Die unheimliche Insel - Mignon G. Eberhart - E-Book
Beschreibung

Das Haus, in dem Nonie ihr neues Leben beginnen will, scheint zu warten und zu horchen. Es verbreitet eine unheimliche Atmosphäre von versteckter Gewalttätigkeit und Furcht. So nimmt es nicht wunder, wenn inmitten der grünen, bezaubernden Insel zwei Menschen ihr Leben verlieren. Eine falsche Spur wird durch die Bananenplantagen gelegt und doch findet die Wahrheit ans Licht. (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)

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Seitenzahl:296


Mignon G. Eberhart

Die unheimliche Insel

Kriminalroman

Aus dem Amerikanischen von Gertrud Müller

FISCHER Digital

Inhalt

1.2.3.4.5.6.7.8.9.10.11.12.13.14.15.16.17.18.19.20.21.

1.

Wieder schien das Haus zu horchen, und die stumme, geduldige Eindringlichkeit seines Lauschens drang in den Raum, hüllte Nonie ein, drängte sich zwischen sie und den Brief, den zu schreiben sie im Begriffe war. Sie ließ die Feder sinken und horchte auch; diesmal mußte nun doch bestimmt irgend etwas, ein verräterisches Knacken oder Knistern erfolgen, etwas, das auch menschlichen Ohren vernehmbar war.

Es war drei Uhr an einem heißen, tropischen Nachmittag. Der Passatwind fuhr über die Insel, schüttelte die Palmen und rauschte in den großen Bananenblättern; die Sonne brannte hernieder, und man hatte die großen Sturmjalousien gegen Hitze und grelles Licht geschlossen. Während der Siestastunde schlummerte jedermann im Hause, der Gewohnheit und der unerträglichen Temperatur Tribut zollend. In diesen Stunden, da die menschliche Wachsamkeit und Überlegenheit sich ergaben, ergriffen die Insel, die Tropen, die Sonne, die üppige Vegetation, das Rauschen des Meeres gebieterisch die Herrschaft in ihrem eigenen Reich, das hatte Nonie bereits in den ersten Tagen erfühlt.

Nur das Haus selber schien sich nie völlig zu ergeben, weder den Menschen noch der Natur; es wachte und horchte. So jedenfalls war es Nonie während der ersten Wochen ihres Aufenthaltes immer vorgekommen – seit sie auf diese grüne, bezaubernde Insel inmitten der blauen und purpurfarbenen Karibischen See gekommen war, nach Beadon Island, das von nun an ihre Heimat sein sollte.

Natürlich war dies reine Einbildung, vergleichbar dem furchtsamen Unbehagen eines Kindes an fremdem Ort, daß das Haus – horche; und diese Einbildung war nicht nur kindisch, sondern Roy und Aurelia gegenüber denkbar unartig – Royal Beadon, der ihr Gatte werden sollte, und Aurelia Beadon, ihre zukünftige Schwägerin, die ihr beide so spontan beigestanden hatten, als sie Hilfe brauchte, die sie beide so herzlich bei sich aufgenommen hatten, in ihrem Heim, das nun bald Nonies Heim sein würde, für immer, wie Roy sagte.

Also mußte sie dieses ungreifbare Angstgefühl bekämpfen. Sie würde nun nicht aufstehen und die Türe aufreißen, überzeugt, dahinter, in dem langen, engen Korridor etwas oder jemanden zu entdecken. Gerade jetzt war das Haus ganz still. Die Geräusche, die man vernahm, waren durchaus erkennbar, erklärlich und ihr nun schon vertraut. Da war das Meeresrauschen, dessen man sich immer bewußt blieb – an klaren Tagen raschelte der Wind in den Palmen und den Bambushalmen und wehte sirrend durch die Mangrovendickichte und das ungeschnittene Zuckerrohr. Die große Zuckermühle jenseits der Middle Road – Besitzung, die an Roys Plantage grenzte, konnte man an windstillen Tagen ebenfalls hören; das Summen und Stampfen der Maschinen gehörte zu der Insel wie das Meeresrauschen. Und just in diesem Augenblick erwachte ein Trompetenvogel aus seiner erschöpften Reglosigkeit und erhob irgendwo im Garten seine durchdringende Stimme.

Die Fensterläden waren schon vor Mittag geschlossen worden; der Raum, in welchem Nonie saß, war dämmerdunkel, und sie hatte die grünabgeschirmte Schreibtischlampe angezündet. Nun lag ein Lichtrund auf dem weißen Briefpapier. Das Haus, das langgestreckte, verwitterte Haus mit den geschlossenen Fensterläden, den großen Veranden, mit seinen hohen Zimmern und den Meer, Strand und dunkelblaue Bergketten überblickenden Fenstern, seinen Beadon-Ahnenbildern in Mühlsteinkragen und schwarzen Bratenröcken – das Haus mit seinem Geruch von altem Holz und Stein, von Meerluft und feuchter keimender Erde – das ganze Haus lag still und geruhsam in dem sanften grünlichen Licht seines Inneren und der glühenden Nachmittagssonne draußen.

Niemand horchte!

Also war keine Ursache zu Angst vorhanden!

Nonie wandte sich wieder ihrem Brief zu … Angst? – Wovor Angst? Vor gar nichts! Es war lächerlich, dieses Wort auch nur zu denken. Seltsam war wohl manches hier, aber Angst war etwas ganz anderes. Angst paßte nicht zu dem blau-goldenen Meer, nicht zu dem grünen, wunderschönen Eiland, das sie nun beherbergte und das ihre Heimat werden sollte, nicht zu all der Liebe und Fürsorge, die sie nun umgaben, und nicht zu Frieden und Geschütztheit ihres neuen Heims. Angst paßte vor allen Dingen nicht zu dem neuen Leben, das zu beginnen sie von allen guten Vorzeichen begleitet ausgezogen war.

