Die Stille nach dem Mord - Annette Berr - E-Book

Die Stille nach dem Mord E-Book

Annette Berr

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Beschreibung

Annette Berrs temporeicher und spannender Thriller führt die Leser in düstere Abgründe von Sexualität und Liebe. Zugleich erzählt Berr die Geschichten der involvierten Menschen, der Familie auf dem Hof, der Kommissare und einer Polizistin, die mit der Aufklärung des Falls beschäftigt sind, der Redakteure des dörflichen Käseblatts und die Geschichte von Frike, die noch eine andere Identität hatte, als die, in der Jana sie kannte. In ihrer Eindringlichkeit lassen die von Annette Berr geschaffenen Bilder die dörfliche Lebenswelt lebendig werden. Das Licht, die Landschaft, die Gefühle der Menschen. Der extrem dünne Grad zwischen dem Abgründigen, „Bösen", und dem „Guten".

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Seitenzahl: 532

Veröffentlichungsjahr: 2009

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Annette Berr,

Die Stille nach dem Mord

Thriller

konkursbuch Verlag Claudia Gehrke

Zum Buch:

Die Freundinnen Jana und Frike verbringen ihren ersten gemeinsamen Urlaub in einer einsamen Ferienhaussiedlung irgendwo im tiefsten Brandenburg. Jana wird krank, ihr Fieber steigt. Die Siedlung liegt in einem Funkloch. Frike beschließt, trotz scheußlichen Wetters noch in der Nacht Hilfe zu holen. Einige Tage später erwacht Jana aus ihren Fieberträumen. Frike ist verschwunden. Eine unheilvolle, atemberaubende Geschichte nimmt ihren Lauf. Jana gibt eine Vermisstenanzeige auf. Bis sie weiß, was mit ihrer Freundin geschehen ist, möchte sie in der Gegend bleiben. Beim Trampen ins Dorf lernt sie einen Jungen kennen, der sie auf den Hof seiner Familie einlädt. Da sie sich in der einsamen Siedlung ohne Frike sehr unwohl fühlt, nimmt sie die Einladung dankbar an. Als Frike gefunden wird, verschließt Jana sich ihrer Trauer. Stattdessen wird sie von Wut getrieben, macht sich auf die Suche, entdeckt Ungeheuerliches und gerät schließlich in Lebensgefahr. Ein dramatischer Showdown beginnt. Das Buch gehört zu den 5 besten Krimiis 2008  Nominiert für den Friedrich-Glauser-Preis 2008.

„Es war Annette Berrs klarer Blick auf die Menschen, ihre Leidenschaften und Obsessionen, ein Blick, der mich tief in den Abgrund der Liebe hat schauen lassen ... Nur selten schaffte es ein Buch, mich wirklich so in Angst zu versetzen wie DIE STILLE NACH DEM MORD von Annette Berr." (R. Jahn, WDR)

AVIVA-Tipp: Sie kann es tatsächlich! Annette Berr fesselt über mehr als vierhundert Seiten die Leserin mit einem grandiosen Thriller. Nichts für schwache Nerven, soviel sei verraten, aber ungemein spannend und kaum aus der Hand zu legen. Sie sollten sich ein gemütliches Wochenende gönnen, alle Verabredungen absagen und sich ausschließlich diesem Krimi widmen. Sie werden fürstlich entlohnt! (Aviva)

Rechtschreibung

Es gibt in der Aussprache einen Unterschied zwischen was und Wasser, Haß und hasser. Wasser füllt vielleicht den Stausee, aber hasserfüllt gar nichts, denn nach den Haß gehört eine Pause von einer Millisekunde, um deutlich zu machen, daß jemand haßerfüllt ist, und nicht hasser füllt.

Wenn Sie den oberen Absatz laut und deutlich vorlesen, werden Sie merken, daß sich Ihr Mund bei hasserfüllt ganz anders bewegt, als bei haßerfüllt.

Das mag für Menschen, die Sprache nicht als Kunstform, sondern Gebrauchsgegenstand benutzen, keinen Unterschied machen.

Mir tut es weh.

Als Schreiberin habe ich nur die Buchstaben und Sonderzeichen, um meine inneren Bilder zu malen, um Rhythmus und Melodie zu schaffen. Ich möchte auf das ß nicht verzichten. Es setzt Pausen, Taktstriche, es bringt Schärfe in einen Text.

