Beschreibung

Wer hat Cam in seiner Gewalt und welche Absichten stecken dahinter? Die Hunts setzen alles daran, ihn zu finden, doch die Unheilige Nacht hält mehr als nur eine schreckliche Enthüllung für die Familie bereit. Der 6. Roman aus der Reihe, "Die Totenbändiger", von Nadine Erdmann.

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Seitenzahl: 220

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Table of Contents

Unheilige Nacht

Was bisher geschah

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Vorschau

Impressum

Die Totenbändiger

Band 6

Unheilige Nacht

von Nadine Erdmann

 

 

 

 

 

Was bisher geschah

 

Um das Verbrechen in der Wohnanlage der Elderly Flowers aufzuklären, suchen Sky und Connor eine Erklärung für das ungewöhnliche Verhalten des Wiedergängers, der Gabriel verletzt hat. Die Forscher im Tower können ihnen dabei nur bedingt weiterhelfen, doch die beiden erhalten wertvolle Informationen von ihrem Freund Matt. Er erzählt ihnen von einem illegalen Fight Club, in dem Totenbändiger für entsprechende Siegprämien gegen Geister, Wiedergänger und andere Totenbändiger antreten. Matt hat dort vor einigen Jahren selbst gekämpft und stellt für Sky den Kontakt zu Clinton Raynor, dem Leiter des Clubs, her. Von ihm erfahren sie Möglichkeiten, Wiedergänger zu betäuben oder sie mit Steroiden aufzuputschen und noch aggressiver zu machen. Raynor macht Sky außerdem darauf aufmerksam, dass sein Fight Club nicht die einzige Institution ist, die Geister und Wiedergänger hält. Auch die Akademie besitzt diese Kreaturen zu Trainingszwecken.

Jaz bestätigt Raynors Hinweis: Die Akademie verfügt über drei Trainingshäuser, in denen Schüler gegen Seelenlose antreten. Jaz erzählt auch, dass Kinder in der Akademie nach ihrem dritten Geburtstag zum ersten Mal einen Geist bändigen. Dafür bekommen sie eine Dosis Xylanin. Bei Xylanin handelt es sich um einen körpereigenen Stoff, mit dem Totenbändiger ihre Silberenergie rufen können. In seiner synthetisch hergestellten Form wirkt er wie ein Dopingmittel, das schneller und stärker macht sowie die Angstschwelle senkt. Die Einnahme gilt als gefährlich, da Xylanin nicht nur zu Leichtsinn und Überschätzung führen kann, sondern auf Dauer auch abhängig macht und darüber hinaus auch lebenswichtige Organe wie Herz und Gehirn schädigen kann.

Bei einem Routineeinsatz der Ghost Reapers in einem leer stehenden Bürogebäude geraten Matt, Nell und Jack in einen Hinterhalt und überleben nur, weil Gabriel, Sky, Connor und die Kids ihnen zu Hilfe kommen. Dabei erhalten sie von einem vermummten Mann, der aus einem Van heraus einen Wiedergänger auf sie hetzt, eine Warnung: Niemand darf sich Cornelius Carlton und seinen Zielen in den Weg stellen. Da die Wiedergänger im Bürogebäude ebenso wie die Wiedergänger in der Elderly-Flowers-Wohnanlage die merkwürdigen roten Augen aufweisen, verdächtigen die Spuks Carlton, nicht nur für den Hinterhalt im Bürohaus, sondern auch für das Massaker an den Senioren verantwortlich zu sein. Dafür fehlen jedoch eindeutige Beweise.

Nachdem sie erkannt haben, wie gefährlich Carlton ist, erlauben Sue und Phil ihren Jüngsten das Kämpfen gegen andere Totenbändiger zu lernen. Die Ghost Reapers übernehmen das Training, während Sky und Connor Evan das Blocken beibringen.

