Die Tränen der Henkerin - Sabine Martin - E-Book + Hörbuch

Die Tränen der Henkerin E-Book

Sabine Martin

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Beschreibung

Rottweil, 1332. Melisande und Wendel sind glücklich. Ihr Weinhandel läuft gut, und beide sind ganz vernarrt in ihre kleine Tochter. Doch über dem Glück liegen Schatten: Melisandes Schwiegervater setzt alles daran, die Ehe seines Sohns zu zerstören und auf der Adlerburg lauert eine alte Feindin auf eine Gelegenheit, den Tod ihres Mannes zu rächen. Als Melisande auf einmal Gegenstände aus ihrer Vergangenheit findet, wird ihr dunkelstes Geheimnis offenbar: Sie war einst Henkerin. Ihr Mann wendet sich von ihr ab. Ihre Tochter wird entführt. Wer steckt dahinter? Um ihre Familie zu retten, muss Melisande es mit einem Gegner aufnehmen, der vor nichts zurückschreckt ...

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Seitenzahl: 646

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Inhalt

Cover

Über die Autorin

Titel

Impressum

Zitat

Karte

Prolog

Die Bedrohung

Das Versteck

Das Zerwürfnis

Die Entführung

Die Rückkehr

Die Flucht

Die Adlerburg

Epilog

Glossar

Über die Autorin

Hinter Sabine Martin verbirgt sich ein erfahrenes Autorenduo. Martin Conrath hat bereits einige Kriminalromane veröffentlicht, von denen einer als Tatort verfilmt wurde. Sabine Klewe verfasste mehrere, z. T. historische Kriminalromane und arbeitet als Übersetzerin und Dozentin. Die Autoren leben und schreiben in Düsseldorf. www.sabinemartin.de

Sabine Martin

DIE TRÄNENDERHENKERIN

Historischer Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe

Copyright © 2013 by Bastei Lübbe AG, Köln

Lektorat: Dr. Stefanie Heinen

Karte: Dr. Helmut Pesch, Köln

Titelillustration: © missbehavior.de

Umschlaggestaltung:

Pauline Schimmelpenninck Büro für Gestaltung, Berlin

Datenkonvertierung E-Book: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-8387-1895-8

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

ICHSCHÄMEMICHMEINER TRÄNEN,UNDDOCHISTIMTIEFSTEN UNGLÜCKMEINE SCHAMDARÜBERNOCHGRÖßER,DASSICHKEINE TRÄNEVERLIERE.

Euripides

PROLOG

OKTOBER 1330

Der Winter würde lang und streng werden. Das spürte sie mit jeder Faser ihres Körpers. Der Sommer war heiß gewesen, sie hatte kaum etwas zu fressen gefunden, beide Jungen verloren. Sie hatte das Revier gewechselt, sich mit einer anderen Bärin eingelassen. Lange hatten sie miteinander gekämpft, bis die andere schließlich geflohen war. Sie hatte gesiegt, aber der Preis war hoch gewesen: Ihre Nase war angeschwollen und blutete. Die rechte vordere Tatze schmerzte bei jedem Schritt, und das Atmen fiel ihr schwer. Es fühlte sich an, als stecke etwas in ihrer Seite, das ihr ständig ins Fleisch biss.

Überall lauerten Feinde und Gefahren, sie musste aufmerksam sein und immer bereit, ihre Gegner anzugreifen. Sie nahm es mit jedem auf, nur diesen Zweibeinern, den Menschen, ging sie aus dem Weg, denn die bedeuteten meist den sicheren Tod. Selbst das Männchen, das die Bärin im letzten Jahr gewählt hatte, ein stattlicher Bursche, fast eineinhalb Mal so schwer wie sie selbst, hatte es vermieden, Menschen über den Weg zu laufen. Es hatte ihm nichts genutzt. Mit Hunden hatten sie ihn gehetzt und vor seiner Winterhöhle gestellt, ihn getötet und zerfleischt. Sie war geflohen, die Hunde waren ihr nicht gefolgt.

Sie hob den Kopf, stellte sich auf die Hinterbeine und witterte. Ein süßlicher Geruch wehte ihr um die Nase. Ein totes Tier, frisches Blut. Vielleicht einen halben Tagesmarsch entfernt. Sie trottete los, trank an einem Bach, hielt immer wieder inne, um zu lauschen und zu schnuppern. Wildschweine kreuzten ihren Weg, Rehe stoben vorüber. Sie fraß ein paar vertrocknete Beeren, aber ihr Magen knurrte und knurrte.

Der Geruch wurde stärker, sie rannte los, fühlte nichts mehr außer ihrem Hunger. Am Waldsaum blieb sie einen Moment stehen, ein widerwärtiger Gestank mischte sich unter den süßen: Wölfe. Sie waren auf derselben Fährte. Die Bärin musste sich beeilen. Wenn ihr ein Rudel Wölfe zuvorkam, hatte sie das Nachsehen.

