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Kriminalhauptkommissar Tom Engelhardt und sein Team haben einen Doppelmord auf dem Darß aufgeklärt, aber dem Unbekannten, der eine ganze Familie auf einer Segeljacht umgebracht hat, sind sie noch keinen Schritt näher gekommen. Auch Kryptologin Mascha Krieger und ihr Bruder Holger haben den Mörder der jungen Ärztin aus Anklam noch nicht gefasst. Derweil ermittelt Kriminaloberkommissar Björn André aus Teterow in einem vermeintlichen Fall von Suizid. Eine junge Frau hat sich die Pulsadern aufgeschnitten, aber die Umstände sind merkwürdig. Björn stößt auf einen Brief, ganz ähnlich dem, den die Ärztin aus Anklam am Tag ihres Todes erhielt. Als auch auf dem Darß ein solcher Brief auftaucht, ist klar, dass alle Verbrechen zusammenhängen müssen. Eine große Soko unter Leitung von Tom Engelhardt wird gebildet. Und es gibt auch schon einen Verdächtigen: Hagen Oltmanns, ein im Wald lebender Obdachloser, der nicht nur eine Kiste voller Waffen besitzt, sondern auch unter paranoider Schizophrenie leidet. Doch Oltmanns ist spurlos verschwunden. Dann wird eine weitere Leiche gefunden. Und plötzlich drehen sich die Ermittlungen in eine völlig unerwartete Richtung.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Karen Sander
Thriller
Sechs ungeklärte Morde. Drei rätselhafte Briefe. Und es ist noch nicht vorbei …
Kriminalhauptkommissar Tom Engelhardt und sein Team haben einen Mörder gefasst, aber dem Unbekannten, der eine ganze Familie auf einer Segeljacht ausgelöscht hat, sind sie noch keinen Schritt näher gekommen. Auch Kryptologin Mascha Krieger und ihr Bruder Holger haben den Mord an der jungen Ärztin aus Anklam noch nicht aufgeklärt. Und in Teterow ermittelt Kriminaloberkommissar Björn André in einem vermeintlichen Fall von Suizid. Eine junge Frau hat sich die Pulsadern aufgeschnitten, aber die Umstände sind merkwürdig. Björn stößt auf einen Brief, ganz ähnlich dem, den die Ärztin aus Anklam am Tag ihres Todes erhielt. Als auch auf dem Darß ein solcher Brief auftaucht, ist klar, dass die Verbrechen zusammenhängen müssen. Und es gibt auch schon einen Verdächtigen. Dann wird eine weitere Leiche gefunden. Und plötzlich drehen sich die Ermittlungen in eine völlig unerwartete Richtung.
Band zwei der dritten Trilogie um Tom Engelhardt & Mascha Krieger
Karen Sander arbeitete als Übersetzerin und unterrichtete an der Universität, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Sie hat über die britische Thriller-Autorin Val McDermid promoviert. Ihre Bücher wurden in verschiedene Sprachen übersetzt und haben allein bei Rowohlt eine Gesamtauflage von über einer halben Million Exemplaren. Mit ihrem Mann lebt sie sechs Monate im Jahr in ihrer Heimatstadt Düsseldorf. Die anderen sechs Monate reist sie durch die Welt und schreibt darüber auf ihrem Blog.
Mehr unter: writearoundtheworld.de
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Februar 2026
Copyright © 2026 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
Redaktion Tobias Schumacher-Hernández
Covergestaltung zero-media.net, München
Coverabbildung FinePic®, München
ISBN 978-3-644-02176-1
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Caroline bezahlt den Fahrer und steigt aus dem Taxi. Bevor sie das Café betritt, blickt sie kurz über die Schulter, obwohl sie weiß, dass es sinnlos ist. Das Wetter ist traumhaft, warm und sonnig, zudem sind Ferien, die malerische kleine Stadt quillt über vor Menschen. Falls irgendwer sie beobachtet, wird sie nichts davon bemerken.
«Szerelem, szerelem». Das ungarische Volkslied geht ihr nicht aus dem Sinn, seit sie aus Klintholm Havn losgefahren ist. Es ist der Soundtrack ihres Lieblingsfilms «Der englische Patient». Und es ist zugleich ihr Song, der Soundtrack ihrer Affäre.
Als sie sich kennengelernt haben, hat sie darauf bestanden, dass sie sich László und Katharine nennen, so wie die beiden Liebenden in dem Film. Nicht aus Sentimentalität, nicht nur zumindest. Sondern auch zur Sicherheit. So konnte sie ihn unter «L» in ihren Kontakten abspeichern und lief nicht Gefahr, seinen Namen versehentlich laut auszusprechen.
Vor drei Monaten hat sie die Affäre beendet. Sie war das Lügen leid. Zudem war sie sich nicht mehr sicher, warum sie sich überhaupt darauf eingelassen hat. Aus Langeweile. Aus Abenteuerlust. Vielleicht auch, weil ihr Leben ansonsten so brav und wohlgeordnet ist. Nicht aus Liebe jedenfalls, zumindest verband sie keine so große, unsterbliche Liebe wie Graf László Almásy und Katharine Clifton.
Dennoch hat sie Herzklopfen, als sie ihn jetzt an einem Tisch in der Ecke sitzen sieht. Er bemerkt sie ebenfalls, steht auf, um ihr den Stuhl zurechtzurücken. Es waren diese kleinen Aufmerksamkeiten, die sie so genossen hat, während sie zusammen waren.