Äquinoktium steht vor der Tür und am Abend der Unheiligen Nacht kommt Cam nicht nach Hause. Auf dem Handy ist er nicht zu erreichen und als die Hunts aus Sorge um ihn die Bilder der Überwachungskamera der Bushaltestelle kontrollieren, offenbart sich ihnen Schreckliches …

Kapitel 1

 

Montag, 23. September

17.01 Uhr

 

Rockige Beats drangen durch die Kopfhörer in seine Ohren, während Cam mit seinem Handy herumspielte. Hoffentlich kam der Bus bald. Der Wind blies fiesen Nieselregen vor sich her und die feuchte Kälte kroch durch seine Schuluniform. Dunkle Wolken hingen tief am Himmel und kündigten noch mehr Regen an – und eine frühere Dämmerung.

Es wurde Zeit, einen sicheren Ort aufzusuchen.

Cam hatte zwar keine Angst vor Geistern, aber den nötigen Respekt. Besonders, wenn eine Unheilige Nacht anstand.

Außerdem war es hier draußen echt ungemütlich und er sehnte sich nach seinem warmen Zuhause. Es würde etwas Leckeres zum Abendessen geben und danach würden sie wie in allen Unheiligen Nächten Bannkräuter im Kamin verbrennen, um das Haus zu schützen. Cam bezweifelte zwar, dass das wirklich nötig war, denn wie in allen Häusern, war ihr Kamin mit einem Geflecht aus verschiedenen Eisengitter geschützt, sodass eigentlich keine Geister durch den Schornstein eindringen konnten. Aber es war ein Familienritual. Sie kamen im Wohnzimmer zusammen, jeder warf ein Kräuterbündel ins Feuer und sie verbrachten den Abend gemeinsam vor dem Kamin. Cam schätzte, dass Sue, Phil und Granny irgendwann mit dieser Tradition angefangen hatten, um ihren Kindern die Angst vor den Unheiligen Nächten zu nehmen und ihnen zu vermitteln, dass man alles durchstehen konnte, wenn man zusammenhielt und wusste, wie man sich schützen konnte. Das war vermutlich auch der Grund, warum Thad die Unheiligen Nächte immer bei ihnen verbrachte. Er hatte keine eigene Familie, doch Phil war seit ihrer gemeinsamen Schulzeit sein bester Freund, und auch wenn Thad eher ein Einzelgänger war, gehörte er zu ihrer Familie dazu und verbrachte die gefährlichsten Nächte des Jahres bei ihnen.

Allerdings nur, wenn er, Gabriel, Sky und Connor nicht zum Dienst gerufen wurden. Im Voraus geplante Einsätze mutete man Spuk Squads in Unheiligen Nächten nicht zu, aber alle Einheiten hatten sich in Bereitschaft zu halten, sollten sie für Notfälle gebraucht werden. Bisher war dies zum Glück nicht oft der Fall gewesen, weil die meisten Menschen so vernünftig waren, in ihren Häusern zu bleiben. Die, die dies nicht taten, bezahlten das zumeist mit ihrem Leben. Die Unheiligen Nächte gehörten den Geistern. Das wussten bereits die kleinen Kinder.

Bis zum letzten Jahr war auch Mrs Hall in den Unheiligen Nächten immer bei ihnen gewesen. Sie war eine nette Frau Ende achtzig, die ganz allein in der alten Villa gegenüber gewohnt hatte, bis sie im letzten Jahr unglücklich die Treppe hinuntergestürzt war. Von den Folgen des Sturzes hatte sie sich nicht wieder erholt, sodass sie jetzt in einem Pflegeheim lebte und ihr Haus leer stand. Da ihr Mann schon früh gestorben war und ihre einzige Tochter in Australien lebte, hatten Granny, Sue und Phil sich viel um sie gekümmert, besonders zu den Unheiligen Nächten. Darauf kam es schließlich an. Niemand sollte die gefährlichsten Zeiten des Jahres alleine durchstehen müssen.

Cam checkte die Uhrzeit auf seinem Handy.

17:03 Uhr.

Laut Fahrplan sollte der Bus um sieben Minuten nach fünf kommen und ihn nach Camden bringen. Den Anschluss zum Hampstead Heath würde er nicht mehr schaffen. Die öffentlichen Verkehrsmittel stellten heute schon um halb sechs ihren Dienst ein. Den Rest des Wegs musste er also laufen, was aber nicht dramatisch war. Wenn er sich beeilte, schaffte er es pünktlich zur Ausgangssperre nach Hause.

