Die Tochter des Schneiders - Maximilian E. Martin - E-Book

Die Tochter des Schneiders E-Book

Maximilian E. Martin

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Beschreibung

Wilhelm Freimuth kehrt 1949 nach acht Jahren russischer Kriegsgefangenschaft in den Ruhrpott zurück. Sein Hass auf die Altnazis, die nun als Demokraten die Gemeindepolitik bestimmen, veranlasst ihn, auf die Jagd nach einem gefährlichen Kriegsverbrecher zu gehen. Als seine Tochter rund 60 Jahre später dem Berliner Germanistikstudenten Henry Templin das Angebot unterbreitet, die Geschichte ihres Vaters niederzuschreiben, ist der junge Mann zur falschen Zeit am richtigen Ort und gerät in eine üble Geschichte um Schuld und Sühne.

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Seitenzahl: 306

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„Der Sohn soll nicht tragen die Missetat des Vaters“ (Buch Ezechiel,Kapitel 18)

Inhaltsverzeichnis

Clint Eastwood ist nicht Clint Eastwood

Hegel und der größte Detektiv aller Zeiten

Ein Schneider an der Ostfront

Memento mori in der Straßenbahn

Komplementäre Kommunikation oder: Felix ist ein ruhiges Tier

Wer hört, der lebt noch

Verzweiflung zum Tode

Ein Patient ohne Demut

Die Blaue Division

Der Waschzuber

Wieder einmal Mensch sein

Die Kopernikanische Wende

Paris-Roubaix

Von Krankheiten und Verletzungen

Die Memoiren des Schneiders

Libet oder nicht?

Doktor Greven und ein kleines Missverständnis

Widersprüche

Haus Waldheim

Irrungen und Wirrungen

Die Bestie

Der große Schlaf

Was ist das Bewusstsein?

Charlotte

Vertraute Freundin

Der Auftrag

Erwachen aus einem Traum

Das Mädchen

H.D. Thoreau

Das hätte nie geschehen dürfen!

Welt- und Lebensmüdigkeit

Der Brief

In ewiger Liebe

Reflexionen über einen unsinnigen Tod

Bei Mephistopheles zu Besuch

Gespräch mit Lehrern

Unerwarteter Besuch

Konfessionen

Frank

Gefährliche Gedanken

Die Schuldfrage

Gespräch unter Rentnern

Der Olympia Rekord

Emil Landgerber

Die Allmächtige

Nichts als die Wahrheit

Verfolgungsfahrten

Das Haus im Wald

Späte Reue

Der Engel des Todes

Menschenversuche

Das Spiel ist aus

Katja

Berit

Wer ist Dr. Beringer?

In der Schule

Ein Telefonat

Ines

Der alte Eintopf

Die Abrechnung

Epilog

Clint Eastwood ist nicht Clint Eastwood

Samstag, 25. Februar 2017

Sein Blick wanderte hinab zu seinen Füßen. Kilometerweit hatten ihn diese Füße einst durch Wälder und über Straßen getragen, waren, klaglos meist, über Wurzeln und Bordsteinkanten gesprungen und gestolpert, hatten seinen Stolz und seine Verachtung so oft mit stoischer Ruhe ertragen, bis sie blutig waren.

Seine Füße.

Er betrachtete sie nicht ohne Bewunderung und Zärtlichkeit.

Dann versuchte er es ein weiteres Mal. Er streckte seine Hände nach ihnen aus. Langsam zog er erst über den linken Fuß, dann über den rechten einen Strumpf. Dann setzte er sich wieder aufrecht auf den Stuhl. Er ächzte und atmete schwer von der Anstrengung. Ihm schwindelte.

Nach einer Weile griff er zu einem Winterstiefel. Wieder beugte er sich herab, wieder blieb ihm die Luft weg und er musste vorerst aufgeben. Schließlich, nach zwei weiteren erfolglosen Versuchen, gelang es ihm, seine Füße mit dem schweren Schuhwerk zu bewehren.

Er stand auf.

Langsam.

„Gemach“, sagte er zu sich selbst und lächelte über den mittelhochdeutschen Anachronismus.

Mit zitternden Knien legte er zwei Meter zurück. Er nahm einen braunen Ledermantel vom Garderobenhaken und zögerte kurz. Der Mantel war schwer. Er war sich nicht sicher, ob er ihn würde auf den Schultern tragen können. Aber es hatte über Nacht geschneit. Draußen lag, das hatte er vom Fenster aus beobachtet, ein dünner, weißer Schleier über der Landschaft, der, dem Winterwind schutzlos ausgeliefert, mal hierher, mal dorthin wehte, sich in Kellerecken anhäufte, auf den Straßen wirbelförmige Muster hinterließ und dem Fußgänger bei stärkerem Wind wie Hagel ins Gesicht prasselte. Er würde die Jacke brauchen, wenn er das Krankenhaus verließ.

Und heute, das wusste er, musste es einmal sein. Heute musste er die Sicherheit, die ihm die Ärzte, Schwestern und Maschinen vermittelten, die sein Herz seit Wochen rund um die Uhr bewachten und behüteten, zurücklassen und aufgeben.

Heute musste er das Risiko auf sich nehmen. Wie sonst sollte er jemals wieder allein sein können.

Er fühlte eine wachsende innere Unruhe.

Er beschleunigte seinen Schritt, als er am Schwesternzimmer vorbeiging, aber zwischen diesen Wänden, in diesem sterilen Flur, standen Zeit und Raum in einer anderen Relation zu allem, was er in seinem jungen Leben bislang erfahren hatte. Wie eine dieser batteriebetriebenen Spielzeugpuppen, denen der Saft ausgegangen war, wurde er Schritt für Schritt langsamer, aber seine Stimme war klar, als er auf die Frage der besorgt blickenden Schwester antwortete, er wolle für einige Minuten frische Luft schnappen.

„Aber nur auf dem Klinikgelände! Entfernen Sie sich nicht zu weit!“, mahnte sie.

