Die Straße der verlorenen Töchter - Matt Roper - E-Book

Die Straße der verlorenen Töchter E-Book

Matt Roper

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Beschreibung

Der Kampf gegen Kinderprostitution in Brasilien ist das Anliegen, das Matt Roper und Dean Brody zusammenführt. Ihr gemeinsamer Plan: eine Reportage über die berüchtigte Schnellstraße BR-116, an der sich junge Mädchen zum Kauf anbieten. Doch was als journalistisches Projekt geplant war, verändert die beiden für immer. Denn sie stoßen auf eine Tragödie, die ihre schlimmsten Albträume übersteigt. Tausende Mädchen im Alter von kaum zehn Jahren werden gewaltsam ihrer Kindheit beraubt, verkauft, missbraucht und ausgenutzt. Für ein bisschen Kleingeld steigen sie zu Truck-Fahrern auf der Durchreise ein, um danach wie wertloser Abfall hinausgeworfen zu werden. Niemand setzt sich für sie ein, sie sind ihrer grausamen Situation schutzlos ausgeliefert. Das Buch ist jedoch nicht nur ein erschütternder Bericht über eine Reise zu unvorstellbarer Trostlosigkeit. Es berichtet auch von Ropers und Brodys Aufbau eines Sozialprojekts für die Mädchen und einem unerschütterlichen Engagement, das nicht zuletzt durch den christlichen Glauben motiviert ist. Und es ist auch ein Appell an Christen, ihren Glauben ernst zu nehmen und die Augen nicht vor dem Leid der Welt zu verschließen.

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Inhalt

VorwortStrasse der verlorenen TöchterPrologKapitel 1 – Das Mädchen im lilafarbenen KleidKapitel 2 – Nicht aufhörenKapitel 3 – Die Reise beginntKapitel 4 – Auf der Suche nach LeilahKapitel 5 – Die lebenden TotenKapitel 6 – EdelsteineKapitel 7 – RaubtiereKapitel 8 – MarianaKapitel 9 – NeuanfangKapitel 10 – Wie kann sie noch lächeln?Kapitel 11 – Anfang und EndeKapitel 12 – Cabeça da VacaKapitel 13 – VersklavtKapitel 14 – Schrei es in die Welt hinausKapitel 15 – ChilischotenKapitel 16 – GleichgültigkeitKapitel 17 – Was niemand erzähltEpilog – Ende und Anfang einer StraßeDas Meninadança-Projekt in Medina, BrasilienBildteil

Vorwort

Ich habe selbst eine Tochter, und ich glaube, dass mich Matts erstes Buch – Remember Me, Rescue Me – aus diesem Grund so sehr berührt hat. Die albtraumhaften Berichte über Mädchen, die in ihrer verletzlichsten Lebensphase missbraucht wurden, machten mich zugleich traurig und wütend. Trotzdem war es bis dahin nur ein Buch, das ich gelesen hatte. Als ich die Mädchen dann tatsächlich traf, hat mich das aufs Tiefste erschüttert. Im Angesicht ihrer Verzweiflung wurde die übliche Hektik meines Musikerlebens plötzlich unwichtig – die Aufnahmen im Tonstudio, die Tourneen, der Ruhm.

Die Straße der verlorenen Töchter beschreibt eine Reise, die letztendlich zu Hoffnung und Heilung führt – mit einem Ende, das das Versprechen einer besseren Zukunft mit sich bringt. Die Seiten davor sind jedoch alles andere als einfach zu lesen: Es geht um Ungerechtigkeit, Skandale, Gewalt, zerbrochene Herzen und um den sehr realen Albtraum der Kinderprostitution in Brasilien.

Es mag hart sein, all das zu lesen, aber wer sich auf die Welt dieser verlorenen und doch so wertvollen Töchter Brasiliens einlässt, könnte eine lebenswichtige Entdeckung machen: Es gibt einen Ausweg aus dem Albtraum, und wir können den Mädchen dabei helfen, diesen Ausweg zu finden.

Dean Brody, Country-Sänger aus Kanada

Strasse der verlorenen Töchter

Aber sind sie das wirklich, verlorene Töchter? Viele, zu viele der Kinder in diesem berührenden Bericht sind von ihren Vätern, Brüdern, Stiefvätern, Onkeln und Nachbarn missbraucht und von ihren Müttern, Tanten und Großmüttern auf die Straße geschickt worden. Verlorene Kinder sind sie. Aber in viel zu vielen Fällen haben gerade die Menschen, die für ihren Schutz zuständig waren, die sie hätten lieben und umsichtig auf ihrem Weg ins Leben begleiten sollen, sie gebraucht, vermietet, verkauft und ins Elend gestoßen. Diesen Menschen sind die Mädchen nicht verloren gegangen, sie haben sie verstoßen. Dieser Vertrauensbruch wiegt schwer und verdoppelt die Last des gefährlichen Lebens in der erzwungenen Prostitution.

4.500 Kilometer erschütternde Reportage machen deutlich, dass es entlang der BR 116 nicht um Einzelschicksale geht. Der Missbrauch von Tausenden von Kindern hat System. Das beginnt in den Familien, oft ist es eine Geschichte, die vor Jahrzehnten ihren Anfang nahm und wie eine Erbkrankheit von Generation zu Generation weitergegeben wird. Aber es ist nicht nur die Geschichte von Familien, die ihren Kindern die Elternliebe verweigern; es ist zugleich die Krankheit einer Gesellschaft, die den massenhaften täglichen Missbrauch ihrer Kinder duldet – vielleicht sogar billigt. Brasilien hat alle Gesetze und Regelungen, die nötig sind, um dieser Zerstörung von Kinderseelen ein Ende zu setzen. Aber eine Kultur des Wegsehens und Akzeptierens – und vielfach auch der Korruption und der bezahlten Mitwisserschaft – schiebt die Gesetze beiseite und bestimmt das Leben.

Was sind das eigentlich für Männer, die kleine Mädchen mieten, benutzen und dann wegwerfen? Was haben diese Männer darüber gelernt, was ein Mann ist? Was bedeutet männliche Identität für sie? Ein Mann ist stark. Ein Mann nimmt sich, was er braucht, mit Geld oder mit Gewalt. Kinder, Mädchen, Frauen sind dazu da, benutzt zu werden. Für die meisten Jugendlichen in den brasilianischen Favelas ist die erste sexuelle Erfahrung eine Vergewaltigung; die Jungen erleben sie als Täter, die Mädchen als Opfer. In dieser Welt herrschen die Männer, die Frauen gehorchen. Dass auch die Vergewaltiger zu oft selber Opfer waren, bevor sie Täter wurden, dass sie am Ende vielfach Verlierer bleiben, gehört zur Wirklichkeit Brasiliens. Freundschaft zwischen Männern und Frauen, zwischen Jungen und Mädchen ist nicht vorgesehen. Ahnen die Männer, was ihnen in einem Leben fehlt, das ohne Freundschaft, Zuwendung und ehrliche Wertschätzung von Frauen bleibt?

