Die Ungehörigkeit des Glücks - Jenny Downham - E-Book + Hörbuch

Die Ungehörigkeit des Glücks E-Book

Jenny Downham

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Beschreibung

Aktuell und zeitlos zugleich, zutiefst menschlich und authentisch – einfach große Frauenunterhaltung.

Das Leben der 17-jährigen Katie nimmt eine dramatische Wendung, als ein Anruf ankündigt, dass ihre Großmutter Mary bei ihr zu Hause einziehen wird. Ihre Mutter Caroline hat dem widerwillig zugestimmt, denn sie hatte seit vielen Jahren keinen Kontakt zu Mary und ist nicht gut auf sie zu sprechen. Katie muss mit der ihr fremden Großmutter das Zimmer teilen. Und sie fängt an, sich für Marys Geschichte zu interessieren. Katie will dem Familiengeheimnis auf die Spur kommen. Das ist nicht einfach, weil Mary an Alzheimer leidet. Doch Katie erkennt verblüffende Ähnlichkeiten zwischen sich und Mary: beide haben eine ungehörige Vorstellung vom Glück …

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Jenny Downham

Die Ungehörigkeit des Glücks

Deutsch von Astrid Arz

C. Bertelsmann

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Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel »Unbecoming« bei David Fickling Books, Oxford.

1. Auflage

Copyright © 2015 by Jenny Downham

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2016

beim C. Bertelsmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Sabine Kwauka, Gröbenzell

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-17429-3V001

www.cbertelsmann.de

Den Erbe-Frauen

Für Andrew, Jack, seine Brüder und die anderen

ERSTER TEIL

EINS

Als ob ein Alien gelandet wäre. Echt, es war derart merkwürdig. Wie wenn ein uraltes Wesen von einem anderen Planeten mitten in Katies Leben aufgeschlagen wäre. Dabei sollte sie jetzt eigentlich zu Hause sitzen und lernen, statt dass sie hier auf einem Plastikstuhl in einem Krankenhausflur versuchte, ein Gespräch anzufangen. Wie oft konnte man so eine schon fragen, ob sie was vom Getränkeautomaten wolle, ohne sich wie ein Idiot vorzukommen, wenn man ignoriert wurde?

»Kakao?«

Schweigen.

»Wie wär’s mit ’nem Cappuccino?«

Schweigen im Walde.

Selbst E. T. hatte einen größeren Wortschatz.

Katie wusste nicht mal, wie sie sie anreden sollte. Sie hatte es mit »Oma« versucht, aber das hörte sich komisch an und brachte null Reaktion. Mrs. Todd? Grandma? Keinerlei Richtlinien.

Das einzig Gute war, dass es ihr offenbar nichts ausmachte, angestarrt zu werden. Eigentlich sah sie ganz hübsch aus, mit milden Gesichtszügen und rosigen Wangen so im Dämmerlicht.

Nicht so gut war, wie sie roch (es erinnerte Katie noch am ehesten an Brot, das in einer Plastiktüte vor sich hin gammelte), und dann auch, wie dürr sie war. Man sah richtig die Schlüsselbeine, wie sie oben aus der Strickjacke hervorstachen, als wollten sie weg, und die Haut am Hals war so durchsichtig, dass man das Blut in den Adern pulsieren sah.

Am Ende der Stuhlreihe (ob das der Diskretionsabstand sein sollte?) bombardierte die Frau vom Sozialdienst Mum mit Fragen. Hatte Mrs. Todd gesundheitliche Probleme? War sie immer so verwirrt? War ihr verstorbener Ehemann ihr Betreuer gewesen?

»Ich weiß nicht, ob uns das weiterbringt«, sagte Mum. »Wie gesagt, ich hatte seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihr.«

»Sie sind auf dem Notfallarmband ihres Mannes als Kontaktperson eingetragen«, sagte die Sozialarbeiterin. »Das ist ungewöhnlich, wenn wirklich kein Kontakt mehr bestand.«

»Also, ich kann Ihnen versichern, dass ich mir das nicht ausgedacht hab!« Mum fühlte sich zunehmend in die Ecke gedrängt. »Und er muss ihr Freund gewesen sein, nicht ihr Ehemann. Sie hielt nichts von festen Bindungen.«

»Aber sie ist schon Ihre Mutter?«

»Ich weiß nicht recht, ob sie diese Bezeichnung verdient. Schauen Sie, es ist doch bestimmt besser für sie, wenn sie hierbleibt. Können Sie ihr nicht irgendwo ein Bett besorgen?«

Die Sozialarbeiterin wirkte leicht geschockt. »Ihre Mutter ist keine Patientin. Sie ist mit ihrem Lebensgefährten im Krankenwagen mitgefahren, und aus medizinischer Sicht gibt es keinen Grund, sie aufzunehmen. Wollen Sie sagen, dass Sie sich weigern, sie mit nach Hause zu nehmen?«

Falls Mum eine Antwort darauf hatte, schaffte sie es, sie runterzuschlucken, und ihr Schweigen wurde offenbar als Einlenken gedeutet, denn die Sozialarbeiterin befasste sich lächelnd wieder mit ihrem Papierkram.

Die alte Frau saß nur ruhig da, mittlerweile mit geschlossenen Augen. Obwohl sie nicht schlief, wie man ihr an der Kinnspitze ansehen konnte. Vielleicht war es eine List? Vielleicht stellte sie sich absichtlich schlafend, um ausbüxen zu können, wenn keiner hinsah? Ihr Partner war tot, den Ärzten erschien es zu riskant, sie allein nach Hause zu entlassen, und ihre Tochter wollte sie nicht haben. Warum nicht abhauen und irgendwo ein neues Leben anfangen?

