Die Unerwünschten - Dimitri Verhulst - E-Book

Die Unerwünschten E-Book

Dimitri Verhulst

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13,99 €

Beschreibung

Eine bitterböse Geschichte von einem der erfolgreichsten flämischen Autoren

Bisher hat Dimitri Verhulst – zum Brüllen komisch, zum Heulen schlimm – seine Kindheit geschildert, aber nie seine Erfahrungen in einem Kinderheim. Nun wagt er den Blick in den Abgrund: In dem Heim »Sonnenkind« landen Kinder aus den unterschiedlichsten Gründen, doch eines haben sie gemeinsam: Sie sind unerwünscht. Und was ihnen dort fehlt, das fehlt ihnen oft ihr Leben lang: Wärme, Familie, Liebe. Angenommensein. Deshalb stürzt sich die siebzehnjährige Gianna im Heim aus dem obersten Stock in die Tiefe, deshalb werden Stefaan und Sarah zu Mördern ihrer eigenen Kinder ... Auch dieses Werk Verhulsts zeichnet sich durch barocke Sprachgewalt und pechschwarzen Humor aus, aber es spiegelt ebenso wider, wie ausgeliefert und hoffnungslos er selbst sich als Junge gefühlt hat.

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Seitenzahl: 119

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Zum Buch

In seinem autobiographischen Bestseller »Die Beschissenheit der Dinge« hat Dimitri Verhulst – zum Brüllen komisch, zum Heulen schlimm – seine Kindheit geschildert, aber nie seine Erfahrungen in einem Kinderheim. Nun wagt er den Blick in den Abgrund: In dem Heim »Sonnenkind« landen Kinder und Jugendliche aus den unterschiedlichsten Gründen, doch eines haben sie gemeinsam: Sie sind unerwünscht. Und was ihnen dort fehlt, das fehlt ihnen oft ihr Leben lang: Wärme, Familie, Liebe. Angenommensein. Deshalb stürzt sich die siebzehnjährige Gianna im Heim aus dem obersten Stock in die Tiefe, deshalb werden Stefaan und Sarah zu Mördern ihrer eigenen Kinder … Auch dieses Werk des berühmten flämischen Autors zeichnet sich durch barocke Sprachgewalt und pechschwarzen Humor aus, aber es spiegelt ebenso wider, wie ausgeliefert und hoffnungslos er selbst sich als Junge gefühlt hat.

Zum Autor

DIMITRI VERHULST wurde 1972 in Aalst, Belgien, geboren und gilt als einer der besten auf Niederländisch schreibenden Schriftsteller. Der Roman »Die Beschissenheit der Dinge«, in dem er seine eigene Geschichte erzählt, war ein Nr.-1-Bestseller, wurde für den AKO-Literaturpreis nominiert und mit dem Publikumspreis »Goldene Eule« ausgezeichnet. Die Verfilmung von Felix van Groeningen wurde in Cannes mit dem Prix Art et Essai prämiert. Dimitri Verhulsts Werke sind in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt und wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Zum Übersetzer

RAINER KERSTEN, geb. 1964 in Bebra, Studium der Germanistik und Niederländischen Philologie in Berlin und Amsterdam, ist der Übersetzer von u. a. Arnon Grünberg und Tom Lanoye. Für die Übersetzung von Dimitri Verhulsts Roman »Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau« wurde er 2014 mit dem Else-Otten-Übersetzerpreis ausgezeichnet.

Dimitri Verhulst

Die Unerwünschten

Zwei Geschichten nach wahren Begebenheiten

Aus dem Niederländischenvon Rainer Kersten

Luchterhand

Requiem für eine Fotze

Immer und überall kamst du zu deinen Verabredungen zu früh, niemals pünktlich, immer zu früh, doch zu Giannas Beerdigung kamst du zu spät.

Du weißt nicht genau, was die Ursache für diesen unangenehmen inneren Zwang war, immer zu zeitig erscheinen zu müssen, beispielsweise zu Partys – den wenigen, zu denen man dich einlud, aber trotzdem –, wenn die Küchenfeen vom Dienst sich noch mit der Torte abmühten oder dem Tischdecken und das Bad sich in ein Krisengebiet verwandelt hatte, in dem Mütter und Töchter sich erbitterte Kämpfe um Spiegel und Kämme lieferten.

