Verlag: Emons Verlag Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

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E-Book-Beschreibung Die Stunde des Löwen - Alexander Köhl

Eine Mordserie an drei Seniorinnen erschüttert Frankfurt. Sieben Jahre zuvor ertrank Hugo Bruckner unter mysteriösen Umständen in einem abgelegenen Waldsee. Welche Verbindung existiert zwischen den nur auf den ersten Blick voneinander unabhängigen Fällen? Während die Kripo in Frankfurt die Mordermittlungen führt, erhält Privatdetektiv Jonas Fremden den Auftrag, den Tod Bruckners zu untersuchen. Der Fund alter Unterlagen bringt den Ermittler auf ein dunkles Geheimnis.

Meinungen über das E-Book Die Stunde des Löwen - Alexander Köhl

E-Book-Leseprobe Die Stunde des Löwen - Alexander Köhl

Alexander Köhl, Jahrgang 1965, war nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre viele Jahre Unternehmer. Heute arbeitet er als freier Schriftsteller und lebt mit seiner Frau in der Nähe von Frankfurt. Seine beiden ersten Romane »Victors Schützling« (2004) und »Schatten im Garten Eden« (2005) wurden im Prolibris Verlag veröffentlicht. Danach erschienen im Rowohlt Taschenbuch Verlag »Wundmale« (2009) und »Opfertier« (2010). Neben Kriminalromanen schreibt Alexander Köhl auch Kurzgeschichten. Mehr Informationen zum Autor unter:

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.  

© 2013 Hermann-Josef Emons Verlag Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: photocase.de/jameek Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch eBook-Erstellung: CPI – Clausen & Bosse, LeckISBN 978-3-86358-277-7 Frankfurt Krimi Originalausgabe

Für Andrea

In your room

Where time stands still

Or moves at your will

Will you let the morning come soon

Or will you leave me lying here

In your favourite darkness

Your favourite half-light

Your favourite consciousness

Your favourite slave

»In Your Room«, Depeche Mode

PROLOG

Der Kartoffelsack über seinem Kopf versperrte ihm die Sicht. Vorsichtig versuchte er, die Hände zu bewegen. Doch wegen der straff angezogenen Kabelbinder gelang das nur millimeterweise. Durch den Stoff seines Bademantels spürte er rechts von sich die Plastikverschalung der Wagentür, links den bulligen Körper eines nach Schweiß riechenden Mannes. Angst hatte er trotzdem keine.

Osteuropäische Volksmusik dröhnte aus den Lautsprechern. Sentimental klingende Männerchöre, von Balalaikas und Trommeln begleitet. Hinter seiner Stirn brach ein Krieg aus. Doch sie bitten, den Lärm leiser zu stellen, wollte er nicht. Stattdessen versuchte er, das Pochen in seinem Schädel zu ignorieren und sich in Erinnerung zu rufen, wie er in diese katastrophale Lage geraten war.

Da war dieses Geräusch gewesen. Hinten an der Tür zum Garten. Ein Scharren, als ob sich jemand am Schloss zu schaffen machte. Er hatte sofort gewusst, dass etwas nicht stimmte. Hatte intuitiv das Licht gelöscht und in der Stille ausgeharrt. Doch dann, nachdem es eine Weile ruhig geblieben war, hatte er den Fehler begangen. War wie ein Anfänger zur Terrassentür geschlichen und hatte in den nur vom Mondlicht beschienenen Garten gespäht. Die kahlen und verkrüppelt wirkenden Silhouetten der Apfelbäume und die aus der Form geratene Hecke, durch die ständig der Wind strich – ein gewohntes Bild. Auf der puderzuckrigen Schneeschicht, die den Rasen bedeckte, waren die Spuren eines Marders zu sehen gewesen. Sonst nichts. Eine Winternacht wie schon Abertausende zuvor. Und doch war etwas anders. Minuten später hatte er den Schlüssel im Schloss herumgedreht und zwei, drei Atemzüge lang die klare Nachtluft in sich eingesogen, dann den heftigen Schlag gespürt.