Cam schaute die Straße hinunter. Vom Bus war noch nichts zu sehen und auch sonst war weit und breit keine Menschenseele. Die meisten Leute verschanzten sich bereits in ihren Häusern. Bisher waren nur zwei Autos an ihm vorbeigekommen.

Fröstelnd zog er die Schultern hoch und scrollte durch die Spiele auf seinem Handy, um irgendwas Kurzweiliges zu finden, mit dem er sich die Zeit vertreiben konnte. Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, dass ein Wagen aus der Seitenstraße, die zu Evans Siedlung führte, auf die Hauptstraße bog. Eigentlich hätte er dem nicht weiter Beachtung geschenkt, doch der Wagen wurde langsamer und hielt schließlich genau vor ihm an der Haltestelle. Misstrauisch zog Cam seine Kopfhörer aus den Ohren.

Das Fenster an der Beifahrerseite wurde heruntergefahren und Topher grinste ihm entgegen. Cams Magen zog sich zusammen und er wich unwillkürlich einen Schritt zurück.

»Hey Freak.«

Gehässiges Gelächter drang aus dem Wagen und Cam erkannte, dass Emmett auf dem Fahrersitz saß.

»Was denn?«, spottete Topher. »Hat die kleine Petze etwa Angst vor uns?« Seine Stimme klang, als würde er mit einem Dreijährigen sprechen. »Armes kleines Muttersöhnchen. Dabei wollen wir doch nur nett sein. Ist heute ja schließlich sehr gefährlich hier draußen. Da sollten arme kleine Weicheier doch nicht mit dem Bus fahren müssen.« Er stieg aus dem Wagen.

»Danke, ich komme klar«, erwiderte Cam knapp und wich einen weiteren Schritt zurück. Er wollte zwar nicht den Anschein erwecken, er würde sich vor ihnen fürchten, aber Vorsicht war besser als Nachsicht.

Topher öffnete die Tür zur Rückbank. »Glaubst du allen Ernstes, wir lassen dir eine Wahl?« Jetzt klang seine Stimme nicht mehr nach gehässigem Baby-Talk, sondern eiskalt. »Steig ein.«

»Nein, ganz bestimmt nicht.« Nervös warf Cam einen Blick die Straße hinunter.

Wann kam denn endlich der verdammte Bus?

»Das war keine Bitte!«

»Das ist mir scheißegal. Ich steig nicht zu euch in den Wagen! Ich bin doch nicht bescheuert!«

Ein niederträchtiges Lächeln umspielte Tophers Lippen und ein triumphierendes Funkeln trat in seine Augen. »Ich hatte so gehofft, dass du das sagen wirst.«

Es ging zu schnell, als dass Cam irgendetwas dagegen hätte tun können. Jemand sprang von hinten wie aus dem Nichts an ihn heran. Ein starker Arm schlang sich um seine Brust und hielt ihn gepackt, während eine Hand ihm ein übel riechendes Tuch über Mund und Nase drückte. Voller Panik versuchte er die Arme hochzureißen und sich dagegen zu wehren, doch sein Angreifer war größer und stärker und der widerlich chemische Gestank aus dem Tuch ließ Cams Augen tränen. Er sah alles nur noch verschwommen und kämpfte gegen Übelkeit und Schwindel, die ihn zu übermannen drohten.

Blut rauschte in seinen Ohren.

Sein Herz hämmerte wild gegen seine Rippen.

Panisch krallte er seine Finger in die Hand, die ihm das Tuch aufs Gesicht drückte.

Er wollte nicht atmen.

Er durfte nicht atmen!

Er hielt die Luft an und presste seine Lippen so fest zusammen, wie er konnte, merkte aber, dass er keine Chance hatte. Sein Körper gehorchte ihm nicht mehr. Seine Finger wurden zu schwach, um sich gegen die Hand seines Angreifers zu wehren, und seine Beine schienen ihn plötzlich nicht mehr tragen zu können. Er wollte nicht atmen, doch seine Sinne schwanden mehr und mehr und er schaffte es nicht länger, seine Lippen zusammenzupressen.

Höhnisches Lachen war das Letzte, was durch seine Benommenheit zu ihm drang, bevor ihm endgültig schwarz vor Augen wurde.

