Die Tochter der Tryll - Verborgen: Band 1 - Amanda Hocking - E-Book

Die Tochter der Tryll - Verborgen: Band 1 E-Book

Amanda Hocking

4,4
9,99 €

oder
Beschreibung

Verborgen - in einer anderen Welt

Wendy Everly lebt ein Leben als Außenseiterin, bis Finn sie in die Welt der Tryll entführt. Endlich versteht Wendy, wer sie wirklich ist. Doch das magische Reich der Tryll ist tief entzweit. Nur Wendy ist mächtig genug, das Volk zu einen – wenn sie bereit ist, alles zu opfern ...

Als Wendy Everly sechs Jahre alt war, versuchte ihre Mutter, sie umzubringen: Sie sei ein Monster. Elf Jahre später entdeckt Wendy, dass ihre Mutter recht gehabt haben könnte, als der geheimnisvolle Finn sie aufsucht. Finn ist ein Gesandter der Tryll – magisch begabte Wesen, die in ihrem Äußeren Menschen gleichen, aber nach eigenen Gesetzen leben. Wendy begreift, dass ihr Leben eine Lüge war: Sie selbst ist eine Tryll – und nicht nur irgendeine. Sie ist die Tochter der mächtigen Königin Elora. Bald steckt Wendy mitten in einer gefährlichen Intrige – um den Thron und um ihr Herz ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 371




Amanda Hocking

Die Tochter der Tryll

Verborgen

Aus dem Amerikanischenvon Violeta Topalova

cbt ist der Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

1. Auflage 2012

© 2012 für die deutschsprachige Ausgabe

cbt Verlag in der Verlagsgruppe

Random House GmbH, München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

© 2010 by Amanda Hocking

Die amerikanische Printausgabe erschien 2012

unter dem Titel »Switched. A Trylle Novel« bei

St. Martin’s Griffin, New York.

Übersetzung: Violeta Topalova

Lektorat: Frauke Heithecker

Umschlaggestaltung: init.büro für gestaltung, Bielefeld unter Verwendung des Originalumschlags: © Lisa Marie Pompilio

Umschlagfotos: Trevillion Images/Jitka Saniova; Mädchen: Photo by Herman Estevez; Schloss: Gettyimages/Paul Nicols; Schmuckrahmen: Shutterstock

Getty Images; Cover Logo: © Shutterstock

he ∙ Herstellung: AnG

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-08003-7

www.cbt-jugendbuch.de

Prolog

Vor elf Jahren

Zwei Dinge ließen diesen einen Tag besonders hervortreten: Erstens war mein sechster Geburtstag und zweitens schwang meine Mutter ein Messer. Kein winziges Steakmesser, sondern ein riesiges Metzgermesser, dessen Klinge im Licht glitzerte. Wie in einem billigen Horrorfilm. Sie wollte mich definitiv umbringen.

Ich versuche, mich an die Tage vor diesem Geburtstag zu erinnern. Hätte ich ahnen können, dass sie es auf mich abgesehen hatte? Aber ich habe keinerlei frühere Erinnerungen an sie. Ich kann mich an einiges aus meiner Kindheit erinnern, sogar an meinen Dad, der starb, als ich fünf war. Aber nicht an sie.

Wenn ich meinen Bruder Matt nach ihr frage, antwortet er mir immer: »Sie ist total irre, Wendy. Mehr musst du nicht über sie wissen.« Er ist sieben Jahre älter als ich, also kann er sich besser an damals erinnern, aber er will nie über die Vergangenheit sprechen.

In meiner Kindheit lebten wir in den Hamptons, und meine Mutter war eine Frau, die den Müßiggang zur Kunst erhoben hatte. Sie hatte ein Kindermädchen engagiert, das bei uns lebte und sich um mich kümmerte, aber am Abend vor meinem Geburtstag musste meine Nanny wegen eines Unglücksfalls in der Familie freinehmen. Meine Mutter trug zum ersten Mal in ihrem Leben die Verantwortung für mich, und das gefiel uns beiden nicht.