Es ist daher richtig und konsequent, wenn Matt Roper schreibt, dass er zu einer bleibenden Veränderung der Situation die ganze Gemeinde braucht, die Schulen, die Geschäftsleute, die Polizei, den Bürgermeister, die Kirchengemeinden. Nur in einer gemeinsamen Anstrengung der ganzen Gesellschaft lässt sich die Kultur des Missbrauchs und der Abwertung überwinden.

Wie Matt Roper und Dean Brody setzt sich die Kindernothilfe mit vielen Projekten in Brasilien dafür ein, Mädchen und Jungen vor Missbrauch und Gewalt zu schützen, sie zu stärken und ihnen einen guten Start in ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Wo Mädchen schon zu Opfern geworden sind, lernen sie, dass sie wichtig sind und es verdient haben, geliebt zu werden. Mädchen und Jungen lernen andere Bilder von Weiblichkeit und Männlichkeit kennen. Die Mädchen lernen, dass es nicht ihre Bestimmung ist, sich Männern unterzuordnen und ihnen zu Willen zu sein. Die Jungen verstehen, dass es für sie selber besser ist, nicht zu Tätern zu werden, weil sie Freunde gewinnen können, wenn sie Mädchen mit Respekt begegnen. So lässt sich die Erbkrankheit der Gewalt überwinden. Es sind Schritte darauf zu, dass zumindest die nächste Generation verschont bleibt.

Natürlich geht es am Ende dann doch um Einzelschicksale. Um Leilah, Mariana und Joseline. Matt Ropers bewegender und anrührender Bericht ist voll Leidenschaft für die Mädchen auf den Straßen Brasiliens und weckt den dringenden Wunsch, mit daran zu arbeiten, dass all diese Kinder bald ein gutes Leben und schützende Liebe finden.

Duisburg, im November 2015

Christoph Dehn

Stellvertretender Vorsitzender des Vorstands Kindernothilfe e.V.

Prolog

Dieses Buch begann ursprünglich als rein journalistisches Projekt – als Bericht über einen Zustand, der meiner Meinung nach beleuchtet werden musste. Der kanadische Country-Musiker Dean Brody und ich hatten uns vorgenommen, die brasilianische Bundesstraße BR-116 zu bereisen. Wir hatten herausgefunden, dass es auf diesem 4500 Kilometer langen Highway alarmierend viele Fälle von Kinderprostitution gab. Unser Plan: Wir wollten die Geschichten der missbrauchten Mädchen aufschreiben und verbreiten, einige der Verantwortlichen aufspüren und das Problem damit hoffentlich ans Licht bringen.

Doch es kam anders. Das journalistische Projekt erhielt schnell einen persönlichen Charakter. Wir hatten nicht damit gerechnet, dass uns das wahre Ausmaß der Tragödie am brasilianischen Highway so tief erschüttern würde. Innerhalb weniger Tage erlebten wir beide eine so tiefe Verzweiflung und einen so vollständigen inneren Zerbruch wie niemals zuvor. Vor unseren Augen wurde das Leben kostbarer, unschuldiger Kinder förmlich in Stücke gerissen. Diese Erfahrung veränderte unser Leben für immer, und sie veränderte auch die Ausrichtung meines Buches. Es wurde die Geschichte einer anderen Reise: Einer Reise, die von dem Wunsch bestimmt wurde, diese Mädchen zu retten und Hoffnung inmitten der Dunkelheit aufleuchten zu lassen.

Ich bin heute mehr denn je davon überzeugt, dass die Welt wissen muss, was auf der BR-116 vor sich geht. Ich hoffe und bete inständig, dass die Lektüre dieses Buches Sie ebenfalls tiefgreifend und nachhaltig verändern wird. Denn – um es mit den Worten von Martin Luther King Jr. auszudrücken – „in dieser Generation werden wir nicht einfach nur für die hasserfüllten Worte und Taten böser Menschen Rechenschaft ablegen müssen, sondern [auch] für das furchtbare Schweigen der Guten“ (Martin Luther King Jr., Brief aus dem Gefängnis von Birmingham, 1963).

Matt Roper

Kapitel 1Das Mädchen im lilafarbenen Kleid

Sie trat in unser Leben innerhalb eines Wimpernschlages, innerhalb eines kurzen Momentes, der die Finsternis der Nacht jäh durchbrach. Für den Bruchteil einer Sekunde stand sie im Scheinwerferlicht unseres Autos, bevor die Dunkelheit sie wieder verschluckte.

Wir waren schon seit Stunden unterwegs und kämpften uns durch die Finsternis. Nur mühevoll konnten wir die verblichene, weiße Mittellinie und die verrosteten, grünen Verkehrsschilder vor uns ausmachen. Die BR-116 wand sich durch dichte Wälder und offenes Flachland; beides sah für uns mitten in der Nacht jedoch gleich aus. Gelegentlich wurden wir vom Licht gigantischer Lastwagen geblendet, die wie wild gewordene Stiere an uns vorbeirauschten und dichte schwarze Abgaswolken hinter sich herzogen. Die meiste Zeit saß ich nach vorne gelehnt, das Lenkrad mit beiden Händen umklammert.

Die Uhr im Armaturenbrett zeigte 01:23 Uhr an, als wir über einen Hügelkamm fuhren und in der Ferne die einladenden Lichter der Stadt sehen konnten – darunter auch die unseres Hotels für die Nacht. Der Gedanke an ein Bett brachte die Müdigkeit wieder hervor, die unsere Körper bisher erfolgreich in Schach gehalten hatten.

Da sahen wir sie plötzlich: Eine kleine, zierliche Gestalt, die reglos am Straßenrand der Bundesstraße vor uns stand. Sie trug ein hübsches, lilafarbenes Sommerkleidchen, das schlaff an ihrem mageren Körper herabhing. Es flatterte im Wind, während sie auf dem leicht angehobenen Seitenstreifen balancierte, der die Straße von der spärlichen Vegetation dahinter trennte. Die hochgewachsenen Büsche hinter ihr überragten sie fast um das Doppelte.

Sie sah nicht älter als elf aus.

