Verlag: beHEARTBEAT by Bastei Entertainment Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

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E-Book-Beschreibung Die Träume eines Sommers - Michael Callahan

Drei Frauen, deren Wege sich sonst nie gekreuzt hätten. Drei Frauen auf der Suche nach Glück und Liebe. Ein Sommer, der ihr Leben für immer verändern wird. 1955 - sie alle kommen nach New York, der Stadt ihrer Träume, um dort den aufregendsten Sommer ihres Lebens zu verbringen. Laura, die Schönheit vom Lande, die gegen den Willen ihrer Mutter ein Praktikum bei der angesagten Modezeitschrift Mademoiselle absolviert. Dolly, ihre hoffnungslos romantische Zimmernachbarin, die Sekretärin und noch lieber Ehefrau werden möchte. Und die wilde Vivian, die sich an keine Regeln hält, in einem Nachtclub jobbt und Sängerin werden will. Sie alle treffen in dem New Yorker Barbizon Hotel aufeinander und erleben einen Sommer, den sie nie vergessen werden.

Meinungen über das E-Book Die Träume eines Sommers - Michael Callahan

E-Book-Leseprobe Die Träume eines Sommers - Michael Callahan

Inhalt

Cover

Über dieses Buch

Über den Autor

Titel

Impressum

Widmung

PROLOG

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EPILOG

Danksagungen

Über dieses Buch

Drei Frauen, deren Wege sich sonst nie gekreuzt hätten.Drei Frauen auf der Suche nach Glück und Liebe.Ein Sommer, der ihr Leben für immer verändern wird.

1955 – sie alle kommen nach New York, der Stadt ihrer Träume, um dort den aufregendsten Sommer ihres Lebens zu verbringen.

Laura, die Schönheit vom Lande, die gegen den Willen ihrer Mutter ein Praktikum bei der angesagten Modezeitschrift Mademoiselle absolviert.

Dolly ihre hoffnungslos romantische Zimmernachbarin, die Sekretärin und noch lieber Ehefrau werden möchte.

Und die wilde Vivian, die sich an keine Regeln hält, in einem Nachtclub jobbt und Sängerin werden will.

Sie alle treffen in dem New Yorker Barbizon Hotel aufeinander und erleben einen Sommer, den sie nie vergessen werden.

Über den Autor

MICHAEL CALLAHAN lebt in New Jersey und arbeitet als Journalist für die Zeitschriften Vanity Fair, Town & Country und Marie Claire. Seine Artikel erschienen in mehr als zwei Dutzend Magazinen, unter anderem Men’s Health, Real Simple, Vibe und Good Housekeeping. »Die Träume eines Sommers” ist sein erster Roman.

Michael Callahan

DIETRÄUMEEINESSOMMERS

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Alexandra Kranefeld

beHEARTBEAT

Digitale Originalausgabe

»be« – Das eBook-Imprint von Bastei Entertainment | Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Für die Originalausgabe: Copyright © 2015 by Michael Callahan

Titel der amerikanischen Originalausgabe: Searching for Grace Kelly

Dieses Werk wurde vermittelt durch die literarische Agentur Mohrbooks AG Literary Agency, Zürich

Copyright © 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln

Lektorat: Stefanie Kruschandl

Projektmanagement: Esther Madaler

Covergestaltung: Christin Wilhelm, www.grafic4u.de unter Verwendung von Motiven von © Shutterstock: holbox | severija und © Elisabeth Ansley/Trevillion

eBook-Erstellung: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-7325-1762-6

www.be-ebooks.de

www.lesejury.de

PROLOG

Dezember 1955

Genug des Guten, sagt sie sich, beißt mit den Lippen auf ein gefaltetes Papiertaschentuch und legt es beiseite. Sie lehnt sich zurück und nimmt sich ein letztes Mal in Augenschein. Vielleicht noch ein wenig nachpudern … so, fertig. Sie lässt den Deckel der Puderdose zuschnappen, steht auf und betrachtet sich aus ein paar Schritten Entfernung im Spiegel: tailliertes Bouclé-Kostüm (fünfzehn Dollar bei Oppenheim Collins an der West 34th Street), einreihige Perlenkette und, natürlich, ihr Hut. Seit sie alt genug war, um etwas von Mode zu verstehen, hat sie sich kompromisslos dem Credo von Edna Woolman Chase verschrieben, der einstigen Chefredakteurin der Vogue: »Mode kann man kaufen. Stil muss man haben.«

Sie schlüpft in ihren Mantel, spürt ihn warm um ihre Schultern. Zwar hat sie nicht vor, sich lange aufzuhalten, aber es wird kalt sein dort oben. Sie atmet tief durch.

Ich bin bereit.

Soll sie ihre Handtasche mitnehmen? Doch, es wäre gewiss hilfreich, ihre Papiere dabeizuhaben. So umsichtig von ihr. Sie streift sich die schmalen Bügel über den Unterarm, greift nach dem Kristallglas auf der Frisierkommode und kippt den restlichen Whiskey herunter, spürt ihn warm und bitter durch ihre Kehle rinnen. Ein feines Lächeln spielt um ihre Lippen, als sie den Koffer und die Hutschachtel neben der Tür stehen sieht, beide leer. Ein Glück, dass keins der Mädchen es bemerkt hat. Nicht auszudenken, wenn eine von ihnen die Schachtel oder den Koffer angehoben hätte oder zufällig beim Hinausgehen dagegen gestoßen wäre. Sie wären ihr sofort auf die Schliche gekommen. Und was dann?

Sie tritt hinaus auf den Flur. Totenstille. Es ist der letzte Freitag vor Weihnachten, die meisten der Mädels sind bereits abgereist. Einige von ihnen, die Glücklichen, sitzen mit ihren Verehrern bei Champagner und Cocktails im Stork oder im Harwyn, die weniger Glücklichen im Bus oder Zug, um über die Feiertage nach Hause zu fahren, die Taschen voller Geschenke und Lügenmärchen über das rasante und schillernde Großstadtleben. Wer jetzt noch hier ist, macht sich unsichtbar; die Weiber, wie jeder sie nennt, wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand, eine jede allein, sitzen sie auf ihren Zimmern und schlagen die Zeit tot bei lauwarmem Kamillentee und Kreuzworträtseln.

Sie geht an den Fahrstühlen vorbei. Würde sie den Aufzug nehmen, gäbe es bloß Fragen von der Lift Lady, die immer nach einer Geschichte giert. Am Ende des Flurs führt ein Notausgang hinaus ins Treppenhaus – den nimmt sie und macht sich, Stufe für Stufe, auf den langen Weg nach oben.

Eine Viertelstunde braucht sie, ehe sie die Türe zur Dachterrasse aufstößt. Klare, kalte Nachtluft schlägt ihr entgegen. Sie ist außer Atem von den vielen Treppen, noch dazu auf Absätzen, und es tut gut, wie die Kälte ihr in die Lungen fährt. Sie geht hinaus auf die Terrasse, tritt an die Balustrade und lässt ihren Blick über das nächtliche New York schweifen, das schöne, wunderbare, verheißungsvolle New York, das pulsiert vor Leben, das voller Träume und Versprechungen ist. Wie Sterne funkeln die hell erleuchteten Fenster fern in der Nacht, und ein jedes erzählt eine Geschichte: Geschichten von Liebe und Leid, von Siegen und Niederlagen, von Lust und Freude, Verzweiflung und Dummheit, Verrat und Einsamkeit.

Sie holt noch einmal tief Luft, legt die Hände auf die Balustrade, spürt die Kälte kaum. Eine herrliche Nacht, denkt sie. Eine Nacht wie gemacht zum Sterben.

1

Juni 1955

Wie seltsam es war, dass ein so großes Gebäude, in dem so viele Menschen in so viele verschiedene Richtungen eilten, so still sein konnte. Doch in der Grand Central Station herrschte kein Lärm, kein Stimmengewirr, wie man es erwarten würde vom »Bahnhof der Welt«; nein, das bestimmende Geräusch war vielmehr ein tiefes, stetiges Brummen, wie eine unter Strom stehende Leitung, ein Vibrieren, das von den Aberhunderten von Menschen erzeugt wurde, die hier aneinander vorbeiströmten.

Laura wäre am liebsten dort geblieben. Still und geborgen im Schatten der großen, eleganten Uhr in der Mitte der Bahnhofshalle, um von dort aus unbemerkt das geschäftige Treiben zu beobachten und ein jedes der vielen Gesichter in Ruhe zu betrachten. Sie könnte diesen Gesichtern Geschichten zuschreiben, eine Vergangenheit und eine Zukunft erfinden oder sich das dramatische Wiedersehen längst verlorener Liebender ausmalen, wie sie aufeinander zuliefen, sich im Schein der zu den hohen, kathedralenartigen Fenstern hereinfallenden Sonne in die Arme sanken. In solchen Augenblicken fühlte sie sich ganz und gar lebendig und von einer ungeahnten Energie erfasst. Von der Gewissheit, dass sie all diese Geschichten schreiben konnte. Und sie würde sie schreiben. Deshalb war sie schließlich hergekommen.

Erneut schaute sie hinauf zu dem großen Ziffernblatt, das bereits eins zeigte.

Ich sollte endlich anrufen.