Endlich erreichte sie ihre Beute. Als sie sah, um was für ein Tier es sich handelte, schrak sie zurück. Es war ein Mensch. Er bewegte sich nicht, aber das musste nichts heißen. Menschen waren verschlagen.

Die Wölfe hielten ebenfalls Abstand, warteten wohl ab, was sie tat.

Die Bärin sah sich noch einmal um, dann überwältigte sie der Hunger. Mit einem Satz sprang sie auf den Brustkorb des Menschen, der unter ihrem Gewicht zerbrach wie morsches Holz. Nichts geschah. Sie schlug ihre Zähne in den Hals, biss zu, ließ los und witterte erneut. Die Wölfe kamen näher. Sie hatten einen schlechten Tag gewählt, um sich mit ihr anzulegen. Sie stellte sich auf und brüllte so laut, dass ihre Feinde wie versteinert stehen blieben. Einer traute sich heran, sie preschte vor und ließ ihre gesunde Pranke auf ihn niederfahren, sodass er mit gebrochenem Rückgrat umfiel. Die anderen Wölfe heulten auf und verzogen sich. Noch einmal brüllte sie aus vollem Hals, dann beugte sie sich über den toten Menschen, riss ihm den Bauch auf und fraß sich satt.

Auf dem Weg hierher hatte die Bärin eine gute Höhle gesehen, gerade groß genug für sich selbst, zwei Junge und die Beute, die sie für ein paar Tage sattmachen würde. Sie hatte es sich abgewöhnt, große Stücke vor der Höhle zu vergraben, so wie die anderen es taten. Zu oft war das Versteck ausgeräumt worden, wenn sie nicht darauf aufpassen konnte. Das sollte ihr nicht mehr passieren. Sie packte den Menschen an der Schulter, zog und zerrte, musste mehrfach ausruhen, bis sie endlich an der Höhle angekommen war. Sie stopfte ihn ganz nach hinten, fraß noch ein wenig an den Beinen, die lange nicht so gut schmeckten wie die Därme oder die Leber. Der Tag und die Schmerzen hatten sie erschöpft, also legte sie sich hin und schlief.

Schon wenige Wochen später brach Frost über das Land herein, der erste Schnee fiel vom Himmel, und bis zum Februar taute es nicht mehr. Die Bärin blieb in der Höhle und hielt Winterruhe. Ihre Verletzungen heilten. Zurück blieb nur eine Narbe, die von einer Augenbraue über die Nase bis zum Hals verlief.

DIEBEDROHUNG

AUGUST 1332

»Fahr zur Hölle, Melisande Wilhelmis!« Ottmar de Bruce hob sein Schwert und schlug Melisande die Waffe aus der Hand.

Sie blickte sich verwundert um. »Aber Ihr seid tot, Graf! So tot wie meine Familie, die Ihr hingemetzelt habt in Eurem Blutrausch.«

De Bruce lachte schallend. »Ich werde niemals tot sein, ich werde Euch immer verfolgen, und ich werde Euch zur Strecke bringen, Euch und Eure Brut.« Mit einer lässigen Bewegung warf er sein Schwert ins Gras.

Melisande war immer noch verwirrt. Wo waren sie? Was geschah hier? Es musste früh am Morgen sein, denn das Gras schimmerte nass. Ein Herbsttag? Oder war das der Tau, der im Frühjahr auf den Wiesen lag und glitzerte wie tausend Edelsteine? Nein, es musste Herbst sein es roch nicht nach Frühling, es roch nach Winter, nach fauligem Laub, nach erbarmungsloser Kälte und Tod.

De Bruce kam auf sie zu, legte ihr seine Pranken um den Hals und drückte zu. Schmerz schoss ihr durch die Kehle, Panik stieg in ihr auf, sie wollte atmen, doch de Bruce drückte ihr die Luft ab, die sie zum Leben brauchte. Das war schon immer so gewesen. Er hatte ihr die Luft zum Leben genommen, bis sie ihn getötet hatte. De Bruce war tot. Er konnte ihr nichts mehr anhaben!

»Ihr seid tot. Ihr seid tot!« Melisande schlug mit den Fäusten auf de Bruce ein, der aber nur laut lachte und noch fester zudrückte. Sie trat um sich, japste nach Luft, Feuerräder tanzten um ihre Augen.

»Melissa! Melissa!« De Bruce rief ihren Namen, immer wieder, aber es war gar nicht ihr Name. »Melissa!«

Melisande schlug de Bruce Arme weg, holte Luft wie eine Ertrinkende.

»Melissa, beruhige dich!«

Wer war Melissa?

Der Druck auf ihrer Kehle verschwand, es wurde dunkel, der Geruch nach Winter und Tod machte dem Duft von Lavendel und frischem Stroh Platz und auf einmal fiel ihr ein, wer Melissa war. Sie selbst war Melissa, und es war nicht Ottmar de Bruce, der nach ihr rief. Sie ließ ihre Arme fallen, und schon strich eine warme Hand über ihre schweißnasse Stirn.

»Melissa«, flüsterte die Stimme, die sie kannte und liebte.