«Caroline», sagt er. Seine Stimme ist warm. Er zögert, drückt ihr dann einen scheuen Kuss auf die Wange.
«Du sollst mich doch nicht so nennen.»
«Natürlich, Katharine. Kate.»
Sie setzt sich. «Danke, dass du extra hergekommen bist. Ich meine, nach Dänemark.»
«Mit der Fähre geht es schnell. Und deine Nachricht klang dringend.»
Eine Bedienung nähert sich und fragt auf Englisch nach ihren Wünschen. Caroline bestellt einen Cappuccino. László hat eine leere Espressotasse vor sich stehen. Er schüttelt den Kopf, als die junge Frau ihn fragend ansieht.
«Also?», sagt er, als sie außer Hörweite ist. «Was ist los?»
Sie betrachtet ihn. Er ist attraktiv, wenn auch eher auf den zweiten Blick. Es ist seine Ausstrahlung, die ihn anziehend macht. «Ich habe eine anonyme Nachricht erhalten.» Sie zögert. «Warst du das?»
Er verzieht empört das Gesicht. «Warum sollte ich dir eine anonyme Nachricht schicken?»
«Ich weiß nicht. Vielleicht, weil du mich nicht gehen lassen willst.»
«Das fällt mir in der Tat schwer.» Er streckt seine Hand nach ihrer aus, zieht sie wieder zurück, ohne sie zu berühren. «Aber ich akzeptiere deine Entscheidung. Was bleibt mir auch anderes übrig?»
Er will noch etwas hinzufügen, doch die Bedienung bringt den Kaffee. Caroline nippt an dem heißen Schaum, um Zeit zu gewinnen.
«Was stand denn in der Nachricht?», hakt er nach.
«Kein Text. Nur ein Foto.» Sie holt ihr Handy hervor, öffnet die Nachricht und hält es ihm hin.
«Heilige Scheiße.»
Etwas Ähnliches ist auch ihr durch den Kopf geschossen, als sie das Bild zum ersten Mal gesehen hat. Es wurde durchs Fenster des Hotelzimmers aufgenommen, in dem sie sich einige Male getroffen haben, zeigt sie beide in einer eindeutigen Situation.
Irgendwer hat sie beobachtet. Und die Person, wer immer es war, hat nicht nur das Foto gemacht, sondern auch genau gewusst, wen sie dort vor der Linse hatte. Doch wer kann das gewesen sein? Marc ganz bestimmt nicht. Der wäre ins Zimmer gestürmt und hätte sie zur Rede gestellt. Und einen Privatdetektiv, von Marc beauftragt, schloss Caroline ebenfalls aus. Niemals hätte ihr Mann drei Monate lang einfach so weitergemacht, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Aber wer dann? Und wozu das anonym verschickte Foto?
«War das alles?», fragt László. «Keine Nachricht dazu? Keine weiteren Fotos?»
«Nichts.»
«Wann hast du das bekommen?»
«Gestern. Eine halbe Stunde bevor ich dir geschrieben habe. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Morgen stechen wir wieder in See, und wenn Marc herausfindet …»
«Vielleicht lässt sich der Absender ermitteln. Ich selbst habe keine Ahnung davon, aber einer meiner Kollegen könnte da bestimmt was machen. Allerdings bräuchte ich dafür das Handy.»
«Keinesfalls. Ich will nicht, dass noch jemand das Foto sieht.»
«Dann lösch es und versuch, die Sache zu vergessen.»
«Vergessen? Wie denn?» Caroline hat lauter gesprochen als beabsichtigt, und einige Köpfe schießen herum. Sie schaut verlegen nach draußen, erstarrt. «Scheiße.»
«Was ist los?» László folgt ihrem Blick.
«Marc. Er steht vor dem Café. Er muss mir gefolgt sein. Oh Gott, hoffentlich hat er nicht auch das Foto bekommen!»
László behält einen kühlen Kopf. «Geh», sagt er. «Sofort. Ich nehme die andere Tür.» Er nickt zum Seiteneingang und legt einen Schein auf den Tisch.
Caroline steht auf, greift nach ihrer Handtasche. Eine Familie betritt das Café in dem Moment, als sie die Tür erreicht, und es dauert eine Weile, bis sie auf die Straße treten kann. Die Sonne blendet, und für ein paar Sekunden sieht sie gar nichts. Dann bemerkt sie zwei Männer vor dem Seiteneingang. Sie stehen nur da, blicken sich an, rühren sich nicht. Ihre Körperhaltung wirkt in keiner Weise bedrohlich.
Doch Caroline weiß, dass etwas Schreckliches geschehen wird.
Imke träumte von einer Kreuzfahrt in der Karibik. Sie rekelte sich auf einer Liege am Pool, eine Margarita neben sich auf dem kleinen Tisch. Das Meer plätscherte leise, die Sonne prickelte angenehm auf der Haut, das Schiff schaukelte sanft auf den Wellen.
Eine kühle Brise ließ sie frösteln. Wolken verdunkelten mit einem Mal den Himmel, und der Drink hatte einen bitteren Geschmack in ihrem Mund hinterlassen, ihre Zunge fühlte sich dick und schwer an. Ein diffuses Gefühl der Bedrohung zog ihr die Brust zusammen. Irgendetwas stimmte nicht mit diesem Schiff. Es war viel zu still hier. Warum war niemand sonst an Deck?
