Die Stille um Maja Abramowna - Margarita Chemlin - E-Book

Die Stille um Maja Abramowna E-Book

Margarita Chemlin

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Beschreibung

Die schöne Maja Abramowna aus dem ukrainischen Städtchen Ostjor hat Krieg und Holocaust überlebt und »mehr gesehen, als gut tut«. Mit ihrer Mutter zieht sie nach Kiew, arbeitet in einer Sparkasse und macht im Abendstudium eine Ausbildung zur Mathematiklehrerin. Als sie sich verliebt, lernt sie schockartig, dass sie ihre jüdische Identität nicht ablegen kann − und zu äußerster Vorsicht gezwungen ist. Sie verbietet ihrem Sohn, Großmutters Sprache, Jiddisch, zu sprechen. Stalins Sowjetunion hat zwar den Faschismus besiegt; doch sicher fühlen können sie sich hier nicht. Weiterleben um den Preis des Schweigens − diese Erfahrung prägt die verstörende Gefühlswelt und die brüchige Sprache, die Margarita Chemlin ihrer Heldin leiht. Banalität und tiefe Wahrheit, groteske Komik und namenloser Schrecken stehen hart nebeneinander. Eine der großen, noch »unerzählten« Geschichten in der europäischen Literatur.

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Seitenzahl: 364

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Margarita Chemlin

Die Stille um Maja Abramowna

Roman

Aus dem Russischen von Olga Radetzkaja

Jüdischer Verlag

Die Originalausgabe erschien 2009 u.d.T. Klocvog im Centr knigi VGBIL im. M.I.Rudomino

Die Übersetzerin dankt dem Deutschen Übersetzerfonds für die Unterstützung ihrer Arbeit.

eBook Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag Berlin 2012

© Suhrkamp Verlag Berlin 2012

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm und andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

eISBN 978-3-633-77980-2

www.suhrkamp.de

Ich heiße Maja Abramowna, mit Mädchennamen Klozwog.

Ein sehr seltener Name, aber was er genau bedeutet, ist mir nicht bekannt. Falls es jemand weiß, es würde mich interessieren. Obwohl das für mich nicht wichtig ist – wichtig ist, wie ein Mensch seinen Weg gegangen ist, nicht wie er mit Nachnamen heißt.

Ich bin Jahrgang 1930, und wie alle in meiner Generation habe ich mehr gesehen, als guttut.

Von Beruf bin ich Mathematiklehrerin. Jetzt natürlich in Pension. Aber ich betrachte mich nicht als ehemalige Lehrerin. Lehrer gehört zu den Berufen, die nicht in der Vergangenheitsform vorkommen. Dieser Gedanke hilft mir sehr.

Geboren bin ich in Ostjor, einem Städtchen im Bezirk Koselez, Gebiet Tschernigow. Heute kennt den Ort kaum noch jemand, aber als ich auf die Welt kam, war er ein wichtiges jüdisches Zentrum. Auf Bezirksebene waren praktisch alle leitenden Beamten Juden, und sie arbeiteten Hand in Hand mit den anderen Nationen und Volksgruppen. Mit dem ukrainischen Volk an erster Stelle. Und niemand hat sich beschwert.

Aber darum geht es nicht.

Die Leute haben nicht die Geduld zum Leben. Manche noch weniger als andere. Ich habe immer Geduld und Verständnis gehabt.

Meine Erinnerungen an die frühe Kindheit sind erfüllt von der Schönheit meiner Heimat: Die Flüsse Ostjorka und Desna – auf der Strecke Ostjor–Kiew fuhr der Dampfer Nadeshda Krupskaja –, die wunderbaren Wälder, die schöne Architektur ringsum, besonders das Gebäude der alten Synagoge an der einzigen geraden Straße, der Perwomajskaja. An derselben Straße, nur am anderen Ende, Richtung Soloninowstschina, lag auch das Kino. In der Synagoge spielte bis Mitte der dreißiger Jahre ein Jiddisches Theater. Auch später wurde sie weiter als Theater genutzt. Dort traten Amateure auf, Anhänger der Laienkunst, darunter auch meine Mutter Faina Lejbowna.

In Soloninowstschina, auf dem Anwesen eines mir unbekannten Gutsbesitzers, hatten sie ein Stadion eingerichtet, aber dort gingen wir selten hin, es war zu weit. Bekannt im ganzen Gebiet war auch das Heimatmuseum aus dem Jahr 1906.

Uns fehlte es an nichts. Wir waren begeisterte Muschelsammler und -köche. Wenn wir zu viel Muschelfleisch aßen, mussten wir das büßen. Aber zum Glück war unsere Verdauung abgehärtet.

Was ich mir als Kind angeeignet habe, hat mir auch später geholfen, mit widrigen Umständen fertigzuwerden.

Ich weiß noch, meine Großmutter konnte meisterhaft Strümpfe unterm Knie eindrehen, so dass sie nicht herunterrutschten und keine Falten warfen. Es gab ja keine Gummibänder oder andere Hilfsmittel. Meine Strümpfe sahen immer tadellos aus. Von meinen Freundinnen, denen ich den Trick zeigte, schaffte das kaum eine – aber das war erst später. Als Kinder hatten wir diese Sorgen nicht, da liefen im Winter alle in bequemen Pumphosen aus dem erstbesten Stoff herum, und um es warm zu haben, wickelten wir darunter noch Zeitungen um die Beine.

Die Zeit des Großen Vaterländischen Krieges habe ich mit meiner Mutter und meiner Großmutter in der Evakuierung verbracht, in der Nähe von Atbassar in der Kasachischen Sowjetrepublik. Meine Großmutter starb an einer Lungenentzündung.

Meine Mutter und ich arbeiteten in einem Waggon-Reparaturwerk. Ich machte Fortschritte im Schlosserhandwerk, der Meister hatte besonderen Respekt vor mir. Er litt an einem Magengeschwür, und wir hatten vereinbart, dass ich ihm meine Alkoholration gab und er mir seine Milch. So bekam ich die zusätzliche Nahrung, die ein dreizehnjähriges Mädchen in meinem Alter brauchte.

Nach und nach erfuhren wir, dass unser Mann und Vater beim Übergang über den Dnepr gefallen war. An die Reaktion meiner Mutter erinnere ich mich nicht.

Mein Vater war in jeder Hinsicht ein fürsorglicher, gutherziger Mensch gewesen. Vom Polenfeldzug hatte er sich einen Anzugstoff mitgebracht, einen weichen grauen mit winzigen Pünktchen. Meine Mutter zog einen Faden heraus und zündete ihn an, um die Qualität zu überprüfen. Der Faden brannte, statt zu verglühen, und der Geruch war nicht der richtige. Mama schloss daraus, dass der Stoff nicht aus Wolle war, wie mein Vater geglaubt hatte. Aber sie sagte ihm nichts. Sie wollte ihm keinen Kummer machen.

