DIE UNHEIMLICHEN FÄLLE DES EDGAR WALLACE: DAS SEUFZEN IM ATELIER - Christian Dörge - E-Book

DIE UNHEIMLICHEN FÄLLE DES EDGAR WALLACE: DAS SEUFZEN IM ATELIER E-Book

Christian Dörge

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  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2021
Beschreibung

London im Jahre 1965. Mord im Kino! Ein bizarrer Verdacht drängt sich Chefinspektor Dick Alford von Scotland Yard auf: Wurde Dr. Howard Barton, der angesehene Londoner Arzt, tatsächlich in diesem Kino ermordet, oder hat sich das Opfer mit letzter Kraft dorthin geflüchtet, um den wahren Täter zu schützen? Ein fast schon labyrinthisches Rätsel breitet sich vor Alford und Sergeant Higgins aus, und im Zentrum dieses Labyrinths erwartet den Chefinspektor und seinen Assistenten eine Tragödie...    Mit dem Roman  Das Seufzen im Atelier  veröffentlicht Christian Dörge, Autor u. a. der München-Krimis um den Privatdetektiv Remigius Jungblut, den vierten Band seiner Roman-Reihe, die sich als Hommage an die Kriminal-Romane von Edgar Wallace (* 1. April 1875; † 10. Februar 1932), des Meisters der Hochspannung, sowie an die legendären Rialto-Filme der 1960er Jahre versteht. 

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CHRISTIAN DÖRGE

 

 

DIE UNHEIMLICHEN FÄLLE

DES EDGAR WALLACE:

DAS SEUFZEN IM ATELIER

 

 

 

Roman

 

 

 

 

Signum-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

Der Autor 

 

DAS SEUFZEN IM ATELIER 

 

Die Hauptpersonen dieses Romans 

 

Erstes Kapitel 

Zweites Kapitel 

Drittes Kapitel 

Viertes Kapitel 

Fünftes Kapitel 

Sechstes Kapitel 

Siebtes Kapitel 

Achtes Kapitel 

Neuntes Kapitel 

Zehntes Kapitel 

Elftes Kapitel 

Zwölftes Kapitel 

Dreizehntes Kapitel 

Vierzehntes Kapitel 

Fünfzehntes Kapitel 

Sechzehntes Kapitel 

Siebzehntes Kapitel 

Achtzehntes Kapitel 

Neunzehntes Kapitel 

Zwanzigstes Kapitel 

Einundzwanzigstes Kapitel 

Zweiundzwanzigstes Kapitel 

Dreiundzwanzigstes Kapitel 

Vierundzwanzigstes Kapitel 

Fünfundzwanzigstes Kapitel 

Sechsundzwanzigstes Kapitel 

Siebenundzwanzigstes Kapitel 

Achtundzwanzigstes Kapitel 

Neunundzwanzigstes Kapitel 

Dreißigstes Kapitel 

Einunddreißigstes Kapitel 

Zweiunddreißigstes Kapitel 

Dreiunddreißigstes Kapitel 

Vierunddreißigstes Kapitel 

Fünfunddreißigstes Kapitel 

Sechsunddreißigstes Kapitel 

Das Buch

 

 

London im Jahre 1965.

Mord im Kino!

Ein bizarrer Verdacht drängt sich Chefinspektor Dick Alford von Scotland Yard auf: Wurde Dr. Howard Barton, der angesehene Londoner Arzt, tatsächlich in diesem Kino ermordet, oder hat sich das Opfer mit letzter Kraft dorthin geflüchtet, um den wahren Täter zu schützen?

Ein fast schon labyrinthisches Rätsel breitet sich vor Alford und Sergeant Higgins aus, und im Zentrum dieses Labyrinths erwartet den Chefinspektor und seinen Assistenten eine Tragödie...

 

Mit dem Roman Das Seufzen im Atelier veröffentlicht Christian Dörge, Autor u. a. der München-Krimis um den Privatdetektiv Remigius Jungblut, den vierten Band seiner Roman-Reihe, die sich als Hommage an die Kriminal-Romane von Edgar Wallace (* 1. April 1875; † 10. Februar 1932), des Meisters der Hochspannung, sowie an die legendären Rialto-Filme der 1960er Jahre versteht. 

Der Autor

 

Christian Dörge, Jahrgang 1969.

Schriftsteller, Dramatiker, Musiker, Theater-Schauspieler und -Regisseur.

Erste Veröffentlichungen 1988 und 1989:  Phenomena (Roman), Opera (Texte).  

Von 1989 bis 1993 Leiter der Theatergruppe Orphée-Dramatiques und Inszenierung  

eigener Werke,  u.a. Eine Selbstspiegelung des Poeten (1990), Das Testament des Orpheus (1990), Das Gefängnis (1992) und Hamlet-Monologe (2014). 

1988 bis 2018: Diverse Veröffentlichungen in Anthologien und Literatur-Periodika.

Veröffentlichung der Textsammlungen Automatik (1991) sowie Gift und Lichter von Paris (beide 1993). 

Seit 1992 erfolgreich als Komponist und Sänger seiner Projekte Syria und Borgia Disco sowie als Spoken Words-Artist im Rahmen zahlreicher Literatur-Vertonungen; Veröffentlichung von über 60 Alben, u.a. Ozymandias Of Egypt (1994), Marrakesh Night Market (1995), Antiphon (1996), A Gift From Culture (1996), Metroland (1999), Slow Night (2003), Sixties Alien Love Story (2010), American Gothic (2011), Flower Mercy Needle Chain (2011), Analog (2010), Apotheosis (2011), Tristana 9212 (2012), On Glass (2014), The Sound Of Snow (2015), American Life (2015), Cyberpunk (2016), Ghost Of A Bad Idea – The Very Best Of Christian Dörge (2017). 

Rückkehr zur Literatur im Jahr 2013: Veröffentlichung der Theaterstücke Hamlet-Monologe und Macbeth-Monologe (beide 2015) und von Kopernikus 8818 – Eine Werkausgabe (2019), einer ersten umfangreichen Werkschau seiner experimentelleren Arbeiten.  

2021 veröffentlicht Christian Dörge den Giallo-Roman Das rote Trauma und startet drei Roman-Serien: Die unheimlichen Fälle des Edgar Wallace sowie München-Krimis um die Privatdetektive Jack Kandlbinder und Remigius Jungblut. 

DAS SEUFZEN IM ATELIER

 

  Die Hauptpersonen dieses Romans

 

Richard – genannt Dick – Alford: Chefinspektor bei Scotland Yard, der bekannteste Ermittler seiner Zeit. Wohlbeleibt, den Genüssen des Lebens zugeneigt (und mit einer tiefen Abneigung gegen das Treppensteigen gesegnet), ein kultivierter Mann in den 50ern von freundlichem Wesen und scharfem Verstand (und mit einem beachtlichen Schnurrbart).