Imke stöhnte, versuchte sich aufzurichten. Aber ihr fehlte die Kraft. Sie schlug die Augen auf, war sekundenlang erleichtert, dass sie bloß schlecht geträumt hatte. Bis ihr auffiel, dass das Plätschern noch immer zu hören war.
Außerdem war sie nicht in ihrem Bett. Über ihr wölbte sich der schwarzblaue Nachthimmel, unzählige Sterne funkelten wie winzige Diamanten.
«Wo bin ich?», wollte sie fragen. Doch ihre Zunge gehorchte ihr nicht.
Zudem setzten hämmernde Kopfschmerzen ein, so als hätte sie zu viel getrunken. Sie versuchte sich zu erinnern, was sie getan hatte, bevor sie eingeschlafen war. War sie zu Hause gewesen? Oder draußen unterwegs? Welcher Tag war überhaupt?
Ein Bild stieg in ihr auf. Eine Bar. Sie hatte sich mit Anouk und Cleo gestritten, deshalb saß sie allein am Tresen. Nein, nicht allein. Da war ein Mann, der ihr einen Drink spendiert hatte. Eine Margarita. Sie hatten sich unterhalten, er hatte nett gewirkt, nicht aufdringlich, einfach nur interessiert. Ihr erstes Date seit Ewigkeiten. Falls man es ein Date nennen konnte. Schließlich hatten sie sich bloß zufällig in der Bar kennengelernt.
Konnte es sein, dass er ihr etwas in den Drink geschüttet hatte?
Großer Gott! Was hatte er ihr angetan? Sie tastete nach ihrer Jeans, atmete auf, als sie den Stoff spürte. Auch ihre Bluse war noch da. Er hatte sie bestimmt nicht vergewaltigt und ihr danach die Hose wieder angezogen.
Oder doch?
Wieder versuchte Imke sich aufzurichten. Aber ihr Körper wollte ihr nicht gehorchen. Dann bemerkte sie das andere Geräusch, das bisher vom Plätschern übertönt worden war. Eine Art Schnaufen. Jemand war ganz dicht hinter ihr, so dicht, dass sie seinen Atem hören konnte.
War es der Typ aus der Bar? Wie war noch mal sein Name? Mike? Malte? Sie wusste es nicht mehr. Dafür war sie nun sicher, dass sie in einem Boot waren. Wer auch immer hinter ihr saß, ruderte es übers Wasser. Doch warum? Was hatte er mit ihr vor?
«Hallo?» Es kostete sie unendlich viel Mühe, dieses eine Wort hervorzubringen, und doch war es kaum mehr als ein Flüstern.
Das Plätschern setzte kurz aus.
Jemand brummte etwas, doch sie konnte kein Wort verstehen. Sie hätte nicht sagen können, ob das die Stimme des Typen aus der Bar war. Mike oder Malte. Nein, Mirko, jetzt wusste sie es wieder.
«Wo sind wir?»
Keine Antwort.
«Was wollen Sie von mir?»
Der Unbekannte ruderte wortlos weiter.
Imke sammelte ihre Kräfte. Sie war nicht gefesselt, sie war nur total benommen von dem Zeug, das er ihr gegeben haben musste. Also war sie nicht vollkommen wehrlos. Ganz im Gegenteil. Sie spürte, wie die lähmende Schwere in ihren Gliedern allmählich nachließ. Sie versuchte erneut sich aufzusetzen, aber ihr Körper fühlte sich unendlich schwer an. Ein Schwindel erfasste sie, ihr Kopf wurde wattig. Bloß nicht ohnmächtig werden, dachte sie, bevor alles um sie herum schwarz wurde.
Tom Engelhardt drehte den Schlüssel im Zündschloss des Bullis, der Motor orgelte, doch er sprang nicht an. Er versuchte es erneut. Wieder nichts. So ein Mist! Normalerweise bockte der alte Polizeibus nur im Winter. Außerdem hatte Tom gerade erst viel Geld für eine gründliche Inspektion bezahlt.
«Warum haben wir kein richtiges Auto?», fragte Romy, die neben ihm auf dem Kindersitz saß.
«Das ist ein richtiges Auto», entgegnete Tom, halb amüsiert, halb verzweifelt. «Es ist nur schon ziemlich alt.»
«Aber ein richtiges Auto hat keine Küche und keinen Esstisch.»
«Das ist doch etwas Besonderes, findest du nicht? Wir können mit dem Auto in Urlaub fahren und darin wohnen.»
Tom musste daran denken, wie er mit Inga durch Europa getourt war, in einem anderen Leben, als sie noch jung und naiv gewesen waren und dachten, dass sie zusammen alt werden würden.
«Ich verstehe nicht, weshalb man dir keinen Dienstwagen zur Verfügung stellt», schaltete sich nun auch seine Mutter ein, die rechts neben Romy saß. «Du bist immerhin Revierleiter. Ein Dienstfahrzeug ist ja wohl das Mindeste, was man in der Position erwarten kann.»
Da musste Tom ihr zustimmen. Doch als er bei seinem Umzug von Berlin auf den Darß danach gefragt hatte, hatte es geheißen, dass er sowieso fast ausschließlich vom Schreibtisch aus arbeiten würde, schließlich sei der Darß nicht Kreuzberg. Und wenn er doch mal zu einem Einsatz rausmüsse, wären da ja die beiden Streifenwagen.