Die Palmen vor dem verschlossenen Fenster, vor der Veranda rauschten. Die schmalen grünen Schlitze in den schweren Holzläden waren halboffen, so daß ein Lufthauch in den dämmerigen Raum drang. Im Garten rief wieder der Trompetenvogel … Nonie schrieb weiter.

«… und die ganze Insel besteht natürlich hauptsächlich aus Zuckerrohrplantagen. Es gibt nur einige wenige Pflanzer hier. Zuerst also Roy, dann die Shaws, denen Middle Road gleich gegenüber gehört, und noch ein paar andere. Auf der Landkarte sieht die Insel ja winzig aus, aber wenn man dann hier ist, wirkt sie doch ziemlich groß. Es ist sogar ein kleines Dorf darauf, das Beadon Rock heißt, und über die ganze Fläche dieses kleinen Festlandes sind die Häuschen der Plantagenarbeiter verstreut – Farbige, die seit Generationen auf Beadon Island leben. Diese Häuschen sind sehr hübsch, blitzsauber und von Blumen und Weinreben überwuchert. Auch die Dienstboten wohnen hier nicht im Herrschaftshaus, sondern in ihrem eigenen kleinen Bungalow; deshalb stehen auf jeder Besitzung ganze Gruppen solcher Eingeborenenhäuser.

Roys Haus heißt, wie du ja weißt, Beadon Gates. Es ist wundervoll. Oder sollte ich vielleicht eher sagen, daß es einmal sehr schön gewesen sein muß? Während des Krieges wurde natürlich kaum etwas instand gesetzt, und die Tropen sind rasch im Zerstören. Roy sagt, daß die Einrichtung vollkommen veraltet sei, aber daran ist der Krieg schuld, der Neuanschaffungen einfach verunmöglichte. Und wie schnell das tropische Klima und die Meerluft den Gegenständen zusetzen, das konnte ich schon in der kurzen Zeit, die ich da bin, beobachten …»

Sie hielt inne. Wie sollte man irgend jemandem, wie vor allem Tante Nona, deren Welt von engen und althergebrachten Gesetzen begrenzt war, die Gewalt der Tropen, das hungrige, jedes von Menschenhand errichtete Hindernis überrennende Wachstum schildern? Wie ihr beschreiben, welche Verheerungen nur allein die feuchte, salzige Luft anzurichten vermochte, vor der sich selbst Eisenscharniere geschlagen geben mußten, die hoffnungslos rosteten, Kalkwände, die einfach zerbröckelten, und Holz, das beinahe zusehends verfaulte? Das war ihr gleich am ersten Tag, den sie in Beadon Gates verbrachte, aufgefallen. Sie hatte bereits vorher Bilder von dem stattlichen Herrenhaus gesehen; Roy hatte sie ihr gezeigt, und ihr Vater, der das Haus Jahre zuvor gesehen hatte, war von den Photographien begeistert gewesen. Er hatte sie mit zitternden Fingern festgehalten und immer wieder betrachtet. Hatte er damals, unter dem Einfluß einer jähen Todesahnung, gefühlt, daß dieses Besitztum dereinst der ruhige, sichere Port für seine Tochter werden würde, die er bald verlassen mußte? Dabei hatten auch die Photographien verschiedene Mängel des Gebäudes deutlich wiedergegeben – nicht so sehr die Alterserscheinungen, die begreiflich waren, als vielmehr den Eindruck einer kalten Unbewohnheit, welcher natürlich keineswegs zutreffen konnte, weil Roy, von seinen gelegentlichen Besuchen in New York abgesehen, seit jeher mit seiner Schwester darin lebte.

Und erst, wenn man auf der Insel lebte, fielen einem diese Zeichen der Hitze, des Windes, des Regens und Rostes – kurz der Tropen so richtig auf.

Sie mußte den Brief beenden. Sie mußte vor allem zum Kernpunkt ihres Schreibens kommen, der keineswegs darin bestand, Tante Nona die Insel, ihr Klima und ihre Wetterverhältnisse zu schildern, sondern ihr begreiflich zu machen, daß sie, Nonie, entschlossen war, den Rest ihres Lebens hier zu verbringen, ja daß sie zu dem Zeitpunkt, da ihr Brief bei Tante Nona in Kalifornien eintreffen würde, bereits Mrs. Royal Beadon sein werde. Nonie schrieb weiter.

«Und nun, Tantchen, kommt eine Überraschung. Roy und ich werden heiraten …» Schon wieder stockte sie.

Vielleicht war dies gar keine Überraschung für Tante Nona! Denn Tante Nona hatte ihr damals telegraphiert: Rate dringend, Einladung auf Beadon Island anzunehmen – Langer Aufenthalt im karibischen Archipel gerade jetzt das beste für dich – danke Roy für seine Güte uns gegenüber in dieser schweren Zeit – grüße ihn von mir – deine dich liebende Tante.

Tante Nona gehörte jener Generation an, die gerne Ehen für junge Leute zu stiften pflegte. Selber leidend, unfähig, den ganzen Kontinent zu durchreisen, um ihrem Schwager in seiner Krankheit beizustehen und Nonie als einzige Verwandte Trost und Hilfe zu bringen, hatte sie wenigstens auf diese Weise ordnend eingreifen wollen, daß sie Nonie riet, die Einladung auf Beadon Island anzunehmen. Nonie lächelte beim Gedanken an die kleine, freundliche, auf Formen bedachte Tante, die sie so selten sah und trotzdem so herzlich liebte. Nein, ihre Neuigkeit würde Tante Nona nicht überraschen, denn sie hatte ja längst ihren Segen zu dieser Heirat gegeben.

