Die Töchter von Rosengarten - Gudrun Maria Krickl - E-Book

Die Töchter von Rosengarten E-Book

Gudrun Maria Krickl

5,0

Beschreibung

Rosengarten bei Hall, 1634: Inmitten der Wirren des Dreißigjährigen Krieges pflegt die Bauerntochter Marie den schwer verletzten böhmischen Adeligen Janek von Schwanberg gesund. Sie verliebt sich in den beeindruckenden Regimentsführer, doch die zarte Romanze endet, als Janek weiterzieht. Wenige Monate später kommt es bei Nördlingen zur Entscheidungsschlacht. Die mit Schweden verbündete württembergische Armee erleidet eine katastrophale Niederlage, der Herzog verlässt daraufhin überstürzt sein Land und gibt es den Feinden preis. Bald sieht Marie keine Zukunft mehr in ihrer Heimat, denn im Schlepptau der fremden Söldnerheere kommen Gewalt und Not, die Pest und der Tod. Gemeinsam mit ihrer Schwester und einem Knecht macht sie sich auf den Weg ins sichere Straßburg, nicht ahnend, welche Folgen diese Entscheidung haben wird.

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Seitenzahl: 495

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Gudrun Maria Krickl Die Töchter von Rosengarten

Gudrun Maria Krickl

Die Töchter von Rosengarten

Historischer Roman

Gudrun Maria Krickl wurde 1968 in Hechingen geboren. Sie hat Betriebswirtschaft studiert und arbeitete in den Bereichen Marketing und Kommunikation. Inzwischen widmet sie sich neben ihrer Tätigkeit als Referentin für Personal und Öffentlichkeitsarbeit gerne dem Schreiben. Mit ihrem Mann und zwei Kindern lebt sie südlich von Stuttgart.

Mit dem nun vorliegenden historischen Roman verwirklicht die Autorin einen langgehegten Traum. Im Silberburg-Verlag erschienen bereits die Biografien »Geliebte Kinder. Das Leben der Dichtermutter Charlotte Dorothea Mörike« (2009) sowie »Brautfahrt ins Ungewisse. Lebenswege württembergischer Herzoginnen« (2012).

Weitere Informationen zur Autorin und ihren Büchern finden Sie unter: www.gudrun-maria-krickl.de

 

1. Auflage 2016

© 2016 by Silberburg-Verlag GmbH, Schönbuchstraße 48, D-72074 Tübingen. Alle Rechte vorbehalten. Umschlaggestaltung: Anette Wenzel, Tübingen, unter Verwendung der Gemälde »Astronomie« von Il Modenino (Giovanni Battista Magni) und »Landschaft mit weiter Fernsicht« von Joos de Momper dem Jüngeren.

E-Book im EPUB-Format: eISBN 978-3-8425-1730-1 E-Book im PDF-Format: ISBN 978-3-8425-1731-8 Gedrucktes Buch: ISBN 978-3-8425-1465-2

Besuchen Sie uns im Internet und entdecken Sie die Vielfalt unseres Verlagsprogramms: www.silberburg.de

Inhalt

Über die Autorin

Prolog

ERSTER TEIL – Die Künder des Krieges

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

ZWEITER TEIL – Die Beute der Mächte

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

DRITTER TEIL – Die Pfade der Zweifel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

VIERTER TEIL – Die Schwingen des Friedens

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

Epilog

Nachwort zu den historischen Ereignissen

Glossar

Lateinische Sprüche

Personenübersicht

Zeitleiste

Dank

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Für meinen Papa Franz Diwischek in Erinnerung an einige wunderbare Recherchereisen.

Prolog

IN DEN WÄLDERN UND AUF DEN WEGEN

JAGT DER MENSCH

DEN MENSCHENWIEDAS WILD.

Ein englischer Reisender über Deutschland im Dreißigjährigen Krieg

IN DEN ELLWANGER BERGEN, 29. APRIL DES JAHRES 1634

Aus den Augenwinkeln gewahrte Janek den Mündungsblitz einer Luntenflinte, gefolgt von einem ohrenbetäubenden Knall. Instinktiv riss er sein Pferd herum und trieb es aus der Schusslinie.

Wieder wurde gefeuert.

Mächtig hallte der Musketendonner über den schmalen Weg hinweg, der durch dichten Wald nach Südwesten führte.

Janek zog sein Schwert. Ein Blick über die Schulter genügte ihm, um zu sehen, dass seine Männer zurückgewichen waren und ihrerseits nach den Waffen griffen.

In diesem Moment brach eine Schar Berittener aus dem Unterholz hervor; binnen Sekunden fuhr der erste Hieb auf Janek herab. Er parierte ihn reflexartig. Das vielfache Klirren sich kreuzender Klingen und eine rasche Folge von Pistolenschüssen zeugten von der Wucht des plötzlichen Überfalls aus dem Hinterhalt. Die Angreifer hatten den Vorteil des Überraschungsmoments auf ihrer Seite und nutzten ihn gnadenlos. Der enge Pfad bot keine Möglichkeit, der Härte des Angriffs auszuweichen. Binnen kürzester Zeit entwickelte sich ein heftiger Kampf.

Janek bemerkte, wie er eingekreist wurde. Moses, sein schwarzbrauner Hengst, schnaubte unruhig.

Es waren drei Männer in grauen Schafspelzen, die ihre kleinen, kräftigen Pferde an seine Seite lenkten und ihn an den Rand des Unterholzes drängten. Zunächst konnte Janek ihren gezielten Säbelstreichen ausweichen, doch er wusste, dass es nur wenige Minuten dauern würde, ihn in die Enge zu treiben. Er hielt sie auf Abstand, bis ihm mehrere seiner eigenen Männer zu Hilfe kamen und die dunklen Gestalten in Zweikämpfe verwickelten.

Weitere Gefahr witternd wandte er harsch sein Pferd.

Erneut wurde er angefallen, diesmal von einem einzelnen Reiter. Während Janek zahlreiche Schläge über dem Kopf abwehrte, streifte sein Blick das Gesicht des Gegners – eine mit Ruß geschwärzte, hässlich verzogene Fratze unter einer offenen Sturmhaube. Der schwer gebaute Hüne im halben Harnisch attackierte ihn ohne Unterlass. Es lag enorme Kraft in seinen Hieben, aber wenig Geschick. Janek spürte, wie ihn die stählerne Klinge mehrfach an ungeschützten Körperstellen traf.

Doch gerade im planlosen Vorgehen seines Kontrahenten lagen nutzbare Chancen.

Ein klug abgeschätztes Täuschungsmanöver ließ den Schlag des Söldners ins Leere gehen und verschaffte Janek eine bessere Position. Sofort erhöhte er den Druck und trieb den Mann zurück. Erneut traf Stahl auf Stahl und eine Zeitlang kämpften sie verbissen, ohne dass einer die Oberhand gewann. Janek rann der Schweiß von Nacken, Stirn und Schläfen, sammelte sich unter dem schützenden Lederkoller, durchnässte Hemd und Hosenbund. Wieder und wieder wich er aus, zog sich zurück, strebte abermals voran.

Endlich konnte er einen wuchtigen Schlag setzen, der seinen Gegner für einen Moment ins Wanken brachte. Diesen Augenblick nutzte Janek. Mit aller Kraft rammte er seine Klinge in den Oberschenkel des Mannes. Begleitet von einem gellenden Schmerzensschrei folgte ein mörderischer Konter, so dass Janek zu einem schnellen Ausweichmanöver gezwungen war. Dabei stolperte sein Pferd über einen morschen Ast und geriet ins Straucheln.

Bevor es zu Boden ging, glitt Janek aus dem Sattel, dabei gelang es ihm noch, eine der beiden geladenen Radschlosspistolen aus dem Lederholster zu ziehen. Sein Gegner preschte bereits auf ihn zu, erst im letzten Moment sprang Janek zur Seite, spürte einen dumpfen Schlag und stürzte hart. Er rollte sich über die Schulter ab, kam wieder auf die Füße und suchte im Dickicht des Waldes Deckung, während sein Kontrahent weiterritt und von ihm abzulassen schien.

Durch das spärliche Grün des Unterholzes sah er das Kampfgewühl und versuchte, die Lage einzuschätzen. Noch war nichts entschieden, seine Männer kämpften entschlossen und hielten ihre Position.

Knackende Äste ließen ihn herumfahren.

Ein Schuss peitschte durch die Luft.

Noch aus der Drehung heraus warf sich Janek auf den bemoosten Boden, zugleich fuhr ein scharfes Brennen durch seinen rechten Oberschenkel. Schnelle Atemzüge und das Rascheln von Stiefeln im Buchenlaub ließen darauf schließen, dass sich jemand gehetzten Schrittes näherte. Den Schmerz ignorierend zog sich Janek hastig auf die Knie und blickte auf. Erneut sah er sich demselben dunklen Söldner gegenüber, der die vorangegangene Attacke gegen ihn geführt hatte. Der Mann musste abgesessen sein und einen Bogen geschlagen haben, um ihm ins Gebüsch zu folgen.

Mittlerweile trennten sie nur noch wenige Schuh. Aus der klaffenden Oberschenkelwunde, die ihm Janek beim Kampf zu Pferde beigebracht hatte, rann Blut. Die zähe Flüssigkeit tränkte den zerfetzten, braunen Stoff der Hose, lief in schmalen Rinnsalen abwärts und hinterließ dabei ein makaber gezacktes Muster.

In der linken, kampfbereit erhobenen Hand hielt der Söldner jetzt erneut seinen Säbel, den kurzen Karabiner hatte er weggesteckt. Janek hob die Pistole an und ließ das Pulver ins Zündloch rieseln. Er hatte nur einen Schuss und musste ihn aus allernächster Nähe abgeben, damit er nicht wirkungslos am Harnisch des Gegners abprallte.

Als dieser sich auf ihn stürzte, drückte er ab.