«Mascha hat ein richtiges Auto», führte seine Tochter ihren Gedanken fort.
Tom musste lächeln. Mascha war eine Kollegin beim LKA in Schwerin und seit einigen Monaten die neue Frau in Toms Leben. Nach Ingas Tod hätte er nicht zu hoffen gewagt, dass er noch einmal glücklich werden könnte. Doch inzwischen erlaubte er sich, darauf zu vertrauen, auch wenn sie die Beziehung bislang weitgehend geheim hielten. Nur Toms Kollege Paul wusste Bescheid sowie Toms Eltern. Und Romy natürlich, die Mascha heiß und innig liebte.
Er drehte den Zündschlüssel erneut, und diesmal sprang der altersschwache Motor an. «Geht doch», murmelte er und gab Gas.
Er würde Romy und seine Mutter, die aus Spanien zu Besuch war, wo sie und sein Vater seit ihrer Pensionierung lebten, am Hafen absetzen. Die beiden wollten eine Schifffahrt über den Bodden machen. Es war Samstag, das Wetter ein Traum, Tom hätte sie gern begleitet. Doch der ungeklärte Mord an einer Familie erlaubte ihm kein Wochenende.
Mascha, die die Nacht bei ihm verbracht hatte, war ebenfalls auf dem Weg zur Arbeit. Er hoffte, dass sie heil ankam. Am Montag hatte sie einen Unfall auf der Autobahn gehabt, ein Rad hatte sich gelöst, einfach so. Höchstwahrscheinlich hatte irgendwer die Muttern gelockert. Die Frage war, ob Mascha das zufällige Opfer eines Irren geworden war oder ob es jemand auf sie speziell abgesehen hatte. Die Vorstellung, sie könnte in Lebensgefahr sein, schnürte ihm die Kehle zu. Rasch vertrieb er die düsteren Gedanken.
Wenige Minuten später, nachdem er seine Mutter und seine Tochter am Anleger abgesetzt hatte, parkte er vor der grün gestrichenen ehemaligen Kapitänsvilla, in der das Polizeirevier von Sellnitz untergebracht war. So malerisch das Haus wirkte, so unpraktisch war es für die Polizisten, die darin arbeiteten. Außer Paul und ihm waren das vier Streifenbeamte.
In seinem Büro, das zugleich als Besprechungsraum diente, waren bereits alle Mitglieder der kleinen Soko Segeljacht um den Tisch am Fenster versammelt. Neben Paul waren da Lisa, eine Kollegin aus der Kriminaltechnik, die Tom schon mehrere Male in sein Team geholt hatte, Dennis Schwarz, ein Mordermittler aus Anklam, der gute Arbeit leistete, dem Tom aber nicht ganz über den Weg traute, Carmen Kröger, eine erfahrene Ermittlerin, ebenfalls aus Anklam, sowie, sehr zu Toms Ärger, Damian de Vries, ein Fallanalytiker aus dem LKA, der sich in die Ermittlungen gedrängt und sie mit seiner vollkommen absurden Hypothese von einem vermeintlichen Serienmörder auf die sinnlose Jagd nach einem Phantom geschickt hatte.
Tom fragte sich, was der Kollege noch hier auf dem Darß wollte. Es war klar, dass sie keinen Fallanalytiker brauchten, auch wenn dieser Fall zugegebenermaßen ungewöhnlich war. Warum also war de Vries nicht nach Schwerin zurückgekehrt?
Er fing einen Blick von Paul auf, dem offenbar ähnliche Gedanken durch den Kopf gingen. Der Kollege hielt ihm einen dampfenden Kaffeebecher hin.
«Morgen, Chef. Hab’s leider nicht mehr zum Bäcker geschafft.» Paul betrachtete es als seine Aufgabe, für das leibliche Wohl der Soko zu sorgen.
«Kein Problem, ich habe gut gefrühstückt.» Eine Sekunde dachte Tom an die Pfannkuchen, die seine Mutter gebacken hatte. Mit Äpfeln und Zimt für Romy, mit Zwiebeln und Speck für Mascha, Tom und sich selbst. Sie hatten auf der Terrasse hinter dem Haus gesessen, und Tom hatte sich so glücklich gefühlt wie seit Jahren nicht mehr.
«Morgen zusammen.» Er nahm Platz, trank einen Schluck. «Und danke, dass ihr alle trotz Wochenende hier seid.» Er nickte Carmen zu. Sie war die Einzige außer ihm, die Familie hatte. «Bevor wir uns in die Arbeit stürzen, muss ich euch etwas sagen. Ich bin bis auf Weiteres nur auf meinem Diensthandy zu erreichen. Mein privates habe ich ins LKA geschickt. Gestern Abend habe ich eine mysteriöse Nachricht bekommen von jemandem, der vorgibt, der Mörder zu sein.»
«Fuck», murmelte Lisa. «Was für eine Nachricht denn?»
«Leider kann ich sie euch nicht zeigen, denn sie hat sich automatisch gelöscht. Der Text lautete: ‹Fang mich doch›.»
«Das werden wir», erklärte Paul entschlossen.
«Dann erschien ein Clown», berichtete Tom weiter. «Er lachte, bis er platzte und der Bildschirm weiß wurde.»
