DIE UNHEIMLICHEN FÄLLE DES EDGAR WALLACE: DIE FRAU IM DUNKEL - Christian Dörge - E-Book

DIE UNHEIMLICHEN FÄLLE DES EDGAR WALLACE: DIE FRAU IM DUNKEL E-Book

Christian Dörge

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  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2021
Beschreibung

Ein kalter Novembermorgen im London des Jahres 1965. Im Hyde Park wird die Leiche der jungen und lebenslustigen Maggie Bennet gefunden – mit zertrümmertem Schädel. Sie war auf dem Weg ins Riverside-Theater gewesen, aber niemals dort angekommen. Chefinspektor Dick Alford und sein Assistent Sergeant Higgins von Scotland Yard übernehmen den Fall. Ins Visier der Ermittler geraten schnell der Kunstmaler Sharingham und Larry Dearborn, der väterliche Freund der Ermordeten. Doch Chefinspektor Alford ahnt, dass sich hinter dieser ruchlosen Tat weit mehr verbirgt, als es zunächst den Anschein hatte...    Mit dem Roman  Die Frau im Dunkel  startet Christian Dörge, Autor u. a. der München-Krimis um den Privatdetektiv Remigius Jungblut, eine Reihe, die sich als Hommage an die Kriminal-Romane von Edgar Wallace (* 1. April 1875; † 10. Februar 1932), des Meisters der Hochspannung, sowie an die legendären Rialto-Filme der 1960er Jahre versteht. 

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CHRISTIAN DÖRGE

 

 

DIE UNHEIMLICHEN FÄLLE

DES EDGAR WALLACE:

DIE FRAU IM DUNKEL

 

 

 

Roman

 

 

 

 

Signum-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

Der Autor 

 

DIE FRAU IM DUNKEL 

 

Die Hauptpersonen dieses Romans 

 

Erstes Kapitel 

Zweites Kapitel 

Drittes Kapitel 

Viertes Kapitel 

Fünftes Kapitel 

Sechstes Kapitel 

Siebtes Kapitel 

Achtes Kapitel 

Neuntes Kapitel 

Zehntes Kapitel 

Elftes Kapitel 

Zwölftes Kapitel 

Dreizehntes Kapitel 

Vierzehntes Kapitel 

Fünfzehntes Kapitel 

Sechzehntes Kapitel 

Siebzehntes Kapitel 

Achtzehntes Kapitel 

Neunzehntes Kapitel 

Zwanzigstes Kapitel 

Einundzwanzigstes Kapitel 

Zweiundzwanzigstes Kapitel 

Dreiundzwanzigstes Kapitel 

Vierundzwanzigstes Kapitel 

Fünfundzwanzigstes Kapitel 

Sechsundzwanzigstes Kapitel 

Siebenundzwanzigstes Kapitel 

Achtundzwanzigstes Kapitel 

Neunundzwanzigstes Kapitel 

Dreißigstes Kapitel 

Einunddreißigstes Kapitel 

Zweiunddreißigstes Kapitel 

Das Buch

 

 

Ein kalter Novembermorgen im London des Jahres 1965.

Im Hyde Park wird die Leiche der jungen und lebenslustigen Maggie Bennet gefunden – mit zertrümmertem Schädel. Sie war auf dem Weg ins Riverside-Theater gewesen, aber niemals dort angekommen.

Chefinspektor Dick Alford und sein Assistent Sergeant Higgins von Scotland Yard übernehmen den Fall.

Ins Visier der Ermittler geraten schnell der Kunstmaler Sharingham und Larry Dearborn, der väterliche Freund der Ermordeten.

Doch Chefinspektor Alford ahnt, dass sich hinter dieser ruchlosen Tat weit mehr verbirgt, als es zunächst den Anschein hatte...

 

Mit dem Roman Die Frau im Dunkel startet Christian Dörge, Autor u. a. der München-Krimis um den Privatdetektiv Remigius Jungblut, eine Reihe, die sich als Hommage an die Kriminal-Romane von Edgar Wallace (* 1. April 1875; † 10. Februar 1932), des Meisters der Hochspannung, sowie an die legendären Rialto-Filme der 1960er Jahre versteht. 

Der Autor

 

Christian Dörge, Jahrgang 1969.

Schriftsteller, Dramatiker, Musiker, Theater-Schauspieler und -Regisseur.

Erste Veröffentlichungen 1988 und 1989:  Phenomena (Roman), Opera (Texte).  

Von 1989 bis 1993 Leiter der Theatergruppe Orphée-Dramatiques und Inszenierung  

eigener Werke,  u.a. Eine Selbstspiegelung des Poeten (1990), Das Testament des Orpheus (1990), Das Gefängnis (1992) und Hamlet-Monologe (2014). 

1988 bis 2018: Diverse Veröffentlichungen in Anthologien und Literatur-Periodika.

Veröffentlichung der Textsammlungen Automatik (1991) sowie Gift und Lichter von Paris (beide 1993). 

Seit 1992 erfolgreich als Komponist und Sänger seiner Projekte Syria und Borgia Disco sowie als Spoken Words-Artist im Rahmen zahlreicher Literatur-Vertonungen; Veröffentlichung von über 60 Alben, u.a. Ozymandias Of Egypt (1994), Marrakesh Night Market (1995), Antiphon (1996), A Gift From Culture (1996), Metroland (1999), Slow Night (2003), Sixties Alien Love Story (2010), American Gothic (2011), Flower Mercy Needle Chain (2011), Analog (2010), Apotheosis (2011), Tristana 9212 (2012), On Glass (2014), The Sound Of Snow (2015), American Life (2015), Cyberpunk (2016), Ghost Of A Bad Idea – The Very Best Of Christian Dörge (2017). 

