Die Unvollendete - Kate Atkinson - E-Book

Die Unvollendete E-Book

Kate Atkinson

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Beschreibung

Was wäre, wenn man sein Leben wieder und wieder leben könnte, bis man schließlich alles perfekt gemacht hätte? Wäre man dann ein glücklicher Mensch? Ursula Todd ist eine für ihre Zeit ganz besondere Frau: unabhängig, modern, realistisch. Mit Humor begegnet sie nicht nur ihrer skurrilen Familie, sondern auch den seltsamen Ereignissen in ihrem Leben. Wie jeder erlebt sie Situationen, in denen sie sich fragt: Was wäre, wenn? Was wäre geschehen, wenn sich ihre Teenagerliebe erfüllt hätte? Was wäre geschehen, wenn sie studiert hätte? Oder was wäre aus ihr geworden, wenn sie nicht in England, sondern in einem anderen Land aufgewachsen wäre? Wäre ihr Leben schrecklicher oder besser verlaufen? Doch anders als anderen Menschen bleibt es für Ursula nicht bei diesen Fragen. Ihr ist es gegeben, ihr Leben immer wieder zu korrigieren und damit jeden Fehler zu beseitigen. Dennoch erlebt sie Verlust, Verrat, Krieg und Tod. Was also soll diese Gabe? Ist es überhaupt möglich, sein Leben fehlerlos zu leben?

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Seitenzahl: 675

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Kate Atkinson

Die Unvollendete

Roman

Aus dem Englischen von Anette Grube

Knaur e-books

Über dieses Buch

Inhaltsübersicht

WidmungMottoSeid tapferNovember 1930Schnee11. Februar 1910Schnee11. Februar 1910Vier Jahreszeiten machen aus ein Jahr11. Februar 1910Mai 1910Juni 1914Schnee11. Februar 1910KriegJuni 1914Juli 1914Januar 1915Schnee11. Februar 1910Waffenstillstand20. Januar 1915Juni 191811. November 1918Schnee11. Februar 191012. November 1918Schnee11. Februar 1910Waffenstillstand11. November 1918Schnee11. Februar 1910Waffenstillstand11. November 1918Schnee11. Februar 1910Waffenstillstand11. November 1918FriedenFebruar 1947Schnee11. Februar 1910Wie ein Fuchs in seinem BauSeptember 1923Dezember 192311. Februar 1926Mai 1926August 1926Juni 193211. Februar 1926August 1926Morgen wird ein schöner Tag2. September 1939November 1940Morgen wird ein schöner Tag2. September 1939April 1940November 1940Morgen wird ein schöner TagSeptember 1940November 1940August 1926Das Land des NeubeginnsAugust 1933August 1939April 1945Ein langer harter KriegSeptember 1940Oktober 1940Oktober 1940November 1940Mai 1941November 1943Februar 1947Juni 1967Das Ende vom AnfangSeid tapferDezember 1930Schnee11. Februar 1910Das weite sonnenbeschienene HochlandMai 1945Schnee11. Februar 1910Dank
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Für Elissa

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Wie, wenn dir eines Tages oder Nachts, ein Dämon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sagte: »Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Male leben müssen …!« – Würdest du dich nicht niederwerfen und mit den Zähnen knirschen und den Dämon verfluchen, der so redete? Oder hast du einmal einen ungeheuren Augenblick erlebt, wo du ihm antworten würdest: »Du bist ein Gott, und nie hörte ich Göttlicheres!«

Friedrich Nietzsche,

Die fröhliche Wissenschaft

 

 

Alles bewegt sich fort, und nichts bleibt.

Platon, Kratylus

 

 

»Was wäre, wenn wir die Chance hätten,

es noch einmal zu tun und noch einmal,

bis wir es endlich richtig machen?

Wäre das nicht wunderbar?«

Edward Beresford Todd

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Seid tapfer

November 1930

Ein Mief aus Tabakrauch und feuchtkalter Luft schlug ihr entgegen, als sie das Café betrat. Draußen regnete es, und Wasser zitterte noch wie empfindliche Tautropfen auf den Pelzmänteln einiger Frauen im Saal. Ein Regiment weißbeschürzter Kellner lief beflissen herum, um die Bedürfnisse der müßigen Münchner zu erfüllen – Kaffee, Kuchen, Klatsch.

Er saß an einem Tisch am anderen Ende des Raums, wie immer umgeben von Vasallen und Speichelleckern. Auch eine Frau war dabei, die sie noch nie zuvor gesehen hatte – eine stark geschminkte, dauergewellte Platinblonde –, dem Aussehen nach zu urteilen eine Schauspielerin. Die Blondine zündete sich eine Zigarette an, machte eine anzügliche Vorführung daraus. Alle Welt wusste, dass er züchtige, bodenständige Frauen vorzog, wenn möglich Frauen aus Bayern. Ständig und überall Dirndl und Wadenstrümpfe, Gott steh uns bei.

Der Tisch war reich gedeckt. Bienenstich, Gugelhupf, Käsekuchen. Er aß ein Stück Kirschtorte. Er liebte Kuchen. Kein Wunder, dass er so pastös aussah, andererseits erstaunlich, dass er kein Diabetiker war. Der leicht abstoßende Körper (sie dachte an Teig) unter den Kleidern war noch nie öffentlichen Blicken ausgesetzt gewesen. Kein männlicher Mann. Er lächelte, als er sie sah, erhob sich halb, sagte: »Guten Tag, gnädiges Fräulein«, und deutete auf den Stuhl neben sich. Der Schleimer, der darauf saß, sprang auf und machte ihn frei.