Er nickte, huschte weiter, schleppend, eine merkwürdige Mischung aus einem Kranken und einem Gespenst. Die schwere Lederjacke schlackerte um seine schmal gewordenen Schultern, als hinge sie an einem Drahtgestell. Ausgemergelt war er. Und schwach.

Er nahm den Fahrstuhl, fuhr hinab ins Erdgeschoss, sah sich suchend um. Vor etwa einem Monat war er hier angekommen. Zwei Männer hatten ihn in der Horizontalen hereingeschoben.

Unwillkürlich musste er an einen Film denken, den er als Sechzehnjähriger mit seinem Vater gesehen hatte. Als Clint Eastwood in einer regnerischen Nacht als Frank Morris das berüchtigte Gefängnis Alcatraz betrat, prägte er sich seine Umgebung genau ein. Der Film hatte kaum begonnen, da wusste der Zuschauer schon, dass dieser Mann, der da in Handschellen in ein Hochsicherheitsgefängnis verfrachtet wurde, nichts anderes im Sinn hatte, als diesen Ort so schnell als möglich wieder zu verlassen.

Aber er war nicht Clint Eastwood. Niemand war Clint Eastwood. Clint Eastwood selbst war nicht Clint Eastwood. Hätte Clint Eastwood in seinem Leben einen Augenblick jener Klarheit erlangt, von der Platon in seinem Höhlengleichnis spricht – Hältst du es für verwunderlich, wenn einer, der von dieser göttlichen Schau, von diesem helleren Leben und vom funkelnden Lichtglanz herabsteigt in die Jammerwelt der Menschen, sich über die Schatten und Bildwerke streitet? - er hätte ohne jeden Zweifel mit Stiller gesagt: Ich bin nicht Clint Eastwood.

Aber vielleicht hatte Clint Eastwood genau dies gesagt. Seiner Frau. Seinem Kind. Einem Journalisten. Selbstvergessen dem Kühlschrank zugewandt zu sich selbst. Oder mit einem schlechten Drehbuch in der Hand seinem Produzenten oder Regisseur.

Er wusste es nicht. Und spielte es überhaupt eine Rolle, wer welche Erkenntnisse hatte? Doch nur, wenn sie mitgeteilt wurden.

Und selbst dann...?

So dachte und fragte er, während er nach einem Ausgang aus dieser Jammerwelt suchte.

Orientierungslos sah er nach rechts, nach links, folgte einem leeren Flur, in dem ein paar Rollstühle herumstanden und sah plötzlich ein Licht.

Es war ein helles Licht und er war gezwungen, seine Augen zusammenzukneifen, so brennend hell wurde es, je näher er ihm kam. Dann hatte er die Tür erreicht, durch deren Gläser hindurch das Tageslicht ungefiltert hereinbrach.

Er öffnete die Tür. Er öffnete die Augen ganz. Er sog so tief er konnte die Winterluft in seine geschundenen Lungen.

Die Höhle lag hinter ihm. Er hatte den Ausgang gefunden.

Er weinte.

Hegel und der größte Detektiv aller Zeiten

Donnerstag, 12. Januar 2017

Etwa anderthalb Monate, bevor Henry Templin das Paulinenkrankenhaus in Berlin auf eigenen Beinen würde verlassen können, um ins Licht zu kommen („Mehr Licht!“, hatte er die Schwestern oft gebeten), zweifelte er keinen Augenblick an der Fortsetzung seines Studentenalltags. Gerade dieser mangelnde Zweifel quälte ihn manchmal, denn sein Instinkt sagte ihm, dass er sich hier täuschte. Dass sein Leben jederzeit eine Kehrtwende machen könnte, die ganz außerhalb seiner Einflussnahme lag. Dass er sich belog, wenn er eine wie auch immer geartete Kontrolle über sein Leben beanspruchte.

Er sollte damit Recht behalten.

Und er sollte nur einen weiteren Tag auf das Ereignis warten müssen, das ihn unwiderruflich aus seinem – durchaus liebgewonnenen – Alltag mit einer Brutalität herausreißen würde, die er sich nicht hätte vorstellen können.

Es ist unwahrscheinlich, dass Henry, wäre ihm nur ein kleiner Teil der Geschehnisse bekannt gewesen, die seiner in einer sehr nahen Zukunft harrten, an diesem Donnerstag im Januar 2017 in einem Hauptseminar der Germanistik an der Universität Potsdam ein Referat zum Thema „Hegel in der Literatur“ gehalten hätte.

Er hätte sich, das kann sicher behauptet werden, weder betrunken noch berauscht, sei es an Frauen oder mit Drogen. Er hätte keinen Trost gesucht. Er hätte niemanden besucht. Jede Suche wäre sinnlos geworden. Er hätte vermutlich nichts anderes getan, als den Ecce homo herauszukramen, einen ruhigen – sehr ruhigen und sehr stillen und sehr einsamen – Ort zu suchen und zu lesen, wie manche in der Bibel lesen.

Aber Henry ahnte nicht im Geringsten, was ihn erwartete. Also hielt er sein Referat, wenn er sich auch nicht sonderlich um die Aufmerksamkeit der etwa zwei Dutzend Studenten und seines Dozenten bemühte, vor denen er es hielt. Immer wieder unterbrach er seinen Vortrag, wirkte fahrig und unkonzentriert, kurz, es entstand bei seinen Zuhörern der Eindruck, Henry sei mit seinen Gedanken an einem anderen Ort.

Sie hatten damit recht. Er war nicht bei der Sache. Es war nicht nur ein körperliches Unwohlsein, was ihn quälte. Es war das Gefühl, gerade etwas völlig Sinnloses zu tun. Beides, dieses beklemmende Gefühl in der Brust und der Ekel, la nausée, der sich einstellte, wenn die Wirklichkeit zu klar wurde, durchdrang sich gegenseitig wie der Biss des Spinnenweibchens, das das Männchen nach dem Geschlechtsakt auffraß.