Rückkehr zur Literatur im Jahr 2013: Veröffentlichung der Theaterstücke Hamlet-Monologe und Macbeth-Monologe (beide 2015) und von Kopernikus 8818 – Eine Werkausgabe (2019), einer ersten umfangreichen Werkschau seiner experimentelleren Arbeiten.  

2021 veröffentlicht Christian Dörge den Giallo-Roman Das rote Trauma und startet drei Roman-Serien: Die unheimlichen Fälle des Edgar Wallace sowie München-Krimis um die Privatdetektive Jack Kandlbinder und Remigius Jungblut. 

DIE FRAU IM DUNKEL

 

  Die Hauptpersonen dieses Romans

 

Richard – genannt Dick – Alford: Chefinspektor bei Scotland Yard, der bekannteste Ermittler seiner Zeit. Wohlbeleibt, den Genüssen des Lebens zugeneigt (und mit einer tiefen Abneigung gegen das Treppensteigen gesegnet), ein kultivierter Mann in den 50ern von freundlichem Wesen und scharfem Verstand (und mit einem beachtlichen Schnurrbart).

John Higgins: Sergeant bei Scotland Yard und Assistent von Dick Alford. 35 Jahre alt, passionierter Pfeifen-Raucher, ehrgeizig und mitunter impulsiv, aktiver Boxer und höchst kompetenter Kriminalist.

Bryan Wesby: Sergeant bei Scotland Yard, zweiter Assistent von Dick Alford. 40 Jahre alt, hochgewachsen und hager. Ein pedantischer und ausgesprochen effektiver Ermittler, verschlossen und nicht eben gesellig (was auch an seiner Vorliebe für Zigarren liegen mag).

Mark Bannister: Constable bei Scotland Yard, Spezialist für Tatort-Ermittlungen und Spurensicherung.

Arlena Bennet: eine junge attraktive Frau aus Whitby und Schwester der ermordeten Maggie Bennet, die nicht nur in John Higgins Beschützer-Instinkte weckt.

Larry Dearborn: ein wohlhabender Geschäftsmann im Ruhestand und väterlicher Freund von Maggie Bennet.

Frank Sharingham: Kunstmaler und Salon-Anarchist.

Elizabeth Heyes: eine berühmte und exzentrische Theater-Schauspielerin.

Peter Heyes: der ungestüme Sohn von Elizabeth Heyes.

Alfred Lennon: ehemaliger Impresario und nun Agent von Elizabeth Heyes.

Lionel Granger: Elizabeth Heyes' undurchsichtiger Verlobter.

Kommissar Jacques Perrin: ein Beamter der Polizei von Marseille.

Linette Emerson: eine Stenotypistin und Freundin von Maggie Bennet.

Claude Thompson: ein Privatdetektiv.

 

 

Dieser Roman spielt im London des Jahres 1965.

 

 

 

 

  Erstes Kapitel

 

 

Es war ein kalter Novembermorgen. Heulend fegte der Wind durch die fast kahlen Bäume des Hyde Park und zerriss den dichten Nebel in graue Fetzen.

Chefinspektor Richard Alford von Scotland Yard kniete neben der Leiche der Frau. Die Frau war noch jung, kaum älter als dreißig Jahre, und vermutlich war sie einmal eine hübsche Frau gewesen. Sie lag auf dem Bauch, die Arme weit ausgestreckt, die Handflächen in dem harten, feuchten Gras nach unten gedreht. Ihre Handtasche aus weichem schwarzem Leder lag dicht neben ihrer rechten Hand, als habe sie im Tode noch nach ihr gegriffen.

Sie war eines gewaltsamen Todes gestorben, doch hatte sie – so vermutete der Chefinspektor, der wie stets einen dicken schwarzen Spazierstock bei sich trug – nicht allzu sehr gelitten. Was geschehen war, war leicht zu erkennen. In einem Auto hatte man die Frau in diesen ruhigen Teil des Parks gebracht, hatte sie mit einem Sandsack oder einem Knüppel bewusstlos geschlagen und sie dann in das Gras hinter dem Gebüsch geschafft, das die Straße flankierte. Hier erst wurde sie ermordet. Ihr Schädel war zertrümmert.

Dick hob die Hände der Toten eine nach der anderen auf und untersuchte die Nägel. Sie zeigten ihre natürliche Farbe. Die Hände waren oberflächlich durchaus gepflegt, aber die Schwielen an ihnen verrieten, dass die Frau während ihres Lebens schwer gearbeitet hatte.

Die Frau war geradezu elegant angezogen. Sie trug ein viereckig ausgeschnittenes schwarz-seidenes Kleid mit weitem Rock und über dem Kleid einen offenen schwarzen Tuchmantel. Einen Hut schien sie nicht getragen zu haben.

Dick fasste unter die Leiche, aber er entdeckte nichts. Während er sich aufrichtete, griff er nach der Handtasche.

Sergeant John Higgins beobachtete seinen Vorgesetzten, der mit behandschuhten Händen die Tasche öffnete.

»Sie wurde in einem Auto hierhergebracht«, sagte Higgins. »Reifenspuren sind deutlich erkennbar. Soll ein Abguss der Spuren gemacht werden?«

Dick schüttelte den Kopf. »Nicht notwendig. Ich gehe davon aus, dass wir den Wagen bald finden werden.«

Seine Hände nahmen aus der Handtasche ein Taschentuch, eine Dose mit festem Puder, achthundert Pfund in Scheinen, etwas Kleingeld und einen Ausweis. Nachdem er all das genau untersucht hatte, tat er die Sachen wieder in die Tasche, die er dorthin zurücklegte, wo er sie aufgehoben hatte.

»Miss Maggie Bennet«, sagte er. »Northington Street, Bloomsbury. Schneiderin. Augenscheinlich ganz geschickt, hat aber wohl nur wenig zu tun. Was meinen Sie zu dem Fall?«.