Kapitel 2

 

Jemand zerrte ihn mit sich. Seine Füße schleiften über unebenen Boden, schienen aber irgendwie nicht so recht zu ihm zu gehören. Das Tuch mit dem widerlichen Geruch war verschwunden, doch das Zeug, mit dem man ihn ausgeknockt hatte, wirkte noch nach.

Er driftete zwischen Bewusstlosigkeit und Benommenheit hin und her, schaffte es aber nicht, wirklich zu sich zu kommen. Seine Augenlider waren zu schwer, sein Gehirn zu träge. Nur wirre Empfindungen drangen zu ihm durch.

Feuchte Kälte.

Ein seltsam vertrauter Geruch nach Laub und Erde.

Irgendwas, das seinen Fuß festhalten wollte.

Ein dumpfer Schmerz in seinem Arm, als man ihn grob weiterzerrte.

Er hätte sich dagegen wehren sollen, aber bevor sich der Gedanke in seinem Kopf formen konnte, zog die Bewusstlosigkeit ihn schon wieder hinab in tiefe Schwärze.

 

»Seid ihr bald fertig?«

»Ja, gleich!«

»Mann, macht hin!«

»Glaub mir, keiner von uns ist scharf darauf, länger als nötig hier zu sein.«

»Macht trotzdem hin! Es wird langsam dunkel und die Sperrstunde fängt gleich an!«

Die Stimmen drangen seltsam verzerrt zu ihm. Als wäre er unter Wasser und jemand würde ein Radio lauter und leiser drehen.

»Wen interessiert denn die bescheuerte Sperrstunde?«

»Na ja, die Streifen-Cops? Und gerade du solltest dir vielleicht nicht unbedingt schon wieder Ärger mit der Polizei erlauben.«

»Blablabla. Die können mich mal. Aber mach dich locker. Ich bin hier fertig. Seine Füße sind gefesselt. Der kommt hier nie alleine weg.«

Ein scharfer Schmerz fuhr durch Cams Handgelenke und sorgte dafür, dass der zähe Nebel in seinem Kopf sich ein wenig lichtete.

Er saß auf etwas Hartem. Kälte drang durch seinen Hosenboden und den Rücken seiner Jacke. Seine Arme waren nach hinten verdreht. Wieder fuhr ein brennender Schmerz durch seine Handgelenke, als irgendwas in seine Haut schnitt.

»Seine Hände sind auch verschnürt. Seid ihr sicher, dass er so noch kämpfen kann? Wäre schließlich echt blöd, wenn wir den ganzen Aufwand hier umsonst betreiben und nichts Spektakuläres zu sehen bekommen.«

Der Nebel in seinem Kopf war noch immer so verdammt zäh, dass es ewig dauerte, bis seine Erinnerungen sich hindurchgekämpft hatten.

Die Bushaltestelle.

Topher und Emmett, die wollten, dass er zu ihnen in den Wagen stieg.

Jemand, der ihn von hinten gepackt und betäubt hatte, als er sich weigerte, der Anweisung nachzukommen.

Sein Herz stolperte, doch die Benommenheit in seinem Kopf sorgte dafür, dass seine Panik sich in Grenzen hielt. Er fühlte sich müde und völlig erschlagen. Schaffte es nicht mal, seine Augen aufzuzwingen, und jeder Gedanke war träge und entsetzlich langsam.

Aber das alles hier bedeutete nichts Gutes.

Er wollte sich bewegen … doch er konnte nicht. Sein Körper schien tonnenschwer und reagierte noch unwilliger als seine vernebelten Gedanken.

»Das kriegt er schon hin. Jaz konnte ihr Silberzeug lenken und überall hinschicken, dann wird der Freak das ja wohl auch hinbekommen. Ist die Kamera bereit?«

»Yep. Wir können sie jederzeit starten.«

»Perfekt. Dann lasst uns von hier verschwinden. Die Party steigt zwar nicht ohne uns, aber wir wollen ja niemanden warten lassen.«

»Und was machen wir mit ihm? Was, wenn er nicht rechtzeitig aufwacht?«

»Keine Sorge. Der wacht schon auf.«

Etwas Eisiges klatschte in sein Gesicht und Cam keuchte auf.