Auch für meine Mutter und mich gab es Kleiderstoffe als Mitbringsel: einen dunkelbraunen mit glänzenden Streifen, und einen mit ganz dünnen, gestrichelten. Ihre Zusammensetzung überprüfte meine Mutter nicht. Oder zumindest habe ich nichts davon mitbekommen. Genäht wurden die Kleider nach englischer Fasson. Nicht von meiner Mutter, wohlgemerkt, dafür war die Verantwortung zu groß und der Stoff zu teuer, sondern von einem guten Schneider, Ilja Mordkowitsch Chejfez – das lief über Beziehungen, denn er hatte viel zu tun und meine Mutter hatte es eilig, deshalb zahlte sie hinter Papas Rücken einen hohen Aufpreis.

Vor unserer Abreise in die Evakuierung legte meine Mutter die beiden Kleider auf den Betten bereit, damit wir sie über unsere Sommerkleider ziehen konnten. Aber in der Eile vergaßen wir sie. Irgendwer von denen, die in Ostjor geblieben sind, wird sie wohl aufgetragen haben. Ich hatte die Hoffnung, mein Kleid wäre bei meiner guten Freundin Bellotschka Owruzkaja gelandet und sie würde es mir nach meiner Rückkehr zurückgeben.

Bella war mit ihrer vielköpfigen Familie in Ostjor geblieben, sie wollten nicht in die Evakuierung. Sie hatten nur ein Fuhrwerk bekommen, Bellotschkas Großvater verlangte aber zwei, um alles Nötige mitnehmen zu können. Das wurde abgelehnt – dabei hatten sich manche sogar zusätzliche Karren besorgt, die sie gar nicht gebraucht hätten, wenn sie nicht Kram für die nächsten hundert Jahre mitgeschleppt hätten.

Bellotschkas Großvater warf sich in die Brust: »Wenn die Leute kein Gewissen haben, soll ich ihnen vielleicht von meinem was abgeben? Dafür bin ich nicht mein Leben lang ehrlich gewesen. Sollen sie sich selber schämen, soweit ihr Gewissen es erlaubt.« Mit der Gerechtigkeit nahm er es genau. Die Owruzkis wurden mit allen anderen Juden in einer Schlucht oberhalb der Desna erschossen, wie wir aus einem Brief von einer Bekannten meiner Mutter erfuhren, 1944, als man wieder zurückdurfte und wir uns auf den Weg machten. Mein Kleid war endgültig verschollen, und darüber weinte ich aus ganzem Kinderherzen.

Was aus Papas Stoff geworden ist, weiß ich nicht.

Nach dem Krieg wohnten wir eine Zeit lang in Ostjor, obwohl von unserem Haus nicht mehr als Schutt und Asche übrig geblieben waren. Wir mieteten ein halbes Zimmer bei guten Leuten, die wir kaum kannten. Meine Mutter fand eine Anstellung als Kindermädchen. Ich schloss erfolgreich die achtjährige Abendschule ab.

Danach beschlossen wir, nach Kiew zu gehen und dort Arbeit zu suchen. Im Podol wohnte Mamas jüngerer Cousin Lasar, ein hochqualifizierter Schablonenmacher, mit seiner Frau Chassja und seinem erwachsenen Sohn Motja. Lasar fand ganz in seiner Nähe ein halbes Zimmer für uns bei einer alten Frau und stand uns immer mit guten Ratschlägen zur Seite.

Meine Mutter fand weiterhin nur als Kindermädchen Arbeit, allerdings war die Bezahlung hier besser, in einer Familie gab es sogar die Mahlzeiten inklusive. Oft brachte sie auch mir etwas Leckeres mit. Das ging bis zur Schokolade.

In Kiew arbeitete ich in einer Sparkasse und bekam so viel fremdes Geld zu sehen, dass ich davon ohnmächtig wurde und schlecht träumte. Mich bedrückte die große Verantwortung, ich konnte mich nicht daran gewöhnen. Von all den Ziffern und Nullen schwirrte mir der Kopf. Mir war, als würden die Nullen mir um den Hals springen und mich würgen.

Wie die Dinge lagen, brachte die Arbeit mich fast um. Meine Mutter, die das sah, schlug vor, ich sollte bei der Sparkasse kündigen und über eine andere Tätigkeit nachdenken.

Onkel Lasar sprach sich dagegen aus. Gut möglich, dass er vor einer materiellen Verpflichtung seinerseits Angst hatte. Er stand unter dem starken Einfluss seiner Frau, die geizig und in jeder Beziehung unangenehm war. Vor allem was meine Mutter anging.

Die wechselseitige Abneigung der beiden datierte noch aus der Vorkriegszeit.

Meine Mutter war keine Schneiderin, aber sie konnte einigermaßen nähen. Ihre Nähte waren zwar immer ein bisschen krumm, aber das war nicht so wichtig, nur auf links verdarb es den Gesamteindruck. Sie hatte eben eine schlechte Brille und wenig Zeit. Aber Onkel Lasar hatte vor seiner Chassja, der Kiewerin, mit ihr geprahlt, und deshalb wollte Chassja, dass Mama ihr ein Kleid nähte, aus dunkelblauem Crêpe de Chine. Chassja hat nie eine besonders gute Figur gehabt, alles was sie hatte, war ein dicker Bauch. Und über diesen Bauch wollte sie nun von Mama einen Gürtel mit Knopf genäht bekommen. Mama erklärte ihr, dass man einen Bauch kaschieren muss und dass vielleicht sogar ein Schnitt ohne Abnäher besser wäre, aber jedenfalls keiner mit Gürtel. Chassja war beleidigt.

Meine Mutter nähte das Kleid nach Chassjas Diktat, aber für einen Gürtel reichte es nicht mehr. Chassja stellte unser ganzes Haus auf den Kopf, um den Stoff zu finden, den Mama angeblich versteckt hatte, weshalb er ja für den Gürtel auch nicht gereicht hätte.

Das Kleid war zwar nicht übermäßig gelungen, aber ein Gürtel hätte es auch nicht schöner gemacht.

Chassja drehte sich vor dem Spiegel hin und her, ganz rot und verschwitzt, und schimpfte auf Jiddisch über Mamas Unfähigkeit. Mama sagte eine ganze Weile nichts, aber schließlich sagte sie doch etwas. Chassja wurde blass, sie riss sich das Kleid vom Leib und wollte schon in ihrem Unterkleid mit den dünnen Trägern und der kleinen Stickereiborte am Saum aus dem Haus rennen, aber dann kam sie aus dem Flur wieder zurück und knallte mit der Hand gegen den Spiegel. Der Spiegel sprang. Chassja brach in Tränen aus, meine Mutter auch. So stand jede in ihrer Ecke und keine ging auf die andere zu.

Sie weinten eine Weile, dann putzten sie sich die Nase: Mama mit ihrer Schürze, Chassja mit dem neuen Kleid, das sie in den Händen zerknüllt hatte. Wie sie auseinandergegangen sind, weiß ich nicht.