John Higgins: Sergeant bei Scotland Yard und Assistent von Dick Alford. 35 Jahre alt, passionierter Pfeifen-Raucher, ehrgeizig und mitunter impulsiv, aktiver Boxer und höchst kompetenter Kriminalist.

Bryan Wesby: Sergeant bei Scotland Yard, zweiter Assistent von Dick Alford. 40 Jahre alt, hochgewachsen und hager. Ein pedantischer und ausgesprochen effektiver Ermittler, verschlossen und nicht eben gesellig (was auch an seiner Vorliebe für Zigarren liegen mag).

Mark Bannister: Constable bei Scotland Yard, Spezialist für Tatort-Ermittlungen und Spurensicherung.

Rupert Bladmore: Journalist und Redakteur bei der Lloyd’s List. 

Clarinda Bladmore: seine Frau. 

Hermine Barton: Schriftstellerin, Ehefrau des Ermordeten Howard Barton. 

Charles Barton: ihr 18jähriger Sohn aus erster Ehe. 

Nigel Hastings: Besitzer einer Zeitung. 

Katherine Walters: eine Modistin. 

Noel Vincent: ihr Freund. 

Cedric Cockstone: ein Juwelier. 

Salome: ein geheimnisvolles Mädchen. 

Harley Phillips: ein wohlhabender Pferdezüchter aus Amerika. 

 

 

 

Dieser Roman spielt im London des Jahres 1965.

 

 

 

 

 

  Erstes Kapitel

 

 

Der Polizeiwagen hielt am Bordstein.

Chefinspektor Alford stieg aus und betrachtete die dunkle Fassade des Kinos. In phantastischer Verschnörkelung leuchtete der Name 21 Days im Licht des nahen Cafés. Es war eines jener kleinen Lichtspielhäuser, die sich gegen allen Fortschritt durch niedrige Preise und reichhaltiges Programm zu halten vermögen. Früher war das Kino eine Music-Hall gewesen. Plakate zeigten zwei Filme an, von denen der neueste drei Jahre alt war.

Trotz des Nieselregens standen auf dem Gehweg mehrere Gruppen von Menschen. Die Leute drehten sich um, als der Polizeiwagen hielt. Sie starrten Dick Alford an, der, breit und massig, in dunklem Mantel, mit Halstuch und steifem Hut, auf sie zukam. Sie hielten vielleicht intensiver Ausschau nach Sergeant John Higgins, in elegantem Tweedanzug und ohne Hut, der den Chefinspektor begleitete. Die Menge beobachtete, wie die zwei Kriminalbeamten die kleine Steintreppe hinaufgingen und im Innern des Kinos verschwanden.

Ein kleiner, blasser Mann in Smoking und weißem Hemd kam auf die Beamten zu und begrüßte sie.

»Chefinspektor Alford?«, fragte er. »Ich bin der Direktor. Eine furchtbare Geschichte! Der Mann kam etwa vierzig Minuten vor dem Ende des letzten Films und...«

»Ja«, unterbrach ihn Dick. »All diese Details... bitte später. Wo ist er? Oben oder unten?«

»Auf der Empore, Herr Chefinspektor. Bitte folgen Sie mir. Verzeihung...«

Der Direktor öffnete die Tür. Dick und sein Begleiter gingen eine Treppe hinauf, während der Direktor nervös drauflosredete.

»Der Mann nahm eine Proszeniumsloge, Herr Chefinspektor. Unser Kino ist ziemlich alt. Es hat sechs Logen, drei auf jeder Emporen-Seite. Manche unserer Besucher lieben diese Plätze, wenn auch die Sicht auf die Leinwand nicht besonders gut ist.« Er bebte vor Erregung.

»Kam der Mann allein?«

»Ja. Daran besteht kein Zweifel. Er kam allein und traf hier auch niemanden. Diese Tatsachen werden nicht nur von der Kassiererin, sondern auch von der Platzanweiserin auf der Empore, die ihn zur Loge führte, bestätigt. Ich habe auch die übrigen Mädchen gleich gefragt. Sie sind noch hier, um Ihre Fragen zu beantworten. Die Platzanweiserin fand den Toten, als das Kino sich geleert hatte.«

Die drei Männer standen hinten im Rang, den ein paar Wandarme nur dürftig erhellten. In einer der Logen, rechts von der Leinwand, brannte Licht, während die anderen dunkel waren.

Als Dick auf die erhellte Loge zuging, näherte sich ihm ein Mann. Er war groß, hager und hatte dunkles Haar. Ein schwarzer Hut und ein schwarzer Regenmantel betonten sein Mephisto-ähnliches Aussehen.

»Nun, Bryan?«, fragte der Chefinspektor. »Um was handelt es sich? Selbstmord oder Mord?«

»Wahrscheinlich Mord, Chef«, antwortete Sergeant Bryan Wesby. »Der Mann wurde erschossen. Eine Waffe habe ich bisher nicht gefunden. Aber ich bin erst seit ein paar Minuten hier... Vielleicht hat er die Pistole ins Parkett geworfen.«

Der Direktor mischte sich ein.

»Das halte ich für sehr unwahrscheinlich«, sagte er. »Ich habe selbst alles abgesucht. Die billigen Plätze waren ausverkauft. Eine von hier aus nach unten geworfene Waffe hätte sicher jemanden getroffen und Aufregung und Beschwerden zur Folge gehabt. Der Mann wurde nicht hier erschossen. Er muss schwer verwundet das Kino betreten haben. Schade, dass der Tote erst nach Schluss der Vorführung, als die Zuschauer das Kino verlassen hatten, gefunden wurde. Ob Mord oder Selbstmord – hier im Theater fiel jedenfalls kein Schuss.«

»Welcher Film wurde gezeigt?«, fragte John Higgins.

Der Direktor wandte sich mit einem leichten Lächeln dem jungen Beamten zu.

»Kein Cowboy- und auch kein Kriminalfilm. Keine Schüsse, auch nicht als unterhaltendes Beiwerk. Die Unersättlichen – eine Literaturverfilmung.«

Dick ging weiter, über ein paar mit Teppichen ausgelegten Stufen, zu der beleuchteten Loge. Eine kleine, weitgeöffnete Tür; beiseitegeschobene, schäbige Vorhänge aus rotem Samt und drei niedrige Plüschsessel. Die Luft war schal von Tabakrauch und dem Staub vieler Jahre.

