Die Totenbändiger - Band 4: Feindschaften - Nadine Erdmann - E-Book

Die Totenbändiger - Band 4: Feindschaften E-Book

Nadine Erdmann

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Beschreibung

Topher sinnt auf Rache und auch sonst läuft für die Hunts in der Schule einiges mies. Gabriel, Sky und Connor werden unterdessen als Spuks in eine bewachte Wohnanlage gerufen. Eigentlich klingt alles nach einem Routineeinsatz. Eigentlich. Doch was lauert wirklich in den Häusern? Der 4. Roman aus der Reihe, "Die Totenbändiger", von Nadine Erdmann.

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Seitenzahl: 198

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Table of Contents

Feindschaften

Was bisher geschah

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Vorschau

Impressum

Die Totenbändiger

Band 4

Feindschaften

von Nadine Erdmann

 

 

 

 

 

Was bisher geschah

 

Nach dem Fund von achtundsiebzig Leichen im Londoner Untergrund ermitteln Gabriel, Sky und Connor, um herauszufinden, ob es eine Verbindung zu einem ungeklärten Mordfall vor dreizehn Jahren gibt, bei dem es nur einen Überlebenden gab – ihren Adoptivbruder Cam. Da die Untersuchungen inoffiziell bleiben sollen, um die Bevölkerung mit der möglichen Präsenz eines Massenmörders nicht in Panik zu versetzen, bitten die drei die Ghost Reapers um Hilfe.

Cornelius Carlton, der Schulleiter der Akademie der Totenbändiger, konnte beim Stadtrat durchsetzen, dass im kommenden Oktober darüber abgestimmt wird, ob die Gilde der Totenbändiger einen Sitz im Stadtrat erhalten soll. Das sind jedoch nicht Carltons einzige Pläne. Gemeinsam mit seinen Anhängern baut er im Norden Englands einen Ort auf, an dem die Rasse der Totenbändiger wachsen und gedeihen soll: Newfield. Jazlin Two, eine seiner Schülerinnen, läuft aus der Akademie davon, als Carlton sie nach Newfield bringen lassen. Jaz schlägt sich auf den Straßen Londons durch und landet schließlich bei den Hunts, die ihr ein neues Zuhause in ihrer Familie anbieten.

Susan Hunt kennt Cornelius Carlton von ihrer gemeinsamen Zeit in der Akademie und fürchtet, dass er mit allen Mitteln versuchen wird, den Platz im Stadtrat für sich zu beanspruchen, sollten die Totenbändiger dort einen Sitz bekommen. Sie vermutet, Cornelius setzt sich nur nach außen hin für die Gleichstellung der Totenbändiger ein, verfolgt aber insgeheim die gleichen Ziele wie die Hardliner ihrer Gemeinschaft: die Dominanz über die Normalbevölkerung. Mithilfe von Sky, Gabriel, den Ghost Reapers und einigen Freunden setzt Sue sich für ein neues Wahlsystem, mehr Transparenz und mehr Mitwirkungsmöglichkeiten in ihrer Community ein sowie für stärkere Kontrollen der Vorgänge an der Akademie.

Cam wird an der Schule, die er im Rahmen eines Pilotprojektes mit seinen Geschwistern besucht, immer wieder von Topher schikaniert. Als dieser Cam mit einem Messer verletzt, erstatten Sue und Phil Anzeige gegen ihn.

In der Vollmondnacht kann Cam seinen Geschwistern durch Zufall beim Aufspüren eines Wiedergängers helfen, wird bei dessen Eliminierung aber von seinem Geist verschlungen. In dessen Inneren vernimmt Cam zusammenhanglose Wortfetzen, mit denen er nichts anzufangen weiß. Da er niemanden beunruhigen will, behält er den Vorfall für sich.