Das Kleid hat meine Mutter später noch lange getragen, allerdings umgenäht und ihrer eigenen Figur angepasst. Chassja setzte danach keinen Fuß mehr über unsere Schwelle. Und Lasar auch nicht. Angeblich hatte Mama damals zu Chassja gesagt, ihretwegen könne sie sich aufhängen vor Wut an ihrem fehlenden Gürtel. Daraufhin hatte Chassja gegen den Spiegel geschlagen. Als wir evakuiert wurden, blieb der Spiegel in Ostjor. Nach unserer Rückkehr brachte unser Nachbar Chwostschenko ihn uns wieder, zum Zeichen seiner Dankbarkeit. Wir hängten ihn an die Wand, denn wir waren zwar abergläubisch, aber uns nach schlechten Vorzeichen zu richten, konnten wir uns einfach nicht leisten.

Unsere Nähmaschine bekamen wir übrigens nicht zurück von den Leuten, bei denen sie im Zuge der deutschen Besatzung gelandet war. Die Erklärung ist leicht zu verstehen: Eine Nähmaschine war kein Spiegel, mit ihr konnte man im Alltag ordentlich dazuverdienen.

So war das. Aber nach dem Krieg fing alles wieder bei null an, und wir nahmen unsere verwandtschaftlichen Beziehungen mit Chassja und Lasar irgendwie wieder auf. Wenn auch aus trauriger Notwendigkeit. Jedenfalls hatten wir überhaupt nicht an Unterstützung von ihrer Seite gedacht, ihre Befürchtungen waren grundlos.

Ich meldete mich zum Abendstudium am Pädagogischen Institut an. Nebenbei überwand ich mich und arbeitete weiter bei der Sparkasse.

Schon in der Schule hatte ich in Arithmetik und Geometrie immer ein »widminno«, also »sehr gut«, gehabt, deshalb war die Wahl nicht schwer. Die geisteswissenschaftlichen Fächer berührten mich nicht besonders, ich ließ sie an mir vorbeirauschen. Und ich mochte Kinder. Ihren Anblick, und auch sonst.

Aber da brach das erste Gefühl über mich herein.

Unser Lehrer im Vertiefungsfach war Wiktor Pawlowitsch Kuzenko. Ein junger, schöner Mann. Frontkämpfer, mit Orden und Medaillen. Alle waren in ihn verliebt, aber er hatte von Anfang an ein Auge speziell auf mich geworfen. Nicht, weil ich überdurchschnittliche Kenntnisse oder eine besondere Begabung mitgebracht hätte natürlich. Mir war klar, dass ich ihm als Frau gefiel.

Wiktor Pawlowitschs Frau, Darina Dmitrijewna, arbeitete auch am Institut, sie unterrichtete Geschichte.

Aber darum geht es nicht.

»Man kann mit der Unendlichkeit nicht wie mit endlichen Größen operieren. Verstanden, Mädels? Und ihr, Jungs, verstanden?« Wir antworteten im Chor: »Verstanden.« Das hatte Wiktor Pawlowitsch als Begrüßung eingeführt, und er begann jede Stunde so, unabhängig von unserem eigentlichen Thema. Mangels Spezialkenntnissen begriffen wir natürlich nicht ganz, was er meinte, aber wir nahmen jeden Scherz von seiner Seite dankbar auf.

In der Liebe hatten wir keine Vorbilder. Was wir im Kino sahen, waren unschuldige Beziehungen, ein einziger Kuss pro Film. Aber das Leben belehrte uns eines Besseren.

Die Enge, in der wir lebten, dicht an dicht, und der allgemeine Mitteilungsdrang führten dazu, dass wir über die körperliche Seite der Beziehungen zwischen Jungen und Mädchen aus verschiedenen, nicht immer vertrauenswürdigen Quellen erfuhren. Die Natur forderte eben ständig ihren Tribut.

Nicht dass Kuzenko und ich sofort ein unerlaubtes Verhältnis angefangen hätten. Aber wir trafen uns bald regelmäßig bei ihm zu Hause in der Saksaganski-Straße, wenn wir sicher sein konnten, dass Darina Dmitrijewna gerade unterrichtete.

In einer Kommunalwohnung bleibt natürlich nichts verborgen, die Sache kam ans Licht. Darina Dmitrijewna regte sich nicht auf, sie sagte nur, wir sollten uns am Institut möglichst nichts anmerken lassen und uns in Zukunft anderswo treffen, weil es ihr vor den Nachbarn unangenehm sei. Das richtete Kuzenko mir aus.

Was hatte ich anzubieten? Meine Mutter und ich wohnten in einem halben Zimmer, das nur mit einem Vorhang abgetrennt war.

Es war Liebe, ohne jeden Zweifel. Sogar wenn uns ein intimeres Beisammensein nicht möglich war, schlenderten wir unter hundertjährigen Kastanien durch den Mariinski-Park, standen engumschlungen auf der Anhöhe und schauten auf das schöne Kiew hinunter, das nach den barbarischen Zerstörungen des Krieges in raschem Tempo wieder aufgebaut wurde.

Nur einmal trafen wir uns in der Wohnung eines Freundes von Kuzenko. Das war letztlich sehr unangenehm, weil wir dem Freund danach etwas zu trinken spendieren und uns lange mit ihm unterhalten mussten.

Einmal sprach Darina Dmitrijewna mich in der Schule an und bat mich, sie bis zur Straßenbahn zu begleiten. Sie sprach höflich und leise, wie sie es immer tat. Zwischen uns lag – genau wie zwischen Wiktor Pawlowitsch und mir – ein Altersunterschied von acht Jahren. Sie waren beide achtundzwanzig, ich war zwanzig.

Diesen Unterschied spürte ich sehr stark. Während ich von allerlei Zweifeln geplagt war, legten Darina Dmitrijewna und Wiktor Pawlowitsch eine erstaunliche Ruhe an den Tag, im Auftreten wie auch in anderen Dingen. Damals dachte ich, dass sie einander sehr ähnlich waren, im Unterschied zu mir.

Darina Dmitrijewna sagte: »Maja, du weißt, dass ich Bescheid weiß. Ich verurteile niemanden. Auch über dich urteile ich nicht streng. Aber ich appelliere an dein weibliches Gewissen. Es wird nicht lange dauern, dann stellt sich die Frage, wie es weitergehen soll. Die Liebe verfliegt schnell, und entweder lebt man zusammen oder man trennt sich. Wiktor Pawlowitsch hat mir anvertraut, dass er dich heiraten will. Nicht weil er dich so sehr liebt, nein. Er will einfach Kinder haben. Und ich kann keine bekommen, aus hier nicht zu vertretenden Gründen. Du bist natürlich ein hübsches Mädchen. Wahrscheinlich hättet ihr auch wohlgeratene Kinder, Wiktor Pawlowitsch und du. Aber mir macht etwas anderes Sorgen. Du bist Jüdin, also wären auch eure Kinder zur Hälfte Juden. Und was das in der jetzigen Situation heißt, weißt du selber, wenn du Zeitung liest oder Radio hörst. Außerdem, auch auf ihn, Wiktor Pawlowitsch als solchen, würde ja ein Schatten fallen. Man kann nie wissen. Stimmt’s? In Babi Jar liegen massenhaft Mischlinge.«

»Aber das waren die Faschisten, Darina Dmitrijewna, heute ist das nicht mehr so«, antwortete ich aufs Geratewohl. Für Zeitungen interessierte ich mich nicht besonders, ich las nur die Zinstabellen der Staatsanleihen.