«Ganz schön gruselig.» Carmen schüttelte sich.
«Jedenfalls konnte ich die Nachricht kein zweites Mal anschauen, sie war einfach weg. Es besteht die Gefahr, dass ich mir einen Trojaner eingefangen habe. Deshalb muss das Telefon untersucht werden. Und natürlich auch, um den Absender zu ermitteln. Da mache ich mir aber nicht viel Hoffnung.» Tom erwähnte lieber nicht, dass die Nachricht angeblich von Mascha gekommen war. Er hatte keine Lust, neugierige Fragen zu beantworten, die nichts mit dem Fall zu tun hatten.
«Und du glaubst, das war unser Mörder?», fragte Dennis. Der breitschultrige Mittvierziger mit dem blonden Pferdeschwanz wirkte skeptisch.
«Ich kann es zumindest nicht ausschließen.»
«Wenn ich dazu etwas sagen darf», meldete sich Damian zu Wort. Neben Dennis wirkte der eher schmächtige rotblonde Mann wie ein Jugendlicher. Dabei war er im selben Alter.
Tom nickte ihm zu, verwundert, dass er überhaupt fragte. Das passte gar nicht zu ihm. Vielleicht hatte ihn sein Fehlurteil ja doch Bescheidenheit gelehrt.
«Solche Nachrichten sind typisch für Serientäter», erklärte de Vries.
«Na klar doch», stieß Dennis hervor.
Tom warf ihm einen ärgerlichen Blick zu. «Lass ihn ausreden.»
«Psychopathen fühlen sich allen anderen überlegen. Und leider sind sie es häufig auch. Weil sie nicht von so lästigen Dingen wie Empathie und Gewissen zurückgehalten werden. Und sie spielen gerne. Sie wollen sich mit ihren Gegnern messen, und sie brauchen den Kick, denn ihnen wird schnell langweilig. Zudem lieben sie es, im Mittelpunkt zu stehen. Viele berühmte Serientäter haben Briefe an die Polizei oder die Presse geschrieben.»
Tom wusste, dass Damian recht hatte, trotzdem zweifelte er. «Wir haben es aber gar nicht mit einem Serientäter zu tun», wandte er ein. «Denn der zweite Doppelmord wurde von einem Trittbrettfahrer begangen, wie du weißt.»
Vor elf Tagen waren die Leichen eines Ehepaars aus Sellnitz und ihrer beiden Kinder in einer gesunkenen Segeljacht gefunden worden. Jemand hatte alle vier erschossen. Wenige Tage später war ein Ehepaar ermordet in seinem Motorboot entdeckt worden. Doch seinen Mörder hatten sie vorgestern gefasst, und er hatte inzwischen gestanden. Er hatte das Ehepaar in seinem Haus umgebracht und dann auf das Boot verfrachtet, um von sich abzulenken. Ein simpler Mord aus Habgier, traurig, aber banal.
«Dass bisher keine weiteren Leichen gefunden wurden, heißt nicht, dass es sich nicht um eine Serie handelt», widersprach Damian. «Ich habe gesagt, dass die Person, die die Familie Dirksen umgebracht hat, das nicht zum ersten Mal getan hat. Und dabei bleibe ich.»
«Und du glaubst auch noch immer, dass irgendwer den Untergang der DDR verpasst hat und Republikflüchtlinge jagt?» Lisa war anzuhören, dass sie von der Idee nicht sonderlich viel hielt.
«Es ist eine sehr wahrscheinliche Möglichkeit. Aber ohne weitere Morde kann ich es nicht sicher sagen.»
«Egal ob Serientäter oder nicht», sagte Tom. «Wir müssen diesen Oltmanns finden. Der kann sich doch nicht in Luft aufgelöst haben.»
Hagen Oltmanns war spurlos verschwunden, seit er von ein paar Jugendlichen verprügelt worden war. Der obdachlose Mann, der seit Jahren im Darßwald hauste, hatte als harmlos gegolten, bis sie bei der Suche nach ihm auf sein Waffenversteck gestoßen waren. Seither galt er als dringend tatverdächtig.
«Woher wissen wir, dass er sich nicht längst abgesetzt hat?», fragte Dennis.
«Er hat sein ganzes Leben auf dem Darß verbracht», sagte Paul. «Er kennt nichts anderes. Und er hat kein Geld. Ich glaube nicht, dass er weit weg ist.»
«Könntest du die Fahndung koordinieren, Duke?», bat Tom ihn. Duke war Pauls Spitzname, nach der hawaiianischen Surflegende Duke Kahanamoku. «Es sind ein paar neue Hinweise reingekommen. Außerdem solltest du versuchen, herauszufinden, ob er nicht doch Freunde oder Verwandte hat, die ihm helfen würden.»
«Geht klar, Chef.»
«Carmen, sprichst du bitte noch einmal mit Marc Dirksens Eltern? Die Mutter hat ausgesagt, dass sie kurz vor dem Mord über FaceTime mit ihrem Sohn gesprochen hat. Frag sie, ob er da schon das Hämatom am Kinn hatte. Und ob ihr sonst irgendetwas aufgefallen ist. Und danach hilfst du Dennis, ein weiteres Mal die privaten Kontakte der Familie zu überprüfen. Wir haben uns bisher zu sehr darauf konzentriert, dass sich Marc Dirksen als Versicherungsmakler Feinde gemacht hat. Aber das hat uns nicht weitergebracht.»