Ich hatte überhaupt keine Lust auf die Party. Ich mochte Geschenke, aber ich hatte keine Freunde. Meine Gäste waren die Freundinnen meiner Mutter mit ihren hochnäsigen Kindern. Es sollte eine Teeparty für Prinzessinnen werden, was mir überhaupt nicht gefiel. Matt und unser Hausmädchen schufteten trotzdem den ganzen Vormittag, um alles vorzubereiten.

Als die Gäste kamen, hatte ich mir bereits die Schuhe von den Füßen gerissen und die Schleifen aus meinen Haaren gezerrt. Als ich meine Geschenke öffnete, kam meine Mutter die Treppe herunter und beobachtete die Szene mit ihren eiskalten blauen Augen.

Ihr blondes Haar war glatt zurückgekämmt, und sie trug grellroten Lippenstift, der ihre Haut noch bleicher wirken ließ als sonst. Sie trug immer noch den roten Seidenmorgenmantel meines Vaters, den sie seit seinem Tod nicht mehr abgelegt hatte, aber heute hatte sie ihn mit einer Halskette und schwarzen Pumps kombiniert. Offenbar machten die Accessoires ihrer Meinung nach das Outfit partytauglich.

Niemand sagte etwas zu ihrem Aufzug, da alle damit beschäftigt waren, meiner Performance zuzusehen. Ich hatte mich über alle Geschenke beschwert, die ich bekommen hatte. Nichts außer Puppen und Ponys, mit denen ich niemals spielen würde.

Meine Mutter kam ins Zimmer und glitt zwischen den Gästen hindurch zu der Ecke, in der ich saß. Ich hatte das mit pinkfarbenen Teddybären bedruckte Geschenkpapier von einer Schachtel abgerissen, die eine weitere Porzellanpuppe enthielt. Statt mich höflich zu bedanken, begann ich zu brüllen, dies sei ein dummes Geschenk.

Bevor ich mich fertig beschwert hatte, schlug meine Mutter mir heftig ins Gesicht.

»Du bist nicht meine Tochter«, sagte sie mit kalter Stimme. Meine Wange brannte von ihrer Ohrfeige, und ich starrte sie mit offenem Mund an.

Das Hausmädchen sorgte schnell dafür, dass das Partyprogramm fortgeführt wurde, aber im Kopf meiner Mutter gärte dieser Satz den ganzen Nachmittag lang weiter. Meiner Meinung nach hatte sie ihn ursprünglich nur so gemeint, wie es Eltern eben tun, wenn ihre Kinder sich abscheulich benehmen. Aber je länger sie darüber nachdachte, desto überzeugter wurde sie davon, dass dies der Wirklichkeit entsprach.

Nach ein paar Stunden, in denen ich einen Tobsuchtsanfall nach dem anderen hingelegt hatte, beschloss irgendjemand, dass es jetzt Zeit für den Kuchen war. Meine Mutter blieb eine Ewigkeit in der Küche, und ich ging nachschauen, was sie dort anstellte. Ich habe keine Ahnung, warum sie angeboten hatte, den Kuchen selbst zu holen, und nicht das Hausmädchen beauftragte, das sich mir gegenüber viel mütterlicher verhielt als sie.

Auf der Kochinsel stand eine riesige, mit pinkfarbenen Blüten verzierte Schokoladentorte. Meine Mutter stand hinter der Torte, schnitt mit einem riesigen Messer Stücke ab und verteilte sie auf winzige Tellerchen. Ihre Frisur löste sich bereits auf.

»Schokolade?« Ich rümpfte die Nase und beobachtete, wie sie versuchte, nur perfekte Stücke auf die Teller zu legen.

»Ja, Wendy. Du magst Schokolade«, informierte mich meine Mutter.

»Mag ich nicht!« Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich hasse Schokolade! Ich esse nichts davon, und du kannst mich nicht dazu zwingen!«

»Wendy!«

Zufällig zeigte das Messer auf mich, an der Spitze klebte Zuckerguss. Aber ich fürchtete mich nicht. Hätte ich Angst gehabt, wäre vielleicht alles anders gekommen. Doch in diesem Moment wollte ich mich einfach nur weiter aufregen.

»Nein, nein, nein! Es ist mein Geburtstag, und ich will keine Schokolade!«, schrie ich und stampfte heftig mit dem Fuß auf.