Auf einem der Sessel saß der Tote mit nach vorn gebeugtem Kopf und ausgestreckten Beinen. Ein Arm hing herab und berührte den Fußboden. Die linke Hand griff in die Weste.

Der Mann mochte fünfzig Jahre alt sein. Sein Bart war sauber geschnitten, sein dunkler Anzug aus bestem Tuch. Auf dem Fußboden, neben seinen Füßen, lag ein schwarzer Filzhut und neben diesem der Rest einer Zigarette, die auf dem Teppich ausgebrannt war.

Während Bryan Wesby als Ergänzung des trüben, gelblichen Lichtes eine Taschenlampe hielt, untersuchte der Chefinspektor die Leiche. Der dunkle Mantel und der Rock des Mannes waren geöffnet. Die Weste war nicht ganz geschlossen, und das cremefarbene seidene Hemd zeigte Blut- und Pulverflecken.

Dick arbeitete mit aller Sorgfalt. Aus dem Hemd des Toten zog der Chefinspektor – ganz zu seinem Erstaunen – ein blutgetränktes Handtuch. Er untersuchte die Hände, die Nägel und die Taschen. Schließlich richtete er sich mit einem leichten Knurren auf.

»Ein Schuss genügte«, sagte er. »Aus unmittelbarer Nähe aus einer kleinkalibrigen Pistole abgegeben. Das Geschoss steckt noch im Körper. Keine Patronenhülse gefunden...?«

Er sah Wesby fragend an.

Dieser schüttelte den Kopf. »Keine gefunden, Chef. Wurde wahrscheinlich anderswo verwundet und ist dann hier gestorben. Ich habe die Spurensicherung informiert. Die Leute werden gleich hier sein.«

»Nichts in den Taschen, nach dem man ihn identifizieren könnte?«, fragte John.

Dick schüttelte den Kopf. »Geld, Zigaretten. Sonst nichts.«

Der Chefinspektor untersuchte das blutige Handtuchtuch. »Anscheinend neues Handtuch«, sagte er, »also kein Wäschezeichen. Der Mann war tödlich getroffen, als er hierher kam.

Er sah den Direktor an. »Ist der Kassiererin an dem Mann nichts aufgefallen?«

Der Direktor schüttelte den Kopf. »Nein, Herr Chefinspektor. Die Kasse ist klein und hat nur ein winziges Fenster, durch das der Besucher das Geld reicht. Nur, wenn der Besucher sich bückt und mit der Kassiererin spricht, kann sie ihn sehen.«

Dick Alford nickte. »Und die Platzanweiserin?«

»Sie glaubte, der Mann hätte besonders reichlich zu Abend gegessen – und getrunken. Sein Gang kam ihr etwas schwankend vor. Aber genauer hat auch sie den Mann nicht beobachtet. Er kam, als der letzte Film bereits lief. Kaum Licht. Sie führte ihn zur Loge, und er gab ihr hundert Pfund. Das bestärkte sie in der Annahme, dass er reichlich getrunken hatte. Unsere Angestellten bekommen selten Trinkgelder. Logen oder bessere Plätze werden kaum verlangt, wenn die Vorführung in vierzig Minuten beendet ist. Wäre es heller gewesen, hätte die Platzanweiserin den seltsamen Herrn sicher genauer betrachtet.«

»Vielleicht«, entgegnete Dick.

Nachdenklich zog er ein gelbes Päckchen aus der Tasche und zündete sich eine Zigarette an. Dann zeigte er dem Direktor das blutige Handtuch.

»Gehört das Ihrem Kino?«

»Nein, Herr Chefinspektor. Wir haben in diesem altmodischen Gebäude keinen Waschraum, nur die gewöhnlichen Toiletten. Aus Platzmangel. Die Herrentoilette befindet sich unten, die Damentoilette hinter den Emporen. Nach Aussage der Platzanweiserin hat der Mann die Loge keinen Augenblick verlassen. Nachdem sie ihn zur Loge geführt hatte, blieb sie hinten im Emporen-Bereich. Hätte der Mann die Loge verlassen, sie hätte es sicher bemerkt. Sie war zu dieser Zeit nicht beschäftigt.«

»Ja«, entgegnete Dick. »Er war ein Sterbender. Unfähig, die steilen Stufen hinaufzugehen.«

»Ein merkwürdiger Fall!«, sagte Higgins. »Jemand wird schwer verwundet. Anstatt zu jammern und zu klagen, tut er alles, das Verbrechen zu verbergen.«

»Sind schon weit seltsamere Dinge passiert«, brummte der Chefinspektor.

»Vermutlich ist der Täter eine Frau«, meinte John. »Die kleine Pistole weist darauf hin. Aber wie kam der Mann hierher? Ein Sterbender bringt das aus eigener Kraft nicht fertig. Kam er mit dem Taxi oder im eigenen Wagen?«

»Augenscheinlich nicht«, entgegnete der Direktor. »Die Kassiererin hat keinen Wagen gesehen. Wenn sie von ihrer Kasse aus den Besucher auch nicht sieht, kann sie doch das Trottoir und die Straße gut beobachten. Aber auch das habe ich sie sofort gefragt. Und ich habe mich zusätzlich davon überzeugt, dass kein Wagen in der Nähe stand.«

»Steht ein Portier vor dem Kino?«, fragte Dick.

»Nein, Herr Chefinspektor«, antwortete der Direktor. »Wenn der letzte Film läuft, nicht mehr. Nach halb zehn kommt nur selten noch ein Besucher. Schließlich kommen die Leute nicht hierher, um zu sterben.«

Der Direktor lächelte bitter.

Dick sah Bryan Wesby an.

»Fahren Sie zum Yard, Bryan. Telefonieren sie von dort aus in die Runde, wie es so schön heißt. Alle kleinen Hotels hier in der Nähe anrufen, besonders die etwas anrüchigen, in die ein Mann eine Frau mitbringen kann. Die üblichen Fragen. Ob sich eine Tragödie ereignet hat – oder ob irgendetwas auf eine Tragödie hinweist. Ob ein Schuss gehört wurde. Ein Zimmer durchwühlt wurde. Ob ein Mann beobachtet wurde, der das Hotel schnell verließ – oder eine Frau. Ob irgendwo ein neues Handtuch fehlt. Zuerst die Hotels hier in der Nähe anrufen, dann den Kreis erweitern. Taxis nicht vergessen. Ich muss wissen, ob ein Taxifahrer nach zehn Uhr einen Mann hierherbrachte.«

Er zuckte mit den breiten Schultern.