Und so saßest du dann, einen Blumentopf oder irgendein anderes phantasieloses Geschenk auf dem Schoß, voller Schuldgefühl in einem leeren Wohnzimmer, getröstet nur von der Mitteilung »Wir sind noch nicht fertig, aber das macht nichts, pflanz dich irgendwohin, ich zieh mir nur schnell was anderes an«, und versprachst dir hoch und heilig, nie, aber auch wirklich nie mehr irgendwo zu früh aufzutauchen.

Dicke Frostbeulen hast du dir schon geholt, und pitschnass bist du natürlich geworden, während du auf Leute wartetest, die erst eine halbe Stunde später an eurem verabredeten Treffpunkt zu erscheinen hatten.

Es gibt die Verben »haben« und »sein«, ohne die sich – in mitteleuropäischen Sprachen zumindest – das Leben nicht erzählen lässt. Doch ohne das Verb »warten« kamst du ebenso wenig aus. Kinder- und Jugendpsychologen haben bestimmt eine Erklärung dafür, der typische Reflex eines Jungen, der immer wieder verlassen und so weiter, und vielleicht haben sie sogar einen wissenschaftlichen Ausdruck dafür, nach einer berühmten, ebenfalls alleingelassenen literarischen Figur, möglichst der Jugendliteratur, etwa den »Rémi-Komplex« oder das »Oliver-Twist-Syndrom«, warum auch nicht. Jedenfalls bist du felsenfest davon überzeugt, dass du dir ein paar gute Jobchancen selber vermasselt hast, indem du über vierzig Minuten zu früh zum Bewerbungsgespräch erschienst, und dass du einen besseren Eindruck auf deine erhofften künftigen Chefs oder deine Sachbearbeiter gemacht hättest, wenn du einfach zu spät gekommen wärst. Mit deinem frühen Erscheinen gingst du ihnen auf die Nerven, du machtest ihnen unnötig Umstände, weil sie sich plötzlich moralisch verpflichtet fühlten, irgendein Wartezimmer für dich zu suchen und dir eine Tasse Automatenkaffee anzubieten. Wer zu spät kommt, hat wenigstens noch das Vergnügen, sich eine originelle Geschichte zur Entschuldigung zusammenfabulieren zu dürfen; für Zufrühkommen gibt es schlichtweg keine Ausreden, außer absolut lächerliche.

Interessanterweise hast du diese Marotte im späteren Leben mehr als hinreichend gebüßt, indem du an Frauen gerietest, die nie rechtzeitig mit irgendwas fertig wurden und dich noch zur Farbe ihres Nagellacks konsultierten, wenn ihr eigentlich schon längst im Auto hättet sitzen sollen.

»Soll ich lieber die Hose anziehen oder den Rock?« Du sagtest Hose. Da sie aber schon eine Hose trug, dachte sie, deine Antwort beruhe mehr auf mangelndem beziehungsmäßigem Eifer als auf ästhetischen Erwägungen, worauf die ganze Montur nochmals gewechselt wurde und du zu einer Parade von Röcken dein Urteil abgeben musstest.

Zu Giannas Beerdigung aber kamst du also zu spät, und du hattest nicht die geringste Erklärung dafür. Den Weg zur Kirche von Geylemaarte kanntest du im Schlaf, du wusstest genau, wie lange du mit dem Rad bis dorthin brauchtest, vierundzwanzig Minuten, zwanzig, wenn du bereit warst, beim Fahren ins Schwitzen zu kommen, eine halbe Stunde allerhöchstens, wenn der Herbstwind seinen Geltungsdrang zu deinen Ungunsten bewies. Doch es war überhaupt nicht im Herbst. Ein warmer, sonniger, windstiller und herrlicher Junitag war es. Ideal, um Gustav Mahlers Nun will die Sonn’ so hell aufgehn zu spielen oder, noch naheliegender vielleicht, Schubert, Der Tod und das Mädchen, den langsamen Satz. Was sie natürlich nicht tun würden, Anstaltskinder werden nicht zu den Klängen von Schubert oder Mahler in ihr letztes Kerkerloch geleitet.