»Du willst keine Schokolade?« Meine Mutter schaute mich an, die blauen Augen ungläubig aufgerissen.

Plötzlich glitzerte ein ganz neuer Irrsinn darin, und jetzt bekam ich doch Angst.

»Was bist du für ein Kind, Wendy?« Langsam kam sie hinter der Kochinsel hervor und ging auf mich zu. Das Messer in ihrer Hand wirkte jetzt viel bedrohlicher als noch vor ein paar Sekunden.

»Du bist mit Sicherheit nicht mein Kind. Was bist du, Wendy?«

Ich starrte sie an und wich ein paar Schritte zurück. Meine Mutter sah aus, als habe sie den Verstand verloren. Ihr Morgenmantel klaffte auf und enthüllte ihre hervorstechenden Schlüsselbeine und das schwarze Unterkleid, das sie daruntertrug. Sie machte einen Schritt auf mich zu, und diesmal zeigte das Messer eindeutig auf mich. Ich hätte schreien oder weglaufen sollen, aber ich war wie zur Salzsäule erstarrt.

»Ich war schwanger, Wendy! Aber du bist nicht das Kind, das ich auf die Welt gebracht habe! Wo ist mein Kind?« Tränen stiegen ihr in die Augen, und ich konnte nur stumm den Kopf schütteln. »Du hast ihn wahrscheinlich getötet, stimmt’s?«

Sie stürzte sich auf mich und schrie gellend, ich solle ihr sagen, was ich mit ihrem Baby gemacht hätte. In letzter Sekunde wich ich dem Messer aus, aber sie drängte mich in eine Ecke. Ich drückte mich gegen den Küchenschrank und konnte ihr nicht mehr entkommen, aber sie hatte nicht vor, aufzugeben.

»Mom!«, brüllte Matt von der Tür aus.

In ihren Augen blitzte etwas auf, als sie die Stimme ihres Sohnes erkannte, des Kindes, das sie wirklich liebte. Einen Augenblick lang hoffte ich, Matt hätte sie zur Besinnung gebracht. Aber er hatte ihr nur klargemacht, dass sie sich beeilen musste. Sie riss das Messer hoch.

Matt warf sich auf sie, konnte aber nicht verhindern, dass sie mir das Kleid und den Bauch aufschlitzte. Blut tränkte meine Kleidung, Schmerz durchzuckte mich und ich weinte hysterisch. Meine Mutter wehrte sich gegen Matt und umklammerte weiterhin fest das Messer.

»Sie hat deinen Bruder getötet, Matthew!«, beschwor sie ihn und sah ihn um Verständnis flehend an. »Sie ist ein Monster! Sie muss gestoppt werden!«

1

Zuhause

Sabber lief mir aus dem Mundwinkel, und ich öffnete die Augen gerade rechtzeitig, bevor Mr. Meade ein Buch auf meinen Tisch knallte. Ich war erst seit einem Monat an dieser Highschool, aber ich hatte bereits mitgekriegt, dass dies seine bevorzugte Methode war, um mich aufzuwecken, wenn ich in seiner Geschichtsstunde ein Nickerchen machte. Ich versuchte immer, wach zu bleiben, aber seine monotone Stimme haute mich jedes Mal um wie ein starkes Schlafmittel.

»Miss Everly?«, zischte Mr. Meade. »Miss Everly?«

»Hmmm?«, murmelte ich, hob den Kopf und wischte mir unauffällig den Sabber von der Wange. Dann schaute ich mich um. Hatte jemand das gesehen? Die meisten Schüler schienen mich nicht zu beachten. Mit einer Ausnahme: Finn Holmes. Er war erst seit einer Woche an der Schule und somit noch neuer als ich.

Immer, wenn ich ihn ansah, starrte er mich so offen an, als sei es ganz normal, jemand anderen ständig anzugaffen.

Er war merkwürdig still und gelassen, und ich hatte ihn noch niemals reden gehört, obwohl wir vier Fächer gemeinsam hatten. Er trug sein Haar, das genauso schwarz war wie seine Augen, glatt nach hinten gekämmt. Er sah ziemlich gut aus, aber er verhielt sich mir gegenüber so schräg, dass ich ihn nicht attraktiv finden konnte.