Sie seufzte und schleppte ihren Koffer zu einer Reihe Telefonkabinen, zwängte sich in die letzte. »Hallo, Vermittlung?«, sagte sie in den Hörer. »Ein R-Gespräch nach Greenwich, Connecticut, bitte. Greenwich-1, 3453.«

David nahm ab. Für einen Elfjährigen zeigte er eine leicht befremdliche Faszination für das Telefon, die niemand sich so recht erklären konnte, aber von allen mit mildem Gleichmut hingenommen wurde. Vermutlich war man einfach nur dankbar, dass er keine noch spezielleren Eigenheiten zeigte. Wie sein Cousin Donald beispielsweise, den man mehrfach dabei ertappt hatte, wie er den Schmuck seiner Mutter trug, was ebenfalls der gesamten Familie bekannt war, doch stets stillschweigend übergangen wurde. Über solche Dinge sprach man nicht bei den Dixons.

»Hallo Bucko, ich bin’s, Laura«, sagte sie und erfreute sich an der kindlichen Begeisterung, mit der er sie bestürmte, sie über die Zugfahrt ausfragte, ihre Wohnung – sie hatte es längst aufgegeben, ihm zu erklären, dass es bloß ein Zimmer war, zumal eines, das sie noch gar nicht gesehen hatte. »Halt, halt, nicht so schnell«, lachte sie und versuchte seinen Redeschwall zu unterbrechen. »Ich bin immer noch hier am Bahnhof. Sobald es etwas zu berichten gibt, schreibe ich dir einen ganz langen Brief, versprochen. Aber weißt du was? Ich habe dir sogar schon etwas gekauft.«

»Was, wirklich?!!« Er klang, als wäre er am liebsten durchs Telefon gekrabbelt, um es sich zu holen. »Was denn?«

»Den brandneuen Batman. Ich glaube, den bekommt man hier immer schon etwas eher als daheim bei Carson’s.« Nun völlig aus dem Häuschen, wollte er ganz genau wissen, wie das Cover aussah und worum es in der Geschichte ging. Laura kramte die Juli-Ausgabe von Detective Comics wieder aus ihrer Tasche. »Knappes Entkommen für Batman und Robin«, las sie den Titel vor und beschrieb ihm das bunte Cover, auf dem Batman und sein treuer Gefährte gefesselt ins Meer stürzten. Marmy, wie sie ihre Mutter nannten, mochte es gar nicht, dass David Comics las – »Superman hat noch niemandem einen Studienplatz in Yale verschafft« war einer ihrer Lieblingssprüche –, aber Lauras Vater hielt stets dagegen, dass es immer noch besser sei, als ständig vor dem Fernseher zu sitzen. »Ich gebe es Marmy mit, wenn sie mich besuchen kommt«, versprach Laura.

»Nein, nicht!«, rief ihr Bruder. »Die schmeißt es doch bestimmt gleich weg.«

Da hatte er womöglich recht. »Hmm«, meinte sie. »Na schön, dann machen wir es anders: Ich kaufe dir einfach noch ein Geschenk und verstecke das Heft darin – klingt das nach einer guten Idee? Jetzt bekommst du sogar schon zwei Sachen aus New York.«

Damit gab er sich zufrieden und ging ihre Mutter holen. Laura hatte angenommen, Marmy würde neben dem Telefon auf ihren Anruf warten, doch stattdessen hörte sie ihren kleinen Bruder die Treppe hinaufbrüllen, dass Marmy abnehmen sollte. Laura seufzte. Vermutlich hatte ihre Mutter mal wieder Migräne.

Ein Knacken ertönte, als der Hörer im Schlafzimmer abgenommen wurde. »Auflegen, David«, sagte ihre Mutter. Erneut knackte es in der Leitung, als ihr Bruder in der Küche gehorsam den Hörer auf die Gabel legte. »Na, dann bist du wohl gut angekommen. Rufst du aus dem Hotel an?«

»Nein, ich bin noch in der Grand Central Station. Es ist so …«

»Terminal, Liebes. Es heißt Grand Central Terminal. Denk bitte immer daran, dich korrekt auszudrücken, Laura. Frauen mit guter Kinderstube sind stets korrekt.«

Laura atmete tief durch. »Natürlich«, murmelte sie. Sie hätte ihrer Mutter ja zu gern gesagt, dass es auf Korrektheit nicht ankam, dass es Wichtigeres gab. Beispielsweise unten in der Oyster Bar zu sitzen, an einem Tom Collins zu nippen und sich höchst angeregt mit einem Handelsreisenden aus St. Louis zu unterhalten, der einem versicherte, noch nie einer so interessanten und faszinierenden jungen Dame begegnet zu sein, und der zudem noch nie von Greenwich, Connecticut gehört und auch nicht die Absicht hatte, definitiv nicht, sich jemals dorthin zu verirren.

Aber undenkbar, so etwas zu sagen. Ein falsches Wort, und sie befände sich mit dem nächsten Zug auf dem Weg zurück nach Greenwich – und wer weiß, ob sie dann jemals wieder von dort wegkäme.

»Und vergiss bitte nicht, dass ich dich in zwei Wochen mit Tante Marjorie besuchen komme, dann gehen wir den Rest deiner Garderobe kaufen«, riss Marmy sie aus ihren Gedanken. »Wir können dich schließlich nicht in einem der großen Verlagshäuser arbeiten lassen, ohne dass du dich von deiner besten Seite zeigst.«

»Es ist ja bloß für einen Monat.«

»Es ist Mademoiselle, Laura. Du kannst nicht beim schicksten Modemagazin für Collegemädchen anfangen, ohne der Rolle gerecht zu werden.« Marmy ließ einen matten Seufzer hören. »Also gut. Zuerst gehen wir zu Bendel und natürlich ins Bergdorf; wenn dann noch Zeit bleibt, können wir bei Knox nach Hüten schauen. Deine Tante Marjorie wird wieder im Colony Club essen wollen, was meine Geduld stets aufs Äußerste strapaziert, aber gut, es lässt sich nun mal nicht vermeiden.« Lauras Blick war derweil auf eine Frau gefallen, die das brandneue Pünktchenkleid von B. Altman trug. Sie wollte es ihrer Mutter gerade berichten, doch im selben Moment räusperte sich Marmy – das altbekannte mütterliche Signal, dass ein Gespräch sein Ende fand. »Ich richte deinem Vater aus, dass du gut angekommen bist. Fahr jetzt direkt ins Hotel und ruf morgen noch mal an, damit wir wissen, wie deine Unterkunft ist und ob auch alles seine Ordnung hat.«

Keine zehn Minuten später rauschte die Stadt wie im Zeitraffer an ihr vorbei, als das Taxi die Third Avenue hinauf Richtung East 63rd Street schnürte. Laura hätte am liebsten alle Eindrücke auf einmal in sich aufgesogen, aber sie zwang sich zur Gelassenheit. Dafür bleibt noch genug Zeit, sagte sie sich. Du bist keine Touristin – du lebst jetzt hier. Wenn auch nur für einen Monat.

Die anderen »Gastredakteurinnen«, wie die Mädchen genannt wurden, die einen Monat bei Mademoiselle arbeiteten, um das Collegeheft als Sonderausgabe im August herauszugeben, trafen ebenfalls dieses Wochenende ein. Laura hatte Marmy und Dad bekniet, schon ein paar Tage eher kommen zu dürfen, damit sie ein wenig Zeit hatte, sich einzuleben und am Montag, wenn sie alle ihren Antritt in den Verlagsräumen von Street & Smith hatten, frischer, wacher und ausgeruhter als die anderen Mädchen war. Mit diesem Argument hatte sie insbesondere bei Marmy punkten wollen, denn wenn ihre Mutter eines war, dann auf ihren Vorteil bedacht, wovon ihre Bridgepartnerinnen ein Lied singen konnten. Doch wie man sah, hatte die Strategie nicht verfangen. Früher als Freitag hatten ihre Eltern ihr nicht anzureisen erlaubt. Immerhin hatten sie Laura allein fahren lassen.

Der Wagen hielt auf der linken Straßenseite, und der Fahrer hieb mit der flachen Hand aufs Taxameter. »Vierzig Cent, Schätzchen.«

»Welches junge Mädchen würde nicht an diesem wunderbaren Ort leben und für die Zukunft lernen wollen?«, hatte die Anzeige in der Charm verheißungsvoll gefragt, und von dem Moment an, als sie sie im Alter von fünfzehn Jahren gelesen hatte, hatte Laura gewusst, dass sie eines Tages im Barbizon Hotel for Women leben würde.

»Name?«, fragte die sauertöpfisch wirkende Frau am Empfang.

»Dixon. Laura Dixon.«

»Aha. Sie gehören doch zu den Mademoiselle-Mädchen, richtig?«

»Ja, aber ich dachte, ich komme schon etwas eher, damit ich …« Sie holte tief Luft. Warum war sie so nervös? »Um die Stadt ein bisschen kennenzulernen und mich zurechtzufinden.« Wie dumm sie klang, wie provinziell!