Als wir an ihr vorbeifuhren, sahen wir ihr für einen kurzen Moment ins Gesicht. Ein Blick voller Unschuld, ihr rabenschwarzes Haar zu einem Zopf zusammengebunden, gescheitelt und mit einer purpurfarbenen Schleife geschmückt – als hätte ihre Mutter sie sorgfältig herausgeputzt. Sie sah vollkommen fehl am Platz aus, wie sie da stand, nur ein paar Zentimeter vom wütenden Getöse des nächtlichen Verkehrs entfernt. Dann, genauso schnell wie sie gekommen war, verschwand sie auch wieder aus unserem Blickfeld und war nur noch als schemenhafte Figur im Rückspiegel zu erkennen.

Dean reagierte zuerst: „Hast du das gesehen? Was hat sie dort gemacht? Denkst du, dass sie …?“

„… eine Prostituierte ist? Nein, das glaube ich nicht. Ich bin mir sicher, dass sie nicht deswegen dort steht“, sagte ich, meine Augen noch auf den Rückspiegel gerichtet, während die Gestalt des Mädchens in der Entfernung kleiner wurde. Dean war anscheinend zufrieden mit meiner Antwort und ließ sich wieder in seinen Sitz sinken. Immerhin war ich der Ortskundige hier. Derjenige, der die Strecke schon einmal gefahren war, Brasilien, die Menschen und ihre Probleme wesentlich besser kannte als er. Er blickte nach draußen, auf die Lichter, die langsam die Dunkelheit verdrängten – gelbe Straßenlaternen, beleuchtete Ladenschilder und Werbetafeln. Ich sah noch immer in den Spiegel und beobachtete, wie das Mädchen im lilafarbenen Kleid aus meinem Blickfeld verschwand.

Das Thema Kinderprostitution hatte uns in diese ominöse, brasilianische Kleinstadt mit dem Namen Governador Valadares geführt. Es war einer der vielen Orte, die ich während meiner letzten Brasilienreise vor zehn Jahren besucht hatte, um Nachforschungen zu dem Thema anzustellen, über das ich letztendlich auch ein Buch geschrieben habe. Was ich damals fand, hatte mich zutiefst schockiert: Vor allem in den Großstädten wie Rio und Recife boten sich junge Mädchen ausländischen Touristen ganz öffentlich an. Damals fuhr ich nach Valadares, weil es trotz seiner Abgelegenheit ein beliebtes Touristenziel war. Teilnehmer und Besucher der internationalen Paragliding-Meisterschaften füllten regelmäßig die Bars, Hotels und Restaurants der Stadt. Damit bestand für mich nicht der geringste Zweifel, dass Kinderprostitution hier genauso ein Problem war, wie in den großen Touristenzentren des Landes, in denen ausländischen Touristen das Geld in der Tasche brannte.

Ein weiterer kritischer Faktor war die Bundesstraße, die durch das Herz der Stadt führte: Zwar brachte diese wirtschaftlichen Wachstum in die Stadt, öffnete damit aber auch die Tür für Ausbeutung. Die tausenden von LKWs, die täglich auf der BR-116 durch die Stadt rumpelten, brachten noch mehr Männer mit sich als die gecharterten Touristenflieger, die auf dem Flughafen von Valadares landeten. Ich hatte einige der Mädchen getroffen, die am Straßenrand der Bundesstraße standen, um sich für ein paar Real den Fernfahrern auf ihren langen, einsamen Touren anzubieten. Die meisten waren Töchter aus problembeladenen Familien, die in den verarmten Favelas des Landes leben.

Keine von ihnen war jedoch wie das Mädchen, das wir gerade am Straßenrand gesehen hatten. Diese Mädchen waren zwar noch jung, aber bereits durch ihren Lebensstil abgehärtet: tough, zynisch, rebellisch, vom Leid gezeichnet. Sie trugen keine bunten Bändchen in ihrem sauber gekämmten Haar. Nebenbei ist es in Brasilien nicht unüblich, Kinder an der Straße entlanglaufen zu sehen – auch nachts an einem vielbefahrenen Highway. Für Dean, der ja erst seit einigen Tagen hier war, musste dieser Anblick natürlich alarmierend wirken. Ich hingegen war der Meinung, kaum ein Brasilianer würde das Mädchen auch nur eines zweiten Blickes würdigen.

Deswegen weiß ich auch nicht, was mich dazu bewegte, umzudrehen und zurückzufahren. Meine Intuition sagte mir, dass nichts an dieser Szene in irgendeiner Form bedenklich sei, dass es sich einfach um ein Mädchen vom Land auf ihrem Weg nach Hause handele. Aber als ich die Möglichkeit sah, zu wenden, fuhr ich nach einem Blick über die Schulter auf der gegenläufigen Spur zurück.

Als wir nach einer halben Meile auf der Bundesstraße erneut nach einer Wendemöglichkeit suchten, war ich überzeugt davon, dass wir sie nicht wiederfinden würden. Doch da war sie, fast an der gleichen Stelle, an der wir sie zuerst gesehen hatten. Sie irrte immer noch scheinbar ziellos umher, ihren Blick auf den Boden vor sich gerichtet, als ob sie sich dafür schämen würde, alle paar Minuten von den Scheinwerfern der vorbeifahrenden Fahrzeuge angeleuchtet zu werden. Dieses Mal blinkte ich und wurde langsamer. Sie drehte sofort um und kam auf uns zu.

Ich kurbelte das Fenster herunter und sie warf einen Blick ins Auto.

„Hi … du bietest hier aber keine programas1 an, oder?“, fragte ich. Ich mochte diesen Ausdruck nicht – er ließ die Tatsache, dass eine Person für Sex bezahlt wird, wie eine völlig akzeptable Geschäftshandlung wirken.

„Doch“, entgegnete sie, ihre knochigen Ellbogen auf den Rand des Fensters gelehnt. Selbst aus der Nähe sah sie abgemagert aus, mit großen Augen in einem eingefallenen Gesicht. Sie zerrte am Griff der hinteren Autotür. „Lasst mich rein, bevor uns jemand sehen kann“, sagte sie.

„Nein, nein. Wir wollen nur mit dir reden. Ich werde dort drüben parken“.

Ich werde nie darüber hinwegkommen, dass dieses Kind bereit war, um 01:30 Uhr morgens zu wildfremden Männern ins Auto zu steigen – und das nur wenige Sekunden, nachdem wir angehalten hatten!