Das Blei durchschlug die linke Schulter des Mannes, der unter der Wucht des Geschosses ins Wanken geriet. Janek nutzte die Gelegenheit, um ihn von sich zu stoßen, aufzuspringen und zugleich nach einem Dolch zu greifen, der im hohen Schaft seiner ledernen Stiefel steckte. Zügig wich er einige Schritte zurück und bereitete sich auf die nächste Attacke vor, wobei er seine Umgebung sorgsam im Auge behielt für den Fall, dass jemand in den Zweikampf eingreifen sollte.

Sein Gegner war bereits wieder auf den Beinen und taxierte ihn unruhig, das Gewicht in wiegenden Bewegungen einige Male verlagernd.

Bevor einer von beiden zum Angriff ansetzen konnte, begann der Boden plötzlich leise zu beben. Das dumpfe Trommeln von Pferdehufen zeugte von sich rasch nähernden Reitern. Am Wortwechsel erkannte Janek seine eigenen Leute, zehn Mann, die er bei Erkundungen üblicherweise voranschickte. Während die ersten der gut bewaffneten Berittenen ihre Schwerter zogen, räumten die Angreifer auf wenige, kurze Befehle hin den Schauplatz und verschwanden im Wald. Janek traf ein verächtlicher Blick aus schwarzen Augen, bevor der Söldner seinen Kumpanen schnell in den Schutz der Bäume folgte.

Er setzte ihm nicht nach, zu unübersichtlich erschien ihm die Situation. Stattdessen stieß er hart den Atem aus, verließ das Gebüsch und trat zurück auf den Weg.

Über dem einsamen Waldgebiet waberte Musketenrauch, es roch nach aufgewühlter Erde, Schweiß und Pferd, nach beißendem Pulverdampf und nach frischem Blut. Eine unnatürliche Stille hatte sich ausgebreitet, durchsetzt mit den Klagelauten der Verletzten.

»Zut alors! Da brat mir einer einen Storch. Was ist hier vorgegangen?«

Henri Decaen, Corporal der zu Janeks Regiment gehörenden leichten Reiterei, ging über den zerwühlten Boden auf seinen Vorgesetzten zu.

»Ah, Decaen!«, grüßte Janek. »Ihr seid mehr als willkommen.«

Henri Decaen grinste. »So will es mir scheinen. Wir waren eine gute halbe Meile voraus, als wir entfernt Schüsse hörten. Ein würzig Gefecht wollten wir uns nicht entgehen lassen!«

»Ohne Zweifel. Das Gesindel aber verspürte wohl keine große Lust auf eine nähere Begegnung mit Euch, Corporal.« Janek legte Decaen dankend die Hand auf die Schulter. »Gut, dass Euch der Lärm zurückgerufen hat.«

Decaen nickte. »Kroaten«, stellte er dann fest.

»In der Tat. Mindestens drei Dutzend.« Janek sah zu den umgeknickten Büschen entlang des Waldsaums. »Wir wurden auf der ganzen Länge angegriffen.«

Decaen folgte Janeks Blick. »In jedem Fall haben sie uns zuvor passieren lassen, so war es einfacher. Hätten wir nicht ausnahmsweise angehalten, wäre der Abstand vielleicht zu groß geworden, um rasch einzugreifen«, meinte er. »Diese Stelle ist wirklich eine der wenigen hier, die sich für einen derartigen Gewaltstreich eignet. Weiter vorn verengt sich der Pfad zu sehr und die Tannen stehen wieder dicht an dicht.«

Janek musterte die Umgebung. »Also haben sie zufällig hier gelagert. Vermutlich ein Trupp Späher.«

»Oui, das denke ich auch. Und ein angriffslustiges Pack.«

»Sie kundschaften die Gegend aus. Es wäre gut zu wissen, welche Absichten sie hegen, immerhin ist dies hier ein ziemlich abgelegenes Holz. Wählt vier Männer aus und verfolgt die Spuren. Wir werden derweil eine Möglichkeit zur Rast suchen und die Verwundeten versorgen.«

»Ihr könnt sicher sein, dass wir die Fährte finden.« Decaen wandte sich sofort zum Gehen. »Im Laufe des Abends stoßen wir wieder zu Euch.«

»Solltet Ihr die Nacht im Wald verbringen müssen, sehen wir uns beim Regiment.«

»Wir werden Euch finden.«

Während der Corporal zurück zu seinen Soldaten ging, schritt Janek den Weg ab, um sich eine schnelle Übersicht zu verschaffen.

Einige Männer begannen bereits, provisorische Gräber für die wenigen Toten des Kampfes auszuheben. Es schien keiner seiner eigenen Leute darunter zu sein. Bartholomäus, der füllige Feldgeistliche, sprach bereits ein kurzes Gebet über dem ersten Leichnam. Grundsätzlich unterschied er niemals zwischen Freund und Feind. »Gottes Barmherzigkeit«, so pflegte er stets zu sagen, »schert sich nicht um den Kleingeist der Menschheit. Omnes homines aequales sunt. Alle müssen wir vor Ihn treten und alle sind wir vor Ihm gleich.«

Janek wies ihn an, die gegnerischen Leichen nach Hinweisen auf ihre Herkunft zu durchsuchen. Die anderen kümmerten sich um die Verletzten, sammelten verstreute Waffen und Ausrüstungsgegenstände ein und beluden die mitgeführten Packpferde damit.

Janek sah dort seinen Jungen, Frieder, und winkte ihn zu sich. Vor fast genau drei Jahren hatte er ihn halbtot am Ufer der Elbe aufgelesen, etwa eine Woche, nachdem er mit einigen seiner Männer vor den schwelenden Ruinen Magdeburgs eingetroffen war. Der zu diesem Zeitpunkt Achtjährige war dem Flammeninferno wie durch ein Wunder entkommen. Eine Gruppe Flüchtender hatte ihn ein Stück weit mitgeschleppt, schließlich aber zurückgelassen, um sich mit dem nahezu toten Kind nicht unnötig zu belasten.

Noch immer packte Janek kalter Zorn, wenn er an die Katastrophe dachte, welche die Feldherren Tilly und Pappenheim damals mit den Truppen der kaiserlich-katholischen Liga heraufbeschworen hatten und in deren Folge die prächtige und lebendige Hansestadt an der Elbe dem Erdboden gleichgemacht worden war. Nur wenige Menschen hatten den zu einem grausamen Massaker ausgearteten Sturmangriff überlebt. Frieder war einer von ihnen, denn als Janek sich den leblosen Körper näher besehen hatte, waren ihm flache Atembewegungen aufgefallen. Einer spontanen Regung folgend hatte er ihn mitgenommen und bei einer Familie des Armeetrosses in Obhut gegeben. Inzwischen war der Junge herangewachsen und stand in seinen persönlichen Diensten.

Janek erkannte, dass Frieder sein Signal verstanden hatte und kurz nickte. Rasch entledigte er sich der beiden Säbel, die er zusammengetragen hatte und eilte zu seinem Herrn.

»Dir ist nichts geschehen«, stellte Janek zufrieden fest, als der Junge ein wenig atemlos vor ihm stand.

»Nein, Herr Obrist. Bartholomäus hat mich sofort in Deckung gezogen und darauf geachtet, dass mir keiner zu nahe kam.« Seine hochroten Backen zeugten von Aufregung und Anstrengung.

»Gut. Ich habe eine wichtige Aufgabe für dich.«

»Ja, Herr?« Erwartungsvoll sah er Janek an.

»Moses ist gestürzt und ich befürchte eine ernste Verletzung. Würdest du dich vorerst um ihn kümmern? Er steht zwar wieder, aber er braucht eine besonders gute Betreuung.«

Frieder nickte eifrig. »Verlasst Euch auf mich!«

Der Schrecken, den er während der letzten Stunde durchgestanden hatte, war noch nicht ganz gewichen, aber die Aussicht auf eine derart bedeutende Tätigkeit ließ seine Unruhe merklich abklingen.

Janek blickte dem Burschen zufrieden nach, als dieser sich aufmachte, die Anweisung auszuführen.

»Sieh dich vor. Du bist verletzt!« Janeks Waffenbruder und enger Freund Heinrich trat neben ihn.

»Ein paar wüste Kratzer, nicht mehr.« Janek winkte ab.

»Nicht mehr?« Heinrichs Stimme klang spöttisch, hatte aber einen besorgten Unterton. »Könntest du dich umseitig betrachten, würdest du anders urteilen.«

»Der Narr wird mir wohl nicht in den Hintern …?«

Heinrich lachte zwar verhalten, doch aus seinen Augen sprach keinerlei Belustigung. Janek wurde klar, dass es ihm ernst war, und so tastete er mit seiner Hand vorsichtig nach der schmerzenden Stelle. Er spürte eine klebrige Nässe dort, wo der Schutz aus Elchsleder endete.

»Die Blutung ist noch nicht zum Stillstand gekommen«, stellte Heinrich fest und sah sich die Verwundung genauer an. »Es hat dich wirklich erwischt, Johann Georg von Schwanberg. Die verdammte Ladung steckt noch drin.« Janek fluchte vernehmlich. Ein verdrecktes Geschoss im Körper würde ihn nur unnötig aufhalten.

»Hol Bartholomäus«, wies er Heinrich an.

Wenige Minuten später untersuchte der Hinzugezogene die Verletzung. »Ich muss die Kugel entfernen, Obrist.«

Janek nickte. »Ich weiß. Binde die Wunde ab. Das reicht fürs Erste. Wenn wir einen sicheren Rastplatz gefunden haben, kannst du dich an dein blutiges Werk machen.«

Bartholomäus fingerte einige Streifen weißen Leinens unter seinem Wams hervor. »Wir sollten bald einen solchen finden. Mit dem Wundbrand ist nicht gut Kirschen essen. Außerdem wird der Schmerz unerträglich werden, sobald du zur Ruhe kommst«, knurrte er, während er die Bänder straff um Janeks Oberschenkel wickelte, um den Blutverlust zu stoppen.