Chris kam von seinem Gang zur Toilette wieder. Er baute sich grinsend und mit den Füßen zappelnd vor ihnen auf; die ungewohnte Situation machte ihn offensichtlich hibbelig. »Es gibt ein Café.«

Mum schüttelte den Kopf. »Jetzt nicht.«

»Ich hab Hunger.«

»Jetzt nicht, hab ich gesagt.«

Er hüpfte von einem Bein aufs andere, hin und her. »Warum nicht?«

»Möchtest du dich nicht setzen?« Katie klopfte auf den Stuhl neben ihrem. »Komm doch her und sag Hallo.«

Er schüttelte den Kopf, schien sich plötzlich brennend für seine Schnürsenkel zu interessieren. »Und Durst hab ich außerdem.«

Die Sozialarbeiterin warf ihm einen Blick zu. Wahrscheinlich dachte sie, was ist denn mit dem los? Warum benimmt sich so ein Schrank von einem Jugendlichen wie ein kleines Kind? Was kann denn noch alles schiefgehen in einer einzigen Familie?

»Willkommen in meinem Leben«, wollte Katie sagen. Aber stattdessen erwiderte sie den Blick, weil das immer am besten funktionierte. Wenn man ihnen zu verstehen gab, dass man es mitgekriegt hatte, schauten sie weg.

»Das Café ist gar keine schlechte Idee«, sagte die Sozialarbeiterin, die Katies Blick auswich, zu Mum. »Das hier kann noch etwas dauern.«

Seufzend klappte Mum ihre Geldbörse auf und reichte Katie einen Zehnpfundschein. »Bleibt zusammen. Und kommt hinterher gleich wieder.«

Katie nickte. »Möchte sonst noch wer irgendwas?«

Mum schüttelte den Kopf. Die Sozialarbeiterin schenkte sich die Antwort. Katie sah die alte Frau an. Vielleicht mochte sie ja eine Fleischpastete oder eine Teigtasche mit Würstchen – nahrhafte Hausmannskost, zum Aufpäppeln? Katie beugte sich vor und flüsterte: »Möchtest du was zu essen, Gran?«

Keine Antwort. Sie rührte sich nicht. Und »Gran« hörte sich auch nicht richtig an.

Die Schlange im Café war irrwitzig lang, und als sie endlich dran waren, gab es kaum noch was. Sie kauften abgepackte Käsesandwiches und zwei Trinkpäckchen mit Orangensaft, und weil das Café zumachte und Mum sowieso noch ewig brauchen würde, setzten sie sich zum Essen draußen auf die Mauer. Inzwischen war die Sonne ganz untergegangen, und es war kalt. Chris rückte an Katie ran und legte seinen Kopf auf ihre Schulter. Sie ließ ihn gewähren, weil es dunkel war und niemand sie sehen würde.

Auf der anderen Straßenseite war ein Dönerladen. Ein Schild im Schaufenster verkündete »Kebab, Döner, Falafel«. Es roch lecker nach gebratenen Zwiebeln. Dort hätten sie hingehen und sich einen Döner zum Abendessen holen sollen. Ob Mum was dagegen gehabt hätte? Bestimmt. Sie hätte sich Sorgen gemacht: Lebensmittelvergiftung vom Fleisch am Spieß, Zusatzstoffe in der scharfen Soße. Und weil der Laden ein wenig ranzig aussah, stellte sie sich garantiert vor, dass ihnen dort Drogen zum Döner angeboten wurden. Katie seufzte. Mum war ja so leicht durchschaubar.

An einem Mittwochabend sah ihr Familienprogramm folgendermaßen aus: zwei Stunden lernen (Katie), Abendessen machen (Mum), Hausaufgaben (Chris), essen (alle drei). Dann durfte Chris eine Stunde Xbox spielen, während Katie Matheaufgaben löste und Mum die Website des Prüfungsamtes nach Notenstatistiken und Berichten von Prüfern durchforstete, damit sie Katies fertige Übungen zusammen durchgehen konnten, um festzustellen, wo sie sich noch verbessern könnte. Und schon war Schlafenszeit. Katie kriegte ihren üblichen Kamilletrank (Schlafwohl), damit sie genügend Schlaf abbekam und am nächsten Morgen frisch und ausgeruht zu ihrer Schullerngruppe aufbrach.

Und jetzt? Nichts dergleichen. Stattdessen saßen sie meilenweit von zu Hause entfernt in einem Krankenhaus – ohne Lernpensum, ohne Abendessen, mit der gar nicht so unwahrscheinlichen Perspektive, eine vollkommen Fremde bei sich aufnehmen zu müssen. Katie verspürte eine seltsame Leichtigkeit. Denn wenn sich vorprogrammierte Abende durch einen Anruf aus der Bahn werfen ließen, dann ließ sich vielleicht auch alles andere aus den Angeln heben. Selbst das Schlimmste auf der ganzen Welt. Sie holte ihr Handy raus und riskierte noch eine SMS an Esme: LASS REDN BITTE.

Chris setzte sich ruckartig auf. »Wo ist der tote Ehemann?«

»Freund«, sagte Katie. »Anscheinend hatte sie es nicht so mit festen Bindungen. Und er wird wohl in der Leichenhalle sein.«

»Und wenn er ein Zombie geworden ist?«

»Wohl eher nicht.«

»Das kommt vor.«

»Nur, wenn man zu viel Xbox spielt.«

Er streckte ihr die Zunge raus. »Was weißt du schon, die Alte könnte auch einer sein.«

»Das wollen wir nicht hoffen. Und ›die Alte‹ ist deine Großmutter, die vielleicht bei uns wohnen wird.«

Er blinzelte sie ungläubig an. »Wo soll sie schlafen?«

Sehr gute Frage. Warum war Katie das noch nicht in den Sinn gekommen? Sie hatten nur drei Schlafzimmer in der Wohnung.

»Katie?«

»Weiß ich nicht. Hör mit der Fragerei auf.«

»Etwa in meinem Zimmer?«

»Ja.«

»Echt jetzt?«

»Klar, und der Zombie-Freund kommt unter dein Bett.«

Chris machte das Victory-Zeichen und rutschte von ihr weg.