«Was ist denn mit diesem Becker?», unterbrach Paul. «Der ist doch auch noch im Spiel, oder?»
Tom zögerte. Xaver Becker hatte nach einem Sturmschaden sein Haus verkaufen müssen. Er war unterversichert gewesen und hatte sich die Reparatur nicht leisten können. Er hatte sich ungefähr zu dem Zeitpunkt erschossen, als die Familie Dirksen ermordet worden war. Und in einem Versteck in dem Wohnwagen, in dem er gehaust hatte, hatten sie Dokumente gefunden, die darauf schließen ließen, dass er Marc Dirksen ausspioniert hatte.
Doch Tom bezweifelte, dass er der Täter war. Der Mann war vollkommen pleite gewesen, hatte nicht einmal mehr ein fahrtüchtiges Auto besessen. Und nach ihren bisherigen Recherchen war der Mörder entweder auf See von einem anderen Schiff aus oder in Klintholm Havn auf der dänischen Insel Møn an Bord der Segeljacht gelangt. Zudem schien Xaver Becker kein genialer Hacker gewesen zu sein, während der Täter nicht nur Tom die mysteriöse Nachricht geschickt, sondern auch die Taucher, die das Wrack mit den Leichen entdeckt hatten, mit einer nicht zurückverfolgbaren Mail zum Fundort gelockt hatte.
«Natürlich können wir ihn weiterhin nicht ausschließen», sagte er dennoch. «Ich habe die dänischen Kollegen gebeten, in Klintholm Havn nachzufragen, ob es Überwachungskameras gibt, und uns das Material für den entsprechenden Zeitraum zu besorgen. Falls Xaver Becker oder ein anderer Täter sich dort an Bord geschlichen hat, gibt es davon womöglich Aufnahmen. Doch das bezweifle ich.»
«Ich auch», pflichtete Damian ihm bei. «Dafür ist der Täter viel zu schlau. Und es ist ganz bestimmt nicht dieser Becker gewesen.»
«Aber Hagen Oltmanns ist ebenfalls mittellos und nicht sonderlich intelligent», wandte Carmen ein.
«Das wissen wir nicht mit Sicherheit. Der Mann hatte ein geheimes Waffenversteck, also könnte er auch irgendwo einen Unterschlupf haben, wo er einen Computer und Bargeld hortet. Womöglich finden wir ihn deshalb nicht.»
«Wenn du dir so sicher bist, dass Hagen Oltmanns der Täter ist, weißt du vielleicht auch, wo sich dieses Versteck befindet», bemerkte Lisa spitz.
«Ich gehe noch mal das Profil durch», antwortete Damian vollkommen ernst. «Vielleicht kommt mir dabei eine Idee.»
«Mach das», sagte Tom.
Er wollte die Besprechung beenden, doch in dem Moment klopfte es, und Babyface steckte den Kopf zur Tür herein. Der muskulöse blonde Streifenbeamte hieß eigentlich Heiko Gerdes und war einer der gutmütigsten Menschen, die Tom kannte.
«Ich weiß, ich sollte nicht stören», sagte er. «Aber das musst du dir selbst ansehen, Tom.»
Kriminalhauptkommissarin Mascha Krieger stieg in den gelben Toyota Supra und knallte die Tür hinter sich zu. Bevor sie den Motor startete, atmete sie einmal tief durch. Der Sportwagen hatte einem Dealer gehört, bevor er von der Polizei beschlagnahmt und ihr als Dienstfahrzeug zur Verfügung gestellt worden war. Doch das war nicht der Grund, weshalb sie ein mulmiges Gefühl hatte.
Seit dem Unfall vor ein paar Tagen fühlte sie sich in dem Auto nicht mehr sicher. Bei jedem ungewöhnlichen Geräusch fuhr sie zusammen und ging vom Gas. Zwar hatten ihre Kollegen nicht nachweisen können, dass es sich um Sabotage gehandelt hatte, aber fest stand, dass eine Unfallzeugin abgetaucht und eine Tasche mit Akten aus dem Wagen entwendet worden war. Und dass die Zeugin ein Fahrzeug fuhr, das Mascha zuvor schon einige Male aufgefallen war. Weshalb sie nicht an einen Zufall glaubte.
Doch die Akten gehörten zu einem jahrzehntealten Fall, und niemand hätte wissen können, dass Mascha sie bei sich hatte. Niemand außer dem ehemaligen Polizisten, der sie über dreißig Jahre in seinem Keller aufbewahrt hatte.
Sie winkte dem Wachmann und lenkte den Wagen vom Parkplatz des LKA. Sie hatte ihr Handy in der KTU abgegeben, damit die Kollegen es unter die Lupe nehmen konnten. Die mysteriöse Zeugin hatte nämlich mit Maschas Telefon den Notruf abgesetzt. Und dabei nicht nur Fingerabdrücke hinterlassen, sondern auch die Gelegenheit gehabt, das Gerät zu manipulieren. Mascha hätte es sofort nach dem Unfall untersuchen lassen sollen, doch sie war zu aufgewühlt gewesen. Außerdem gab sie ihr Smartphone nicht gern in fremde Hände. Ihr halbes Leben war darauf abgespeichert. Ohne das blöde Ding fühlte sie sich nackt.
Aber es musste sein. Also hatte sie es zusammen mit Toms Handy bei den Kollegen abgeliefert.