Wir stiegen aus dem Wagen, um mit ihr zu reden. Anfangs war sie zurückhaltend und vorsichtig, die Arme eng um ihren Körper geschlungen. Ihre Augen verrieten die schüchterne Unschuld eines Kindes. Sie sprach nicht viel, aber was sie erzählte, eröffnete uns die Geschichte eines unvorstellbar tragischen Lebens. Ihr Name war Leilah. Sie sagte uns, dass sie vierzehn Jahre alt sei, obwohl sie jünger aussah. Zusammen mit ihrer Familie – Vater, Mutter und vier Geschwistern – lebte sie in dem Brachland, das sich hinter uns befand. Jeden Abend lief sie zur Bundesstraße, um sich den Lastwagenfahrern anzubieten. Sie betonte, dass sie sich dabei keinesfalls zu billig verkaufe. Für ihre Dienste nehme sie niemals weniger als fünfundzwanzig Real – etwa sieben Euro. Die traurige Ironie dieser Aussage entging ihr dabei. Sie hielt diese Summe für ihren Wert.

„Wo sind deine Eltern?“, fragte ich.

„Zu Hause. Die wissen, was ich mache. Wenn ich nach Hause komme, gebe ich ihnen das Geld und sie kaufen dafür Essen. Jetzt müssten sie aber schon schlafen.“

Ich fragte sie, was geschehe, wenn ein Lastwagenfahrer sie aufsammelte.

„Wenn der Fahrer fertig ist, schmeißt er mich raus. Manchmal darf ich noch runter klettern, aber oft stoßen sie mich auch einfach raus und ich stürze auf den Asphalt. Das geht tief runter. Daher kommen die hier.“ Sie zeigte uns ihre Ellbogen, auf denen frisch verheilte Wunden zu sehen waren.

In diesem Moment donnerte ein Autotransporter hupend an uns vorbei und betätigte bewusst sein Drucklufthorn. Das Geräusch riss Leilah aus ihren Gedanken: „Ich muss wieder zurück, wollt ihr sonst noch etwas?“

Ich überlegte kurz. Das Leid des Mädchens erfüllte mein Herz mit Traurigkeit und ich vermutete, dass ich sie nach dem heutigen Abend wahrscheinlich nie wiedersehen würde. Also legte ich meine Hand vorsichtig auf ihre Schulter und versuchte ihren Blick zu halten. „Ich möchte dir nur sagen … du bist so viel mehr wert, als du dir jemals vorstellen könntest. Bitte, Leilah, geh nach Hause und mach das hier nicht mehr. Du verdienst etwas viel, viel Besseres.“

Zum ersten Mal lächelte Leilah. Wahrscheinlich wurde ihr in diesem Moment klar, dass wir sie nicht ausnutzen wollten wie die anderen Männer, die sonst an diesem Seitenstreifen hielten. Mit ausgestreckten Armen bot sie uns eine Umarmung an. Dann drehte sie sich um und lief ein Stück entlang der Bundesstraße. Im blendend gelben Licht der entgegenkommenden Autos konnten wir noch eine Weile ihre Silhouette ausmachen, bevor sie in der Dunkelheit verschwand.

Unsere Begegnung mit Leilah hatte weniger als fünf Minuten gedauert und doch hatte sie alles verändert. Dean meinte später, dies sei der Wendepunkt in seinem Leben gewesen. Er schrieb: „Es hat mir das Herz gebrochen, dass dieses kleine Mädchen irgendwo da draußen in der Dunkelheit herumlief, gefangen in ihrem eigenen Albtraum. Ich wollte nichts mehr, als sie da herauszuholen.“

Das Schlimmste war: Wir konnten nichts tun. Wir mussten mit ansehen, wie ein kleines Mädchen, das sofort unseren Beschützerinstinkt geweckt hatte, einfach wieder in eine Nacht verschwand, die nichts für sie bereithielt als sexuellen Missbrauch und Gewalt. Bald würde sie wieder einem schäbigen Lastwagenfahrer ausgeliefert sein, der sie am Ende vermutlich wie ein kaputtes Spielzeug auf dem harten Asphalt zurücklassen würde. All das, während wir friedlich in unseren Hotelbetten schliefen. Allein bei dem Gedanken wurde uns schlecht.

Leilahs tragische Geschichte war in dieser Nacht nicht das einzige, was uns innerlich stark aufwühlte. Just an diesem Morgen hatten wir uns nämlich mit dem Vorsitzenden des Abgeordnetenhauses des Bundesstaats Minas Gerais getroffen, der nach dem Gouverneur die zweitmächtigste Person war. Wir hatten ihm erzählt, dass wir die BR-116 bereisen wollten, um für das Thema Kinderprostitution in Brasilien zu recherchieren. Daraufhin hatte er nur abfällig gelacht. „Sie verschwenden Ihre Zeit! Ich gebe zu, dass Prostitution von Minderjährigen früher einmal ein Problem war. Aber Brasilien hat sich seitdem weiterentwickelt. So etwas passiert hier nicht mehr.“ Welche Chance hatte ein Mädchen wie Leilah, wenn selbst diejenigen, die die Macht zu helfen hatten, sich weigerten, ihre Existenz anzuerkennen?

Irgendwann brach Dean unser Schweigen mit einem Fausthieb auf das Armaturenbrett.

„Wie kann jemand nur zulassen, dass so etwas passiert? Sie ist nur ein Kind! Ich hätte nie gedacht… Etwas darüber zu lesen ist das Eine – das ist schon furchtbar genug –, aber es dann tatsächlich mitzuerleben? …“ Er fluchte leise. „Wie können die Männer diesem Mädchen nur so etwas antun?“

Mit derselben Faust raufte er sich die Haare, während Tränen in seine Augen traten. Ich wusste, wie es ihm gerade ging, kannte die nicht zu bändigenden Gefühle, den Zorn, die Hilflosigkeit. Bei meiner ersten Brasilienreise hatte ich dieses Gefühlsspektrum auch durchgemacht. Ich hatte geweint und geflucht, nachdem ich miterlebt hatte, welch unfassbares Leid diesen „Geringsten unter ihnen“ zugefügt wurde. Jungen, unschuldigen Mädchen, macht- und stimmlos, die für eine Handvoll Münzen verkauft wurden.

Dean entschuldigte sich für das Fluchen. Er rieb sich das Gesicht und musste über seinen Ausbruch lachen. Dann wurde es wieder still im Auto. Wir starrten einfach nach vorne, während wir durch die menschenleeren Straßen zu unserem Hotel fuhren.