»Richtig. Schuld waren die verfluchten faschistischen Besatzer und ihre Söldlinge. Aber das war etwas anderes. Jetzt haben wir eine neue Wende. Darunter kannst du dir nichts vorstellen, weil du es noch nicht selber gesehen hast, aber ich schon. Die Geschichte verläuft in Spiralen, merk dir das. Macht es dir nichts aus, wenn deine Kinder leiden, erst recht, wenn es hübsche, gute Kinder sind? Und der Mann, den du liebst? Denk nach. Wiktor Pawlowitsch gehört nicht zu denen, die euch am Rand des Grabes verlassen würden. Er wird euch folgen. Und selbst wenn ihn jemand zurückhält, wie soll er danach noch weiterleben? Unmöglich. Ich habe ihn gründlich studiert. Ich bitte dich sehr, sag Wiktor Pawlowitsch nichts von unserem Gespräch. Er ist stark, aber er hat viele Verletzungen. Im Kopf genauso wie am ganzen Körper. Hast du seine Narben nicht gesehen? Mit dir wird er in der Zukunft nur Kummer haben. Und du selber wirst darunter auch leiden.«

Die Straßenbahn hielt. Darina Dmitrijewna stieg auf das Trittbrett und winkte mir zu.

Der Auftrag, den Darina Dmitrijewna mir erteilt hatte, erwies sich als furchtbar schwer. Ich hatte niemanden, bei dem ich mir Rat holen konnte. Die Mädchen am Institut waren jung und unerfahren und immer zu Klatsch und Neid bereit. Mit meinen Kolleginnen in der Sparkasse war ich nicht näher befreundet. Aber ich hatte ein gutes Verhältnis zum Leiter der Filiale, Jefim Naumowitsch Surkis – zum einen war er es, über den Onkel Lasar mir die Stelle besorgt hatte, er war nämlich über drei oder noch mehr Ecken mit Tante Chassja verwandt, und zum anderen trug Surkis immer ein Lächeln im Gesicht, er war der Inbegriff eines fröhlichen Menschen, bei dem sich jedes Missverständnis wie von selbst aufklärte.

Jefim Naumowitsch versicherte mir, er würde absolutes Stillschweigen bewahren.

Nachdem ich ihm die Lage geschildert hatte, schwieg er lange, dann sagte er:

»Was sie dir gesagt hat, stimmt. So was tut natürlich weh, man hört es nicht gern. Aber ich will kein Süßholz raspeln. Mir ist die ganze Familie hier umgekommen. Ich bin als Einziger übriggeblieben. Ich halte mich mit Witzen und Blödeleien über Wasser, aber es ist schwer. Wenn ich auch gestorben wäre, ginge es mir wahrscheinlich besser. Was ich dir rate: Erzähl deinem Wiktor Pawlowitsch von deinem Problem. Nicht, dass Darina mit dir geredet hat, sondern von deinen eigenen Zweifeln. Er soll entscheiden. Bei dem, was sich hier im Land im Moment zusammenbraut, kann es passieren, dass er ans Ende der Welt mit dir fahren muss. Die Lage ist ernst. Ein Verwandter von mir arbeitet in einem Friseurladen an der Bolschaja Shitomirskaja, aber neuerdings will sich keiner mehr von ihm rasieren lassen. Ein Jude mit einem Rasiermesser – wo hat man so was schon gesehen! Zum Lachen, nicht? Aber ihn hat man gebeten zu kündigen.«

Ich saß stumm da und versuchte, die Schwere der Lage zu erfassen. Es gelang mir nicht.

Surkis merkte, in welchem Zustand ich war, und strich mir über die Schulter:

»Weißt du was, Mädchen, heirate lieber mich. Ich bin ein erfahrener Mann, ich habe viel erlebt. Dabei bin ich noch nicht mal so alt. Mit dem Sterben oder mit Sibirien schüchtert mich keiner ein. Und du würdest auch nicht unter die Räder kommen mit mir.«

Er lachte. Ein ungutes Lachen, ohne den gebotenen Übermut, gezwungen.

Ich war vollkommen durcheinander. Von allen Seiten drängten unnötige Informationen auf mich ein. Mal sagte irgendwer in der Straßenbahn etwas Beleidigendes über die Juden, mal redeten sie bei der Arbeit von einem Artikel über die Kosmopoliten und von irgendeinem Pinja aus Shmerinka, und dabei schielten sie in meine Richtung.

Ausgerechnet zu dieser Zeit wurde Wiktor Pawlowitsch krank, ein anderer Lehrer vertrat ihn.

Eine Woche lang lief ich herum wie mein eigener Schatten. Dann hielt ich es nicht mehr aus und ging in die Saksaganski-Straße, um mich nach Wiktor Pawlowitsch zu erkundigen.

Plötzlich stand ich vor Darina, sie war es, die die Tür aufmachte. Sie fuchtelte mit den Händen:

»Verschwinde, schämst du dich nicht? Da wälzt der Mann sich mit vierzig Fieber im Bett herum, aber sie kommt trotzdem angetanzt!«

Ich lief weinend nach Hause. Es war der 31. Dezember, das neue Jahr stand vor der Tür, 1951. Meine Mutter war bei Onkel Lasar eingeladen. Ich sollte auch mitkommen, aber mir war nicht zum Feiern zumute.

Meine Mutter wollte wissen, was los war. Ich fragte, wie es sein könne, dass sie das nicht weiß, ob sie keine Ahnung habe, was vor sich geht, auf welchem Planeten sie eigentlich lebe. Und ich erzählte ihr von den Zeitungsartikeln und Radiomeldungen und alldem.

Wie sich herausstellte, wusste meine Mutter zwar Bescheid, aber sie war zu müde, um die Ereignisse ernst zu nehmen. Mir riet sie, das auch nicht zu tun, sonst würde man noch verrückt. Und ich müsse schließlich noch studieren und weiterleben.

Um meiner Mutter an diesem Festabend nicht die Laune zu verderben, tat ich so, als hätte ich mich beruhigt.

Wir gingen zu Onkel Lasar.

Unter den Gästen dort war auch Surkis. Von Zeit zu Zeit zwinkerte er mir freundschaftlich zu, und als ich vor dem Spiegel meine Frisur in Ordnung brachte – meine Haare waren an den Schläfen seitlich hochgesteckt, und die Locken ringelten sich, als hätte ich sie eingedreht, aber das war Naturwelle –, fasste er mich von hinten an den Schultern und sagte leise:

»Na, hast du’s dir überlegt, nimmst du mich?«

Er hatte getrunken, deshalb war ich nicht beleidigt, sondern nahm seine Worte im Gegenteil als Unterstützung in einem schwierigen Moment.