Sie lenkte den Supra Richtung Autobahn, versicherte sich im Rückspiegel, dass kein blauer Kleinwagen hinter ihr war. Zu blöd, dass sie gestern Abend keinen Blick auf die Nachricht hatte erhaschen können, die unter ihrem Namen an Tom geschickt worden war. Wer auch immer das getan hatte, verstand etwas von der Sache. Der Unbekannte hatte ihren Account gekapert und eine Nachricht programmiert, die sich nach einmaligem Anschauen selbst löschte, und zwar so, dass sie nicht wiederherzustellen war. Zu viel Aufwand für einen dummen Scherz.
Mascha fuhr auf die Autobahn. Hinter ihr war noch immer kein verdächtiges Fahrzeug, die A 14 fast leer. Sie entspannte sich, trat das Gaspedal durch. Fast zwei Stunden würde die Fahrt nach Anklam dauern, zumindest wenn sie sich ans Tempolimit hielt. Und das nur, um an der Besprechung einer Soko teilzunehmen, in die ihr Stiefbruder Holger sie mit einem Trick hineingeholt hatte. Sie könnte ihren Beitrag genauso gut von ihrem Schreibtisch in Schwerin aus leisten und sich online zu den Besprechungen dazuschalten. Stattdessen ließ er sie jeden Tag antanzen. Bloß um ihr eins auszuwischen.
Mascha schaltete Musik an, um sich nicht länger zu ärgern. Debussy stimmte sie zwar stets ein wenig melancholisch, aber das war allemal besser als wütend. Als die ersten Takte der «Suite bergamasque» aus den Boxen flossen, kam ihr ein Gedanke.
Fassungslos starrte Tom die Frau an, die vor ihm im Empfangsbereich des Reviers stand. Ihr Gesicht war kaum zu erkennen, das Haar klebte ihr am Kopf, und auch ihr Kleid war durchtränkt von einer verdächtig metallisch riechenden, rotbraunen Flüssigkeit.
«Grundgütiger, was ist passiert?»
Dayita Kumar, die Chefredakteurin des zweimal wöchentlich erscheinenden Sellnitzer Wochenblatts funkelte ihn an. «Wonach sieht es denn aus?»
«Ist das etwa Blut?», murmelte Carmen, bevor Tom antworten konnte.
«Ich nehme es an.» Kumar wandte sich wieder an Tom. «Ich will, dass Sie das dokumentieren, und ich will Anzeige erstatten.»
«Selbstverständlich.» Er schüttelte ungläubig den Kopf. «Wer war das?»
«Der Typ war maskiert, aber ich habe ihn erkannt. Es war Kevin Heller, einer von den drei halb garen Schwachköpfen, die den Mann im Wald zusammengeschlagen haben, diesen Hagen Oltmanns. Heute Morgen habe ich einen Artikel online gestellt, in dem ich den Vorfall aufs Schärfste verurteile. Dieser Bursche meinte, es wäre üble Nachrede, weil natürlich jeder in Sellnitz sofort wisse, von wem die Rede sei. Und dann hat er mich aufs Übelste beschimpft, hat gebrüllt, eine wie ich dürfe überhaupt nicht hier arbeiten, ich solle nach Hause gehen und mich von meinem Mann verprügeln lassen.»
«Eine wie Sie?», fragte Lisa entsetzt. «Was sollte das denn heißen?»
«Es war wohl eine Anspielung auf meine Hautfarbe.» Dayita Kumar zuckte mit den Schultern, sie wirkte mit einem Mal müde. «Seit fast fünfzig Jahren muss ich mir so eine Scheiße anhören, ich bin es leid.»
Wut stieg in Tom auf. Und ein vages Gefühl der Schuld. Er hatte die drei Jugendlichen, die Oltmanns verprügelt hatten, aus den Augen verloren, hatte sich mehr auf Oltmanns selbst konzentriert, weil der als tatverdächtig galt und schwer bewaffnet untergetaucht war. Und weil der Vater des Haupttäters glaubwürdig versichert hatte, dass sein Sohn in Sorge um seine Mutter gehandelt habe. Denn Hagen Oltmanns war zuvor in das Haus der Familie eingebrochen. Zudem war keiner der drei Jugendlichen vorbestraft. Aber das alles bedeutete nicht, dass sie nicht angemessen zur Rechenschaft gezogen werden mussten.
«Dieser Vorfall wird Konsequenzen haben», versprach er Kumar. «Ich dulde keine rassistischen Übergriffe hier in Sellnitz. Meine Kollegin Lisa Alandt ist von der Kriminaltechnik. Sie wird Sie untersuchen und Spuren sichern, dann mit Ihnen nach Hause fahren, damit Sie sich waschen und umziehen können, und dort Ihre Aussage aufnehmen.» Er sah die Journalistin fragend an. «Gibt es Zeugen?»
«Ich glaube nicht. Der Typ hat mich abgefangen, als ich aus dem Haus getreten bin. Mein Grundstück ist nicht gut einsehbar.»
«Haben Sie eine Sicherheitskamera?»
«Ich hätte nicht gedacht, dass ich eine brauche. Nicht auf dem Darß.»
Tom nickte frustriert. «Was haben Sie nach dem Angriff getan?»
«Ich habe ein Handtuch auf dem Fahrersitz ausgebreitet, um nicht alles einzusauen, und bin hergefahren.»