»Entschuldigung, dass ich Ihren Schlummer gestört habe.« Mr. Meade räusperte sich auffordernd und ich sah ihn an.

»Das macht nichts«, sagte ich.

»Miss Everly, begeben Sie sich sofort zum Rektor«, befahl Mr. Meade und ich stöhnte. »Sie haben es sich anscheinend zur Gewohnheit gemacht, in meinem Unterricht zu schlafen. Vielleicht kann er Ihnen ja dabei helfen, wach zu bleiben.«

»Ich bin wach!«, protestierte ich.

»Jetzt, Miss Everly.« Mr. Meade zeigte auf die Tür, als hätte ich vergessen, wo sie war, und säße deshalb noch an meinem Platz.

Ich sah ihm fest in die Augen und trotz seines strengen Blicks wusste ich sofort, dass er schnell umkippen würde. Lautlos wiederholte ich immer wieder: Ich muss nicht zum Rektor. Sie wollen mich nicht dorthin schicken. Ich darf im Klassenzimmer bleiben.

Nach ein paar Sekunden erschlaffte sein Gesicht und seine Augen wurden glasig.

»Sie können hierbleiben und dem Unterricht weiter folgen«, sagte Mr. Meade benommen. Er schüttelte den Kopf und blinzelte heftig. »Aber nächstes Mal landen Sie im Rektorat, Miss Everly.« Er schaute mich einen Moment lang verwirrt an und fuhr dann mit seinem Vortrag fort.

Ich hatte keine Ahnung, was genau ich da gerade gemacht hatte, und wollte eigentlich auch gar nicht darüber nachdenken. Vor ungefähr einem Jahr hatte ich entdeckt, dass ich andere Menschen dazu bringen konnte, das zu tun, was ich wollte, wenn ich sie fest ansah und konzentriert im Geist meine Forderung stellte.

Das klingt zwar fantastisch, aber ich versuchte, möglichst keinen Gebrauch davon zu machen. Teils, weil ich Angst hatte, dass es mich zu einer Verrückten machte, an meine Fähigkeit zu glauben. Obwohl es jedes Mal funktionierte. Aber hauptsächlich, weil ich es nicht gerne tat. Ich kam mir schlecht dabei vor, andere Menschen zu manipulieren.

Mr. Meade sprach weiter, und ich folgte seinen Worten aufmerksam. Meine Schuldgefühle spornten mich zusätzlich an. Ich hatte ihn nicht beeinflussen wollen, aber ich konnte auf keinen Fall ins Rektorat gehen. Ich war gerade erst von einer anderen Highschool geflogen, was meinen Bruder und meine Tante dazu gezwungen hatte, wieder einmal umzuziehen, in die Nähe meiner neuen Schule.

Als die Stunde endlich vorbei war, schob ich die Bücher in meine Tasche und ging schnell aus dem Klassenzimmer. Ich blieb nicht gerne lange in der Nähe der Menschen, die ich manipuliert hatte. Mr. Meade hätte durchaus noch seine Meinung ändern und mich doch zum Rektor schicken können, also eilte ich zu meinem Schließfach.

Bunte Flyer hingen an den verbeulten Spindtüren und warben für den Debattierklub, die Theater-AG und vor allem für den Ball am kommenden Freitag. Ich fragte mich, wie ein »Ball« an einer staatlichen Schule wohl ablaufen würde, aber ich hatte mir nicht die Mühe gemacht, jemanden danach zu fragen.

An meinem Schließfach tauschte ich meine Bücher aus und wusste, ohne hinzusehen, dass Finn irgendwo hinter mir stand. Ich schaute mich um und entdeckte ihn am Trinkbrunnen. Er sah auf und schaute mich an, als könne er mich auch spüren.

Der Typ sah mich nur an, sonst nichts, aber langsam wurde mir das unheimlich. Ich hatte seine Blicke eine Woche lang ertragen, weil ich keinen Streit wollte, aber jetzt reichte es. Er war derjenige, der sich merkwürdig benahm, und mit ihm zu sprechen würde mir doch sicher keinen Ärger einbringen. Oder doch?