Surkis und ich machten einen Spaziergang durch das nächtliche Kiew und landeten schließlich in seiner Wohnung. Er sagte mir, er hätte sich auf den ersten Blick in mich verliebt und es mir nur wegen des Altersunterschieds nicht gestehen wollen. Ich fragte, wie groß der Unterschied denn sei, und es stellte sich heraus, dass er erst sechsunddreißig war, er sah nur schlecht aus, weil er so viel durchgemacht hatte. Wir lachten viel. An meine Unannehmlichkeiten dachte ich immer weniger.

Es war nicht etwa so, dass eine Nacht alles entschieden hätte, schon gar nicht die Silvesternacht. Leichtfertigkeit ist kein Charakterzug von mir. Wir führten nur Gespräche über die Zukunft, weiter nichts.

Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Mit einem Mal sah ich, wie wenig beneidenswert meine Lage wäre, selbst wenn Wiktor Pawlowitsch Darina Dmitrijewna verlassen würde. Wo sollten wir leben? Natürlich konnte man ihr jetziges Zimmer teilen, so etwas gab es öfters. Aber was käme dabei heraus? Bestimmt nichts Gutes. Wiktor Pawlowitsch hatte keinen anderen Ort in Kiew, sein Wohnraum war im Krieg zerstört worden, und das Zimmer, in dem sie jetzt wohnten, gehörte Darina Dmitrijewna, dort hatte ihr Vater gewohnt, der im Krieg gefallen war, und ihre Mutter, die auch schon an Krankheit und Kummer gestorben war.

Über mir schwebte das Schreckgespenst der Obdachlosigkeit. Surkis dagegen hatte eine große Einzimmerwohnung in der Gegend der Bessarabka. Vor dem Krieg hatte seine Familie glücklich dort gelebt. Von dort aus war er ohne jeden Hintergedanken als Freiwilliger an die Front gegangen. Und seine Kinder und seine Frau waren umgekommen.

Jefim Naumowitsch erklärte ohne Umschweife:

»Ich träume davon, dass sich diese vier Wände wieder mit Kinderstimmen und dem Lachen einer Frau füllen.«

Es war dieser Moment, der mein weiteres Schicksal bestimmt hat.

Die Sache war die, dass ich ein sehr attraktives Äußeres hatte. Später sagten mir manche Leute sogar, ich sähe exakt wie die Schauspielerin Elina Bystrizkaja aus. Eine Ähnlichkeit gab es zweifellos.

Aber darum geht es nicht.

Es kränkte mich zutiefst, dass die Umstände mir nicht erlaubten, meine Weiblichkeit zu entfalten. In dem halben Zimmer, das ich mit meiner Mutter bewohnte, fehlte es an sanitären Einrichtungen, Wärme und vernünftigem Essen, und ich war häufig krank. Mein Haar wurde zusehends matter, meine Figur verlor ihre Konturen, der leichte Schlaf auf meiner Holzliege brachte keine Beruhigung. Und zudem trug ich auch noch unansehnliche Kleider, obwohl ich mich bemühte, sie mit Kragen und Manschetten zu verschönern.

Die romantische Schwärmerei für Wiktor Pawlowitsch hatte meinen Verstand getrübt, mein Kopf war gerade noch in der Lage, an meine Liebe zu ihm zu denken, die schließlich auch meine erste war. Aber die schlimmen Vorahnungen, die überall in der Luft lagen, trieben mich buchstäblich in die Enge, ich dachte immer wieder an die Zeit der Evakuierung zurück, die mit so vielen Entbehrungen verbunden gewesen war.

Die Frage nach dem zukünftigen Schicksal des jüdischen Volkes, dem ich durch Geburt angehörte, beunruhigte mich natürlich. Aber auch unter diesem Gesichtspunkt kam ich zu dem Schluss, dass ich wenigstens die Zeit bis zur nächsten Heimsuchung auf angenehme, angemessene Weise verleben konnte, an der Seite eines zuverlässigen Mannes. Nichtsdestotrotz.

Ich erzählte meiner Mutter von Surkis. Sie freute sich: Mehr konnte man sich im Traum nicht wünschen. Endlich, meinte sie, wäre ihr ein eigener Platz an der Seite ihrer lieben Tochter sicher.

Innerhalb von drei Tagen gab ich Jefim Naumowitsch mein Jawort.

Am selben Tag passte ich in der Schule Wiktor Pawlowitsch ab, der wieder gesund war, und sagte ihm, zwischen uns sei es aus und vorbei. Er verlangte eine Erklärung, aber ich ließ durchblicken, dass es da nichts zu erklären gab. Die Liebe sei verflogen wie Rauch.

Etwa um dieselbe Zeit stellte ich fest, dass ich schwanger war. Da ich mit Surkis noch nicht intim gewesen war, aber entschieden hatte, auf jeden Fall zu heiraten, musste ich schnell handeln: entweder illegal abtreiben, was gefährlich war, oder eben nicht. Ich traf meine Wahl und zog mit meinen kaum nennenswerten Besitztümern zu Jefim Naumowitsch. Zu Fima, einfacher gesagt. Mama blieb auf meinen Rat fürs Erste, wo sie war, damit ich mich in Ruhe und unbeobachtet umsehen konnte.

Mit dem, was mich erwartete, hatte ich allerdings überhaupt nicht gerechnet. Jeder Tag zählte, aber Fima brachte nichts zustande. Er konnte einfach nicht. Einmal weinte er sogar deswegen. Ich fing auch an zu weinen, weil ich allmählich die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft verlor. Aber zum Glück trank Fima gern, und das löste das Problem insofern, als er sich eines Morgens an nichts mehr erinnerte. Ich redete ihm ein, dass wir uns in der Nacht zuvor endlich nähergekommen seien, jetzt seien wir im vollen Wortsinn Mann und Frau. Fima freute sich sehr und fasste wieder Mut, allerdings ohne begründete Aussichten.

Wir heirateten. Bei der Sparkasse hatte ich, wie es damals üblich war, gekündigt, um keine Vetternwirtschaft einreißen zu lassen, aber am Institut studierte ich weiter. Ich besuchte jetzt die Vormittagskurse, und nebenbei gab ich mir viel Mühe mit dem Haushalt, da ich ja Mutter werden sollte.

Ich saß in Wiktor Pawlowitschs Vorlesungen und dachte an nichts als den Lernstoff.

Allmählich war meine Schwangerschaft nicht mehr zu übersehen. Eines Tages passte Kuzenko eine Gelegenheit ab und fragte mich nach meinem Geburtstermin. Ich sagte, das gehe ihn nichts an.

»Na gut, warten wir’s ab, bis das Kindchen auf der Welt ist«, sagte er scheinbar scherzhaft.

Die Zeit verging, und die alarmierenden jüdischen Gerüchte verstummten nicht. Dazu kam noch meine private Angst, mein Kind könnte eine unabweisbare Ähnlichkeit mit Kuzenko haben. In den schlimmsten Momenten wünschte ich mir, die Deportation würde möglichst bald stattfinden, noch vor der Geburt des Kindes.

In so einer erstickenden Atmosphäre lebte ich damals. Das Private überschnitt sich mit dem Öffentlichen und ließ mir keine Luft zum Atmen.