«Sehr gut.» Tom wandte sich an Babyface. «Du bestellst die drei jungen Männer zur Vernehmung ein. Und zwar so bald wie möglich.»
Von Weitem wirkte die Szenerie beinahe idyllisch. Der hölzerne Kahn im Schilf, die zurückgelehnte Gestalt, die im Halbschatten ein Nickerchen zu machen schien. Auf den ersten Blick deutete nichts darauf hin, dass hier kürzlich etwas Schlimmes geschehen war. Wären nicht die Menschen in weißen Schutzanzügen, die um das Ruderboot herum Spuren sicherten.
Kriminaloberkommissar Björn André setzte sich in Bewegung. Sein Bein stach heute besonders schlimm. Er war sogar schon mit Schmerzen aufgewacht, was äußerst selten geschah. Manchmal kam es ihm so vor, als hätte er eine Art sechsten Sinn, als würde sich seine Verletzung immer dann extrem stark bemerkbar machen, wenn Ärger anstand, oder viel Arbeit.
Das Hinken und die Schmerzen waren das Andenken an eine Verfolgungsjagd, die mit einem Unfall geendet hatte. Wochenlang war Björn gar nicht arbeitsfähig gewesen, und danach hatte er lange Zeit Innendienst versehen. Er war froh, wieder aktiv sein zu können, auch wenn es ihm manchmal schwerfiel und er aufgrund seines Handicaps nicht voll einsatzfähig war.
Mit zusammengebissenen Zähnen humpelte er auf den Fundort zu. Rainer Uhl, ein langjähriger Kollege von der KTU in Anklam, kam ihm entgegen. «Morgen, Björn.»
«Hallo, Rainer. Kannst du mir schon was sagen?»
«Junge Frau. Alles deutet auf Suizid hin. Ich zeig’s dir.» Rainer ging voran, über den markierten Pfad auf das Ruderboot zu.
Björn bemühte sich mitzuhalten. Als sie an dem Boot angekommen waren, sog er scharf die Luft ein. Die junge Frau, die gegen die Bordwand gelehnt auf dem Boden saß, erinnerte ihn ein wenig an Schneewittchen. Weiße Bluse, sehr helle Haut, dunkelbraune Haare. Die Augen waren geschlossen, als würde sie tatsächlich nur schlafen. Jedoch klafften an beiden Handgelenken tiefe Schnitte. Blut war über die Unterarme verschmiert, über die Jeans und den feuchten Holzboden. Die weiße Bluse war auf der Vorderseite dunkelrot verfärbt, sodass es auf den ersten Blick aussah, als hätte ihr jemand in den Bauch geschossen. Doch bis auf die aufgeschnittenen Pulsadern war sie unverletzt.
«Verflucht», entfuhr es Björn. Es tat ihm weh, zu sehen, dass ein so junger Mensch offenbar keinen anderen Ausweg mehr gesehen hatte, als sich das Leben zu nehmen. «Wissen wir, wer sie ist?»
«Keine Handtasche, keine Papiere», antwortete Rainer. Er wandte sich an einen Kollegen, der im Schilf herumstocherte. «Oder habt ihr inzwischen was gefunden?»
«Leider nicht.»
Rainer drehte sich wieder zu Björn um. «Wir gehen davon aus, dass sie nicht hier gestorben ist, sondern irgendwo weiter draußen auf dem See. Womöglich hat sie ihre Sachen über Bord geworfen, bevor sie sich die Pulsadern aufgeschnitten hat. Und danach auch die Tatwaffe.» Er zuckte mit den Schultern. Normalerweise war er an einem Tatort sachlich und abgeklärt, aber heute wirkte sein faltiges, verlebtes Gesicht bekümmert. «Sie war doch höchstens Anfang zwanzig. Was für eine Tragödie.»
Björn bemühte sich, die berufliche Distanz zu wahren. «Auch möglich, dass sie die Sachen am Ufer abgelegt hat, bevor sie ins Boot gestiegen ist», sagte er.
Rainer nickte. «Ich sorge dafür, dass alles abgesucht wird. Einfach wird das nicht, der See ist riesig.»
Der Teterower See war mehr als drei Quadratkilometer groß, die Uferlänge betrug höchstwahrscheinlich an die zwanzig Kilometer. Das Boot war jedoch in einer kleinen Bucht angetrieben worden, die sich in einem Naturschutzgebiet befand.
«Beschränkt euch erst mal auf die nähere Umgebung. Ich glaube nicht, dass sie weit gerudert ist. Ich versuche, herauszufinden, woher sie das Boot hatte.»
«Machen wir.»
Björn warf einen Blick auf die junge Frau. «Irgendwelche Hinweise auf Fremdeinwirkung?»
«Bisher nicht.» Rainer kratzte sich am Kinn. «Keine Kampfspuren im Boot, keine offensichtlichen Abwehrspuren an der Leiche. Aber das muss ja nichts heißen.»
«Was sagt der Arzt?»
«Die Notärztin, die den Totenschein ausgestellt hat, hat nichts Auffälliges gefunden.»
«Dann schauen wir mal, was bei der Obduktion herauskommt.» Björn wandte sich zum Gehen, drehte sich aber noch einmal um. «Gebt mir sofort Bescheid, wenn ihr eine Handtasche oder ein Handy findet.»
«Klar doch.»
