heißt nichts anderes, als dass ich Menschen, die arglos genug waren, ihre Telefonnummer ins Telefonbuch drucken zu lassen, beispielsweise darüber ausfrage, welches Duschgel sie benutzen und wie ihre Ernährungsgewohnheiten aussehen. Ich brauche diesen Job, weil er mein einziges Einkommen ist, aber nicht immer sind meine Schichten mit dem Zeitplan meines Lehrgangs vereinbar.

Der Lehrgang ist wichtig für mich. Das hat mir zumindest meine damalige Betreuerin vom Arbeitsamt eingebläut, die mich auf den Wirtschaftsförderungsfonds und die dort angebotene Ausbildungsmöglichkeit zur Werbe- und Marketingfachfrau aufmerksam machte. Ich selbst habe im Moment etwas Bauchweh, wenn ich samstags über den Stellenmarkt schaue und feststelle, dass die wenigen Firmen, die Werbe- und Marketingfachleute suchen, für gewöhnlich auf mehrjährige Arbeitserfahrung in diesem Bereich bestehen. Die kann ich nicht bieten. Nach der AHS Matura, die nichts wert ist, wenn du nicht an die Uni gehst, habe ich mich verzweifelt um eine Ausbildung zur Bürokauffrau bemüht. Abgesehen von zwei Vorstellungsgesprächen, die beide ein einziger Horror waren, sprang nichts dabei heraus. Also ging ich bei einer großen Versandfirma kuvertieren. Leider sind solche Jobs meist nur von kurzer Dauer.

Immerhin, den Callcenter-Job habe ich inzwischen seit fünf Monaten.

Ich entdecke einen Topf auf Omas altem Gasherd und hebe neugierig den Deckel. Griesbrei. Oma liebt diese Art von Essen. Da streiche ich mir lieber ein Butterbrot und setze mich hinaus in den Garten, um die letzten Sonnenstrahlen einzufangen.

Zwischen den Tomatenstöcken steht Lisi und winkt mir zu. Ich winke zurück. Es ist immer eine schöne Überraschung für mich, sie zu sehen. Mal zeigt sie sich, dann wieder bleibt sie fort. Oskar gießt im Nachbargarten Blumen. Er sieht Lisi nicht. Oskar bezieht mein Winken auf sich.

»Hallo, Paulina«, ruft er über den Zaun und wedelt enthusiastisch mit den Händen. »Meine Paprika wird schon rot.«

Ein breites Grinsen legt sich auf sein pausbäckiges Gesicht.

»Das ist wunderbar!«, sage ich und freue mich für ihn.

Ich mag meinen Nachbarn, weil er immer freundlich ist und niemals laut wird. Oskar ist mit Trisomie 21 geboren. Er lebt bei seinem Vater, einem pensionierten Beamten. Oskar ist ein Jahr älter als ich und langsamer als andere, aber das heißt für mich nicht, dass er dümmer ist. Ich mag ihn, und uns verbindet mehr, als für die meisten Menschen auf den ersten Blick ersichtlich ist. Dass wir beide so sehr Pflanzen lieben, ist nur eine gemeinsame Vorliebe von vielen.

Manchmal reden wir über das Gemüse, das wir anbauen, er links vom Gartenzaun, ich rechts davon, und über den Marillenbaum, der direkt auf der Grundstückgrenze steht und um den wir uns beide kümmern. Heute mag ich nicht reden. Oskar auch nicht. Er gießt weiter seine Beete, etwas, das auch ich noch erledigen muss.

Drinnen im Haus sind die Stimmen verstummt. Omas Sendung ist vorbei; sie hat abgeschaltet. Schon humpelt sie in den Garten, nimmt auf der Bank neben mir Platz. Sie betrachtet die Tomatenstöcke. Ich sehe Lisi an, die mir zulächelt.

»Ein schöner Sommerabend«, sagt Oma und betrachtet mich prüfend. »Aber du bist wieder einmal traurig.«

Ihre Stimme beinhaltet keinerlei Vorwurf. Oma weiß, dass sich die Traurigkeit hin und wieder über mich legt wie eine Schicht frisch gefallener Schnee, und dabei ist es ganz egal, in welcher Jahreszeit wir uns befinden. Wie der Schnee, so schmilzt auch meine Traurigkeit, um wie in einem ewigen Kreislauf der Natur irgendwann wieder zurückzukehren – meist dann, wenn ich am wenigsten damit rechne.