Aber darum geht es nicht.

Ein neues Problem war meine Mutter. Als Tochter wünschte ich ihr natürlich nur das Beste, aber sie hatte ihren Charakter. Und Fimas und meine Wohnung hatte nur ein Zimmer, plus Küche natürlich. Die Decken waren zwar hoch, fast vier Meter, aber das ging ja in die Höhe, mit der Breite hatte das nichts zu tun. Trotzdem wirkte die Wohnung geräumig. Es kam nur darauf an, wofür man den Platz brauchte.

Mama zog zu uns. Ihr persönlicher Besitz bestand unter anderem aus dem berüchtigten Spiegel aus Ostjor, der zu allem Überfluss gesprungen war. Den Spiegel hängte sie mit Fimas Duldung in der Diele auf, unter Hinweis auf den Wert der Familiengeschichte.

Tja.

Meine Mutter kochte gern verschiedene Gerichte und übertrieb es sehr mit dem Knoblauch. Der Geruch drang durch die Tür und breitete sich im ganzen Haus aus. Wie die Dinge lagen, wies ich sie sanft darauf hin, sie könnte auch weniger Knoblauch nehmen, und deutete an, dass die Nachbarn schon über jüdische Eigenheiten witzelten. Mama war beleidigt und fragte Fima, was er meinte, ob ich recht hätte.

Fima als mein Mann war zwar auf meiner Seite, aber er wich aus:

»Ich mag das. Meine verstorbene Frau war auch eine Knoblauch-Liebhaberin. Sowohl, was den Geschmack angeht, als auch wegen der Gesundheit. Aber heutzutage muss man vorsichtig sein, besonders bei Kleinigkeiten.«

Aber ich war in einem Zustand, in dem einem jede Kleinigkeit ins Herz schneidet.

Mein Verhältnis zu meiner Mutter war ein Beispiel dafür, wie das Leben manchmal spielt. Von der Liebe bis zum Hass ist es nur ein Schritt. Was sie auch tat, es war mir zum Trotz. Sie schlug vor, das Zimmer mit Hilfe des Kleiderschranks zu teilen, dabei hätte sie sich auch einen Schlafplatz in der Küche einrichten können. Fima kuschte vor ihr, er teilte einen Platz für sie ab. Nur reichte der Schrank nicht bis zur Decke, deshalb isolierte er nicht. Unser ganzes Eheleben lief vor ihren Ohren ab. Allerdings kam mir das sogar zugute. Besondere Gefühle hatte ich für Fima nicht entwickelt, und da er von sich aus auch keine Initiative in gewisser Richtung ergriff, spielte die Anwesenheit meiner Mutter hinter dem Schrank im Grunde keine Rolle. Aber mir geht es ums Prinzip.

Noch etwas. Fima machte gern Geschenke. Er kaufte mir schöne Kleider, Schuhe und manchmal auch preiswerten Schmuck, um meine Laune zu heben. Und damit Mama nicht beleidigt war, brachte er ihr jeweils auch etwas mit. Aber Geld ist kein Strudelteig. Fima war der Einzige im Haus, der arbeiten ging. Meine Mutter freute sich so über jede Überraschung, sie machte ein solches Trara darum, dass Fima ihr immer noch mehr schenkte. Irgendwann war es so weit, dass mein Mann mir oft nichts mitbrachte, aber meiner Mutter bald ein Tuch, bald ein paar Strümpfe, bald einen neuen Topf.

Im Haus gab es einen Keller, in dem einige der Bewohner von jeher ihre Lagerräume hatten. Dort wurden eingelegtes Gemüse und Obst aufbewahrt, alte Kleider und Plunder für alle Fälle. Auch wir hatten so einen Verschlag. Kurz nach ihrem Umzug äußerte meine Mutter den Wunsch, dort Ordnung zu schaffen und in Zukunft auch schalten und walten zu dürfen. Fima stimmte dem Vorhaben begeistert zu und übergab ihr den Schlüssel.

Meine Mutter ging also in den Keller.

Im Keller aber lagen die Kleider von Fimas verstorbener Frau, Kinderspielzeug, Babysachen. Alles voller Staub, Mäusedreck und so weiter.

Ich warte und warte, meine Mutter kommt nicht zurück. Ich gehe sie suchen. Da liegt sie, scheinbar ohnmächtig, auf einem Sack mit irgendwelchen Lumpen. Ich schüttle sie, ohrfeige sie sogar, damit sie zu sich kommt.

Sie macht die Augen auf und sagt:

»Verzeih mir, Kind. Ich bin schuld, ich habe dich dazu gebracht, Fima zu heiraten, aber mit dieser Vergangenheit … wie ein Stein wird dir die am Hals hängen.«

Und bricht in Tränen aus.

Ich war ratlos.

»Komm, steh auf! Gehen wir nach Hause, hier ist nicht der Ort zum Reden.«

Zurück in der Wohnung, sagte ich zu ihr:

»Was ist das für ein Blödsinn, von welcher Schuld redest du? Fima und ich mögen uns. Das ist nicht wenig, wenn auch vielleicht keine Liebe bis ans Grab. Aber da wir schon von dir sprechen, liebe Mama, du bist hier wirklich das fünfte Rad am Wagen. Wenn du nachts weniger lauschen würdest, hätten alle mehr davon.«

Sie ging sofort auf mich los:

»Was soll das heißen? Schämst du dich nicht? Ich schlafe so fest, ich höre überhaupt nichts. Von wegen lauschen! Und wenn du es wissen willst, rechnen kann ich auch. Als Mutter hat man so seine Anhaltspunkte. Wann ist dein Geburtstermin? Der wirkliche, meine ich, nicht der, den du Fima verkaufst? Einer Mutter entgeht nichts, merk dir das. Wir hätten das Kind auch so großgezogen. Ohne den unseligen Fima, mitsamt seiner Wohnung und seinem Keller. Aber daran bin ich mit schuld. Ich habe dir zugeredet, statt dir zu sagen, wie schwer es ist, mit einem Mann zu leben, den du nicht liebst. Dafür bitte ich dich um Verzeihung.«

Mir ging durch den Kopf, dass sie recht hatte, ohne Zweifel war sie schuld. Sie hätte mich wirklich warnen können. Aber alles in allem, nachgeben war nicht meine Art. Das Leben war, wie es war, und wenn sie das in ihrem Alter noch nicht begriffen hatte, konnte ich ihr auch nicht helfen.

Die Lage verschärfte sich.

Ich wurde von alldem immer gereizter. Alles trieb auf die Frage zu: Mama oder ich.

Trotzdem schritt die Zeit rasch voran. Ich nahm ein Urlaubssemester, um mich auf die Geburt vorzubereiten.

Fima war bei der Arbeit weiterhin sehr gut angeschrieben, aber privat wurde sein Benehmen immer schlimmer. Der Hauptfaktor war der Alkohol. Er genierte sich dafür und versuchte, derlei Dinge lieber außer Haus zu veranstalten. Ein Freund und Saufkumpan hatte sich auch schon gefunden: Leonid Petrowitsch Jaschkowez.