Higgins' rotes Gesicht wurde noch röter. »Die Frau wurde augenscheinlich in einem gestohlenen Wagen hierhergebracht«, entgegnete Higgins. »Höchstwahrscheinlich waren Berufsverbrecher am Werk. Aber ihr Motiv? Vielleicht arbeitete sie mit den Leuten zusammen.«

»Vielleicht. Sie war eine einfache junge Frau, die dann und wann mal ein Kleid schneiderte, meist aber alte Kleider änderte. Arm und mit kleiner Kundschaft. Kaum Make-up. Billigstes Parfüm, aber ein ganz gutes Kleid – zweifellos selbst gemacht. Immerhin verstanden die Leute, die sie im Auto mitgenommen haben, etwas von der Sache. Was halten Sie von der Handtasche?«

John warf einen Blick darauf. »Glauben Sie, dass sie ursprünglich mehr Geld enthielt? Oder Schmuck? Oder halten Sie es für möglich, dass Ausweis und Handtasche jemand anderem gehören? Um uns auf eine falsche Fährte zu locken...?«

Dick schüttelte den Kopf. »Sie trägt an der rechten Hand einen Ring mit kleinen Brillanten. Keinen Ehering. Ich glaube nicht, dass sie mehr Bargeld besaß, als die Tasche augenblicklich enthält. Handtasche und Ausweis dürften ihr gehören. Auffallend scheint mir, dass die Tasche keinerlei Schlüssel enthält. Schlüssel hat doch jeder bei sich.«

John zuckte mit den Schultern. »Vielleicht hat sie die Schlüssel vergessen. Das kommt bei Frauen öfters vor. Sie verließ in aller Eile ihre Wohnung und ließ die Schlüssel auf der Kommode liegen. Die Tasche... ist eine Abendtasche. Sie wollte sicher zu einer Party. Hatte sich dementsprechend fein gemacht... Okay. Die Schlüssel halte ich nicht für so wichtig. Der Pförtner hätte sie sicher ohne weiteres ins Haus gelassen.«

»Nein«, erwiderte Dick. »Das Haus Nummer 98 in der Northington Street gehört zu einem Block mehrerer kleiner Häuser mit kleinen Gärten. Bauten, die gleich nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden – ohne Pförtner. Es wäre natürlich möglich, dass sie die Schlüssel liegenließ, als sie den Inhalt ihrer gewöhnlichen Tasche in ihre Abendtasche legte, aber das bezweifle ich. Wer so eine Art Bungalow bewohnt, lässt, wenn er ausgeht, die Schlüssel nicht liegen, denn das brächte allerhand Schwierigkeiten mit sich.«

John nickte. »Das klingt durchaus plausibel. Sie wurde das Opfer einer Verbrecherbande, die es auf die Schlüssel zu ihrem Haus abgesehen hatte. Verdammt noch mal. Damit kommen wir aber nicht weiter. Berufsverbrecher schlagen nicht eine kleine Schneiderin nieder, um sich ein paar Schlüssel anzueignen.«

»Das glauben Sie. An sich interessant, vielleicht sogar wahr.«

Beide schwiegen. Sergeant Higgings sah hinüber zur Straße, die etwa zwanzig Meter von dem Fleck, wo sie standen, entfernt war. Mehrere Bobbys bildeten eine Reihe, um Neugierige fernzuhalten, aber bei dem kalten Wetter und um diese frühe Morgenstunde waren an einer so abgelegenen Stelle des Parks ohnedies kaum Fußgänger unterwegs. 

Aus der Richtung London kam ein Wagen mit Höchstgeschwindigkeit herangebraust. John erkannte ihn gleich als Wagen der Spurensicherung. Er wollte gerade eine Bemerkung machen, als eine neue Gestalt auf dem Schauplatz erschien.

Durch das feuchte Gras und das niedrige Gebüsch schreitend, näherte sich ihnen Dicks zweiter Assistent, der hagere Sergeant Bryan Wesby. Er blieb stehen und betrachtete einen Augenblick lang die Leiche, die da im Grase lag.

»Das Auto haben wir bereits gefunden, Chefinspektor«, sagte er zu Dick Alford. »Es steht ein paar hundert Meter entfernt die Straße abwärts unter einer Baumgruppe. Ein Viscount. Eigentümer ist ein gewisser Paul Redfern. Er rief gestern Abend gegen halb acht von seiner Wohnung aus bei dem zuständigen Polizeirevier an und meldete den Verlust des Wagens. Nach seinen Angaben wurde der Wagen am Whitecross Place gestohlen. Redfern ist eine respektable Persönlichkeit. Ziemlich bekannt. Finanzbeamter.«

Wesbys Meldung schien Dick zufriedenzustellen. »Seinetwegen brauchen wir uns keine Sorge zu machen, Bryan«, sagte der Chefinspektor. »Finanzbeamte morden nicht mit einem Sandsack. Aber wissen Sie, ob der Viscount bei dem Verbrechen benutzt wurde?«

»Wir fanden in ihm einen Damenhut«, erwiderte Wesby. »Außerdem allerlei verdächtige Spuren an den Vorderreifen, den Kotflügeln und so weiter. Der Parkwächter, der die Leiche der Frau fand, fand auch den Wagen. Vielleicht sollten wir den Mann engagieren.«

Die drei Beamten lächelten trübe. Der Chefinspektor zündete sich eine Zigarette an.

Auf der Straße stiegen aus dem Wagen der technischen Abteilung Beamte mit Kameras und anderen Geräten.

»Wollen Sie den Viscount in Augenschein nehmen, Chefinspektor?«, fragte Wesby.