„Das Selbstbewusstsein erreicht seine Befriedigung nur in einem anderen Selbstbewusstsein“, las er zerstreut, sah flüchtig auf seine Armbanduhr und fuhr dann fort. „Es war Nacht und die große Stadt, ein gieriger, korrupter Moloch, spiegelte sich in dem schwarzen Lack des Rolls-Royce Silver Wraith. Das Mädchen am Steuer des Rolls legte den Gang ein und gab Gas. Terry Lennox, der herrenlose Hund, lag am Boden.“

In der ersten Reihe, dicht aneinandergedrängt, legten seine Kommilitonen die Stirn in Falten wie Kirchgänger, die das Haupt vor den Devotionalien senkten. Es war ein eingeübtes Muster, das die in Verständnislosigkeit leicht geöffneten Lippen ummänteln sollte, und es war das mindeste, was sie bei einem Hegel-Referat tun konnten.

„Das Individuum, welches das Leben nicht gewagt hat, hat die Wahrheit nicht erreicht. Es muss auf den Tod des Anderen gehen. Diese Bewährung aber durch den Tod hebt die Wahrheit auf. Das Haus an der Yucca Avenue in Laurel Canyon war ein kleines Haus mit einer kleinen Küche und einem guten Wohnzimmer. In diesem Wohnzimmer saß jetzt Terry Lennox und sah auf das Schachbrett vor ihm. Gelegentlich schaute er auch aus dem Fenster und ihm war, als wäre dieses Wohnzimmer eine Burg, gegen die die große Stadt da draußen vergeblich anstürmte. Er hatte den Revolver längst weggelegt und fragte: Warum tun Sie das alles, Marlowe?“

Er blätterte verlegen die Seite um. Die Literatur und Philosophie begannen ihn zu langweilen. Er war nun schon 25 Jahre alt und hatte das Gefühl, nichts erreicht zu haben. Auf der Suche nach der Wahrheit – einen Begriff, den er erst Jahre später aus seinem Denken bannen würde - hatte er vor einigen Wochen begonnen, sich mit den Neurowissenschaften zu befassen, weil er glaubte, dort das Zentrum aller Fragen zu finden. Aber auch die Naturwissenschaften standen unter dem Generalverdacht der Perspektive, die loszuwerden Menschen unmöglich war. Was, zum Teufel, hatte das Leben ihm noch zu bieten? Wohin könnte er sich noch wenden?

„Der Schädel des Mädchens aus dem Rolls war eingeschlagen und ihr Gesicht zu Brei gedroschen. Marlowe erwiderte nichts. Aber etwas stimmte nicht. Jemand hatte die Figuren auf dem Schachspiel gegen die Regeln verschoben. Der Herr aber ist die Macht über dies Sein, denn er erwies im Kampfe, dass es ihm nur als ein Negatives gilt.“

Lustlos beendete er seinen Vortrag, der von dem Dozenten, einem unwichtigen Karrieristen, an den sich in fünfzig Jahren niemand mehr erinnern sollte, mit einem selbstgefälligen Lächeln und einem Augenzwinkern zu einer drallen Blonden in der ersten Reihe aufgrund von Formfehlern abgelehnt wurde.

Es war halb zwölf und aus den Seminarräumen der Universität strömten die Studenten und Dozenten in die Cafeteria.

Alles in allem, so urteilten die meisten, die ihn kannten, war Henry Templin schon ein merkwürdiger Vogel. Das galt vielleicht nicht unbedingt für sein Äußeres. Er war hager, mittelgroß, mit regelmäßigen Gesichtszügen und dunklem Haar, dabei aber blass. Er trug bei jedem Wetter ein grobes, graues Wollsakko. Im Winter legte er sich lediglich noch einen schwarzen Schal um. Aber prekäre Lebensverhältnisse waren unter Studenten, die aus Arbeiterfamilien stammten, gang und gäbe und Henry konnte selbst im Winter sein altes Sakko mit derselben Geschliffenheit tragen wie andere ihre makellose Wildlederjacke. Er sorgte stets dafür, dass die Jacke, obgleich offensichtlich abgewetzt – gegen die Faktizität dieses Verbrauchtseins konnte er nichts tun -, trotzdem nicht schäbig aussah.

Nein, was an ihm auffiel, war etwas anderes. Es war eine schwer bestimmbare Art der Distanz, die viele als Arroganz auslegten. Er blieb gerne für sich. Für sich allein. Er schwieg oft, wenn er von Professoren angesprochen wurde, was ihren Missmut erregte. In den Seminaren widersprach er ihnen gelegentlich auf eine Weise, der mit den Mitteln ihres Fachs nicht beizukommen war. Und er kritisierte, als erkenne er eine persönliche Ebene der Kritik nicht an. Wenn er sprach, sprach er in einfachen Sätzen, die vielen aber in Erinnerung blieben und die später an anderen Stellen, in Vorlesungen oder Seminararbeiten, wieder auftauchten. Er scherte sich um die Urheberschaft seiner und anderer Gedanken weniger als Bertolt Brecht und niemand – am wenigsten er selbst - konnte so genau sagen, warum jemand, der gerne mit Rimbaud sagte: „Je ne pense plus à ça“, so oft gefragt wurde, was er dachte.

Vielleicht konnte man sagen, dass er auf eine Art introvertiert war, die Verlorenheit bezeugte. Er selbst, das war ihm schon als Sechzehnjähriger klar geworden, war sich selbst zu viel, was zur Folge hatte, dass er sich mit seiner Umgebung nur wenig beschäftigte.

Kurz vor der 12-Uhr-Vorlesung war die Cafeteria rappelvoll. Über den Wortfetzen, dem Gelächter und dem Geschirrgeklapper aus der Küche lag der Geruch frischen Kaffees. Eine kleine, schlanke Brünette mit klaren, offenen Augen und Schmolllippen, Studentin der Anglistik und Philosophie, erhob sich von einem Tisch, durchquerte im Eilschritt den Raum und knallte ein Buch auf den Tisch, an dem er saß und mit beiden Händen eine Tasse Tee umfasst hielt.