Ihr doch egal. Sollte er sich ruhig ärgern. Sie schob ihm ihr eigenes V-Zeichen vors fette Gesicht, noch eins gegen seine Schweinsäuglein und ein drittes gegen seine ganze Körpermasse, diesen Körper, der aussah, als beanspruchte er mehr Platz auf der Welt, als ihrem je erlaubt sein würde. Natürlich würde es nicht sein Zimmer sein! Sondern ihrs, während sie bei Mum unterkriechen dürfte. Und Mum wäre gestresst, was hieße, dass sie noch mehr Hilfe und Aufmerksamkeit von Katie verlangen würde als so schon. Ein Glück, dass ich dich habe, Katie, auf dich ist stets Verlass.

Sie lehnte sich auf der Mauer zurück und blickte in den Himmel: grau und wolkenverhangen. Jeder Ansatz von Optimismus, den sie verspürt hatte, verflog. Sie hoffte nur noch, dass ein gigantisches Gewitter heraufzog – ein Sturm, der die Erdkruste zum Bersten brachte. Denn ihr Leben wurde nur immer schlimmer. Erst Dad. Dann Esme. Und jetzt das.

Vor ihnen hielt ein Bus mit einer Endhaltestelle, von der Katie noch nie gehört hatte. Es war der dritte Bus in zehn Minuten, jeder mit einem anderen Fahrtziel ausgeschildert.

»Hey, Chris, wollen wir in den Bus steigen und gucken, wo er uns hinfährt?«

»Nein!« Er schaute entsetzt drein.

Nur zwei Fahrgäste stiegen aus – eine junge Frau, die beim Vorbeigehen in ihr Handy redete: »Vielleicht sehen wir uns später. Ich weiß noch nicht, was ich mache.« Und ein Mann, der mit einer Bierdose in der Hand genau vor ihnen stehen blieb. »Hallo«, sagte er und sah Chris an, während er mit dem Bier auf Katie zeigte. »Gehört sie zu dir?«

Sie ignorierten ihn, und er ging weiter.

Chris sagte: »Wir sollten reingehen.« Er sagte es ganz ruhig, als wäre es ihm wichtig. »Wir sollten nicht hier draußen sein.«

Katie schüttelte den Kopf. »Ich will nicht.«

»Es ist gefährlich.«

»Nicht überall. Das ist eine statistische Unmöglichkeit.«

»Warum bist du dann runtergerutscht? Wo willst du hin?«

»Nirgendwo. Mir sind die Beine eingeschlafen. Bleib da.«

Sie ging ein paar Schritte den Bürgersteig entlang. Gegenüber kamen drei Männer aus dem Dönerladen. Jeder wickelte seinen Imbiss aus und mampfte große dampfende Bissen. Ich kenne keinen von euch, dachte Katie. Ich werde nie erfahren, wie ihr heißt, oder euch je wiedersehen. Was für ein befreiendes Gefühl. Der Beengtheit der Kleinstadt zu entkommen, in der sie wohnten – den öden Straßen, den langweiligen Läden und Cafés, dem Minikulturzentrum, der einzigen Schule. Wenn da einmal ein Gerücht aufkam, verbreitete es sich in Windeseile.

Atmen, atmen. Denk jetzt nicht dran …

Wenn sie in dieser Stadt wohnen würde, würde keiner sie kennen. Sie könnte sich neu erfinden. Neue Klamotten, neue Frisur, vielleicht ein Piercing oder Tattoo. Sie würde sich einen Job suchen, ein Jahr Auszeit nehmen, statt direkt zur Uni zu gehen. Sie wäre wie diese junge Frau, die aus dem Bus gestiegen war. Ich weiß noch nicht, was ich mache.

Das wär was.

Katie leckte sich die trockenen Lippen und schloss die Augen. Als sie sie Sekunden später wieder aufschlug, hüpfte Chris von der Mauer.

»Mum kommt!«, rief er.

»Was um Himmels willen macht ihr beide hier draußen?« Mum zog Chris an sich, als hätte sie ihn seit Monaten nicht gesehen. »Ich hab euch überall gesucht. Hab schon gedacht, ihr wärt entführt worden.«

»Entführt?«, sagte Katie. »Ist ja lächerlich!«

Mum sah sie stirnrunzelnd an. »Furchtbare Dinge geschehen binnen Sekunden.«

Alte Männer sterben. Alte Frauen bleiben allein zurück. Krankenhäuser rufen überraschend an.

Und das war nur der heutige Tag.

Chris weinte. Ein großer Schluchzer brach aus dem tiefsten Inneren hervor. »Mir gefällt’s hier nicht.«

»Ach, Schätzchen«, sagte Mum, »das wird schon wieder. Wir bringen dich gleich nach Hause in Sicherheit. Keine Sorge, wir fahren jetzt.«

Am anderen Ende des Parkplatzes tauchte die alte Frau am Arm der Dame vom Sozialdienst auf. Sie sah völlig verwirrt aus.

»Wir vier?«, fragte Katie.

Mum nickte, und in ihrem Gesicht gingen die Lichter aus. »Wir vier.«

ZWEI

Mary hatte eine Decke auf dem Schoß und hielt ihre Handtasche umklammert. Sie wusste nicht, wo sie war, aber jedenfalls nicht bei sich daheim – Grund genug, auf der Hut zu sein. Sollte sie hier arbeiten? Nein, es war kein Theater, dafür war es zu gemütlich. Da waren ein Sofa, ein Fernseher, eine Lampe auf einem Ecktisch, eine kleine säulenförmige Kommode und ein Teppich. Und ein junges Mädchen, das ein Teetablett absetzte.

Ob es sich wohl um ein Hotel handelte?

»Bitte sehr, Grandma, ein feines Tässchen Tee. Soll ich es dir auf diesen Tisch stellen?«

Wer?

»Ich bin Katie, weißt du noch?«

Das Mädchen starrte sie an, erwartete eine Antwort. Um sich von dem zunehmenden Grummeln in ihrem Bauch abzulenken, hob Mary die Tasse, nahm ein Schlückchen, behielt die Flüssigkeit im Mund und schluckte. Sie holte Luft, wiederholte die Prozedur. Siehst du? Alles ganz normal, da gibt’s nichts zu gucken!