Die Empfangsdame würdigte sie keines Blickes und schaute angestrengt über den Rand ihrer Brille in das vor ihr aufgeschlagene Register. »Na schön. Normalerweise müssten Sie erst zum Antrittsgespräch zu Mrs Mayhew, ehe Sie Ihr Zimmer beziehen, nur ist Mrs Mayhew heute leider außer Haus.« Sie machte sich einen Vermerk. »Morgen früh um neun melden Sie sich hier im Foyer, es findet eine Orientierungstour statt, um Sie mit den Örtlichkeiten und den Gepflogenheiten des Hauses vertraut zu machen. Punkt neun, wir warten nicht.«

»Ja.« Laura nickte. »Selbstverständlich.«

Die Frau schaute auf und musterte sie abschätzend. Trotz der sommerlichen Temperaturen hatte Laura ihr bestes Paar weißer Glacéhandschuhe angezogen, um ihren guten Willen unter Beweis zu stellen und sich der besten Adresse für allein in der Stadt lebende junge Damen würdig zu erweisen. Dazu trug sie ein kanariengelbes Leinenkleid mit eng geschnürtem Gürtel und einen Strohhut mit farblich passender Schleife. Beides, so hatte sie gehofft, würde einen stilsicheren Kontrast zu ihren dunklen Augen und ihrem dunklen Haar abgeben. Frisch und sommerlich, dabei aber elegant. Doch im Taxi war es heiß und stickig gewesen, und ihre Aufregung hatte ihr erst recht den Schweiß ausbrechen lassen. Das Haar klebte unter dem Hut feucht am Kopf, und überhaupt, dieser Hut – wie albern und prätentiös er ihr jetzt vorkam! Das Kleid war zerknittert, und die Handschuhe waren durchgeschwitzt, und Laura sehnte sich danach, sie auszuziehen. Wie Hollywood-Diva Gene Tierney hatte sie durch die Türen des Barbizon rauschen wollen; jetzt fühlte sie sich wie Gene Tunney nach der letzten Runde.

»Eigentlich war vorgesehen, dass Sie mit einem der Mädchen aus Ihrem Ausbildungsprogramm auf ein Zimmer kommen, aber nachdem Sie bereits heute eingetroffen sind, muss ich umdisponieren, denn das betreffende Zimmer ist noch nicht frei«, klärte die Rezeptionistin sie mit säuerlicher Miene auf. »Ich habe Sie jetzt zu einem der Katie-Gibbs-Mädchen gesteckt.« Laura hatte keinen blassen Schimmer, wer Katie Gibbs war, aber sie würde es wohl bald erfahren. »Das hier«, belehrte die Frau sie weiter und schob ihr ein hellblaues Heft über die Theke, »ist das Barbizon-Handbuch, in dem Sie die Hausordnung samt aller Rechte und Pflichten finden, die für Ihren Aufenthalt gelten. Bitte lesen Sie es sich sorgfältig durch. Jeder Verstoß gegen die Regeln kann Ihren sofortigen Hausverweis zur Folge haben.« Wieder schaute sie kurz auf und maß Laura mit jenem kühlen Blick, mit dem man ein aufsässiges Kind am ersten Schultag zu disziplinieren gedachte. »Ich sollte Sie vielleicht insbesondere auf Seite acht verweisen.«

Laura wollte gerade zu Seite acht blättern, wurde jedoch ungeduldig fortgewinkt. »Die Fahrstühle sind um die Ecke«, sagte die Empfangsdame und schob ihr mit der anderen Hand den Zimmerschlüssel zu. »Zwölfter Stock.«

Fünf Minuten später stand Laura vor ihrem Zimmer und versuchte, den Schlüssel ins Schloss zu bekommen, als die Tür plötzlich aufflog und sie schier umgeworfen hätte. »Oje, tut mir leid!«, rief eine junge Frau, die kaum größer als einen Meter fünfzig sein konnte, dabei etwas stämmig, mit schwarzen Locken und einem herzförmigen Gesicht, das so offen und freundlich wirkte, dass man sie sich kaum wütend oder traurig vorstellen konnte. »’tschuldigung, tut mir wirklich leid. Warte, ich helfe dir«, sagte sie und schnappte sich das Gepäck.

Laura versicherte ihr, dass das wirklich nicht nötig sei, aber da hatte das Mädchen ihren Koffer schon ins Zimmer geschleppt und ließ ihn auf eines der beiden schmalen Betten fallen. »Tut mir leid, dass er so schrecklich schwer ist«, sagte Laura. Sie ließ ihre Tasche, Handschuhe, den Hut und das Barbizon-Handbuch danebenfallen und zupfte sich endlich die vermaledeiten Handschuhe von den Fingern. »Mit leichtem Gepäck zu reisen erwies sich leider als unüberwindliche Herausforderung.«

»Ach, und wenn schon, jetzt hast du’s geschafft«, sagte das Mädchen, strahlte sie an und streckte ihr die Hand hin. Sie war so herzlich und direkt, dass Laura sofort vermutete, sie könne nur vom Land kommen, vermutlich irgendwo aus dem Mittleren Westen. »Hallo, ich bin Dolores Hickey, von jetzt an deine Zimmergenossin. Aber nenn mich ruhig Dolly, alle tun das, außer meiner Großmutter, die erzkatholisch ist und Dolores ja ungleich passender findet, auch wenn es mir ein Rätsel ist, warum, denn wusstest du, dass Dolores von dem lateinischen Wort für Schmerz kommt? So was können sich wirklich nur Katholiken ausdenken. Ich meine, wer will denn schon ›Schmerz‹ heißen?! Dann doch lieber Dolly.«

Sie redete wie ein Wasserfall und hatte dabei etwas Warmes, Mütterliches an sich, obwohl sie nach Lauras Schätzung etwas jünger sein musste als sie selbst – vielleicht achtzehn, neunzehn. Die nächste Viertelstunde plapperte Dolly weiter über Gott und die Welt, erzählte von ihren Kursen bei Katie Gibbs – eine Sekretärinnenschule, wie Laura nun erfuhr, deren Schülerinnen seit jeher im Barbizon wohnten, wenngleich die meisten jetzt, über den Sommer, nicht da waren. Dolly hatte jedoch während der Ferienzeit eine Vertretungsstelle als Schreibkraft in einem kleinen Verlag ergattert, weshalb sie jetzt eben hier war und nicht daheim in Utica, was auch nur gut so war, denn alles war besser als Utica (hier musste Laura im Stillen ihren ersten Eindruck korrigieren: doch nicht Mittlerer Westen). Ohne auch nur Luft zu holen fuhr Dolly fort, dass sie seit Kurzem ganz wild auf die Whiskey Sours in der Landmark Tavern war, zwar nur ein einfacher Ausschank, aber die Hamburger dort waren zum Sterben gut, obwohl sie ja eigentlich keine Hamburger essen sollte, denn, nun ja, schau mich doch an, schloss sie, schnappte sich Lauras hellblaues Hotel-Handbuch, ließ sich auf ihr eigenes Bett fallen, trat sich die Schuhe von den Füßen und fragte: »Hast du das schon gelesen?«

Laura hatte derweil angefangen auszupacken und stapelte ihre Blusen auf die kleine Kommode neben ihrem Bett. »Nein, ich habe es eben erst bei der Anmeldung bekommen«, sagte sie und schaute sich im Zimmer um, doch von einem Schrank war nichts zu sehen. »Oje«, meinte sie und zeigte auf die drei ihr zugedachten Schubladen, »ist das etwa alles, was sie uns an Stauraum zugestehen?«

»Jawollja, Ma’am«, sagte Dolly und begann in dem kleinen Büchlein zu blättern. »Ist nicht das Ritz hier, da können sie uns noch so viel erzählen. Apropos, du brauchst dir das nicht durchzulesen, ich kann dir alles Wichtige verraten.«

»Na, das wollen wir doch mal sehen, Dolly Hickey aus Utica, New York – was steht auf Seite acht?«

Dolly lachte. »Wenn du das wissen willst, bist du unten vermutlich an Metzger geraten. Sie ist eine ziemliche Nummer und versteht sich prächtig darauf, alle Neuankömmlinge erst mal gründlich einzuschüchtern.«

»Inwiefern?«

»Na, mit Seite acht. Da geht es um Herrenbesuch.« Dolly schaute sie unschuldig an und wackelte mit den Augenbrauen, dann blätterte sie vor und räusperte sich so dramatisch, als wolle sie Macbeth deklamieren. »›Das Barbizon ist sich des Umstands …‹« Sie schaute zu Laura hoch. »Auch so eine wunderliche Marotte: vom Barbizon zu sprechen, als wäre es eine richtige Person – oder Gott.« Sie verdrehte die Augen und las weiter. »›Das Barbizon ist sich des Umstands vollauf bewusst, dass New York modernen jungen Frauen eine Fülle von Zerstreuungen bietet, welche in Begleitung eines Herrn gewiss noch größeren Reiz haben. Rendezvous mit Verehrern sind daher außer Haus erlaubt; allerdings legen wir Wert darauf, dass Sitte und Anstand zu allen Zeiten gewahrt bleiben und es im Sinne aller Bewohnerinnen ist, mit Ausnahme von Vätern und Ärzten keine Männer auf die Zimmer zu lassen. Bewohnerinnen, die Besuch zu empfangen wünschen …‹ – Besuch zu empfangen wünschen!«, kreischte Dolly. »Herrje, wann wurde das denn geschrieben, 1890?« Sie schüttelte den Kopf. »Tut mir leid. Also, wo war ich … ›Bewohnerinnen, die Besuch zu empfangen wünschen, können dies in den Aufenthaltsräumen, auf der Galerie im Mezzanin oder den Terrassen tun, allerdings nur, wenn sie sich zuvor für ihren Gast eine Besuchserlaubnis an der Rezeption haben ausstellen lassen.‹«

Dolly warf das Buch lachend beiseite. »Jede Wette, dass sie das eins zu eins aus dem Handbuch der Karmeliterinnen übernommen haben. Moment, hatten die überhaupt Herrenbesuch?«

Laura hatte sich so einige Gedanken über ihre künftige Zimmerkameradin gemacht und insgeheim befürchtet, man würde sie mit einem Mädchen zusammentun, das war wie sie: eine Studentin von einem der koedukativen Colleges mit großen Erwartungen und klackernden Absätzen, die alles dafür geben würde, einen bleibenden Eindruck in den heiligen Hallen der Mademoiselle zu hinterlassen. Einen Tag früher anzureisen hatte ihr dieses Schicksal erspart. Dolly war erfrischend anders. Sie redete, wie ihr der Schnabel gewachsen war, war fröhlich, forsch und unverfälscht. Bestimmt wäre sie in ein paar Jahren verheiratet; ja, Laura sah es förmlich vor sich: Dolly, wie sie munter Hemden bügelte und Hackbraten kochte und sich gar nichts Schöneres vorstellen konnte. Wie sie sich ihre eigene Zukunft vorstellte, wusste Laura hingegen nicht. Aber musste sie das jetzt schon wissen? Bestimmt würde sich das alles finden, und wenn es so weit war, dann würde sie es wissen, ganz bestimmt. Und eigentlich kam es auch gar nicht so sehr darauf an, was sie machte, solange sie bloß nicht so wurde wie Marmy.