Dick schüttelte den Kopf. »Sie bleiben hier, Bryan. Vielleicht finden die Leute von der Spurensicherung ein paar ausgefallene Haare oder sogar einen Fingerabdruck. Auch die Kamera könnte allerlei entdecken, obwohl ich das bezweifle. Was hier geschehen ist... ist die Arbeit gerissener Gewaltverbrecher.«

Er sah John Higgins an und strich sich eine schwarze Haarsträhne aus dem Gesicht. »Tja«, sagte er, »fahren wir also in die Northington Street.« 

 

 

 

 

  Zweites Kapitel

 

 

Als der Wagen an den Bordstein fuhr und vor dem kleinen bungalowähnlichen Haus hielt, entfernte sich eine Frau von einem der Frontfenster und öffnete die Haustür. Sie blieb in der Türöffnung stehen und starrte, mit der Hand auf dem Mund, nach draußen. Sie trug einen Morgenrock. Das Haar hing ihr lose auf die Schultern herab. Sie sagte nichts, als der Chefinspektor aus dem Wagen stieg, das Tor öffnete und durch den kleinen Garten auf das Haus zuging. Die Frau war jung. Sie hatte braunes Haar, und der Morgenrock umhüllte eine fast kindliche Gestalt. Sie sah von dem Chefinspektor hin zu John Higgins, der seinem Vorgesetzten folgte.

»Maggie«, flüsterte sie. »Ist Maggie etwas passiert?«

»Sie sind ihre Schwester?« Die Stimme des Chefinspektors klang freundlich, aber seine Augen waren forschend auf das verstörte Gesicht des jungen Mädchens gerichtet, das augenblicklich keines Wortes mehr mächtig schien.

»Arlena Bennet«, sagte sie endlich. »Sind Sie von der Polizei?«

Dick nickte. »Es ist ein Unglück passiert«, sagte er. »Wir sollten ins Haus gehen. Dort können wir uns ungestört unterhalten.«

Sie betraten das Haus. John Higgins folgte ihnen und schloss hinter sich die Tür.

Wie betäubt wankte das Mädchen in ein Wohnzimmer. Es war klein und vollgestellt mit alten Möbeln. Auf einem großen Tisch lagen Stoffe, Näh-Utensilien. Es gab eine Nähmaschine, farbenfrohe Mode-Journale, ein paar Teller mit den Resten einer frugalen Mahlzeit.

Das Mädchen setzte sich in einen Sessel. Ihre langen, schmalen Hände lagen gefaltet in ihrem Schoß.

»Was... was ist passiert?«, fragte sie.

»Ihre Schwester wurde in der vergangenen Nacht überfahren«, sagte Dick. »Es geschah vor etwa zehn bis zwölf Stunden.«

»Überfahren...? Sie meinen getötet?«

Dick nickte.

Arlena Bennet schlug die Hände vor das Gesicht, und ihr Körper begann zu zittern. Dick ließ die Blicke durch das Zimmer schweifen und entdeckte einen Wandschrank. Er öffnete den Schrank, fand eine Flasche und ein paar Gläser. Er öffnete die Flasche und roch an ihr. Sie enthielt billigen, aber guten Scotch. Er füllte ein Glas und reichte es dem Mädchen.

»Trinken Sie«, sagte er.

Sie schüttelte den Kopf. Auf sein Drängen nippte sie an dem Glas. Dick sah, dass ihr Gesicht langsam wieder Farbe bekam.

»Als ob ich es geahnt hätte«, sagte sie. »Ich bin erst gestern Nachmittag in London angekommen. Maggie wollte nicht, dass ich auf sie wartete. Ich sollte zu Bett gehen. Maggie wollte ins Theater und meinte, es würde zu lange dauern. Ich war gestern fast den ganzen Tag unterwegs... Ich schlief fest und wachte erst vor einer halben Stunde auf. Als ich feststellte, dass Maggie nicht im Hause war, packte mich die Unruhe...«

Sie sprach nicht weiter und sah Dick an. »Wie ist es passiert?«, wollte sie wissen.

Dick nahm ihr das Glas aus der Hand.

»Hören Sie zu, Miss«, sagte er. »Ihre Schwester wurde im Hyde Park überfahren. Allerlei Tatsachen lassen vermuten, dass es sich nicht um einen Unfall handelt. Wir möchten ein paar Fragen an Sie richten.«

»Hyde Park? Maggie wollte doch in das Riverside-Theater...«

Sie erhob sich plötzlich. Ihr junges Gesicht wurde hart. »Ein Unfall kann es nicht sein. Vor zehn oder elf Stunden, sagten Sie eben...? Um diese Zeit hätte Maggie längst im Theater gewesen sein müssen.«

Sie setzte sich wieder. Ihr Wesen war plötzlich wie ausgewechselt. Ihre Lippen zitterten zwar, aber die blauen Augen flammten in ihrem bleichen Gesicht.

»Etwas stimmt hier nicht«, sagte sie. »Das wusste ich gleich, als ich feststellte, dass Maggie nicht nach Hause gekommen war. Sie ist ein braves Mädchen... Die allerbeste Schwester auf der ganzen Welt.« Sie schwieg einen Augenblick lang. »Fragen Sie mich, was immer Sie wollen, Chefinspektor«, fügte sie hinzu.

Während Dick sich auf einen Stuhl setzte, nahm John Higgins auf der Ecke des Tisches Platz.

»Mein Name ist Richard Alford«, stellte sich Dick endlich vor. »Es ist so gut wie sicher, dass Ihre Schwester gegen ihren Willen in den Park geschafft wurde. Sie wurde ermordet. Wenn wir die Täter ermitteln und bestrafen wollen, ist jede Minute von absoluter Wichtigkeit. Sagen Sie uns bitte, Miss, wann Sie Ihre Schwester zuletzt gesehen haben und was sich, soweit Ihnen bekannt, ereignete. Sie kamen aus der Provinz nach London. Ihre Schwester ging gestern Abend ins Riverside-Theater in der Westmoreland Street?«