* * *

Bei Tageslicht war die Stelle, an der wir Leilah getroffen hatten, kaum wiederzuerkennen. Die düstere, nächtliche Kulisse entpuppte sich am Tag als eine heruntergekommene Ansammlung von Wellblechhütten, die am Steilhang eines Lehmhügels standen. In einiger Entfernung, in der Richtung, in der Leilah am Abend zuvor verschwunden war, ragten die stählernen Türme einer gewaltigen Umspannstation in den wolkenlosen Himmel. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite, direkt neben einer Tankstelle und dem Hof einer LKW-Werkstatt, reihten sich einige zwielichtige Motels mit Namen wie „Dreams“, „Paloma“ und „La Pointe“ aneinander, deren Neonschilder gelegentlich aufflackerten.

Tagsüber war der Verkehr wesentlich geschäftiger. Egal, wo man hinsah, konnte man Lastwagen sehen, die geparkt oder weggefahren wurden, dabei Staub aufwirbelten und dichte schwarze Abgaswolken hinterließen. Der konstante Verkehr auf der Bundesstraße ähnelte einem wild rauschenden Fluss und war dabei ebenso laut. Der Lärm dröhnte in unseren Ohren, während der Staub der Straße unsere Augen reizte. Über uns stand die Sonne hoch am Himmel und brannte auf unsere ungeschützten Nacken.

Wir hatten unser Auto bei der Tankstelle abgestellt und waren zur anderen Seite gelaufen, wo wir vor zehn Stunden noch mit der kleinen Leilah geredet hatten. Während ich mich umsah, lief Dean unruhig auf und ab, seinen Blick auf den Boden gerichtet, wo man in der staubigen, roten Erde noch unsere Fußspuren der vorigen Nacht erkennen konnte. Wir hatten beide schlecht geschlafen und noch lange mit dem gekämpft, was wir erlebt hatten. Dean hatte seit dem Frühstück noch fast kein Wort gesagt. Nach einer Weile schaute er mich an.

„Was, wenn es noch mehr Mädchen wie Leilah gibt? In der letzten Nacht haben wir nur sie getroffen – und wir hätten sie beinahe übersehen. Diese Bundesstraße ist Tausende von Kilometern lang und es könnte noch hunderte, tausende solcher Mädchen geben. Sollten wir das nicht herausfinden?“

Ursprünglich wollten wir nur kurz in Governador Valadares Halt machen und dort eine Nacht verbringen, während unsere Frauen und mein sieben Monate alter Sohn bei Freunden in einem etwa 110 Kilometer entfernten Städtchen auf uns warteten. Von dort aus wollten wir dann zur Küste Rio de Janeiros weiterfahren, um unsere letzten Tage in Brasilien gemütlich am Strand zu verbringen. Wenn wir nun weiterführen, müssten wir unsere Pläne noch einmal komplett überdenken. Aber Dean hatte Recht. Aus irgendeinem Grund war uns ein Einblick in das albtraumhafte Leben eines Mädchens gegeben worden. Das Mindeste, was wir jetzt tun konnten, war tiefer zu bohren und herauszufinden, was wirklich auf dieser Bundesstraße vor sich ging und welche Hilfe wir leisten könnten.

Nachdem ich eine Weile überlegt hatte, wandte ich mich an Dean. „Im Umkreis von ein paar hundert Kilometern gibt es keine größeren Städte mehr. Ich kenne nur eine Kleinstadt namens Medina. Sie liegt irgendwo an der Bundesstraße. Ich habe einmal einen Abstecher dorthin gemacht, bin aber nur eine halbe Stunde geblieben. Seitdem wollte ich schon immer mehr über den Ort herausfinden. Was meinst du?“

Ich musste nicht auf Deans Antwort warten. Er war bereits zum Seitenstreifen gegangen und wartete die nächste Möglichkeit ab, die Straße zu überqueren. Es war 11:30 Uhr, als wir Governador Valadares den Rücken zukehrten, um der BR-116 in Richtung Norden zu folgen. Die nächsten sechseinhalb Stunden würden wir auf diesem Highway verbringen. Diese Reise sollte unser Leben für immer verändern.

1 In Brasilien werden Prostituierte auch „garota de programa“ genannt, wörtlich „Programm-Mädchen“.

Kapitel 2Nicht aufhören

Die Sonne ging bereits unter und versank hinter den Hügeln am Horizont, als unser von der Fahrt strapaziertes Auto endlich über das staubige Kopfsteinpflaster der Innenstadt von Medina rollte. Es war 18:00 Uhr, und die Ladenbesitzer räumten bereits ihre ausliegenden Waren weg und ließen die Rollläden in ihren Schaufenstern hinunter. Auf dem zentralen Marktplatz herrschte jedoch noch reger Betrieb. Mit Einkaufstaschen beladene Frauen eilten über die vielbefahrene Straße und zogen Kinder hinter sich her. Männer mit ausgefransten Strohhüten saßen in Grüppchen auf dem Weg und spielten Karten oder saßen gemütlich auf den weiß getünchten Mauern des Platzes. Einige der Männer beobachteten uns eindringlich. Man sah ihnen deutlich an, dass sie nicht oft unbekannte Besucher in die Stadt kommen sahen.

Medina ähnelte der Stadt, die wir heute Morgen verlassen hatten, in keiner Weise. Governador Valadares war ein zentraler Industriestandort, ein urbaner Ballungsraum, in dem ernstzunehmende soziale Probleme zu erwarten waren. Medina dagegen war nur eine kleine ländliche Stadtgemeinschaft. So langsam fragten wir uns, ob diese Reise vielleicht umsonst gewesen sei, ob wir uns getäuscht hatten, und ob das, was wir am gestrigen Abend am Rande von Governador Valadares erlebt hatten, in diesem verschlafenen, kleinen Nest überhaupt kein Problem darstellte.

Wir kannten niemanden in Medina, schließlich waren wir spontan aufgebrochen. Daher hatte ich auch nicht versucht, jemanden im Vorfeld zu kontaktieren, der uns hätte helfen können. So entschlossen wir uns, das örtliche Conselho Tutelar – das brasilianische Jugendamt – aufzusuchen, das für den Kinder- und Jugendschutz zuständig und normalerweise am besten über problematische Fälle vor Ort informiert ist. Als wir dort endlich ankamen, fanden wir das Büro geschlossen vor. Wir standen eine Weile vor dem Gebäude, unsere Beine schmerzten von der langen Fahrt. Wir waren uns unsicher, wie wir weiter vorgehen sollten und ob diese Stadt überhaupt eine Übernachtungsmöglichkeit bot.

Ein alter Mann kam den Hügel hoch geschlurft. Seine Haut war wettergegerbt, die Flip-Flops an seinen Füßen hatten ihre besten Tage schon hinter sich. „Sucht ihr Rita?“, fragte er.