Sie öffnete die Augen. Nicht de Bruce beugte sich über sie, sondern Wendel, ihr Gatte, der Vater ihrer Tochter. Er hielt sich mit der Rechten die rot glühende Wange, mit der Linken griff er ein Tuch und tupfte ihr behutsam die Stirn trocken. »Du hast wieder geträumt und um dich geschlagen. Diesmal war es die rechte Wange.«

Melisande seufzte. »Tut es sehr weh?«

»Ja, es tut weh, aber es ist ein süßer Schmerz.« Er lachte leise. »Du hast die Arme eines Schwertkämpfers.«

»Es tut mir leid.«

»Ich weiß. War es wieder derselbe Traum?«

Melisande presste die Lippen zusammen. Ja, es war der Traum gewesen, der sie seit zwei Jahren verfolgte. Sie hatte gehofft, mit dem Tod von Ottmar de Bruce würde alles gut werden, doch der Graf ließ ihr auch über das Grab hinaus keine Ruhe. Nacht für Nacht schwor er Rache, bedrohte er sie mit seinem Schwert, legte er ihr die bärenstarken Hände um den Hals. Er war tot, von ihrer Hand gestorben, er konnte ihr nichts mehr anhaben. Doch nachts, wenn sie schlief, bewies er ihr, dass er immer noch Macht über sie hatte.

»Es ist alles gut«, erwiderte sie, doch sie sah in Wendels Augen, dass er ihr nicht glaubte. Was sollte sie ihm denn sagen? Dass sie ihn getäuscht hatte? Dass sie nicht Melissa de Willms aus Augsburg war? Dass sie vielmehr Melisande Wilhelmis war, die wie durch ein Wunder mit dem Leben davongekommen war, als Ottmar de Bruce ihre ganze Familie abschlachten ließ, und dass sie danach beim Henker von Esslingen aufgewachsen war und dessen Handwerk erlernt hatte? Sollte sie ihm sagen, dass sie selbst es gewesen war, die ihn, ihren geliebten Wendel, im Kerker von Esslingen gefoltert hatte, hatte foltern müssen, um ihn zu retten? Dass sie es gewesen war, die Ottmar de Bruce schließlich getötet und damit das Schicksal herausgefordert hatte?

Sie schloss die Augen und konzentrierte sich auf Wendels sanfte Hände, genoss die Liebe, die aus jeder Berührung sprach, ebenso wie die Sorgen, die er sich um sie machte. Ein Geräusch ließ sie hochschrecken. »Ist jemand im Zimmer?«

»Nein, Liebste, das ist der Wind, der an den Läden rüttelt. Er hat die Wolken vertrieben. Das Wetter ist über Nacht umgeschlagen, bestimmt bekommen wir einen herrlichen Sommertag.«

Melisande lauschte. Er hatte Recht. Außer dem leisen Pfeifen des Windes war nichts zu hören. Offenbar schlief die Stadt noch. »Ich bin gleich wieder bei dir.« Sie strich Wendel über den Arm, schlüpfte aus dem Bett und trat ans Fenster. Sie drückte die Läden ein kleines Stück auf und spähte hinaus. Nichts rührte sich auf der Straße vor dem Haus. Selbst der Nachtwächter war nirgends zu sehen. Doch der Himmel wurde bereits grau. Bald würde es vom Kloster der Dominikanerbrüder her zur Laudes läuten, und kurz darauf würde die Stadt zum Leben erwachen. Rottweil, ihre neue Heimat. Hier lebte es sich ganz anders als in Esslingen, wo sie aufgewachsen war. Die Bräuche waren anders, der Singsang der Sprache und vor allem die Aussicht. Da die Stadt hoch über dem Neckartal thronte, konnte man hier vom Stadttor aus den Blick weit in die Ferne schweifen lassen.

Die Morgenluft war mild und kühlte Melisandes heiße Stirn. Langsam beruhigte sich ihr Herzschlag. Sie gähnte. Doch zum Schlafen würde sie nicht mehr kommen. Ein langer Tag lag vor ihnen. Ein mächtiger Handelszug aus Italien sollte heute ankommen, mit über fünfzig Fässern Wein für ihr Geschäft. Rottweil würde kopfstehen, denn außer dem Wein würden auch seltene Tuche, Gewürze, Spezereien und vor allem sündhaft teures Glas aus Venedig angeliefert werden. Wenn nur der Zug heil die Stadt erreichte! Nicht nur Wendels und ihr Geschick hingen davon ab, sondern das eines weiteren halben Dutzends braver Rottweiler Bürger, die wie sie ein Vermögen in den Ankauf der kostbaren Handelsgüter gesteckt hatten. Und der Rest der Woche versprach nicht weniger Aufregung: Am Mittwoch erwartete Wendel seine Mutter, die angekündigt hatte, sie zu besuchen eine seltene Freude, die ihnen nur zuteilwurde, wenn es ihr gelang, sich unter einem Vorwand aus Reutlingen zu entfernen.

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