»Ja«, antwortete Arlena. »Ich kam aus Whitby. Mein Bruder hat kürzlich geheiratet. Deshalb wurde vereinbart, dass ich zu Maggie ziehen sollte, um ihr bei ihrer Arbeit zur Hand zu gehen und dass wir...« Die Stimme des Mädchens bebte, sie schwieg einen Augenblick. Dann fuhr sie fort: »Meine Schwester hatte einen Untermieter, einen Mr. Larry Dearborn, der die zwei Hinterzimmer bewohnte. Gestern Morgen zog er aus. So hatten Maggie und ich für unsere gemeinsame Arbeit Platz genug. Maggie hatte mehr Aufträge, als sie bewältigen konnte und...«

»Einen Augenblick bitte«, unterbrach Dick sie. »Dieser Larry Dearborn – was ist er für ein Mann?«

»Ein liebenswerter Mensch, Chefinspektor. Das behauptete Maggie. Ich kenne ihn nicht. Habe ihn nie zu Gesicht bekommen. Maggie erwähnte ihn öfter in ihren Briefen. Er muss über sechzig Jahre alt sein und hat sich vom Geschäft zurückgezogen. Maggie hatte ihm die zwei genannten Zimmer vermietet, und er bezahlte sehr gut... ja, er mochte Maggie gern leiden, und sie ihn auch. Ich glaube, er wollte sie finanziell unterstützen, damit sie...« Das Mädchen zögerte. »Sie ist eine ausgezeichnete Schneiderin. Aber Maggie lehnte Dearborns Angebot ab.«

»Wissen Sie, wo Dearborn augenblicklich wohnt?«

»Ja. Er zog in das Meridian-Hotel in der Old Compton Street. Gestern Morgen – in aller Frühe! – holte er seine Sachen ab. Bis auf eine Pappschachtel mit Papieren. Mr. Dearborn und Maggie waren sehr befreundet. Zwei Jahre hatte Dearborn bei Maggie gewohnt. Er hasste Hotels und war nicht gern allein. Die zwei waren wirklich gute Freunde – sehr gute Freunde.«

Dick knurrte vor sich hin. »Gut, Miss. Nun zu gestern Abend und zu dem Augenblick, als Sie Ihre Schwester zum letzten Mal sahen. Sie ging also ins Theater...«

Arlena nickte. »Es war so: Maggie und ich sprachen über vergangene Zeiten. Von Ausgehen war nicht die Rede. Dann klingelte das Telefon in der Diele. Ich ging an den Apparat, weil Maggie gerade eine Arbeit in den Händen hatte. Ein junger Mann wollte Maggie sprechen. Ich rief sie. Sie kam an den Apparat. Ihr wurde mitgeteilt, Mr. Dearborn habe zwei Karten für das Riverside-Theater. Eine Theaterkarte für Maggie habe er an der Kasse hinterlegt. Maggie wollte mich nicht allein lassen. Aber ich drängte sie, sich das kleine Vergnügen nicht entgehen zu lassen und Mr. Dearborn nicht zu enttäuschen. Schließlich gab Maggie nach. Ich machte einen langen Spaziergang durch die Straßen. Ich gehe gern durch die Stadt. Im Leland-Café trank ich einen Tee. Gegen elf kam ich todmüde nach Hause. Ich fiel nur so ins Bett. Maggie hatte für mich in einem der Hinterzimmer ein Bett aufgeschlagen.«

»Hatten Sie einen Hausschlüssel, Miss? Gab Ihre Schwester Ihnen ihren Schlüssel?«  

»Nicht ihren. Den von Mr. Dearborn, den dieser abgegeben hatte, als er das Haus verließ.«

Dick nickte. »Und der junge Mann, der wegen der Theaterkarte anrief – sprach er im Auftrag von Mr. Dearborn?«

Arlena Bennet runzelte die Stirn. John Higgins, der sie betrachtete, dachte, sie könnte unter glücklicheren Umständen ganz anziehend sein. Augenblicklich verriet ihr blasses Gesicht nur den Schock, den sie erlebt hatte. Mund und Augen waren böse und bitter. »Ja«, begann sie. »Maggie berichtete mir von der Theaterkarte. Mr. Dearborn war nicht am Apparat. Ich habe den größten Teil des Gesprächs gehört. Wäre Mr. Dearborn am Apparat gewesen, sie hätte sicher seinen Namen genannt. Sie schätzte ihn, wie schon gesagt, sehr.«

»Hat sie während des Gesprächs überhaupt einen Namen genannt?«

»Nein, Chefinspektor. Ein junger Mann rief an und fragte, ob Maggie zu Hause sei. Es war die Stimme eines jungen Mannes.«

»Haben Sie eine Ahnung, wer der junge Mann gewesen sein könnte?«

»Ich dachte, es sei vielleicht Frank Sharingham. Ich kenne ihn nicht, ich habe ihn nie gesehen, aber er ist – er ist Maggies Freund.«

»Frank Sharingham...?«

»Ein Kunstmaler. Maggie erwähnte auch ihn oft in ihren Briefen. Er besuchte sie fast täglich zum Essen. Ich glaube, es geht ihm finanziell nicht besonders. Ja, so war Maggie. Aber ob Sharingham am Telefon war, weiß ich nicht. Es kann auch jemand anders gewesen sein. Soweit ich mich erinnere, hat Maggie weder den Namen Sharingham noch einen anderen genannt. Das ist nur eine Vermutung von mir, weil Sharingham die einzige männliche Bekanntschaft Maggies ist, von der ich weiß. Vielleicht wurde in Mr. Dearborns Auftrag angerufen. Vielleicht vom Kassierer.« 

Dick nickte. »Kennen Sie Sharinghams Adresse?«

»Ja. Ich weiß sie von Maggie.« Arlenas Gesicht wurde nachdenklich. »Er hat irgendwo in Clerkenwell ein Atelier... Ja, in der Easton Street. Die Hausnummer habe ich vergessen.«

»Vielen Dank, Miss.« Dick stand auf. Er blickte sich in dem Zimmer mit den hässlichen, aber praktischen Möbeln um. Auf dem Kamin standen ein paar Porzellanfiguren, eine kleine Uhr und eine gerahmte Fotografie von Maggie Bennet. Der Chefinspektor durchquerte das Zimmer und nahm das Foto.