Lauras Blick fiel auf eine Filmillustrierte, Movie Stars, die oben auf der Kommode lag, mit einer strahlenden Jane Powell auf dem Titelblatt, die einen ganz ähnlichen Strohhut trug wie den, mit dem Laura heute ihren ›großen Auftritt‹ gehabt hatte. Ob sie das als gutes Omen werten sollte? Laura griff nach dem Heft und fächelte sich damit Luft zu. »Puh, es ist entsetzlich warm hier drin«, meinte sie.

»Seite zehn«, zwitscherte Dolly vergnügt. »Auf den Zimmern sind keine elektrischen Geräte erlaubt.«

»Herrje, ein Ventilator ist doch kein Waffeleisen!«

»Mmmm …«, seufzte Dolly. »Gegen eine Waffel hätte ich jetzt wirklich nichts einzuwenden. Mit Eiscreme. Und bitte direkt an der Strandpromenade von Coney Island. Wäre das nicht herrlich?« Sie ließ sich auf den Rücken fallen und schlug die Beine übereinander. »Obwohl Frank das gar nicht gefallen dürfte.«

Laura verstaute die letzten ihrer Blusen im Schubfach und schob es mit beiden Händen zu. Wie sollte sie hier nur ohne Bügeleisen überleben? Wie machten die anderen Mädchen das? Sie drehte sich zu Dolly um. »Wer ist Frank?«

Dolly stützte sich seitlich auf den Ellbogen. »Mein Freund. Genau genommen war er mein Freund, aber ich glaube, er könnte es wieder werden. Seine größte Sorge ist, ich könnte fett werden, und wen wundert’s – seine Schwester Regina ist eine richtige Tonne. So was will man sich nicht freiwillig anlachen, stimmt’s?«

»Du redest so viel vom Essen, dass ich selbst schon ganz hungrig werde«, lachte Laura, trat vor den Spiegel und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, das ihr feucht im Nacken und an den Schläfen klebte. Zum Frühstück hatte es für sie bloß Obst gegeben, da Marmy der Ansicht war, Eier und Speck würden sich nicht mit einer längeren Zugfahrt vertragen. »Wollen wir uns schnell einen Happen besorgen?«

Die Cafeteria des Barbizon war ein schmaler, schlauchartiger Raum, in der Mitte eine lange Theke mit Barhockern, und zu beiden Seiten der Bar, entlang der Wände, lederbezogene Sitznischen mit kleinen Tischen. Klimatisiert war der Raum zudem; Laura atmete erleichtert auf. Sie und Dolly rutschten auf eine der freien Bänke, und das kühle, glatte Leder war eine wahre Wohltat auf ihrer erhitzten Haut. »Oh ja, das fühlt sich schon viel besser an«, seufzte Dolly und sah sich nach der Bedienung um.

Wie nicht anders zu erwarten, wurde das Café vor allem von den Mädchen besucht, die im Hotel wohnten, doch Laura bemerkte auch einige Frauen mittleren Alters, die für sich allein saßen und während des Essens in ein Buch oder eine Zeitschrift vertieft waren. Dolly folgte ihrem Blick.

»So zu werden wie sie, ist unsere größte Sorge«, raunte sie Laura zu.

»Wie meinst du das?«

»Wir nennen sie die Weiber. Sie kamen irgendwann in den Dreißigern oder Vierzigern, als sie in unserem Alter waren, aber sie haben den Absprung nie geschafft. Und jetzt sitzen sie hier, die alten Jungfern des Barbizon.« Dolly erschauderte so heftig, dass es nicht bloß gespielt sein konnte; so setzte sie denn auch nach: »Lieber würde ich sterben, als mit Mitte zwanzig noch hier zu leben.«

Dann bestellte sie sich ein Sandwich mit Eiersalat und eine Cola, Laura nahm einen Hamburger – eine kulinarische Wahl, mit der Marmy absolut nicht einverstanden gewesen wäre, was ihrem Reiz natürlich keinen Abbruch tat, im Gegenteil.

Während sie auf ihr Essen warteten, ertappte Laura sich immer wieder dabei, die Frauen verstohlen zu beobachten. Es waren drei oder vier, die über das ganze Café verteilt saßen. Laura hätte jede von ihnen auf Mitte dreißig geschätzt, vielleicht sogar schon vierzig. Was war mit ihnen passiert? Warum waren sie noch immer hier, was hatte sie aufgehalten? Waren sie wirklich so unglücklich wie sie wirkten, wie sie da allein an ihren Tischen saßen, gleichgültig ihr Essen kauten und Kriminalromane lasen? Das konnte kaum das Leben sein, das sie sich erträumt hatten, oder? Vielleicht waren sie einmal genauso gewesen wie sie es jetzt war, jung und hoffnungsfroh, voller Ungeduld und Neugier auf die Welt; vielleicht waren auch sie mit großen Erwartungen und voll der gespannten Vorfreude nach Manhattan gekommen, nur um dann hilflos mitansehen zu müssen, wie alles ganz furchtbar schiefgegangen war. Jede von ihnen hat eine Geschichte, dachte Laura. So viel konnte passiert sein. Eine unglückliche Liebe, ein gebrochenes Versprechen, ein unverzeihlicher Verrat …

»Hallo, hallo, jemand zu Hause?«, rief Dolly und wedelte ihr mit den Händen vor dem Gesicht herum.

Laura blinzelte und fand sich jäh in der Realität wieder. »Ach, entschuldige, das ist so ein Tick von mir. Ich beobachte unglaublich gern andere Menschen. Deshalb möchte ich vermutlich auch Schriftstellerin werden.«

»Stimmt, das stelle ich mir spaßig vor«, meinte Dolly. »Als Schriftsteller hast du auf jeden Fall immer eine prima Ausrede, um im Leben anderer Leute herumzuschnüffeln … Oh, mein Gott … Nicht hinschauen, aber guck mal, wer da gerade hereinspaziert kommt!«

Laura nahm sich Dollys widersprüchliche Anweisung nicht weiter zu Herzen und drehte sich um. Ein junger Mann, groß und blond, in weißem Tennishemd und weiter Leinenhose, hatte die Cafeteria betreten und stand jetzt, die Ellbogen lässig aufgestützt, am Tresen, um seine Bestellung aufzugeben. Das Serviermädchen hing wie gebannt an seinen Lippen und himmelte ihn mit großen Augen an.

»Wer ist das?«, fragte Laura leicht irritiert.

»Wer das ist?« Dolly schaute sie entgeistert an. »Und du willst bei einer Frauenzeitschrift arbeiten? Aber hallo, das ist Box Barnes!«

Laura kniff die Augen leicht zusammen, um ihn besser ins Visier nehmen zu können. Er war durchaus attraktiv, gepflegt und gutaussehend im lässig-gediegenen Stil der Country Clubs – ein Typus, den man zur Genüge kannte, wenn man in Greenwich, Connecticut aufgewachsen war. Wenn nicht gar selbst Sportler, so gab er doch zumindest eine ausgesprochen sportliche Erscheinung ab, dazu das leicht gewellte, perfekt pomadisierte Haar und die bemerkenswert hellen blauen Augen. Kurzum – ein Mann, der den Frauen gefiel und manch einer schlaflose Nächte bescheren mochte. Doch das allein war es nicht, nein, es war vielmehr seine Ausstrahlung, die Laura faszinierte, dieses Charisma, das er verströmte. Er fing ihren Blick auf und lächelte; Laura fuhr wie von der Tarantel gestochen herum und wäre am liebsten im Erdboden versunken. Oh nein, wie furchtbar, wie unsagbar peinlich!

»Sag bloß … hat er dir gerade zugezwinkert?«, fragte Dolly, plötzlich ganz aufgekratzt.

»Sei doch nicht albern«, erwiderte Laura und spürte ihre Wangen glühen. Herrje, das konnte ja heiter werden! Wenn sie sich jedes Mal in Verlegenheit bringen ließ, sowie ein Mann sie auch nur ansah, würde sie es in New York wohl nicht lange durchhalten. »Und wer ist dieser Box Barnes?«

»Na, wer soll er schon sein?« Dolly lehnte sich vor und senkte die Stimme zu einem erregten Flüstern. »Einer der begehrtesten Junggesellen der Stadt, du Dummchen. Er ist der Erbe von Barnes & Foster, dem Kaufhaus an der Fifth Avenue. Daher auch sein Spitzname: Als Kind soll er dort immer mit den leeren Kartons gespielt haben, in denen die Waren angeliefert wurden. Eigentlich heißt er Benjamin. Oder Bobby? Egal, jeder nennt ihn Box, und er gilt als der beste Fang Manhattans, glaub mir. Der Junge ist jeden Abend unterwegs, kommt in die nobelsten Nachtclubs und zu allen wichtigen Premieren.« Sie schüttelte den Kopf, noch immer fassungslos über Lauras Unwissenheit. »Ein Tipp: Fang an, die Gesellschaftsspalten zu lesen. Cholly Knickerbocker kann ich dir wärmstens empfehlen.«

Als die Kellnerin mit ihren Sandwiches kam, nutzte Laura die Gelegenheit und bat um Mayonnaise, wobei sie ganz unauffällig den Kopf wandte, sodass sie aus den Augenwinkeln den Tresen überblicken konnte. Doch Box Barnes war fort.