»Unsere englische Freundin«, sagte er zu der Blondine, die bedächtig Rauch ausblies und sie desinteressiert musterte, bevor sie schließlich sagte: »Guten Tag.« Eine Berlinerin.

Sie stellte ihre Handtasche, deren Inhalt schwer wog, auf den Boden neben ihren Stuhl und bestellte Schokolade. Er bestand darauf, dass sie den Pflaumenstreusel probierte.

»Es regnet«, sagte sie auf Deutsch, um etwas zu sagen.

»Ja, es regnet«, sagte er auf Englisch mit starkem Akzent. Er lachte, zufrieden mit seinem Versuch. Auch alle anderen am Tisch lachten. »Bravo«, sagte jemand. »Sehr gutes Englisch.« Er war gut gelaunt, tippte sich amüsiert lächelnd mit dem Zeigefinger gegen die Lippen, als horchte er auf eine Melodie in seinem Kopf.

Der Streuselkuchen war köstlich.

»Entschuldigung«, murmelte sie, langte hinunter in ihre Tasche und kramte nach einem Taschentuch. Die Ecken waren mit Spitze versehen, ein Monogramm mit ihren Initialen »UBT« war darauf gestickt – ein Geburtstagsgeschenk von Pammy. Sie tupfte wohlerzogen die Krümel von ihren Lippen und neigte sich erneut hinunter, um das Taschentuch in die Tasche zurückzustecken und den schweren Gegenstand, der darin lag, herauszunehmen. Den alten Armeerevolver ihres Vaters aus dem Ersten Weltkrieg, einen Webley Mark V.

Eine hundertmal geübte Bewegung. Ein Schuss. Auf die Schnelligkeit kam es an, doch nachdem sie die Waffe gezogen hatte und damit auf sein Herz zielte, war da ein Augenblick, eine in der Zeit schwebende Blase, als alles innezuhalten schien.

»Führer«, sagte sie und brach den Zauber. »Für Sie.«

Um den Tisch herum wurden Pistolen aus Holstern gerissen und auf sie angelegt. Ein Atemzug. Ein Schuss.

Ursula drückte ab.

Es wurde dunkel.

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Schnee

11. Februar 1910

Ein eisiger Luftzug, ein frostiger Hauch auf plötzlich ungeschützter Haut. Sie ist ohne Vorwarnung aus dem Drinnen im Draußen, und die vertraute, nasse, tropische Welt ist verschwunden. Hilflos den Elementen ausgesetzt. Eine gepulte Krabbe, eine geschälte Nuss.

Kein Atem. Darauf war die ganze Welt reduziert. Ein Atemzug.

Kleine Lungen wie Libellenflügel, die sich in der fremden Atmosphäre nicht entfalten können. Keine Luft in der strangulierten Röhre. Das Summen von tausend Bienen in den Perlmuttwindungen eines winzigen Ohrs.

Panik. Das ertrinkende Mädchen, der herabstürzende Vogel.

 

»Dr. Fellowes sollte längst da sein«, sagte Sylvie und stöhnte. »Warum ist er noch nicht da? Wo ist er?« Tautropfengroße Schweißperlen auf der Haut, ein Pferd, das sich dem Ende eines harten Parcours nähert. Das Feuer im Schlafzimmer brannte so stark wie im Heizkessel eines Schiffs. Die dicken Brokatvorhänge fest zugezogen, um den Feind auszuschließen, die Nacht. Die schwarze Fledermaus.

»Der Mann steckt bestimmt im Schnee fest, Ma’am. Draußen ist die Hölle los. Die Straße wird gesperrt sein.«

Sylvie und Bridget mussten das Martyrium allein durchstehen. Alice, das Stubenmädchen, besuchte ihre kranke Mutter. Und Hugh war auf der Suche nach Isobel, seiner außer Rand und Band geratenen Schwester, à Paris. Und Mrs. Glover, die in ihrem Zimmer auf dem Dachboden schnarchte wie ein Trüffelhund, wollte Sylvie nicht dabeihaben. Sie würde die Geschehnisse dirigieren wie ein Feldwebel Soldaten auf dem Exerzierplatz. Das Baby kam zu früh. Sylvie hatte damit gerechnet, dass es wie die anderen zu spät kommen würde. Der Mensch denkt und so weiter.

»Oh, Ma’am«, schrie Bridget plötzlich, »sie ist ganz blau, richtig blau.«

»Ein Mädchen?«

»Die Nabelschnur hat sich um den Hals gewickelt. Oh, Maria, heilige Mutter Gottes. Sie ist erstickt, das arme kleine Ding.«

»Sie atmet nicht? Gib sie mir. Wir müssen etwas tun. Was können wir bloß tun?«

»Oh, Mrs. Todd, Ma’am, sie ist tot. Gestorben, bevor sie gelebt hat. Es tut mir schrecklich, schrecklich leid. Sie ist jetzt bestimmt ein kleines Engelchen im Himmel. Oh, wenn nur Mr. Todd da wäre. Es tut mir schrecklich leid. Soll ich Mrs. Glover aufwecken?«

 

Das kleine Herz. Ein hilfloses kleines Herz, das verzweifelt schlug. Plötzlich aufgab wie ein Vogel, der vom Himmel fällt. Ein einziger Schuss.