Gelächter erklang.

»Seht ihr. Das wird schon.«

Jemand packte grob in seine Haare, riss seinen Kopf zurück und verpasste ihm eine Ohrfeige.

»Hörst du mich, Freak? Zeit, aufzuwachen, sonst verpasst du die Geisterstunde.«

Wieder klatschte kaltes Wasser in sein Gesicht. Cam schnappte erschrocken nach Luft und versuchte die Augen zu öffnen, doch seine Lider waren einfach zu schwer.

»Okay, er kommt zu sich. Verschwinden wir besser, bevor er wach genug wird, um dieses Silberzeug auf uns zu hetzen.«

Eine zweite Ohrfeige traf ihn.

»Mach’s gut, Missgeburt. Und wehe, du sorgst für kein geiles Entertainmentprogramm!«

Die Hand riss noch einmal an seinen Haaren, dann ließ sie ihn los. Die Stimmen lachten höhnisch und Schritte entfernten sich raschelnd.

Dann war es still.

Cam spürte seinen Herzschlag in seiner Brust. Die Schmerzen der Ohrfeigen und das Reißen an seinen Haaren hatte den Nebel in seinem Kopf weiter vertrieben, trotzdem schien sein Körper ihm immer noch nur äußerst widerwillig zu gehorchen.

Doch er musste!

Verdammt, er brauchte die Kontrolle zurück!

Er musste wissen, wo er war und was die Dreckskerle mit ihm gemacht hatten!

Mit unendlich viel Anstrengung mühte er seine Augen auf – und wünschte sofort, er hätte sie geschlossen gehalten. Abartige Kopfschmerzen fuhren wie ein glühender Pfeil durch seinen Schädel und schienen ihn spalten zu wollen. Cam stöhnte auf. Tränen schossen in seine Augen und ihm wurde übel. Mühsam atmete er durch und blinzelte ein paar Mal.

Um ihn herum herrschte seltsames Zwielicht.

Wieder musste er blinzeln, bis die Tränen endlich nicht mehr seine Sicht verschleierten. Dann erkannte er vor sich einen langgezogenen steinernen Tisch mit ebensolchen Stühlen. Einem Festbankett gleich standen darauf Teller und Gläser, Karaffen und Schüsseln, Servierplatten und Körbe. Die Schüsseln enthielten Gemüse, in den Körben befand sich hübsch drapiertes Obst und auf den Platten lagen ein dekoriertes Spanferkel, ein gefüllter Truthahn und verschiedene Fischsorten. Alles war aus Stein und an vielen Stellen mit Moos überzogen, sodass die Konturen verschwammen und die einst so detailliert ausgearbeiteten Köstlichkeiten jetzt wie verdorben und mit Schimmel befallen wirkten. Unkraut wucherte zwischen den Stühlen empor bis an die Tischkante und vom Wald her hatten sich Büsche und Gestrüpp auf der Lichtung ausgebreitet. Das Kunstwerk der steinernen Festtafel bildete ihr Zentrum. Drumherum standen kreisförmig am Waldrand weitere Steintische mit Steinbänken. Diese waren jedoch leer und hatten einst als Picknicktische gedient.

Cams Herz stolperte.

Er kannte diesen Ort.

Jeder in Nordlondon kannte ihn.

Im vorigen Jahrhundert war diese Lichtung mit ihren hübschen Steinmetzarbeiten ein beliebtes Ausflugsziel für Wochenendpicknicke mit der ganzen Familie gewesen – bis hier in den fünfziger Jahren ein Massenselbstmord stattgefunden hatte und der Ort seitdem Nacht für Nacht von den Geistern der Toten heimgesucht wurde.

Kapitel 3

 

19:43 Uhr

 

Jaz stand auf der Terrasse und blickte hinauf in den trüben Wolkenhimmel. Nieselregen fiel herab und sie schloss die Augen. Gabriel, Sky und Connor waren gerade mit Thad, Sue und Phil losgefahren, um sich Topher vorzuknöpfen und Cam zurückzuholen. Die Wut auf diesen Dreckskerl und seine beschissenen Freunde rang in Jaz’ Innerem mit Erleichterung, für die sie sich abgrundtief schämte.