Zurück auf ihrem Zimmer fragte Laura: »Was macht denn jemand wie Box Barnes im Café des Barbizon? Wohnt er in der Nähe?«

»Keine Ahnung«, meinte Dolly. »Wahrscheinlich wollte er sich mit jemandem treffen. Du würdest dich wundern: Männer aus der ganzen Stadt kreuzen hier auf, um ihr Glück zu versuchen.« Mit einem kurzen Seitenblick auf Laura fügte sie hinzu: »Zumindest bei den Mädchen, die so aussehen wie du.« »Also wirklich, Dolly, ich …« Sie unterbrach sich, als es auf einmal wild an die Zimmertür klopfte. »Schnell, lasst mich rein!«, flüsterte es eindringlich von draußen und, etwas nachdrücklicher: »Aufmachen, verdammt noch mal!«

Sie sahen sich fragend an, dann ging Dolly zur Tür und öffnete. Eine hoch aufgeschossene junge Frau mit feuerrotem Haar schob sich an Dolly vorbei, schlug die Tür hinter sich zu und ließ sich mit dem Rücken dagegen fallen.

»Okay«, sagte sie mit unverkennbar britischem Akzent. »Wenn gleich jemand fragen sollte – ich war den ganzen Nachmittag mit euch beiden zusammen, klar?«

2

Laura war wie erstarrt. Sie versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen, etwas zu sagen, etwas zu tun. Doch was? Im Grunde war es ganz gleich, was sie tat, solange es sie nur unbeschadet aus dieser Situation herausbrachte. Denn sie war ein gutes Mädchen, ein braves Mädchen. Ein Mädchen, das wusste, was sich gehörte, was man zu tun und was man zu lassen hatte. Schon früh hatte sie dies verinnerlicht, unter den wachsamen Augen und der Anleitung einer Mutter, die den Erfolg der Tochter zu ihrem höchsten Ziel erkoren hatte. Laura gehörte zu den Mädchen, die im Alter von zwölf Jahren schon versiert in gesellschaftlicher Etikette gewesen waren und eine Teegesellschaft im Alleingang hätten bestreiten können. Die Entscheidung, was richtig und was falsch war, hatte sich darum nur selten gestellt – bis jetzt, wo es ihr auf einmal so verlockend vorkam, das Falsche zu tun.

Letztes Jahr hatte sie in der Glamour einen Artikel gelesen mit dem Titel »Ein Mädchen, wie wir alle es gern wären«, und als sie jetzt diesen rothaarigen Wirbelwind anschaute, der da in ihr Zimmer gestürmt war, hatte sie eigentlich nur einen einzigen Gedanken: So will ich sein. Sie wollte mutig und verwegen sein, einen englischen Akzent haben und rote Locken, die mit silbernen Spangen zu einem strengen Knoten gebändigt waren, wollte gemusterte Hemdblusenkleider tragen und selbst dann noch elegant wirken, wenn sie mit dem Rücken zur Wand stand, oder – wie in diesem Fall – sich mit ausgebreiteten Armen gegen eine Tür warf, als wolle sie eine Invasion Außerirdischer aufhalten. Wie draufgängerisch und gefährlich das alles wirkte, wie glamourös und spontan!

»Hör mal, ich weiß jetzt ehrlich gesagt nicht …«, fing Dolly an, wurde jedoch von neuerlichem, herrischem Klopfen unterbrochen, das sie alle wie ertappt zusammenfahren ließ.

»Bitte öffnen Sie die Tür, meine Damen.« Laura erkannte die Stimme sofort. Metzger.

Der Rotschopf rang flehentlich die Hände und deutete einige Male vor sich auf den Boden, wie um zu sagen, »Hier, hier, ich war hier!«, dann trat sie schließlich beiseite, und Dolly ging, den wunderlichen, unerwarteten Gast nicht aus den Augen lassend, zögerlich zur Tür, um aufzumachen. Metzger kam herein.

»Aha, Miss Windsor … da sind Sie ja. Mir wurde gesagt, dass Sie sich hierher geflüchtet hätten.«

»Ja, auf einen kurzen Besuch bei Freunden«, erwiderte das Mädchen mit derselben Beiläufigkeit, mit der Prinzessin Margaret eine flüchtige Bemerkung über das Wetter eingeworfen hätte. Sie ließ sich in den schmalen Sessel am Fenster sinken und schaute gelangweilt hinaus.

»Verstehe.« Metzger wandte sich an Laura und Dolly. »Dann kennen Sie beide Miss Windsor wohl sehr gut?«

»Oh, das würde ich so nicht …« stammelte Dolly los.

»Nein«, unterbrach Laura sie mit deutlich mehr Nachdruck als beabsichtigt. »Wie Sie wissen, Ma’am, bin ich erst heute Mittag angekommen. Aber Miss Hickey und Miss Windsor waren so freundlich, sich mir vorzustellen und mich willkommen zu heißen. Wir haben den ganzen Nachmittag zusammen verbracht.«

Warum?, fragte sie sich. Warum lügen und ein Mädchen decken, das sie nicht kannte, dem sie nie zuvor begegnet war. Ein Mädchen, von dem sie nicht einmal den Vornamen wusste und das sich womöglich wer weiß was hatte zuschulden kommen lassen? Sie wusste die Antwort, kaum dass sie sich die Frage gestellt hatte: Weil es aufregend war, darum. Weil es New York war, weil dies der Beginn ihres New Yorker Abenteuers war und weil man in New York Dinge tun konnte, die zu Hause undenkbar gewesen wären. Sich beispielsweise Geschichten über Leute auszudenken, die man überhaupt nicht kannte, aber zu kennen vorgab.

»Was Sie nicht sagen«, bemerkte Metzger trocken. Laura fing Dollys panischen Blick auf und versuchte, Ruhe und Gelassenheit zu verbreiten. Es galt jetzt, einen kühlen Kopf zu bewahren, denn wenn man sie der Lüge überführte, wären die Folgen fatal. Was würde Marmy sagen, wenn man ihre Tochter gleich am ersten Tag aus dem Barbizon hinauswarf? Undenkbar. Doch der Rausch des Adrenalins machte alles andere vergessen.

»Ja, weil es genau so war«, beharrte Laura und gab sich leicht pikiert. Aus dem Augenwinkel sah sie den Rotschopf noch immer mit abwesendem Blick aus dem Fenster schauen, als ginge ihn das alles nichts an.

»Nun, das ist ja interessant«, meinte Metzger. »Denn vor nicht einmal zwei Stunden hat Miss Windsor einen männlichen Besucher angemeldet …«, sie zückte das Beweisstück und las laut vor, »… einen Mr St. Marks, und sie hat daraufhin die Erlaubnis erhalten, den Herrn im Salon im vierten Stock zu empfangen. Doch nun …«, hier schaute sie Laura direkt an, »frage ich mich natürlich, wo besagter Mr St. Marks wohl abgeblieben ist, denn es gibt keinen offiziellen Vermerk, dass er das Hotel wieder verlassen hat. Vielmehr wurde mir von verschiedenen Seiten berichtet …«, ihr Medusenblick nahm nun die vermeintliche Missetäterin ins Visier, »… dass man Miss Windsor und Mr St. Marks in einer … nun, sagen wir mal etwas verfänglichen Situation im Wintergarten gesehen hätte.« Ihr Blick schwenkte in all seiner Unergründlichkeit zurück auf Laura, dann auf Dolly, die mittlerweile recht blass um die Nase war.

»Und doch behaupten Sie beide, den ganzen Nachmittag mit Miss Windsor verbracht zu haben. Erstaunlich, kann ich da nur sagen, sehr erstaunlich! Wie können wir dieses Rätsel bloß lösen?« Sie wandte sich an Laura. »Vielleicht hätten Sie, Miss Dixon, ja die Güte, mir ganz genau zu schildern, wie Sie drei den Nachmittag verbracht haben. Es dürfte gewiss auch Ihre Mutter interessieren, die ich von solchen Vorkommnissen natürlich in Kenntnis setzen muss.«

Die Erwähnung Marmys verfehlte ihre Wirkung nicht. Was, dachte Laura, wenn man sie tatsächlich wegen irgendeines Regelverstoßes des Barbizons verwies? Man würde auch Mademoiselle über ihr Betragen informieren; vorbei wäre es mit ihrer schicken Stelle, noch ehe sie sie überhaupt angetreten hätte! Ihre Eltern würden kommen und sie abholen, sie unter den Augen und dem Getuschel der anderen Mädchen wie eine Kriminelle durch die Lobby eskortieren, ein wahrer Spießrutenlauf. Ach, welche Schmach, welche Schande, grandios gescheitert, ehe sie in New York überhaupt einen Fuß auf den Boden bekommen hatte! Laura spürte, wie ihr Mut sie verließ, wie er aus ihr wich wie die Luft aus einem zusehends schlaffer werdenden Ballon.

»Nun ja, ich …«, begann sie kleinlaut.