»Das scheint ein Bild aus jüngster Zeit zu sein«, sagte er.

Arlena nickte. »Es wurde vor einem halben Jahr auf Veranlassung von Mr. Dearborn aufgenommen, der gern Maggies Bild haben wollte. Dearborn hat den Fotografen bezahlt.«

»Darf ich das Bild mitnehmen?«

»Selbstverständlich, Mr. Alford.«

Dick löste das Bild aus dem Rahmen, betrachtete die Rückseite des Bildes und steckte es ein. »Nun möchten wir noch die Hinterzimmer sehen, die Mr. Dearborn gemietet hatte, auch das, wo Sie vergangene Nacht schliefen, Miss.«

Arlena führte sie in die Hinterzimmer. Dann ließ sie, ohne ein weiteres Wort zu sagen, die Beamten allein.

Es waren zwei nette Räume, von denen aus man einen Blick in einen kleinen, ziemlich vernachlässigten Garten hatte. Sie enthielten weitaus weniger Möbel als die Vorderzimmer. Zwischen den beiden Zimmern befand sich eine große Flügeltür. Sie war geöffnet, so dass die zwei Zimmer einen einzigen großen Raum bildeten. Ein großer Ofen spendete Wärme. In einer Ecke stand eine Schlafcouch, auf der ein Pyjama lag. Ein kleiner Schreibtisch, ein einfacher Tisch, ein Schrank und eine Kommode. An der Wand ein leeres Büchergestell. Eine Pappschachtel, wie Modistinnen sie verwenden, stand unter dem Tisch.

Dick inspizierte flüchtig die Zimmer. Im Schrank stand ein Handkoffer aus Vulkanfiber mit den Initialen A. B. . Über dem Koffer hing ein Damenrock. Männerkleidung oder Dinge, die einem Mann gehörten, befanden sich nicht in dem Zimmer.

Dick zog die Pappschachtel unter dem Tisch hervor. Sie war leer.

John Higgins näherte sich dem Chefinspektor. »Sie sagte doch, Dearborn habe Papiere zurückgelassen...«, sagte er.

Dick nickte und ging schnell zum Ofen. Er nahm den vernickelten Schürhaken, schraubte die Ofenklappe los, nahm eine Taschenlampe aus der Tasche und blickte in den Ofen.

»Holen Sie das Mädchen«, sagte er.

Sergeant Higgins ging an die Tür und rief Arlena. Sie kam mit verweinten Augen.

Dick zeigte auf die leere Pappschachtel. »Waren Mr. Dearborns Papiere in dieser Schachtel, Miss?«, fragte er freundlich.

Das Mädchen starrte auf die leere Schachtel. »Ja, soviel ich weiß. Ich habe die Schachtel nicht geöffnet. Maggie sagte mir, Dearborn habe eine Schachtel mit Papieren hiergelassen.«

»Befindet sich irgendwo im Haus noch eine Schachtel?«

Arlena schüttelte den Kopf. »Soweit ich weiß – nein. Maggie sprach von dieser Schachtel. Ich habe sie gefragt, ob Mr. Dearborn zufällig etwas hier habe stehenlassen. Maggie sprach dann von einer Schachtel mit Papieren, die später abgeholt würde.«

Dick schraubte die Ofenklappe wieder zu.

»Wer hat den Ofen zuletzt gefüllt?«, fragte er.

»Ich. Kurz bevor ich zu Bett ging. Auf Maggies Veranlassung. Der Ofen wird morgens und abends mit Koks gefüllt.«

Alford nickte. »Einige meiner Leute werden die Zimmer genauer untersuchen, Miss. Sie werden Sie weiter nicht stören und nicht lange bleiben. Vielleicht finden sie ausgefallene Haare oder Fingerabdrücke. Bleiben Sie heute Morgen zu Hause?«

Sie nickte mit farblosem Lächeln. »Ja«, antwortete sie. »Was ich für die arme Maggie tun kann...« Die Stimme versagte ihr, und sie wandte sich ab.

Der Chefinspektor begab sich in die Diele und telefonierte mit Scotland Yard. Eine Minute später verließen er und John das Haus und stiegen in ihren Wagen.

 

 

 

 

  Drittes Kapitel

 

 

Als der schwarze Ford Anglia in die Drummond Street einbog, zog John Higgins seine englische Pfeife und den Tabaksbeutel hervor und begann sie feierlich zu stopfen.

»Der Fall beginnt verzwickt zu werden«, sagte er.

Dick knurrte vor sich hin.

»Die Schneiderin Maggie Bennet und ihre Schwester sind offensichtlich, was sie zu sein scheinen. Und ihr Mieter Dearborn dürfte genauso harmlos sein wie sie. Irgendwie... sind sie Halunken in die Hände geraten.«

»Sprechen Sie ruhig weiter«, entgegnete Dick, der halb die Augen schloss und sich im Sitz zurücklehnte.