Vielleicht sehe ich diese Angelegenheit in einem oder fünf Jahren völlig anders.

Nur für heute halte ich jedoch am Bewährten fest.

Personen:

Jana Tschaikowskij: liebt Frike

Friederike Holz: liebt Jana

Ole Schuldt: macht ein Praktikum beim Landanzeiger

Silke Schuldt: möchte Landwirtin werden

Maike Schuldt: ist meistens mit ihrem Leben einverstanden

Karsten Schuldt: redet nicht sehr viel

Willi: ist Stallhelfer bei den Schuldtes

Insa Schönchen: lebensfrohe Redakteurin des Landanzeigers

Harry Schönchen: Redakteur und begeisterter Ehemann

Professor Landwehr: liebt Ameisen

Doktor Schäfer: Tierarzt, liebt alle Tiere

Waisenjunge: liebt seinen Hund und spricht mit Toten

Rettweiler: der dicke Kommissar, der gerne  ißt, und Frauen bewertet

Hartlieb: der graugesichtige Kommissar, hat Angst vor Tempo

Sandra Wiemann: die blondierte Polizistin,  ein scharfer Zahn

Der Mann mit dem halben Gesicht: hat ein verpfuschtes Leben

Betty aus dem Buchladen: ist keine große Hilfe

Frau Kummerbrot: Nachbarin, sieht fast alles

Frau Lein: Nachbarin, sieht den Rest

Manchmal merke ich erst beim Schreiben, wie stark durchdrungen und inspiriert eine Geschichte von einem anderen, ganz bestimmten Menschen ist. Auch wenn ich gar nicht vorhatte, dieses Buch jemandem zu widmen, widmete es sich selbst ... der Vampirin

Inhaltsverzeichnis

Titelseite & Klappentext

Prolog

1.

Samstag 8. März

Montag

Dienstag

Mittwoch

Donnerstag

2.

Donnerstagabend

Freitag

Montag

Dienstag

Mittwoch

Donnerstag

Freitag

3.

Freitag

Samstag

Sonntag

Epilog

Nachwort

Zur Autorin Annette Berr

Impressum

Prolog

Schneeflocken wirbeln aus dem dunklen Raum auf ihn zu. Kaum geraten sie in den Lichtkegel seiner Scheinwerfer, teilt sich die dichte tanzende Wand. Eine Furt öffnet sich, er gleitet hindurch. Hinter ihm schließt sich der grauweiße Vorhang, verschluckt seinen Wagen, dämpft jedes Geräusch.

Der Abend ist weit fortgeschritten, die Dämmerung tief, und der dichter werdende Schneeflug zwingt ihn, das Tempo zu drosseln. Mittlerweile fährt er nicht schneller als Schrittempo, trotzdem reicht seine Sicht kaum fünfzehn Meter weit. Jedoch glaubt er sich sicher, denn sein fotografisches Gedächtnis kennt hier mittlerweile jede Kurve, jeden Apfelbaum, jede Allee und all die unscheinbaren Feldwege, die sich seitlich neben der Landstraße schlängeln, ehe sie unvermittelt den Asphalt kreuzen.

Äcker und Wiesen, die den Graben säumen, sind weiß überhaucht; darunter glänzt die Feuchtigkeit dunkel. Auch auf der Straße bleibt der Schnee nicht liegen. Es ist nicht kalt genug. Es taut fast sofort. An den Auffahrten der Feldwege ist es deshalb sogar gefährlich rutschig, denn die typisch lehmige Erde der Region wird in Verbindung mit reichlich Wasser so glatt wie Schmalz. Selbst seine Winterreifen haben Schwierigkeiten, den Halt nicht zu verlieren. Er fährt konzentriert. Er hält das Steuer, entgegen seiner Gewohnheit, mit beiden Händen. Die Straßenlage fordert seine ganze Aufmerksamkeit, der Körper ist gespannt, er spürt Feuchtigkeit unter den Handflächen. Diese seltsame Erregung, die ihn schon den ganzen Tag angetrieben hat, verstärkt sich noch.

Er denkt, vielleicht ist er schon sein Leben lang ein Suchender. Falls ja, dann wußte er jedoch nie, wonach er sucht. Ein Suchender zu sein, bedeutet nicht, umherzustreifen und zu suchen. Es bedeutet, tief innen wach zu bleiben und im richtigen Moment die Tür weit aufzustoßen, um den Augenblick hereinzulassen. Er könnte das, was er sucht, nicht in Worte fassen. Er könnte es nicht beschreiben. Er weiß nur eins: wenn er es jetzt vor sich sieht, wird er es sofort erkennen.