„Henry“, sagte sie etwas atemlos und hoffte, Henry würde sie auffordern, sich zu ihm zu setzen, „was war das für eine Schnapsidee, Hegel mit einem Kriminalroman zu erklären? Das musste doch schiefgehen.“

Er lächelte schwach.

„Setz´ dich doch“, lud er sie ein.

Sie glitt elegant auf den Stuhl. Er beobachtete ihre langgliedrigen Finger, die etwas ungeduldig auf der Tischplatte trommelten.

„Also, was sollte das?“, wiederholte sie und heftete neugierig ihre grünen Augen auf den jungen Mann, der vor ihr saß.

„Alles ist miteinander verbunden, Ines. Überall.“ Er schaute auf den Titel des Buches, das sie mitgebracht hatte.

„Darf ich?“, fragte er und nahm das Buch, ohne eine Antwort abzuwarten. Nach kurzem Blättern las er vor: „Die Massengesellschaft zeigt den Sieg der Gesellschaft überhaupt an; sie ist das Stadium, in dem es außerhalb der Gesellschaft stehende Gruppen schlechterdings nicht mehr gibt.“

Ines lehnte sich enttäuscht zurück. „Ich kenne die Stelle. Wo ist der Zusammenhang?“

Er schloss das Buch und schob es langsam zu ihr hinüber. „Wer ist es, der außerhalb der Gesellschaft steht? Lennox oder Marlowe?“

„Lennox. Er ist ein Säufer, Lügner und krimineller Hurensohn, der sich von einer Reichen aushalten lässt. Das liegt doch auf der Hand!“

Er schüttelte resigniert den Kopf. „Du willst also sagen, dass in unserer Gesellschaft das Saufen, das Lügen und die Prostitution, welcher Art auch immer, Randerscheinungen sind?“

Ihre Finger hörten zu trommeln auf. „Gut“, räumte sie ein, „es sind Massenphänomene, das stimmt. Aber wenn wir vom Rand der Gesellschaft reden, von dem, was nicht dazugehört, was asozial ist und dem Kern und Wesen unserer Gesellschaft widerspricht, dann meinen wir doch genau das. Typen wie Lennox.“

Henry blickte eine Weile gedankenverloren in seine Tasse. Ines beobachtete ihn. Eine dunkle Haarsträhne lag quer über seiner hellen, hohen Stirn und weiter unten, da, wo jetzt seine Wimpern waren, bildete sich ein flüchtiger Schatten ab.

Er schien müde.

„Lennox ist nur eine Variante des Massenmenschen“, erklärte er ihr matt und nahm einen Schluck aus seiner Tasse. „Marlowe ist derjenige, der draußen vor der Tür steht, den es schlechterdings nicht mehr geben kann. Eine ganz unwirkliche, unwahrscheinliche Figur in unserer Zeit: Heiliger und Säufer zugleich, Frauenheld und dennoch zölibatär, wenn es darauf ankommt. Nicht korrumpierbar.“

Er schaute plötzlich direkt in ihre großen, dunklen Augen. Für einen Augenblick schien es ihr, als könne sie ihn verstehen.

„Ich habe mich immer gefragt, was dieser Marlowe überhaupt mit dem Gestank der Gesellschaft zu schaffen hat?“, flüsterte er traurig, während seine Augen unverwandt in die der jungen Frau sahen.

Dann, einer plötzlichen Eingebung folgend, ergriff er fest ihre Hand. Sie machte einen zaghaften Versuch, sie ihm zu entziehen.

„Was ist?“, fragte sie überrascht.

„Ich träumte von einer Frau, unbekannt und schön, die ich liebte und die mich liebte…“, sang er leise und grinste sie verliebt an.

Sie lachte laut auf und zog ihre Hand zurück. „So weit sind wir noch nicht, Don Juan. Was ist mit Hegel?“

Er zuckte mit den Achseln. „Ohne Lennox kann es keinen Marlowe geben und umgekehrt. Der eine ist die Negation des anderen und die Hoffnung des Lesers besteht darin, dass durch die Negation der Negation schlussendlich eine Wahrheit offenbart wird.“ Er nippte an seinem Tee. „Aber ganz egal, ob du nun Hegel oder Chandler liest, deine Hoffnung wird enttäuscht.“

Er schlug vor, am Nachmittag des folgenden Tages gemeinsam die Claude-Monet-Ausstellung im Museum Barberini zu besuchen, und sie sagte unter der Bedingung zu, er müsse ihr vor jedem Bild ihrer Wahl ein französisches Gedicht rezitieren.

„Ich hole dich mit meinem Motorrad ab.“ Sie erhob sich. „Vergiss deinen Schal nicht!“

„Ich hasse Motorräder“, rief er ihr hinterher.

Ein Schneider an der Ostfront

Dienstag, 8. April 1941

„Ich hasse dieses Motorrad“, verzweifelte Wilhelm, während Emil, sein Freund und Kamerad, sein ganzes Gewicht gegen den Beiwagen stemmte, um die Fuhre aus einem der Schlammlöcher zu drücken, die die Straße nach Minsk fast unpassierbar machten.

Es war der April des Jahres 1941 und starke Regenfälle hatten den Soldaten der Wehrmacht einen ersten Vorgeschmack auf das gegeben, was an unmenschlichen Strapazen noch auf sie zukommen sollte.

„Jetzt, Willi“, schrie Emil und die Muskeln seiner athletischen Fußballerbeine traten unter der verschlammten Uniformhose hervor, als wären sie in Stein gemeißelt.

Emil, ein Achill im Dreck, fuhr es Wilhelm kurz durch den Kopf.

Der Motor der Zündapp heulte auf, als Wilhelm mit einem weiteren Gasstoß versuchte, aus dem Loch herauszufahren. Die gesamte 110. Infanterie-Division war bereits kilometerweit an ihnen vorbeigezogen, während sie in diesem verfluchten Loch feststeckten.