Es wurde dunkel.

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Schnee

11. Februar 1910

Um Himmels willen, Mädchen, hör auf, rumzulaufen wie ein kopfloses Huhn, hol heißes Wasser und Handtücher. Hast du denn überhaupt keine Ahnung? Bist du in der Wildnis aufgewachsen?«

»’tschuldigung, Sir.« Bridget machte einen kleinen Knicks, als wäre Dr. Fellowes ein entfernter Verwandter der königlichen Familie.

»Ein Mädchen, Dr. Fellowes? Kann ich sie sehen?«

»Ja, Mrs. Todd, ein kräftiges, kregles Mädchen.« Sylvie dachte, dass Dr. Fellowes vielleicht etwas zu dick auftrug mit seinen Alliterationen. Auch zu den besten Zeiten neigte er nicht zur Jovialität. Die Gesundheit seiner Patienten, insbesondere ihr Abgang und ihr Eintritt in diese Welt, schienen dazu geschaffen, ihn zu ärgern.

»Sie wäre an der Nabelschnur um ihren Hals erstickt. Ich bin im letzten Augenblick in Fox Corner angekommen. Buchstäblich.« Dr. Fellowes hielt seine Chirurgenschere hoch, damit Sylvie sie bewundern konnte. Sie war klein und elegant, und die scharfen Spitzen waren gebogen. »Schnipp, schnapp«, sagte er. Sylvie machte sich im Geist eine Notiz, eine kleine, vage Notiz angesichts ihrer Erschöpfung und der sie verursachenden Umstände, für einen ähnlichen Notfall (der sehr unwahrscheinlich war) genau so eine Schere zu kaufen. Oder ein Messer, ein gutes scharfes Messer, das man stets bei sich trug wie das Räubermädchen in Die Schneekönigin.

»Sie haben Glück gehabt, dass ich noch rechtzeitig gekommen bin«, sagte Dr. Fellowes, »bevor die Straßen wegen des Schnees unpassierbar wurden. Ich habe Mrs. Haddock, die Hebamme, rufen lassen, aber ich glaube, dass sie irgendwo vor Chalfont St. Peter im Schnee stecken geblieben ist.«

»Mrs. Haddock?«,sagte Sylvie und runzelte die Stirn. Bridget lachte laut über den Namen und murmelte dann rasch: »’tschuldigung, ’tschuldigung, Sir.« Sylvie nahm an, dass sie und Bridget nahezu hysterisch waren. Kein Wunder.

»Irischer Bauerntrampel«, murmelte Dr. Fellowes.

»Bridget hilft in der Küche, sie ist selbst noch ein Kind. Ich bin ihr sehr dankbar. Es ging alles so schnell.« Sylvie wäre gern allein gewesen, aber sie war nie allein. »Sie müssen vermutlich bis morgen bleiben, Doktor«, sagte sie widerwillig.

»Tja, vermutlich muss ich das«, sagte Dr. Fellowes ebenso widerwillig.

Sylvie seufzte und schlug vor, dass er sich in der Küche ein Glas Brandy geben ließ. Und vielleicht etwas Schinken und Essiggurken. »Bridget wird sich um Sie kümmern.« Sie wollte ihn loswerden. Er war bei der Geburt aller ihrer drei (drei!) Kinder dabei gewesen, und sie konnte ihn nicht ausstehen. Nur ein Ehemann sollte sehen, was er sah. Er scharrte und stocherte mit seinen Instrumenten an ihren zartesten und geheimsten Körperteilen herum. (Aber wäre es ihr lieber, eine Hebamme namens Mrs. Haddock wäre die Geburtshelferin?) Nur Frauen sollten Frauenärzte sein. Die Chancen dafür standen schlecht.

Dr. Fellowes blieb da, summte und druckste herum und beaufsichtigte, wie eine rotgesichtige Bridget den Neuankömmling wusch und wickelte. Bridget war das älteste von sieben Kindern, sie wusste, wie man ein Neugeborenes behandelte. Sie war vierzehn, zehn Jahre jünger als Sylvie. Mit vierzehn hatte Sylvie noch kurze Röcke getragen und war in ihr Pony Tiffin verliebt gewesen. Und hatte keine Ahnung gehabt, woher die kleinen Kinder kamen, sogar in ihrer Hochzeitsnacht war sie noch ratlos gewesen. Ihre Mutter, Lottie, hatte Andeutungen gemacht, war jedoch vor anatomischer Präzision zurückgeschreckt. Eheliche Beziehungen zwischen Mann und Frau schienen mysteriöserweise etwas mit Lerchen zu tun zu haben, die im Morgenrot jauchzen. Lottie war eine zurückhaltende Frau. Manche hätten sie als narkoleptisch bezeichnet. Ihr Mann, Sylvies Vater, Llewellyn Beresford war ein berühmter Maler der gehobenen Gesellschaft, aber überhaupt kein Bohemien. Keine Nacktheit und kein dekadentes Verhalten in seinem Haushalt. Er hatte Königin Alexandra gemalt, als sie noch Prinzessin war. Er behauptete, sie sei sehr nett gewesen.

Sie lebten in einem guten Haus in Mayfair, und Tiffin stand in einem Stall in der Nähe des Hyde Park. Um sich in düsteren Momenten aufzuheitern, stellte sich Sylvie vor, dass sie wieder in der sonnigen Vergangenheit lebte, bequem auf ihrem Damensattel auf Tiffins breitem Rücken säße und an einem klaren Frühlingsmorgen die Rotten Row entlangtrottete, die Bäume in voller Blüte.