Unentschlossenheit über die zu tragende Kleidung konntest du jedenfalls nicht als Entschuldigung anführen, aus dem einfachen Grund, weil du keine große Garderobe besaßest. Das machte es einfach. Und die Sachen, die du hattest und die dir für eine Beerdigung geeignet erschienen, hattest du vorsichtshalber schon tags zuvor auf einem Stuhl bereitgelegt. Dem Stuhl, solltest du vielleicht sagen, denn du hattest nur einen. Wenn Besuch kam, musste der auf dem Bett sitzen, was eine Intimität erzeugte, die dir manchmal gut zupasskam, in anderen Fällen überhaupt nicht. Aber okay, deine Kleidung also. Schwarz natürlich. Diese Tradition war zu dem Zeitpunkt schon stark im Aussterben begriffen, du jedoch hieltest an den düsteren Farben der Trauer fest, seltsamerweise, wo du doch sonst so gern gegen alles Mögliche rebelliertest, was die Gesellschaft als unumstößliches Kulturgut betrachtet. Deine Schuhe ließen sich eventuell mit einem Fragezeichen versehen. Ordinäre Turnschuhe. Doch immerhin schwarz. Außerdem warst du entschuldigt, weil du aufgrund eines Unfalls vor kurzem vorübergehend ein orthopädischer Krüppel geworden warst und an den Füßen kaum etwas anderes ertrugst als Sporttreter.

Das Prunkstück war natürlich dein Wintermantel: lang, rabenschwarz, secondhand und eigentlich auch zwei Nummern zu groß. Viel zu warm für einen Tag im Juni, doch genau das drückte deine Trauer perfekt aus. Fandest du. Findest du wahrscheinlich noch immer. So sehr liebtest du diesen Mantel, dass du dir vornahmst, ihn zu allen Bestattungszeremonien zu tragen, die dir zweifellos noch bevorstanden, wenn die Statistik der durchschnittlichen Lebenserwartung auch auf dich zutraf. Selbst zu deiner eigenen Beerdigung wolltest du in ihn gehüllt werden. Weiß der Geier, wo dieser Mantel hingekommen ist. Vielleicht ist er dort, wo sich inzwischen auch Gianna befindet.