Das schwere Wehrmachtsgespann schob sich Millimeter um Millimeter nach vorn. Das Rad des Boots schleuderte den Schlamm nach hinten auf Emil, der aber in seinem Tun nicht nachließ und sich schreiend und fluchend weiter gegen das Boot stemmte.

Wilhelm sprang auf der linken Seite des Motorrads auf der Fußraste herum, um die Reifen unter den Schlamm zu drücken. Schweiß perlte von seiner Stirn und vermischte sich mit dem Dreck der Straße, der seit Tagen an ihr haftete.

„Mehr Gas, Willi!“, schrie Emil.

Wilhelm öffnete die Drosselklappen ganz. Die Zündapp brüllte auf wie ein Tier aus der Urzeit. Ihr Hinterrad fand plötzlich unter dem Schlamm ein Wurzelgeflecht und wuchtete die 400 Kilo Krupp-Stahl mit einem Satz aus dem Loch.

Emil fiel der Länge nach in den Schlamm. Er stand auf und grinste bitter.

„Siehste, Willi, brauche nicht mal mehr den verdammten Hufeisenträger von Unterfeldwebel, um mich in den Dreck zu schmeißen.“

„Das macht der Krieg aus uns, Emil, richtige Dreckfresser!“

„Ja, das passt ganz gut zu den Dreckfressen, die wir Zuhause haben und die uns diesen Dreck eingebrockt haben.“

Die Freunde sahen sich kurz an. Sie verstanden sich auch ohne Worte. Sie waren stark, mutig und nicht so blöd, wie die Propagandakompanie des Armeeoberkommandos glaubte. In ihrem Besitz befand sich eine vollgetankte Zündapp KS 750 und sie hassten den Krieg und die Nazis mehr als die Pest, die Cholera und den Lausbefall. Mit ein bisschen Glück könnten sie es bis nach Finnland schaffen, um in den weitläufigen Wäldern unterzutauchen und dort das Ende des Krieges abzuwarten.

Aber sie standen nicht allein in der Welt. Wilhelm hatte eine Frau, Emil Frau und Mutter, die Zuhause auf ihre Rückkehr warteten, die sie brauchten, die sie liebten.

Resigniert schüttelte Emil den Kopf.

„Lass man, Willi. Sag jetzt nichts. Wir schaffens vielleicht bis Einbruch der Dunkelheit, den Haufen einzuholen.“

Er klopfte sich den Schlamm von der Uniform, so gut es ging und kletterte ins Boot. Der Motor der Zündapp lief gleichmäßig ruhig. Wilhelm konzentrierte sich auf die Straße. Es war noch hell, als sie ihre Division eingeholt hatten.

Sie kampierten an einem Ausläufer der Memel. Wilhelm vernähte Emils Hose, die während der Bergung der Zündapp zerrissen war. Alle paar Minuten blickte er kurz auf, starrte mit nachdenklichem Gesichtsausdruck in die Dunkelheit und nähte dann weiter.

„Es ist alles so, wie es eingerichtet ist“, sagte er nach einer Weile.

Emil gähnte nur, ohne zu antworten.

„Der Krieg, wir Menschen, die Maschinen. Es ist alles, wie es ist. Der Krieg und das Töten, der Mensch mit seinem Denken und Wollen, der Motor der Zündapp, ihr Herz, das sie vorantreibt. Aber dass es so ist, wie es ist, genau so und eben nicht anders, das ist doch höchst erstaunlich.“

Wieder blickte Wilhelm in die Dunkelheit.

„Ich weiß, dass ich mein ganzes Leben lang den Krieg hassen werde, dass ich das Glück meiner Familie herbeisehne, dass ich überleben will – aber warum bin ich so, ich, der Schneider, dass ich will, dass ich denke, dass ich ständig beides bin: Vergangenheit und Zukunft und dass mich, den Schneider, dieses Beides-Sein zerreißt?“

Er schaute zu Emil hinüber. Sein Freund war eingeschlafen.

Memento mori in der Straßenbahn

Freitag, 13. Januar 2017

Am folgenden Freitagmorgen – es ging schon recht winterlich in Potsdam zu - saß Henry Templin mit einem kleinen Gedichtbändchen von Paul Verlaine in der Straßenbahn und prägte sich die Verse ein, indem er sie leise vor sich hinsang.

Die Bahn hatte gerade die Wendeschleife am Bahnhof Pirschheide erreicht. Ringsum standen kahle, schwarze Bäume wie verkohlte Hände vor einem gleichförmig grauen Himmel. Sie mahnen mich, dachte er vage, das memento mori und carpe diem nicht zu vergessen.

Missmutige Gesichter mit verschnodderten Nasen starrten aneinander vorbei ins Leere. Einige blickten auf ihr Handy. Nur Henry las.

Es war sehr still in dem Straßenbahnabteil. Kaum jemand sprach. Worüber sollten die Leute auch sprechen? Die meisten waren nicht ausgeschlafen und auf dem Weg zu einer monotonen Arbeit, die ihnen die restliche Erinnerung an ein menschenwürdigeres Leben Stück für Stück stahl. Morgens tauchten sie ein in die muffige Gleichförmigkeit ihrer beruflichen Tätigkeiten und danach in die totale Beliebigkeit einer Konsumlandschaft von Internetshops und Filmen, die sich in einer endlosen Schleife wiederholten.

Es war ein Freitagmorgen in einer deutschen Straßenbahn, aber es war nichts Deutsches daran. Die Globalisierung sorgte dafür, dass die Leute überall auf der Welt so dasaßen, ins Leere blickten und sich fragten, was sie einander noch zu erzählen haben könnten.

Die Türen öffneten sich und ein kalter Luftzug drang zusammen mit einer vollschlanken Studentin ins Innere des Wagens. Die Frau trug einen selbstgestrickten Pullover in Übergröße und eine grüne Panoramabrille, die nach ihrem Eintreten augenblicklich beschlug.