»Wie wäre es mit heißem Tee und einem schönen gebutterten Toast, Mrs. Todd?«, fragte Bridget.

»Das wäre wunderbar, Bridget.«

Endlich wurde Sylvie das Baby gereicht, bandagiert wie eine Pharaonenmumie. Zärtlich strich sie über die Pfirsichwange und sagte: »Hallo, meine Kleine«, und Dr. Fellowes wandte sich ab, um nicht Zeuge dieser süßlichen Liebesbekundungen zu werden. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er alle Kinder in einem neuen Sparta aufziehen lassen.

»Nun, ein kleiner kalter Imbiss wäre vielleicht nicht verkehrt«, sagte er. »Gibt es zufälligerweise noch etwas von Mrs. Glovers ausgezeichnetem Senfgemüse?«

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Vier Jahreszeiten machen aus ein Jahr

11. Februar 1910

Sylvie wurde von einem blendenden Splitter Sonnenlicht geweckt, der wie ein glänzendes silbernes Schwert die Vorhänge durchschnitt. Sie lag matt im Bett, angetan mit Spitze und Kaschmir, als Mrs. Glover das Zimmer betrat, ein riesiges Frühstückstablett stolz in den Händen. Nur ein Anlass von nicht unerheblicher Bedeutung war in der Lage, Mrs. Glover so weit aus ihrem Herrschaftsgebiet zu locken.

Ein einzelnes halb erfrorenes Schneeglöckchen hing in der kleinen Vase auf dem Tablett. »Oh, ein Schneeglöckchen!«, sagte Sylvie. »Die erste Blume, die ihr armes Köpfchen aus der Erde schiebt. Wie tapfer!«

Mrs. Glover, die Blumen weder Mut noch irgendeinen anderen Charakterzug, ob rühmlich oder nicht, zutraute, war verwitwet und erst seit ein paar Wochen in Fox Corner. Vor ihrem Erscheinen war eine Frau namens Mary bei ihnen angestellt gewesen, die häufig bucklig herumstand und die Braten anbrennen ließ. Wenn überhaupt, dann neigte Mrs. Glover dazu, die Gerichte nicht lange genug zu garen. Im wohlhabenden Haushalt von Sylvies Kindheit war die Köchin »Köchin« genannt worden, doch Mrs. Glover zog »Mrs. Glover« vor. Es machte sie unersetzlich. In Gedanken nannte Sylvie sie eigensinnig immer noch Köchin.

»Danke, Köchin.« Mrs. Glover blinzelte behäbig wie eine Echse. »Mrs. Glover«, korrigierte sich Sylvie.

Mrs. Glover stellte das Tablett auf dem Bett ab und zog die Vorhänge auf. Das Licht war außergewöhnlich, die schwarze Fledermaus bezwungen.

»Es ist so hell«, sagte Sylvie und schirmte die Augen mit der Hand ab.

»So viel Schnee«, sagte Mrs. Glover und schüttelte den Kopf auf eine Weise, die entweder Verwunderung oder aber Abscheu zum Ausdruck brachte. Bei Mrs. Glover wusste man oft nicht so recht.

»Wo ist Dr. Fellowes?«, fragte Sylvie.

»Er musste zu einem Notfall. Ein von einem Bullen halb totgetrampelter Bauer.«

»Wie schrecklich.«

»Ein paar Männer aus dem Dorf sind gekommen und haben versucht, sein Automobil auszugraben, aber letztlich hat ihn mein George hingebracht.«

»Ah«, sagte Sylvie, als würde sie plötzlich etwas verstehen, was ihr unklar gewesen war.

»Und man nennt es auch noch Pferdestärken«, sagte Mrs. Glover verächtlich und wirkte dabei selbst wie ein Bulle. »Das kommt davon, wenn man sich auf diese neumodischen Maschinen verlässt.«

»Mhm«, sagte Sylvie, die so festen Überzeugungen nur ungern widersprach. Sie war überrascht, dass Dr. Fellowes gegangen war, ohne noch einmal nach ihr oder dem Baby zu sehen.

»Er hat nach Ihnen geschaut. Sie haben geschlafen«, sagte Mrs. Glover. Sylvie fragte sich bisweilen, ob Mrs. Glover Gedanken lesen konnte. Eine absolut schreckliche Vorstellung.

»Zuerst hat er gefrühstückt«, sagte Mrs. Glover, die im selben Atemzug zufrieden und missbilligend klang. »Der Mann hat Appetit, das steht fest.«

»Ich könnte ein ganzes Pferd essen«, sagte Sylvie und lachte. Natürlich könnte sie das nicht. Sie dachte kurz an Tiffin. Sie nahm das waffenschwere silberne Besteck und machte sich über Mrs. Glovers pikante Hammelnierchen her. »Wunderbar«, sagte sie (waren sie das wirklich?), doch Mrs. Glover inspizierte bereits das Baby in der Wiege. (»Pummelig wie ein Spanferkel.«) Sylvie fragte sich müßig, ob Mrs. Haddock noch irgendwo vor Chalfont St. Peter im Schnee feststeckte.

»Ich habe gehört, dass das Baby beinahe gestorben wäre«, sagte Mrs. Glover.