Diesmal lässt sich für meine Traurigkeit immerhin ein Grund benennen.

»Ich habe die Klausur für Marken- und Urheberrecht nicht geschafft«, gestehe ich zerknirscht.

»Paulina, davon geht die Welt nicht unter.« Oma tätschelt mit ihrer knochigen Hand meinen vom Sommerrock bedeckten Oberschenkel. »Eine Prüfung kann man doch nachholen.«

Ich nicke automatisch.

»In drei Wochen habe ich Nachprüfungstermin.«

»Na, siehst du.« Sie steht auf und geht ins Haus zurück. Diese schwüle Hitze kann Oma nicht lange ertragen. Mit jedem Jahr, das sie älter wird, verbringt sie mehr Zeit im Haus und weniger in ihrem Garten. Vor zehn Jahren, als ich zu ihr kam, war das noch anders. Da gruben wir gemeinsam das Erdreich um, und ich mit meinem rotblonden Haar und meinen Sommersprossen war diejenige, die als Erste in den Schatten flüchtete. Oma wurde braun, während ich am Ende des Tages aussah wie ein gekochter Krebs.

Ich gieße den Garten. Lisi folgt mir. Ihr vertraue ich an, was ich Oma verschwiegen habe: dass ich einfach nicht weiß, wann ich für diese Klausur lernen soll. Ab nächster Woche hat das Institut über den Sommer geschlossen. Lehrgangsfreie Zeit, heißt das. Die meisten meiner Kommilitonen fahren in den Süden oder machen unbezahlte Praktika. Ich habe mich Vollzeit in der Markt- und Meinungsforschung einteilen lassen. Ich weiß jetzt schon, dass ich weder vor noch nach meiner Schicht die Energie haben werde, mich durch Paragraphen zu wühlen. Im Auswendiglernen war ich noch nie gut.

Trotzdem versuche ich es an diesem Abend. Die Buchstaben verschwimmen vor meinen Augen. Nach einer Stunde habe ich dröhnende Kopfschmerzen. Ich nehme ein Aspirin und lege mich ins Bett. Unten im Wohnzimmer hat Oma wieder den Fernseher laufen.

Das Callcenter

Wir sitzen nebeneinander wie in einem Hasenstall: in kleinen Kojen, getrennt durch Stellwände. Unsere Tischnachbarn können wir nur sehen, wenn wir aufstehen und über die Wände schauen. Hören können wir sie dagegen umso besser. Manchmal ist es schwierig, sich auf das eigene Telefonat zu konzentrieren, wenn nebenan jemand sitzt und immer dieselben Fragen stellt.

Gewöhnlich beachten wir unsere Tischnachbarn nicht. Auch nach fünf Monaten kenne ich nur wenige meiner rund fünfzig Kollegen namentlich. Zu Beginn einer Schicht setzen wir uns an die vorgegebenen Computerplätze, loggen uns ein und beginnen die Telefonnummern anzurufen, die uns übermittelt wurden. Alle fünfzig Minuten legen wir zehn Minuten Pause ein.

Die meisten gehen dann in den Innenhof, um zu rauchen. Manchmal stelle ich mich zu ihnen, obwohl ich für Zigaretten nichts übrig habe. Es sind vor allem Studenten oder Hausfrauen, die sich hier etwas dazuverdienen. Ich gehöre weder zu der einen noch zur anderen Gruppe. Mein Institut gehört zwar zur Uni, mein Lehrgang ist aber eine Weiterbildungsmaßnahme, die das Institut über den universitären Rahmen hinaus anbietet. So wie mir, wird den meisten von uns die Teilnahme am Werbeund Marketing-Kurs durch staatliche Förderungen ermöglicht. Nur wenige zahlen ihn privat. Ein Studentenausweis für die Teilnehmer ist nicht vorgesehen.

Die Studenten reden über die Partys und Clubbings, die sie abends besuchen. Vom Alter her sollte ich da locker mitreden können. Dem ist jedoch nicht so. Ich mag weder laute Musik noch Alkohol – keine guten Voraussetzungen, um auf Clubbings Spaß zu haben. Also stehe ich dabei und höre meinen Gleichaltrigen zu. Manchmal lache ich höflich über einen Witz, den ich nicht verstehe. Ich bin vierundzwanzig und komme mir neben ihnen uralt vor.

Wenn Mama, Papa und Lisi nicht gestorben wären – wäre ich dann so wie die anderen? Ich stelle mir die Frage oft, habe aber noch keine Antwort darauf gefunden. Der Tod meiner Familie hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen, aber Oma hat mich aufgefangen. Jetzt stehe ich wieder auf beiden Beinen, irgendwie.