Henry kannte sie. Sie hieß Julia und sie waren sich ein paar Mal in verschiedenen Seminaren begegnet. Einmal hatte er sie am Eingang der Fakultätsbibliothek getroffen, wo sie ihn in ein Gespräch über Die Geburt der Tragödie verwickelte. Als sie über das Dionysische sprachen, drückte sie ihre nicht kleinen Brüste gegen seinen Arm, und als sie es wieder tat, zog er sie zu den Vorsokratikern, wo es stets still und leer und auch ein bisschen schummrig war.

Die Bahn fuhr ruckartig wieder an und die Studentin nahm, nachdem sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatte, die beschlagene Brille ab und hielt plötzlich für zwei oder drei Sekunden lang inne, bevor sie mit weit aufgerissenen Augen ihren Oberkörper mitsamt der imponierenden Brust zurückzog und wieder nach vorne schnellte, während ein explosiver Nieser diese Bewegung begleitete.

Einige der Passagiere blickten ängstlich über ihre Schultern. Der Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt war gerade einen Monat her und in den Medien war viel über Trittbrettfahrer spekuliert worden. Die Menschen waren nervös. Misstrauisch beäugten sie einander.

Die Studentin hatte unterdessen ein besticktes Taschentuch hervorgeholt, in das sie die Reste ihrer Erkältung, die sich nicht in dem Straßenbahnabteil verteilt hatten, hineintrompetete. Während sie die feuchten Handflächen an der Cordhose trockenrieb, ließ sie ihren Blick durch den Wagen gleiten.

Sie streifte gleichgültig eine Dreiergruppe pubertierender Schüler mit Pickelgesichtern, die auf ihren Handys zockten, taxierte dann, mäßig interessiert, die Anatomie zweier Handwerker, bis ihr Interesse schließlich vollständig von einer Person am Ende des Wagons gefesselt wurde.

Zuerst hatte sie ihn wegen ihrer verdammten Brille gar nicht erkannt. Erschwerend kam hinzu, dass er den Kopf gesenkt hielt und in ein orangefarbenes Büchlein blickte. Das war ganz typisch für ihn, dachte Julia zärtlich, als wäre Henry ein alter Freund oder sie seine ehemalige Geliebte, als würden gemeinsame Erinnerungen ihr Leben mit dem seinen verbinden und als wäre sie nicht die an ihrer Einsamkeit verzweifelnde Frau, die sie war. Im Grunde genommen war sie doch froh darüber, dass er in seinem Buch las, denn sie war sich bewusst, mit ihrem Pulli und ihrer Erkältung nicht im vorteilhaftesten Lichte dazustehen und es kam ihr sehr darauf an, bei ihm einen guten, wenn nicht sogar ausgezeichneten Eindruck zu hinterlassen.

Sie erinnerte sich an ihre wilde Knutscherei in der Bibliothek, am Ende jenes Ganges, in dem so vieles in der Geistesgeschichte seinen Anfang genommen hatte. Sie hatte einen weichen, warmen und weißen Hals – es war tatsächlich ein wunderbarer Venus-Hals - und er hatte sie dort heftig ab- und durchgeküsst. Ebenso weiß wie ihr Hals, doch wesentlich robuster, waren ihre Brüste, auf deren stolze Spannkraft sie ihn schon vorher durch gezielte Berührungen aufmerksam gemacht hatte, sodass sie sehr zufrieden war, als er nicht zögerte, der Sache auf den Grund zu gehen.

Sie erinnerte sich auch an Niklas, ihren Freund, den sie am selben Abend auf den Mond geschossen hatte, weil sie – und hier hatte es ihr gefallen, geheimnisvoll und melodramatisch zu formulieren – einen Mann liebte, der nicht geliebt werden wollte. Später war sie dann doch wieder mit Niklas im Bett gelandet, aber diesen Teil der Geschichte unterschlug sie in ihrer Erinnerung, denn er störte ihr Selbstbild einer starken und emanzipierten Frau.

Henry schaute noch immer in seinen kleinen Gedichtband. Er hatte eine miserable Woche hinter sich und wusste nicht, woran das eigentlich lag. Da war einerseits diese neue, ernst zu nehmende Aversion gegen die Literatur und Philosophie, mit der er nicht umzugehen verstand, und die sich zu einem richtigen Ekel auszuwachsen schien. Dann fühlte er sich vollkommen ausgelaugt und erschöpft. Und zu allem Überfluss lag nun schon seit einigen Minuten Julias penetranter Blick auf ihm.

Wie gewöhnlich hatte er gestern noch seine Abendrunde joggen wollen. Nach hundert Metern aber bekam er keine Luft mehr und musste sich übergeben. Die ganze Nacht über hatte er sich von einer Seite auf die andere gewälzt. Die Brust schmerzte ihn.

Ein beginnender Virusinfekt, redete er sich ein und hustete vorsichtshalber, um seine Diagnose zu bestätigen. Aber einen Husten hatte er nicht. Stattdessen plagte ihn wieder ein Engegefühl in der Brust.

Er legte den Verlaine zur Seite und schaute in den breiigen Tag hinaus. Er dachte an Julias Brüste und an Ines Schmollmund und fühlte Panik in sich aufsteigen und große Luftblasen, die in seinem Hals zerplatzten.

Verärgert schlug er sich ein paarmal gegen die Brust und hustete danach.

Nichts. Unverändert.

„Nächster Halt: Jägertor“, ertönte es blechern aus dem Lautsprecher.

Er wartete, bis die Bahn gehalten hatte und stand dann schnell auf. Vor und hinter ihm drängelte es schon. Die Türen öffneten sich, die Leute stoben rücksichtslos hinaus. Er sah Julia an, die irgendwie traurig aussah. Ihre Blicke kreuzten sich stumm.

Kalte Zugluft strömte jetzt durch die offenen Türen herein. Verwundert wischte er sich den Schweiß von der Stirn und lockerte seinen Schal. Zugleich fröstelte ihn.

Zwei, drei Schritte taumelte er noch durch den Wagon auf Julia zu, die sich nicht von der Stelle gerührt hatte und ihn anstarrte. Dann verlor er das Bewusstsein.