Cam hat außerdem festgestellt, dass Geistervernichten für ihn nicht mehr nur ein Training darstellt, es hilft ihm auch, ruhiger zu schlafen. Nach einem Kampf gegen einen starken Schattengeist hatte er die erste alptraumfreie Nacht seit Monaten. Beflügelt davon, schleicht er sich nun jeden Abend raus. Als Jules ihn dabei erwischt, bietet er ihm an, ihn zu begleiten, verlangt als Gegenleistung jedoch von Cam das Versprechen, sich nicht mehr alleine herauszuschleichen.

Kapitel 1

 

Montag, 16. September

Eine Woche bis zum Herbstäquinoktium, der zweiten Unheiligen Nacht des Jahres

 

Jaz schritt durch das eiserne Schultor mit den beiden Raben und betrachtete das Gebäude vor sich: ein moderner Bau mit großen Fenstern, der irgendwann in den letzten Jahren einen frischen Außenanstrich erhalten hatte. Drumherum lag der Schulhof mit alten Bäumen, ein paar Tischtennisplatten, einem Basketballfeld und jeder Menge Bänken und Picknicktischen. Eine absolut typische Schule – und damit Lichtjahre von der altmodischen, steifen Akademie entfernt, an der Jaz bisher unterrichtet wurde. Sie fand es cool hier und daran konnten auch die Blicke nichts ändern, die einige ihrer Mitschüler ihr zuwarfen, als sie mit Ella, Cam und Jules zum Haupteingang lief. Nicht jeder war begeistert darüber, dass jetzt noch eine Totenbändigerin hier mit ihnen zur Schule ging.

Evan wartete neben dem Eingang und lächelte den vieren entgegen. »Willkommen an der Ravencourt.« Er hielt Jaz seine Hand für ein Fistbump hin.

»Danke.« Sie knockte ihre Faust gegen seine.

»Musst du noch ins Sekretariat?« Er zog ihr und den anderen die Tür auf.

»Nein. Meinen Stundenplan hab ich schon. Ist derselbe, den Ella, Cam und Jules haben. Ich glaube, die Carroll hofft, dass in den Kursen, in denen sowieso schon drei Totenbändiger sitzen, eine mehr nicht weiter auffällt.«

Evan lachte. »Und was ist mit dem Wahlpflichtbereich? Da sind Cam, Ella und Jules in verschiedenen Kursen.«

Jaz lächelte diabolisch. »Jaaa, da schwärmen wir aus, um so im Geheimen die Schule zu unterwandern. Deshalb hab ich Leichtathletik gewählt.«

Wieder lachte Evan und Ella rempelte Jaz grinsend ihren Ellbogen in die Seite. »Sei nett!«

»Hallo?! Bin ich immer – solange man auch nett zu mir ist.« Jaz schlang ihren Arm um Ellas Schultern und zeigte Evan einen Zettel mit ihrer Spindnummer. »Weißt du, in welchem Gang der ist?«

Evan warf einen Blick darauf und übernahm die Führung. »Sicher.«

»Wir treffen uns im Matheraum!«, rief Jules ihnen hinterher.

Er und Cam waren ein paar Schritte hinter den dreien gelaufen, doch jetzt hielt Jules Cam zurück, als er den anderen weiter folgen wollte.

»Hey, alles okay?« Ihm waren die wachsamen Blicke nicht entgangen, mit denen Cam die Umgebung im Auge behielt, seit sie den Schulhof betreten hatten. »Wenn du dir Sorgen wegen Topher machst –«

»Nein, mache ich mir nicht«, würgte Cam ihn ab.

Jules seufzte, weil offensichtlich war, dass Cam log. »Cam, du musst nicht –«

»Hey Arschloch!«

Cam fuhr herum.

Hinter ihnen im Gang war Emmett aufgetaucht. Flankiert von Dave und Scott schlenderte er betont lässig auf sie zu.