»Wir können erst etwas unternehmen, wenn die Spurensicherung hier ihre Arbeit getan hat. Vielleicht findet sie etwas, nach dem man die Identität des Mannes feststellen kann. Vermutlich war der Mann Arzt...«

Wesby machte sich auf den Weg, und Dick wandte sich dem Direktor zu.

»Und nun zur Vernehmung Ihres Personals. Sie haben damit ja bereits begonnen. Alle Achtung! Aber vielleicht ist inzwischen dem einen oder anderen der Mädchen noch etwas eingefallen.«

Während der Chefinspektor sprach, wurden Schritte und Stimmen vernehmbar. Hinten im Rang erschien ein junger Mann. Er trug eine Hornbrille, die ihm das Aussehen einer Eule gab. Es war Mark Bannister, der Leiter der Spurensicherung bei Scotland Yard.

Er kam die Treppe herunter, und Dick ging ihm entgegen.

 

 

 

 

  Zweites Kapitel

 

 

Der Chefinspektor und Sergeant Higgins saßen im Café Phyllis North, gleich neben dem Kino, das jetzt, in Dunkelheit gehüllt, keinerlei Tragödie vermuten ließ. Die Menge, die nichts Aufregendes mehr sah, hatte sich widerwillig zerstreut. Es regnete nicht mehr. An diesem Oktoberabend war die Luft lau und mild, und die zwei Polizeibeamten saßen behaglich auf der verglasten Terrasse. 

Dick, der wusste, dass ihm eine anstrengende, schlaflose Nacht bevorstand, traf seine Vorsichtsmaßnahmen. Auf dem Tisch vor ihm standen eine Portion Bratkartoffeln mit Würstchen und ein Glas Bier. Seine Untergebenen dagegen schlürften bescheiden eine Tasse schwarzen Kaffee.

John zog seine typisch englische Pfeife und den Tabaksbeutel aus der Tasche.

»Meiner Meinung nach«, begann er, »konnte unser Freund mit der tödlichen Kugel im Leib nicht weit kommen. Es sei denn, er hätte ein Auto benutzt. Wenn er ein Taxi nahm, müsste der Fahrer gesehen haben, dass der Mann schwer verwundet war.«

»Vielleicht hat der Sterbende den Betrunkenen gespielt«, entgegnete Dick. »Der Platzanweiserin gegenüber zumindest spielte er diese Rolle. Sie war von seinem Rausch derart überzeugt, dass sie nach Schluss der Vorstellung in seine Loge ging, in der Erwartung, ihn dort schlafend vorzufinden. Das Mädchen verlor nicht den Kopf. Gott sei Dank. Das Kinopersonal scheint zuverlässig. Nicht hysterisch. Keine Verwirrung und kein Zeitverlust.«

John nickte und blies eine Rauchwolke vor sich hin.

»Noch keine Nachricht aus den Hotels in der Nähe«, bemerkte er. »Vielleicht wurde der Mann in einem Auto verwundet. In seinem eigenen Wagen oder in dem des Mörders. Vielleicht fuhr ihn der Täter irgendwohin, hier in der Nähe, schoss auf ihn, und der tödlich Getroffene verließ das Auto- und schleppte sich in das Kino. Der Mörder fuhr dann einfach weiter.«

Dick schob eine leere Schüssel beiseite und schüttelte den Kopf.

»Um die kritische Zeit wurde in der Nähe des 21 Days kein Auto gesehen. Ich glaube auch nicht, dass unser Mann hundert Meter zu Fuß ging. Sein Anzug war vollkommen trocken, als ich ihn untersuchte. Und von neun bis halb elf hat es ziemlich stark geregnet. Noch etwas: Rock und Weste waren offen, als ihn der Schuss traf. Sein Hemd wies Pulverspuren auf. Das Handtuch hatte er nicht von vornherein bei sich. Irgendwo... nahm er es an sich, um das Blut zu stillen.«

»Verdammt«, sagte John. »Der arme Kerl scheint seinen Mörder sehr gern gehabt zu haben.«

Dick nickte ernst.

»Eine Liebesgeschichte liegt sehr nahe. Oder etwas in dieser Richtung. Meiner Meinung nach müsste der Mann Rock und Weste ausgezogen, Kragen und Schlips abgebunden haben. Es war keine Kleinigkeit für ihn, sich anzuziehen und von dort zu verschwinden, wo der Schuss ihn traf. Welch ungeheure Willenskraft! Wahrscheinlich wusste er auch, dass er sterben musste. Und wer wäre für eine solch präzise Diagnose kompetenter als ein Arzt? Nun, vermutlich werden wir feststellen, dass er tatsächlich Arzt war.«

Der Chefinspektor winkte den Kellner herbei und bestellte Kaffee. John sog nachdenklich an seiner Pfeife.

»Also ist eine Geliebte im Spiel?«, sagte er. »Unser Mann ist höchstwahrscheinlich verheiratet. Vielleicht Streit mit seiner Geliebten wegen seiner Frau. Die Geliebte schießt. Unser Mann will sie retten, vielleicht auch nur einen Skandal vermeiden. Er taumelt aus dem Haus. Das bedeutet, dass die Geliebte hier in der Nähe wohnt oder dass unser Mann in einem Auto zu dem Kino fuhr.«

Dick leerte sein Glas und zündete sich eine Zigarette an. »Wenn er dazu seinen eigenen Wagen benutzte, werden wir bald Genaueres feststellen. Augenblicklich suchen Dutzende von unseren Leuten hier die Gegend ab. Hat er ein Taxi benutzt, werden wir den Fahrer finden. Aber das dauert vielleicht länger. Vor allem müssen wir herausbekommen, wer der Tote ist. Keine Brieftasche, keinerlei Ausweis. Kein Schlüssel. Zudem war er vollständig bekleidet. Weshalb sollte er also Papiere und Schlüssel aus den Taschen genommen haben? Um seinen Mörder zu schützen? Sollte das der Fall sein, wo ließ er diese Dinge? Hat er sie in der Wohnung oder dem Hotel gelassen, nachdem ihn der Schuss traf, so bedeutete das ungeheure Geistesgegenwart.«

»Vielleicht gab er die Sachen seinem Mörder, Chef. Vielleicht war sein erster Gedanke, die Frau zu retten. Verflixt noch mal! Wenn ein Mörder mit dem Ermordeten konspiriert, um die Tat zu verheimlichen, dann kann von normalem Verhalten keine Rede mehr sein. Vielleicht hat er seinen Mörder gebeten, ihn möglichst schnell vom Tatort fortzubringen.«

Dick zuckte mit den Schultern.