Higgins sah ihn argwöhnisch an. »Maggie wurde gestern Abend durch einen Telefonanruf aus dem Hause gelockt.«

»Scheint so«, stimmte Dick bei, »aber der Anruf könnte auf Dearborns Veranlassung von einem Angestellten des Riverside-Theaters erfolgt sein. Das wäre eine Möglichkeit. Aber das Mädchen hat das Theater nie erreicht. Sie wurde irgendwie abgefangen. Vielleicht hat der Maler Frank Sharingham angerufen.«

»Ja«, meinte John. »Damit entpuppt sich Sharingham als gemeiner Verbrecher. Scheint eine Art Schmarotzer zu sein. Er kam sehr oft zu Maggie zum Essen..«

Dick seufzte. »Das besagt noch nichts. Ein Künstler, der aus Hunger zum Schmarotzer wird, ist kein Verbrecher, der die Polizei interessieren könnte. Gegen einen Maler, der sich durchhungert, um seine Bilder – und seien sie noch so schlecht – malen zu können, gibt es kein Gesetz.«

»Nun ja«, entgegnete John, »aber ein solcher Hungerleider arbeitet vielleicht gegen entsprechenden Lohn für eine Verbrecherbande. Sharingham telefoniert, wie es ihm aufgetragen wird – und damit fertig. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht beobachtete er das Haus, und als die beiden Mädchen es verlassen hatten, schlich er sich ein und stahl Dearborns Papiere, oder er verbrannte sie in dem Ofen. Das scheint mir das Wichtigste, das bisher festgestellt werden konnte. Weshalb waren Dearborns Papiere so wichtig?«

Dick zuckte mit den Schultern. »Vielleicht hat Dearborn selbst sie verbrannt oder abgeholt. Die Mädchen scheinen sich um den Inhalt der Pappschachtel nicht gekümmert zu haben. Sie wussten von Dearborn, dass er Papiere – alte Papiere – in der Schachtel zurückließ. Diese Papiere erwiesen sich dann wohl als unwichtig, und Dearborn beschloss, sie nicht abholen zu lassen. Aber diesen Entschluss scheint er den Mädchen nicht mitgeteilt zu haben.«

Der Wagen fuhr jetzt durch die Bateman Street. Beide schwiegen. Der Nebel lichtete sich, und es sah aus, als sollte es ein schöner Tag werden. Eine orangerote Sonne schien herab auf den Kirchhof und das Kino, die Autos und die eiligen Fußgänger, die Ladeninhaber und die frühen Kunden. Auf den Café-Terrassen standen die Kellner in weißen Schürzen, die ihnen bis auf die Schuhe reichten. Erwartungsvoll sahen sie nach den Passanten. In der Easton Street beugte Dick sich vor und klopfte an die Glasscheibe. Der Wagen fuhr an den Bordstein und hielt vor einer Kneipe, in dem meist Arbeiter verkehrten.

»Stellen Sie Sharinghams Hausnummer fest«, sagte der Chefinspektor. »Wenn Sie glauben, noch mehr erfahren zu können, nehmen Sie einen Drink, fangen Sie ein Gespräch an.«

John blieb etwa acht Minuten in der Kneipe. Als er zurückkam, stieg er nicht in den Wagen.

»Sharingham hat auf der anderen Straßenseite ein Atelier. Er ist hier allgemein bekannt. Der Kellner, mit dem ich sprach, behauptet, er sei Anarchist, der an allem und jedem etwas auszusetzen hat. Wahrscheinlich Alkoholiker.«

»Na großartig«, murmelte Dick.

Sharingham wohnte in der fünften, der obersten Etage. Das Haus hatte keinen Aufzug. Die Tür des Ateliers war als Leinwand benutzt worden. Auf ihr prangte das lebensgroße Bild eines hageren Mannes mit schwarzem Haar, großen abstehenden Ohren und einer dicken, schiefen Nase. Die Gestalt, die sich an die Tür zu lehnen schien, sah die Besucher lauernd an. In der schmierigen Hand hielt sie ein Glas Brandy.

»Verdammt noch mal«, murmelte Sergeant Higgins. »Hoffentlich ist der Kerl nicht besoffen.«

Nirgendwo befand sich eine Klingel. Dick klopfte mit seinem dicken schwarzen Spazierstock gegen den Bauch der Gestalt.

»Wer ist da?«, schrie eine hohe Stimme. »Kommen Sie morgen wieder. Besser noch in fünf Jahren.«

»Aufmachen! Scotland Yard«, sagte Dick. »Wir müssen Sie sprechen, Mr. Sharingham.«

»Was heißt das – Scotland Yard? Scheren Sie sich zum Teufel!« Trotzdem näherten sich Schritte der Tür. Sie wurde geöffnet. Das Bild schwang nach innen, und eine Gestalt aus Fleisch und Blut wurde sichtbar. Die Ähnlichkeit war verblüffend. Nur die Kleidung war anders. Der Mann auf der Tür trug einen unwahrscheinlich blauen, gutsitzenden Anzug. Die hagere lebendige Gestalt aber einen braunen Pullover, eine Hose aus Kordsamt und Schuhe, die früher einmal braune Wildlederschuhe gewesen waren; darüber einen schäbigen grünen Mantel, der nicht zugeknöpft war. Ein dünner Bart bedeckte Kinn und Backen.

»Wieso Scotland Yard?«, fragte der Mann noch einmal.

Der Chefinspektor betrat das Atelier. John Higgins folgte ihm und schloss hinter sich die Tür. Das Atelier war auffallend geräumig. Es enthielt kaum Möbel. Ein paar Kisten dienten als Tisch und Sitze. In einer Ecke eine Matratze und ein paar graue Decken. Mitten im Raum ein großer Ofen, der nicht brannte. Neben der Tür eine ganze Batterie leerer Weinflaschen. Gegen Wände und Kisten lehnten Bilder, die fast alle dasselbe darstellten: das Kasperletheater im Regent's Park. Kinder, Mütter, Kindermädchen und den Kasperl. Die Farben waren stark, die Gesamtwirkung seltsam. John, der die Bilder betrachtete, lief es kalt über den Rücken.

»Sehen Sie...«, begann Sharingham, aber Dick winkte ab.

»Deswegen sind wir nicht hergekommen, Mr. Sharingham«, sagte er.

Dick blickte sich um und setzte sich auf eine der Kisten. Er sah aus wie ein Zirkus-Elefant.

Sharingham machte es sich auf einer anderen Kiste bequem. Sein Gesicht war ernst, vielleicht sogar ein wenig erschrocken.

»Ist was passiert?«, fragte er.