Sofort trat Jules ihnen entgegen. »Halt die Klappe, Emmett. Und verschwindet.«

»Sonst was?«, fragte der spöttisch. »Holst du deine Nebelpeitsche raus und strangulierst uns damit? Bitte tu es. Zeigt uns, was für Freaks ihr seid. Genau darauf warten hier alle.« Provozierend trat er einen Schritt auf Jules zu.

Der ballte die Fäuste, doch Cam packte ihn am Ärmel und schob ihn hinter sich. Er hatte sich am Abend zuvor fest vorgenommen, Topher, Emmett und dem Rest ihrer kleinen Gang genauso die Stirn zu bieten, wie Jaz es getan hatte. Allerdings ohne den Einsatz seiner Kräfte. Zumindest, solange er auf dem Schulgelände war. Sein Herz klopfte bis zum Hals und er hasste es, dass er sich nicht wirklich so cool und taff fühlte, wie er es gerade vorgab.

Als er am Abend zuvor im Bett gelegen und Magenschmerzen wegen des unausweichlichen Schulbesuchs am nächsten Morgen gehabt hatte, war ihm klargeworden, dass er die Sache in echt nicht hinbekommen würde. Er war nicht cool und taff. Aber er war gut darin, niemanden sehen zu lassen, wie es in seinem Inneren aussah. Also musste er es nur hinbekommen, überzeugend so zu tun als ob.

Dabei half es allerdings kein bisschen, dass Jules anscheinend plötzlich dachte, er müsste ihn beschützen.

»Was willst du, Emmett? Und wo ist Topher?«

Emmett bedachte Cam mit einem hämischen Grinsen. »Schiss, dass er plötzlich hinter dir steht?«

»Warum? Weil du Schiss hast, dass es dir mit Jaz so ergehen könnte?«, schoss Cam zurück. »Ist das der Grund, warum Topher nicht hier ist? Hat er Schiss?«

Blitzartig verschwand das Grinsen aus Emmetts Gesicht und er rückte Cam drohend näher auf die Pelle. »Als ob hier irgendeiner von uns Schiss vor dir hätte, du Freak!«

Ungerührt blieb Cam stehen und erwiderte Emmetts Blick.

»Die Carroll hat Topher für heute suspendiert, weil deine Mummy am Wochenende Stress bei ihr gemacht hat. Was für ein armseliger Waschlappen bist du eigentlich? Hast du überhaupt keinen Stolz? War es dir nicht peinlich, zu Mummy und Daddy zu rennen und so sehr rumzuheulen, dass sie gleich mit dir zur Polizei gegangen sind? Aber keine Sorge. Du wirst schon sehen, was du davon hast. Genieß den Tag heute. Wer weiß, was der morgige dir bringen wird.«

Mit einem heimtückischen Lächeln auf den Lippen rempelte Emmett sich an Cam vorbei und verschwand mit Dave und Scott im Gewühl ihrer Mitschüler.

Jules legte Cam eine Hand auf die Schulter. »Alles okay?«

Cam schüttelte ihn ab. »Ja, alles gut. Ich komme allein klar.«

Jules seufzte. »Das weiß ich. Aber nur, weil du alleine klarkommst, heißt das ja noch lange nicht, dass du es auch musst. Und keiner von uns sollte im Moment alleine hier rumlaufen.«

»Na, dann komm.« Ohne weiter darauf einzugehen, wandte Cam sich um und lief in Richtung Matheraum.

 

»Hey Ella!«

Teagan schob sich durch das Gedrängel ihrer Mitschüler, in ihrem Schlepptau Astrid und Lindsay.

»Hi Teagan. Das ist Jaz.«

Jaz klappte die Tür ihres neuen Spinds zu und drehte sich zu Ellas Freundinnen um.