»Was wollt ihr von mir?«, fragte er jetzt mit leiser Stimme, doch auf eine Antwort wartete er vergeblich. »Hey, wo fahrt ihr mit mir hin?«

Plötzlich hörte der neben ihm auf, das osteuropäische Gedudel mitzusummen, und rief dem Fahrer etwas zu, was er nicht verstand.

»Wohin bringt ihr Kerle mich?«, rief er nun deutlich lauter.

»In den Wald. Tief in den Wald«, grunzte der Koloss an seiner Seite und drückte ihm durch den Kartoffelsack einen Kuss aufs Haupt.

Dass sie ihm die Sicht nahmen, hatte auch seine gute Seite. Sie befürchteten, später von ihm erkannt zu werden. Daraus schloss er, dass sie nicht vorhatten, ihn zu töten. In dem Fall wäre jegliche Vorsichtsmaßnahme überflüssig. Ihm Angst einzujagen war ihr Ziel. Auf Knien um Gnade winseln sollte er und hoch und heilig versprechen, sich in Zukunft aus den Angelegenheiten anderer herauszuhalten.

»Ich muss mal«, hörte er sich auf einmal sagen.

»Kannst du gleich in Hose pissen. In Wald, aber nix in Auto«, erwiderte der Fahrer.

Nach einer Weile drosselte der Wagen die Geschwindigkeit und nahm tatsächlich eine Abbiegung in einen Wald- oder Feldweg. Das Geräusch von an den Unterboden schlagenden Steinchen oder Eisklumpen mischte sich unter die laute Musik. Von der Fahrt über den unebenen Weg wurde sein Oberkörper hin- und hergeschleudert. Eine Vorstellung, wo sie sich befanden, hatte er keine.

Hinter einer scharfen Rechtskurve hielt der Wagen abrupt an. Das Motorengeräusch erstarb und mit ihm der Lärm aus den Lautsprechern. Im ersten Moment empfand er die Ruhe als Wohltat. Doch plötzlich öffnete sich neben ihm die Wagentür. Aus der Ferne erklang der Schrei eines Nachtvogels. Sonst war kein Laut zu hören. Da er ihm offenbar nicht schnell genug ausstieg, wurde er von dem Koloss ins Freie gestoßen. Er stolperte durch den knöcheltiefen Schnee. Seine Füße wurden nass. Im Bademantel und in den Pantoffeln würde er sich die Erkältung des Jahrhunderts holen, befürchtete er. Idiotisch, dass er in so einem Moment an seine Gesundheit dachte. Als sei das sein größtes Problem: die nächsten Tage mit honiggesüßtem Tee das Bett hüten zu müssen.

Er hörte seine Entführer miteinander tuscheln. Dann packte ihn der Koloss am Revers des Bademantels und zerrte ihn einen Trampelpfad entlang. Durch den grobmaschigen Stoff des Kartoffelsacks konnte er das Aufblitzen einer Taschenlampe sehen. An einer abschüssigen Stelle verlor er den Halt. Ein, zwei Meter rutschte er einen Abhang hinunter, bis ein Baumstamm ihn bremste. Gestrüpp riss an seinem Oberschenkel die Haut auf. Das linke Bein schmerzte. Doch noch bevor er sich die betroffene Stelle reiben konnte, waren sie wieder bei ihm und zogen ihn auf die Füße. Die Männer lachten, während sie ihn auf den Trampelpfad zurückführten.

Nach weiteren etwa hundert Metern Fußmarsch sagte der Fahrer: »Hier gut.«

Der Koloss gab lediglich ein Grunzen von sich.