Diese Heirat? Ihre Heirat! Am Mittwoch …

Das Zimmer schien ihr plötzlich zu dunkel, stickig und beengend. Sie stand auf und öffnete die schweren Fensterläden. Luft und Licht strömte herein. Ein schmaler Balkon, von roten Bougainvillea überwachsen, lag vor dem Fenster. Das Meer war auf der anderen Seite des Hauses. Roys Zimmer öffnete sich dort auf die große Sonnenterrasse, die zugleich die Decke der Veranda des ersten Stockes bildete, und Aurelia bewohnte das Zimmer am Ende des langen Korridors, ebenfalls mit Ausblick auf das Wasser. Nonie hatte man das größte der Gastzimmer eingerichtet, und von ihrem Balkon aus sah sie grüne Rasenflächen, scharlachrote Hibiskus- und gelbe Kannablüten und den gewundenen hellen Gartenweg, der sich zwischen dichten grünen Hecken gegen das Einfahrtstor hin verlor. Jenseits des Gartens schimmerten ferne bläuliche Hügel, und am Horizont glänzte ein zitternder Lichtstreifen, wo Himmel und Meer sich berührten.

Luft und Helligkeit verscheuchten das beklemmende Gefühl, das Nonie vorhin befallen hatte. Sie sah einen Augenblick lang zu den blauen Bergrücken hinüber und überlegte ihren unvollendeten Brief an die fürsorgliche viktorianische Tante. Ein langer Aufenthalt in Beadon Gates! Du Liebe! Bei den Beadons meintest du damit, nicht wahr? Ein Aufenthalt, der lange genug dauern würde, damit daraus eine Verlobung entstehen könnte. Aber dazu war ja gar kein langer Besuch notwendig, kleines Tantchen! Dazu kam es bereits auf dem Schiff, als wir von New York herüberfuhren. Er fragte mich, ob ich ihn heiraten wollte, und ich sagte ja. Das ist ganz bestimmt mein Glück. Roy ist der Inbegriff alles dessen, was sich ein Mädchen von seinem Gatten erwarten kann: Er sieht sehr gut aus, ist wohlerzogen, galant, weltgewandt und intelligent, ernst, gesetzt und lustig-witzig in einem, und er ist sehr reich, so daß mein Vermögen gar keine Rolle spielt. Er war der Freund meines Vaters, und dadurch kenne ich ihn gut; ich habe Vertrauen zu ihm und bin überzeugt, daß Vater diesem Schwiegersohn freudig zugestimmt hätte. Die Insel ist zauberhaft schön, und das Haus ist herrlich. Aurelia war die Liebe selbst; die Gute hat ihrem Bruder seit jeher das Haus geführt und trug mir an, dies auch weiterhin zu tun, aber nur, wenn ich es wirklich wünsche. Ich habe hier den herzlichsten Empfang, das traulichste Heim gefunden, die sich ein junges Mädchen in seiner Verlassenheit und Trauer nur wünschen kann. Du mußt dir keine Sorgen machen um die arme verwaiste Nichte. Aurelia und Roy sind rührend gut zu mir, und kommenden Mittwoch werden Roy und ich also heiraten.

Nein – das konnte sie unmöglich alles schriftlich festhalten! Sie würde nur schreiben, daß es eine stille Feier werden sollte – so kurz nach dem Tode ihres Vaters. Aber Roy wollte nicht länger warten, und damit hatte er ja bestimmt recht. Es war eine vernünftige und wohlüberlegte Heirat. Sie waren die besten Freunde der Welt, und Beadon Gates und Beadon Island, die Roy so sehr liebte, würden auch ihr bald ganz vertraut sein.

Sie trat an das Balkongeländer und stützte, während sie die Insel überblickte, die Hände auf die kühle Umrandung aus Korallenfels.

Die Hauptmühle war in Betrieb. Ihre Rauchfahne hing fast unbewegt über Middle Road, dem Hause der Shaws. Auf der gewundenen holperigen Straße betrug die Entfernung bis dorthin gute zwei Meilen, aber in der Luftlinie gemessen höchstens eine. Sie konnte den brodelnden Zucker ganz deutlich riechen. Drei Monate des Jahres, hatte man ihr gesagt, lag dieser süßliche Duft wie eine Wolke über der Insel. Er erinnerte an Karamels und seltsame Fermentierungsprozesse, war keineswegs unangenehm, und vor allem bewies er, daß die Zuckermühle, die von allen Pflanzern benützt wurde, arbeitete. Die Insel war klein, und vom Ertrag einiger Bananenplantagen abgesehen, hing ihre Lebensfähigkeit und Wohlfahrt ausschließlich vom Zucker ab.

Nonie trat ins Zimmer, um ihren Brief fertigzuschreiben.

Es war ein großer, hoher Raum mit einem Fußboden aus grünen Ziegelsteinen. Der große Schrank aus Birnbaumholz stieß fast mit der Decke zusammen, und von dem riesigen Betthimmel hingen Moskitonetze wie müde, erschlaffte Gespenster herunter. Aber die Stühle, die Tische und sogar der Schreibtisch waren Rohrmöbel und wirkten leicht und luftig. Sie setzte sich wieder hin, und eine Unmenge Dinge, die sie schreiben wollte, gingen ihr durch den Kopf: Aurelia hat meine Aussteuer bestellt, mein Hochzeitskleid ist gekommen und wurde mir angepaßt; es ist weiß, mit Spitzen, dazu trage ich einen rosa Hut. Ich werde demnächst meinen Anwalt aufsuchen und das Geschäftliche, mein Testament und all das mit ihm regeln … Übrigens können dir die paar Worte ‚rosa Hut und weißes Kleid‘ nicht im entferntesten beschreiben, wie elegant ich aussehen werde. Das Kleid ist lang und sehr weit mit einem Bolerojäckchen, und der Hut besteht aus lauter Seidenrosen und Unmengen zartrosa Tüll und ist wirklich entzückend, Tantchen, und dazu werde ich Mutters Perlen tragen. Ich habe bereits an den Anwalt geschrieben und gebeten, sie mir zu schicken. Hoffentlich sind sie nicht verlorengegangen. Ich bin sicher, daß du damit einverstanden bist. Ich möchte nur, du könntest hier sein.