»Ein solcher Mörder müsste kaltblütig und herzlos sein. Wer würde sich einer solchen Person wegen opfern?«

»Vielleicht tat er das. Es kommt vor, dass ein Mann sich in seine Mörderin verliebt. Und wenn er wusste, dass es aus mit ihm war und er keinen Wert auf Rache legte...?«

»Augenscheinlich«, entgegnete Dick. »Ein in der Tat ungewöhnlicher Fall. Aber inwiefern, das wissen wir nicht. Doch das alles klärt sich schnell, wenn wir wissen, wer der Tote ist. Das ist nur eine Frage der Zeit. Handelt es sich um ein Verbrechen aus Leidenschaft, dann liegt der Fall ziemlich einfach. Die Geliebte verrät sich vielleicht, wenn sie erfährt, dass der Mann tot ist. War der Mann verheiratet, so weiß seine Frau vielleicht, wer seine Geliebte war.«

Der Kellner brachte den Kaffee, und Dick sprach nicht weiter. John bestellte noch eine Tasse.

Bryan Wesby betrat das Café, blickte um sich und sah seine zwei Kollegen. Wesby war in Begleitung eines dunkelhaarigen, untersetzten Mannes in braunem Regenmantel.

»Mr. Bladmore, Chef. Er hat den Toten gesehen und ihn als einen Doktor Howard Barton identifiziert.«

Dick stand auf und betrachtete forschend den Neuangekommenen. Er war etwa 45 Jahre alt, hatte ein breites, aber sympathisches Gesicht und dunkles, an den Schläfen leicht ergrautes Haar. Seine Augen verrieten Intelligenz, Feingefühl und Gewissenhaftigkeit. Sein Gesicht war besorgt, wenn nicht sogar traurig, und sehr blass.

»Mein Name ist Rupert Bladmore, Herr Chefinspektor«, sagte er. »Ich bin Journalist. Redakteur bei der Lloyd’s List. Für mich ein besonders schwerer Schlag... Wenn Sie gestatten, bestelle ich mir einen Cognac.«

»Aber selbstverständlich«, sagte Dick.

Der Kellner brachte einen Stuhl. Kaffee und Cognac wurden geordert. Die vier Männer setzten sich. Bladmore begann gleich zu sprechen.

»Howard, das heißt Doktor Barton, war mein bester Freund. Wir haben zusammen gedient. Seit mehr als zehn Jahren kennen wir uns. Heute Abend rief er kurz nach zehn in meiner Wohnung in der Verulam Street an. Ich war nicht zu Hause. Arbeitete noch spät in der Redaktion. Das passiert öfters. Howard sprach mit meiner Frau, die mit meiner baldigen Heimkehr rechnete, und bat sie, mir zu bestellen, dass er mich gegen elf Uhr in diesem Café erwartete. Wir treffen uns hier öfter, Herr Chefinspektor, trinken ein Glas und plaudern miteinander.«

Bladmores dunkle Augen sahen Dick an.

»Sie kamen also später nach Hause, als Ihre Frau erwartet hatte, und haben Ihren Freund am Telefon nicht gesprochen.«

»Ganz recht, Herr Chefinspektor. Als es immer später wurde, gab meine Frau Howards Nachricht an mein Büro weiter. Vor zwanzig Minuten erreichte sie mich. Als ich hierherkam, sah ich eine kleine Menschenmenge vor dem Kino nebenan stehen. Eine Frau aus der Menge erzählte mir, im Kino hätte jemand Selbstmord begangen. Die Beschreibung, die sie mir gab, passte auf Howard. Ich betrat also das Kino – zeigte meinen Presseausweis. Ich traf Mr. Wesby und identifizierte die Leiche.«

Kurzes Schweigen. Bladmore griff mit zitternder Hand nach dem Cognac, den der Kellner vor ihn hingestellt hatte. Nachdenklich zündete sich Dick eine Zigarette an.

»Es verging also ziemlich viel Zeit, bevor Sie die telefonische Nachricht Ihres Freundes erhielten?«

Bladmore nickte. 

»Es dauerte geraume Zeit, bis Clarinda, meine Frau, erkannte, dass ich doch später käme, als sie dachte. Da die Verabredung auf elf Uhr lautete, hatte sie es mit der Weitergabe des Gesprächs nicht besonders eilig. Übrigens war ich während der fraglichen Zeit nicht im Redaktionsbüro, sondern in der Setzerei. Daher die Verzögerung bezüglich des Empfangs der Nachricht. Vom Kino aus habe ich meine Frau dann angerufen und sie gebeten hierherzukommen. Ich dachte, dass Sie vielleicht Wert darauf legten, sie persönlich zu sprechen.«

Dick nickte.

»Sie sehen, Mr. Bladmore, wie die Dinge liegen. Ihr Freund wurde erschossen. Von jemandem, den er augenscheinlich schützen wollte. Wer ist der Täter?«

Der Journalist schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung. Ich habe mir selbst schon diese Frage gestellt. Ich kenne niemanden, der dem armen Howard nach dem Leben getrachtet hätte.«

»Vielleicht war es kein Nach-dem-Leben-Trachten. Vielleicht ein Unglücksfall. Vermutlich eine Frau.«

Bladmore nickte. »Ich kenne keine Frau, die in Howards Leben eine Rolle gespielt hätte – außer seiner Ehefrau natürlich; sie ist übrigens die bekannte Roman-Schriftstellerin Hermine Barton. Sie wohnen in der Newman's Rowe, einer kleinen Seitenstraße der Lincoln's Inn Fields.

Dick knurrte.

»Würden Sie es mir sagen, wenn Ihr Freund eine Geliebte gehabt hätte?«

Bladmores Gesicht rötete sich. »Unter allen Umständen«, erwiderte er hastig. »Wenn die Frau meinen besten Freund tatsächlich erschossen hat. Howard und ich waren Freunde im besten Sinne des Wortes. Er hätte mir nie verschwiegen, wenn er ein Verhältnis mit einer anderen Frau gehabt hätte.«

Dick zuckte mit den Schultern. »Er scheint mir in dem Bemühen, den Täter zu schützen, ziemlich weit gegangen zu sein«, entgegnete er trocken. »Das lässt eine tiefere Bindung vermuten, keine bloße Liebelei. Wie war Bartons Verhältnis zu seiner Frau?«

Bladmore verzog ein wenig das Gesicht. »Ich kann nicht behaupten, Hermine Barton gut zu kennen«, sagte er. »Ich war Howards Freund, besuchte ihn aber nur selten in seiner Wohnung. Ich habe Hermine nur ein paarmal gesehen. Eine kalte, rein intellektuelle Frau. Ihr Interesse gilt in der Hauptsache ihrer schriftstellerischen Arbeit.«