Sekundenlang machten sich die beiden an einem Baum zu schaffen. Im Geäst über ihm raschelte es. Es klang, als ob etwas nach oben geworfen würde. Doch ehe ihm dämmerte, was das sein könnte, wurde ihm auch schon der Sack vom Kopf gerissen. Der Koloss – ein übergewichtiger Mann mit ausgeprägter Stirn und dichten, zusammengewachsenen Augenbrauen – glotzte ihn mit teilnahmsloser Miene an. Er wurde an den Schulterblättern gepackt und mit einem Ruck herumgedreht. Jetzt hatte er den Fahrer im Blick. Auffällig an ihm war der Ringfinger an seiner linken Hand. Er fehlte. Seine wasserstoffblond gefärbten Haare trug er vorne kurz und nach hinten hin abgestuft. Die graublauen Augen des Mannes fixierten ihn. Ein Machtspiel. Mit größter Mühe hielt er dem Boxerblick stand. Nun würden sie damit herausrücken müssen, was der ganze Hokuspokus sollte. Doch auf einmal setzte der Wasserstoffblonde ein breites Grinsen auf. Da begriff er plötzlich, was es bedeutete, dass man ihn vom Kartoffelsack befreit hatte. Schreien wollte er, doch es ging nicht. Eine Schlinge wurde von hinten über seinen Kopf gestreift. In Panik machte er einen Schritt nach vorne. Das Seil straffte sich und zog ihn in die Höhe, bis er auf Zehenspitzen unter dem Baum stand.

»Du jetzt beten.«

Er schüttelte den Kopf und versuchte, seine gefesselten Arme zu heben.

»Du jetzt beten!«, brüllte der Wasserstoffblonde und trat ganz dicht an ihn heran.

Als er den Atem des Mannes auf seinem Gesicht spürte, ließ er die Arme sinken. Nicht einmal das Vaterunser fiel ihm mehr ein. Stattdessen dachte er an Felix und ob er damals das Opfer einer ähnlich grausamen Tat geworden war.

Vier Tage zuvor

EINS

Jonas Fremden erreichte Bad König gegen zehn Uhr morgens. Während er die fünf Sandsteinstufen des Fachwerkhauses emporstieg, wurde er von der Einfahrt des Nachbargrundstücks aus beobachtet. Ein auf eine Schneeschaufel gestützter Mann starrte grimmig zu ihm herüber.

Bevor Fremden die Eingangstür öffnete, hielt er einen Moment lang inne. Mit den Fingerspitzen fuhr er über das an die Hauswand geschraubte Emailleschild. »Jonas Fremden, Private Ermittlungen«. Es war ein merkwürdiges Gefühl, nach so vielen Jahren an diesen Ort zurückzukehren.

Als er über die Schwelle trat, empfing ihn ein modriger Geruch. Im Flur standen alte Möbel. Fast ausnahmslos Stücke aus billigem Pressspan mit Sechziger-Jahre-Furnier. Staubpartikel wirbelten durch die Luft, während er sich in Richtung Küche in Bewegung setzte.

Über dem Türrahmen hing noch die Uhr mit dem Maggi-Schriftzug. Hinter der Keramikspüle, die von einem langen Haarriss durchzogen war, klebten Fliesen mit hellblauem Muster. Am Fenster stand unweit des Bollerofens ein eierschalenfarben lackierter Holztisch mit zwei dazu passenden Stühlen. Auf denen hatten sie gesessen, als sein Onkel ihm von seinen obskuren Fällen erzählt hatte. Damals war er noch ein Junge gewesen, und das Haus mit seinen wuchtigen Möbeln hatte groß und herrschaftlich auf ihn gewirkt. Die Erinnerung an das Mondäne musste ihn wohl begleitet haben, als er sich am Morgen hierher auf den Weg gemacht hatte.

Vor dem Kühlschrank klebte eine bräunliche Lache auf dem Boden. Nichts Gutes ahnend, öffnete Fremden die Kühlschranktür. Ein grün-weißlich verschimmelter Klumpen präsentierte sich ihm auf dem obersten Einlegeboden. Auf den Tag genau vor vier Wochen war sein Onkel tot umgefallen. Einfach so, von jetzt auf gleich. Hirnblutung, hatte der Arzt post mortem diagnostiziert. Seitdem hatte offenbar keine Menschenseele mehr das Haus betreten.