»Nun ja …«, sagte Sylvie. Es war so ein schmaler Grat zwischen Leben und Tod. Ihr Vater, der Maler der gehobenen Gesellschaft, rutschte eines Abends, nachdem er exquisiten Cognac getrunken hatte, auf einem Isfahan-Teppich auf dem Treppenabsatz im ersten Stock aus. Niemand hörte ihn stürzen oder schreien. Er hatte gerade mit einem Porträt des Grafen von Balfour begonnen. Es wurde nie fertig. Klar.

Danach stellte sich heraus, dass er verschwenderischer mit Geld umgegangen war, als Mutter und Tochter vermutet hatten. Er war insgeheim ein Spieler gewesen und hatte in der ganzen Stadt Schuldscheine hinterlassen. Für einen unerwarteten Tod hatte er nicht vorgesorgt, und bald schon wimmelte es in dem schönen Haus in Mayfair von Gläubigern. Ein Kartenhaus. Tiffin musste verkauft werden. Es brach Sylvie das Herz, sie trauerte mehr um das Pony als um ihren Vater.

»Ich habe immer geglaubt, sein einziges Laster wären Frauen«, sagte ihre Mutter, die sich kurz auf einer Umzugskiste ausruhte, als würde sie für eine Pietà Modell sitzen.

Sie sanken in vornehme, kultivierte Armut. Sylvies Mutter wurde blass und uninteressant, keine Lerchen jauchzten mehr für sie, während sie verblühte, verzehrt von Schwindsucht. Der Mann, den die siebzehnjährige Sylvie am Schalter im Postamt kennenlernte, bewahrte sie davor, Malermodell zu werden. Hugh. Ein aufsteigender Stern in der begüterten Welt des Bankwesens. Der Inbegriff bürgerlicher Respektabilität. Konnte sich ein schönes, aber mittelloses Mädchen mehr erhoffen?

Lottie starb mit weniger Aufheben als erwartet, und Hugh und Sylvie heirateten still und leise an ihrem achtzehnten Geburtstag. (»So wirst du unseren Hochzeitstag nie vergessen«, sagte Hugh.) Die Flitterwochen verbrachten sie in Frankreich, eine wunderbare quinzaine in Deauville, bevor sie sich in semiländlicher Glückseligkeit nahe Beaconsfield in einem Haus niederließen, dessen Stil vage an Lutyens erinnerte. Es hatte alles, was man sich nur wünschen konnte – eine große Küche, einen Salon mit Verandatüren, die auf einen Rasen hinausführten, ein hübsches Wohnzimmer für alle Tage und mehrere Schlafzimmer, die darauf warteten, mit Kindern gefüllt zu werden. Auf der Rückseite des Hauses befand sich sogar ein kleiner Raum, in den Hugh sich zurückziehen konnte. »Ah, mein Refugium«, sagte er und lachte.

In diskreter Entfernung war es von ähnlichen Häusern umgeben. Das Grundstück verfügte über eine Wiese und ein Dickicht niederer Bäume und jenseits davon einen im Frühling mit Glockenblumen übersäten Wald, durch den ein Bach floss. Der Bahnhof, nicht mehr als eine Haltestelle, ermöglichte es Hugh, in weniger als einer Stunde an seinem Bankschreibtisch zu sitzen.

»Verschlafenes Nest«, sagte Hugh und lachte, als er Sylvie galant über die Schwelle trug. Es war ein relativ bescheidenes Haus (nicht zu vergleichen mit Mayfair), dennoch überschritt es ein bisschen ihre Mittel, stellte eine finanzielle Leichtfertigkeit dar, die sie beide überraschte.

 

»Wir sollten dem Haus einen Namen geben«, sagte Hugh. »The Laurels, the Pines, the Elms.«

»Aber nichts davon wächst in unserem Garten«, erklärte Sylvie. Sie standen an der Terrassentür des neu erworbenen Hauses und schauten auf die verwilderte Rasenfläche. »Wir brauchen einen Gärtner«, sagte Hugh. Das Haus war leer und warf ein Echo. Sie hatten noch nicht damit begonnen, es mit den Voysey-Teppichen und Morris-Stoffen und all den anderen ästhetischen Annehmlichkeiten eines Hauses des zwanzigsten Jahrhunderts einzurichten. Sylvie hätte lieber glücklich und zufrieden im Londoner Kaufhaus Liberty gelebt als in dem ehelichen Heim ohne Namen.

»Greenacres, Fairview, Sunnymead?«, schlug Hugh vor und legte den Arm um seine Braut.

»Nein.«

Der Vorbesitzer des namenlosen Hauses hatte es verkauft und war nach Italien gezogen. »Stell dir vor«, sagte Sylvie verträumt. Sie war einmal in Italien gewesen, auf der Grand Tour mit ihrem Vater, während sich ihre Mutter wegen ihrer Lunge in Eastbourne aufhielt.

»Lauter Italiener«, sagte Hugh herablassend.

»Eben. Das ist ja das Interessante«, erwiderte Sylvie und befreite sich von seinem Arm.

»The Gables, the Homestead?«

»Hör auf«, sagte Sylvie.

Ein Fuchs kam aus dem Gebüsch und lief über den Rasen. »Schau nur«, sagte Sylvie. »Er scheint ganz zutraulich zu sein. Er hat sich bestimmt daran gewöhnt, dass das Haus leer steht.«

»Hoffentlich kommen die Jäger aus dem Ort nicht gleich hinterher«, sagte Hugh. »Es ist ein mageres Biest.«

»Es ist eine Füchsin. Sie säugt, man sieht ihre Zitzen.«

Hugh blinzelte angesichts so unverblümter Ausdrücke, die seiner vor kurzem noch jungfräulichen (vermutlich, hoffentlich) Braut über die Lippen kamen.