Um 19 Uhr ist meine Schicht aus. Nach acht Stunden telefonieren will ich nur noch nach Hause und nichts mehr reden. Aber Jacqueline, die Gruppenleiterin, will unbedingt mit mir sprechen. Sie ist ein Jahr jünger als ich und dennoch meine Chefin. Das Leben kann schon seltsam sein.

Ich sitze Jacqueline in ihrem kleinen Büro gegenüber. Es hat kein Fenster und ist so groß wie eine Besenkammer. Auf dem engen Schreibtisch türmen sich links und rechts neben dem altertümlichen Monitor Stapel von Papier. Das Polster des Schreibtischstuhles hat ein paar undefinierbare Flecken. Die Neonröhre flackert. Eine verirrte Fliege surrt um uns herum und sucht verzweifelt den Ausgang.

Jacqueline hat hinter mir die Tür geschlossen.

»Nimm doch Platz«, sagt sie und deutet auf den Stuhl. Nur widerwillig lasse ich mich auf dem fleckigen Polster nieder, während sich Jacqueline auf eine Schreibtischkante setzt. Sie trägt einen kurzen schwarzen Rock und ein tief dekolletiertes weißes Top mit goldenen Pailletten. Um ihren Hals hängt eine auffällige Kette mit in Gold gefassten Edelstein-Imitaten. Ihre Fingernägel sind knallrot lackiert.

Manchmal finde ich Jacquelines Stil ziemlich protzig. Trotzdem kann ich nicht anders, als auf ihre braungebrannten, langen Beine zu starren.

»Paulina, deine Leistung ist im Moment nicht wirklich so, wie wir uns das wünschen«, kommt sie nun gleich zur Sache. »Die anderen führen durchschnittlich vier bis sechs Interviews pro Stunde. Du kommst nur auf drei Komma vier.«

Ich denke an den Pensionisten, der mir am Telefon drohte, mich wegen Belästigung zu verklagen. An die offensichtlich Betrunkene, die Unverständliches in den Hörer lallte. Und an Harry, den Brauereifahrer, der mit mir über alles Mögliche plaudern, aber auf keinen Fall jene Fragen beantworten wollte, die ich ihm im Sinne meines Arbeitgebers stellen musste.

»Ich hatte Pech«, rechtfertige ich mich. »Was soll ich machen, wenn Leute nicht wollen oder gar mittendrin abbrechen? Ich kann sie doch nicht zwingen!«

Jacqueline verdreht die Augen.

»Die anderen schaffen es doch auch«, erwidert sie.

Ich zucke mit den Schultern, weiß nichts darauf zu sagen.

»Bitte verbessere dich«, sagt sie knapp und rutscht vom Schreibtisch. Ich stehe auf. Sie ist kaum größer als ich, doch auf ihren Absätzen wirkt sie riesig. »Paulina. Du weißt, dass ich dich darauf aufmerksam machen muss. Ich weiß selbst, dass es manchmal einfach blöd läuft in dem Job, aber ich muss Harald auch gute Zahlen liefern … und wenn die Statistik nicht stimmt, bekomme ich Druck.«

Ich nicke stumm. Jacqueline und ich sitzen in einem Boot, auch wenn sie meine Vorgesetzte ist.

»Morgen läuft es bestimmt besser«, meint sie nun aufmunternd. »Schönen Abend noch, Paulina.«

*

Am nächsten Tag ist alles ganz anders. Ich habe mich gerade ins System eingeloggt, da kommt Harald, der Chef. Er klatscht in die Hände, um unsere Aufmerksamkeit zu wecken, und verkündet mit sonorer Stimme: »Ihr könnt alle nach Hause gehen. Das Callcenter ist ab heute geschlossen.«

Auf seiner breiten Stirn glänzen Schweißperlen. Auch unter seinen Achselbeugen haben sich dunkle Flecken gebildet, obwohl die Klimaanlage auf Hochtouren läuft.

Tumult bricht aus. Irgendwo in der hinteren Reihe fällt ein Stuhl um.

»Wieso denn?«, ruft einer der Studenten.

»Was ist mit unserem Geld?«, kommt es aus der linken Ecke hinten.

Harald ringt verzweifelt seine dicken Finger ineinander.