Über den weißen Briefbogen gebeugt, schrieb sie:

«Da Du ja ohnehin nicht herkommen kannst und sonst kein Grund vorhanden ist, noch lange zu warten, beschlossen wir, bald zu heiraten – genauer gesagt, am kommenden Mittwoch.»

Kommenden Mittwoch! Und heute war Samstag! Wieder durchzuckte sie ein Gefühl von Ungläubigkeit bis ins tiefste Herz. Schnell fuhr sie zu schreiben fort:

«Natürlich veranstalten wir kein großes Fest; wie ich Dir bereits schrieb, gibt es nur wenige Leute auf der Insel – der Pfarrer und seine Frau, der Arzt, namens Dr. Riordan, der die ganze Bevölkerung hier betreut, Lydia Bassett …»

Sie sah Lydia vor sich. Lydia war Witwe und eine langjährige Freundin von Roy und Aurelia. Sie kam oft ins Haus und sah blendend aus mit ihrem eigenartig dreieckigen Gesicht, dem vollen roten Mund, den kupferfarbigen Haaren und der gertenschlanken eleganten Figur. Sie konnte Nonie nicht leiden; von allem Anfang an war ihr die neue Weiße unsympathisch gewesen; aber sie war höflich, allzu höflich … Lydia Bassett …

Wieder zu ihrem Brief: «Dann kommen die Shaws, also Miß Hermione Shaw, die Besitzerin und Leiterin der Middle Road Pflanzung und ihr Neffe, Jim Shaw. Ein kleiner Kreis von Freunden und Nachbarn, wie Du siehst, Leute, die zusammen Bridge spielen und manchmal zusammen essen. Es sind nur noch zwei andere Plantagen auf der Insel; aber die Besitzer der einen sind gegenwärtig in England, und die andere wird von einem Trust verwaltet. Ja, richtig: Major Fenby wird auch kommen. Er ist Miß Shaws Geschäftsführer, ein ehemaliger Armeeoffizier und ein lieber Mensch. Und dann natürlich Seabury Jenkins, der Polizeirichter, der im Dorf wohnt, und Roys Aufseher Smithson. Und vielleicht der Bankverwalter und seine Frau, die ich beide noch nicht kenne. Tantchen, das ist die ganze Gesellschaft unserer Insel! Aber ich habe die Leute gern, und Du würdest sie auch gut leiden können. Und dann ist es ja eine vernünftige Heirat …»

Sie hatte einen anderen Ausdruck gesucht, um diese Ehe zu beschreiben, aber es war ihr keiner eingefallen. «Eine vernünftige, wohlüberlegte Heirat, wir sind die besten Freunde, und so werden wir sehr glücklich werden …»

Nonie lehnte sich zurück und überlas die letzte Zeile.

«So werden wir sehr glücklich werden!»

Auf dieser kleinen Insel, umgeben von einer Handvoll Freunden und Nachbarn – Lydia, Dr. Riordan, Hermione Shaw mit dem kleinen, blassen Gesicht, Jim …

Wieder erhob sich Nonie mit einer ungeduldigen Bewegung, stieß den Stuhl zurück und verließ den Brief mit den schwarzen festen Buchstaben, die so endgültig dastanden, als ob die entscheidende Wendung in Nonies Leben bereits stattgefunden hätte, was ja tatsächlich erst nächsten Mittwoch eintreffen würde – am nächsten Mittwoch! Sie ging durch das Zimmer, zündete sich eine Zigarette an und trat wieder auf den Balkon hinaus.

Die besten Freunde, eine wohlüberlegte, vernünftige Heirat – – nun, das garantierte doch wohl eine glückliche Ehe, nein? Wurde sie hier nicht umsorgt und verwöhnt? War sie nicht glücklich bei Roy und Aurelia? Nur … Ein Gedanke streifte ihr Bewußtsein, leicht wie ein vorüberhuschender Vogel, ein hell summender Vogel … Wollte sie wirklich auf diese Weise glücklich werden?

Unsinn! Das war ganz einfach ein dummer Gedanke, ein Augenblickseinfall, genau so ungreifbar und taumelndhaltlos wie – wie eben ein Vogelflug, nicht wert, auch nur sekundenlang überlegt zu werden.

Und da unten kam jemand. Zwischen den Hecken, die die Auffahrt einsäumten, tauchte von Zeit zu Zeit die Gestalt eines Mannes auf, der mit weitausholenden, elastischen Schritten einherging. Er war breitschultrig; sein Gesicht sah von Nonies erhöhtem Blickpunkt aus eher kurz, grobknochig und sehr braun aus; sein schwarzes Haar war wie üblich mit Wasser glattgebürstet worden, stand jedoch, wo immer es konnte, in krausen Locken vom Kopf ab – Jim Shaw. Er war im grauen Stadtanzug anstelle der gewohnten weißen Shorts, trug einen Koffer und hatte den Regenmantel über den Arm geworfen. Er sah sie nicht und verschwand eben hinter einem Bambusdickicht; aber sie hörte das Knirschen seiner raschen Schritte auf den aber Tausenden von weißen Muscheln, mit welchen die Auffahrt bestreut war.

Jim? Wo wollte er hin? Jedenfalls kam er fürs erste hierher, und Roy war irgendwo auf der Plantage. Aurelia schlief. Nonie ging schnell ins Zimmer zurück und legte ihre Zigarette fort. Sie trat vor den Spiegel und nahm ihre Haarbürste auf – die Bürste mit dem Goldrücken und dem kleinen Monogramm aus Brillanten, die sie von ihrem Vater vor vielen Jahren geschenkt bekommen hatte.