»Kinder?«

»Nicht von Howard, Herr Chefinspektor. Hermine hat einen achtzehnjährigen Sohn, Charles, aus erster Ehe.«

»Verstand sich der Junge gut mit seinem Stiefvater? War dieser Charles vielleicht pathologisch eifersüchtig?«

Rupert Bladmore schüttelte den Kopf. »Über Howards Familienleben weiß ich sozusagen nichts. Meiner Meinung nach waren die Beziehungen zwischen meinem Freund und seinem Stiefsohn herzlich. Jedenfalls sprach Howard immer sehr liebevoll von ihm. Der Junge trägt Howards Namen. Sein Vater starb, als Charles noch ein kleiner Junge war. So hat er nur Howard als Vater gekannt.«

Dick nickte nachdenklich und sah auf die Uhr. »Vermutlich besaß Doktor Barton ein Auto. Wo stellte er den Wagen unter?«

»In Bloomsbury, Herr Chefinspektor. In der Nähe seines Hauses befindet sich eine Garage. Dort wird der Wagen auch gepflegt und so weiter. Howards Warte- und Sprechzimmer sind in seinem Haus, das ziemlich groß ist. Ich habe auch schon an einen Wagen gedacht – denn wie konnte Howard sonst von dort, wo die Tragödie geschah, das Kino erreichen?«

»Und was vermuten Sie?«, fragte Dick.

»Ich glaube nicht, dass Howard heute Abend seinen eigenen Wagen benutzte. Das tat er nur selten. Er scheute das Suchen nach einem geeigneten Parkplatz. Er kam mit der U-Bahn oder dem Autobus von Bloomsbury. In der Stadt nahm er dann ein Taxi, das heißt, wenn er’s besonders eilig hatte.«

»Oder wenn er nicht beobachtet werden wollte«, fiel Dick ein.

Bladmores Gesicht wurde puterrot. Etwas wie peinliche Überraschung flackerte in seiner Stimme.

»Nein, Herr Chefinspektor«, sagte er. »Ich kann mir Howard nicht als einen Menschen mit einem Doppelleben vorstellen. Er war immer offen und ehrlich. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass er eine Geliebte hatte – zudem eine gefährliche Frau, die ohne Bedenken nach der Pistole greift. Howard war ein stiller, bedächtiger Mensch, liebte seine Bücher und seinen bequemen Sessel. Gewalttätigkeit, Schießerei, Schlagzeilen in den Zeitungen, nein, all das passt nicht zu ihm.«

»Er kam also abends nicht oft in die Stadt?«, fragte Dick. »War es ungewöhnlich, dass er Sie anrief und sich mit Ihnen verabredete?«

»Er besuchte gern Klavierkonzerte und versäumte selten ein Konzert unserer großen Künstler. Bei solchen Gelegenheiten rief er mich hinterher an, und wir verabredeten uns in einem Café.«

Dick nickte.

»Das vermuteten Sie auch heute Abend?«, fragte er. »Sie nahmen also nicht an, dass es sich um etwas Besonderes handelte? Vielleicht um eine geschäftliche Angelegenheit?«

»Nein, Herr Chefinspektor, wir waren gute Freunde. Geschäftliche Dinge belasteten unsere Freundschaft nicht.«

Der Chefinspektor sah wieder nach der Zeit und bezahlte.

»Sie schauen auf die Uhr, Chefinspektor«, sagte Bladmore. »Hermine Barton ist sicher noch nicht zu Bett gegangen. Sie arbeitet meist nachts bis in die frühen Morgenstunden. Sie behauptet, dass man bei dem Lärm der Großstadt nur noch nachts die für geistige Arbeit erforderliche Ruhe findet.«

Bladmore schwieg.

»Da kommt Clarinda, meine Frau...«

Dem Café gegenüber hielt ein Taxi. Eine schlanke, ziemlich hübsche Frau mit braunem Haar stieg aus dem Wagen, bezahlte den Chauffeur und ging auf die Männer zu.

»Rupert«, stöhnte die Frau, »das ist doch furchtbar! Der arme Howard! Ich konnte nicht gleich ein Taxi finden. – Wie ist das denn passiert?«

Sie sah Dick an. Tränen standen ihr in den Augen. »Herr Chefinspektor Alford«, sagte Bladmore. »Er bearbeitet den Fall. Er möchte dir ein paar Fragen stellen.«

»Gern.«

Dick stellte ein paar Fragen. Wann Dr. Barton angerufen und was er gesagt hätte. »Und wie klang seine Stimme, gnädige Frau? Kräftig, normal oder etwas schwach?«

Nach Mrs. Bladmores Meinung hatte die Stimme durchaus normal geklungen. Der Arzt hatte heiter, fast fröhlich gesprochen.

»Aber die Verständigung war nicht besonders gut«, fügte sie hinzu. »Viele Nebengeräusche. Als spräche er von einem Café aus. Aber deswegen habe ich mir keine Gedanken gemacht. Wie hätte ich das Entsetzliche, das sich ereignete, auch nur ahnen können?«

»Selbstverständlich, gnädige Frau.«

Der Chefinspektor ließ die Bladmores und Bryan Wesby allein. Er und John gingen zu ihrem Wagen, der vor dem Kino stand. »Nach Bloomsbury, Gordon«, sagte Dick.

 

 

 

 

  Drittes Kapitel

 

 

Der Polizeiwagen hielt in den Lincoln's Inn Fields an der Zufahrt zur Newman's Rowe. Dr. Howard Bartons Haus war das einzige in dieser Sackgasse. Dick und John Higgins mieden vorsichtig die Pfützen zwischen den schlüpfrigen Pflastersteinen.

Das Haus schien aus zwei Gebäuden zu bestehen. Aber bei näherem Hinsehen erkannte man, dass an ein bereits vorhandenes Wohnhaus ein großes Studio angebaut worden war. Das Schild des Arztes befand sich neben der Haustür, aber das Hauptgebäude lag im Dunkeln. Im Studio, das einen eigenen Eingang hatte, brannte Licht.

Der Chefinspektor drückte auf die Klingel neben der Tür des Studios.

John flüsterte: »Scheint ein neues Gebäude zu sein. Muss allerlei gekostet haben. Die Alte schreibt sich mit ihrem Kitsch einen Haufen Geld zusammen.«

Dick klingelte noch einmal. »Kitsch?«, fragte er interessiert. »Kennen Sie ihre Bücher?«

»Habe noch keins gelesen«, antwortete Higgins. »Man sieht sie in den Schaufenstern der meisten Buchläden. Gesellschaftsromane mit viel Sex! Hat auch die Filmrechte einiger ihrer Schmöker verkauft.«

Dick knurrte. »Vielleicht spielt Geld in unserem Fall eine Rolle. Tut es meist.«

Er wollte gerade zum dritten Mal klingeln, als er Schritte hörte, die sich der Tür näherten. Die Tür wurde geöffnet, und vor ihnen stand eine Frau.