Shit. Shit. Shit.

Ein kalter Windzug drang durch ihren Hoodie. Frierend zog sie die Schultern hoch, grub ihre Hände in die Taschen des Pullovers und fühlte sich noch elender als zuvor.

Hinter ihr ging die Terrassentür auf und auch ohne sich umzudrehen wusste sie, dass Ella aus dem Wohnzimmer zu ihr kam.

»Hey, was machst du hier draußen? Es ist nass und affenkalt.« Ella schlang ihren Arm um Jaz, ließ ihre Hand in die Tasche des Hoodies gleiten und verschränkte ihre Finger miteinander. »Ist alles okay?«

Jaz schluckte hart und schwieg.

»Gabe, Sky und Connor kriegen das schon hin. Und Thad kann als Polizist echt furchteinflößend sein. Gegen sie haben Topher und Emmett keine Chance und die beiden werden mit Sicherheit ganz schnell sagen, wo Cam ist.« Ella schmiegte sich an sie. »Und wenn diese Mistkerle ihm irgendwas getan haben, wird Dad ihm helfen. Er hat ja auch Gabriel wieder zusammengeflickt und die Klauenhiebe sahen echt übel aus.«

Obwohl ihr eigentlich gar nicht danach zumute war, musste Jaz lächeln. Als Cam zum Abendessen nicht nach Hause gekommen war und niemand ihn erreichen konnte, war Ella vor Sorge völlig hibbelig gewesen. Doch kaum, dass festgestanden hatte, was passiert war, und ihre Eltern gemeinsam mit den Spuks losgezogen waren, um Cam zurückzuholen, war sie wieder der optimistische Sonnenschein, der voll und ganz auf seine Familie vertraute und schon jetzt zu wissen schien, dass alles gutausgehen würde.

Dafür musste man sie einfach lieben, oder nicht?

Die Gefühle, die Jaz bei der ganzen Sache gerade hegte, würden bei anderen dagegen vermutlich eher Stirnrunzeln hervorrufen – wenn nicht gar Schlimmeres.

Da Ella merkte, dass irgendwas nicht stimmte, trat sie vor Jaz, um ihr in die Augen sehen zu können. »Hey, was ist los?« Sie musterte sie durchdringend, ohne Jaz’ Hand loszulassen. »Warum bist du so … traurig?«

Da Jaz Ellas Blick nicht aushielt, schloss sie kurz die Augen und wich ihr dann aus. »Weil ich ein echt mieser Mensch bin«, antwortete sie leise.

Sie wollte ihre Hand aus Ellas ziehen, doch die ließ sie nicht gehen und schaute Jaz nur verständnislos an.

»Was? Warum?«

Wieder spürte Jaz dieses widerliche Gefühl, als sich ihr schlechtes Gewissen wie ätzende Säure durch ihr Inneres zu fressen schien. »Weil ich erleichtert bin, dass es nicht Carlton ist, der Cam verschleppt hat.«

Ella runzelte die Stirn. »Ja, und? Ich bin deshalb auch erleichtert. Ich freue mich zwar auch nicht darüber, dass stattdessen Topher und seine Drecksfreunde ihn geschnappt haben, aber Carlton hat die Reapers in einen Hinterhalt gelockt, bei dem sie hätten sterben können. Und wahrscheinlich hat er auch die ganzen alten Leute in der Wohnanlage umbringen lassen, auch wenn wir das nicht beweisen können. Aber er ist auf jeden Fall viel, viel gefährlicher als Topher und seine Gang. Ist doch klar, dass wir da erleichtert sind, dass es nicht Carlton ist, der Cam verschleppt hat. Warum um Himmels willen sollte dich das zu einem miesen Menschen machen?«