Nicht nur Gianna zu Ehren wolltest du dich anständig kleiden, so viel Einsicht in die eigenen Beweggründe hattest du schon. Seit du einige Monate zuvor die Jugendeinrichtung verlassen hattest, war es das erste Mal, dass du deinen alten Erziehern und Mitzöglingen wiederbegegnen solltest, und du wolltest Eindruck auf sie machen. Zeigen, dass du das Leben als Erwachsener im Griff hattest. Wenn nach der Trauerfeier auf der Straße noch ein wenig geplaudert würde, zunächst verschämt noch, in gedämpftem Ton, allmählich jedoch immer lauter, wie auf Beerdigungen üblich, würden die Erzieher garantiert auf dich zukommen: »Na, sieh einer an – die Nase! Wie geht’s dir, mein Junge?«, und dann wolltest du sie natürlich davon überzeugen, dass sie ihre Aufgabe als Erzieher an dir erfolgreich erfüllt hätten. Alles in Ordnung, vielen Dank. Du hättest ein Zimmer, klein, aber komfortabel, und bezahltest die Miete ganz von eigenem Geld. Du brauchtest ja nicht zu erwähnen, dass das Zimmer keine Toilette besaß, dass du ins Waschbecken pinkeltest und über alten Zeitungen gehockt kacktest. (Die Option eines Katzenklos hattest du ernsthaft erwogen, doch irgendwo musste man mit dem Selbstrespekt ja anfangen.) Ein Dach überm Kopf hattest du, das war das Wichtigste. Du konntest ihnen mitteilen, dass du eine Stelle hattest, ungelogen, erschreckend schlecht bezahlt, nebenbei bemerkt, Nachtschichten bei einem Hersteller von Kunststoffen, Firma Stevens. Du warst der einzige Arbeiter mit mitteleuropäischem Äußerem, schlepptest Säcke, Polyethylengranulat, eigentlich Arbeit für kräftigere Männer, doch du hattest den Chef davon überzeugen können, dass du im Leben schon wildere Wasser durchschwommen hättest und deinem Rücken die Schufterei zumuten könntest, auch wenn dein verzerrtes Gesicht beim Schleppen verriet, dass kein Hafenarbeiter an dir verloren gegangen war, und deine marokkanischen Kollegen sich über deinen noch recht jungenhaften Körperbau amüsierten. Doch mit solchen Details brauchtest du deine ehemaligen Erzieher nicht zu beunruhigen, und du würdest ihnen erzählen, dass die Arbeit ganz okay wäre. Kein Traumjob, dazu kannten sie dich zu gut, aber du könntest ihnen weismachen, dass du nach all den Stunden in der Fabrik sogar noch Energie hättest, zu studieren, an der Universität, jawohl, Kunstgeschichte, wie du’s immer angekündigt hattest, du, das Modell-Heimkind, das tatsächlich Bücher las, und dass die Kombination von Fabrikarbeit und Studium viel besser funktionierte, als viele dir vorhergesagt hätten. Und wenn du dann noch hinzufügtest, dass es dir eigentlich sogar Spaß machte, zwischen deinen Heldentaten an der Uni dein Hirn bei ein wenig leichter, körperlicher Arbeit zu entspannen, klänge es sogar noch überzeugender. Mit etwas Glück würden die stets positiv eingestellten Erzieher das Gespräch freundlich beenden und sagen, sie hätten sich riesig gefreut, dich wiederzusehen und festzustellen, dass bei dir alles nach Wunsch gehe und du sogar gut aussähest. Dann brauchtest du nicht davon zu sprechen, wie schwer es dir fiel, schmackhaft und gesund zu kochen, und dass deine Nahrungspyramide auf einem stabilen Fundament von Haferflocken, Chips, Kaffee und Tabak ruhte. Du konntest kochen. Für einen Küchen-Autodidakten sogar überraschend gut. Doch Einsamkeit war ein schlechter Appetitanreger, und das würde immer so bleiben.

Die Nase … Der Vorteil von deinem Spitznamen war, dass du nie jemandem zu erklären brauchtest, wie du zu dem Namen gekommen warst.

Wenn du dir allerdings richtig Mühe hättest geben wollen, gut, das heißt ordentlich auszusehen, hättest du vielleicht besser doch erst einen Friseur aufgesucht. Deine Frisur, soweit man das Gewusel auf deinem Kopf noch eine Frisur nennen konnte, erinnerte eher an einen der damals gerade in Mode kommenden Wildgärten, wo jedes Eingreifen in die Natur als ein Verbrechen betrachtet wurde. Schon immer trugst du dein Haar lang. Es stand dir nicht, aber kurzes stand dir noch schlechter. Darum also. Doch jetzt ließen sich leicht ein paar Teppiche weben aus dem, was dir da auf dem Schädel herumwucherte, und das war eine neue Qualität. Natürlich wuschst du dir die Haare noch, zweimal die Woche, über dem – sagen wir mal – multifunktionalen Waschbecken, trotzdem wirkten sie ständig fürchterlich fettig, weil du diesen Urwald mit keinem Kamm mehr gebändigt bekamst und Bryl-Frisiercreme das einzige Schmiermittel war, mit dem du deine Kopfplantage noch einigermaßen in Form bringen konntest. Ohne Frisiercreme, du musstest es leider zugeben, erschienst du den Mitmenschen wie eine Ausgabe von Einstein und Beethoven im Quadrat. Soweit es die Frisur betraf jedenfalls.