»Hey«, sagte ich zu ihm, knallte meine Spindtür zu, rückte den Riemen meiner Tasche zurecht und ging über den Flur zu ihm. »Warum starrst du mich an?«

»Weil du direkt vor mir stehst«, antwortete Finn einfach. Er betrachtete mich mit seinen von dunklen Wimpern gesäumten Augen ohne jede Verlegenheit und Scham. Er hatte gar nicht vor, es zu leugnen. Definitiv gruselig.

»Du starrst mich immer an«, beharrte ich. »Das ist schräg. Du bist schräg.«

»Ich habe gar nicht versucht, mich der Masse anzupassen.«

»Warum schaust du mich ständig an?« Mir war klar, dass ich schlichtweg meine ursprüngliche Frage neu formulierte, aber er hatte mir noch immer keine Antwort gegeben.

»Macht es dir etwas aus?«

»Beantworte meine Frage.« Ich richtete mich auf und versuchte, eindrucksvoll zu wirken. Ich wollte auf keinen Fall, dass er merkte, wie sehr er mich aus dem Gleichgewicht brachte.

»Alle sehen dich an«, sagte Finn kühl. »Du bist sehr attraktiv.«

Das hätte ein Kompliment sein können, wenn seine Stimme dabei nicht völlig gefühllos gewesen wäre. Ich wusste nicht, ob er mich wegen meiner nicht existenten Eitelkeit aufziehen wollte oder eine simple Tatsache von sich gab. Schmeichelte er mir oder hänselte er mich? Oder etwas ganz anderes?

»Niemand starrt mich so an wie du«, sagte ich so ruhig wie möglich.

»Wenn es dich stört, versuche ich, damit aufzuhören«, lenkte Finn ein.

Das war gerissen. Um ihn dazu zu bringen, aufzuhören, hätte ich zugeben müssen, dass mich sein Verhalten ärgerte, und so etwas wollte ich auf keinen Fall zugeben. Wenn ich log und sagte, es sei mir egal, würde er einfach weitermachen.

»Ich habe dich nicht gebeten, aufzuhören. Ich habe dich gefragt, warum du mich anstarrst.«

»Das habe ich dir schon erklärt.«

»Nein, hast du nicht«, sagte ich kopfschüttelnd. »Du hast mir nur erklärt, warum alle mich anstarren. Nicht, warum du es tust.«

Fast unmerklich verzog sich Finns Mund zum Anflug eines Grinsens. Aber es wirkte nicht nur amüsiert, sondern auch erfreut. Als habe er mich irgendwie herausgefordert und ich hätte den Test bestanden.

Mein dummer Magen machte zum ersten Mal in meinem Leben einen Purzelbaum und ich schluckte heftig und kämpfte gegen das Gefühl an.

»Ich sehe dich an, weil ich nicht wegschauen kann«, sagte Finn schließlich.

Mir verschlug es die Sprache. Ich suchte nach einer schlagfertigen Antwort, aber mein Verstand verweigerte die Arbeit. Mit offenem Mund starrte ich ihn an wie ein vom Blitz getroffenes Schulmädchen, und ich riss mich schnell zusammen.

»Das ist ziemlich gruselig«, sagte ich endlich, aber meine Worte klangen nicht anklagend, sondern nur matt.

»Dann werde ich mich bemühen, weniger gruselig zu sein«, versprach Finn.

Ich hatte ihn gruselig genannt, und es machte ihm überhaupt nichts aus. Keine gestammelten Entschuldigungen, keine Schamesröte. Er schaute mich nur gelassen an. Wahrscheinlich war er ein astreiner Soziopath, aber aus irgendeinem Grund fand ich die Vorstellung sympathisch.

Mir fiel keine Retourkutsche ein, aber dann ertönte die Klingel und erlöste mich aus dieser merkwürdigen Unterhaltung. Finn nickte mir zum Abschied zu und ging den Flur entlang zu seinem nächsten Kurs. Gott sei Dank hatten wir zumindest den nicht gemeinsam.

Finn hielt Wort und verhielt sich den restlichen Schultag über nicht mehr gruselig.

Wenn ich ihn sah, ging er einer harmlosen Beschäftigung nach, bei der er mich nicht ansehen musste. Aber ich wurde das Gefühl nicht los, dass er mich immer noch beobachtete, sobald ich ihm den Rücken zukehrte, aber beweisen konnte ich ihm das nicht.