»Ich finde, wir sollten einfach die Wahrheit sagen«, sprang Dolly ihr zur Seite und hakte sich demonstrativ bei Laura unter. »Wissen Sie, Mrs Metzger, das Ganze ist etwas … heikel, wie Sie sich gewiss denken können. Wir wollten Miss Windsor einfach nur … beschützen, das müssen Sie uns glauben. Welches junge Mädchen hätte sich denn nicht schon mal von einem schnittigen Mann den Kopf verdrehen lassen? Vermutlich haben Sie Mr St. Marks ja vorhin selbst gesehen – ein ganz fescher Kerl, da kommt man doch gleich ins Schwärmen, oder nicht? Miss Windsor hatte überhaupt nicht die Absicht, den Salon zu verlassen, natürlich nicht, das wäre ihr im Traum nicht eingefallen, aber Mr St. Marks …«

»Es war alles Mr St. Marks’ Idee«, warf Laura hilfreich ein.

»Genau … also er hatte schon so viel von dem berühmten Wintergarten des Barbizon gehört, der ja auch wirklich ganz reizend ist, sodass er sich dachte: ›Ach, ein kleiner Abstecher kann doch gewiss nicht schaden? Jetzt, wo ich schon mal hier bin …‹ Und ehe Miss Windsor, die ihren Gast natürlich begleitet hat, es sich versah, wurde Mr St. Marks ihr gegenüber etwas … nun, nennen wir es zu aufmerksam, und sie konnte wirklich von Glück sagen, dass ich gerade mit Miss Dixon vorbeikam. Wir sind der armen Miss Windsor sofort zu Hilfe geeilt und konnten den Herrn davon überzeugen, dass es wohl das Beste wäre, wenn er seinen Besuch abkürzen und sich empfehlen würde. Ihm war das alles sehr unangenehm, wie Sie sich ja vorstellen können, weshalb er die Hintertreppe nahm, um das Hotel zu verlassen, was uns zu dem Zeitpunkt allen eine gute Idee schien, denn dadurch ließ sich unnötiges Aufsehen vermeiden, und so … Ja, so war das, genau. Das war eigentlich schon die ganze Geschichte«, schloss Dolly, und ihre Augen strahlten, als hätte sie gerade vor großem Publikum ein Bravourstück geliefert.

Laura warf einen verstohlenen Blick auf besagte Miss Windsor, die noch immer in matter Pose am Fenster saß und es vorzuziehen schien, das von ihr geschaffene Melodram aus den Kulissen zu verfolgen. Den weiten Rock ihres Kleides sorgsam drapiert und die Beine sittsam an den Knöcheln über Kreuz, saß sie da, als gälte es für eine Porträtsitzung bei Horst P. Horst bella figura zu machen. Sollte der Zwischenfall sie beunruhigen, so ließ sie es zumindest nicht erkennen.

»Faszinierend«, sagte Mrs Metzger, und in ihre Stimme hatte sich eine müde Resignation geschlichen, die vermuten ließ, dass sie derart krude, an den Haaren herbeigezogene Erklärungen für die regelwidrigen Umtriebe der kapriziösen Miss Windsor und ihres gewiss recht zahlreichen Herrenbesuchs nicht zum ersten Mal zu hören bekam. Sie ließ ihren Blick auf der ebenso dekorativ wie undurchschaubar am Fenster drapierten jungen Frau ruhen. »Gut, Miss Windsor, dann tragen Sie bitte künftig dafür Sorge, dass Ihre Besucher sich nicht mehr auf unerlaubte Touren durch das Gebäude begeben und es durch den Vordereingang verlassen, wie es sich gehört. Haben wir uns verstanden?«

Das Mädchen wandte langsam den Blick in ihre Richtung. »Aber ja, natürlich«, sagte sie mit einem Lächeln, das kein Wässerchen trüben konnte. »Man tut nur, was man kann, nicht wahr? Ihnen auch einen schönen Abend, Mrs Metzger.«

Die beließ es dabei, setzte im Hinausgehen aber doch noch mal nach: »Und Sie, Miss Dixon, denken Sie morgen an Ihren Termin bei Mrs Mayhew – und zwar pünktlich, wenn ich bitten darf. Einen schönen Abend, die Damen.«

Kaum hatte die Tür sich hinter ihr geschlossen, ließ Dolly sich auf ihr Bett fallen. »Ojemine, war das knapp!«

»Wie bist du bloß auf diese haarsträubende Geschichte gekommen?«, fragte Laura.

»Wenn ich das wüsste«, murmelte Dolly ins Kissen, drehte sich um und grinste. »Aber wer hätte gedacht, dass ich so gut lügen kann, was? Vermutlich sollte ich dieses Talent beunruhigend finden, denn es wirft gar kein gutes Licht auf mich.«

»Unsinn, du hast uns Kopf und Kragen gerettet«, sagte Laura. »Sollte ich mich mal ganz schlimm in der Bredouille finden, werde ich mich vertrauensvoll an dich wenden.«

Dolly setzte sich kichernd auf. »Hast du gehört?«, wandte sie sich an ihren ungebetenen Gast. »Wir sind übrigens Dolly und Laura – besser bekannt als die beiden Mädchen, die dir gerade deinen Hintern gerettet haben.«

»Habt vielen Dank«, sagte sie und erhob sich aus dem Sessel. »Vivian Windsor, stolze Untertanin Ihrer Majestät. Ihr habt das ganz famos gemacht, bravo. Wusste ich es doch, dass ich an die richtige Tür geklopft habe. Intuition kann einem in der Stunde der Not wirklich die Haut retten – oder den Hintern, wie du so reizend gesagt hast. Huch, war das aufregend, auf den Schreck muss ich erst mal eine rauchen.« Sie griff nach ihren Zigaretten, steckte sich eine an und reichte die Packung an Dolly weiter, die dankend annahm; Laura lehnte höflich ab.

»Was ist denn nun wirklich mit Mr St. Marks passiert?«, fragte sie. »Ich hoffe doch sehr, er war die Mühen wert?«

»Ein anständiges Mädchen genießt und schweigt, was natürlich den Reiz des Ganzen ausmacht und womit wirklich alles gesagt ist. Denn glaubt mir, neben Dollys lebhafter Schilderung sieht die Wahrheit doch recht blass aus. Weshalb ich mir wohl auch deine Version zu eigen machen will, liebe Miss Hickey, und mich fortan an der Vorstellung erfreuen werde, den armen Kerl wie eine aufgescheuchte Ratte durchs Treppenhaus huschen zu sehen. Sehr possierlich, wirklich.«

Laura war ganz hingerissen von dieser leichten Blasiertheit, dem schlagfertigen Witz, überhaupt allem, was in seiner Überspanntheit »aristokratisch« oder »europäisch« auf sie wirkte. Sie hätte Vivian noch stundenlang so zuhören können. »Vielleicht täusche ich mich ja, aber mir kommt es so vor, als wäre das keine ganz neue Erfahrung für dich, oder?«

»Du meinst das mit Metzger eben? Ach, du Schande, wo denkst du hin! Nein, wir sind mittlerweile ein eingespieltes Team. Sie zürnt und tadelt und droht mir damit, mich in eine Besserungsanstalt für gefallene Mädchen zu stecken, ich schweige und schütze eine gewisse Zerknirschung vor, so gibt jeder seinen Part, und danach können wir wieder glücklich unserer Wege gehen. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich mich für gewöhnlich nicht genötigt sehe, in fremden Zimmern Zuflucht zu suchen. So viel Drama braucht es dann doch nicht, nicht mal bei mir. Furchtbar unhöflich, nicht wahr, hier einfach so hereinzuplatzen – verzeiht vielmals. Aber ihr wart mir der sprichwörtlich sichere Hafen, und seht es mal so: Uns Engländern werden die guten Manieren ja quasi in die Wiege gelegt, und um mich dafür erkenntlich zu zeigen, dass ihr mir eben meinen hübschen Hintern gerettet habt, würde ich euch zwei heut’ Abend gern in den Storch einladen, als meine Gäste.«

Dolly sah aus, als wäre sie einer Ohnmacht nah. »In den Stork Club?«, rief sie ungläubig. »Ist das dein Ernst?«

»Es ist bloß ein Nachtclub, Darling, kein Date mit Rock Hudson, aber ich weiß deine Begeisterung zu schätzen. Meine Schicht fängt um zehn an, kommt einfach irgendwann nach zehn vorbei, dann schleuse ich euch rein.«

Laura kannte den Stork natürlich – jeder kannte den Stork! Der Club war legendär, rühmte sich seiner illustren Besucher aus besten New Yorker Kreisen, vom Broadway und aus Hollywood, es gab Tanz und Champagner, und die Vorstellung, dass sie, Laura Dixon aus Greenwich, Connecticut, gleich ihren ersten Abend in New York an einem solch mondänen Ort verbringen würde, war einfach überwältigend. »Du arbeitest dort?«, fragte Laura.

»Ja, als Zigarettenmädchen«, erwiderte Vivian nüchtern. »Eines Tages werde ich mit der Band auf der Bühne stehen und singen, aber fürs Erste verkaufe ich blauen Dunst und haue jedem auf die Finger, der selbige nicht bei sich behalten kann, natürlich nur sinnbildlich gesprochen, wenn ihr versteht, was ich meine.«

»Du singst!«, rief Dolly und konnte es kaum fassen, dass Vivian noch für weitere Überraschungen gut war, als bloß »im Stork zu arbeiten« und ihnen so Zugang ins Allerheiligste verschaffen zu können. Das allein wäre ja schon grandios gewesen, klar, aber eine echte Sängerin, die, vielleicht, irgendwann am Broadway …

»Gesungen wird nur gegen Geld«, dämpfte Vivian ihre Erwartungen. »Ich muss los, mich sputen, wir sehen uns später. Ciao, ciao, meine Lieben.« Und damit rauschte sie hinaus, ein Abgang, der so gar nichts mit ihrem Auftritt von vorhin gemein hatte.