Im Wohnzimmer kämpfte sich die Sonne durch ungeputzte Fenster. Ihre Strahlen fielen auf schwere Polstermöbel und auf die zahlreichen an den Wänden hängenden Bocksgeweihe. Eine Wand war ausschließlich für die Puzzles reserviert. Das Schloss Neuschwanstein, ein herbstlicher Wald sowie Kätzchen und Häschen, die sich mit weit geöffneten Augen über die Jagdtrophäen zu empören schienen. Puzzeln war ein Hobby, dem sein Onkel jahrzehntelang mit großer Leidenschaft gefrönt hatte.

Nach etwa einer halben Stunde hatte Fremden die Erstinspektion abgeschlossen. Frustriert ließ er sich im Wohnzimmer in einem der Polstersessel nieder. Im ersten Stock sah es fast noch schlimmer aus als im Erdgeschoss. Neben einem Uraltbad mit rostigen Wasserhähnen und einem vollgerümpelten Gästezimmer hatte er noch das Schlafzimmer vorgefunden, dessen Interieur er am besten en bloc entsorgte. Das einzig Brauchbare dort war die Digitalkamera, die nebst Ladegerät im Nachttischschränkchen lag. Der Zustand des Dachs hatte ihn jedoch am meisten geschockt. Gleich an mehreren Stellen war es undicht. Schmelzwasser tropfte in Bottiche, die unter schadhaften Ziegeln standen.

Während Fremden überlegte, was er mit dem heruntergekommenen Haus machen sollte, fiel sein Blick auf das Spirituosenschränkchen mit zwei einsamen Schnapsflaschen hinter der Glasscheibe. Auf der Abdeckplatte stand ein Foto, das seinen Onkel mit drei weiteren Jägern zeigte. Daneben eines von seinem Vater, das vor mindestens vierzig Jahren aufgenommen worden war. Die Farben waren verblichen, und das Fotopapier wellte sich bereits hinter dem Glas. Mit dem Vollbart hatte sein Vater dem ehemaligen RAF-Terroristen Stefan Wisniewski damals zum Verwechseln ähnlich gesehen. Heute war er ein biederer und verbitterter Griesgram, der ihm wohl niemals verzeihen würde, wie die Sache mit Felix gelaufen war.

Ein schepperndes Klingeln an der Haustür riss Fremden aus seinen Gedanken. Intuitiv tippte er auf den mit der Schneeschaufel bewaffneten Nachbarn, der sich vermutlich beschweren wollte, dass in den vergangenen Wochen der Gehweg nicht geräumt worden war.

Doch nachdem er die Tür geöffnet hatte, sah er sich einem etwa vierzigjährigen Mann gegenüber, der in einen langen grauen Mantel gehüllt war. Mit seiner rechten Hand stützte er sich auf einem Gehstock ab.

»Sind Sie Jonas Fremden?«, erkundigte sich der Mann, dessen schwarzes unter der Hutkrempe hervorlugendes Haar einen seltsamen Kontrast zu seiner hellen pergamentartigen Gesichtshaut bildete.

Als Fremden nickte, fuhr sich der Mann mit den Fingern über sein schmales Clark-Gable-Bärtchen und lächelte. »Verzeihen Sie, dass ich Sie so unangemeldet überfalle. Vergangene Woche habe ich ein paarmal versucht, Sie telefonisch zu erreichen. Doch es hat nie jemand abgehoben. Und ein Anrufbeantworter hat sich auch nicht gemeldet.« Der Mann musterte ihn einige Sekunden lang mit eigentümlich starrem Blick, dann sagte er: »Merkwürdig, ich hatte Sie mir um einiges älter vorgestellt. Gestatten Sie, dass ich eintrete? Ich würde gern etwas mit Ihnen besprechen.«

»Um ehrlich zu sein«, erwiderte Fremden zögerlich, ohne aufzuklären, dass der Mann ihn mit seinem gleichnamigen Onkel verwechselte, »bin ich momentan nicht auf Besuch eingestellt. Mit wem, bitte schön, habe ich denn die Ehre?«

»Verzeihen Sie. Wie unhöflich von mir. Ich habe mich Ihnen noch gar nicht vorgestellt.« Aus der Innentasche seines Mantels holte der Mann eine Visitenkarte, die er Fremden reichte. »Pietät Bruckner KG, Fachgeprüfte Bestatter, Klaus Bruckner Geschäftsführer«, stand auf dem cremefarbenen Papier. In der unteren Hälfte des Kärtchens waren die Adresse im Frankfurter Bahnhofsviertel, die Telefon- und Faxnummer sowie E-Mail- und Webadresse aufgeführt.