»Wir reiten weiter, sobald der Weg geräumt ist«, erwiderte Janek.

»Semper idem.« Bartholomäus zuckte mit den Achseln, er kannte seinen Obristen und hatte nichts anderes erwartet. Ruhig machte er sich wieder an seine Aufgaben, die anderen Männer taten es ihm gleich. Mit Routine arbeiteten sie sich durch die wüsten Hinterlassenschaften des Kampfes.

Am späten Nachmittag gab Janek das Zeichen zum Aufbruch.

ERSTER TEIL

Die Künder des Krieges

 

I. Kapitel

WASHEUT NOCH GRÜN UND FRISCH DASTEHT,

WIRD MORGEN WEGGEMÄHT:

DIE EDEL NARZISSEL,

DIE HIMMLISCHE SCHLÜSSEL,

DIE SCHÖN HYAZINTHEN,

DIE TÜRKISCHE BINDEN,

HÜTDICH, SCHÖNS BLÜMELEIN!

»Ein schöns Mayenlied« (Flugblatt von 1637)

HOFGUT ROSENGARTENBEI HALL, 30. APRIL DES JAHRES 1634

Mit mildem Schimmer kündigte die Sonne ihren Aufgang an, jenes ewig wiederkehrende, einzigartige Schauspiel erwachenden Lichts, das die Schatten der Nacht vertreibt, um der Welt ihr Antlitz zu geben. Die Wipfel der Bäume auf den nahegelegenen Hügeln fingen den ersten Schein ein und zeichneten sich in einem gründunstigen Farbenspiel gegen den blassroten Morgenhimmel ab.

Vogelgesang hatte sich erhoben, der morgendliche Chor klang munter und lebensfroh und verkündete den Frühling, nun, da die Tage deutlich länger waren. Seit Wochen herrschte ungewöhnlich gutes Wetter und auch heute schien es warm und trocken zu werden.

Marie Susanne Schenk begrüßte den anbrechenden Tag wie gewohnt mit einem kurzen Gebet, bevor sie an einen schlicht gezimmerten Tisch mit türkisgrün glasiertem, irdenem Waschgeschirr trat, der nur wenige Schritte von ihrer Bettstatt entfernt an der Wand stand. Eine Talgkerze spendete schummriges Licht.

Während sie nach dem mit Wasser gefüllten Tonkrug griff, sah sie kurz zu ihrer Schwester Ebba, die zwischen den Federkissen des gemeinsamen Bettes nahezu verschwunden war und noch friedlich schlief. Lediglich ein paar Zipfel ihres dunklen Haarschopfes lugten zwischen den Linnen hervor. Marie schmunzelte ob des gewohnten Bildes. Liebe, freche Ebba!

Sie wandte sich wieder ihrer Morgenwäsche zu und goss etwas Wasser in die Schale. Verschlafen tauchte sie beide Hände hinein, ließ das kühle Nass über ihr Gesicht rinnen und fing die ablaufenden Tropfen mit einem kleinen Tuch auf. Die letzte Müdigkeit verflog und wieder suchte ihr Blick die jüngere Schwester.

Ebba veränderte gerade ihre Schlafposition und nahm den vor wenigen Minuten frei gewordenen Platz neben sich mit einem leisen Brummeln in Besitz. Marie beschloss, sich selbst und ihr noch einige Minuten Ruhe zuzugestehen, und begann damit, sich anzukleiden.

An der Außenwand ihrer gemeinsamen Kammer, unter einem kleinen Fenster mit grün getönten Butzenglasscheiben, befand sich eine lange, mit einfachen Verzierungen versehene hölzerne Truhe für Wäsche und Kleidung. Marie öffnete das schmiedeeiserne Schloss, hob den Deckel und entnahm einen ungefärbten Unterrock. Sie reckte die Arme und ließ ihn über ihr weißes, knielanges Hemd rutschen, das sie des Nachts immer anbehielt. Erneut langte sie in die Tiefen der Lade, zog einen hellbraunen Leinenrock und ein schlichtes, blassblaues Mieder mit geschlitztem Schoß hervor und schlüpfte in beides hinein. Nachdem sie die vorn gekreuzte Schnürung des Mieders festgezogen hatte, ging sie entschlossen die wenigen Schritte zum Bett zurück und zog mit einem festen Ruck an der Decke.

»Aufstehen, Ebba. Der erste Hahnenschrei ist längst verklungen.«

Ebba drehte den Kopf und blinzelte ihre Schwester träge an: »Ach, Marie. Noch eine kleine Weile!«

Marie kannte die morgendlichen Launen der Vierzehnjährigen und fackelte nicht lange. Sie feuchtete ihr Waschtuch an, fuhr in einer schnellen Bewegung über Ebbas Gesicht und erreichte den gewünschten Effekt.

»Du Leuteschinder! Scher dich weg! Lass mich in Ruhe.« Ebbas Stimme überschlug sich.

»Komm, Ebba! Für dieses Spiel bist du längst zu groß!« Marie packte die Schwester unter den Achseln. »Du weißt, dass du ohnehin aufstehen musst.«

Ein missmutiges Quengeln begleitete Ebbas schnelle Kapitulation.

Während diese ihre nackten Füße über den Rand der Bettstatt schob, griff Marie nach ihrem dunkelgrauen Schurz, der an einem schmalen, hölzernen Rechen hinter der Tür hing, und band ihn in einer routinierten Bewegung um die Taille. Sie raffte den Stoff an der rechten Seite, so dass der darunterliegende Rock zum Vorschein kam. Einen kleinen Moment hielt sie inne und vergewisserte sich, dass Ebba aufgestanden war und sich anzog. Ebba warf ihr zwar einen trotzigen Blick zu, stand aber bereits an der Ankleidetruhe. Zufrieden öffnete Marie ihr volles, dunkelblondes Haar, nahm einen grobzinkigen Kamm vom Waschtisch, fuhr durch die langen Strähnen und flocht sie wieder zu einem festen Zopf. Die gezähmten Locken verbarg sie unter einem schlichten Leinentuch.

Noch bevor Ebba fertig war, schob Marie den Riegel der Holztür zurück, welche die Kammer von der Unruhe des Hofgeschehens trennte. Mit einem leisen Knarren sprang sie auf und Marie trat auf die groben Dielen des Flures, der die Wohnräume im Obergeschoss des Hofes verband. Sie warf einen schnellen Blick in die rechter Hand liegende Küche und sah Grete das Feuer unter dem großen Kessel schüren, um die Morgenmahlzeit vorzubereiten. Wenn die Bauersleute und das Gesinde später bei Tisch zusammenkamen, um sich für das anstrengende Tagwerk zu stärken, waren einige hungrige Mäuler zu stopfen. Ein kurzer Blickwechsel genügte, um Marie wissen zu lassen, dass hier alles in Ordnung war.

Sie nickte Grete zu und ging weiter an der Stube vorbei zu einer kleinen Kammer, die am linken Ende des Flurs lag. Ohne zu Zögern öffnete sie die Tür.

»Guten Morgen, Vater.«

Während sie ins Zimmer trat, waren ein froher Gruß an Grete und schnelle Schritte auf der Treppe ins untere Geschoss zu vernehmen. Unverkennbar Ebba! War ihre Schwester erst einmal wach, legte sie eine temperamentvolle Emsigkeit an den Tag.

Im Inneren der Schlafkammer roch es nach menschlichen Ausdünstungen und dem Inhalt des Nachttopfes.

»Ah, Marie.«

Jakob Erasmus Schenk war bereits aufgestanden. Nach einem unglücklichen Sturz im letzten Winter war er in seiner Beweglichkeit stark eingeschränkt, zog das linke Bein nach und konnte den rechten Arm kaum mehr beugen.

»Wie geht es dir heute, Vater?«

Jakob Schenk winkte ab. »Wenn die Knochen in Schwung kommen, wird’s schon gehen.«

Marie wusste, wie sehr ihr Vater darunter litt, dass er als Bauer eines der größten Gehöfte im Amt Rosengarten als halber Krüppel galt. Vor seiner Verletzung hatte man ihm kaum angemerkt, dass er bereits mehr als sechzig Lenze zählte. Nur wenige graue Strähnen durchzogen das ungewöhnlich dichte, braune Haar, die dunkelgrauen Augen sahen scharf und klar. Doch sein einst kräftiger Körperbau war einer hageren Silhouette gewichen.

Viele Arbeiten gingen ihm deutlich schwerer von der Hand, auch wenn er keinen Gedanken daran verschwendete, sich zu schonen. Beim Pflügen der Äcker und der anschließenden Aussaat von Hafer und Sommerkorn während der letzten Wochen war deutlich geworden, welche Grenzen sein Körper setzte. Der Enttäuschung über das ungewohnte Unvermögen war manch offener Wutausbruch gefolgt. Inzwischen hatte sich einiges eingespielt, der Bauer akzeptierte zähneknirschend seinen Zustand und kämpfte zugleich mit eisernem Willen um jede kleine Verbesserung.

Seine Umgebung hatte gelernt, möglichst wenig Aufheben um ihn zu machen. Deshalb half Marie ihrem Vater auch an diesem Morgen augenscheinlich beiläufig beim Anziehen, legte ihm die Beinlinge an und nestelte sie am Wams fest. Jakob Schenk akzeptierte die Hilfe seiner Tochter in der Frühe und am Abend nur deshalb, weil er sonst den Tagesrhythmus des Hofes nicht einhalten konnte.

Marie richtete sich auf. »Ich bin so weit, Vater.«

Jakob Schenk nickte und folgte Marie hinaus auf den Flur. Mit einer Hand stützte sie ihn, als er die steile Holztreppe hinunterstieg. Sobald er den Boden im Erdgeschoss unter seinen Füßen spürte, ließ er sie los und humpelte fort zu den Pferden.

Marie seufzte leise.