»Ich wusste nicht, ob du Zucker nimmst«, sagte das Mädchen. »Aber wir haben eigentlich auch gar keinen, also geht das in Ordnung so?«

Mary wischte sich mit dem Taschentuch, das sie im Ärmel stecken hatte, den Mund und dachte über einen passenden Satz nach, mit dem sie das Mädchen beschwichtigen konnte. Was für hübsche Fenster hier. Wie schön der Himmel da draußen aussieht.

Das Mädchen stand an die Balkontür gelehnt und beobachtete sie. Sie wirkte aufgewühlt. Oder vielleicht lag es nur am Licht. »Ich hab gedacht, ich hätte keine Großeltern«, sagte sie schließlich. »Und jetzt stellt sich raus, dass es dich schon die ganze Zeit über gegeben hat.«

Sie hatte keine Ahnung, wovon dieses Kind redete. Ihr Herz machte einen kleinen ängstlichen Hüpfer.

»Wir sind die kleinste Familie der Welt, jetzt, wo Dad weg ist, nicht mal irgendwelche Cousins oder Tanten. Wir sind wie die drei Schenkel eines Dreiecks, die sich gegenseitig stützen.«

Mary gab sich Mühe, gerade zu sitzen, und angelte nach dem Wort Familie aus dem Mund des Mädchens, besorgt, die Bedeutung könnte verschwinden, wie das manchmal der Fall war, wenn sie sich zu angestrengt auf etwas konzentrierte. Doch dann hörte sie ein Geräusch. Na so was! Es klang wie eine Tür, wie wenn jemand von draußen hereinplatzte.

»Das ist Chris«, sagte das Mädchen. »Er hat Schwierigkeiten, sich ruhig zu verhalten.«

Und dann standen zwei Kinder vor ihr. Zwei. Und sie hatte immer noch nicht die leiseste Ahnung, um wen es sich handelte.

Unwichtige Fragen wurden gestellt, wie: »Ist dir warm genug?«, und: »Möchtest du mehr Milch in deinen Tee?« Sie erzählten Mary, ihre Mutter würde oben Betten richten, und bald könnten sie alle schlafen gehen, ob das nicht schön sei?

Das Mädchen besorgte das Reden. Der Junge glotzte sie an, mit durchdringendem Blick. Mit dem stimmte was nicht, sie so unverfroren anzustarren.

»Er ist schüchtern«, sagte das Mädchen, als könnte sie Gedanken lesen. »Der macht erst den Mund auf, wenn er einen besser kennenlernt.« Und grinsend, zum Jungen: »Aber dann kann er die Klappe nicht mehr halten.«

Der Junge lachte und steckte das Mädchen damit an. In Mary regte sich etwas, als sie ihr beim Lachen zusah.

Denk nach, Mensch, denk nach. Wer sind diese beiden?

Luft füllte ihre Lunge. Die Lungenflügel weiteten sich. Sauerstoff wirbelte durch ihren Körper. In einem warmen Stoß kam die Luft heraus, und ihr kam ein leises »Oh« über die Lippen.

»Alles in Ordnung, Granny?«

Nein, gar nicht! Weil ihr plötzlich glasklar eingefallen war, wie schon mindestens zwanzigmal an diesem Tag, was genau geschehen war. Sie war mit Jack in einem Krankenwagen zur Klinik gefahren. Den Ärzten hatte es furchtbar leidgetan, aber sie hatten ihn nicht retten können. Sie konnten sie auch nicht nach Hause entlassen. Stattdessen hatten sie eine Tochter aufgetrieben.

Caroline.

Dann waren diese beiden Kinder also …

Carolines Kinder.

Es verschlug ihr die Sprache. Allein schon der Gedanke. Nach all den Jahren!

DREI

Katie konnte nicht schlafen. Sie lag im Gästebett neben Mum und versuchte sich zu entspannen, indem sie in ihre Zehen atmete und an nichts anderes dachte als an ihren Körper im Hier und Jetzt. Aber stattdessen fiel ihr immer wieder die alte Frau im Zimmer gegenüber ein. Warum hatte Mum nie über sie geredet? Wie schwieg man seine eigene Mutter tot? Und warum sollte man das wollen? Selbst Leute, die ihre Familie nicht leiden konnten, zogen Weihnachten und Geburtstage durch.

Katie stützte sich auf einen Ellbogen und betrachtete die dunkle Silhouette ihrer Mutter auf dem Bett. Wer bist du?,dachte sie. Denn sie hatte das Gefühl, dass alles aus den Fugen geraten und auf nichts mehr Verlass war.

Die Vorhänge standen etwas offen, und im Spalt war der Himmel von einem ganz dunklen Blau. Katie stieß das Federbett beiseite, schlich sich auf Zehenspitzen durchs Zimmer, öffnete vorsichtig das Fenster und lehnte sich raus, um Luft zu schnappen. Es hatte zu regnen aufgehört, und die Blätter raschelten in einer leichten Brise. Draußen roch es jetzt anders – frisch und kühl. Als sie sich aus dem Fenster lehnte, sah sie eine Katze unter einen geparkten Wagen flitzen, hörte Schritte und Gelächter und beobachtete, wie eine Gruppe von Leuten die grüne Rasenfläche vor dem Mietshaus überquerte und durch das Tor rausging. Hinter dem Grundstück lagen die Straßen und Häuser von North Bisham. Katie hätte sie von hier mit Taschenlampensignalen erreichen können.

Blink, hast du meine SMS gekriegt? Blink, blink, bitte lass uns darüber reden, was passiert ist. Blink, es macht mich wahnsinnig.

»Was ist los?«, fragte Mum. »Warum stehst du da?«

Katie drehte sich um, während sich ihre Mutter im Bett aufrappelte. »Sorry, ich konnte nicht schlafen.«

»Ist was mit dir?«

»Es ist bloß so stickig hier drin.«

»Und jetzt kommt die Kälte rein.«

Katie zog das Fenster zu und blieb ans Fensterbrett gelehnt stehen.