Jaschkowez, das muss ich hier anmerken, ging keiner geregelten Arbeit nach, sondern betrachtete sich als freischaffenden Künstler. Seine Kunst bestand im Malen von windigen Kinoplakaten, in erster Linie für das Filmtheater Oktjabr. Aus lauter Übermut malte er Frauen, die mehr Ähnlichkeit mit mir hatten als mit den tatsächlichen Schauspielerinnen. Ich weiß, dass er für mich schwärmte, denn er verehrte die Schönheit als solche. Fima gefiel das, es schmeichelte seiner männlichen Eitelkeit.

Was meine Mutter betrifft, so schwante ihr nichts Gutes. Mehrere Male fuhr sie nach Ostjor, um dort bei irgendwelchen Verwandten oder Bekannten unterzukommen, ohne mich.

Sie selber sagte es so:

»Wenn das Kind da ist, hüte ich es ein Weilchen, aber dann fahre ich nach Ostjor. Ich habe Heimweh – nichts zu machen. Du nimmst es mir doch nicht übel, Majetschka?«

»Natürlich nicht, Mama. Solange es dir nur gutgeht.«

Leicht war das alles nicht.

Aber darum geht es nicht.

Fimas Aufmerksamkeit zerrann wie Sand zwischen den Fingern. Freude hatte daran weder ich noch er. Auch mit den Geschenken war es vorbei, der elende Wodka war ihm wichtiger.

Mein Erwachsenwerden und mein Reifen als Persönlichkeit fielen in eine schwere Zeit. Ich musste allein über mein Leben entscheiden. Ohne Rat und ohne Unterstützung.

Einmal, es war schon kurz vor der Geburt, kam Fima sehr spät nach Hause und fing im Dunkeln an zu weinen – er könne seine frühere Familie und seine Kinder nicht vergessen, er wolle über sie reden, aber ich würde ihn nie danach fragen. Ich sei ein herzloses Weib und sollte besser auf dem Bessarabka-Markt Salzgurken verkaufen, als hier einen neuen Menschen zur Welt bringen.

Die Salzgurken gab ich Fima mit Zinsen zurück. Nicht nur sein äußeres Betragen warf ich ihm vor, sondern auch seine verborgenen Schwächen. Zum Schluss schleuderte ich ihm ins Gesicht, dass sein Kind sich später einmal schämen würde, wenn es dauernd einen Papa wie ihn vor sich hätte.

Das war nicht geheuchelt, Vater ist schließlich nicht der, der ein Kind gezeugt hat, sondern der, der es großzieht.

Fima schrieb sich meine Bemerkung hinter die Ohren und trank zwei Wochen lang nicht. Aber an dem Tag, als ich meinen Sohn Mischenka zur Welt brachte, tauchte er betrunken in der Klinik auf, und nicht allein, sondern mit Jaschkowez. Ohne Blumen, ohne alles. So eine Schande vor den Ärzten, den Schwestern, den Zimmernachbarinnen!

Trotzdem sehnte mein Herz sich nach einer echten großen Liebe. Aber all meine Kräfte wurden von meinem Kind beansprucht, von meinem lieben Mischenka.

Ein Jahr verging zwischen Kindergeschrei und Durchfällen, im dauernden Kampf um ein paar Minuten Schlaf. Meine Mutter half, so gut sie konnte. Aber ein Säugling braucht die leibliche Mutter, auch wenn es mit der Milch bei mir nicht recht klappte und wir zufütterten, so gut es eben ging.

Die allgemeine Lage hatte sich kaum verändert, nur hatte ich von meiner Mutter und von Fima gelernt, nicht darauf zu achten. Vor allem aber war ich so mit der Sorge um mein Kind beschäftigt, dass ich die politischen Umstände ganz aus den Augen verlor. Offiziell hatte ich jetzt den Status einer stillenden Mutter, deshalb dachte ich, das Gesetz wäre in jedem Fall auf meiner Seite und ich persönlich hätte nichts zu befürchten. Auf diese Idee hatte Onkel Lasar mich bei einem seiner Besuche gebracht. Er zitierte zuverlässige Informationen aus höchsten Kreisen, wonach die sowjetischen Behörden schließlich keine Faschisten seien, die wahllos alle deportierten.

Ich muss sagen, dass Onkel Lasar besser war als meine Meinung von ihm. Wenn er ohne seine Frau Chassja Towijewna in Gesellschaft kam, wurde er ein anderer: Oft tranken wir in der Küche Tee miteinander, und er tröstete mich über dies und das. Meine Mutter freute sich an ihm und erinnerte sich seufzend an ihre gemeinsame schwere Kindheit.

Doch eines Tages kam im Schlepptau von Onkel Lasar auch Chassja zu uns. Es war natürlich nicht das erste Mal, dass sie Mischenka sah, aber jetzt war er etwas größer geworden, bald ein Jahr. Chassja spielte mit ihm und stellte beiläufig fest, dass er im Gesicht weder mir noch Fima ähnlich sah.

»Nach wem schlägt dein Enkel, Fanja?«

Mama war verwirrt, antwortete aber einigermaßen schlagfertig:

»Frag dich lieber, nach wem dein Sohn Motja schlägt, Chassenka. Mit seinem Geiz und seinem bösen Mundwerk.«

Chassja blieb ungerührt:

»Motja ist nicht geizig, sondern sparsam. Und überhaupt rede ich nicht vom Charakter, sondern vom Aussehen. Auf mein Kind lasse ich nichts kommen, so einen Sohn muss man erst mal finden.«

Dann lief das Gespräch in eine andere Richtung, dann kam der angetrunkene Fima nach Hause, dann gab es aus diesem Anlass einen kleinen Streit, und die Sache war fürs Erste vergessen.

Aber mir entging nicht, dass meine Mutter mich von Zeit zu Zeit sehr besorgt und sogar traurig ansah.

Heute gibt es eine Menge Fernsehserien, brasilianische und andere, deshalb weiß jeder, wie es im Leben manchmal zugehen kann. Aber ich hatte damals niemanden, nur mich selbst und meinen Sohn Mischenka.

Ich quälte mich lange, und schließlich sagte ich zu meiner Mutter:

»Wenn du je irgendwem verrätst, dass Mischenka nicht Fimas Sohn ist, bringe ich dich um.«

Mama wich vor mir zurück, als wäre ich schon dabei, meine Drohung in die Tat umzusetzen. Einige Tage später verkündete sie, sie würde nach Ostjor ziehen, zu entfernten Verwandten. Dort hätte sich Arbeit in einer Kinderkrippe für sie gefunden, und zu Hause an der frischen Luft würde sie sich bestimmt besser fühlen.

Ich atmete erleichtert auf. Meine Mutter hatte eine schwache Gesundheit und Symptome von Asthma. Vielleicht auch von etwas Ernsterem. Womöglich trug sie sogar den Koch’schen Tuberkelbazillus in sich. Damals ließ sich ja niemand untersuchen, und für das Kind war das ein zusätzliches Risiko.

Die Sorge um Mischenka, den Haushalt und alles Übrige lud meine Mutter damit allerdings mir alleine auf.