»Sie wünschen?«, fragte sie. »Der Doktor ist nicht zu Hause.«

»Mrs. Barton?«, sagte Dick. »Ich möchte Sie einen Augenblick sprechen. Chefinspektor Alford von Scotland Yard.«

»Polizei?«

Schweigen.

Dann öffnete die Frau die Tür weiter. »Treten Sie bitte ein.«

Die zwei Polizeibeamten betraten das Haus, und die Frau schloss hinter ihnen die Tür. Sie befanden sich in einem großen Raum, der augenscheinlich als Atelier gebaut worden war. Ein großer Ofen stand in der Mitte des Parkettfußbodens, der mit Teppichen belegt war.« Der Ofen brannte, und es war ziemlich warm im Zimmer. An den Wänden volle Bücherregale. Bücher auch auf dem Fußboden. Ein großer Schreibtisch war durch drei andere Tische vergrößert, und alle waren mit Papieren bedeckt.

Auf dem Schreibtisch befanden sich eine Schreibmaschine und daneben ein Stapel Schreibmaschinenpapier, auf den Tischen alte Karten von London, Bücher über Kostüme, Möbel, Waffen und so weiter aus dem 18. Jahrhundert. Auf dem Schreibtisch eine Tasse Tee. Eine große Teekanne auf dem Ofen. Zwei Sessel und eine Couch mit Brokatbezug. Vor dem Schreibtisch ein einfacher Stuhl.

Mrs. Barton setzte sich auf diesen Stuhl. Sie beobachtete die Männer, während sie Platz nahmen. Sie war eine hagere, irgendwie eckige Frau. Ende der Vierzig oder Anfang der Fünfzig. Mit verblichenem Blondhaar und einem Pferdegesicht. Ihr Kleid aus braunem Kordsamt ähnelte in Schnitt und Stil dem einer Mönchskutte. Eine Art Turban aus dem gleichen Stoff bedeckte ihr unordentliches Haar. Sie trug eine Hornbrille.

Sie nahm die Brille ab und sah die Männer an. »Hoffentlich machen Sie es kurz, Herr Chefinspektor«, sagte sie. »Sie wissen natürlich, dass ich von Beruf Schriftstellerin bin. Ich bin mit einem Buch bereits in Rückstand. Ich arbeite stets bei Nacht.«

»Ich werde mich möglichst kurz fassen, gnädige Frau«, antwortete Dick. »Doktor Barton hat einen schweren Unfall gehabt.«

»Unfall? Wurde er von einem Auto...? Nein, ein Chefinspektor vom Scotland Yard kümmert sich nicht um Autounfälle. Was ist passiert?«

Das Pferdegesicht veränderte sich ein wenig. Die fahlblauen Augen huschten von dem einen zum anderen und hefteten sich schließlich auf Alfords Gesicht.

»Heute Abend«, fuhr Dick fort, »gegen zehn Uhr ging Doktor Barton in das 21-Days-Kino in der Earlham Street. Die Vorstellung endete um elf. Die Zuschauer verließen das Kino. Ihr Mann saß in einer Loge. Dort wurde er gefunden. Er war erschossen worden – mit einer kleinkalibrigen Pistole.«

»Erschossen? Tot...? Er wurde in dem Kino... ermordet?« Wieder veränderte sich das Gesicht der Frau. Ihre etwas harte Altstimme klang stetig und ruhig.

»Das verstehe ich nicht«, fuhr sie fort.

»Wir auch nicht, gnädige Frau«, erwiderte Dick. »Noch nicht. Dass der Doktor allerdings in dem Kino erschossen wurde, scheint mir fast ausgeschlossen. Er betrat das Kino allein. Er blieb auch allein. Eine Waffe wurde nicht gefunden. Man wird im Kino auch keine Waffe finden. Ich bin der Überzeugung, dass Ihr Gatte das Kino als Sterbender betrat.«

Etwas wie Überraschung legte sich über das Gesicht der Frau. Nachdenklich schwenkte sie in ihrer langen, hageren Hand die Brille hin und her.

»Seltsam«, sagte sie. »Wenn ich Sie richtig verstehe, nehmen Sie an, dass Howard heute Abend von einem bisher noch Unbekannten erschossen wurde und alles tat, den Täter zu schützen.«

»Ja, es hat den Anschein, gnädige Frau.«

»Betrachtet man die Umstände... kann es nur so sein, Herr Chefinspektor.« Das Gesicht der Frau rötete sich. Ihre harte Stimme wurde lauter. »Howard besuchte nur selten ein Kino. Höchstens mal einen guten Kulturfilm. Ein Kino wie das soeben genannte würde er niemals betreten. Mit anderen Worten: Er schleppte sich dorthin, um dort zu sterben. Hier spielt eine Frau eine Rolle – die er schützen wollte, obwohl sie ihn getötet hat.«

Dick nickte ernst. »Wer käme als Täter in Frage?«

»Das weiß ich nicht. Keine Ahnung.«

»Wann haben Sie Ihren Mann zuletzt gesehen?«

»Heute Nachmittag um halb sechs. Um diese Zeit trinken wir meist zusammen Tee.«

»Und nach dem Tee fuhr der Doktor in die Stadt?«

»Vermutlich. Jedenfalls war er nicht hier. Mit fällt ein, dass Therese, unser Mädchen, mir sagte, der Doktor wäre ausgegangen, und seine Sprechstundenhilfe hätte vor ihm das Haus verlassen. Ich war hier. Zwischen Tee und Abendessen lese ich meist. Ein Buch oder die Notizen, die ich mir gemacht habe. Mein Mann und ich haben jeder unsere Arbeit. Jeder lebt – oder besser: lebte – sein eigenes Leben. Trotzdem waren wir gute Freunde.«

»Ich verstehe, gnädige Frau... Ihr Mann sagte Ihnen also nicht, wohin er ging?«

»Nein. Wozu auch? Ein besonderer Grund hierzu war nicht vorhanden. Ich habe ihn nie gefragt, wohin er ging.«

»Hat er seinen Wagen benutzt?«

»Das weiß ich nicht. Wir haben keine Garage. Howard stellt seinen Wagen in einer Garage in den Lincoln's Inn Fields unter; dort werden Sie sicher Genaueres erfahren können. Die Garage ist auf der anderen Seite der Straße. Soviel ich weiß, ist sie die ganze Nacht über offen.« 