Als um drei der Unterricht zu Ende war, versuchte ich, als Erste die Schule zu verlassen. Mein großer Bruder Matt holte mich täglich von der Schule ab, so lange, bis er hier einen Job gefunden hatte, und ich wollte ihn nicht warten lassen. Außerdem wollte ich keinen erneuten Kontakt zu Finn Holmes riskieren.

Ich lief schnell zum Parkplatz, der an den Vorgarten der Schule anschloss, suchte nach Matts Prius und kaute abwesend an meinem Daumennagel. Ich hatte ein komisches Gefühl, mein ganzer Rücken kribbelte. Ich drehte mich um und erwartete beinahe, Finn zu sehen, der mich anglotzte. Aber da war niemand.

Ich versuchte, das Gefühl abzuschütteln, aber mein Herzschlag beschleunigte sich. Das hier fühlte sich gefährlicher an als ein merkwürdiger, aber harmloser Klassenkamerad. Ich schaute immer noch ins Leere und versuchte herauszufinden, was mich so beunruhigte, als ein lautes Hupen mich zusammenfahren ließ. Matt saß ein paar Parkbuchten entfernt in seinem Auto und betrachtete mich über seine Sonnenbrille hinweg.

»Sorry.« Ich öffnete die Autotür und kletterte in den Wagen. Er sah mich dennoch weiter an. »Was ist?«

»Du wirkst nervös. Ist irgendetwas passiert?«, fragte Matt und ich seufzte. Er nahm seine Rolle als großer Bruder viel zu ernst.

»Es ist nichts passiert. Schule ist zum Kotzen«, wehrte ich ihn ab. »Fahren wir.«

»Anschnallen«, befahl Matt und ich gehorchte.

Matt war schon immer ruhig und reserviert gewesen und überlegte immer gründlich, bevor er Entscheidungen traf. Er war in vielerlei Hinsicht das genaue Gegenteil von mir, von unserer geringen Körpergröße mal abgesehen. Ich war zierlich und hatte ein feminines, hübsches Gesicht und wilde, braune Locken, die ich zu unordentlichen Knoten geschlungen trug.

Matt trug sein blondes Haar immer kurz und ordentlich geschnitten, und seine Augen waren genauso blau wie die unserer Mutter. Matt war nicht besonders muskulös, aber athletisch und stark, da er eine Menge Sport machte. Als zwinge ihn sein starkes Pflichtgefühl dazu, sich fit zu halten, damit er uns verteidigen konnte.

»Wie läuft’s in der Schule?«, fragte er jetzt.

»Super. Spitze. Toll.«

»Wirst du dieses Jahr deinen Abschluss machen?« Matt hatte schon lange aufgegeben, meine schulischen Leistungen zu beurteilen. Ihm war es ziemlich egal, ob ich die Highschool schaffte.

»Wer weiß«, antwortete ich achselzuckend.

In allen Schulen, die ich bisher besucht hatte, war ich mit meinen Mitschülern nicht klargekommen. Selbst wenn ich den Mund hielt und gar nichts machte. Es kam mir vor, als wäre etwas nicht in Ordnung mit mir, und alle wüssten es. Ich versuchte ja, mich mit meinen Mitschülern anzufreunden, aber ich ertrug nicht unbegrenzt ihre Feindseligkeiten, und irgendwann wehrte ich mich eben. Rektoren und Schulleiter schmissen mich dann schnell aus der Schule, und ich glaube, sie spürten dasselbe, was die anderen Kids spürten:

Ich gehörte einfach nicht dazu.

»Nur als Warnung: Maggie ist es diesmal wirklich ernst«, sagte Matt. »Sie ist wild entschlossen, dass du dieses Jahr deinen Abschluss machst. Und zwar an dieser Schule.«

»Entzückend«, seufzte ich. Matt war meine Ausbildung ziemlich schnurz, aber für meine Tante Maggie galt das leider nicht. Und da sie mein Vormund war, zählte ihre Meinung mehr. »Was hat sie denn geplant?«

»Maggie denkt darüber nach, dich immer gleich nach dem Abendbrot ins Bett zu schicken«, informierte mich Matt grinsend. Als würde mich das davon abhalten, in der Schule Ärger zu bekommen.