Es war nicht nur der Unfall des Vaters, der das Leben so schwer machte. Ihr einziger Bruder hatte sich vor Jahren als Söldner anwerben lassen. Seitdem hatten sie kaum von ihm gehört, wussten lediglich, dass er erst bei den Schweden gekämpft, später jedoch ins Lager der gegnerischen Habsburger gewechselt hatte. Dies war ein üblicher Vorgang im Alltag eines Söldners, der seine Kampfeskraft demjenigen anbot, der am besten dafür zahlte, und fast schien es, als wolle der Bruder nicht mehr nach Hause kommen.

Doch gerade in diesen unsicheren Zeiten hätte Marie ihn gerne auf dem Hof gewusst. Denn der bereits weit über ein Jahrzehnt währende Große, der Teutsche Krieg, wie er in den kursierenden Flugschriften genannt wurde, streckte allmählich seine Klauen nach Südwesten aus. Truppendurchmärsche und Einquartierungen brachten die nahegelegene Reichsstadt Hall immer wieder in große Bedrängnis.

Angst und Unsicherheit hatten sich unter den Bürgern der Stadt und noch mehr unter der Landbevölkerung verbreitet, die den durchziehenden Söldnerheeren hilflos ausgeliefert waren. Immer mehr Bauernfamilien zogen sich daher nach Hall zurück und suchten hinter den steinernen Stadtmauern Schutz.

Mehr als einmal hatte Marie darüber nachgedacht, es ihnen gleichzutun, doch der Vater wollte nichts davon wissen. »Sich hinter den Mauern verstecken? Nicht, solange wir noch einen Scheffel ernten. Sonst gibt’s bald gar nichts zum Kauen mehr. Es verrecken eh schon genug.«

Bisher waren sie glimpflich davongekommen. Gut Rosengarten lag unauffällig hinter einem Hügelkamm und konnte von der Straße aus, die nach Hall führte, nicht gesehen werden. Anders als bei den meisten Höfen der Gegend bildeten Gebäude und Mauern eine geschlossene Einheit, vervollständigt durch ein großes, schweres Tor. Näherte sich verdächtiges Gesindel, griffen die Männer zu den Waffen und postierten sich so, dass der Eindruck einer einigermaßen wirksamen Verteidigung entstand. Jakob Schenk verstand sich außerdem gut aufs Verhandeln und hatte im Tausch gegen einige Fässer Weines, einen kräftigen Schinken oder einige Laib Brot stets erreicht, dass die fordernden Söldner weitergezogen waren, ohne den Hof auszurauben und niederzubrennen. Sie würden leichtere Opfer finden.

Marie betrat den Stall im Erdgeschoss und schlüpfte in ein Paar grobe Holzpantinen, um ihre bloßen Füße vor der aggressiven Jauche zu schützen. Gewohnte Geräusche drangen an ihr Ohr, das ungeduldige Muhen der Kühe, das Klappern der hölzernen Melkeimer, das leise Tuscheln der beiden Mägde, die bereits mit dem Melken begonnen hatten.

Zielstrebig ging Marie von einem Tier zum anderen und blieb bei der letzten Milchkuh stehen, die sich vor einigen Tagen am Euter verletzt hatte. Sie zog einen Holzschemel heran, setzte sich darauf und stellte erleichtert fest, dass die Wunde gut heilte. Vorsichtig begann sie, das Euter auszustreichen. Die Milch war unverzichtbar, die Haltung des Viehs aber aufgrund der im Umland lagernden Soldaten schwieriger geworden. Nur Wiesen und Brachland in der allernächsten Umgebung wurden noch als Weiden genutzt und die kleine Herde war stets gut bewacht. Abends trieb man sie wieder in den Stall. Traditionell waren die Tiere über die Sommermonate dem Gemeindehirten des Dorfes zum Hüten überlassen worden. In diesem Jahr gab ihm Jakob Schenk sein Vieh nicht mehr mit.

Die Kuh hatte trotz der Verletzung stillgehalten und als sich Marie erhob, war ihr Gefäß gut gefüllt. Sie schüttete die Milch in einen größeren Behälter und rieb die breit verschorfte Wundstelle mit einer Salbe aus Ringelblumen ein. Während Marie den Schemel wieder zur Seite stellte, bedeutete sie den Mägden, sich zu eilen. Dann verließ sie den Stall und ging nach draußen.

Der Hof lag noch im Schatten.

Es würde nicht mehr lange dauern, bis das erste Sonnenlicht über die ziegelgedeckten Dächer fiel. Marie liebte diese frühe Morgenstunde. In ihr lag noch ein kleines Stück nächtlichen Friedens, bevor die unerbittliche Realität des Tages Einzug hielt. Die würzige Luft des nahen Waldes und die Atmosphäre des erwachenden Hofes gaben dem Augenblick eine fast unwirklich anmutende Ruhe.

Seit nahezu achtzig Jahren lebten die Schenks auf Hofgut Rosengarten, das sie als Lehen der Stadt Hall bewirtschafteten. Da es sich um einen Erbhof handelte, wurde er als solcher innerhalb der Familie weitergegeben. Einmal im Jahr, auf Martini, überbrachten sie dem Rat der Stadt die vereinbarten Abgaben in Form von Geld und Naturalien.

Von den ursprünglich sechs Kindern der Schenks lebten nur noch drei, Veit, Ebba und sie selbst. Der Vater hatte erst spät geheiratet, aber die Eltern waren einander trotz des Altersunterschiedes von nahezu zwanzig Jahren aufrichtig zugetan gewesen; eine eher seltene Gemütsregung zwischen Bauersleuten, die für gewöhnlich aus rein wirtschaftlichen Gründen zueinander fanden. Vor fünf Sommern hatte ihnen der Allmächtige die Mutter genommen, bei der mit schweren Komplikationen verbundenen Geburt des jüngsten Kindes, das ihr nur wenige Stunden später ins Grab gefolgt war.

Jakob Schenk trauerte lange um seine Frau. Obwohl ein Hof ohne Bäuerin schlicht undenkbar war, hatte er sich kein zweites Weib genommen. Deshalb hatte Marie in die Rolle der Bauersfrau hineinwachsen müssen, dabei war sie damals erst so alt gewesen wie Ebba heute. In ihrer umsichtigen Art hatte sie diese gewaltige Aufgabe gut gemeistert. Seit Veits Verschwinden und dem Unglück des Vaters trug sie die Verantwortung für das Hofgut und für alle, die darauf lebten und arbeiteten, nahezu allein.

Marie atmete tief ein und begann ihren üblichen Rundgang. Sie sah, wie die Knechte Ochsen und Pferde versorgten, hörte das Quieken und Grunzen der Schweine, die ungeduldig darauf warteten, in den Schutz des Waldes geführt zu werden, um sich dort satt zu fressen.

Über allem erhob sich Ebbas helle, energische Stimme.

»Loslassen! Nicht, das ist mein Rockzipfel! Auseinander, husch, husch! Verflixt, ihr reißt mir noch ein Loch in den Stoff. Ich hasse Flicken! Oh weh, ein so dummes Federvieh hat doch kein Fuchs je gesehen!«

Ebba und die Gänse.

Irgendwie hatten diese einen Narren an ihr gefressen. Und je mehr Aufhebens sie um die eigensinnigen Tiere machte, desto frecher gebärdeten sie sich. Erleichtert sah Marie den Hütejungen kommen, der die laut schnatternde Schar hinaustreiben würde. Mit seinem Ruf sammelte er die Tiere ein und machte sich auf den Weg. Vor dem mächtigen, eisenbeschlagenen Eichenholztor, das die beiden steinernen Seitenflügel des Hofes verband, hatten sich einige Tagelöhner versammelt in der Hoffnung auf einen mühsam zu verdienenden Lohn. Bevor die Gänse aufgeregt nach draußen watschelten, ließ Conrad, der Erste Knecht und Maries zuverlässige Stütze, die wartenden Männer ein und wies ihnen die Arbeiten zu. Zwei von ihnen erhielten kurze Schwerter zur eigenen Verteidigung und scharten rasch die Schweine um sich, um den Gänsejungen in das nahegelegene Waldstück zu begleiten. Die anderen verteilten sich auf Scheune und Stall. Sie alle waren schlecht genährt. Deshalb sorgte Marie dafür, dass ein Korb mit Broten und mehrere Schalen mit frischem Brunnenwasser bereitstanden, um die hungrigen Mägen zu füllen.

Später saßen die Schenks gemeinsam mit dem Gesinde in der Stube zusammen. Auf dem großen Holztisch standen Brot, Käse und eine Schüssel mit Getreidebrei. Alle langten kräftig zu und Conrad meinte: »Es gibt schon reichlich blühende Trauben, selten habe ich eine so frühe Blüte erlebt. Es könnte eine reiche Weinernte geben.«

»Wenn die Beeren nicht vorher an den Reben erfrieren. Oder der Söldner sie wegfrisst«, brummte Jakob Schenk.

»A Kocherwei kousch nur schlürfa«, warf Jörg ein, der jüngere Knecht, »zum gaasich werda.«

Das Hofgut Rosengarten besaß dreiviertel Morgen Weinberge, die aufmerksam gepflegt wurden. Der Anbau war mühsam und der gekelterte Tropfen zählte nicht zu den besten, aber der Weinkrug gehörte zu den täglichen Mahlzeiten wie das Brot. Insbesondere Jörg genoss ihn gerne über die Maßen. Conrad überging daher die Bemerkung des Sechzehnjährigen.

»Wir haben ein warmes Frühjahr«, fuhr er fort. »Alles treibt kräftig aus, nicht nur der Wein. Möge der Herr uns vor Schaden bewahren. Dann fahren wir eine gute Ernte ein.«

»Ja, wenn er uns bewahrt, der Herr.« Jakob Schenk brach sich ein Stückchen Brot ab. »Seit zwei Wochen liegen wieder Schweden hier im Quartier. Sollten Freunde sein, sind aber bald schlimmer als die Kaiserlichen.«

Marie spürte sofort, wie schwer es ihm fiel, seine Wut zu zügeln.