„Nein, nein. Wir möchten nur mit jemandem vom Jugendamt reden. Das ist alles“, antwortete ich.

„Das ist Rita“, entgegnete er, „die Leiterin. Sie wohnt in der Straße dort drüben.“ Er wedelte mit seinem knochigen Arm in Richtung einiger baufälliger Häuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Wir mussten noch mehrere Male nach dem Weg fragen. Einige Frauen, die in einem Türeingang saßen und Maiskörner sortierten, schickten uns zu einem Straßenzug mit ungleichmäßig verteilten Reihenhäuschen. Ein Mann, der sich aus einem Fenster herauslehnte, deutete auf eine lilafarbene Hauswand auf der anderen Seite. Wir folgten seinem Hinweis. Ich betätigte die Türklingel, und wir warteten, während sich die eiserne Gartenpforte wackelnd aufschob.

Rita war eine große Frau mit olivfarbenem Teint und welligem braunen Haar. Sie lächelte uns freundlich zu und bot uns die Hand an, noch bevor wir uns vorstellen konnten.

„Es tut mir sehr leid, dass ich Sie zu Hause störe“, sagte ich. „Ich bin Journalist und komme aus England. Das ist Dean. Er ist Country-Sänger und kommt aus Kanada.“ Rita nickte, als ob sie so etwas jeden Tag hören würde. „Wir versuchen mehr über die Probleme herauszufinden, mit denen die Kinder hier in Medina zu kämpfen haben. Ich habe mich gefragt, ob …“

„Na dann, steht nicht einfach so herum. Kommt doch rein“, sagte sie ohne zu zögern.

Bevor wir uns versahen, saßen Dean und ich auf dem Sofa in Ritas Wohnzimmer, während unsere Gastgeberin in der Küche hantierte. Wir waren überrascht von der sorglosen Art, mit der Rita uns willkommen geheißen hatte. Ein paar Minuten später kam sie mit einer Kanne frischen Kaffees und einem Teller beijús – einem Süßgebäck aus Tapioka-Mehl – wieder. Sie setzte sich uns gegenüber, und ich versuchte noch einmal zu erklären, warum wir unangemeldet auf ihrer Türschwelle aufgetaucht waren.

„Rita, letzte Nacht sind wir einem jungen Mädchen auf der Bundesstraße begegnet, das sich selbst für Geld angeboten hat. Daraufhin haben wir beschlossen, mehr herauszufinden und der Sache auf den Grund zu gehen. Ich weiß auch nicht so recht, warum wir ausgerechnet nach Medina gekommen sind. Aber wir wollten dich fragen, ob du uns vielleicht weiterhelfen könntest…“

Ritas Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht und zum ersten Mal sah sie überrascht aus. Für einen Moment fragte ich mich, ob wir sie mit unserer Annahme, so etwas könne in ihrer Stadt passieren, beleidigt hätten.

Nachdem sie ihre Fassung wiedergefunden hatte, begann sie mit den Worten: „Ich weiß nicht, wie ihr hierhergekommen seid und ich weiß nicht, wie ihr von dieser Stadt erfahren habt, aber … ich glaube, dass ihr Engel sein müsst, die Gott mir geschickt hat.“

Ritas Stimme war voller Schmerz, als sie uns von der unfassbar entsetzlichen Tragödie berichtete: Davon, dass hunderte von Mädchen von ihren eigenen Familien zu einem Leben voller Demütigung und Missbrauch verdammt würden. Dass es Mütter gebe, die ihre eigenen Töchter gegen einen Sack Bohnen eintauschten. Dass einige Mädchen im Alter von zwölf und dreizehn schon an AIDS erkrankt seien. Sie erzählte von weiteren Mädchen, deren Verbleib sie nicht mehr nachverfolgen könne. Mädchen, um die sie sich einst gekümmert hatte, die dann aber eines Tages in einen der Laster stiegen, die auf der BR-116 Richtung Norden oder Süden unterwegs waren, und nie wieder nach Hause zurückkehrten.

„Die Lage ist zum Verzweifeln“, sagte Rita, „Wir verlieren immer mehr von diesen Mädchen. Jede Woche höre ich von einem weiteren Mädchen, das weg ist – irgendwo entlang der Bundesstraße verschwunden. Es ist so, als ob dir der Sand zwischen den Finger zerrinnt und du nichts dagegen tun kannst, außer den Sandkörnern beim Fallen zuzusehen. So sehr ich mich auch bemühe, ich kann die Mädchen nicht vor dem Fall bewahren.“

Ritas Gesicht war tränenüberströmt, während sie sprach. Der Schmerz, den sie so lange zurückgehalten hatte, brach aus ihr heraus. Täglich flehe sie Gott um Hilfe an, sagte sie uns. Die letzten paar Tage seien die schlimmsten gewesen. Sie hatte sich gefragt, wie viel länger sie dieser Katastrophe noch alleine Einhalt gebieten könne. Auch Dean, der neben mir saß, liefen die Tränen übers Gesicht. Ich hatte nichts von dem, was Rita gesagt hatte, übersetzt – dafür war einfach nicht die Zeit gewesen –, aber er verstand trotzdem. Er konnte den Schmerz, die Verzweiflung und Ritas gebrochenes Herz deutlich in ihrem Gesicht sehen.

Kinderprostitution, erklärte uns Rita, sei eine Lebenseinstellung in Medina. Niemand sei schockiert, wenn er ein zwölfjähriges Mädchen am Straßenrand sah, das ihren Körper zum Verkauf anbot. Jeder hier kenne irgendjemanden, dessen kleine Tochter in einem Bordell an der Bundesstraße „arbeitete“. „Die Eltern sind immer glücklich, wenn ein Mädchen zur Welt kommt“, sagte sie. „Nicht, weil sie sich darauf freuen, dass ihre Tochter irgendwann mit Puppen spielen oder sich verkleiden wird, sondern weil die Familie in etwa zehn Jahren eine zuverlässige Einnahmequelle haben wird.“

Dean und ich waren sprachlos. Wir waren hergekommen, weil wir damit gerechnet hatten, etwas Erschütterndes vorzufinden – aber nicht so etwas. Selbst, wenn dieses Problem ausschließlich Medina betreffen würde, war es immer noch eine Tragödie von alarmierendem Ausmaß. Die Worte des Vorsitzenden des Abgeordnetenhauses kamen uns wieder in den Sinn: „Sie werden hier nichts finden … So etwas passiert hier nicht mehr.“ Ich musste auch an die anderen Menschen denken, die ich in Belo Horizonte, der Landeshauptstadt, kannte. Das waren gebildete und gut informierte Bürger – und trotzdem hatten sie keine Ahnung von dem, was lediglich eine Tagesreise von ihrer Haustür entfernt vor sich ging.