»Hi.«

Jaz kannte Teagan bereits, wenn auch nur inoffiziell und nicht persönlich. Ella hatte ihr Teagans Instagram-Account gezeigt, auf der sie mit vielen Videos und Fotos ihr – wie Jaz fand – erstaunlich langweiliges Leben präsentierte. Teagan in Shops beim Klamottenkaufen. Teagan in Shops beim Kosmetikkaufen. Teagan zu Hause beim Anprobieren, Ausprobieren und Kombinieren ihrer Einkäufe. Teagans Frühstück, Teagans Lunch, Teagans Tea-Time, Teagans Abendessen – und hin und wieder ein paar gestellte Selfies oder Fotos mit ihren Freundinnen. Jaz hatte sich schon nach den ersten drei Bildern gefragt, warum jemand das Bedürfnis hatte, so langweiligen Kram über sich in der Welt zu verbreiten. Doch aus irgendeinem Grund gefiel etlichen Leuten das offensichtlich und sie folgten Teagan.

Die einzigen Videos, die Jaz cool fand, waren die von Ella. Bisher gab es davon drei. Eins, in dem Teagan sie vorstellte und Ella ein paar allgemeine Einblicke in das Leben einer Totenbändigerin gab. Ein zweites Video hatten sie an der Ravencourt aufgenommen und darin erzählte Ella, wie es war, zum ersten Mal zur Schule gehen zu können. Und im dritten Video beantwortete sie Fragen, die Teagans Follower ihr hatten stellen können. In allen Videos ging es darum, mit dummen Vorurteilen und falschen Vermutungen aufzuräumen und Jaz fand, Ella machte das verdammt gut. Mit ihrer offenen, unbekümmerten Art und ihrem gewinnenden Lächeln hatte sie schnell viele für sich gewonnen. Das bestätigte die hohe Anzahl der Klicks und Likes ihrer Videos.

Teagan schenkte Jaz ein Lächeln. »Hallo Jaz. Willkommen an der Ravencourt. Das sind Astrid und Lindsay«, stellte sie ihre beiden Begleiterinnen vor.

»Ich weiß. Ella hat mir von euch erzählt.«

»Cool. Wir wissen auch schon einiges über dich.« Teagan nickte zur Tür des Medienraums und grinste verschwörerisch. »Deshalb hab ich auch eine unglaublich geniale Idee für ein neues Video. Kommt mit.«

Montagmorgens erschienen die meisten Schüler erst auf den letzten Drücker zum Unterrichtsbeginn und die fünf hatten den Medienraum für sich.

»Dann schieß mal los.« Ella setzte sich auf einen der Tische und ließ die Beine baumeln. »Was ist deine geniale Idee? Dass Jaz und ich gemeinsam ein Video machen?«

»So ungefähr.« Teagan legte ihre teuer aussehende Schultasche neben Ella ab und strich sich schwungvoll die glänzenden Haare über die Schulter. »Aber diesmal machen wir ein Actionvideo.«

Ella hob die Augenbrauen. »Okaaay.«

Jaz schwang sich neben ihr auf den Tisch. »Wie das? Willst du uns beim Geisterbändigen filmen?«

»Exakt!« Teagan stieß ihren Zeigefinger in Jaz’ Richtung. »Ich mag, dass du mitdenkst. Und du siehst heiß aus. Dieses dunkle Rot … deine Haarfarbe ist echt der Knaller. Wenn du die offen lässt und wir dich in enge Klamotten stecken – das wird der Hammer, ich schwör’s dir. Und Ella, du kannst weiter auf süß und niedlich machen. Das kommt bisher ja ziemlich gut an.«

Jaz runzelte die Stirn. »Dir ist aber schon klar, dass es beim Geisterbändigen nicht darauf ankommt, wie man aussieht, ja? Es geht darum, den Geist zu killen, bevor er dich killt.«

»Aber das eine muss das andere doch nicht ausschließen.« Teagan zwinkerte ihr vielsagend zu. »Aber Klamotten und Styling können wir später noch klären. Zuerst müssen wir ein paar organisatorische Dinge besprechen. Kennt ihr einen Ort, an dem zu Äquinoktium garantiert Geister herumhängen werden? Wir müssen auf jeden Fall –«