Während Laura weiter ihren Gedanken über Vivian Windsor nachhing und sich fragte, welche Überraschungen das Barbizon Hotel for Women wohlnoch bereithalten mochte, plagten Dolly weitaus drängendere, wenn auch profanere Sorgen. »Oh Laura!«, rief sie in heller Aufregung. »Was sollen wir bloß anziehen?«

Sie hätten sich ein Taxi nehmen sollen. Aber Dolly, die, wie Laura sehr bald feststellte, nicht dazu neigte, ihr Geld zu verprassen, hatte sie dazu überreden können, zu Fuß zu gehen; zum Storchseien es doch nur zehn Blocks (glatt gelogen, sie hatte die Querstraßen zwischen Lexington und Fifth Avenue einfach nicht mitgezählt) und der Abend sei so herrlich mild, dass man doch gemütlich zum Club bummeln könnte.

Kurz vor der 53rd Street gewahrte Laura das ganze Ausmaß ihres Fehlers. Ihre neuen schwarzen Peeptoe-Pumps drückten ganz fürchterlich, und sie merkte bereits, wie sich an der linken Ferse eine Blase bildete. Zu allem Überfluss war es ein feuchtwarmer Abend, und ihre Haare, sorgsam gekämmt, bis sie ihr in schimmernden Wellen auf die Schultern fielen, begannen sich zu kräuseln wie ein Pudelpelz.

Doch beim Anblick der weit über den Gehsteig reichenden roten Markise, auf der in großen Lettern STORK CLUB prangte, hob ihre Stimmung sich merklich. »Einen schönen guten Abend, wir sind Freundinnen von Vivian Windsor«, flötete Dolly den Türsteher an, einen missmutigen Kerl, der keine Anstalten machte, von seiner Gästeliste aufzublicken und nur ab und an einem vorbeihuschenden Pagen oder Hilfskellner knappe Befehle zubellte. Dolly versuchte es erneut. »Ich sagte, wir sind …«

»Ich habe Sie schon verstanden, Schätzchen. Aber ich kenne keine Vivian …«

»Vivian Windsor. Sir arbeitet hier«, sagte Laura. »Als Zigarettenmädchen. Sie hat uns heute Abend eingeladen.«

Er schaute kurz auf und musterte sie beide mit einer Miene, als wäre es nicht schon schlimm genug, seine Zeit mit Erklärungen über vermeintliche Einladungen zu verschwenden, nein, nun erzählten sie ihm auch noch, vom Zigarettenmädchen eingeladen worden zu sein! »So, so, hat sie das?«, brummte er. »Wie spendabel von Ihrer Majestät. Aber nichts zu machen, meine Damen, Sie sind umsonst gekommen, im Stork haben Damen nur in Begleitung Zutritt. Anweisung von oben, keine Ausnahmen. Ich wünsche noch einen schönen Abend.«

Lauras Füße brachten sie schier um, und diese rüde Abfuhr gab ihr nun wahrlich den Rest, doch wohlerzogen wie sie war, ermahnte sie sich zur Besonnenheit. Was würde Marmy tun? Ihre Mutter hätte die Situation natürlich im Griff, gar kein Zweifel, sie würde darauf bestehen, Sherman Billingsley, den Clubbesitzer höchstpersönlich, zu sprechen und einen solchen Wirbel machen, bis man sie am Ende zu Bing Crosby an den Tisch setzte. Aber, dachte Laura, sie war eben nicht ihre Mutter. Sie war müde und erschöpft, die Füße taten ihr weh, und das Drama vorhin mit Vivian hatte an ihren Nerven gezerrt. »Komm«, sagte sie zu Dolly, »wir nehmen uns ein Taxi und fahren zurück.«

Dolly zog sie vom Eingang fort. »Spinnst du?«, zischte sie. »Wir haben eine Einladung in den Storch – und wir gehen in den Storch!« Sie packte Laura bei der Hand und zerrte sie ein Stück die Straße hinunter. »Los, komm.«

Eine geschlagene Viertelstunde standen sie sich an der Ecke 53rd Street Fifth Avenue die Beine in den Bauch, sahen New Yorker Nachtschwärmer in Taxen, Bussen, Limousinen vorbeifahren. Laura lehnte sich an eine Hauswand und begann von einem kühlen Fußbad zu träumen, während Dolly wie ein Panther den halben Block hinauf- und hinabpirschte. Laura wollte gerade verkünden, dass sie es leid sei und sich das nächste Taxi nehmen würde, da kam Dolly wieder angeflitzt. »Achtung, aufgepasst – siehst du die beiden da drüben? Die schnappen wir uns.«

Laura folgte ihrem Blick und sah zwei Männer, Mitte dreißig, vielleicht auch schon über vierzig, lässig rauchend die Straße hinabschlendern. Der eine war dick und hatte eine Glatze, der andere war dünn und drahtig, mit schmalen Augen, was ihm das Aussehen eines Ganoven in einem Jimmy-Cagney-Film gab. Sie überquerten die Fahrbahn und reihten sich hinter den vor dem Stork Club anstehenden Paaren ein. »Das ist nicht dein Ernst.«

»Jetzt pass mal auf: Wir brauchen die beiden Typen als Eintrittskarte, danach können wir machen, was wir wollen.«

»Dolly, das könnten unsere Väter sein!«

»Ach Laura, nun stell dich nicht so an, so alt sind sie nun auch wieder nicht. Außerdem, es ist dein erster Abend in New York, und wir sind praktisch schon mit einem Bein im Storch, dem Stork Club! Ich dachte, du wärst nach New York gekommen, um was zu erleben. Bitte schön, hier hast du dein Abenteuer!«

Ehe Dolly etwas erwidern konnte, marschierte Dolly schon los und lächelte die beiden Männer an. »Entschuldigen Sie, meine Herren, hätte einer von Ihnen vielleicht eine Zigarette für mich?«

»Ja, hallo, meine Hübsche, wie heißen wir denn?«, fragte der Dürre und zückte sein Zigarettenetui. Na prima, dachte Laura. Für mich bleibt dann wohl der Dicke.

Nach flüchtigen gegenseitigen Vorstellungen und hastigen Zügen an ihrer Camel, hatte Dolly sich so weit in die Gunst der beiden gelächelt, dass sie und Laura die Herren in den Club begleiten durften. Der Türsteher zeigte sich bloß milde überrascht. »Könnt froh sein, dass heut Abend nicht viel los ist«, brummte er.

Wie vorhin, bei der Begegnung mit Metzger und Vivian, staunte Laura über Dollys Schneid und musste ihr widerwillig Bewunderung zollen. Das muss ich mir merken. So läuft das also in New York.

Kaum über die Schwelle des Clubs, gerieten alle Mühen in Vergessenheit. Ihre Füße schmerzten kaum noch, und selbst der Dicke, der sie, die fleischige Pranke an ihrem Rücken, zu einem der Tische dirigierte, ließ sich mühelos ausblenden.

Sie war im Stork Club!

Auf einer kleinen Bühne seitlich der Tanzfläche gab eine Sängerin eine flotte Interpretation von »My Secret Love« zum Besten, orchestriert von dezentem Schlagzeug und schnurrenden Rumbarasseln; Paare wiegten sich sanft zur Musik, die Männer in dunklen Anzügen, ihre Begleiterinnen in Corsagenkleidern. Die Ventilation lief auf Hochtouren, und doch war es stickig, die Luft gesättigt von Schweiß, Zigarettenrauch und teuren Düften, die früher am Abend aus fein geschliffenen Flakons großzügig aufgetragen worden waren. Wie es wohl sein mochte, fragte sich Laura, an einem Ort wie dem Stork Stammgast zu sein? Jeden Abend auszugehen und sich zu amüsieren, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt? In Begleitung eines Herrn bei Champagner und Kerzenschein an einem der kleinen Tische zu sitzen, im Hintergrund leises Stimmengewirr, Gläserklirren, Musik, die so sanft dahinplätscherte wie Wellen, die an den Strand schlugen? Sie betrachtete die schweren Vorhänge an den Fenstern, die schimmernden Dielen des Tanzbodens, sie spitzte die Ohren, um das laute, kokette Lachen einer Frau einzufangen, die zwischen zwei Herren in feinem Zwirn mit Nadelstreifen saß. Sie versuchte sich alles einzuprägen, jede Stimmung, jede Schwingung, die Formen, die Farben, den Einfall des Lichts. Das ist es. Das ist der Beginn meines Lebens.

Jemand packte sie beim Handgelenk und riss sie unsanft aus ihren Gedanken. »Laura, schau, da drüben sitzt Tallulah Bankhead!«, flüsterte Dolly etwas zu laut und lenkte Lauras Aufmerksamkeit auf eine Ecknische, in der eine Frau mit abweisendem Blick, hohlen Wangen und kühn geschwungenen Brauen eine Zigarette mit langer Spitze rauchte, während sie in kühler Erhabenheit das endlose Geschwätz ihres Begleiters an sich abprallen ließ. Stimmt, dachte Laura, zumindest sah es ganz nach Tallulah Bankhead aus.