„Aber Rita“, sagte ich, „das ist ein Skandal! Warum weiß das keiner? Warum versucht keiner, etwas dagegen zu unternehmen?“

Rita lehnte sich zu mir. „Matt, abgesehen von den LKW-Fahrern kommt niemand hier in Medina vorbei. Es gibt keine Touristen, keine Ausländer und keine Fernsehkameras. Diese Mädchen sind in Brasilien einfach nichts wert. Das Land hat sie vergessen, ihr Schicksal wird einfach ignoriert. Aus den Augen – aus dem Sinn. Die meisten Leute wollen sogar, dass das so bleibt… Möchtet ihr einige der Mädchen mal kennenlernen?“

* * *

Es war schon dunkel, als wir das heruntergekommene Ziegelhaus erreichten, das nur einige Meter vom Straßenrand der BR-116 entfernt stand. Das Haus wäre in der Dunkelheit kaum zu sehen gewesen, hätte nicht eine einzelne, riskant verdrahtete Glühbirne die Vordertür beleuchtet. Eine Wäscheleine aus Stacheldraht war auf Kopfhöhe am Gebäude angebracht und erfüllte damit wohl eine doppelte Funktion – man hätte sie ebenso als eine Art „Nicht-betreten“-Schild deuten können.

Rita erklärte uns, dass das Haus José gehöre, einem Vater von vier Mädchen im Alter von acht bis sechzehn Jahren. Er arbeitete in einem achtzig Kilometer entfernten Granit-Steinbruch und kam nur alle paar Wochen nach Hause. Währenddessen waren es seine Töchter, die das Geld verdienten, indem sie sich am Rande der Bundesstraße verkauften und ihre eigenen Zimmer dabei als Arbeitsplatz benutzten.

José war zufällig zu Hause, als wir ankamen. Er hinkte und hustete, während er uns in sein Haus einlud. Die Wände waren mit schwarzem Schimmel bedeckt, auf dem Boden verstreut lagen Decken, schmutzige Kleidungsstücke und dreckige Teller. Ich warf einen Blick in einen der anderen Räume. Er war genauso dreckig wie der Rest des Hauses, jedoch konnte man ihn eindeutig als das Zimmer eines Teenagers identifizieren: An den Wänden hingen Poster von Boybands, auf dem Nachtisch stand ein mit Herzchen verzierter Bilderrahmen und ein paar Stofftiere lagen sorgfältig drapiert am Kopfende des Betts.

„Sind Viviane und Sâmia zu Hause?“ frage Rita. Das waren die beiden mittleren Mädchen – zwölf und vierzehn. „Nein, die sind zur Kirche gegangen“, entgegnete José sofort.

Ich sah Rita ein wenig irritiert an. „Das sagen sie immer“, raunte sie mir zu. „Sie glauben, dass sie damit den unangenehmen Fragen der Sozialarbeiter entgehen können.“

Es dauerte nicht lange, bis die beiden Mädchen auftauchten. Mit ihrem dick aufgetragenen Make-Up und ihren figurbetonten Kleidern sahen sie nicht so aus, als seien sie in der Kirche gewesen. Ritas Anwesenheit schien ihnen ein schlechtes Gewissen zu bereiten. Obwohl sie verlegen versuchten, ihr zu erklären, dass sie nur eine rolé – eine kleine Spritztour – gemacht hätten, war ihnen anzumerken, dass sie genau wussten, Rita würde ihnen ihre Geschichte nicht abkaufen.

Die dunkelhäutigen Mädchen sahen älter aus, als sie tatsächlich waren. Nur gelegentlich schimmerten in einem verlegenen Lächeln oder in einer kindlichen Formulierung die Kinder durch, die sie noch waren. Sie waren mit eingehakten Armen angekommen und hatten sich während des Gesprächs die ganze Zeit nicht losgelassen.

Während unserer Unterhaltung standen wir am Rand der Fahrbahn, wo die vorbeifahrenden Trucks unsere Stimmen übertönten und den Boden unter unseren Füßen beben ließen. Ich versuchte mir vorzustellen, wie es möglich sei, jemals in einem der nur wenige Meter entfernten, modrigen Mädchenzimmer in Ruhe zu schlafen. Für die Mädchen musste es wesentlich schlimmer sein. Die Räume waren für sie ein Albtraum, dem sie nicht entkommen konnten, eine Erinnerung an die Demütigungen und an den Missbrauch, dem sie täglich ausgesetzt waren. Selbst ihre eigenen Betten waren die Kulisse für unzählige gewalttätige und herzlose Momente, in denen ihnen sukzessive die kindliche Unschuld geraubt wurde.

Wir verließen diesen dunklen, bedrückenden Ort, nachdem uns Viviane und Saˆmia versichert hatten, sie würden ins Haus gehen und sich sofort schlafen legen. Aber als wir zurückblickten, liefen die Mädchen bereits wieder Arm in Arm Richtung Bundesstraße und wurden bald von der Dunkelheit verschluckt.

Vom Rand der BR-116 aus waren es nur wenige Minuten zum Haus der zwölfjährigen Letícia. Während wir dorthin liefen, unterrichtete uns Rita von den tragischen Begebenheiten dieses Straßenabschnitts. „Seht ihr das Haus dort drüben? Das war früher ein Bordell, das sich auf minderjährige Mädchen spezialisiert hatte. Wir konnten es zwar dichtmachen, aber es wurde wenige Monate später wieder eröffnet… Und die Tankstelle da hinten? Letzte Woche habe ich ein elfjähriges Mädchen dabei erwischt, wie sie in einen Truck stieg. Der Fahrer hatte ihr versprochen, er würde sie mit zum Strand nach Porto Seguro nehmen.“

Letícia lebte in einem dieser bunt gestrichenen Reihenhäuser, von denen wir schon so viele in Medina gesehen hatten. Der Stadtteil, Várzea Grande, war laut Rita eine brutale Gegend, die von Drogenbanden beherrscht und nicht selten durch grausame Gang-Morde erschüttert wurde. Letícias Haus war ein krasser Gegensatz zu dem Gebäude, das wir gerade besucht hatten. Es war zwar ärmlich eingerichtet, aber gepflegt und ordentlich. Armando, der Vater des Mädchens, spiegelte dies wider: Seine Haare waren sorgsam gekämmt, und er trug eine saubere Hose sowie ein langärmliges Hemd.