»Schau«, flüsterte Sylvie. Zwei kleine Junge sprangen auf die Wiese und purzelten verspielt übereinander. »Oh, sind das hübsche kleine Tierchen.«

»Manche nennen sie Geschmeiß.«

»Vielleicht betrachten sie uns als Geschmeiß«, sagte Sylvie. »Fox Corner – so sollten wir das Haus nennen. Kein anderes Haus heißt so, und darum geht es doch, oder?«

»Wirklich?«, sagte Hugh zweifelnd. »Es klingt ein bisschen skurril, oder? Wie eine Kindergeschichte. Das Haus von Fox Corner.«

»Ein bisschen Skurrilität hat noch niemandem geschadet.«

»Kann ein Haus streng genommen eine Ecke sein?«, sagte Hugh. »Normalerweise steht ein Haus an einer Ecke.«

So also sieht die Ehe aus, dachte Sylvie.

 

Zwei kleine Kinder steckten zaghaft den Kopf durch die Tür. »Da seid ihr ja«, sagte Sylvie und lächelte. »Maurice, Pamela, kommt rein und sagt hallo zu eurer neuen Schwester.«

Skeptisch näherten sie sich der Wiege und seinem Inhalt, als wüssten sie nicht genau, was darin lag. Sylvie erinnerte sich an ein ähnliches Gefühl, während sie die Leiche ihres Vaters in dem reich verzierten Sarg aus Eiche und Messing betrachtet hatte (für den großzügigerweise die Mitglieder der Königlichen Akademie der Künste aufgekommen waren). Aber vielleicht war es auch Mrs. Glover, die sie einschüchterte.

»Noch ein Mädchen«, sagte Maurice bedrückt. Er war fünf, zwei Jahre älter als Pamela und der Mann im Haus, wenn Hugh nicht da war. »Eine Geschäftsreise«, erklärte Sylvie den Leuten, obwohl er in Wahrheit hastig den Kanal überquert hatte, um seine törichte jüngste Schwester aus den Fängen des verheirateten Mannes zu retten, mit dem sie nach Paris durchgebrannt war.

Maurice bohrte einen Finger in das Gesicht des Babys, und es erwachte und quäkte beunruhigt. Mrs. Glover zog Maurice am Ohr. Sylvie zuckte zusammen, doch Maurice ertrug den Schmerz stoisch. Sobald sie sich kräftiger fühlte, wollte Sylvie endlich ein ernstes Wort mit Mrs. Glover reden.

»Wie werden Sie sie nennen?«, fragte Mrs. Glover.

»Ursula«, sagte Sylvie. »Ich werde sie Ursula nennen. Das bedeutet kleine Bärin.«

Mrs. Glover nickte unverbindlich. Die Mittelschicht hatte ihre eigenen Gesetze. Ihr bärenstarker Sohn war ein schlichter George. »Der die Erde bearbeitet, aus dem Griechischen«, laut dem Vikar, der ihn getauft hatte, und George war tatsächlich ein Ackermann auf dem nahen Bauernhof von Ettringham Hall, als hätte der Name sein Schicksal bestimmt. Nicht, dass Mrs. Glover oft über das Schicksal nachdachte. Oder über die alten Griechen.

»So, wir müssen an die Arbeit«, sagte Mrs. Glover. »Zum Mittagessen gibt es eine schöne Rindfleischpastete und danach einen ägyptischen Pudding.«

Sylvie hatte keine Ahnung, was ein ägyptischer Pudding war. Sie dachte an Pyramiden.

»Wir müssen alle bei Kräften bleiben«, sagte Mrs. Glover.

»Ja, das stimmt«, sagte Sylvie. »Und genau aus diesem Grund sollte ich Ursula jetzt wahrscheinlich wieder stillen!« Ihr eigenes unsichtbares Ausrufezeichen irritierte sie. Aus unerfindlichem Grund sah sich Sylvie häufig bemüßigt, Mrs. Glover gegenüber einen auffällig forsch-fröhlichen Ton anzuschlagen, als wollte sie eine Art natürliches Gleichgewicht von Temperamenten in der Welt wiederherstellen.

Mrs. Glover konnte einen leichten Schauder beim Anblick von Sylvies bleichen, blau geäderten Brüsten nicht unterdrücken, die aus ihrem rüschigen, spitzenbesetzten Morgenrock herausfielen. Hastig scheuchte sie die Kinder aus dem Zimmer. »Haferbrei«, sagte sie mit grimmiger Miene zu ihnen.

 

»Der liebe Gott wollte dieses Baby unbedingt zurückhaben«, sagte Bridget, als sie später am Morgen mit einer Tasse dampfender Fleischbrühe ins Zimmer kam.

»Wir wurden geprüft«, entgegnete Sylvie, »und als nicht zu leicht befunden.«

»Dieses Mal«, sagte Bridget.

Mai 1910

Ein Telegramm«, sagte Hugh, der unerwartet ins Kinderzimmer trat und Sylvie aus dem angenehmen Halbschlaf riss, in dem sie versunken war, während sie Ursula stillte. Sie bedeckte sich rasch und fragte: »Ein Telegramm? Ist jemand gestorben?«, denn Hughs Miene ließ auf eine Katastrophe schließen.