Neugierig, was ein Frankfurter Bestattungsunternehmer von seinem Onkel wollen könnte, bedeutete Fremden Bruckner mit einer Handbewegung, einzutreten.

Trotz seines steifen Beins und der Zuhilfenahme des Gehstocks bewegte sich der Mann nahezu lautlos durch den Flur. Hut und Mantel anbehaltend, nahm er im Wohnzimmer in einem der Polstersessel Platz.

»Gibt’s Probleme mit der Heizung? Es ist ziemlich kalt bei Ihnen.«

Fremden erklärte, er sei längere Zeit fort gewesen. Und weil er noch nicht zum Einkaufen gekommen sei, könne er auch nichts außer einem Glas Leitungswasser anbieten.

»Machen Sie sich meinetwegen bitte keine Umstände«, entgegnete Bruckner. »Ich hatte heute schon sehr früh morgens in Michelstadt zu tun, und da bin ich einfach aufs Geratewohl bei Ihnen vorbeigefahren.«

»Um etwas mit mir zu besprechen.«

»Richtig.« Bruckner starrte einen Moment lang auf die Tischplatte, bevor er fortfuhr. »Vor zwei Wochen ist meine Mutter gestorben. Nur wenige Stunden bevor es so weit war, hat sie eine Bemerkung gemacht, die mir keine Ruhe lässt.« Bruckner schluckte ein paarmal, dann strich er sich wieder mit den Fingern über sein schmales Bärtchen. »Wissen Sie, meine Mutter hatte Bauchspeicheldrüsenkrebs. Am Ende ging es ziemlich schnell. Doch in den Wochen davor hat sie furchtbar gelitten.«

Das hagere, im Sessel versunkene Männchen betrachtend, fragte sich Fremden, ob er jetzt eine rührselige Leidensgeschichte zu hören bekam.

»Mein Vater ist bereits im August 2005 zu Tode gekommen«, setzte Bruckner wieder an. »Und ich sage mit Absicht ›zu Tode gekommen‹ und nicht ›gestorben‹. Es geschah am See bei unserem Ferienhaus. Meine Eltern haben sich oft übers Wochenende dorthin zurückgezogen, weil sie da Ruhe fanden. Mutter bereitete gerade das Abendessen zu. Lammragout mit Rosmarinkartoffeln. Beim Anbraten des Fleischs hörte sie ein Platschen. Sie dachte, dass ein Ast, der ins Wasser gefallen war, das Geräusch verursacht hatte. Im Nachhinein machte sie sich wahnsinnige Vorwürfe, dass sie ihm vielleicht noch hätte helfen können. Zumindest hat sie das immer behauptet. Denn es war kein ins Wasser fallender Ast. Vater war auf den Planken des Bootsstegs ausgerutscht, hatte sich den Kopf angeschlagen, war in den See gestürzt und ertrank, während sie für sie beide den Tisch deckte.«

Fremden räusperte sich. Sein Interesse an Familientragödien war noch nie besonders ausgeprägt gewesen. Doch bevor er das Wort ergreifen konnte, um Bruckner aufzuklären, dass er nicht der Detektiv war, für den dieser ihn anscheinend hielt, beugte Bruckner sich vor und legte ihm eine Hand auf den Unterarm. »Verstehen Sie nun, weshalb ich Sie aufsuche?«, flüsterte er. »Ich brauche Gewissheit, was damals tatsächlich geschah. Ich muss wissen, wie mein Vater gestorben ist. Sie haben doch schon einige knifflige Fälle gelöst … Und was das Finanzielle betrifft – da werden wir uns sicher einig.«

Ohne ein einziges Wort zu sagen, starrte Fremden Bruckner an.