Aus dem Fond des Wagens dringt ein klagender Laut in seine Gedanken. Im Rückspiegel kreuzt er den Blick des Gefährten.

Er spürt, wie Liebe seine Augen erwärmt.

Leise beginnt er zu summen.

Ein Schlaflied.

1.

Samstag 8. März

Sie öffnete Schublade um Schublade. Mit hastigen Bewegungen wühlte sie durch die fremden Küchenutensilien. Nichts! Absolut nichts! Nicht im Bad, nicht in der kleinen Küche und auch nicht in der Veranda zwischen dem Werkzeug. Verflucht, sie wollte nicht glauben, daß hier keiner der Feriengäste je krank gewesen war. Normalerweise ließen alle Abreisenden dieser Welt doch jeden nur denkbaren Schrott zurück, ganz gleich ob auf Campingplätzen, in Ferienhäusern oder Mietwohnungen. Allein aus dem Bad hatten sie bei ihrer Ankunft fünf verschiedene klebrige Shampooflaschen entsorgt. Die Hängeschränke in der Küche quollen über von angebrochenen Lebensmitteln und abgelaufenen Konservendosen – und da sollte sie nun ausgerechnet auf der Suche nach Medikamenten leer ausgehen? Das erschien ihr doch sehr unwahrscheinlich, als geübte Ferienhausmieterin kannte sie die Gepflogenheit ihrer Mitmenschen, sich nur ungern um eigene Hinterlassenschaften zu kümmern, welcher Art auch immer diese waren.

Also suchte Frike weiter.

Na bitte! Triumphierend zog sie endlich eine riesige Keksdose aus dem altersschwachen Eckregal. Die Dose war vollgestopft mit kleinen Überraschungen! Frike schüttete den Inhalt kurzerhand auf den Boden. In erster Linie handelte es sich um Mückenabwehrmittel und Insektenstichsalben. Das verwunderte sie nicht, denn die zahlreichen kleinen Seen und Teiche waren im Sommer eine ideale Kinderstube für Mückenbrut. Wegen des lehmigen Bodens lag der Grundwasserspiegel hier hoch und es gab nicht nur ungewöhnlich viele kleine Gewässer, sondern sie betteten sich zum Teil sogar mitten in die bewirtschafteten Äcker, nur lose von einigem Laubgehölz und Sträuchern umwachsen. Die besonderen Eigenschaften der Erde waren auch der Grund, weshalb die nur sporadisch bewohnten Ferienbungalows keine Keller besaßen. Schon beim kleinsten Regenschauer stieg der Grundwasserspiegel so rasant, daß die Keller unweigerlich vollaufen würden. Wer hätte die Pumpen bedienen sollen?

Dieses Häuschen allerdings bildete eine Ausnahme. Es besaß einen kleinen, sehr niedrigen Verschlag unter der Rückseite des Hauses, der vielleicht im Sommer dazu dienen sollte, Lebensmittel, die nicht unbedingt in den Kühlschrank mußten, frisch zu halten. Frike hatte den Zugang, der sich als bemooste schwarze Holzplatte unter Brombeerhecken in den Boden einfügte, am Tag ihrer Ankunft nur versehentlich entdeckt. Ihre angeborene Neugier hatte sie zu einer kurzen Inspektion hinuntergetrieben, doch die im Taschenlampenlicht sichtbar werdende Ansammlung von kältestarren Molchen hatte sie sehr schnell wieder aus der klammen, mit Feldsteinen ausgekleideten Grube hinausgejagt.