Schon zu Beginn des Jahres hatten sich acht schwedische Regimenter in der Gegend aufgehalten. Gott sei Dank waren sie im Februar wieder abgezogen, doch bereits sechs Wochen später waren erneut mehrere tausend Soldaten gekommen, die auf Seiten der Schweden kämpften. Und seit einigen Tagen lagerten nun Truppen des jungen Markgrafen von Brandenburg-Ansbach in den Ämtern Kocheneck und Rosengarten. Ein kleineres Kavallerie-Regiment hatte sich in der direkten Umgebung des Schenk-Hofes niedergelassen.

Maries Vater stellte die Grundversorgung der Soldaten und ihrer Pferde sicher und erreichte dadurch zumindest, dass die frisch bestellten Felder und das Vieh weitgehend in Ruhe gelassen wurden. Wie lange dieses Arrangement Bestand haben würde, wusste niemand.

Die angespannte Situation, verbunden mit den ständigen Schmerzen im Bein, hatte Jakob Schenk, der sonst durchaus harte, aber immer überlegte Charakterzüge zeigte, ungewohnt reizbar gemacht.

Mit aufmerksamem Blick musterte er nun jeden in der Runde.

»Zum Teufel mit dem Waffengeklirr! Die Felder werden zertrampelt, das Vieh wird gestohlen und getötet, die Weiber geschändet. Am Schluss stecken sie Haus und Scheune an und ergötzen sich an den Flammen. Die Schweden wie die Kaiserlichen! Keiner ist besser.«

»Vater, bitte«, sagte Marie in der Absicht, ihn zu beruhigen, aber Jakob Schenk beachtete sie nicht und donnerte weiter: »Und der Ehrbare Rat zu Hall schwankt hin und her wie eine Weidenrute im Sturm.«

»Der Rat«, wagte Conrad einzuwenden, »hat sich nun für die schwedische Seite entschieden.«

»Hoffentlich zu unserem Nutzen«, brummte der Bauer.

Conrad mit seinem besonnenen Scharfsinn blieb ruhig und sachlich: »Seit langer Zeit versucht er, das Schlimmste für die Stadt zu verhindern. Was sollen die Ratsherren tun? Sie können nicht gegen die Schweden, aber sie wollen auch nicht gegen den Kaiser.«

Jakob Schenk fegte Conrads Einwand barsch beiseite: »Das interessiert mich einen Furz! Sie retten ihre eigenen Schatullen, diese Herren, und sonst gar nichts.« Er reckte eine Faust. »Worum geht es denn? Die Schweden wollen angeblich unseren Glauben verteidigen, die Imperialisten die alte Religion wieder einführen. Ha, und wie machen sie das? Sie schlagen sich gegenseitig die Köpfe ein und richten dabei das Land zugrunde!« Jakob Schenk entfuhr ein lautes Schnauben. »Es geht um Macht, und nur um Macht. Um den Glauben schert sich doch längst keiner mehr.«

»Wahrlich nicht, da habt Ihr recht, Schenk«, Conrad versuchte, der Diskussion die Hitze zu nehmen. »Wie immer ist das Volk der Zahlmeister für die Grillen der Großen. Letzthin haben sie in den Haller Weinschenken um Geld nachgesehen. Die Bürger, die nichts geben konnten, haben sie eingesperrt.«

»Sicher, die Haller Bürger bezahlen Geld, aber wer trägt das Schlimmste? Wer gibt sein täglich Brot in die Kriegskasse? Und muss sich dafür den Hals durchschneiden lassen?«, polterte Jakob Schenk weiter. »Wir! Wir hier auf dem Land!«

»Das ist so wahr«, seufzte Grete. »Die Veronika haben sie wüst geschändet, in Tullau, so dass man sie nicht mehr erkennen konnte. Man hat sie nicht mal mehr der Mutter gezeigt, sondern gleich unter die Erde gebracht! Das arme Ding. Dabei sollte sie bald ihren David heiraten. Oh, alles geht dahin.« Der Schmerz um die tote Nichte trieb der Magd Tränen in die Augen. Marie sah sie mitfühlend an.

Jakob Schenk war still geworden. »Ich sag euch allen hier und heute, das nimmt kein gutes Ende«, prophezeite er mit gepresster Stimme und stand mühsam auf. Die Knechte und Mägde taten es ihm gleich. Grete begann, den Tisch abzuräumen, und Ebba beeilte sich, ihr zu helfen.

Marie blieb nachdenklich zurück. Die letzten Worte ihres Vaters waren beunruhigend. Eigentlich gibt er nie auf. Sie begann, sich in die Wirtschaftsbücher des Hofes zu vertiefen, deren Führung sie bereits vor geraumer Zeit übernommen hatte. Als Kind war sie gemeinsam mit Veit einige Winter lang nach Westheim ins Schulhaus gegangen, daher beherrschte sie die Schrift und konnte lesen. Conrad verdankte sie ihre guten Kenntnisse im Rechnen, denn er hatte Maries natürliche Begabung für Zahlen erkannt und gefördert. Im Stillen dankte sie ihm für seine Weitsicht, denn das konzentrierte Arbeiten mit Feder und Papier ließ sie für eine Weile die bange Frage vergessen, was wohl die nächsten Wochen bringen würden.

2. Kapitel

BLEIBEBEI UNS

DENN ES WILL ABENDWERDEN UND DER TAGHAT SICH GENEIGT.

Lukas 24,29

AMT ROSENGARTEN, AM ABEND DESSELBEN TAGES

Ein kräftiges Abendrot färbte den Himmel. In seinem Schein zogen Wolken dahin, wie Feuerbälle im Sog einer unsichtbaren Strömung mit unbekanntem Ziel. Manche erfanden sich in fantasievollen Gebilden immer wieder neu, andere verloren sich ineinander und bildeten dünne Schleier, ehe sie sich auflösten.

Mit dem scheidenden Tag ging Conrads Wachdienst an der Haller Landheg zu Ende. Der aus Wällen, Hecken und Gräben bestehende, weitläufige Ring, der Hall und die der Stadt zugehörigen Ämter seit Jahrhunderten schützte, hatte seine ursprüngliche Funktion wohl weitgehend verloren, denn die Truppen dieser Tage marschierten einfach darüber hinweg, wenn sie sich ihren Weg durchs Land bahnten. Aber die dort Wachhabenden konnten anrückende Söldnereinheiten frühzeitig ausmachen und im Ernstfall Warnungen weitergeben.

Zwei befreundete Knechte hatten sich bei Conrad eingefunden und gaben fortlaufend derbe Scherze zum Besten. Die aufgesetzte Fröhlichkeit der beiden zerrte zunehmend an seinen Nerven, denn sie hielten ihn nur auf. Er wollte schnellstens zurück zum Hof, dort wurde er gebraucht, vor allem, seit das schwedische Regiment in unmittelbarer Nähe Quartier bezogen hatte. Während er still an einer Ausrede feilte, um sich endlich auf den Weg machen zu können, schweifte sein Blick unruhig umher und erfasste mit einem Mal eine größere Gruppe Reiter, die sich rasch näherte. Auf Höhe des Postens hielten die Männer ihre Pferde an. Sie wirkten abgekämpft, einige schienen verletzt zu sein. Das Lachen seiner Kumpane erstarb und Conrad sah zu dem kräftigen, großen Mann auf, der die Truppe führte. Seine Kleidung, obschon mit Rissen und voller Schmutz, ließ auf einen Offizier schließen, die Körpersprache zeugte von der abgeklärten Autorität eines höheren Ranges. Ein weiterer Mann, vermutlich einer seiner Unteroffiziere, rückte auf und sprach Conrad an:

»Es heißt, die Regimenter des Markgrafen von Brandenburg-Ansbach befänden sich ganz in der Nähe.«

Conrad wusste, dass er niemanden aufhalten würde, sollte er eine Antwort verweigern, und erwiderte wahrheitsgemäß: »Der Markgraf führte seine Reiter ins Amt Rosengarten. Ein Teil Kavallerie lagert hier in der Gegend, unweit von Westheim.«

»Acht Kompanien stark?«

»Etwa vierhundert Mann zu Pferd.«

Der Unteroffizier wandte sich an seinen Obristen. »Das könnten sie sein, Schwanberg. Falls nicht, so werden wir dort weitere Erkundigungen einziehen.«

Dieser nickte und sah Conrad an. »Hab Dank, Knecht.«

Geschickt fing Conrad die Münze auf, die ihm zugeworfen wurde und ließ sie in die Tasche seiner Jacke gleiten. Er musterte die Gruppe. Kein herkömmliches Söldnerpack. Ein solches hätte sich Freundlichkeiten erspart. Als er zur Seite treten wollte, hob der Unteroffizier rasch die Hand.

»Du wirst uns führen!«, sagte er knapp und bedeutete ihm, vorauszugehen. Conrad zögerte kurz, nickte dann seinen Kameraden zu und machte sich auf den Weg.

Mit schnellen Schritten ging er der Reitergruppe voran, die trotz ihres desolaten Zustands eine beachtenswerte Disziplin an den Tag legte. Vielleicht ist es gut, einen solchen Trupp in der Nähe zu haben. Doch zunächst blieb Conrad zurückhaltend, die Erfahrung hatte ihn Vorsicht gelehrt.

Es dauerte nicht lange, bis die höher gelegene Westheimer Kirche ins Blickfeld geriet, deren Turm das Licht der untergehenden Sonne in hellem Zinnoberrot reflektierte. Conrad hielt sich westlich des Ortes, folgte dem Lauf der Bibers an der Ziegelmühle vorbei und einen langgezogenen Hang hinauf. Hier sah man die ersten Zelte des Feldlagers, das rund um den Schenk-Hof entstanden war.

Vereinzelte Lagerfeuer bliesen gelblichen Rauch in die Dämmerung. Das Knistern der Flammen mischte sich mit lautstarken Wortwechseln, herbem Gelächter, Geschirrklappern und zahlreichen anderen Klängen zur Geräuschkulisse eines Soldatenquartiers, das sich für die Nacht einrichtet.