»Ich bin fast achtzehn!«, stöhnte ich. »Spinnt die?«

»Du wirst erst in vier Monaten achtzehn«, korrigierte Matt mich scharf, und seine Hände umklammerten das Lenkrad fester. Er litt unter der paranoiden Vorstellung, ich würde sofort nach meinem achtzehnten Geburtstag von zu Hause abhauen. Und ich konnte ihn einfach nicht vom Gegenteil überzeugen.

»Von mir aus«, winkte ich ab. »Hast du ihr gesagt, dass das hirnrissig ist?«

»Ich dachte mir, das wirst du ihr schon selbst sagen.« Matt grinste wieder.

»Hast du… schon einen Job gefunden?«, fragte ich vorsichtig, und er schüttelte den Kopf.

Mein Bruder hatte im Sommer ein Praktikum bei einer großartigen Architekturfirma absolviert. Er behauptete zwar, es mache ihm nichts aus, in einer Stadt zu leben, in der aufstrebende junge Architekten nicht gerade gefragt waren, aber ich fühlte mich trotzdem schuldig deswegen.

»Das ist eine hübsche Stadt«, sagte ich und schaute aus dem Fenster.

Wir näherten uns unserem neuen Haus, das in einer gewöhnlichen Vorstadtstraße zwischen Ulmen und Ahornbäumen stand. Ehrlich gesagt fand ich die Stadt bisher langweilig und nichtssagend, aber ich hatte mir geschworen, das Beste daraus zu machen. Das wollte ich wirklich. Ich hätte es nicht ertragen, Matt noch einmal zu enttäuschen.

»Du wirst dir also wirklich Mühe geben?«, fragte Matt und sah mich an. Wir standen inzwischen in der Einfahrt des dottergelben viktorianischen Hauses, das Maggie letzten Monat gekauft hatte.

»Ich gebe mir schon Mühe«, behauptete ich lächelnd. »Ich habe heute mit einem Typen namens Finn geredet.« Okay, das war das erste Mal gewesen, und als Freund würde ich ihn nun wirklich nicht bezeichnen, aber ich musste Matt etwas entgegenkommen.

»Sieh mal einer an. Du hast endlich einen Freund gefunden.« Matt stellte den Motor ab und sah mich mit mühsam unterdrückter Heiterkeit an.

»Pfft. Und wie viele Freunde hast du, wenn ich fragen darf?«, konterte ich. Er schüttelte nur den Kopf und schaute aus dem Fenster. »Siehst du.«

»Ich hatte aber schon mal Freunde. Bin auf Partys gegangen. Habe ein Mädchen geküsst. Das ganze Programm«, sagte Matt auf dem Weg zu unserer Hintertür.

»Das sagst du.«

Sobald wir im Haus waren, schlüpfte ich aus meinen Schuhen. Wir gingen in die Küche, die immer noch nicht fertig eingeräumt war. Wir waren so oft umgezogen, dass wir alle keine Lust mehr darauf hatten, ständig alles aus- und einzupacken. Wir lebten hauptsächlich aus Kartons. »Ich habe bisher nur eine dieser angeblichen Freundinnen gesehen.«

»Das liegt wahrscheinlich daran, dass du ihr Kleid angezündet hast, als ich sie nach Hause mitgebracht habe! Während sie es trug!« Matt nahm die Sonnenbrille ab und schaute mich streng an.

»Ach, komm schon! Das war ein Unfall, und das weißt du auch.«

»Das sagst du.« Matt öffnete den Kühlschrank.

»Ist was Gutes drin?«, fragte ich und setzte mich auf die Kochinsel. »Ich bin am Verhungern.«

»Nichts, was du magst.« Matt durchsuchte den Kühlschrank, aber er hatte recht.

Ich war für meine Essgewohnheiten berüchtigt. Zwar hatte ich mich nie bewusst für einen veganen Lebensstil entschieden, aber ich verabscheute die meisten Gerichte, die Fleisch oder künstliche Aromastoffe enthielten. Das war merkwürdig und extrem nervtötend für die Menschen, die mich ernähren mussten.