Besorgt kniete sie zwischen Tuben und Pillenpackungen. Endlich fand sie etwas, das sich als brauchbar erweisen könnte: Vier „Aspirin plus C“ und zwei „Paracetamol-Zäpfchen 500“. So könnte sie immerhin versuchen, das Fieber zu senken und die Kopfschmerzen zu lindern. Sie füllte ein Glas mit Wasser, warf zwei Aspirin hinein und beobachtete enttäuscht, was geschah: Nichts. Es sprudelte nicht. Also versuchte sie, das winzige Ablaufdatum auf der Aluminiumverpackung zu entziffern, ach du gute Güte, haltbar bis August vor vier Jahren. Kurzentschlossen schüttete sie den Inhalt ins Waschbecken. Mit Lebensmitteln war sie nicht so pingelig, doch bei Medikamenten nahm sie es sehr genau. Na gut, dann also die Zäpfchen ..., sie zögerte peinlich berührt, das würde Jana alleine machen müssen. Denn so vertraut waren sie sich nicht. Die Verliebtheit war noch frisch. Jede Berührung neu und zaghaft. So hingebungsvoll auch ihr Sex war, so verhalten waren ihre Berührungen im Alltag. Körperpflege und gewisse Verrichtungen erledigten sie grundsätzlich allein. Selbst das Zähneputzen fand getrennt hinter verschlossener Tür statt. Es war ihr erster gemeinsamer Kurzurlaub, sozusagen die erste Bewährungsprobe. Vier Tage und Nächte absolute räumliche Nähe. In Frikes Vorstellung sogar erschreckend nah, wenn nicht gar eng. Dann war Jana krank geworden. Direkt am Freitagmorgen, nach ihrer ersten Nacht im Ferienhaus. Zuerst nur Gliederschmerzen und leichtes Fieber, doch war es stündlich schlimmer geworden. Mittlerweile lag sie schon den zweiten Tag auf der Couch, und war kaum  ansprechbar. Frike sorgte sich sehr. Gerne hätte sie jemanden zu Hilfe gerufen, doch es gab hier nicht nur kein Telefon, sondern auch kein Netz, und selbst wenn es eins gegeben hätte, wen, in dieser absoluten Ödnis, hätte sie rufen sollen. Am Nachmittag, als Jana nach einer endlosen Prozedur von kalten Wadenwickeln und Stirnkompressen endlich eingeschlafen war, hatte Frike sie für etwa eine halbe Stunde allein zurückgelassen, um sich mit dem Mobiltelefon in der Hand auf die Suche zu begeben. Zuerst hatte sie nur den Bungalow, und dann die ganze Ferienhaussiedlung in immer größeren Kreisen umrundet, den Blick ständig aufs Display gerichtet. Es blieb vergeblich, sie fand kein Netz.

Frike nahm die Zäpfchen und stand auf. Da fiel ihr Blick auf einen nachlässig gewickelten Lappen. Sie schlug ihn auseinander: ein Thermometer! Ein vorsintflutliches Modell aus dünnem Glas mit einer Quecksilberfüllung. Unwillkürlich stellte sie sich vor, wo überall das Ding schon gesteckt haben mochte, und prompt überfiel sie Ekel. Ein leichtes Würgen stellte sich ein und verschwand erst nach mehreren Minuten wieder. Doch sie brauchte dieses Ding. Also rieb sie es im Garten mit Petroleum ab, und wusch es anschließend mit Seife.

Alles weitere überließ sie Jana selbst und ging in die Küche. Die Wartezeit vertrieb sie sich mit dem Betrachten der resopalbeschichteten Hängeschränke.

Sie war verliebt und fühlte sich hilflos.

„Wo hast du gemessen?“ fragte sie nun ungläubig, den Blick auf die glänzende Quecksilbersäule der Skala gerichtet.

„Unter dem Arm“, murmelte Jana.

Es zeigte 40,5°! Das würde ja bedeuten, daß sie über 41° Fieber hatte. Das war nicht möglich! Nach all den Wadenwickeln war es schlichtweg nicht möglich, ein solch hohes Fieber zu haben. Das Thermometer war sicher kaputt. Sie wischte es flüchtig ab und schob es sich zur Kontrolle selbst unter die Achsel. Knapp 36°! Es war nicht kaputt! Oh Gott, was sollte sie nur tun?! Ihr wurde schlagartig klar, daß Jana mit dem Tod rang.

Sie müßte Hilfe holen!