Als er wieder erwachte, lag er auf dem Boden der Straßenbahn. In seiner Brust pocherte etwas. Er dachte an den Film „Alien“ und an Sigourney Weavers Brustkorb, der von innen aufbrach, um das Monster zu gebären. Um ihn herum war plötzlich ein freier Raum entstanden. Die Menschen waren zurückgewichen.

„Ruft einen Arzt!“, schrie jemand.

„Die Notbremse!“, schrie ein anderer. „Mensch, zieh doch die Notbremse!“

Nur Julia kniete neben ihm. Sie drückte ihren Mund auf den seinen. „Mund-zu-Mund-Beatmung“, dachte er und versuchte, sie wegzudrücken. Aber seine Arme waren ungewohnt schwach.

Dann verlor er wieder das Bewusstsein.

Komplementäre Kommunikation

oder: Felix ist ein ruhiges Tier

Freitag bis Mittwoch, 13. bis 18 Januar 2017

Im Krankenhaus ging alles sehr schnell.

Sauerstoffmaske. Blutabnahme. Eine Schwesternschülerin mit Zahnspange, die die Vene nicht finden konnte. Ihr nervöses Herumgestochere, bis sein Unterarm violett war.

Dann die Neurologin. Hübsch und intelligent.

Weniger ihrer Erscheinung wegen, als vielmehr um sich selbst Mut zu machen und seine Einweisung in die Notfallambulanz herunterzuspielen, fing er sofort an, mit ihr zu flirten.

„Frau Doktor“, improvisierte er, „wissen Sie, dass ich für Ihre Forschung einen unschätzbaren Wert besitzen könnte?“

Sie schenkte ihm einen ernsten Seitenblick und beachtete ihn dann nicht weiter, aber er gab sich noch nicht geschlagen.

„Es verhält sich nämlich so“, sagte er triumphierend, „dass Ihr Bild, dieses Bild einer klassischen Schönheit, gar nicht von meinem visuellen Cortex verarbeitet wird. Und das liegt daran, dass es direkt in mein Herz gelangt. Direkt, ohne Umwege, verstehen Sie! Ich bin eine Weltsensation!“

Sie aber blieb beim Geschäftlichen.

„Können Sie aufstehen? Gehen Sie mal auf der Linie. Zeigefinger an die Nasenspitze, bitte.“

Sie machte sich schnell ein paar Notizen.

„Na also, kein Schlaganfall“, resümierte sie. Ihre Unterlagen in der Hand, verließ sie grußlos das Zimmer, das eigentlich kein Zimmer war, sondern nur ein durch weiße Vorhänge geteilter Raum, und rief einem Mann in schreiendem Grün zu: „Nächster Patient, bitte.“

Wie betäubt sank er auf die Untersuchungsliege zurück. „So steht es also“, dachte er bitter. „Kein Schlaganfall. Ich sollte mich freuen.“ Aber er freute sich nicht. Er begann gerade zu verstehen, dass er diesen Ort nicht nach zwanzig Minuten wieder würde verlassen können.

Dann kam die Kardiologin, eine alte, erfahrene Schlange. Ultraschall und nach fünf Minuten die lapidare Diagnose: „Das wird eine größere Sache! Erst mal auf Station!“

Während er von einer Matrone in Schwesternuniform auf einer Transportliege durch das Krankenhaus geschoben wurde, die glaubte, ihm Gutes zu tun, indem sie sich mitleidig zeigte - „So jung und schon ein kaputtes Herz. Sie Ärmster!“, seufzte sie – erinnerte er sich eines pädagogischen Seminars, in dem unter anderem Schulen, Gefängnisse und Krankenhäuser als sogenannte totale Institutionen bezeichnet wurden, weil sie die volle Kontrolle über das Leben des Einzelnen übernahmen. Bisher hatte er diese unangenehme Erfahrung nur an Schulen gemacht. Nun stellte er voller Unbehagen fest, dass man ihn in Rekordzeit zu einem kleinen, unmündigen Kind degradiert hatte, also zu einem Kranken mit Transportpflicht und QR-Code am Handgelenk.

Er wurde in einem Zweierzimmer untergebracht.

Dann kam das Warten. Das Warten auf die nächste Untersuchung, an die sich eine weitere anschließen würde, an die sich eine weitere anschloss. Dazwischen Bett, Essen, Ruhe. Schlafen nur mit Elektroden auf der Brust. Und ein Wort, das ihn in den nächsten Wochen begleiten würde wie ein makabrer Running Gag: „Geduld! Haben Sie Geduld! Sie müssen Geduld haben!“

Irgendwann, er hatte schon jegliches Zeitgefühl verloren - man sagte ihm, es wäre Mittwoch -, ließ ihn der Stationsarzt rufen.

„Sie haben eine kongenital bikuspide Aortenklappe mit hochgradiger Aortenklappenstenose“, sagte der Arzt, der kaum älter als er selbst war, und wählte bewusst den Fachjargon, um seine Rolle in diesem Gespräch so früh wie möglich zu definieren. Aber die Worte fielen nicht auf neutralen Boden.

„Mein lieber Gott, Doktor, muss ich befürchten, hier in einer Apostrophe zu enden wie Gryphius´ descriptio des locus terribilis, als er ausruft: O Mensch! Verdirb, um hier nicht zu verderben?“

Es bildeten sich zwei deutliche Falten zwischen den Augenbrauen des Arztes.

„Sie haben einen schweren angeborenen Herzfehler“, übersetzte er schließlich. „Sie müssen operiert werden.“

„Wie schlimm ist es?“, fragte Henry und kam sich vor wie in einer geschmacklosen Arztserie.

Der junge Stationsarzt lächelte sadistisch. „Nun ja, Sie haben eine statistische Lebenserwartung von null bis drei Monaten.“ Er sah Henry aufmerksam an, aber dieser zeigte keine Reaktion.

Es entstand eine Pause, während der sich beide nur anstarrten, als wollten sie versuchen, die Gedanken des anderen zu lesen.