Ohne nun sagen zu wollen, dass du beim Lachen strahlende Beißer entblößtest, gingst du lieber zum Zahnarzt als zum Friseur. – Nein, das ist gelogen: Du verabscheutest Zahnärzte und lagst steif wie ein Brett in der odontologischen Folterkammer, während ein diplomierter Henker mit seinem Drillbohrer in deinem Mund wiederherzustellen versuchte, was Nikotin und Koffein dort ruiniert hatten. Aber beim Zahnarzt brauchtest du wenigstens keine Gespräche zu führen, während du beim Friseur in Konversationen mit ondulierten Klatschtanten hineingezogen wurdest. Um die Kosten zu drücken, ließest du dir die Haare nie waschen, einfaches Leitungswasser genügte, zerstäubt mit einem Ding, mit dem man sonst Topfpflanzen besprühte, und sicherheitshalber lehntest du den dir freundlich angebotenen Kaffee ab, den man dir zweifellos auf die Rechnung setzen würde, und den Föhn brauchten sie für dich auch nicht aus der Halterung zu holen.

»Aber wenn Sie mit so feuchten Haaren in die Kälte laufen, holen Sie sich garantiert eine Erkältung.«

Oder: »Wie ich sehe, haben Sie eine Neigung zu Schuppen, darf ich Sie fragen, welches Shampoo Sie benutzen?«

Nein, durfte er nicht! Außerdem: Man hatte eine Neigung zu Sprachen und littunter Schuppen. Wenn du schriebst, rieselte auf deine Worte bisweilen eine undurchdringliche Schicht Schnee.

Ob sie dir Gel ins Haar tun dürften? Nein! Zu Hause hattest du noch einen ganzen Pott Bryl-Frisiercreme.

Und plötzlich die Erinnerung: Die Letzte, die dir die Haare geschnitten hatte, war Gianna gewesen! Weil das Schicksal vieler Heimmädchen der Frisiersalon war. Für ihre Schulerzeugnisse interessierte sich niemand, Schulterklopfen nach guten Leistungen blieb aus. Ob sie fleißig lernten, ihre Hausaufgaben machten oder nicht, war allen egal. Bis auf ein paar mysteriöse Ausnahmen, von denen du eine warst, purzelten Heimkinder auf der Bildungsleiter ständig nach unten, jedes Jahr eine Stufe, und sorgten bei der vereinten Sozialarbeiterschaft für einen Stoßseufzer, wenn sie schließlich, einen Berufsabschluss in der Tasche, ins wahre, selbständige Leben sprangen. Die Jungs als Elektriker oder Metallbauer; die Mädchen als Schneiderin oder Friseuse.

… Gianna in der Küche, die tagsüber ständig nach Zwiebeln und gebratenen Schweinekoteletts roch, trotz der hohen Decke, und in der abends die Jugendlichen, auch du, um den großen, klebrigen Tisch zusammenhockten und qualmten, bis es nicht mehr nach Zwiebeln und Schweinekoteletts roch. Die Küche mit den riesigen dunkelgrünen Schränken, in deren unteren Fächern die Eimer mit billiger Schokocreme für das lärmende Frühstück und eine Etage höher das bei hundert Flohmarktbesuchen zusammengestoppelte Essgeschirr standen. Die Küche mit der Gefriertruhe, auf der einer von euch die Putzfrau, Beine gespreizt, seliges Lächeln auf den Lippen, erwischt haben wollte, zusammen mit Erzieher Guy, der bei dieser Gelegenheit einen großen Weinfleck auf der linken Pobacke offenbarte. Die Küche mit den knarrenden Stühlen, gestiftet von Familien, die ihren Dachboden oder die Wohnung eines verstorbenen Elternteils ausgeräumt hatten. Du selbst auf so einem Stuhl, Gianna hatte dir die Haare gewaschen, mit ihrem eigenen, nach Himbeer riechenden Shampoo, glücklich, weil wenigstens einer im Heim tapfer – oder meschugge – genug war, sich einer ungeschickten Friseurgehilfin im ersten Lehrjahr als Studienobjekt anzuvertrauen. An deinem Haar durfte sie Schnitttechniken ausprobieren, so viel sie nur wollte.