»Heute Morgen wurde die Leiche von Miss Maggie Bennet im Hyde Park gefunden«, antwortete der Chefinspektor. »Miss Bennet wurde von einem Auto überfahren und getötet.«

John, der mit der Pfeife im Mund an einer Wand lehnte, beobachtete den Maler. Sharinghams Gesicht war sehr blass geworden. Er bebte am ganzen Leib. Tränen füllten seine dunklen Augen, rollten ihm über das Gesicht, ohne dass er sie abgewischt hätte.

»Nein!«, rief er. »Nein!« 

Er stand auf, ging auf die Matratze und die Decken zu. Unter ihnen fand er einen großen, schmutzigen Lappen, mit dem er sich das schmierige Gesicht abwischte.

»Aber was tat sie im Park? Heute Morgen, sagen Sie? Was um alles in der Welt tat sie frühmorgens im Park?« 

Sharingham setzte sich wieder auf die Kiste und kaute an den Nägeln, die schon bis aufs Fleisch abgebissen waren.

»Und ihre Schwester kam aus Whitby«, fügte er hinzu. »Gestern Nachmittag. Einfach unbegreiflich.«

Dick nickte. »Vielleicht doch nicht so sehr«, sagte er. »Es ist unsere Aufgabe, solche Dinge zu klären. Ich bin Chefinspektor Alford. Wann sahen Sie Miss Maggie Bennet zum letzten Mal?«

»Zum Mittagessen«, antwortete Sharingham. »Sie hatte mich eingeladen. Gegen Mittag war ich bei ihr. Es gab Kaninchenbraten. Am Spätnachmittag kam ihre Schwester. Dearborn war ausgezogen, um Arlena Platz zu machen. Dearborn war Maggies Mieter...«

Während er sprach, betrachtete der Maler den Chefinspektor genau. Plötzlich beugte Sharingham sich vor.

»Soll das etwa heißen, dass Maggie ermordet wurde?« Sharingham lachte fast hysterisch. »Das ist doch Unsinn«, sagte er. »Maggie geht doch nicht in aller Frühe in den Park. Maggie ist sehr fleißig. Und der Yard stellt verhört niemanden, wenn jemand überfahren wird. Es kann sich also nur um Mord handeln. Was haben Sie vor? Mich in eine Falle locken, zu einer Aussage zwingen, so dass Sie...«

Dick hob die Hand. »Von Falle ist nicht die Rede. So plump gehen wir nicht vor. Miss Bennet wurde gestern Abend gegen acht oder neun, vielleicht auch ein wenig später, getötet. Gegen sieben Uhr wurde sie zu Hause angerufen. Daraufhin begab sie sich ins Riverside-Theater, an dessen Kasse eine Karte für sie bereitliegen sollte. Der Anruf erfolgte wahrscheinlich im Auftrag von Mr. Dearborn, der Miss Bennet an der Kasse erwartete. Haben Sie Miss Bennet angerufen?«

»Nein.« Sharingham schüttelte den Kopf – eher nachdenklich als verwirrt.

»Von einem solchen Anruf weiß ich nichts. Ich habe mit dieser Sache nichts zu tun.«

Er nahm Tabak und Zigarettenpapier und eine kleine Rollmaschine aus der Tasche und begann, sich eine Zigarette zu drehen.

»In diesem Fall müssen wir feststellen, wer anrief. Arlena Bennet meint, es sei ein junger Mann gewesen. Vielleicht ein Angestellter der Theaterkasse. Oder ein Mitglied einer Bande, die Miss Bennet in den Park lockte und ebendort ermordete.«

Sharingham nickte. Er hatte seine Zigarette fertig gedreht und zündete sie an.

»Warum?«, fragte er. »Maggie war ein einfaches, fleißiges Mädchen. Sie machte aus alten Kleidern neue und so weiter. Seit wann ermorden Gangster ein solches Mädchen?« Er sah erst John, dann den Chefinspektor an.  

»Darum handelt es sich augenblicklich nicht, Mr. Sharingham, sondern...« Sharingham stand plötzlich auf und knallte mit den langen, schmalen Fingern wie mit Kastagnetten.

»Dearborn«, sagte er. »Ja, Dearborn, den habe ich schon immer nicht für astrein gehalten. Ein unheimlicher alter Kriecher, der auf Maggie einen schlechten Einfluss ausgeübt hat – mit seinem vielen Geld. Ob der nicht die Finger im Spiel hat?«

Dick sah den Maler forschend an. »Und das Motiv?«

»Weiß ich nicht – vielleicht Eifersucht. Der alte Knacker wollte eben das Mädchen haben. Und da ihm das nicht gelang, ließ er sie kurzerhand umbringen. Das plante er natürlich schon, als Maggie ihm die Wohnung kündigte. Einen Augenblick...«  

Er ging an eine der Kisten, der er einen Bogen Zeichenpapier entnahm. Er kam zurück und reichte Dick das Blatt.

»Larry Dearborn«, sagte er. »Zwei Skizzen, die ich im Café Strauss machte. Eine der Skizzen – im Profil – hat Dearborn gekauft. Hier die en-face-Skizze. Betrachten Sie die Visage! Der reinste Verbrecher!«

John näherte sich den beiden und betrachtete die Skizze. Besonders gut war sie nicht, aber dennoch vermittelte sie einen starken Eindruck des sechzigjährigen bärtigen Mannes. Er sah distinguiert, klug und sogar gütig aus.

»Betrachten Sie das Gesicht genau«, sagte Sharingham. »Von Anfang an war mir der Kerl nicht geheuer. Zu gut, um wahr zu sein. Und mancher lächelt, lächelt immer wieder und ist dennoch ein Schurke, heißt es bei Shakespeare. Sehen Sie nur sein Grinsen. Wer ein derartiges Lächeln sieht, versteckt sein Geld, falls er welches hat.«

Der Maler hielt die Skizze mit bebenden Händen erst dem Chefinspektor, dann John hin.