»Hast du ein Geräusch gehört?«, fragte Mum. »Hat dich das geweckt? Glaubst du, sie irrt umher?«

»Ich hab nichts gehört, mir war nur zu warm.«

Mum zog sich das Federbett bis ans Kinn hoch und lehnte sich in die Kissen zurück. Sie sah verletzlich aus, als würde ihr was fehlen und Katie wäre zum Krankenbesuch gekommen. »Was glaubst du, was diese Frau vom Sozialdienst gemacht hätte, wenn ich mich geweigert hätte, sie aufzunehmen?«

»Sie wahrscheinlich in irgendeine Notfalleinrichtung gesteckt.«

»Hätte ich sie das mal machen lassen.« Mum fuhr sich mit der Hand über den Nacken und massierte sich die Schulter. »Ich hab mich total unter Druck gesetzt gefühlt.«

»Bestimmt macht es einem Angst, einer Handvoll Fremder übergeben zu werden.«

»Fremder?«

»Na ja, sie erkennt dich nach all den Jahren nicht mehr. Es läuft aufs Gleiche raus.«

Mum kuschelte sich seufzend in die Kissen. »Aha, sie ist also eine arme alte Frau, und ich bin grausam und herzlos?«

»Das hab ich nicht gesagt. Es ist bloß … tja, es ist halt für alle merkwürdig. Sie ist in Trauer. Du kriegst Panik. Chris und ich wissen gar nichts über sie.«

»Du weißt, dass sie sich kurz nach meiner Geburt abgesetzt hat.« Mums Stimme war leise, kaum mehr als ein Flüstern. »Du weißt, sie hat sich jahrelang nicht mehr blicken lassen.«

»Aber du hast bei ihr gewohnt, als du älter warst. Das hast du im Auto gesagt. Warum haben wir sie dann nie kennengelernt? Warum haben wir nie ein Geburtstagsgeschenk oder Taschengeld von ihr gekriegt, oder eine Einladung zum Tee?«

Mum runzelte die Stirn. »Ist das alles, woran du denkst – die Sachen, die dir entgangen sind?«

Auch wenn es sich so anhörte, hatte Katie es nicht so gemeint. »Es ist einfach nur seltsam. Sie ist deine Mutter, aber du sprichst nie über sie.«

»Ich betrachte sie nicht als meine Mutter, deshalb. Sie hat mir weder Essen noch Kleider gegeben noch dafür gesorgt, dass ich zur Schule ging, oder sich um mich gekümmert, wenn ich krank war. All das hat Pat getan, ihre Schwester. Was mich angeht, war Pat meine Mutter. Die Frau, die mich geboren hat, war eine vollkommen andere Person.«

»Und Pat kommt jetzt nicht plötzlich aus der Versenkung, oder? Die ist wirklich tot?«

»Das weißt du doch.« Mum zog die Decke höher. »Zum Elternsein gehört mehr als Biologie, dazu braucht es Opferbereitschaft. Man kann nicht einfach in der Gegend rumlaufen und machen, wozu man grade Lust hat.«

Katie spürte, wie sich etwas in ihrem Magen ballte und verkrampfte, weil das genau die Worte waren, mit denen Mum Dad vor all den Monaten angeschrien hatte. Das Atmen fiel ihr schwer, und sie wandte sich wieder zum Fenster und drückte die Wange ans kalte Glas.

»Morgen früh«, sagte Mum, »schau ich als Erstes in der Arbeit vorbei und sag Bescheid, was los ist. Danach rufe ich im Krankenhaus an und lass mir eine Liste mit Pflegeheimen geben. Irgendwo muss sich ja wohl ein Platz finden.«

Dort drüben, hinter den Bäumen, waren die großen Häuser mit Gärten und Gartentoren, wo bestimmt alle Kinder noch beide Elternteile hatten und nicht bei einem davon im Zimmer schlafen mussten. Normale Familien.

»Chris kann einen Tag von der Schule freikriegen, um bei ihr zu bleiben. Er war gestern sowieso viel zu spät im Bett. Deine Matheübungsstunde ist um elf, oder?«

Früher hatte Katie eine normale Familie gehabt. Bevor Dad sich eine Freundin zulegte und Mum einen Container kommen ließ und Dads Sachen reinschmiss. Bevor Mum erklärte, dass ihr altes Haus verpestet sei, und sie in diese Kleinstadt verfrachtete. Vor Esme. Und jetzt konnte Katie eine geheim gehaltene Großmutter und einen alten Familienzwist zur Liste des Unnormalen hinzufügen.

»Hörst du mir zu, Katie?«

»Ich kann Mathe ausfallen lassen.«

»Das ganz bestimmt nicht.«

»Ich hab Lernferien, schon vergessen? Die ganzen Übungskurse in der Schule sind freiwillig.«

»Sollten sie aber nicht sein.« Mum klopfte neben sich auf die Matratze. »Komm her.«

Katie wollte nicht angefasst werden, aber Mum streckte die Hand aus, also ging Katie langsam rüber und setzte sich neben sie.

»Deine Zukunft ist ein sehr wichtiger Teil im Lebensentwurf dieser Familie, und da lassen wir nichts dazwischenfunken.«

Sie lehnte sich zu Katie rüber und wuschelte ihr durchs Haar, zum ersten Mal, soweit Katie sich erinnern konnte. Es war alles ein bisschen unbeholfen.

»Rauchmelder!«

»Was?«

Mum warf die Decke ab. »Ich überprüfe die mal.«

»Glaubst du, sie setzt die Wohnung in Brand?«

»Das würde ich ihr durchaus zutrauen.« Mum griff ihren Morgenmantel vom Stuhl und zog ihn über. »Und den Wohnungsschlüssel werd ich auch verstecken.«

Katie musste unwillkürlich lachen. »Du willst sie nicht hier haben, aber du willst nicht, dass sie abhaut?«

»Ich will nicht, dass sie Chaos verursacht.« Mum steckte die Füße in ihre Pantoffeln. »Sie mag ja harmlos aussehen, aber sie ist zu allem fähig.«

VIER

Kann ich dich wirklich nicht auf den Balkon locken?«

Die alte Frau schüttelte den Kopf und krallte die Finger fester um die Tasche. Katie klappte einen Liegestuhl auf und drehte ihn zur Sonne. Sie spannte den Sonnenschirm auf, schüttelte ein Kissen auf und legte es auf den Stuhl. »Wir haben eine gute Aussicht, und man kann Mum sehen, wenn sie durch den Vorgarten zurückkommt.«

Erneutes Kopfschütteln.