»Mein Vorschlag: zehntausend Euro im Erfolgsfall. Also, wenn es Ihnen gelingt, das Schicksal meines Vaters aufzuklären. Die Hälfte gibt es als Anzahlung. Reise- und sonstige anfallende Kosten werden bei Vorlage entsprechender Quittungen extra vergütet.« Bruckner lehnte sich wieder zurück und lächelte. Mit einem Mal wirkte er erleichtert. Doch als Fremden weiterhin schwieg, sagte er: »Sie schauen so skeptisch. Bitte enttäuschen Sie mich jetzt nicht. Ich habe lange an die Unfallversion geglaubt. Zu lange. Bis meine Mutter auf dem Krankenbett diese merkwürdigen Andeutungen machte. Vater sei nicht so umgekommen, wie alle glauben. Es sei anders gewesen. Als ich nachfragte, was sie damit meine, flüsterte sie mir ins Ohr, es habe ihn jemand gestoßen.«

»Und warum wenden Sie sich dann nicht an die Polizei?«

»Das habe ich bereits. Aber die lehnen es ab, zu ermitteln. Für einen Straftatbestand gebe es zu wenig Hinweise. Nur die Aussage einer Frau unter dem Einfluss von Schmerzmitteln.«

Nachdem Bruckner gegangen war, begab sich Fremden in den Keller, um Wasser in die Heiztherme zu füllen. Beim vierten Startversuch sprang das Monstrum endlich an. Wieder im Wohnzimmer, setzte er sich in einen der Polstersessel und wartete, dass die Wärme in die Heizkörper zurückkehrte. Sein Blick wanderte aus dem Fenster, zu der Gruppe Haflinger auf der hangseitigen Koppel. Sogar aus der Ferne konnte er in der kühlen Winterluft die Atemwolken der Pferde sehen.

Es war schon eine verdammt merkwürdige Situation, in die er da hineingeschlittert war. Seit Jahren saß ihm eine immer ungeduldiger werdende Schar von Gläubigern im Nacken. Als ihn aus heiterem Himmel die Nachricht vom Tod des Onkels erreicht hatte, gefolgt von der Eröffnung, dass er in dessen Testament als Erbe des Fachwerkhauses bedacht worden war, hatte er trotz echten Bedauerns aufgeatmet und war nach Bad König aufgebrochen, um sein Erbteil in Augenschein zu nehmen. Im festen Glauben, in der ländlichen Idylle auf ein properes Anwesen zu treffen, das am Immobilienmarkt einen stattlichen Preis erzielen würde. Die komplette Fahrt über hatte er davon geträumt, schuldenfrei zu sein, und sich ausgemalt, dass nach Begleichung all seiner Verbindlichkeiten vielleicht sogar noch etwas an Kapital übrig bliebe, um seinem Leben eine charmante Wende zu geben. Nach der Inspektion der Bruchbude war ihm jedoch bewusst geworden, dass er, bevor er einen Verkauf auch nur in Erwägung ziehen konnte, erst einmal sanieren und entrümpeln musste. Er würde einen gehörigen Batzen Geld in die maroden vier Wände stecken müssen. Geld, das er nicht besaß und auch von keiner Bank der Welt geliehen bekäme. Ein Dilemma, für das es nun doch eine Lösung zu geben schien. Mit Hilfe der Anzahlung, die ihm der bleichhäutige Bestatter bot, würde er das Haus mit etwas Farbe aufpeppen und vielleicht zumindest so weit in Schuss bekommen können, dass es auf dem Immobilienmarkt zu offerieren war. Das Ganze hatte nur zwei winzig kleine Haken. Erstens: Wenn er so dreist war, den Vorschuss einzustreichen, würde er dem Auftrag auch in irgendeiner Weise gerecht werden müssen. Zwar war es nicht notwendig, handfeste Ergebnisse zu liefern, aber Bruckner würde sehen wollen, dass er tätig wurde und ermittelte. Fremden hatte allerdings nicht den blassesten Schimmer, wie ein echter Detektiv solch einen Fall anpacken würde. Problem Nummer zwei bestand darin, dass er auffliegen könnte. Wenn Bruckner im Lauf der »Ermittlungen« dahinterkam, dass er nicht derjenige war, für den er ihn hielt, würde er den Vorschuss von ihm zurückfordern und ihn im schlimmsten Fall sogar anzeigen.