»Aus Wiesbaden.«

»Ah«, sagte Sylvie. »Dann hat Izzie also ihr Baby bekommen.«

»Wenn der Schurke nur nicht verheiratet wäre«, sagte Hugh. »Dann hätte er meine Schwester zu einer ehrbaren Frau machen können.«

»Eine ehrbare Frau?«, sinnierte Sylvie. »Gibt es so etwas überhaupt?« (Hatte sie das laut ausgesprochen?) »Und außerdem ist sie noch viel zu jung zum Heiraten.«

Hugh runzelte die Stirn. Es machte ihn hübscher. »Nur zwei Jahre jünger als du bei unserer Hochzeit«, sagte er.

»Aber irgendwie so viel älter«, murmelte Sylvie. »Ist alles in Ordnung? Ist das Baby wohlauf?«

Als Hugh sie ausfindig gemacht und in Paris in den Zug zum Schiff gezerrt hatte, war Izzie schon sichtbar enceinte gewesen. Adelaide, ihre Mutter, sagte, dass sie es vorgezogen hätte, wenn Izzie von weißen Sklavenhändlern entführt worden wäre, statt mit so großer Begeisterung ein ausschweifendes Leben zu führen. Sylvie fand die Vorstellung weißer Sklavenhändler durchaus interessant – sie sah vor sich, wie sie von einem Wüstenscheich auf einem Araberhengst fortgebracht wurde und dann auf einem weich gepolsterten Diwan lag, in Seide und Schleier gekleidet, Süßigkeiten aß und an einem Sorbet nippte, während Bächlein und Springbrunnen plätscherten. (Sie glaubte nicht, dass es in Wirklichkeit so war.) Ein Harem voller Frauen erschien ihr eine ausgesprochen gute Idee – sie konnten die Last der ehelichen Pflichten teilen und so weiter.

Adelaide, heldenhaft viktorianisch in ihren Einstellungen, hatte beim Anblick des anschwellenden Bauches ihrer jüngsten Tochter buchstäblich die Tür verriegelt und sie über den Kanal zurückgeschickt, damit sie im Ausland die Schande austrug. Das Baby sollte so rasch wie möglich adoptiert werden. »Ein ehrbares deutsches Paar, das keine eigenen Kinder haben kann«, sagte Adelaide. Sylvie versuchte sich vorzustellen, wie es wäre, ein Kind wegzugeben. (»Und werden wir nie wieder etwas von ihm hören?«, fragte sie. »Hoffentlich nicht«, sagte Adelaide.) Izzie sollte jetzt in ein Mädchenpensionat in der Schweiz abgeschoben werden, um ihrer Ausbildung den letzten Schliff zu verleihen, auch wenn es schien, dass sich das in mehr als nur einer Beziehung bereits erledigt hatte.

»Ein Junge«, sagte Hugh und wedelte mit dem Telegramm herum wie mit einer Fahne. »Gesund und so weiter.«

 

Ursula erlebte ihren ersten eigenen Frühling. Sie lag im Kinderwagen unter der Buche und betrachtete die flackernden Muster, die das Licht in das zartgrüne Laub zeichnete, während die Brise die Äste leicht bewegte. Die Äste waren wie Arme, und die Blätter waren wie Hände. Der Baum tanzte für sie. Schlaf, Kindlein, schlaf, gurrte Sylvie, die Mutter schüttelt’s Bäumelein.

Ein Männlein steht im Walde, sang Pamela lispelnd, ganz still und stumm.

Ein winziger Hase baumelte vom Verdeck des Kinderwagens, drehte sich im Kreis, die Sonne blitzte auf seiner silbernen Haut auf. Der Hase saß aufrecht in einem Körbchen und hatte einst die Rassel des Kleinkinds Sylvie geschmückt, die Rassel war wie Sylvies Kindheit längst verloren.

Nackte Äste, Knospen, Blätter – die Welt, wie sie sie kannte, kam und ging vor Ursulas Augen. Zum ersten Mal erlebte sie den Wechsel der Jahreszeiten. Mit dem Winter in den Knochen war sie geboren, doch dann folgten das große Versprechen des Frühlings, das Aufplatzen der fetten Knospen, die träge Hitze des Sommers, Schimmel und Schwamm des Herbstes. Durch den begrenzten Ausschnitt des Kinderwagenverdecks sah sie alles. Ganz zu schweigen von den wahllosen Ausschmückungen, die die Jahreszeiten mit sich brachten – Sonne, Wolken, Vögel, einen verschlagenen Kricketball, der lautlos über sie hinwegflog, ein-, zweimal einen Regenbogen und öfter Regen, als ihr lieb war. (Manchmal dauerte es, bis man sie vor den Elementen rettete.)

Einmal waren da sogar Sterne und der aufgehende Mond – gleichermaßen erstaunlich und erschreckend –, als man sie an einem Herbstabend vergessen hatte. Bridget wurde dafür verantwortlich gemacht. Der Kinderwagen stand draußen, gleichgültig, wie das Wetter war, denn Sylvie hatte von ihrer Mutter Lottie die Fixierung auf frische Luft geerbt. Lottie hatte in jungen Jahren eine Zeitlang in einem Schweizer Sanatorium verbracht, in eine Wolldecke gewickelt tagelang auf einer Terrasse im Freien gesessen und teilnahmslos auf die verschneiten Alpengipfel geblickt.