Und wo war Mum überhaupt? Sie war schon viel länger weg als die versprochene halbe Stunde. Und Katie musste bald in die Schule, was sich anfühlte wie eine weitere Katastrophe, die ihr auflauerte – nicht bloß die Matheübung, sondern die obligatorischen Blicke, das Getuschel, das Gefühl, dass ihre Beine zu kurz und ihre Arme zu lang waren und sie zu komisch ging und das Falsche anhatte.

O Mann!

Auf dem Balkon kam sie sich plötzlich sehr exponiert vor.

Sie machte die Tür zu und setzte sich zu Füßen der alten Frau auf den Teppichboden. Vielleicht sollte sie Mum anrufen und drauf bestehen, dass sie Mathe ausfallen lassen durfte? Mum konnte wegbleiben, und Katie konnte einfach hier sitzen bleiben und alles im Auge behalten. Das war doch total einleuchtend. Sie konnte sich irgendwelche Beschäftigungen für alte Damen einfallen lassen, Stricken oder Makramee, und die Anleitungen auf Youtube suchen. Vielleicht machte ihr Altenbetreuung ja Spaß. Womöglich war sie sogar gut darin. Wenn sie auf den richtigen Namen kam (mit Nana oder Grams hatte sie es noch nicht probiert), wirkte das vielleicht wie ein Sesam-öffne-dich und machte die alte Frau gesprächig. Wenn man sie kennenlernte, war sie vielleicht wie so eine weise Frau im Märchen und gab einem lauter kluge Ratschläge. Es war sogar möglich, dass sie Zaubertränke brauen konnte, dann würde Katie sie überreden, etwas wie ein »Vergessensserum« zu mischen, das sie Esme trinken ließ.

Katie seufzte. Erstens würde Mum sie niemals so kurz vor der Prüfung eine Übungsstunde ausfallen lassen. Investition in Bildung zahlt sich am meisten aus war ihr absolutes Lieblingszitat. Zweitens war die Großmutter, die sie hier vor sich hatte, unübersehbar zu keinerlei intelligenter Aktivität fähig. Den ganzen vorigen Abend hatte sie verängstigt geguckt und diesen ganzen Morgen verwirrt, und jetzt hielt sie die Augen wieder geschlossen. Sie würde bestimmt nichts Brauchbares sagen oder machen; anstatt sich Fantasien über Zaubertränke zu überlassen, sollte Katie die Ärmste lieber zum Essen ermuntern und ihr helfen, es sich gemütlich zu machen.

»Wie wär’s mit Frühstück? Normalerweise haben wir nichts besonders Aufregendes im Haus, aber es hört sich ganz so an, als ob Chris den Gefrierschrank plündert, da könnten wir vielleicht Glück haben. Hast du Lust auf was zu essen?«

Keine Reaktion.

»Eigentlich ist es gar kein Haus, sondern eine Wohnung. Weißt du vielleicht noch, wie wir gestern Abend im Aufzug raufgefahren sind?« Ach je, jetzt hörte sie sich ja so herablassend an. »Wir sind im obersten Stock«, ergänzte sie. »Mit toller Aussicht. Wenn du jetzt auf den Balkon rausgehst, siehst du ganz North Bisham in der Sonne funkeln.«

Die alte Frau schlug ein Auge auf – übergangslos, ohne dass das andere, geschlossene, auch nur zuckte. Das brachte Katie zum Lächeln, denn bisher hatte sie gedacht, nur sie allein besäße dieses besondere Talent. Noch nie war ihr jemand untergekommen, der es ganz genauso gespenstisch hinkriegte. Ohne ein Stirnrunzeln. Ohne das Gesicht zu verziehen. Einfach nur ein Auge geschlossen, das andere offen. Als würde man halb schlafen. Oder wäre nur halb lebendig.

»Bisham?«

Sie hatte gesprochen! Katie war fast zu verblüfft, um zu antworten. »Ja, kennst du es?«

»Victory Avenue?«

»Äh, nein. Ist das hier in der Nähe? Soll ich es für dich googeln?«

Die alte Frau klappte das andere Auge auf. »Was?«

Natürlich! Die arme Frau wusste wahrscheinlich nicht mal, dass Computer erfunden waren. Es googeln? Was stellte Katie sich vor? Wie blöd von ihr!

»Das ist wie eine Karte. Ich kann nachsehen. Möchtest du?«

Katie war begeistert. Sie hatten sich unterhalten! Ein vollständiges, vernünftiges Gespräch geführt. Schweigend saßen sie da und sahen sich an. Eine halbe Ewigkeit. Katie musste an Zoos denken, daran, wie seltsam es war, wenn einem ein Käfigtier nahe kam und einen genauso aufmerksam ansah, wie man selbst es beobachtete.

Schließlich sagte die alte Frau: »Caroline wohnt in Bisham.«

»Ja, sie kommt bald wieder. Sie schaut nur kurz bei ihrer Arbeit vorbei.«

»Arbeit?«

»Im Maklerbüro. Sie musste ein paar Schlüssel abgeben.«

Katie konnte zusehen, wie sie das verarbeitete. »Du bist Carolines Tochter.«

»Stimmt.«

Die alte Frau schüttelte den Kopf, als könnte sie es nicht fassen. »Du bist ja ganz erwachsen.«

»Tja, wir haben siebzehn gemeinsame Jahre verpasst, nicht wahr?«

Da kam Chris mit einem Schokokuchen rein, der aufgeschnitten war. Chris hatte also bestimmt draußen in der Küche die Gelegenheit genutzt, schon mal mindestens eine Scheibe zu essen. Aber immerhin hatte er zu ihrer Überraschung an Teller und Servietten gedacht. Katie nahm ihm den Kuchen ab und reichte ihn ihrer Großmutter. »Möchtest du ein Stück?«

Ein kleines Lächeln. »Sehr freundlich von dir.«

»Hey, sie spricht!«, sagte Chris.