Die eintreffende Truppe wurde sofort erkannt.

Conrad fiel auf, welche Achtung auch hier den beiden führenden Männern entgegengebracht wurde. Wenige Worte und Gesten reichten aus, um die Versorgung der Verwundeten zu veranlassen; sie wurden zum Lazarettzelt gebracht, ihre Pferde versorgt. Die unverletzten Söldner folgten ihren Offizieren bis vor das größere Zelt des Obristleutnants. Von hier aus sah man den Rosengarten-Hof in der flachen Senke liegen.

Conrad blieb stehen und wandte sich um: »Dort ist es.«

Mit einem Nicken gab ihm der Unteroffizier zu verstehen, dass er seinen Dienst gut gemacht habe. Doch als Conrad weitergehen wollte, hielt ihn der Ranghöhere auf.

»Warte hier auf uns.«

Conrad blieb stehen. Zwei Soldaten saßen ab und nahmen ihn in ihre Mitte, während ein Mann aus dem Zelt trat, um die Offiziere zu begrüßen. Conrad erkannte ihn als den Befehlshaber des Regiments. In dieser Eigenschaft war er bereits einige Male auf dem Hof gewesen, hatte das Haus inspiziert und sich den besten Wein mitgeben lassen. Aus der respektvollen Reverenz, die er nun dem Offizier zu Pferd erwies, schloss Conrad, dass er diesem untergeordnet war.

»Gott zum Gruße, Georg von Schwanberg. War deine Mission erfolgreich?«

Janek musterte Bavor, seinen entfernten Vetter, welcher der Leskauer Linie derer von Schwanberg entstammte. Schon seit einigen Jahren diente er ihm als Obristleutnant. Ein fähiger Mann, dem er während seiner häufigen Abwesenheiten das Kommando über sein Regiment übertrug.

Den Gruß erwidernd saß er ab. »Wir haben Verletzte, wenige Gefangene und einen Toten. Bislang.«

»Was ist geschehen?« Bavor kam näher.

»Ein Überfall, in den Bergen vor Ellwangen«, erwiderte Janek.

Bavor neigte den Kopf und wies zum aufgeschlagenen Eingang des Zeltes, den eine dunkelgrüne Standarte mit aufgenähtem, gelbem Kreuz flankierte. Janek und Heinrich traten ein. Im Inneren schilderte Janek kurz die Ereignisse des vorausgegangenen Tages.

Heinrich konnte sich eines abschließenden Kommentars nicht enthalten: »Spätabends holten wir dann eine Kugel aus dem Schenkel unseres Obristen. Bartholomäus konnte kaum mehr etwas sehen. Hat ihn aber trotzdem geplagt und das Blei herausgepult.« Janeks verärgerten Blick ignorierte er.

»Du wurdest verletzt?«, fragte Bavor.

Janek antwortete leichthin: »Bartholomäus hat sich große Mühe gegeben.«

Bavor grinste. »Der Gute. Gott segne ihn.«

»Dieser Segen ist ihm gewiss. Er hatte einiges zu tun gestern Abend. Wir haben trotz aller Mühe einen guten Mann verloren«, erklärte Janek. »Doch nun zum Wesentlichen. Es gibt ein paar interessante Meldungen.«

»Ja? Erzähl!« Bavor zeigte sich, wie so oft, über die Maßen neugierig. Eine Eigenschaft, die manchmal den Anschein des unerwünschten Lauschers vermittelte und hie und da eine Spur Misstrauen aufkommen ließ. Janek, der dank eines losen, aber weit gespannten Netzes an Kontaktleuten einiges an Kriegswissen zusammentrug, wählte seine Worte daher mit Bedacht.

»Feldmarschall Horn hat Memmingen eingenommen. Der Herzog von Württemberg die Burg Hohenzollern.«

»Beachtenswert. Was machen die Bayern?« Bavor beugte sich aufmerksam vor.

»Fugger hatte einen Anschlag auf Augsburg geplant«, berichtete Janek weiter.

»Er ist nicht geglückt.«

»Es gab einen Verräter. Der Augsburger Gouverneur wurde gewarnt und hatte Vorkehrungen getroffen. Fugger musste mit etlichen tausend Mann nach München zurückkehren, ohne Erfolg vermelden zu können.«

»Bravo. Und wie geht es nun weiter?«

»Der Kaiser will Regensburg.«

»Ha, da wagt er etwas! Bernhard von Weimar hat es erst vor wenigen Monaten eingenommen. Glaubt Habsburg, dass er es so schnell wieder hergibt?«

»Zumindest hoffen sie es. Der Kaiser muss Kurfürst Maximilian von Bayern zufriedenstellen, sonst riskiert er Unfrieden mit einem seiner wichtigsten Verbündeten. Bernhard von Weimar ist derzeit in Frankfurt beim schwedischen Kanzler. Ich könnte mir denken, dass ihn Oxenstierna sofort mit dem Entsatz beauftragt.«

»Er täte gut daran. Wir müssen Regensburg unbedingt halten.«

»Meiner Ansicht nach wird Regensburg in seiner strategischen Bedeutung überschätzt«, entgegnete Janek.

»Das denkt Ihr! Viele befinden darüber völlig anders«, fuhr Bavor unerwartet auf, doch Janek entzog sich einer weiteren Diskussion: »Nun, wir können nicht immer einer Meinung sein. Für heute sind der Worte ohnehin genug gemacht.« Janek stand auf und ermunterte Heinrich, es ihm gleichzutun. »Wir haben zwei harte Tage hinter uns.«

Bavor hielt sie auf. »Was wisst ihr von Wallenstein?«

Heinrich sah Janek von der Seite an. Die Ermordung des Generalissimus vor zwei Monaten hatte das Kartenspiel des Krieges noch einmal neu gemischt und sie hatten die letzten Wochen damit zugebracht, die Hintergründe des Anschlags zu erforschen. Aber auch hierzu wollte er nicht zu viel sagen. Daher antwortete Janek vordergründig gelangweilt: »Vom toten Friedländer gibt es nichts, von dem du nicht bereits wüsstest. Die Mörder fanden sich unter seinen eigenen Leuten. Man hat ihn im Kloster der Minoriten zu Mies beigesetzt.«

»Nackt, in einer schmalen Holztruhe«, meinte Heinrich und ergänzte: »Bartholomäus würde weise sagen, dass auf einen schnellen Ritt ein böser Fall folgt. Und dass keiner etwas mitnehmen kann, wenn er aus dieser Welt geht. Aber ein solch unwürdiges Ende ist dennoch erschütternd.«

»Sonst wisst ihr wirklich nichts?«, hakte Bavor nach.

»Nein«, antwortete Janek mit Nachdruck und wechselte das Thema. »Du hast dich eingerichtet?«

Bavor zeigte ein schiefes Lächeln. »Ja, der Bauer auf diesem Hof ist durchaus entgegenkommend. Die Damen des Hauses weniger. Aber wir sind noch eine Weile hier …« Er unterbrach sich. »Verzeih, Vetter, ich weiß um deine strengen moralischen Ansichten.«

Janek überging Bavors spöttische Bemerkung und schlug die Plane des Zelteingangs zurück. »Schlaf wohl heute Nacht. Morgen werden wir uns ausführlicher besprechen.«

»Ich erwarte deinen Ruf«, antwortete Bavor.

Heinrich folgte Janek hinaus. Die Luft hatte etwas abgekühlt, aber es hielt sich noch immer eine angenehme Wärme.

»Wir werden auf dem Hof nächtigen, Heinrich. Der Knecht mag uns führen, damit die Bewohner nicht allzu sehr erschrecken angesichts weiterer fremder Gäste.« Janek warf seinem Freund ein schwaches Grinsen zu. »Mich sehnt es nach einer heimeligen Liegestatt.«

»So wie mich«, gab Heinrich zurück. »Die letzte Nacht war nicht allzu erholsam.«

Sie ließen das Zelt des Obristleutnants hinter sich und erreichten die Stelle, an der Conrad und die zurückgebliebenen Soldaten warteten. Inzwischen hatte sich auch Frieder eingefunden, der mit Bartholomäus geritten war.

Janek gab seinem Jungen einen Klaps auf die Schulter. »Frieder, du kommst mit uns. Lass uns sehen, ob es Platz genug für alle gibt.« Dabei schob er den Jungen zu Conrad und fragte den Knecht: »Wie war doch gleich der Name dieses Besitzes?«

»Man nennt ihn Rosengarten, Herr, nach der Gegend hier.«

»Hoffentlich umgibt es keine Dornenhecke«, witzelte eine tiefe Stimme aus dem Hintergrund.

»Bartholomäus! Immer zu Scherzen aufgelegt. Wir hatten dich bereits verloren geglaubt«, gab Heinrich in heiterem Tonfall zurück.

»Nur Schafe gehen verloren. Ich hingegen weilte noch einige Zeit bei den Verletzten«, meinte der Geistliche. Dann sah er Janek an: »Wir sollten auch deine Wunde noch einmal gründlich versorgen. Die Kugel mag entfernt sein, doch ob sich das Gewebe entzündet hat, wissen wir nicht.«

Janek nickte. »Du wirst mir ohnehin keine Ruhe lassen, Mönch.«

Marie schob den Riegel des Stalles vor und fuhr sich mit dem Ärmel über die Stirn. Für heute war alles gut gegangen, die Tiere waren unversehrt zurückgekehrt und kamen nun langsam zur Ruhe.

Sie wollte gerade die Treppe in den Wohnbereich hinaufeilen, als Hufgeklapper und Männerstimmen im Hof sie aufhorchen ließen. Wer mochte das sein? Eigentlich war das Lager mit ausreichend Vorräten versorgt. Kamen sie, um noch mehr zu holen?

Ebba stand am oberen Treppenabsatz und rief aufgeregt hinunter: »Oh, Marie, da sind ganz andere Soldaten. Zwei sehen aus wie hohe Herren, sie haben Filzhüte auf, mit einer Feder.« Dabei deutete sie einen großen Kreis über ihrem Kopf an.