Jetzt riss Jaz sich doch von Ella los. »Weil ich erleichtert bin, dass deine Eltern sich jetzt nicht zwischen mir und Cam entscheiden müssen!«, stieß sie hervor und begann auf der Terrasse hin und her zu tigern. »Wenn es eine Racheaktion gewesen wäre – wenn Carlton Cam geschnappt hätte, um ihn gegen mich einzutauschen –« Unwirsch fuhr sie sich durch die nieselfeuchten Haare. »Ich – ich hätte es nicht ertragen, wenn er Cam wegen mir irgendwas angetan hätte.« Sie kämpfte mit dem Kloß, der ihr immer mehr die Kehle zuschnürte. »Aber genauso wenig hätte ich es ertragen, zurück in die Akademie oder nach Newfield zu gehen. So glücklich wie hier bei euch war ich noch nie. Deine Familie ist unglaublich und ich hab euch alle so gern – und – und ich will hier nie wieder weg! Schon gar nicht von dir, denn du bist – ich hab – Mann, keine Ahnung! Jemanden, der mir so wichtig ist, gab es einfach noch nie in meinem Leben, und ich würde durchdrehen, wenn ich dich wieder verlieren würde. Und wenn ich zurück zu Carlton müsste, würde der mich mit Sicherheit sofort nach Newfield bringen lassen und –«

»Hey, stopp!« Ella fasste Jaz am Oberarm und machte damit sowohl ihrem Herumgetiger als auch ihrem Gestammel ein Ende. »Du hast doch gehört, was Granny gesagt hat. Keiner hier hätte dich wieder zu Carlton geschickt. Mum, Dad und Granny hätten einen anderen Weg gefunden, Cam zurückzubekommen. Du gehörst jetzt zu unserer Familie und aus dieser Familie geben wir niemanden wieder her.«

Sie bohrte ihren Blick in Jaz und die musste blinzeln, weil ihre Augen plötzlich ziemlich brannten.

»Aber Cam gehört schon viel länger zu euch«, brachte sie mühsam hervor. »Er hat die älteren Rechte.«

»Ältere Rechte?!« Ella schüttelte heftig den Kopf. »Das ist totaler Schwachsinn. Dann müsste Gabriel ja die ältesten Rechte haben, weil er zufällig der Älteste von uns ist. Und Sky und Jules haben auch keine anderen Rechte als der Rest von uns, weil sie zufällig Mums und Dads leibliche Kinder sind. So funktioniert diese Familie hier nicht. Hier sind alle gleich wichtig, deshalb würde dich garantiert niemand einfach gegen Cam eintauschen und zu einem machtgierigen Vermutlich-Mörder zurückschicken. Klar?«

Jetzt war es Jaz, die den Kopf schüttelte. »Du verstehst mich nicht. Wenn Carlton Cam geschnappt hätte, um mich zurückzubekommen, wäre ich freiwillig zu ihm zurückgegangen. Cam hat schließlich überhaupt nichts mit Carlton zu tun. Er wäre einfach nur zwischen die Fronten geraten, weil eure Mum sich für mich eingesetzt hat. Das hätte ich nicht ertragen, weil es einfach falsch gewesen wäre und ich mir im Spiegel niemals wieder in die Augen hätte sehen können.«

Einen Moment lang sah Ella sie nur still an und in ihrem Blick lag so viel Wärme, dass Jaz keine Chance hatte, sich davon loszureißen.

»Wow. Und da denkst du echt, du wärst ein mieser Mensch?«, fragte Ella leise und schenkte ihr ein alles sagendes Lächeln. Sie schlang ihre Arme um Jaz’ Nacken, zog sie zu sich herab und sah ihr fest in die Augen. »Du gehörst so was von zu uns, viel mehr geht überhaupt gar nicht. Und egal, was passiert, ich lass dich nie wieder gehen.« Zärtlich lehnte sie ihre Stirn an Jaz’. »Aber zum Glück müssen wir uns darüber sowieso keine Gedanken machen. Carlton hat Cam ja nicht geschnappt.« Sie grub ihre Finger ihn Jaz’ Haare und sah ihr wieder fest in die Augen. »Also hör auf mit diesem fiesen Was-wäre-wenn und denk vor allen Dingen nie wieder, dass du ein schlechter Mensch bist, klar? Das ist nämlich der größte Bullshit aller Zeiten.«

Wieder hatte Jaz mit dem verdammten Kloß in ihrem Hals zu kämpfen und brachte bloß ein Nicken zustande.