Katie funkelte ihn böse an. »Kannst du dich nicht benehmen?« Sie kam mit dem Teller näher heran.

»Welches Stück möchtest du, Mary? Du hast sicher Hunger, oder?«

»Mary« hörte sich richtig an und schien auch zu funktionieren, weil sich ihr Lächeln in die Breite zog.

»Mary«, wiederholte Katie genüsslich. Sie kannte keinen anderen Menschen mit diesem Namen. »Ich pack dir das größte Stück auf den Teller, siehst du?«

Chris nahm ein Stück und setzte sich vor Mary auf den Teppichboden. »Ist es zu fassen, dass Mum mir kein Frühstück gemacht hat? So Sachen vergisst sie sonst doch nie. Im Leben nicht.«

Mary schaute suchend zu ihm runter. »Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wer du bist.«

»Ich bin Chris!« Zum Beweis schlug er sich mit der Faust vor die Stirn. »Hörst du? Das bin ich.«

»Du wohnst hier?«

»Wo denn sonst?« Er drehte einen Finger an der Schläfe, um wohlverrückt anzudeuten.

Katie stieß mit dem Fuß nach ihm, weil er die Geste nicht leiden konnte, wenn andere sie wegen ihm machten, aber er lachte bloß und rutschte außer Reichweite.

Mary sah von Chris zu Katie und wieder zurück zu Chris. »Ihr beide habt genau die gleiche Haarfarbe.«

Katie lächelte. »Tizianrot.«

»Wird irgendwer von euch Rotfuchs genannt?«

»Dad nennt mich Pumuckl«, sagte Chris. »Na ja, würde er machen, wenn er hier wär …«

»Was sagt deine Freundin zu dir?«

Er lachte. »Ich hab keine. Mum würde ausflippen.«

Sie wandte sich an Katie: »Und was ist mit dir? Macht dir jemand den Hof?«

Die Erinnerung an einen Kuss huschte wie ein grobkörniger schwarz-weißer Traum durch Katies Kopf. Sie schob das energisch beiseite. »Nein, gar nicht.«

»Hübsches junges Ding wie du. Keine Verehrer, die dir die Tür einrennen?«

»Bestimmt nicht.«

»Als junges Mädchen bin ich zu Hause aus meinem Zimmerfenster geklettert und die Regenrinne runtergerutscht, um tanzen zu gehen.« Sie beugte sich verschwörerisch vor. »Jede Woche hat mich ein anderer Junge nach Hause gebracht. Wenn sie erst mal meine Adresse hatten, war kein Halten mehr. Scharen von Jungs! Stellt euch das vor. Meinen Vater hat es wahnsinnig gemacht. Er sagte, es gehöre sich nicht für eine junge Dame, so viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.«

Katie wusste nicht, was sie sagen sollte. Allmählich kam ihr alles etwas seltsam vor. Wie konnte jemand stundenlang verstummen und dann schlagartig total eloquent in Erinnerungen an Liebesabenteuer schwelgen? Katie biss von ihrem Kuchen ab, um nichts sagen zu müssen. Für etwas, das Chris im Tiefkühler vergraben gefunden hatte, war er ziemlich lecker, und sie merkte, dass sie einen Mordshunger hatte. Schweigend verputzte sie ihr Stück.

Sie war so damit beschäftigt, sich die Finger abzulecken, dass sie Mum gar nicht kommen hörte. Es war, als wäre sie in der Tür erschienen, stünde plötzlich an den Rahmen gelehnt da und beobachtete sie alle. »Geht’s allen gut?«

»Sie redet«, sagte Chris und wischte sich mit dem Ärmel den Mund. »Sie hat nur so getan, als ob sie stumm wär.«

»Ach, wirklich?«

»Und sie isst.«

Nachdenklich kauend schaute Mary zu Mum hoch. »Wo kommst du auf einmal her?«

»Ich musste in der Arbeit Bescheid sagen, dass ich nicht reinkomme.«

»Wie heißt du?«

Ohne zu antworten, blieb Mum in der Tür stehen, als wären ihre Füße mit dem Teppichboden verwachsen. Ein Finger, der am Saum einer Hosentasche kratzte, war das Einzige, was sich an ihr bewegte. Sie sah erschöpft und wütend zugleich aus. So als wollte sie immer weiter an dieser Tasche herumschubbern, bis ein Loch entstand, groß genug um reinzuklettern.

Wie sie die beiden so miteinander bei Tageslicht ansah, erkannte Katie die Ähnlichkeit. Marys Haar war fast weiß, aber noch mit ein paar kastanienbraunen Strähnen, und bei Mum war es umgekehrt – hauptsächlich kastanienbraun mit ein paar grauen Strähnen dazwischen. Marys Hände waren die einer alten Frau: geäderte Haut, knochige Finger. Auf Mums Handrücken breiteten sich braune Altersflecken aus, und Katie wusste, dass ihr morgens die ersten Anzeichen von Arthritis in die Glieder krochen. Sie hatten die gleichen blauen Augen, die gleiche schlanke Figur, sogar die gleichen herzförmigen Gesichter. So wird es mir mal gehen, dachte Katie. Ich werde so aussehen wie ihr beide. Eines Tages würden ihre Beine dicker, ihre Haare weiß, ihre Haut schlaff werden, sie würde welken und altern. Es kam ihr so vor, als sähe sie die Stationen ihres Lebens vor sich.

Mary starrte immer noch Mum an. »Ich bin mir absolut sicher, dass ich dich von irgendwoher kenne.«

Chris sprang auf. »Ich stell euch vor.«

»Lass es«, sagte Mum.

Aber er war aufgekratzt vom Kuchen und hörte nicht auf sie.

»Mrs. Todd«, sagte Chris und baute sich vor Mary auf, »darf ich Ihnen Mrs. Baxter vorstellen?« Er wedelte wie ein Spielshow-Moderator mit beiden Armen in Mums Richtung. »Mum, das ist deine Mutter, Mrs. Todd.«

»Setz dich, Chris«, sagte Mum und fixierte ihn. »Mach dich nicht lächerlich.«

Aber er setzte sich nicht, sondern hielt Mary die Hand hin. »Und ich heiße Christopher.«

Anmutig lächelnd ergriff Mary die Hand. »Ist mir ein Vergnügen.«

Mum sah aus wie kurz davor, sich auf die beiden zu stürzen und sie auseinanderzureißen.