Er löste seinen Blick von den Pferden und schaute auf die Visitenkarte, die vor ihm auf dem Tisch lag. Mit krausgezogener Stirn las er die Adresse, unter der das Bestattungsunternehmen firmierte. Merkwürdig, dachte er, dass sich jemand aus Frankfurt ausgerechnet an einen Detektiv aus dem fernen Odenwald wendet.

* * *

Er trat aus dem Fahrstuhl und ging den Flur hinunter. Dabei nahm er lediglich den gedämpften Hall seiner Schritte wahr. Vor dem Zimmer mit der angelehnten Tür stellte er die Kühlbox und den Koffer mit den Utensilien ab. Ein Kribbeln durchzog ihn von Kopf bis Fuß. Mit angehaltenem Atem starrte er auf den schmalen Lichtstreifen auf dem Teppich. Noch war Zeit, umzukehren. Doch er wusste, dass Flucht keine Alternative war. Mindestens eine halbe Minute lang verharrte er im Halbdunkel. Dann packte er die beiden Gepäckstücke und trat ein.

Nichts an der Szene wirkte ungewohnt. Sie erwartete ihn auf einem Stuhl sitzend in der Mitte des Raums. Das Kinn aristokratisch erhoben und die Hände im Schoß gefaltet. Ein goldener Ring mit einem funkelnden Edelstein zierte ihre rechte Hand. Die Vorhänge waren zugezogen, und auf dem Teppichboden schmolz ein winziger Schneerest. Letzteres wertete er als Indiz dafür, dass sie unmittelbar vor ihm eingetroffen war.

Eine tiefe Verbeugung vollführend, begrüßte er sie mit »Guten Abend, Madame«.

Von ihr erfolgte keine Reaktion.

Es war warm im Zimmer. Nachdem er die Gepäckstücke in einer Ecke deponiert hatte, fächerte er sich Luft zu. Erst da registrierte er den Geruch von kaltem Zigarettenrauch, der den Raum erfüllte. Bevor er sich den Vorbereitungen widmen konnte, bat er darum, das Bad benützen zu dürfen.

Beim Pinkeln bildeten sich Schweißtropfen auf seiner Stirn. Mit einem Streifen Toilettenpapier tupfte er sie ab. Nach dem Händewaschen streifte er sich die weißen Handschuhe über. Dann kontrollierte er im Spiegel den Zustand der Livree. Alles war so, wie es sich gehörte. Die Fliege saß mittig zwischen den Hemdkragen, und der Stoff des Fracks wies nicht den kleinsten Fleck auf. Lediglich ein blondes Haar hatte sich auf das Revers verirrt.

Zurück im Zimmer holte er den Tisch vom Fenster. Durch den Schlitz zwischen den Vorhanghälften spähte er nach draußen. Schneeflocken fielen aus dem Himmel, und der Schein des Flutlichts beleuchtete das Terminal in der Ferne.

Er stellte den Tisch vor ihr ab. Als Nächstes entfaltete er die Damastdecke auf der Platte und strich die Falten aus dem Stoff. Dann deckte er den Tisch mit dem Porzellanteller und dem Perlmuttbesteck ein. Auf den Teller setzte er die cremefarbene Serviette, die er bereits zu Hause zum Schwan gefaltet hatte. In der Mitte des Tischs platzierte er die Kristallvase, in die er die Rose stellte.

Nachdem sie die Tischdekoration mit starrer Miene abgenickt hatte, öffnete er die Kühlbox. Er füllte den Boden der Kaviarschale mit gestoßenem Eis, pellte ein hart gekochtes Ei, öffnete den Becher mit der Sour Cream und richtete die Blinis an.