»Vielen Dank, gnädige Frau. Verzeihen Sie eine Bemerkung: Der Gedanke, dass Ihr Mann eine Geliebte haben könnte, scheint Sie nicht sonderlich zu berühren. Wenn...«

»So etwas ist nie überraschend«, unterbrach ihn Mrs. Barton barsch. Ihr bleiches Gesicht hatte sich gerötet. »Ich kenne die Welt, Herr Chefinspektor. Dass ein verheirateter Mann eine Geliebte hat, ist immer möglich. Vor allem, wenn er mit einer Frau verheiratet ist, wie ich es bin. Das heißt mit einer Frau, deren Zeit und Energie allein ihrer Arbeit gelten. Seit Jahren leben mein Mann und ich nicht mehr wie Eheleute zusammen. Mir genügte meine Arbeit. Was er tat, weiß ich nicht. Das heißt aber nicht, dass Howard ein Schürzenjäger war. Im Gegenteil, ich habe eine ganz andere Meinung von ihm. Er war ruhig und fleißig. Und nun erzählen Sie mir, er sei erschossen worden. Er beklagt sich nicht. Geht auch nicht zur Polizei. Im Gegenteil, er versteckt sich in einem billigen kleinen Kino und stirbt dort. Für dieses seltsame, geheimnisvolle Verhalten gibt es nur eine Erklärung.«

Dick nickte. »Kennen Sie Mr. und Mrs. Bladmore?«, fragte er.

»Rupert Bladmore habe ich kennengelernt. Er ist Redakteur bei der Lloyd’s List. Mit Howard sehr befreundet. Mrs. Bladmore kenne ich nicht.«

Der Chefinspektor stand auf. »Soviel ich weiß, hatte der Doktor hier sein Sprechzimmer und sein Büro. Ich möchte, mit Ihrer Erlaubnis, einen Blick in seine Papiere werfen.«  

Ohne ein Wort zu sagen, stand Hermine Barton auf und ging durch den großen Raum. Sie öffnete eine mit grünem Flanell bespannte Tür und dann eine zweite, dicke Holztür. Sie drehte das Flurlicht an.

Die Männer folgten ihr durch den Flur, dann durch zwei andere Türen in ein sauberes, ordentliches Sprechzimmer.

»Dort steht Howards Schreibtisch. Dort finden Sie seine Papiere, seinen Terminkalender, sein Scheckbuch und so weiter. Er war sehr ordnungsliebend. In seinem Schlafzimmer habe ich nie auch nur einen Brief gesehen.«

Dick knurrte und setzte sich an den Tisch.

John untersuchte ohne jeden Eifer einen Bücherschrank mit Glastüren, der medizinische Bücher enthielt.

Mrs. Barton setzte sich auf die Couch und starrte vor sich hin.

Die Minuten verstrichen, ohne dass jemand ein Wort sagte. Dick öffnete die unverschlossenen Schubladen. Er blätterte in dem Terminkalender, den Aktenordnern, las die Abschnitte im Scheckbuch. Während er das tat, summte er seiner Gewohnheit gemäß eine Melodie aus der Unvollendeten vor sich hin.

Hermine Barton sah ihn ärgerlich und gereizt an. »Weshalb Earlham Street?«, fragte sie plötzlich.

Dick drehte sich um und sah sie spöttisch an. »Kennen Sie jemanden, der in der Gegend wohnt?«

»Nein. Ich glaube nicht. Aber wenn...«

»Nur eine Vermutung«, unterbrach Dick sie. »Weiter als bis zur Earlham Street konnte er bei seinem Zustand nicht kommen. Unser medizinischer Sachverständiger wird dazu gehört werden. Vielleicht hat er Genaueres festgestellt. Doktor Bartons körperlicher Zustand und seine Willenskraft sind hierbei von großer Bedeutung. Wichtiger aber noch ist das Fahrzeug, dessen er sich bediente. Entweder sein eigener Wagen oder ein Taxi.«

»Das müssten Sie doch leicht feststellen können.«

»Vielleicht. Wir werden nichts versäumen. Wer gehört zu Ihrem Haushalt? Sie nannten eben den Namen Therese. Und soviel ich weiß, haben Sie einen Sohn.«

»Ja, Charles ist ein Sohn aus erster Ehe. Er ist noch nicht zu Hause.«

»Noch nicht zu Hause?« Dick blickte auf seine Uhr und sah dann wieder die Frau an.

»Es ist nach zwei.«

Mrs. Barton zuckte mit den Schultern. »Charles ist achtzehn Jahre alt. Er arbeitet bei der Bank Of England in der Threadneedle Street. Junge Menschen fangen in diesem Alter an, selbständig zu werden. Mit dem Geld, das sie verdienen, spielen sie gern den Erwachsenen, kommen spät nach Hause und so weiter.«

»Selbstverständlich.«

Die Frau lächelte nachsichtig. »Charles ist ein ordentlicher Junge. Er spielt gern Schach. Ich beherrsche dieses Spiel nicht, aber soviel ich weiß, kann eine Partie zwei bis drei Stunden dauern. Manchmal sind wohl auch drei Partien notwendig, um den Sieger festzustellen.«

Dick Alford nickte und befasste sich wieder mit den Scheckheften. Plötzlich fuhr ein Auto an der Zufahrt der Newman's Rowe vor, hielt und fuhr kurz darauf weiter. Man hörte Schritte. Jemand pfiff eine Schlager-Melodie. Ein Schlüssel wurde in das Schloss der Haustür gesteckt.

»Es ist Charles«, sagte Mrs. Barton. »Er hat gesehen, dass hier noch Licht brennt.«

 

 

 

 

  Viertes Kapitel

 

 

Einen Augenblick später wurde eine Tür des Sprechzimmers, durch die man in die vordere Diele gelangte, geöffnet. Ein junger Mann erschien auf der Schwelle und sah neugierig um sich.

Er war groß, schlank, fast hager. Er trug keinen Hut. Sein blondes Haar war sehr lang. Sein feingeschnittenes Gesicht ließ eine Gefühlsbetontheit vermuten, die vielleicht schon an eine Neurose grenzte. Eine gewisse Schwächlichkeit beeinträchtigte sein sonst gutes Aussehen. Der Mund war schlaff, lange Wimpern gaben ihm etwas Weichliches. Sein Anzug stammte von einem erstklassigen Schneider. Er trug einen braunen Mantel, den er wie einen Umhang über die schmalen Schultern gelegt hatte.

»Hallo, Mutter«, sagte er mit schwerer Zunge.