Sie trug ihr Haar ziemlich kurz geschnitten und bürstete es in weichen, natürlichen Locken von den Schläfen nach oben. Die Meerluft und die Feuchtigkeit der Tropen machten es weicher und dunkler. Nonie musterte ihr Gesicht sehr kritisch … Dunkelbraunes Haar. Blaue Augen, die ganz hübsch waren, dunkelblau mit schwarzen Wimpern, regelmäßige Züge, kein unangenehmes Gesicht, auch kein besonders schönes – einfach ein Gesicht. Sie legte die Bürste fort und nahm den Lippenstift auf. Ein ganz gewöhnliches Gesicht, dachte sie noch einmal, als sie sich näher zum Spiegel vorneigte.

Doch plötzlich veränderte sich ihr Gesicht, wurde fremd, ungewöhnlich! Sie zuckte zusammen. Was hatte sich denn verändert? Dieselbe Nase, das altbekannte Kinn, dieselben … Nein, ihre Augen hatten einen anderen Ausdruck, und auch um ihren Mund spielte mit einem Mal ein neuer Zug – ein seltsam neuer Zug …

Nach einer langen Pause fuhr sie fort, diesen geheimnisvollen, fremden Mund zu schminken, und dann legte sie das Silberetui des Lippenstiftes langsam, fast feierlich beiseite. Sie konnte und wollte die merkwürdige Veränderung in ihrem Gesicht nicht analysieren; aber sie fühlte unklar, daß Royal Beadons Braut nicht so aussehen sollte, weil Jim Shaw gekommen war und sie ihn nun unten sehen würde.

Eine glückliche Ehe! Ihre Ehe mit Roy Beadon würde eine glückliche Ehe werden! Wieder geisterte ein Gedanke durch ihr Unterbewußtsein: War dies das Glück, das sie sich erträumte? Sie wartete noch ein paar Sekunden, dann stieg sie die Treppe hinunter, eine schlanke Gestalt in weißem Rock, weißer weiter Bluse und roten Sandalen – rot wie ihre Lippen.

Jim stand wartend in der Veranda.

2.

Die Veranda lief fast der ganzen Länge des Hauses entlang, elegant und wohnlich mit den tiefen Rohrstühlen und den niederen Tischen, den bunten Kissenüberzügen, den Rasenteppichen und den großen Krügen mit Krotonblättern und dem blauen Meer jenseits der Ballustrade. In Wirklichkeit lag zwischen Haus und Meer ein sanfter Abhang, ein Streifen Korallenfels und Sand, ein Mangrovendickicht und sogar ein kleiner Hafendamm mit dem Badehaus; aber Nonie schien es jedesmal, wenn sie durch die breite Fenstertüre aus der Halle auf die Veranda trat, als flutete ihr der Ozean entgegen. Er war so weit, so blau und glänzend, so lichtfunkelnd, daß er alles unmittelbar zu umschließen schien, wie er ja auch wirklich die ganze Insel umschloß. Da sah sie Jim. Er hatte seinen Koffer auf einen Stuhl gestellt, den Regenmantel darübergelegt und wischte sich mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirne. Als er Nonie kommen hörte, wandte er sich rasch um.

«Nonie!»

Nun, auf gleicher Höhe mit ihm, eher zu ihm aufsehend, denn er war ebenso groß wie Roy, wirkte sein Gesicht lang, schmal und eckig, gesammelt und entschlossen, und es war weiß unter der sonnengebräunten Haut. Seine grauen Augen funkelten wie Achatsteine und waren ganz und gar nicht Jims Augen. Sie trat rasch zu ihm. «Jim, was ist geschehen?»

Der harte, helle Glanz seiner Augen entsprang einem lodernden Zorn. «Ich gehe, Nonie!»

«Sie gehen?»

«Ich bin fertig mit Hermione! Jetzt will ich nach Cienfuegos und dort das Nachtflugzeug Miami – New York erreichen.»

«Und wann werden Sie zurückkommen?»

«Ich komme nicht zurück!» Sein Mund wurde schmal und hart.

«Setzen Sie sich, Jim», bat Nonie ziemlich hilflos angesichts der Veränderung, die mit ihm vorgegangen war. «Was wollen Sie trinken? Ich werde Jebe klingeln.»

«Gar nichts, danke. Ich möchte nur Roy noch sehen, ehe ich gehe. Und Sie – natürlich.»

«Also nehmen Sie Platz. Ich schicke gleich nach Roy.»

«Danke.» Er ließ sich in einen Korbsessel fallen und griff nach einer Zigarette. Seine Augen waren dunkel und grau wie sturmbewegtes Meer.

«Sind Sie zu Fuß von Middle Road herübergekommen?»

Er nickte und stand auf, um ihr eine Zigarette anzubieten. Sie ging zur Türe und klingelte. Aber Roy war ins Dorf gegangen, wie Jebe wußte, der in schlappenden Strohpantoffeln angerannt kam. Wann sein Herr zurückkommen würde, wußte er nicht. Nonie meldete dies Jim.

«Dann warte ich auf ihn. Ich muß ihm alles erklären.»

Er stand ruhig rauchend da, aber in seinen Augen glühte noch immer Zorn. Als sie beide wieder saßen, fragte Nonie: «Können Sie mir nicht sagen, was geschehen ist, Jim?»

Er sah sie an. «Hermione ist meine Tante, und wenn ich nicht gehe, bringe ich sie um!»

«Jim!»

Der Ausdruck seiner Augen wurde weicher. Er beugte sich vor und legte seine Hand auf ihren Arm. «Sehen Sie nicht so entsetzt drein, Nonie. Das ist Schicksal. Ich gehe fort von hier und werde das Ganze vergessen.»