»Moment«, unterbrach Jaz. »Du willst das Video an Äquinoktium aufnehmen?«

»Exakt, dann haben wir noch eine Woche, um die perfekte Location zu finden und alles vorzubereiten.«

Ella schüttelte den Kopf. »Das geht nicht. Es ist verboten, sich in Unheiligen Nächten draußen aufzuhalten.«

Unbeeindruckt zuckte Teagan mit den Schultern. »Ja und? Ihr seid Totenbändiger. Euch sollten solche Regeln doch egal sein.«

»Ehm … nein, sind sie nicht«, stellte Jaz klar. »Wir leben genauso gerne wie ihr. Und keiner, der klar bei Verstand ist, geht in einer Unheiligen Nacht vor die Tür, schon gar nicht zum Geisterjagen. Die Biester sind in diesen Nächten doppelt so stark und völlig unberechenbar. Es gibt die Ausgangssperren ja nicht ohne Grund.«

An normalen Tagen galten Ausgangssperren nur für Minderjährige und die Zeiten, ab denen sie sich nicht mehr alleine draußen aufhalten durften, variierten je nach Jahreszeit. Zu den vier Unheiligen Nächten wurden Ausgangssperren jedoch für die gesamte Bevölkerung verhängt. Zum Frühlings- und Herbstäquinoktium schlossen Behörden, Geschäfte und Restaurants sowie Kinos und Theater bereits um 16.30 Uhr. Eine Stunde später stellten Busse und Bahnen ihren Dienst ein und ab 18.00 Uhr stand das öffentliche Leben still. In den Unheiligen Nächten zu Samhain und der Wintersonnenwende begannen die Ausgangssperren sogar noch früher. Man verschanzte sich in den Häusern, sicherte Fenster, Türen und offene Kamine, und außer Rettungskräften, Notfalltaxis und Menschen mit Sondergenehmigungen wagte sich niemand ins Freie.

»Ja, schon klar, dass Unheilige Nächte gefährlich sind.« Teagan rollte die Augen. »Aber, Himmel, ihr seid Totenbändiger! Einen blöden Geist werdet ihr zu zweit doch wohl hinbekommen. Das Video wäre einfach nur mega!«

Wieder schüttelte Ella den Kopf. »Nein, das geht wirklich nicht. Selbst wenn wir es am Wochenende machen würde, wäre das schon zu gefährlich. In den Nächten vor der Unheiligen Nacht sind die Seelenlosen auch schon unberechenbar. Vielleicht geht es noch am Donnerstag, aber –«

»Ich will aber nicht den Donnerstag«, fiel Teagan ihr schneidend ins Wort und ihre Freundlichkeit war plötzlich wie weggeblasen. Stattdessen wirkte sie genervt und ziemlich angepisst. »Ich will die Unheilige Nacht und ihr beide solltet euch besser ein bisschen kooperativer zeigen, ansonsten poste ich an Äquinoktium ein ganz anderes Video, in dem ich allen erzähle, dass ihr zu feige seid, um eure Fähigkeiten fürs Allgemeinwohl einzusetzen.«

»Was?!« Ungläubig starrte Ella sie an.

»Na, statt Geister zu vernichten und der Bevölkerung zu helfen, verkriecht ihr euch«, sagte Teagan schnippisch. »Vielleicht stimmt es also doch: Man kann euresgleichen nicht über den Weg trauen. Ihr seid total egoistisch.« Sie nahm ihre Tasche und bedachte Ella und Jaz mit warnenden Blicken. »Überlegt euch, ob ihr wirklich so rüberkommen wollt. Was glaubt ihr, wie schnell ihr hier an der Schule dann unten durch sein werdet.«

Mit einem Kopfnicken bedeutete sie Astrid und Lindsay zu gehen und die drei marschierten wie einstudiert im Gleichschritt aus dem Medienraum.