Der nächste Ort war nur knapp vier Kilometer entfernt, zumindest wenn sie die Abkürzung über die Feldwege nahm. Sobald sie es durch die Dunkelheit bis zur Landstraße geschafft hatte, müßte sie nur noch geradeaus gehen. Mit etwas Glück wäre sie in einer Dreiviertelstunde dort. Sie blickte durchs Fenster. Draußen wirbelten Schneeflocken durch die Dunkelheit. Zögernd trat sie vors Haus. Es war kalt und ungemütlich. Der matschige Boden saugte sich an ihren Schuhen fest. Außerhalb des nur von den Zimmerfenstern matt erleuchteten Gartens war es so finster wie in einem Walfischbauch. Entschlossen, ehe sie es sich anders überlegte, drehte sie sich um, trat in die Diele, zog zwei dicke Pullover an und suchte in dem muffig riechenden Sammelsurium vergessener Gegenstände nach einer Regenjacke. Sie fand nicht nur was sie suchte, sondern sogar ein paar Gummistiefel, die zwar eine Nummer zu groß waren, ihr aber immer noch vernünftiger erschienen als die eigenen durchnäßten Lederschuhe. Eine tief ins Gesicht gezogene Mütze rundete die Sache ab. Solcherart vermummt ging sie noch einmal ins Haus, um Jana einige Flaschen Wasser und eine Packung Zwieback an die Couch zu stellen. Jana griff mit ihren fieberheißen Fingern nach Frikes Hand.

„Wo gehst du hin?“ fragte sie leise.

„Mach dir keine Sorgen, ich gehe kurz in den Ort, ich bin gleich wieder zurück.“

Jana hielt Frikes Hand erstaunlich fest. „Nein, geh nicht weg“, bat sie nachdrücklich.

„Schlaf ein bißchen, alles wird gut. Ich bin gleich wieder da.“

Mit glänzenden Augen blickte Jana aus ihrem geröteten Gesicht empor: „Du hast Fell auf den Händen!“

Frike stutzte. Dann lächelte sie. Ihre zauberhafte Geliebte litt manchmal unter seltsamen Eingebungen und merkwürdigen Vorahnungen. Manche dieser Visionen, wie sie selbst es nannte, ließen sich im Nachhinein erstaunlicherweise mit eingetretenen Ereignissen in Verbindung bringen – andere nicht. Doch Fell auf den Händen? Das war eindeutig keine Vision, sondern Fieber.

„Jana, mein Schatz, das Fell das du meinst, trage ich nicht auf den Händen.“ Sie beugte sich hinab und hauchte einen zarten Kuß auf diese Stirn, hinter deren Knochenwand offenbar die allerschärfsten Filme tobten. „Ich habe das Fell gut versteckt, dort wo ich es immer verstecke. Ich verspreche dir, daß ich es wohlbehalten wieder mit nach Hause bringen werde, um es dann in deine unbehaarten Hände zu legen.“

Kaum war sie wenige Meter hangaufwärts dem Pfad gefolgt, stand sie auch schon in vollkommener Finsternis. Die Schneeflocken tanzten um sie her, doch da es fast noch Neumond war, fehlte es an Licht, um das Weiß der schütteren Schneedecke zum Leuchten zu bringen. Unter den Schritten ihrer Gummistiefel verwandelte sich der feuchte Schnee unmittelbar in Matsch. Der saftige Grund klammerte sich in das grobe Profil ihrer Sohlen, und bei jedem Schritt spürte sie, wie der Morast versuchte, ihr die Stiefel von den Füßen zu zerren. Sie stapfte voran und hoffte, gleich auf den mit Steinen und Schotter notdürftig befestigten Weg zu treffen. Und tatsächlich, da war er. Erleichtert bog sie nach links, denn der Marsch durch den Schlamm hatte sie mehr Kraft gekostet, als sie erwartet hatte. Jetzt schritt sie wieder zuversichtlich aus. Bis zur Straße konnte es nicht mehr weit sein. Sie ignorierte das stete Scheuern der Stiefel. Längst waren ihre Wollsocken abwärts gewandert und drückten unter den Fußsohlen. Sie würde sich fette Blasen laufen. Doch das hielt sie nicht auf. Erst als kurz darauf das Wetter umschlug, und sich der Wind in einen stürmischen Schneeregen verwandelte, der ihre Hosen durchnäßte und mit eiskalten Zähnen in ihre Schenkel biß – zögerte sie. Ein Blick auf die Uhr ihres Handys, es war fast neun. Sie war eine halbe Stunde unterwegs, hatte nicht annähernd die Strecke geschafft, die sie hätte schaffen müssen, und besaß kaum noch Kraft. Ihre Zuversicht schwand. Das Wetter war gegen sie. Obwohl sie ausgeruht war, und von Natur her ein eher sportlicher Typ, hatte der Marsch durch den eisigen Regen sie dermaßen ausgekühlt und erschöpft, daß sie sich nicht entsinnen konnte, wann zuvor sie sich so mutlos gefühlt hatte. Sie sollte umkehren. Sie sollte warten, bis der Schneeregen aufhört, und lieber erst bei Tagesanbruch erneut losgehen.