»Bleib oben, Ebba, und geh sofort in unsere Kammer. Die Männer werfen allzu gern ein Auge auf dich. Je weniger sie von dir zu Gesicht bekommen, desto besser!«

Ebba begann zu maulen: »Es ist doch alles so aufregend. Lass mich wenigstens kurz schauen, dann werde ich auch gleich gehen.«

Marie schüttelte energisch den Kopf. Ebba war zu jung und zu hübsch, und sich der Gefahren zu wenig bewusst. Ginge es nach Marie, so würde Ebba das Haus ohnehin nicht mehr verlassen. Natürlich war dieses Ansinnen praktisch nicht umzusetzen. Vor das Tor aber wagte sich Ebba nicht mehr und auch Marie vermied es, den relativen Schutz des Hofes zu verlassen.

»Tu, was ich dir gesagt habe! Wenn wir mehr wissen, komme ich zu dir und berichte.«

Ebba drehte sich zwar beleidigt um, schickte sich aber dennoch an, Maries Anweisung zu befolgen, wobei sie ihre Schwester leise nachäffte.

Marie verdrehte die Augen. Ein Kind mit dem aufblühenden Körper einer Frau war eine explosive Mischung und nicht ohne Sorge betete sie jeden Tag, dass ihre Schwester bald an Vernunft gewänne. Diese unglaubliche Naivität würde sie eines Tages noch in ernsthafte Gefahr bringen.

Marie zupfte ihre Kleidung zurecht und ging hinaus vor die Tür. Hinter sich hörte sie Schritte, deren Schwere und Unregelmäßigkeit darauf schließen ließ, dass ihr nicht Ebba, sondern Jakob Schenk folgte. Etwas unsicher blieb sie stehen und wartete, bis er zu ihr aufgeschlossen hatte.

Seite an Seite versuchten sie, die Situation abzuwägen.

Mitten im Hof standen mehrere Personen, darunter drei Reiter. Sie waren abgesessen und hielten ihre Pferde am Zügel. Einer von ihnen ging nun einige Schritte auf sie zu, wobei er eine beruhigende Geste machte.

»Keine Angst, Bauer. Wir kommen ohne böse Absichten, brauchen aber Quartier in deinem Haus.«

An seiner Seite ging ein junger Bursche, ein Kind noch, und doch schon groß und kräftig.

Jakob Schenk trat einige Schritte vor.

»Es steht nichts zu befürchten, Bauer!«, unterstrich eine vertraute Stimme die Worte des Fremden und Marie sah erleichtert, wie Conrad aus dem Schatten des Tores hervortrat. Die beiden anderen Reiter kamen ebenfalls näher. Alle drei sahen sehr mitgenommen und müde aus.

Jakob Schenk ging ihnen ein weiteres Stück entgegen und senkte den Kopf, als Zeichen, dass er die Aufforderung verstanden hatte.

»Unsere Pferde müssen versorgt werden«, fuhr der Mann fort und wies Conrad an, die Zügel der Tiere zu übernehmen. Der Knecht tat, wie ihm geheißen und machte sich daran, sie zu füttern, zu tränken und zu säubern.

Während ihr Vater die Männer begrüßte, hielt sich Marie weiter im Hintergrund und versuchte, die Soldaten einzuschätzen.

Ihr Auftreten war überraschend gesittet. Zwei von ihnen waren groß gewachsen und trugen tatsächlich prächtige Filzhüte mit Federschmuck, so wie Ebba gesagt hatte. Der dritte, deutlich kleiner aber von stärkerem Leibesumfang, trug keine Kopfbedeckung und erinnerte Marie entfernt an einen Mönch, obwohl er keine Kutte trug. Der Bursche, eine schiefe Mütze auf den strubbligen Haaren, stand noch immer nah bei seinem Herrn, der bestimmt, aber freundlich zu ihrem Vater sprach.

Einen Augenblick später drehte sich Jakob Schenk um und bedeutete Marie, voran ins Haus zu gehen.

Janek sah die junge Frau in der Türöffnung verschwinden, welche bisher zurückhaltend am Fuß der hohen Schwelle gestanden hatte, die in das Bauernhaus führte. Er konnte sich nicht erklären, weshalb sein Blick immer wieder zu ihr hin geglitten war, während er mit dem Bauern sprach. Etwas an ihr hatte ihn angezogen, ihre Haltung, abwartend und aufrecht, dabei stolz und doch verletzlich. Eine Strähne langen, blonden Haares hatte sich aus ihrem Zopf gelöst und keck unter dem schützenden Kopftuch hervorgestohlen. Für einen kurzen Moment hatte sie ihm in die Augen geschaut, ihn abgeschätzt und dann unauffällig seine Begleiter gemustert. Möglicherweise war sie eine Tochter Jakob Schenks.

Janek kam Bavors unflätige Bemerkung über die Frauen des Hofes in den Sinn. Er brachte durchaus Verständnis für seinen Vetter auf, denn wohlgenährte, ansehnliche Mädchen waren ein seltener Anblick geworden. Doch Janek führte sein Regiment mit harter Disziplin. Wer sich an einem Weib vergriff, hatte mit schweren Konsequenzen zu rechnen.

Er folgte dem Bauern durch die Tür. Dabei musste er den Kopf einziehen, um sich nicht am Rahmen zu stoßen. Schon im Jungenalter war er schnell gewachsen und nun, als Mann, überragte er die meisten seiner Geschlechtsgenossen um Haupteslänge. Lediglich Heinrich musste nicht zu ihm aufschauen, er war von ähnlicher Statur, groß und muskulös. Hintereinander erklommen sie die Treppe ins Wohngeschoss. Jakob Schenk führte sie in die Stube und wies die Mägde an, Brot, Räucherschinken, Käse und Wein aufzutragen.

Der Hof schien begütert zu sein.

Das Erdgeschoss des Fachwerkbaus bestand aus massiven Steinwänden, die Möbel des Wohnraumes waren aus gutem Holz und mit Schnitzereien, einige sogar mit Malereien verziert. Die beiden großen Fenster waren aus farbigem Glas gearbeitet, das rechte zeigte rote Trauben und Reben, das linke ein religiöses Motiv.

Janek streckte die Beine aus und unterdrückte einen Schmerzenslaut. Seine Verletzung setzte ihm mehr zu, als er sich bislang eingestanden hatte. Der letzte Tag im Sattel war der Schusswunde nicht zuträglich gewesen. Vielleicht verspürte er deshalb keinen rechten Appetit, obwohl sie den ganzen Tag lang keine ordentliche Mahlzeit zu sich genommen hatten. Er zwang sich, ein Stück des knusprigen Dinkelfladens und etwas Käse zu essen.

Müdes Schweigen umgab die kleine Tischgesellschaft, nur Bartholomäus ließ hin und wieder einen zufriedenen Rülpser hören.

In der angrenzenden Küche ging es dagegen geschäftig zu. Zwei Frauen unterhielten sich leise, während sie mit Geschirr und Töpfen hantierten. Plötzlich fiel eine Tür laut ins Schloss und alle sahen auf.

»Marie!«, ließ sich nebenan eine Mädchenstimme vernehmen, »du hast es versprochen!«

Eine zweite Stimme antwortete in gedämpftem Ton, so dass nichts mehr zu verstehen war. Der sich anschließende Wortwechsel ging ruhiger vonstatten und die Situation schien sich zu klären.

Jakob Schenk, der bisher in einer Ecke gesessen und das Essen abgewartet hatte, erhob sich erkennbar nervös und trat an den Tisch. »Ihr könnt in den oberen beiden Kammern schlafen. Sie liegen direkt nebeneinander.«

»Gut«, erwiderte Janek und stand auf. Er konnte die väterliche Sorge des alten Mannes deutlich spüren und beschloss, sie ihm zu nehmen.

»Deinen Töchtern und Mägden wird nichts geschehen, Bauer.« Jakob Schenk nickte kurz und Janek sah einen dankbaren Ausdruck über sein Gesicht huschen.

»Ich bleibe noch hier unten«, meinte Bartholomäus beiläufig und zog Frieder, der ebenfalls aufgestanden war, am Hemdzipfel zurück auf die Holzbank. »Frieder leistet mir noch etwas Gesellschaft, nicht wahr?«

Janek sah seinen Jungen an, der für diesen Vorschlag dankbar zu sein schien, aber mit seinem Gewissen rang.

»Ich sollte Euch helfen, das Gepäck nach oben zu tragen«, meinte er pflichtschuldig.

»Ruh dich lieber aus. Du bist vollkommen erschöpft«, antwortete Janek. »Wir holen dich schon zur rechten Zeit.« »Heinrich«, sagte er dann, an seinen Freund gewandt, »wir postieren einige Wachen vor dem Hoftor.«

»Das habe ich bereits veranlasst«, erwiderte dieser. »Und nicht nur zum Schutz der anwesenden Damen«, fügte er hinzu.

»Du denkst mir inzwischen voraus, mein Freund. Bald übergebe ich dir mein Kommando«, witzelte Janek und schickte sich an, hinter Jakob Schenk die Stube zu verlassen.

Die beiden Kammern im Dachstock waren eng, einfach ausgestattet und wurden eigentlich vom Gesinde bewohnt.

In der größeren standen zwei einfache und schmale Bettgestelle mit groben, strohgefüllten Matratzen, außerdem ein kleiner Holztisch mit zwei dreibeinigen Hockern. Der kleinere Raum war lediglich mit ausgestopften Säcken bestückt, mehr hätte nicht hineingepasst.

Vor den Kammern lag der Abzug des Kamins, der aus mit Geflecht ausgefachten Eichenhölzern bestand und offensichtlich erst in jüngerer Zeit eingebaut worden war. Die schwarz gefärbten Sparren und Balken des Dachs ließen darauf schließen, dass sich der Rauch jahrzehntelang direkt unter der Giebelkonstruktion gesammelt hatte und erst dann durch die Ritzen zwischen den Ziegeln ins Freie abgezogen war. Im Rauchfang hing gesalzenes Fleisch, davon zeugte ein würziges Aroma, das neben dem Geruch von kaltem Rauch in der Luft hing.