Fassungslos sah Ella ihnen hinterher.

Jaz atmete tief durch und entschied dann, dass es vermutlich keine gute Idee war, gleich an ihrem ersten Schultag einer ihrer Mitschülerinnen an die Gurgel zu gehen. Stattdessen legte sie einen Arm um Ella.

»Ich sag es dir echt nur ungern, aber ich fürchte, ich kann deine Freundinnen«, sie malte mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft, »nicht besonders gut leiden.«

Ella schluckte. »Ich gerade auch nicht.«

Kapitel 2

 

Wie jeden Schultag bedeutete die Glocke zur Mittagspause für Cam eine Auszeit. Sich fünf Schulstunden lang auf verschiedenen Unterrichtsstoff zu konzentrieren und gleichzeitig mit Mitschülern und Lehrern zurechtkommen zu müssen, verlangte ihm einiges ab und er war jedes Mal froh, wenn er sich mittags endlich für eine Stunde zurückziehen konnte. Meistens verbrachte er die Zeit alleine mit Evan. Wenn das Wetter gut war, suchten sie sich einen Platz in einer Ecke des Schulhofs, etwas abseits von den anderen. Bei schlechtem Wetter gingen sie in Bibliothek, in der Ms Waterstones für himmlische Ruhe sorgte.

Jules blickte Cam und Evan hinterher, als sie durch eine der Seitentüren auf den Schulhof verschwanden. Cam hatte ziemlich deutlich gemacht, dass er Jules nicht als Aufpasser um sich haben wollte. Jules seufzte, weil es ihm darum gar nicht ging. Jedenfalls nicht nur.

Klar wollte er nicht, dass Topher oder Emmett Cam noch einmal verletzten. Doch es gab noch einen ganz anderen Grund, warum er gerne in Cams Nähe war. In den letzten drei Monaten hatte er ihn schrecklich vermisst. Seit Cam ihm gestanden hatte, was er für ihn empfand und Jules ihm gesagt hatte, dass er keine feste Beziehung wollte, hatte Cam sich von ihm zurückgezogen. Obwohl Jules das verstehen konnte und er es Cam nicht übel nahm, hasste er es. Cam war sein Seelenverwandter und das zwischen ihnen war etwas Besonderes – auch wenn sich das verdammt kitschig anhörte. Aber anders konnte Jules es nicht beschreiben. Er liebte die Zeit, die er mit seiner Clique im Park verbrachte, und es war aufregend, neue Leute in der Schule kennenzulernen. Außerdem war er neugierig, was Sex anging, und wollte Sachen ausprobieren. So vieles da draußen war spannend und neu und er war einfach hungrig nach dem Leben.

Doch er vermisste auch die Abende, an denen er und Cam alleine herumhingen. Deshalb war das Wochenende so genial gewesen. Cam und er hatten am Samstagabend ein Endzeit-Roleplay-Game angefangen und das Spiel war der absolute Wahnsinn. Sie hatten die halbe Nacht und den kompletten Sonntag durchgezockt. So wie früher. Es hatte unfassbar gutgetan, Cam wieder bei sich zu haben und Zeit nur mit ihm zu verbringen – was es allerdings umso ätzender machte, dass er Jules in der Schule offensichtlich nicht um sich haben wollte.

Nicht, dass Jules ihm die Zeit mit Evan nicht gönnte. Im Gegenteil. Evan war ein netter Kerl. Er hatte Cam schon ein paar Mal geholfen und wenn er es schaffte, ihn ein bisschen aus seinem Schneckenhaus zu locken und offener für neue Leute zu machen, war das cool.

Jules sah den beiden hinterher, bis sie hinter der Ecke des Schulgebäudes verschwanden, dann machte er sich auf, um Stephen zu suchen. Der hatte ihm in Mathe und Englisch die kalte Schulter gezeigt, vermutlich weil Jules am Samstag nicht zu seiner Party gekommen war.