Sie antwortete nichts darauf – aus einem ganz unsinnigen Grunde: Sie wurde sich plötzlich dieser Hand auf ihrer warmen Haut seltsam bewußt. Und als er sie jäh fortnahm, um den Aschenbecher näherzuziehen, da wußte sie ganz genau, daß diese rasche Bewegung eine der Befangenheit war. Wie konnte sie das wissen? Sie fühlte, wie ihr Gesicht rot anlief und heiß wurde, und sie kam sich wie ein Schulmädchen vor. Sie, Nonie Hovendon, bald Mrs. Royal Beadon, bald eine würdige, gesetzte Ehefrau! Am nächsten Mittwoch! Sie umschlang ihr weiß verhülltes Knie mit den Händen und spürte noch immer die Stelle, wo diese braune kräftige Hand ihren Arm berührt hatte.

«Ich habe verschiedenes zu vergessen», sagte Jim plötzlich, «und es ist so oder so gut, wenn ich gehe.»

Er sah sie nicht an. Nonie öffnete den Mund, um irgend etwas Kühl-Beherrschtes, Unpersönliches und Höfliches darauf zu erwidern; doch stattdessen trieb sie ein unwiderstehlicher Zwang zu fragen: «Was denn, Jim? Was haben Sie sonst noch zu vergessen?»

Da wandte er sich ihr unvermittelt zu und sah sie an.

«Das sollten Sie besser nicht fragen. Ich könnte Ihnen sonst darauf antworten!»

Nein, das hatte sie auch gar nicht fragen wollen! Sie benahm sich wie ein kleiner Backfisch, der einen Flirt suchte, nicht wie die normale Nonie. Sie sah verwirrt auf ihre Hände nieder und suchte nach unverbindlichen Worten, fand aber keine, und so sprach Jim als erster wieder: «Die Hochzeit ist Mittwoch, nicht wahr? Roy hat ein Glück!»

Eine Welle, die zischend gegen die Uferfelsen rollte und mit einem leisen Seufzer wieder verrann, würde ihre Worte ohnehin übertönt haben, wenn sie etwas gesagt hätte. Aber Jim hatte gar keine Antwort erwartet, denn er fuhr rasch fort: «Sie haben übrigens auch Glück. Roy ist ein feiner Kerl. Er war mir immer ein guter Freund. Ich war jetzt fast ein Jahr hier, wissen Sie, und habe gewartet, daß Hermione etwas Endgültiges entscheide wegen der Plantage und mir.»

«Endgültiges – wieso?» Nonie sah ihn erstaunt an. «Ich dachte, daß sie Ihnen die Verwaltung der Plantage übertragen werde.»

Da war er wieder, der harte, eiskalte Blick. «Das glaubte ich auch! Ich liebe die Insel, und das weiß sie ganz genau. Es ist meine Heimat, und ich bin zum Pflanzer geboren.»

«Ja, aber dann warum …?»

«Das ist ihre Handhabe gegen mich», stieß er heiser hervor, «damit hofft sie mich zu erpressen. Sie kennen Hermione nicht. Ich kenne sie, und deshalb habe ich gar nichts anderes von ihr erwartet. Ich wußte genau, was mir auf Middle Road blühen werde.»

«Ich dachte, sie wolle die Leitung abgeben, und deshalb habe sie Sie kommen lassen. Roy sagt immer, sie brauche Sie, denn sie beute die Plantage nur mangelhaft aus.»

«Das stimmt – wenigstens bin ich auch dieser Ansicht. Ich will gar nicht behaupten, alles zu verstehen, aber ich kann nicht länger hier herumsitzen, nichts tuend, nichts lernend, weil mir Hermione von früh bis spät im Wege steht. Ein Jahr lang war ich nun hier, und in einem weiteren Jahr würde ich weniger von der Plantage verstehen als heute. Und noch ein Jahr später hätte sie mich zu ihrem willenlosen Werkzeug herabgewürdigt, zu einem gefügigen Laufburschen, zu einem Nutznießer ihrer Großzügigkeit, zu ihrem großen Neffen, der geduldig auf ihren Tod warten muß! Sogar meine Seele würde sie mir abfordern – und es würde mir ganz recht geschehen! Nein! Ich gehe, solange ich noch ein freier Mensch bin.»

«Aber, Jim, das alles ist doch Ihre Heimat, es wird einmal Ihnen gehören! Wie können Sie freiwillig fortgehen?»

Er rauchte sekundenlang wortlos weiter, seine Augen verengerten sich; dann klang seine Stimme ruhiger und hatte nicht mehr jenen eisigen Ton verbissener Wut. «Natürlich gehe ich ungern fort. Ich mag noch unerfahren sein, aber ich sehe deutlich, was sich aus Middle Road machen ließe. Roy hätte mir geholfen. Wir dachten an eine Geschäftsverbindung; wir hätten die gleichen Maschinen und Ausrüstungen benützt, moderne Methoden angewandt und so noch mehr Land kultivieren und bepflanzen können. Die Zeiten haben sich geändert, seit mein Großvater Middle Road kaufte. Der Besitz ist nicht mehr ein kleines Betriebchen, das man mit vier Eingeborenen und einem Eselwagen bewältigen kann. Ich mag noch jung sein, aber ich hätte lernen können. Roy ist so erfahren, und ich möchte ein guter Pflanzer werden. Es liegt eine solche Genugtuung darin, dem Boden Gewinn abzuringen, etwas Wirkliches, Tiefes, etwas … Ich kann mich nicht ausdrücken; aber diese Arbeit hätte die Erfüllung meines Lebens bedeutet. Und ich liebe Middle Road; aber ich muß doch auch an meine Seele denken. Solange Hermione hier ist, kann ich nicht zurückkommen, und wenn dann der Besitz einmal an mich übergeht, wird es zu spät sein. Also vergesse ich lieber gleich alles!»