Jakob Schenk wartete, bis Janek und Heinrich ihre Unterkunft inspiziert hatten.

»Gibt es noch einen Raum, Bauer?«, fragte Heinrich.

Dieser zögerte und Janek nahm wahr, wie er schwer schluckte. Dann rang er sich zu einer Antwort durch.

»Unten … neben der Kammer meiner beiden Töchter. Der Webstuhl steht darin und nur ein Bett. Mehr als eine Person wird kaum Platz finden.«

»Die untere Kammer ist für dich, Obrist«, meinte Heinrich großzügig zu Janek. »Ich selbst werde mich den nächtlichen Darbietungen unseres Geistlichen anempfehlen. Somit kann er mir die Absolution praktischerweise im Schlaf erteilen.«

Janek schmunzelte. Bartholomäus’ Rachen entschlüpfte nachts eine erstaunliche Vielfalt an Geräuschen, die seine Umgebung regelmäßig um den Schlaf brachte.

»Bartholomäus soll die kleinere Kammer bewohnen, zusammen mit Frieder«, antwortete er. »Der stört sich kaum an nächtlichen Predigten und braucht auch nicht allzu viel Platz. Nimm du diesen Conrad dazu, den jungen Mann, der uns hergebracht hat. Natürlich können wir auch Decaen nötigen, hier zu schlafen, wenn er denn endlich eintrifft.«

Heinrich lachte, wusste er doch, dass Henri Decaen sein Zelt jeder festen Unterkunft vorzog. Ferner verstand er auch ohne Worte, dass Janek mehr über den Knecht erfahren wollte, der ihnen beiden angesichts seiner niederen Stellung außergewöhnlich sachkundig erschien.

Der Bauer hatte ihre heitere Unterhaltung still mitgehört und Janek schien es, als sei er mit dieser Lösung zufrieden. Er sah zu Jakob Schenk und nickte ihm zu.

»So werden wir es halten. Dein Knecht kann hier oben bleiben. Zeig mir das untere Zimmer.«

Gemeinsam stiegen sie die schmale Stiege hinunter und der Bauer erklärte: »Hier wohnte bis vor zwei Jahren meine Schwester. Sie starb an einem Fieber. Seither wird es von den Mägden bewohnt.«

Janek bemerkte einige wenige weibliche Habseligkeiten auf einem winzigen Hocker. Zwei Frauen schienen sich das Bett zu teilen.

»Grete wird es zurechtmachen. Ich hoffe, Ihr seid zufrieden.«

»Hab Dank, Bauer.«

Dieser räusperte sich und sprach mit fester Stimme weiter: »Ihr denkt an Euer Versprechen, Herr?«

Janek nickte. Gab er sein Wort, so hatte es Bestand. Nicht zuletzt deshalb galt er als hart, aber ehrenhaft.

Jakob Schenk beschloss, sich auf diese Zusage zu verlassen. Erschöpft wandte er sich zum Gehen und strebte seinem eigenen Zimmer zu. Man würde Ebba im Auge behalten müssen. Um Marie hatte er weniger Angst, sie entwand sich männlicher Aufmerksamkeit meist unauffällig und geschickt. Er ließ die Kammertür hinter sich ins Schloss fallen.

Nur wenige Minuten später verließ Marie die Küche, um ihren Vater aufzusuchen und ihn für die Nacht vorzubereiten.

Als sie auf den Flur trat, stieß sie beinahe mit zwei der fremden Männer zusammen, die gerade den Flur entlangeilten. Während der erste eine kurze Entschuldigung murmelte und die Treppe hinabstieg, blieb der andere stehen.

Bereits auf dem Hof war ihr aufgefallen, dass er sie immer wieder angesehen hatte, doch nie lange genug, um ein aufdringliches Interesse vermuten zu lassen.

Unwillkürlich verfingen sich ihre Blicke.

In seinen Augen blitzte etwas auf, das Marie irritierte, aber nicht ängstigte. Sie wollte sich rasch zurückziehen, als er sie überraschend ansprach: »Warte einen Augenblick.«

Seine Stimme klang dunkel und warm, hüllte sie ein mit einem tragenden Klang. Marie nickte nur, da die ihre plötzlich nicht mehr gehorchen wollte.

Ein ungewohntes Gefühl breitete sich in ihrer Magengegend aus, ein leichtes Flattern, das sie für einen Augenblick den Atem anhalten und den Blick senken ließ. Dann sah sie wieder auf.

Janek spürte ihre Unsicherheit und trat einen kleinen Schritt zur Seite, um ihr etwas mehr Raum zu geben. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, als er fragte: »Des Bauern Tochter?«

Sie nickte. »Marie Schenk.«

»Nun, Marie. Wäre es möglich, warmes Wasser zu bekommen?«

Üblicherweise überantwortete er die Organisation solcher Dinge Frieder oder Bartholomäus, aber dieses zufällige Zusammentreffen ließ ihn unversehens nach einem Grund suchen, um weitere Worte mit ihr zu wechseln. Ihre bejahende Antwort vernahm er nur mit halbem Ohr, denn die unverfälschte, wenn auch scheue Freundlichkeit, mit der sie ihn ansah, ließ eine eigenartige Wärme in ihm aufsteigen.

»Wenn Ihr es so wünscht. Soll es in Eure Kammer gebracht werden?«

»Am besten zwei große Eimer nach oben und einen weiteren in diese Kammer dort hinten. Ich denke nicht, dass unserem Reiseschmutz mit einem einzigen Eimer beizukommen sein wird.«

Marie fiel es plötzlich überraschend leicht, auf seinen scherzenden Ton einzugehen.

»Nun, ich will mich gerne kümmern, Herr. Werden Eimer reichen? Sollen wir uns nicht gleich um einen Zuber bemühen?«

Ihre Schlagfertigkeit verblüffte Janek. Zweifellos verbreiteten sie alle inzwischen einen äußerst unangenehmen Geruch, von ihrem verwilderten Aussehen ganz zu schweigen.

»Offensichtlich gleichen wir derzeit eher einem halb verhungerten Rudel Wölfen denn Menschen«, meinte er mit einem Augenzwinkern.

Marie, erschrocken über ihre eigene Courage, trat eine leichte Röte ins Gesicht.

»Das habe ich damit nicht sagen wollen. Eigentlich meinte ich, dass es nur selten …«, stammelte sie verlegen.

»… die Söldner zum Waschtrog drängt?«, ergänzte Janek. »Das ist wahr, die wenigsten kennen den Wert einer sauberen Haut. Doch sei unbesorgt. Ich habe dich recht verstanden. Abgesehen davon stimmt es nun einmal, wir sind starr vor Dreck und anderen unschönen Dingen und, glaube mir, deine Ehrlichkeit erheitert mich. Außerdem bin ich einem Zuber Wasser von Zeit zu Zeit nicht abgeneigt.«

Maries Anspannung ließ etwas nach, während sie versuchte, diesen Mann einzuschätzen.

Er war von erstaunlicher Körpergröße und sah deutlich mitgenommen aus. Verschorfte Kratzer zeichneten Stirn und Handrücken, eine schmierige Schmutzschicht hatte sich in seinen dunklen, halblangen Haaren, auf Haut und Kleidung festgesetzt. Ein mehrere Tage alter Bart überzog Wangen und Hals, ohne die prägnanten Gesichtszüge wirklich verbergen zu können.

Unwillkürlich suchte sie erneut seine Augen.

Obwohl ihre Farbe im matten Licht der Talglichter nicht zu erkennen war, nahm Marie die Intensität wahr, mit der sie auf ihr ruhten. Unvermittelt spürte sie eine seltsame Nähe entstehen, eine Empfindung, die sie aufwühlte.

»Marie!« Jakob Schenks fordernde Stimme drang durch die Kammertür und brach den stillen Zauber dieses Augenblicks.

»Sofort, Vater!«, antwortete Marie und neigte entschuldigend den Kopf.

»Geh zu ihm, Marie Schenk«, sagte Janek und wandte sich zur Treppe. Auf der ersten Stufe hielt er kurz inne, setzte dann aber seinen Weg fort, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Marie stand derweil wie angewurzelt auf dem Flur und sah ihm nach. Leicht benommen gab sie Grete schließlich die Anweisung, eine größere Menge warmen Wassers zu bereiten.

Als sie das Zimmer ihres Vaters betrat, waren Janeks Schritte verklungen.

»Ist dir jemand nahe gekommen?« empfing Jakob Schenk seine Tochter.

Marie schüttelte den Kopf. »Nein, Vater. Einer der Offiziere bat um heißes Wasser.« Sie begann, ihrem Vater aus den Kleidern zu helfen und präzisierte: »Ein großer, dunkler Mann.«

»Sicher dieser Georg von Schwanberg, der Obrist. Scheint von Adel zu sein. Conrad vermutet, dass er aus dem Böhmischen stammt, er hat so eine Art zu sprechen. Er führt die Reiter, die sich hier festgesetzt haben.« Jakob Schenk räusperte sich. »Und er gab mir sein Wort, dass niemand etwas zu befürchten hat.«

Marie verstand die unausgesprochene Frage hinter dieser Feststellung.

»Er ist mir weder zu nahe gekommen noch habe ich eine Aufforderung hinter seinem Wunsch erkennen können. Aber ich sehe mich vor, Vater.«

»Ist Ebba in eurer Kammer?«

»Ja. Und dort bleibt sie. Zumindest, bis wir besser abschätzen können, wer diese Männer sind und ob wir ihnen wirklich trauen können.«

Jakob Schenk, den sein Bein arg plagte, schloss die Augen. »Conrad hat ein gutes Gefühl was diese Männer angeht. Hoffen wir, dass er sich nicht täuscht.«