Chris schüttelte Mary so kräftig die Hand, als wollte er sie nie wieder loslassen. Beide lachten. Mum trat einen Schritt vor, als hätte sie genau das befürchtet. »Meine Güte!«

»Chris«, Katie versuchte die Situation zu retten, »warum bietest du nicht noch mal allen vom Kuchen an?« Sie sprang auf, zog ihn am Arm und zeigte auf den Tisch. »Na los. Da drüben, siehst du.«

Mum runzelte die Stirn, und Katie wusste, dass sie sich fragte, wo sie den wohl herhatten.

»Aus dem Tiefkühler«, erklärte sie. »Zur Begrüßung.«

Mum schüttelte missbilligend den Kopf. Wahrscheinlich hatte sie von Katie erwartet, einen Topf Haferbrei zu kochen, und nicht, dass sie Schokotorte zum Frühstück aßen. Sie scheuchte Chris mit einem Armwedeln weg, als er ihr den Kuchen hinhielt. »Für mich nicht.«

Katie lehnte auch ab, obwohl sie gern mehr genommen hätte. Es war so schon schwer genug für Mum, da durfte sie ihr nicht in den Rücken fallen. Mary und Chris nahmen sich jeder noch ein Stück.

Katie klopfte auf den Sessel neben sich. Ihre Mutter hatte noch nie so unbehaglich ausgesehen. »Möchtest du dich nicht setzen?«

Mum schüttelte den Kopf. »Ich muss ein paar Anrufe erledigen.«

Die Uhr tickte. Chris und Mary mampften. Mum nestelte an ihrer Tasche herum.

»Also«, sagte sie schließlich. »Da du dich dazu durchgerungen hast, mit uns zu kommunizieren, kann ich dich vielleicht fragen, ob du ein Bad möchtest. Dein letztes dürfte wohl schon eine ganze Weile her sein, oder?«

»Ein Bad?« Mary schnaubte verächtlich. Sie drehte sich zu Mum um, wie in dem Versuch herauszufinden, wer ein so absurdes Ansinnen an sie herantrug. »Ich muss doch jetzt los, zu meiner Tochter.«

Mum wandte den Blick ab und trat von einem Fuß auf den anderen.

»Sie ist deine Tochter«, sagte Katie sanft.

Mary schüttelte den Kopf. »Meine Tochter ist viel jünger.«

»Charmant.« Mum zog die Hand aus der Tasche, öffnete die Faust und inspizierte ihre Fingernägel, als fiele ihr gerade zum ersten Mal auf, wie faszinierend sie waren. Sie tat Katie leid. All die Jahre ohne eine Mutter, und jetzt, da eine aufgetaucht war, verlief das Wiedersehen dermaßen traurig.

»Das ist deine Tochter, sie ist schon richtig erwachsen geworden«, sagte Katie. »Das ist Caroline.«

Mary starrte Katie forschend an, wie um dahinterzukommen, ob man sie hereinlegen wolle. »Wirklich?«

»Versprochen.«

»Ich hab einen Mann auf die Suche nach ihr angesetzt. Er hat nichts davon gesagt, dass sie erwachsen ist.«

»Tja, das ist dann ja dumm gelaufen«, sagte Mum. »Aber wenn niemand was dagegen hat, sollten wir uns jetzt alle mit dem Nächstliegenden befassen. Katie, du musst zur Schule. Chris, du hältst hier die Stellung.« Und zu Mary: »Vielleicht möchtest du Radio hören? Chris wird dir dabei helfen. Ich geh nach oben und ruf im Krankenhaus an.«

Mary schaute verschreckt drein. »Krankenhaus?«

»Du kannst nicht hierbleiben.« Mum schien sich da sehr sicher zu sein. »Ich würde sagen, es war fahrlässig von denen.«

Chris griff nach noch einem Stück Kuchen. Mum schüttelte den Kopf. »Schluss jetzt.«

»Aber ich hab Hunger.«

»Dann nimm dir eine Banane.«

Sie sah ihn stirnrunzelnd an. Es war ihr ernst. Chris setzte sich auf seine Hände und schob die Unterlippe vor. Mum stapfte die Treppe rauf.

Belustigt sagte Mary zu Chris: »Na, besonders nett ist die nicht gerade, was?«

FÜNF

Folgendes war passiert, so und nicht anders.

Vor drei Wochen hatte Esme auf ihrer Bettkante gesessen und einen Joint gedreht. Vorn auf der Kante, mit bloßen Zehen, die auf den Teppichboden stippten, hatte sie Katie immer mal wieder einen raschen Blick zugeworfen.

»Größte Fantasie«, sagte sie. »Du zuerst.«

»Hab keine.«

»O doch. Klar hast du eine.«

Aber Katie wollte nichts sagen. Sie wusste, was sie damit anrichten würde.

»Was dir als Erstes einfällt«, sagte Esme. »Wie schwer kann das schon sein?«

»Ich glaub, ich geh jetzt besser.«

»Wir sind doch gerade erst hergekommen.«

»Meine Mum schreibt mir ständig.«

»Vergiss deine Mum. Du bist siebzehn.«

Aber wenn sie die Nachrichten weiter ignorierte und nicht bald nach Hause ging, machte Mum noch irgendwas Verrücktes, beispielsweise die Polizei anrufen und Katie als vermisst melden. Sie kommt nie zu spät, sie ist ein braves Mädchen, hält sich immer an die Regeln. Sie muss entführt worden sein. Entführt von Esme, ihrer einzigen Freundin, die sie in letzter Zeit geschnitten, die sich abgesetzt, mit anderen Mädels gechillt hatte. Aber heute, da hatte sie gesagt: »Willste mit zu mir kommen?«

Und Katie hatte zweierlei genau zur selben Zeit empfunden: erstens Aufregung, zweitens Angst.

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