Wie immer bei gutem Wetter fand er Stephen draußen auf dem Basketballfeld zusammen mit den anderen Jungs aus ihrer Basketball-AG nebst einiger Mädchen, die am Spielfeldrand saßen, ihren Freunden zusahen und miteinander quatschten. Jules legte seinen Rucksack ab, lief aufs Spielfeld und eroberte nach einem Rebound den Ball. Sofort sprang Tyler ihm in den Weg, rempelte ihn grob an und jagte ihm den Ball wieder ab.

»Hey, das war ein Foul!«, beschwerte Jules sich.

»Buhu. Und jetzt?«, gab Tyler provozierend zurück. »Gehst du zur Polizei und zeigst mich an?« Er dribbelte geschickt an Jules vorbei und spielte mit den anderen weiter.

Stirnrunzelnd sah Jules ihm hinterher.

»Ich glaube, es ist besser, wenn du die Spielrunde heute Mittag ausfallen lässt«, meinte Stephen hinter ihm.

Jules wandte sich zu ihm um. »Warum? Weil ich am Samstag nicht auf deiner Party war? Ich hab dir eine Nachricht geschickt und gesagt, dass meine Familie mich brauchte.«

»Ja, ich weiß«, schnaubte Stephen abfällig. »Dein freakiger Bruder hatte Stress mit Topher und ihr hattet nichts Besseres zu tun, als ihn anzuzeigen.«

»Was?!« Ungläubig schüttelte Jules den Kopf. »Topher hat Cam mit seiner Gang aufgelauert und ihn mit einem Messer verletzt. Findest du das etwa okay?«

Stephen zuckte mit den Schultern. »Ja, Topher ist manchmal ein Arsch, aber keiner rennt wegen einem bisschen Mobbing gleich zur Polizei. Es sei denn, man ist ein Weichei und eine armselige kleine Petze.«

Jules merkte, wie er wütend wurde. »Das war kein bisschen Mobbing, das war Körperverletzung. Und Cam ist ganz bestimmt kein Weichei, sondern offensichtlich der Erste hier, der genug Arsch in der Hose hat, um einem Dreckskerl wie Topher klare Grenzen zu setzen.«

Wieder zuckte Stephen bloß die Schultern. »Mit der Einstellung solltest du vorsichtig sein. Leute an die Polizei zu verpfeifen, ist uncool. Genauso uncool ist es, nicht zu meinen Partys zu kommen, kapiert?« Er spießte seinen Blick einen Moment lang in Jules, dann lächelte er plötzlich gönnerhaft und boxte ihm gegen den Oberarm. »Aber ich verstehe, dass diese sozialen Strukturen für dich noch neu sind. Immerhin warst du ja noch nie an einer Schule. Sieh das hier also als kleine Lernstunde. Heute Mittag wollen wir dich nicht hier haben, aber heute Nachmittag in der AG bekommst du eine zweite Chance. Die verdient schließlich jeder. Allerdings solltest du die dann besser nicht auch noch versauen. Eine dritte gibt es nämlich nicht, klar?« Er fasste Jules am Arm und schob ihn vom Spielfeld. »Und jetzt geh. Wir sehen uns heute Nachmittag.«

 

Ella betrat mit Jaz die Cafeteria der Schule. Den ganzen verdammten Vormittag hatte sie sich kaum auf den Unterricht konzentrieren können, weil ihr Teagans Worte nicht aus dem Kopf gegangen war. Sie musste dringend noch einmal mit ihr reden und steuerte den Fenstertisch an, den Teagan und ihre Freundinnen üblicherweise gerne für sich beanspruchten.