Erst jetzt merkte sie, dass der Platz neben ihr leer war. Insgeheim erleichtert schaute sie sich um. »Und wo sind Mutt und Jeff abgeblieben?«

»Ach, die waren es leid, auf den Kellner zu warten, und sind kurz unsere Drinks holen gegangen«, beraubte Dolly sie ihrer Illusion. »Ich hab für dich einen Brandy bestellt, den trinkt man hier.«

»Woher weißt du denn, was man hier trinkt?«

»Ich weiß so etwas eben, Laura«, erwiderte Dolly und hielt längst schon weiter Ausschau nach der nächsten Berühmtheit.

»Sieh an, sieh an«, ertönte es da, leicht süffisant und mit geschliffenen Vokalen, neben ihrer Schulter. »Die holden Jungfern aus dem Barbizon geben sich die Ehre.«

»Eigentlich sollten wir kein einziges Wort mehr mit dir reden!«, zischte Dolly. »Hast du überhaupt eine Ahnung, was wir alles anstellen mussten, um hier hereinzukommen? Dass Frauen ohne Begleitung gar nicht erst hereingelassen werden, hast du leider vergessen zu erwähnen.«

»Der Türsteher schien auch nicht zu wissen, wer du bist«, ergänzte Laura.

»Ach, der«, schnaubte Vivian herablassend. Sie trug ein schlichtes schwarzes Kleid und ein Tablett vor dem Bauch, auf dem sich ein Sortiment an Rauchwaren und kleine bunte Dosen mit sauren Drops und Minzpastillen befand. Ihre helle Haut schien im gedämpften Licht des Nachtclubs von innen zu leuchten, das rote Haar trug sie wie Veronica Lake: seitlich gescheitelt und in langen, weichen Wellen über ein Auge fallend. Selbst in einem simplen schwarzen Kleid, mit kurzen Ärmeln und züchtigem weißen Kragen, und nur einem Hauch von Rot auf den Lippen, brachte sie es fertig, sinnlich, ruchlos und verwegen zu wirken. Laura gestand sich ihren Neid nur ungern ein, aber was hätte sie nicht darum gegeben, so zu sein wie Vivian, dieselbe unangestrengte, gefährlich faszinierende Raffinesse zu haben! »Ach, diese jämmerlichen kleinen Männer mit ihren dummen kleinen Listen«, spottete Vivian weiter. »Die führen sich auf, als würden sie vor dem Café de Paris Dienst schieben!«

Ein Herr ein paar Tische weiter winkte sie heran. »Die Pflicht ruft, meine Damen«, sagte sie und rauschte davon.

Laura schaute ihr nach und merkte dann erst, dass ihr Brandy auf den Tisch gestellt worden war. Der Dicke stand jetzt mit ausgestreckter Hand vor ihr und sah sie erwartungsvoll an. »Lust auf ein kleines Tänzchen, Baby?«

Das Orchester stimmte die ersten Takte von »Amor« an. Lieber würde ich stundenlang Geometrie üben, dachte Laura. Aber natürlich, Dolly hatte völlig recht: Sie benahm sich albern. Wollte sie nicht etwas erleben? Sie war im Stork Club, nicht am Smith College. Ihr Zimmer in Chapin House würde sie schon früh genug wiedersehen.

»Liebend gern«, sagte sie und ließ sich von ihm aufs Parkett führen.

Er war gar nicht mal so ein schlechter Tänzer, nein, wahrlich nicht. Verblüffend eigentlich, dass ein solches Schwergewicht so leichtfüßig sein konnte. Er führte sie mit einer fast schwebenden Anmut, von der die jungen Männer auf ihrem Debütantinnenball sich samt und sonders eine Scheibe hätten abschneiden können. Der Debütantinnenball – sie durfte gar nicht daran denken. Sie hatte Marmy geradezu bekniet, damit ihr dieser alberne Initiationsritus erspart bliebe, in dem sie in weißem Ballkleid und weißen Handschuhen einer Brenda Frazier würdig Einzug in die besseren Kreise von Greenwich hielt, aber vergebens – natürlich. Eine der entscheidenden Schlachten, die sie verloren hatte. Aber den Krieg, das hatte sie sich geschworen, den würde sie gewinnen. Und mittlerweile hatte sie klaren Heimvorteil. Immerhin war sie hier, in New York, im …

»Ich mach in Feinwäsche«, sagte der Dicke unvermittelt.

»Wie bitte?«

»Strumpfhosen, Nylonstrümpfe … Dessous auch«, raunte er ihr zu. »Ich verkaufe en gros an den Handel. Könnte gut sein, dass Sie gerade was von mir tragen.« Er zwinkerte ihr zu und zog sie näher an sich.

Ach herrje, auch das noch. Laura ließ den Blick übers Parkett schweifen. Warum dauerte dieser blöde Tanz denn so lange? Ihr Fuß hatte wieder angefangen weh zu tun. Sie hielt unter den sich langsam drehenden Paaren nach Dolly Ausschau. Vielleicht könnte sie auch Vivian herbeiwinken und plötzliche Gelüste nach einer Lucky Strike vortäuschen? Oder sollte sie ihrem Tanzpartner einfach erzählen, dass sie Kommunistin sei?

Und dann sah sie ihn.

Seine Begleiterin war ein gertenschlankes, geschmeidiges Geschöpf, blond wie er, und steckte – wie typisch, wie vorhersehbar – in bodenlanger Abendrobe, wo doch jede andere Frau im Storch Cocktailkleider von der Stange trug. Box Barnes war im Smoking, was die Vermutung nahelegte, dass die beiden zuvor anderswo gewesen waren, bei einem Diner vielleicht oder im Theater. Er teilte sein strahlendes Lächeln aus, schüttelte Hände, führte sich auf wie der Erbe, der er war, ganz so, als gehöre ihm die Welt. Als sie nur noch wenige Schritte von ihm entfernt war, wurde Laura erst bewusst, dass sie den Dicken – »Ich mach in Feinwäsche« – unmerklich ans andere Ende des Tanzparketts dirigiert hatte, wo Box seine Begleiterin gerade zu einer Ecknische führte und lässig ihre Drinks bestellte.

Es ließ sich gar nicht anders sagen: Er war umwerfend. Ein Bild von einem Mann mit seinen strahlend weißen Zähnen, den gepflegten Händen, den scharfen Falten in den maßgeschneiderten Hosenbeinen, die ihm lang, doch nicht zu lang, auf die handgenähten Lacklederschuhe fielen. Er hätte ein Gangster sein können, ein Schwindler und Betrüger oder einfach nur ein Schuft, wie es sie zu tausenden gab – wenn auch in feinerem Zwirn –, aber seine Ausstrahlung, seine fast schon animalische Schönheit, ließ sich nicht leugnen. Für wen, wenn nicht für Männer wie ihn, hatte man wohl den neumodischen Begriff »Sunnyboy« geprägt?

Hör auf, ihn anzustarren.

Sie legte den Kopf zurück, als das Lied ein Ende fand, endlich. »Welch ein wunderbarer Tänzer Sie doch sind«, strahlte sie den Dicken an.

»War mir ein Vergnügen, Schätzchen.«

Zwanzig Minuten und einen weiteren Brandy später, fand sie sich auf dem Rückweg von der Damentoilette und fühlte sich ein wenig schwummrig. Sie hatte sich kurz die Schuhe ausgezogen und den schmerzenden Fuß massiert, ehe sie ihn wieder in den peinigenden Pumps gezwängt hatte. Dolly hatte sie auf einem fein gestreiften Stühlchen zurückgelassen, wo sie, auch nicht mehr ganz nüchtern, darüber nachsann, was wohl ihr Verflossener sagen würde, wenn er sie hier mit dem Cagney-Ganoven tanzen sähe. Als sie sich zurück zu ihrem Tisch schlängelte, spürte Laura leichte Kopfschmerzen heraufziehen. Noch mehr plattes Geplauder über Damenunterwäsche – und eine von Marmys Migränen war ihr sicher.

Ganz knapp nur entging sie dem Zusammenstoß mit einem die Tische abräumenden Kellner; im Nachhinein betrachtet grenzte es an ein Wunder – ein Wunder der Schwerkraft oder seiner akrobatischen Fähigkeiten –, dass er das Tablett geschickt ausbalancierte und die leeren Gläser nicht in alle Richtungen flogen. Laura hingegen geriet ins Straucheln, doch auf wundersame Weise wurde ihr Sturz von einer starken Hand aufgehalten. »Hoppla, nicht so stürmisch.«

Sie fuhr herum und blickte, wie sollte es anders sein, in die blauen Augen von Box Barnes.

»Ich fürchte, ich muss Sie kurz aus dem Verkehr ziehen, junge Dame.«

Sie wollte etwas erwidern, aber … Sie fand keine Worte. Und sagte ihr Blick denn nicht alles? Vermutlich sah sie ihn an wie ein Reh im Scheinwerferlicht, aber auch mit einer gewissen Neugierde, so, wie man vielleicht eine unbekannte Spezies betrachten würde. Seine Miene hingegen war so unverbindlich wie schon eben, als sie ihn aus der sicheren Distanz des Tanzparketts beobachtet hatte. Jetzt allerdings nahm sie einen Anflug von Spott in seinen blauen Augen wahr, den sie am liebsten fortgewischt hätte, um sich die Illusion des Augenblicks nicht verderben zu lassen.

»Verzeihen Sie bitte vielmals«, sagte er, »ich bin …«

»Ich weiß, wer Sie sind«, platzte sie heraus.

»Ah. So etwas dachte ich mir schon.«

»Das … dachten Sie sich?«