»Wir sind insolvent«, sagt er. Seine Unterlippe zittert. Er sieht aus, als würde er gleich in Ohnmacht fallen. »Aber ihr bekommt euer Geld! Jacqueline gibt euch am Ausgang ein Formular, das müsst ihr bei der Behörde einreichen … Das Geld fließt dann aus einem Ausgleichsfonds, wenn unser Fall abgeschlossen ist.«

»Oh mein Gott«, schluchzt eine der Hausfrauen neben mir auf. »So ein Insolvenzverfahren kann ja ewig dauern!«

»Ich kann auch nichts dafür«, sagt Harald. »Ich weiß selbst, dass es manchmal blöd läuft im Leben.«

Dass es manchmal blöd läuft im Leben, weiß ich auch, aber nun denke ich an mein Gespräch mit Jacqueline und frage mich, ob die Führungsetage des Callcenters wohl irgendwann ein Seminar besucht hat, in dem derartige Floskeln trainiert wurden.

Harald hat es jetzt eilig, wegzukommen.

Am Ausgang steht tatsächlich Jacqueline. Sie überreicht mir das Formular mit perfekt manikürten Fingern und wirkt im Gegensatz zu ihrem früheren Boss kein bisschen bestürzt.

»Ich muss mir halt was Neues suchen«, meint sie lapidar. »Und einstweilen arbeite ich eben mehr in meinem anderen Job.«

Jacqueline hat noch einen weiteren Job? – Ich weiß, dass sie BWL studiert und nur noch zwei, drei Semester vor sich hat. Ihre Tätigkeit als Gruppenleiterin lief auf Teilzeitbasis. Mich hat immer schon gewundert, weshalb sie die neuesten Klamotten tragen und öfter den Friseur besuchen kann als meine Oma den Arzt. Nun scheint das Rätsel gelöst. Im Gegensatz zu mir hat sie ein zweites Standbein. Ich frage mich, wann sie noch Zeit findet, für die Uni zu lernen.

Schon als ich in die Straßenbahn steige, ist mir Jacqueline ziemlich egal. Ich bin sicher, dass ich sie nicht wiedersehen werde. Stattdessen denke ich jetzt nur noch an das Geld, dem ich nun wahrscheinlich monatelang hinterherlaufen darf. Es ist Mitte Juli, ich habe zwei Wochen umsonst Vollzeit gearbeitet. Für die Klausur habe ich noch immer nicht gelernt.

*

Seit mehr als einer Stunde sitze ich an dem kleinen Küchentisch, an dem Oma und ich gewöhnlich gemeinsam essen. Vor mir liegt aufgeschlagen der dicke Wälzer über Marken- und Urheberrecht, den ich mir aus der Bibliothek geholt habe. Mit den krakeligen Aufzeichnungen, die ich mir während des Seminars gemacht habe, kann ich jetzt nichts mehr anfangen.

Die Küchenuhr tickt lauter als sonst. Auf dem Kanapee sitzt Oma mit geschlossenen Augen. Sie ist über ihrer KRONEN ZEITUNG eingenickt. Seit drei Tagen bin ich nun ohne Unterbrechung zu Hause und lerne. Verwundert über meine permanente Anwesenheit, fragte mich Oma heute früh: »Musst du denn nicht mehr zur Arbeit?«

Ich log sie an und sagte, ich hätte mir freigenommen, um mich auf die Klausur vorzubereiten. Fakt ist, dass ich es nicht über mich bringe, ihr die Wahrheit zu sagen. Noch habe ich um die zweihundert Euro auf meinem Konto. Wenn ich bald wieder einen Job finde, wird es Oma gar nicht auffallen, dass ich den alten verloren habe. Ich will nicht, dass sie sich Sorgen macht. Sie hat schon genug Kummer in ihrem Leben ertragen müssen.

Die Türglocke lässt uns beide auffahren.

Es ist der Postbote, der mir ein durchnässtes Päckchen überreicht. Seit dem Vortag gießt es ununterbrochen. Ich hasse den Regen so sehr, seit er mir meine Familie nahm!

Ich kritzle meine Unterschrift auf das Display des Geräts, das er mir entgegenstreckt. Benommen starre ich auf den Namen der Absenderin, während der Bote sich wieder in Richtung seines Autos begibt. Auf den Holzstufen vor unserem Gartentor gerät er ins Rutschen und stößt einen Fluch aus, der meine Aufmerksamkeit unweigerlich wieder von dem Paket auf ihn und die Straße lenkt.