Er sah ihr plötzlich in die Augen. «Ich jammere Ihnen reichlich viel vor! Verzeihen Sie. Jetzt ist es vorüber, kein Wort mehr davon … Ich bedaure, daß ich Ihrer Hochzeit am Mittwoch nicht beiwohnen kann.»

Wie hatte sie sich nur einbilden können, dieser Blick sei liebevoll und tief gewesen? Er war im Gegenteil gesammelt, wachsam, so, als hätte sich ein Schleier zwischen ihnen niedergesenkt. Plötzlich schien selbst die Luft zwischen ihnen steif und förmlich zu werden. Sie antwortete mit einer tonlosen und unfreundlichen Stimme: «Ich bedaure es ebenfalls sehr.»

Dabei war sie sehr glücklich darüber, daß er nicht dasitzen würde, wenn sie in weißem Kleid, rosa Hut und mit Perlen geschmückt Roys Gattin wurde. Für alle Zeit! ‚Wenn irgend jemand beweisen kann, daß dieser Mann und diese Frau nicht das heilige Sakrament der Ehe eingehen sollten, dann soll er jetzt vortreten und es laut sagen oder aber für immer schweigen.‘ Das war zwar wohl nicht der genaue Wortlaut der Zeremonie, aber es war ihr tieferer Sinn. Und der Grund gegen ihre Verbindung mit Roy würde irgendwo hinten im Schiff der Kirche sitzen – braunes eckiges Gesicht ohne jeglichen Ausdruck, verschränkte Arme und harte abwesende Augen, wie eben jetzt – das wußte Nonie plötzlich mit erschütternder Klarheit.

Nein, sie war dankbar und glücklich, daß er nicht dabei sein würde. So überwältigend war dieses Gefühl der Erleichterung, daß es sie von dem Hocker hochriß und an den Tisch treten ließ, wo sie, Rücken zu Jim, stehenblieb. Was hatte sie doch eben gedacht? Jim ging fort, verließ die Insel und würde nicht mehr zurückkommen, solange Hermione lebte und Middle Road verwaltete– und sie, Nonie, bald Nonie Beadon, war glücklich darüber? Dann brauchte doch ihr Herz nicht wie verrückt in ihrer Kehle zu klopfen!

Jim war ebenfalls aufgestanden und kam langsam und unentschlossen von hinten auf sie zu. Sie fühlte seine Nähe. Da fuhr ein Automobil rasch den Gartenweg herauf und hielt unterhalb der Veranda an. «Das ist Roy!» rief Jim. Das war zwar durchaus nicht das, was er hatte sagen wollen, dachte Nonie, aber sie antwortete fast erleichtert: «Ja, das muß Roy sein.» Ihre Stimme klang tonlos und matt wie eine schlechtgespannte Saite, aber sie hatte sie wenigstens in der Gewalt. Jim stand dicht hinter ihr, und sie wehrte sich dagegen, sich nach ihm umzuwenden; trotzdem sah sie sein Gesicht deutlich vor sich, jede Linie, jede Falte, jeden Licht- und Schattenflecken seines Gesichtes konnte sie sehen! Sie hielt den Atem an, um der Versuchung, ihn doch noch anzublicken, nicht zu erliegen. Da kam Roy schon die Stufen zur Veranda heraufgelaufen. Als ob sie einer Gefahr entrinnen würde, ging sie ihm rasch entgegen, ihm, Roy, ihrem künftigen Ehegatten!

Royal Beadon von Beadon Island sah genau so aus, wie er hieß. Und das war auch verständlich. Sein Vater hatte ein Leben lang auf Beadon Island gelebt, auf der Insel, die ihren Namen von seinem Großvater bekommen hatte, dem ersten Engländer, der sich am Strande der blauen, goldfunkelnden Schale niedergelassen hatte, die die Karibische See hier bildete.

Er war ein großer stattlicher Mann, und sein kraftvolles, beherrschtes Gehaben war imponierend, obwohl es völlig natürlich und absichtlos zur Schau getragen wurde. Mit seinen etwas mehr als fünfzig Jahren war sein Haar eisengrau, und er trug eine goldgeränderte Brille. Noch immer eignete ihm eine gebändigte Kraft, die vermuten ließ, er könnte jederzeit in einem Krieg kämpfen, die Welt umsegeln oder auf Löwenjagden gehen. In Wirklichkeit hatte er den Großteil seines Lebens als Pflanzer auf dieser Insel gelebt, die er liebte.

Nonies Vater war einer von Roys besten Freunden gewesen. Er mochte Roy an Jahren etwas überlegen gewesen sein, aber nicht viel. Sie hatten sich anläßlich einer der verschwenderischen Jachtkreuzfahrten durch alle Weltmeere kennengelernt, die Nonies Vater oft unternommen hatte, solange seine Tochter ein kleines Mädchen gewesen war und zur Schule gehen mußte; damals hatte er vor Beadon Island ankern müssen, um Obdach vor einem gewaltigen Sturm zu suchen, war dann lange bei Roy geblieben und sein Freund geworden.

Nun suchte auch Nonie bei Roy Obdach; nur war ihr Sturm einer des Leids und der Verlassenheit, und Roys Heim sollte ihr für den Rest des Lebens Asyl gewähren.