»Hey Teagan.«

Teagan sah zu ihr auf und schenkte ihr ein zuckersüßes Lächeln. »Hallo Ella. Bist du mit der Idee zu unserem nächsten Video jetzt einverstanden?«

Ella setzte sich zu ihnen, Jaz dagegen blieb stehen.

»Ich kann verstehen, dass du das Geisterjagen spannend findest und ein Video davon aufnehmen willst«, begann Ella. »Evan war auch neugierig. Wir haben ihn am Freitag mitgenommen und er fand es total cool. Dich auch mal mitzunehmen, ist also grundsätzlich kein Problem. Ich kann Cam und Jules fragen, dann kommen sie sicher auch mit. Aber du brauchst dafür eine Silberweste und die sind schweineteuer. Wenn du dir keine kaufen willst, kann ich den Freund meiner Schwester fragen, ob er dir seine leiht. Aber das wird auf keinen Fall in der Unheiligen Nacht gehen, denn dann hat er als Spuk Bereitschaftsdienst und braucht sie selbst.«

Teagan starrte Ella an und schüttelte dann fassungslos den Kopf. »Ernsthaft? Du hast Evan mir vorgezogen und ihm das Geisterbändigen zuerst gezeigt?!«

»Nein«, antwortete Ella ruhig und ließ sich von Teagans bitchigem Tonfall nicht provozieren. »Er war neugierig und hat Cam gefragt, ob er es ihm zeigt. Und weil man auch als Totenbändiger niemals alleine Geisterjagen geht, sind Jaz, Jules und ich mitgegangen. Das Gleiche biete ich dir jetzt auch an.«

Teagan schnaubte. »Nachdem du die Vollmondnacht an Evan vergeudet hast.«

»Wenn du unbedingt eine besondere Nacht haben willst, können wir von mir aus bis zum nächsten Vollmond warten«, bot Ella an. »Dann hast du Zeit, dir bis dahin eine Silberweste zu organisieren. Dass Evan Connors Weste am Freitag haben konnte, war nur Zufall. Aber –«

»Kleine, ich glaube, du verstehst mich nicht richtig«, fiel Teagan ihr ins Wort. Sie schob ihr Lunchtablett beiseite, legte die Arme auf den Tisch und beugte sich zu Ella vor. »Erstens: Ich will etwas Besonderes für das Video und Vollmond hast du offensichtlich schon an Evan verschwendet. Also wird es die Unheilige Nacht oder keine. Und zweitens: Diese bescheuerte Silberweste ist mir scheißegal. Wer hat gesagt, dass ich beim Geisterjagen dabei sein will? Ich bin doch nicht irre. Was, wenn ihr die Sache nicht im Griff habt und mich dann ein Geist erwischt? Nein.« Sie blickte kurz hoch zu Jaz. »Lass Jaz das Video aufnehmen. Oder besser noch, lass Cam das machen. Du, Jaz und Jules seid hübsch anzusehen. Cam ist unspektakulär. Er kann die Kamera halten.«

Jaz lachte auf und schaffte es nicht länger, den Mund zu halten. »Für wen genau hältst du dich eigentlich? Du hast dich schon heute früh unmöglich aufgeführt und eigentlich hätte Ella dich dafür zum Teufel jagen sollen. Stattdessen macht sie dir ein echt großzügiges Gegenangebot. Und was kommt von dir? Nur noch mehr dreiste Forderungen – bei null Gegenleistung! Im Gegenteil! Du erwartest von uns, dass wir in der Unheiligen Nacht für dein bescheuertes Video unser Leben riskieren, bist aber selbst zu feige, um mitzukommen. Merkst du nicht, dass da in deinem Oberstübchen irgendwas nicht so ganz rund läuft?«

Teagan funkelte sie zornig an. »Für wen hältst du dich? Du bist noch keinen Tag lang hier und meinst, dich hier einmischen zu können?«

»Auf jeden Fall. Wenn dummdreiste Menschen Schwachsinn von sich geben, kann ich meine Klappe nicht halten.«