Ich kneife die Augen zusammen. Nicht mehr der Postbote hat mein Interesse, sondern der Wagen, der gegenüber parkt. Es ist ein dunkelblauer Golf. Vom Fahrersitz starrt ein bebrillter Mann mit Glatze in meine Richtung. Als ihm bewusst wird, dass auch ich ihn anschaue, greift er nach einer Zeitung und versteckt dahinter sein Gesicht.

Ich habe ein komisches Gefühl im Bauch. Mir ist so, als hätte ich dieses Auto vor ein paar Tagen schon einmal gesehen, mit demselben Mann, in der Nähe des Callcenters. Schon da hatte ich den Eindruck, beobachtet zu werden. Möglicherweise drehe ich langsam durch. Ich sehe nicht nur meine Schwester, sondern irgendwelche Verfolger.

Ich spiele mit dem Gedanken, einfach hinüberzugehen, an die Scheibe zu klopfen und ihn direkt zu fragen, was er von mir will. Dass ich es nicht tue, schiebe ich auf den Regen. In Wahrheit habe ich Angst. Es ist niemand auf der Straße und auch kaum Verkehr. Keines der vorbeifahrenden Autos würde stoppen, wenn der Mann versuchen sollte, mir Übles anzutun. Oma und ich wohnen in einer äußerst ruhigen Siedlung.

Ich schiebe mein beklommenes Gefühl auf eine selbstdiagnostizierte Paranoia und schließe die Haustür von innen. Oma hat sich vom Sofa erhoben und humpelt mir entgegen.

»Ist das der neue Katalog vom Gartencenter?«

»Nein.« Ich packe das Paket vor ihren aufmerksamen Augen aus. Es gibt nichts zu verbergen, schon gar nicht das dunkelblaue T-Shirt mit dem roten Schriftzug LOVE, das ich jetzt in den Händen halte. Denise hat eine Karte beigelegt.

Hi Paulina, ich habe noch ein T-Shirt von dir in meinem Schrank gefunden. Ich hoffe, dir geht’s gut? Jana und ich fliegen jetzt für zwei Wochen nach Korfu, ich bin schon ganz kribbelig! Bussi, Denise.

Meine Großmutter hat zwar ein kaputtes Bein und einen Herzfehler, aber immer noch gute Augen und einen wachen Verstand. Wir lesen die Karte gemeinsam.

Oma schnauft verächtlich.

»Ist Jana die, wegen der sie dich sitzen hat lassen?«

Ich nicke stumm, halte das T-Shirt auf dem Schoß.

Meine Trennung von Denise liegt inzwischen acht Monate zurück. Wenn ich jetzt an sie denke, verspüre ich einen kleinen Stich im Herzen. Mehr nicht.

Ich habe es Oma nie gesagt, aber verlassen hat mich Denise nicht direkt wegen Jana. Die war nur zur rechten Zeit am richtigen Ort. Denise hat mich verlassen, weil sie mit meinen Lebensumständen nicht klargekommen ist. Nach einem Jahr Beziehung wollte sie unbedingt mit mir zusammenziehen. Ich aber werde mich nie von Oma trennen, weil sie mich braucht.

Dass mir Denise ein T-Shirt zurückschickt, das ich einst von Nicki, einer anderen Ex-Freundin, bekommen habe, finde ich unnötig und amüsant zugleich.

Mit Nicki war ich volle zwei Jahre zusammen. Ich habe sie wirklich geliebt, aber dann bekam Nicki mit, wie ich mit Lisi redete, und das war der Anfang vom Ende unserer Beziehung.

Oma legt mir tröstend die Hand auf die Schulter.

»Kopf hoch, Stumperl«, sagt sie und benutzt den Kosenamen, den sie wegen meiner nicht gerade hochgewachsenen Statur schon von Kindheit an für mich hat. »Für dich hält das Leben auch noch jemanden bereit, der dir die Sterne vom Himmel holt.«

Den Spruch sagt sie mir, seit meine erste Freundin Daniela mit mir Schluss gemacht hat. Das war kurz vor meinem achtzehnten Geburtstag. Allmählich verliere ich den Glauben daran, dass Oma mit ihrer Prophezeiung recht behalten wird.

Im Moment ist es auch weniger mein nicht vorhandenes Liebesleben, das mich beschäftigt, als diese verdammte Klausur, die ich bestehen muss.

*

Bei der Marken- und Urheberrecht-Klausur falle ich zum zweiten Mal durch. Ein Punkt fehlt mir, um zu bestehen. Ein einziger Punkt!