Ella grinste zufrieden. »Gut. Dann küss mich jetzt. Ich wette, das vertreibt dunkle Gedanken. Außerdem können deine Lippen keinen Blödsinn mehr reden, wenn sie auf meinen liegen, also schlagen wir damit gleich zwei Fliegen mit einer Klappe.«

Ein freches Funkeln trat in Ellas Augen und aus Jaz brach ein seltsamer Laut heraus, der irgendwo zwischen einem Lachen und einem Schnauben lag, aber auf jeden Fall völlige Kapitulation bedeutete. Sie zog Ella fest in ihre Arme und küsste sie, völlig überwältig davon, dass dieses unglaubliche Mädchen zu ihr gehörte. Ella schaffte es nur durch ihre Worte, ihre Nähe – und ihre vorwitzige Zunge –, die düstergraue Last, die Jaz bis gerade schwer auf die Seele gedrückt hatte, so so viel leichter zu machen.

Gab es irgendwas Besseres auf der Welt, als solch einen Menschen an seiner Seite zu haben?

Jaz’ Herz klopfte glücklich gegen ihre Rippen, während sie Ella erneut küsste.

Für sie war die Antwort auf diese Frage ganz klar.

Kapitel 4

 

Zur gleichen Zeit in der Küche der Hunts

 

Jules stemmte die Ellbogen auf die Tischplatte, stützte den Kopf in die Hände und starrte wütend auf sein Handy, obwohl das kleine Gerät nicht das Geringste dafürkonnte, dass Cam nicht zu erreichen war. Es konnte auch nichts dafür, dass man Jules dazu verdonnert hatte, untätig hier zu Hause zu hocken, während seine Eltern mit Gabriel, Sky, Connor und Thad zu Topher fuhren, um ihm die Hölle heißzumachen.

Dieses verfluchte Arschloch!

Jules hasste Gewalt, aber jetzt gerade war ihm sehr danach und ein Scheißkerl wie Topher hatte es einfach verdient.

Er krallte seine Finger so fest in seinen Haarschopf, dass es wehtat. Er hasste, dass seine Eltern ihn nicht hatten mitnehmen wollen. Auch Gabriel war dagegen gewesen, obwohl Jules von seinem Bruder eigentlich Unterstützung erwartet hatte. Aber vermutlich fürchteten alle, er würde Topher an die Gurgel springen, sobald er ihn zu Gesicht bekam.

Was keine so abwegige Annahme war.

Trotzdem absolut unfair das Ganze!

Voller Wut kickte Jules unter dem Tisch gegen einen der Stühle, die ihm gegenüberstanden und auf dem gerade noch sein Vater gesessen hatte. Trotzig ignorierte er den Blick, den er sich dafür von seiner Grandma einfing, und starrte wieder finster auf sein Handy.

Sie würden ihm Bescheid geben, sobald sie Cam gefunden hatten. Das hatte Sky ihm versprochen.

Toll.

Bis dahin durfte er hier blöd rumsitzen und sich überlegen, was ihn wahnsinniger machte: Frust und Wut auf seine Eltern und älteren Geschwister, Hass auf Topher und Emmett oder die Sorge darüber, was diese sadistischen Arschlöcher Cam diesmal angetan haben mochten.

Sein Inneres zog sich zusammen beim Gedanken daran, dass sie Cam womöglich wieder in irgendeinen finsteren Raum gesperrt hatten, weil sie jetzt wussten, dass er unter Klaustrophobie litt und ihnen klar war, dass sie ihn damit noch viel schlimmer quälen konnten, als sie gedacht hatten. Diesen Dreckskerlen war schließlich zuzutrauen, dass sie genau das ausnutzen würden – und er war dazu verdammt, hier untätig herumzusitzen und ein braver Junge zu sein, statt Topher den Hintern aufzureißen!

Wieder kickte Jules gegen einen der Stühle. Diesmal willkürlich, weil ihm egal war, welchen er traf. Dann stützte er seine Ellbogen wieder auf den Tisch und vergrub seinen Kopf zwischen den Armen.

Nichts tun zu können und nicht zu wissen, wie es Cam gerade ging, machte ihn wirklich fertig.

Edna hatte am Herd herumgewerkelt, um das Abendessen warmzuhalten, betrachtete ihren Enkel jetzt aber mitfühlend. Sie schenkte zwei Tassen Tee ein und setzte sich zu ihm an den Tisch.