Schließlich fragte Henry kühl: „Was können Sie mir zur Operation sagen?“

Der Stationsarzt zuckte mit den Schultern und zog die Mundwinkel nach unten. „Ist keine Routine-OP.“ Er wartete kurz auf die Wirkung seiner Worte und sagte dann, als Henry nichts weiter tat, als ihn anzusehen: „Ist schon eine andere Hausnummer als ein Blinddarm. Ich würde das nicht gerne durchmachen wollen. Aber…“, er fügte seinem Blick etwas Fürsorgliches und ein bisschen falsche Wärme hinzu, „es ist sicher besser, es so schnell als möglich hinter sich zu bringen. So würde ich es jedenfalls für mich entscheiden. Bloß nicht auf die lange Bank schieben.“

Als Henry wieder in seinem Bett lag und ihn keiner sehen konnte, brach er innerlich zusammen. „Das war´s dann!“, sagte er sich und weinte ein paar sinnlose Tränen.

In dem Bett neben ihm vegetierte ein Greis von knapp fünfzig Jahren dahin, ausgemergelt und mit braunen Blutkrusten auf der Haut wie ein geschecktes Pony, das man in der Sahara ausgesetzt hatte.

Plötzlich zwitscherte ein Handy los und der Greis streckte den Arm danach aus. Er hielt sich das Telefon ans Ohr. Die schrille Stimme seiner Tochter erfüllte das ganze Krankenzimmer.

„Hallo Felix, entschuldige, dass ich mich erst so spät melde“, kreischte sie.

Felix ist ein ruhiges Tier, das nie viel Lust hat zu laufen und sich lieber verwöhnen und füttern lässt. Außer es geht hinaus in den Schnee. Da ist es wie ausgewechselt und tollt herum.

Wer hört, der lebt noch

Mittwoch, 9. April 1941

Der Morgen graute gerade - die Sonne war noch nicht aufgegangen und würde sich auch tagelang nicht mehr zeigen -, als die Division sich auf der eintönigen Straße nach Minsk mit ihren Mannschaften wieder zu Marschkolonnen formierte.

Emil fühlte sich frisch und ausgeruht und da Wilhelm, wie so oft, über Nacht seinen Grübeleien nachgehangen hatte, sah sein Freund an dessen grauer Gesichtsfarbe, dass ihm eine weitere Ruhepause wohltun würde und übernahm die Fahrt auf dem Bock, während Wilhelm es sich im Boot bequem machte.

Der ganze Zug hatte bis Mittag nur knapp 50 Kilometer zurückgelegt. Die Straße war an einer Stelle so zerbombt, dass sie einen Umweg über einen Rübenacker nehmen mussten. Die Zündapp wühlte sich ungerührt durch die weiche Erde und Wasserlöcher, doch die schweren Jagdpanzer und besonders die Zugkraftwagen versanken öfter im Morast und die Soldaten mussten Reisig heranschleppen und unter die Ketten und Räder legen, um ein tieferes Einsinken zu verhindern.

Die beiden Freunde waren mit ihrer wendigen Zündapp geduldig einem schweren Wehrmachtsschlepper hinterhergeschlichen, der eine Lafette mit einer Acht-Acht-Krupp-Flak zog. In dem Matsch hatte der Schlepper seine liebe Mühe mit dem zusätzlichen Gewicht. Zuweilen scherten sie kurz aus, wenn die Halbketten des Koloss rund drehten und sein Fahrer auf der Suche nach festem Grund die Räder vorne im Matsch hin- und herdrehte.

Der Umweg über den Acker hatte die Kolonne zerrissen. Die Nachhut war hoffnungslos weit zurückgefallen. Der Generalleutnant würde dem vorderen Teil bald den Befehl zum Halten geben müssen.

Wilhelm machte eine knappe Handbewegung zur Seite und Emil fuhr aus der Fahrrinne auf den Acker hinaus und stellte das Gespann ab. Der Schlepper drohte sich festzufahren und rund zwanzig schlammverkrustete Soldaten mühten sich mit Spaten und Ästen, das Unheil abzuwenden. Ein bis zu den Achsen festgefahrener Schlepper konnte die ganze Division mehrere Stunden lang aufhalten.

Von hinten kam langsam ein Jagdpanzer herangekrochen. Zuerst öffnete sich die Kommandantenluke. Ein Kopf kam zum Vorschein und wirkte auf dem massigen Panzerturm wie die Miniatur einer Spielzeugpuppe. Wilhelm sah eine Reihe gesunder, weißer Zähne, als der Kopf der Puppe einen Befehl in die Panzerwanne schrie und die Laufrollen plötzlich still standen. Darauf öffnete sich weiter vorn die Fahrerluke und es erschien ein weiterer Puppenkopf.

Die Besatzung des Kampfpanzers schaute auf den Schlepper, der sich mittlerweile um keinen Deut mehr vorwärtsbewegte. Inzwischen waren gut zwei Dutzend Wehrmachtssoldaten damit beschäftigt, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Die Acht-Acht lag eingefahren auf der Lafette. Einige Soldaten kletterten über das Flakgeschütz, um schneller auf die andere Seite zu gelangen.

Es ließ sich später nicht mehr genau rekonstruieren, was den Schuss ausgelöst hatte. Die verantwortlichen Dienstgrade legten auch kein besonderes Interesse an den Tag, die Untersuchung zu vertiefen. Man kam zu dem Schluss, dass die Ladeeinrichtung, die früher wiederholt für Ärger gesorgt hatte, in Verbindung mit einer Störung des Rollenansetzers, der das Seelenrohr mit der Panzergranate lud, die Waffe scharf machte. Ein kurzer Stoß gegen den Abzugshebel von einem der Soldaten, die über das Geschütz geklettert waren, konnte dann genügt haben, um die Granate aus dem Seelenrohr, das sich in der Horizontalen befand, auf den Jagdpanzer abzufeuern.

Der Panzer stand etwa vierzig Meter hinter der Lafette.

„Pum-pah“, machte es.