Aber darum geht es nicht.

Nach Mamas Umzug wurde es viel geräumiger und heller bei uns. Den Kleiderschrank, der vorher einen Teil des Fensters verdeckt hatte, schob Onkel Lasar an seinen normalen Platz zurück; Mamas Liege stellten wir in die Küche; außerdem brachte Fima ein Kinderbettchen mit, so dass Mischenka nicht mehr dauernd im Kinderwagen oder neben mir im Bett liegen musste, sondern seinen eigenen Platz bekam, wo er sich ungehindert entwickeln konnte. Mamas berüchtigten gesprungenen Spiegel brachten wir in den Keller. An seiner Stelle hängten wir nichts Neues auf, denn für etwas Anständiges reichten unsere Mittel nicht aus, und ich wollte nicht wieder irgendeinen Ramsch anschaffen.

Es wurde Zeit, das Studium wieder aufzunehmen. Die Tagesfakultät kam nicht in Frage, denn Fima war versetzt worden und verdiente jetzt erheblich weniger.

Mischenka kam in die Krippe. Fima nutzte seine alten Beziehungen und besorgte mir eine Stelle als Sekretärin und Schreibkraft in einer Schuhfabrik in Darniza, mit dem Hintergedanken, dass ich so an die Fernfakultät wechseln könnte. Ich lernte schnell, auf der Maschine zu schreiben, und wurde in allen Fragen unersetzlich.

Und alles wäre gut gewesen, mit Ausnahme von Fimas Verhalten. Er rückte mir regelmäßig mit Gesprächen über seine tote Familie auf den Leib. Stellte bohrende Fragen, ob ich ihn verstehe.

Anfangs sagte ich ja, ich verstünde ihn und teilte seinen unheilbaren Schmerz. Aber da er sich nach solchen Antworten nur noch weiter in sein Todesthema hineinsteigerte, reagierte ich allmählich nicht mehr.

Irgendwann riss mir die Geduld und ich sagte:

»Weißt du was, Fima, ein Vermerk im Pass ist kein Gerichtsurteil. Denk daran. Es sind schwere Zeiten, aber ich komme auch ohne dich zurecht. Ich bin hier gemeldet. Ich bin Mutter. Du dagegen bist ein Trinker, weiter nichts. Und wenn du demnächst bei der Arbeit rausfliegst, bist du auch noch ein Schmarotzer.«

Daraufhin schlug Fima sein Bett in der Küche auf. Diesen Schritt nahm ich sehr erleichtert auf, wenn auch ohne Hoffnung.

Wie gesagt, die Natur fordert ihren Tribut. Ich hatte das Bedürfnis nach einer echten, auf Gegenseitigkeit beruhenden Liebe. Und da fiel mein Blick auf meinen unmittelbaren Vorgesetzten, den leitenden Ingenieur Miroslaw Antonowitsch Schuljak. Schuljak schenkte mir keine übermäßige Aufmerksamkeit. Er war immer streng und korrekt. Ein sehr attraktiver Mann. Und jung.

Natürlich war es mir unangenehm, dass er mein Abteilungsleiter war. Ich unterdrückte mein aufkeimendes Gefühl. Aber wenn zwei Menschen verschiedenen Geschlechts täglich beisammen sind, geraten sie unausweichlich in den Bann bestimmter Gedanken.

Zum 8. März gab es eine Versammlung mit allen Mitarbeitern, vor allem dem weiblichen Personal, und danach noch eine im engeren Kreis der Betriebsleitung in der Kantine der Fabrik. Danach war mir klar, dass es zwischen mir und Miroslaw zu etwas kommen würde.

Mischa kränkelte als kleines Kind viel – eine Folge meines angespannten Zustands während der Schwangerschaft. Für mich war es schwierig und unangenehm, mich so oft krankschreiben zu lassen, wie die objektiven Umstände es erfordert hätten. Ich machte mir schreckliche Sorgen um Mischenka. Zu allem Überfluss hatte Fima sich völlig von dem Jungen zurückgezogen, alles lastete auf meinen Schultern.

Fima war inzwischen so weit, dass er erklärte:

»Mischenka kann nichts dafür, aber ich kann ihn einfach nicht liebhaben. Ich habe das Gefühl, er lebt an Stelle meiner anderen Kinder. Und die wollen doch auch so gern.«

Mit solchen Gedanken kommt man nicht weit. Wie sollte man mit so einem Menschen im Haus ein Kind großziehen? In seinem Alkoholdunst konnte er ihm das Leben jederzeit zur Hölle machen. Aber wenn wir uns scheiden ließen, wohin dann mit Fima? Wo sollte er wohnen? Ich betete zu Gott, dass Fima eine andere Frau treffen möge, eine mit eigenem Wohnraum, die ihn zu sich nehmen würde.

Aber darum geht es nicht.

Gerade zu diesem Zeitpunkt gab es eine freudige Überraschung. Meine Mutter schrieb aus Ostjor, sie werde heiraten. Einen tüchtigen Mann, dem sogar ein halbes Haus gehörte. Gilja Melnik hieß er. Mama schrieb, ich müsse ihn kennen, vor dem Krieg habe er bei uns in der Nähe gewohnt. Ich erinnerte mich wirklich an ihn. Mama war zum Zeitpunkt ihrer zweiten Heirat fünfundvierzig Jahre alt.

Giljas Familie war während der Besatzung umgekommen, meine Mutter und er waren beide froh, sich zusammenzutun. Gilja war Lederankäufer von Beruf und als solcher selten zu Hause, er fuhr die meiste Zeit über die Dörfer. Ein wohlhabender Mann. Aber Mama hatte vor, weiter zu arbeiten, wie sie schrieb, um etwas für schlechte Zeiten zurückzulegen, unabhängig von Giljas Geld.

Dieses Ereignis brachte mich auf die Idee, dass ich Mischenka nach Ostjor schicken könnte, zu seiner Großmutter. Dort gab es frische Milchprodukte, Fleisch und so weiter.

Am nächsten Sonntag machte ich mich mit Mischenka auf den Weg.

Meine arme, aber glückliche Kindheit stand mir wieder vor Augen. Das Flüsschen Ostjorka, die Muscheln im Ufergras. Mischenka staunte, wie klein die Häuser waren, er zeigte mit seinem Händchen darauf und sagte »tlein, tlein«. So ein kluges Kind, obwohl er damals gerade erst zwei war. Er konnte schon früh richtig sprechen, klar und deutlich.

Gilja machte einen guten ersten Eindruck auf mich. Zurückhaltend, einfach, ordentlich. Meine Mutter wirkte sogar jünger an seiner Seite. Liebe hin oder her, eine Frau braucht einen Mann.

Wir führten ein ernstes Gespräch. Meine Idee mit Mischenka hatte ich meiner Mutter angedeutet. Sie beschloss, ihn fürs Erste zu sich zu nehmen. Man muss dazusagen, dass Gilja den Jungen sofort auf den Arm genommen hatte und ihn erst wieder absetzte, als ich wegfuhr.