Uns wurde schnell klar, dass die Probleme in dieser Familie zwar nicht dieselben waren wie bei der letzten, jedoch nicht weniger tragisch. Armando ging regelmäßig zur Kirche und bemühte sich sehr um seine Tochter, für die er nur das Beste wollte. Zu seinem Schrecken musste er feststellen, dass der Albtraum der Kinderprostitution von Medina auch seine Familie ergriffen hatte. Im Gegensatz zum Rest seines Äußeren verrieten die unterlaufenen Augen und das abgemagerte Gesicht, dass Armando ein gequälter Mann war, der sich verzweifelt dagegen wehrte, seine heißgeliebte, kleine Tochter zu verlieren.

„Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich kann nachts kaum schlafen“, sagte er. „Letícia war früher so ein liebes Mädchen. Sie war immer in der Kirche. Sang sogar im Chor mit. Sie ist doch gerade erst zwölf! Die Sorgen machen mich krank. Wenn ich nur daran denke, was dort draußen mit ihr passiert…“

Es sei vor einem Jahr geschehen, erzählte er uns. Letícia war bei ihrer Mutter in São Paulo gewesen, Brasiliens größter Stadt. Das Mädchen hatte sich sehr nach ihrer Mutter gesehnt.

„Aber als sie dort ankam, fiel irgendetwas zwischen den beiden vor – ich weiß auch nicht, was – und meine Tochter lief weg. Am nächsten Morgen fand die Polizei sie bewusstlos in einem Graben.

Sie war vergewaltigt worden. Kurz danach hat es angefangen. Letícia war irgendwie verändert, als sie wieder zu mir kam. Manchmal habe ich sie unter ihrem Bett oder auf dem Wassertank über dem Hausdach gefunden. Sie hatte dort geschlafen. Dann fing sie an, regelmäßig wegzulaufen, sich mit den falschen Leuten zu treffen und in Schwierigkeiten zu geraten. Ich muss mich nur einmal kurz umdrehen – und plötzlich ist sie weg!

Das bringt mich um. Ich schlafe nicht mehr, gehe nicht einmal mehr ins Bett. Ich warte nur an der Türschwelle, dass sie wieder nach Hause kommt. Letícia sieht zwar, was das mit mir macht, aber sie hört trotzdem nicht damit auf.“

Immer, wenn ihr Vater besorgt in die Ferne blickte und darauf wartete, dass seine verlorene Tochter zurückkehren würde, war Letícia auf der BR-116 unterwegs. Sie stieg bei Fernfahrern ein, irrte nachts auf dunklen LKW-Parkplätzen und Tankstellen umher und ließ sich für eine Handvoll Real benutzen und missbrauchen. In einer besonders heftigen Nacht raubte ihr eine Gruppe von Vergewaltigern das letzte Bisschen Würde. Von den Tätern wurde keiner gefasst. Seitdem war Letícia noch selbstzerstörerischer als vorher: Die Polizei fand sie eines Nachts 160 Kilometer entfernt von Medina – im Bett eines fünfundfünfzigjährigen Mannes. Ein anderes Mal wurde sie in einem Bordell im nächsten Bundesstaat aufgegriffen, nachdem eine ältere Prostituierte sie mit einer zerbrochenen Flasche angegriffen hatte. Ihr Vater erzählte uns all das mit zitternder Stimme, als ob er diese Geschichte selbst kaum glauben könnte.

In diesem Moment tauchte Letícia auf – ein kleines, hellhäutiges Mädchen mit schulterlangen braunen Haaren, die sie zu einem Zopf zusammengebunden hatte. Widerstrebend schlurfte sie in den Raum und ließ sich zwischen Dean und mir auf das Sofa plumpsen. Sie verschränkte ihre Arme abwehrend vor der Brust und hielt ihren Blick auf den Boden gerichtet.

„Letícia, diese Leute würden dir gerne helfen und sind vorbeigekommen, um dich kennenzulernen“, sagte Rita freundlich.

Letícia zuckte mürrisch mit den Schultern.

„Warum läufst du weg?“ fragte ich vorsichtig. „Dein Vater scheint sich große Sorgen um dich zu machen.“ Sie erwiderte nichts, sondern verzog nur schmollend ihre Lippen.

Ich versuchte es nochmal. „Gibt es etwas, das dich davon abhalten würde, wegzulaufen?“

„Weiß nicht.“

„Wenn du irgendetwas mit deinem Leben tun könntest, egal was, was würdest du machen…?“

Letícia lächelte ein wenig verschämt und murmelte: „Ich möchte Rechtsanwältin werden …“ Es war ein Thema, das sie – wenn auch nur für wenige Sekunden – aus ihrem Schneckenhaus herauslockte. Wir ermutigten sie, an ihrem Traum festzuhalten und bestärkten sie darin, dass sie alles sein könnte, was sie sich erhoffte.

Armando saß währenddessen in der Ecke und strahlte bei jedem noch so ungeschickten Wort, das seine Tochter herausbrachte, vor väterlicher Liebe. Wir konnten uns kaum vorstellen, wie qualvoll das Wissen für ihn sein musste, dass seine Tochter sich bald wieder jedem dahergelaufenen Fremden anbieten würde, der sie am nächtlichen Seitenstreifen aufsammelte.

Es war hart für uns, die beiden zu verlassen und Abschied zu nehmen. Wir versprachen, wir würden alles in unserer Macht stehende tun, um zu helfen.

Das letzte Haus, zu dem Rita uns brachte, war am schwersten zu erreichen. Es stand auf dem Kamm eines steilen und steinigen Hügels am anderen Ende der Stadt und war eingepfercht zwischen zwei großen, dunklen Felsbrocken. Die ganze Umgebung war unheimlich; keine Spur von Licht, keines der Häuser schien Elektrizität zu haben. Nur das Glimmen einer Zigarette war zu sehen. Die Frau, die die Zigarette in der Hand hielt, hockte neben einem verrottenden Holzzaun. Sie war dünn und hatte kleine, unfreundliche Augen. Rita fragte sie, ob Mariana zu Hause sei. „Die ist nicht hier. Sie ist zur Kirche gegangen“, antwortete ihre Mutter, nahm einen letzten Zug und schnippte den Zigarettenstummel weg. Dieses Mal täuschte mich die Antwort nicht – abgesehen davon war es schon 23:00 Uhr. Wir sagten ihr, dass wir am nächsten Morgen wiederkommen würden. Auf dem Weg zu unserer pousada