Ein Gefühl der Schuld, der Reue und des Bedauerns griff mit harten Fingern nach ihr. Sie ging auf Roy zu und nahm seinen Arm, als wollte sie mit dieser Vertraulichkeit und Nähe sich selber überzeugen. Am nächsten Mittwoch Mrs. Royal Beadon …

Aber der Inselklatsch gedieh schnell. Roy mußte schon von Hermione und Jim gehört haben, denn er blickte Nonie so vollkommen ausdruckslos ins Gesicht, daß sie das Gefühl hatte, er sehe sie überhaupt nicht, und er war offensichtlich beunruhigt und zornig in einem. Anscheinend war er auf dem Postamt gewesen, denn er warf ein Bündel Zeitschriften und Briefe auf einen Tisch, während er zu Jim sagte: «Ich hoffte, dich hier zu finden. Dick Fenby hat mich aufgehalten, und ihm hat Hermione alles erzählt.»

«Es mußte ja früher oder später so kommen.»

Roy legte seinen grüngestreiften Tropenhelm auf einen Stuhl, setzte sich dann und betrachtete Jim mit gerunzelter Stirne, halb nachdenklich, halb verärgert.

‚Nein, ich will ihn nicht ansehen‘, dachte Nonie, ‚ich nicht! Dort steht er, eine scharfe Silhouette gegen das blaue Meer, und wie immer, wenn er mit Roy beisammen ist, sieht er jünger aus, als er eigentlich ist, groß, braun, mit erhobenem Kopf und ruhigen, grauen Augen – aber ich werde ihn nicht ansehen!‘ Sie setzte sich dicht neben Roy und umschlang wieder das Knie mit den verschränkten Händen. Am Mittwoch würde an einer Hand ein Ring funkeln. Zwar trug sie bereits einen Ring, einen von Diamanten eingefaßten Saphir, einen alten Ring, der einst Roys Mutter und später Aurelia gehört und den Roy ihr geschenkt hatte.

«Also, du willst weg?» fragte Roy nun langsam.

«Ich muß, Roy! Ich habe gehofft, du würdest mich mit deinem Motorboot nach Elbow hinüberführen, dann kann ich dort das Postschiff erreichen und das Nachtflugzeug nach Cienfuegos.»

Roy dachte eine Weile nach. «Ja, vielleicht hast du recht, wenn du gehst. Hermy hat dich nicht so behandelt, wie sie sollte und wie sie es versprochen hat.»

«Lassen wir das jetzt, Roy – Schwamm drüber!»

«Warum aber willst du heute nacht noch fort?»

«Ja, richtig, das hat alles noch beschleunigt – ich habe eine Stellung, meinen alten Posten in New York. Den kann ich zurückhaben, wenn ich rasch genug komme. Mein Nachfolger ist weg, hat mir dir Firma heute morgen telegraphiert. Und das gab mir eigentlich erst die Möglichkeit, mich endgültig mit Hermy auseinanderzusetzen.»

«Ich habe es kommen sehen», nickte Roy verstehend. «Was hat sie dir gesagt?»

Der harte Zug um Jims Mund vertiefte sich wieder. «Ich kann nicht in Middle Road bleiben.»

Roy blickte aufs Meer hinaus und trommelte mit den Fingern auf die Armlehne seines Stuhles.

«Willst du ganz weg von Beadon Island?»

Stille. Nonie sah starr vor sich nieder; sie drehte den Ring an ihrem Finger, unablässig, immer wieder.

«Ja, ich glaube, daß es das beste ist», antwortete Jim endlich, und wieder klang seine Stimme wie von fern her, unpersönlich und wachsam.

Wenn Jim jemals zurückkam, was keineswegs sicher war, dann war sie schon jahrelang Mrs. Royal Beadon – also würde sie die seltsame Stimmung möglichst rasch vergessen, die vorhin eine Weile zwischen ihnen geirrlichtert hatte an diesem heißen, tropischen Nachmittag mit der rollenden See und dem Ruf des Trompetenvogels im Garten …

«Ich muß arbeiten, Roy! Ich kann nicht herumsitzen und mich von einer Frau unterhalten lassen!»

Das sagte er so schnell und scharf, daß es wie ein bitteres Zitat klang. Roy hob den Kopf. «Hat Hermione dir das vorgeworfen? Sie hat dir eine Stellung versprochen, damals, als sie dich kommen ließ!»

«Ich wollte Dicks Posten nicht», brach es aus Jim heraus. «Dick ist ein guter Geschäftsführer, wenn Hermione ihn in Ruhe arbeiten läßt. Oder er war jedenfalls einmal sehr tüchtig und könnte es noch immer sein. Ich verlange ja gar keine verantwortungsvolle Stellung, bevor ich die Pflanzung nicht von Grund auf erlernt habe. Ich weiß, daß mir die Erfahrung fehlt; aber ich will eine Stellung, etwas Klares und Festgelegtes!»

«Ich begreife dich gut. Hermione würde einen zweiten Dick Fenby aus dir machen. Ja, es ist besser, wenn du gehst. Wie steht es mit Bargeld? Sie wird dir doch kaum die Flugkarte bezahlt haben! Du hast nicht genug Geld, wie? … Hier.»

Nonie drehte noch immer ihren Ring und zwang sich, nicht aufzublicken. Sie wußte, daß Roy nun seine Brieftasche hervorzog, daß er ihr einige Banknoten entnahm …

«Das sollte genügen.»

«Zweihundert? Mehr als genug. Danke, Roy.»

«Hermy hält dich ziemlich knapp, nicht wahr? Ein Glück, daß sie das Grundkapital nicht angreifen kann! – Ja, und nun bringen wir dich nach Elbow hinüber.» Er sah auf seine Armbanduhr und fuhr auf. «Höchste Zeit, Jim! Das Postboot fährt um vier Uhr, und ich sollte … Warte, wie könnten wir das machen?»

«Laß nur, Roy, du hast zu tun, du mußt nicht mitkommen. Jemand soll mich begleiten, der dir dann das Boot zurückbringen kann, dein Chauffeur vielleicht …»

«Gut. Ich muß nämlich dringend einige Telephongespräche führen wegen der großen Zuckerladung … aber das könnte ich auch morgen noch erledigen …»