Nein! Wenn sie jetzt keine Hilfe holte, würde Jana womöglich diese Nacht nicht überstehen. Eine Woge aus Zärtlichkeit und Sorge trieb sie voran. Sie ging weiter. Schritt um Schritt.

Endlich erreichte sie die Landstraße. Der aufgemalte leuchtendweiße Begrenzungsstreifen markierte von nun an in der Dunkelheit ihren Weg. Die knappe Hälfte hatte sie hinter sich gebracht. Sie überquerte die Straße. Zu ihrer eigenen Sicherheit trottete sie auf der linken Seite, sozusagen gegen den nicht vorhandenen Verkehr. Fest klebten die durchweichten Hosenbeine auf ihrer Haut. Durch die stete nasse Umklammerung und den eisigen Wind waren ihre Muskeln erstarrt und begannen zu schmerzen. Plötzlich rutschte ihr linker Fuß auf glitschigem Vorjahreslaub zur Seite, sie fand keinen Halt mehr und verlor das Gleichgewicht.

Sie stürzte.

Ein Stiefel glitt vom Fuß. Verzweifelt biß sie die Zähne aufeinander und bat den Himmel um Hilfe.

Hinter ihr, aus dem Nichts, wuchs ein Lichtkegel, der sie erfaßte. Es folgte das satte Klopfen eines Dieselmotors im ersten Gang, dann schwappte der Motor in den Leerlauf. Frike erhob sich. Wie betäubt vor Dankbarkeit taumelte sie auf den Wagen zu, näherte sich der Fahrerseite, blickte ins Innere ... und prallte entsetzt zurück. Dem Fahrer fehlte ein halbes Gesicht! Als ihr klar wurde, daß es sich um die Narben einer schweren Brandverletzung handeln könnte, hatte er längst Gas gegeben, seinen Wagen mitsamt einem Pferdeanhänger schwerfällig in Bewegung gesetzt, und war davongerollt. Im schneidend kalten Regen ließ er sie allein zurück! Zu verblüfft und erschöpft, um wütend zu werden, blieb sie auf dem durchbrochenen Mittelstreifen der Straße stehen und blickte den roten Rücklichtern des Transportanhängers hinterher, die sich ebenso schnell entfernten, wie ihr guter Wille sie verließ.

Wieder umfing sie nur die dunkle Nacht. Plötzlich, in die Stille hinein, drang ein Geräusch, das ihr unendlich vertraut war und sie mit allem versöhnte. Ihr Handy meldete sich. Es war wieder auf Empfang. Ein albernes kleines Piepsen signalisierte, daß neue Nachrichten in der Mailbox auf sie warteten. Während sie mit klammen Fingern in der vollgestopften Jackentasche nach dem Telefon wühlte, überschlugen sich die Ereignisse. In ihrer Freude, die ferngeglaubte Welt wieder zu sich durchdringen zu hören, hatte sie den herankommenden Wagen nicht bemerkt. Erst als erneut ein Licht von hinten auf sie sprang, realisierte sie die Gefahr. Doch ihre Beine, ausgekühlt und schwer, ließen sie nicht schnell genug zur Seite entkommen. Sie schrie. Der Fahrer versuchte auszuweichen. Frike ließ sich nach rechts fallen – den Bruchteil einer Sekunde zu spät. Obwohl der Wagen stark abgebremst war, reichte die Wucht des Aufpralls, um sie in den Graben zu schleudern. Dort blieb sie liegen. Alles, das an ihr noch trocken gewesen war, wurde vom Schneematsch durchtränkt. Sie fühlte keine Schmerzen. Nur in ihrer linken Hüfte schlug ein eigenartig taubes Pochen. Ansonsten schien sie unverletzt. Schwerfällig rollte sie auf die Seite. Sie stöhnte, stützte sich ab und richtete sich auf. Das ist heute nicht dein Tag, dachte sie.