Während er den halb gedeckten Tisch kontrollierte, bemerkte er ein leichtes Zittern seiner Hände. Er ermahnte sich, Ruhe zu bewahren. Doch schon beim Hacken der Zwiebel entglitt ihm das Wiegemesser. Es landete mit einem dumpfen Knall auf dem Boden. Mit gesenktem Haupt eilte er ins Bad, um es zu reinigen. Im zweiten Anlauf klappte es besser. Die feinen Würfel strich er in ein Glasschälchen. Und erst als er sämtliche Vorbereitungen bei Tisch abgeschlossen hatte, holte er die Flasche Champagner Rosé und die Dose mit dem Beluga-Kaviar aus der Kühlbox. All dies geschah, ohne auch nur ein einziges Wort mit ihr zu wechseln.

Die CD, die er in die Kompaktanlage einlegte, hatte er ebenfalls im Koffer mitgebracht. Und auch die galt es später wieder mitzunehmen.

Unter die Klänge der klassischen Musik mischten sich leise Schmatzlaute. Unwillkürlich malte er sich aus, wie sich Kaviar und Blinis mit ihrem Speichel vermengten. Das gesamte Mahl über hatte er wie ein Schatten hinter ihr zu stehen. Ihre Serviette glitt auf den Boden. Lautlos trat er an sie heran, hob die Serviette auf und legte sie ihr wieder über den Schoß. Dabei streifte sein Blick erstmals das Bett. Auf der Überdecke lag ihre Handtasche und die kleine Tüte, die sie für diesen Abend mitgebracht hatte.

Als sie das Perlmuttbesteck beiseitelegte, begann er, ihre Nacken- und Schultermuskulatur zu massieren. Aus dem Zimmer nebenan erklangen Männerstimmen. Laute Stimmen, die sich nach Streit anhörten. Doch das war nichts, was ihn weiter interessieren musste. Nichts außerhalb dieses Raums würde auch nur im Entferntesten Einfluss auf sein weiteres Leben haben. Für ihn zählte nur das Hier und Jetzt. Dann wurde es nebenan plötzlich wieder still. Lediglich ihr leises genussvolles Seufzen und die klassische Musik drangen an seine Ohren. Während er sie weiterhin sanft walkte und knetete, versuchte er, den Moment als Erinnerung in sich aufzunehmen. Mit geschlossenen Augen atmete er tief ein. Ein Hauch von Zwiebeln, Fischrogen und Parfum stieg ihm in die Nase. Er spürte, wie sich ihre Muskulatur immer weiter entspannte. Mit leichtem Nachdruck legte er ihr eine Hand ans Kinn und die andere an die Stirn.

Er war sich sicher, dass der richtige Moment gekommen war.

ZWEI

Hauptkommissarin Mannfeld schätzte das Alter des Opfers auf über siebzig. Der schlanke Körper der Frau auf dem Stuhl wirkte ausgesprochen fragil. Brust und Kopf lagen auf der Platte eines kleinen Schreibtischs. Der Kopf der Ermordeten war unnatürlich stark zur Seite abgewinkelt, was die Vermutung nahelegte, dass Genickbruch die Todesursache war.

Sie schlug einen Bogen um das Opfer, um es vom Fenster aus zu betrachten. Die Totenstarre ließ bereits nach. Berücksichtigte man die herrschende Raumtemperatur, musste der Tod vor mindestens zwölf Stunden, also am Montagabend, eingetreten sein. Das kurze grau melierte Haar der Frau war akkurat frisiert und gab im Nacken den Blick auf ein rötliches Geburtsmal frei. Hals und Dekolleté schmückte eine filigran gearbeitete Perlenkette, und am Ringfinger der rechten Hand steckte ein Brillantring mit goldener Fassung. In der klassisch geschnittenen Garderobe – einem sandfarbenen Rock und einer Bluse im Malventon – strahlte die alte Dame selbst im Tod noch Würde und Stil aus. Dass das Jackett zum Kostüm sowie ein mit Pelz gefütterter Wintermantel im Kleiderschrank hingen, war Mannfeld bereits bei ihrer Ankunft aufgefallen.

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