Maggie erschien im Türrahmen der Küche. In ihren blonden Locken prangten Farbspritzer. Ihr uralter Overall war mit mehreren bunten Klecksschichten überzogen, die von den unzähligen Räumen stammten, die sie im Lauf der Jahre neu gestrichen hatte. Sie hatte die Hände in die Hüften gestemmt, also schloss Matt die Kühlschranktür und widmete ihr seine volle Aufmerksamkeit.

»Du hättest mir Bescheid sagen sollen, dass ihr zu Hause seid«, tadelte Maggie.

»Wir sind zu Hause«, sagte Matt lahm.

»Das sehe ich.« Maggie verdrehte die Augen und richtete ihre Aufmerksamkeit dann auf mich. »Wie war’s in der Schule?«

»Gut«, sagte ich. »Ich geb mir Mühe.«

»Das höre ich nicht zum ersten Mal.« Maggie sah mich müde an.

Ich hasste diesen Blick und das Wissen, dass ich der Grund für ihre Resignation war. Ich hasste es, dass ich sie so oft enttäuscht hatte. Sie tat so viel für mich und verlangte im Gegenzug dafür nur, dass ich mir in der Schule wenigstens Mühe gab. Diesmal musste es einfach klappen.

»Ja, okay… aber…«, ich sah Matt Hilfe suchend an. »Ich meine, diesmal habe ich es Matt offiziell versprochen. Und ich habe vielleicht einen Freund gefunden.«

»Sie unterhält sich mit einem Typen namens Finn«, bestätigte Matt meine Geschichte.

»Einem richtigen Jungen?« Maggie lächelte etwas zu breit für meinen Geschmack.

Der Gedanke, dass Finn möglicherweise auf romantische Weise an mir interessiert sein könnte, war Matt noch gar nicht in den Sinn gekommen, und ich sah, wie er sich verspannte und mich forschend ansah. Zu seinem Glück war auch mir der Gedanke noch gar nicht in den Sinn gekommen.

»Nein, so ist das nicht.« Ich schüttelte den Kopf. »Er ist nur ein Mitschüler. Keine Ahnung. Er scheint nett zu sein.«

»Nett?«, trällerte Maggie. »Das ist doch ein guter Anfang! Viel besser als dieser Anarchist mit dem tätowierten Gesicht.«

»Mit dem war ich nicht befreundet«, korrigierte ich sie. »Ich habe sein Motorrad geklaut. Als er noch draufsaß.«

Die Geschichte hatte mir niemand wirklich geglaubt, aber sie stimmte. Damals hatte ich herausgefunden, dass ich Menschen mit meinen Gedanken dazu bringen konnte, mir zu gehorchen. Ich hatte nur gedacht, dass mir sein Motorrad gut gefiel. Ich schaute ihn an und merkte, dass er mir zuhörte, obwohl ich gar nichts gesagt hatte. Dann fuhr ich plötzlich sein Motorrad.

»Das wird also wirklich ein Neuanfang für uns?« Maggie konnte ihre Freude nicht länger verbergen. Ihre blauen Augen schwammen vor Freudentränen. »Wendy, das ist so wundervoll. Wir können hier endlich heimisch werden!«

Ich war nicht ganz so aufgeregt wie sie, aber ich hoffte dennoch, dass sie recht hatte. Es wäre schön, sich endlich einmal irgendwo zu Hause zu fühlen.

2

»If You Leave«

Hinter unserem Haus lag ein großer Gemüsegarten, was Maggie unendlich freute. Matt und mich deutlich weniger. Ich war zwar sehr gerne draußen, aber Gartenarbeit zählte nicht unbedingt zu meinen Lieblingsbeschäftigungen.

Es wurde allmählich Herbst, und Maggie bestand darauf, dass wir den Garten von den verwelkten Pflanzen befreien mussten, damit sie ihn im Frühling neu bepflanzen konnte. Sie benutzte Worte wie otoregge« und ulch«, und ich hoffte, Matt würde sich darum kümmern. Wenn es um Garten- oder Hausarbeit ging, reichte ich Matt meistens die Werkzeuge an und leistete ihm ansonsten nur Gesellschaft.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!