Der Fahrer half ihr aus dem Graben und entschuldigte sich wortreich und ohne Unterlaß. Er bot an, sie selbstverständlich in den Ort zu fahren. Es gäbe dort einen Arzt im Ruhestand, den könnte man jederzeit um Hilfe bitten. Eine Praxis besaß er zwar nicht, doch für eine Erste Hilfe hatte er sicher alles zur Hand. Sollte es notwendig sein, würde er sie natürlich in die nächste Kreisstadt fahren. Es täte ihm wirklich alles unendlich leid.

Der stete Malstrom seiner Worte umspülte sie tröstend. Frike wurde sich vage bewußt, mitten auf der Straße gestanden, und insofern mindestens eine Mitschuld zu haben. Benommen wie sie war, behielt sie dennoch reflexhaft diese Gedanken für sich, denn ihr Instinkt sagte, es wäre schlauer, ihn im Glauben seiner Schuld zu lassen.

Er nahm ihr die Jacke und die durchnäßten Pullover ab, legte eine Wolldecke um ihre Schultern und schob sie sanft durch die Beifahrertür ins Wageninnere. Erleichtert ließ sie sich hineingleiten. Aus den Augenwinkeln registrierte sie, daß der Sitz mit einer Schutzhülle aus durchsichtigem Kunststoff überzogen war. Wie praktisch, dachte sie, da kann ich gar nichts schmutzig machen. Die plötzliche Wärme erfüllte sie mit Dankbarkeit und Erleichterung. Sie lehnte sich zurück.

„Wie geht es Ihnen jetzt?“ fragte er.

„Es geht schon.“

„Ist Ihnen schwindlig?“

Frike lauschte nach innen. „Nein“, sie schüttelte den Kopf.

Aus dem Fond des Wagens drang ein dumpfes Knurren. Erschrocken drehte sie sich um. Hinter einem Absperrgitter aus ehemals weißem, aber längst vergilbten und zerkratzten Kunststoff, lag ein großer Hund auf der Rückbank, er hatte die Lefzen gehoben und rollte eine stete Drohung aus den Tiefen seines haarigen Brustkorbs.

„Still!“ befahl der Fahrer. Er beruhigte Frike: „Keine Angst, er ist anfangs immer ein bißchen eifersüchtig. Er mag keine Fremden. Am besten ignorieren Sie ihn, dann hört er von selbst auf.“

„Eifersüchtig?!“ Diese Formulierung erschien ihr befremdlich.

Vorsichtig hielt sie eine Hand vor das Gitter. Der Hund hörte auf zu knurren, und schnupperte eine Weile, ehe er ihre Finger abschleckte. Sie lachte verhalten, und sagte: „Ich kann ganz gut mit Hunden. Sehen Sie? Er mag mich!“ Ein kurzer Blick strafte sie ab. Als würde er sie ganz plötzlich wiedererkennen. Eine Mischung aus Gedemütigtsein und Abschätzen des Gegners. Hastig zog sie die Hand zurück.

Doch ein undefinierbares Schuldgefühl ergriff von ihr Besitz. Sie haßte dieses Gefühl. Es war ihr zutiefst vertraut, wie ein ungeliebtes Zuhause, dem zu entkommen lebenslänglich nicht vergönnt war. Manchmal glaubte sie im Scherz, sie wäre auf die Welt gekommen, um schuldig zu sein. Unwohl lehnte sie sich zurück in die knisternden Polster. Doch die Beklommenheit zwischen ihnen wuchs. Es war offensichtlich, daß der Fahrer ihr grollte. Sie fragte sich, was sie falsch gemacht hatte, dabei wußte sie, daß ein wirklicher Anlaß, ein nachvollziehbarer Auslöser, für dieses Gefühl nicht notwendig war. Es bedurfte nur einer zufälligen Berührung des versteckten winzigen Knopfes, der sich dann sogleich in eine Brücke verwandelte, in einen Gerichtssaal, in einen Richterspruch: Schuldig! – Keines Vergehens schuldig, sondern schuldig des Atmens.

Um der Beklemmung zu entkommen, tastete sie auf der Suche nach einem Gesprächsthema mit den Augen durchs Auto. Ihr Blick blieb an etwas hängen, das auf der Ablage der Fahrerseite lag. Sofort war ihr klar, um was es sich dabei handelte, denn sie selbst besaß Dutzende dieser Dinger. Es waren zwei dünne milchigdurchsichtige Handschuhe aus Vinyl.

*    *    *    *

Montag

Der Wecker knarrte! Maike Schuldt rollte zur Seite und stellte ihn zwanzig Minuten vor, denn für ihren Mann Karsten würde das Tagwerk erst kurz vor vier beginnen. Ergeben starrte sie an die Decke. Wieder ein neuer Tag. Wieder ein Haufen Arbeit. Wieder die gleichen Handgriffe und die gleichen Gespräche mit denselben Leuten. Nach einigen Momenten des inneren Anlaufs schnellte sie ruckartig in die Höhe und setzte sich auf die Bettkante.

Mit flinken Handgriffen bereitete sie ein kleines Frühstück. Warmer Haferbrei und eine Kanne Kaffee. Richtig essen würden sie nach sechs Uhr. Zunächst müßten sie die 125 Stück Milchvieh in einem ersten von täglich zwei Melkgängen von ihrer Last befreien. Seit der Hof ganz allmählich auf ökologische Viehwirtschaft umstellte, hatte sich die Arbeit noch vermehrt. Jetzt wurden zusätzlich zu den 100 bisher konventionell gefütterten Kühen auch noch die 25 neuen Tiere gemolken. Nach und nach würden sie den Gesamtbestand wieder verringern, doch zurzeit arbeiteten sie noch am Aufbau der neuen Herde. Das alles war Silkes Idee gewesen. Die Große! Der Augapfel ihres Vaters. Der Sonnenschein. Klug, selbstbewußt und erfinderisch. Eines Tages würde sie den Hof übernehmen. Leider vergaß sie manchmal, daß sie ihn noch nicht hatte! Oft ärgerte sich Maike über ihr eigenes Kind. Und über sich selbst, weil sie sich über so einen Quatsch ärgerte. Und über ihren Mann, der gar nicht bemerkte, wie er um den Finger gewickelt wurde, und der sich jede Diskussion darüber verbat. Gerne hätte sie zum Ausgleich ihren Sohn favorisiert, doch der war und blieb ihr fremd.

Ihre Tochter Silke war schon als kleines Mädchen voller Experimentierfreude gewesen, stets bereit, in Frage zu stellen, was angeblich allgemeingültig sein sollte. Schnell war klar, daß dieses handfeste Mädchen Landwirtschaft und BWL studieren würde, um später den Hof zu übernehmen. Ihr jüngerer Bruder taugte nicht zum Bauern. Nach jahrelangen Streitereien zwischen ihm und seinem Vater war er früh ausgezogen, um in der Kreisstadt zu studieren. Erst seit kurzem gab es zwischen den beiden Männern wieder eine Annäherung. Die kommenden Semesterferien würde ihr Sohn erstmals hier auf dem Hof verbringen.

Das Wasser kochte. Sie überbrühte den Kaffee, als sich auch schon die Tür öffnete und alle drei hereintrollten. Ihr Mann Karsten, ihre Tochter Silke und dahinter Willi, der bei ihnen als Stallhilfe arbeitete, der aber auch alles andere, was auf einem Hof so anfiel, geschickt erledigte. Schweigend wurde gefrühstückt, dann standen sie auf und traten in die Nacht. Als sie die Tür zum Hauptstall öffneten, drang ihnen die feuchte Wärme der Tiere entgegen. Die Kühe standen in vier Reihen zu je fünfundzwanzig Stück. Jeder von ihnen arbeitete sich zunächst konzentriert durch eine Reihe. Schnell, gewissenhaft, gleichmäßig. Es gab acht Melkmaschinen, zwei pro Person. Während eine Maschine arbeitete, wurde die zweite ans Tier gebracht. So verging keine einzige Sekunde ungenutzt. Maike trug die zwei Eimer mit warmem Wasser zum nächsten Tier. Sie wusch und desinfizierte das Euter mit festem Griff, dann massierte sie ihn zum Anrüsten sorgsam bis er hart wurde. Um die abgestandene alte Milch aus dem Euter zu entfernen, drückte sie aus jeder Zitze mehrmals einen kräftigen Strahl in den dafür vorgesehenen Eimer und setzte erst dann die Zitzenbecher an. Während die Milch durch die Schläuche sprudelte, ging Maike zurück in die vorherige Box, nahm die Maschine vom erschlafften Euter, strich ihn von allen vier Seiten kräftig aus, um ihn auch wirklich vollständig zu entleeren und möglichen Entzündungen vorzubeugen, dann erst schob sie die Maschine zum nächsten Tier. Und so weiter. Und so fort. Die immergleichen Handgriffe und Bewegungen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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