Die Buche warf die Blätter ab, papiernes bronzefarbenes Gestöber am Himmel über ihrem Kopf. An einem stürmischen Novembertag tauchte eine bedrohliche Gestalt auf und schaute in den Kinderwagen. Maurice, der Grimassen schnitt und »huh, huh, huh« sang, bevor er mit einem Stock in die Decken stach. »Dummes Baby«, sagte er, und dann begrub er sie unter einem weichen Haufen Laub. Sie wollte unter ihrer neuen Blätterdecke gerade wieder einschlafen, als plötzlich eine Hand Maurice auf den Kopf schlug, und er schrie »Au!« und war nicht mehr zu sehen. Der silberne Hase tanzte eine Pirouette nach der anderen, ein großes Paar Hände hob sie aus dem Kinderwagen, und Hugh sagte: »Da ist sie ja«, als wäre sie verschwunden gewesen.

»Wie ein Igel im Winterschlaf«, sagte er zu Sylvie.

»Das arme Ding«, sagte Sylvie und lachte.

 

Dann wurde es wieder Winter. Sie erkannte ihn vom ersten Mal wieder.

Juni 1914

Ursula erreichte ihren fünften Sommer ohne weitere gravierende Zwischenfälle. Ihre Mutter war erleichtert, dass das Baby trotz (oder vielleicht wegen) seines beängstigenden Starts ins Leben und dank (oder vielleicht trotz) Sylvies strammem Regiment zu einem stabilen Kind heranwuchs. Ursula dachte nicht zu viel nach, wie Pamela es manchmal tat, und auch nicht zu wenig, wozu Maurice neigte.

Eine kleine Soldatin, dachte Sylvie, während sie zusah, wie Ursula Maurice und Pamela am Strand hinterhermarschierte. Wie klein sie wirkten – sie waren klein, das wusste sie –, doch manchmal war Sylvie überrascht von der Größe ihrer Gefühle für ihre Kinder. Das kleinste, neueste – Edward – lag in einem Weidenkorb neben ihr im Sand und hatte noch nicht gelernt, Zeter und Mordio zu schreien.

Sie hatten für einen Monat ein Haus in Cornwall gemietet. Hugh blieb die erste Woche und Bridget die ganze Zeit. Bridget und Sylvie kochten (ziemlich schlecht), da Sylvie Mrs. Glover den Monat freigegeben hatte, damit sie ihre Schwester in Salford besuchen konnte, die einen Sohn durch Diphtherie verloren hatte. Sylvie seufzte vor Erleichterung, als sie auf dem Bahnsteig stand und Mrs. Glovers breiten Rücken im Abteil verschwinden sah. »Du hättest sie nicht zum Zug bringen müssen«, sagte Hugh.

»Es war so eine Freude, sie abfahren zu sehen«, sagte Sylvie.

 

Die Sonne schien heiß, der Wind wehte stürmisch vom Meer, und Sylvie lag die ganze Nacht ungestört auf dem harten fremden Bett. Sie kauften Fleischpasteten und Pommes frites und mit Äpfeln gefüllte Teigtaschen und aßen sie, auf einer Decke am Strand sitzend, den Rücken an die Felsen gelehnt. Die Anmietung einer Strandhütte löste das stets knifflige Problem, ein Baby in der Öffentlichkeit zu stillen. Manchmal zogen Bridget und Sylvie die Schuhe aus und streckten mutig die Zehen ins Wasser, dann wieder saßen sie unter riesigen Sonnenschirmen im Sand und lasen.

Sylvie führte sich Conrad zu Gemüte, während Bridget Sylvies Ausgabe von Jane Eyre las, da sie vergessen hatte, einen der spannenden Schauerromane mitzunehmen, die für gewöhnlich ihre Lektüre darstellten. Bridget erwies sich als angeregte Leserin, schnappte häufig vor Entsetzen nach Luft oder erregte sich angewidert und am Ende vor Freude. Im Vergleich dazu wirkte Der Geheimagent ziemlich trocken.

Bridget war ein Geschöpf des Binnenlands und sorgte sich ständig, ob die Flut sich gerade zurückzog oder stieg, und war scheinbar unfähig, die Vorhersagbarkeit der Gezeiten zu verstehen. »Sie verschieben sich jeden Tag ein paar Minuten«, erklärte Sylvie geduldig.

»Aber warum um Himmels willen?«, fragte eine ratlose Bridget.

»Weil …« Sylvie hatte absolut keine Ahnung. »Warum nicht?«, meinte sie knapp.

 

Die Kinder, die mit ihren Keschern in den Gezeitentümpeln am anderen Ende des Strands gefischt hatten, kehrten zurück. Pamela und Ursula blieben auf halbem Weg stehen, um im Wasser zu planschen, aber Maurice legte einen Zahn zu, lief zu Sylvie und warf sich in den Sand. Er hielt einen kleinen Krebs an der Schere, und Bridget kreischte bei seinem Anblick auf.

»Gibt’s noch Fleischpastete?«, fragte er.

»Benimm dich, Maurice«, ermahnte ihn Sylvie. Nach dem Sommer käme er in ein Internat. Sylvie war erleichtert.

 

»Komm, wir springen über die Wellen«, sagte Pamela. Pamela war diktatorisch, aber auf nette Art, und Ursula war es fast immer zufrieden, sich ihren Plänen anzuschließen, und selbst wenn sie es nicht war, fügte sie sich.

Ein Reifen rollte im Sand an ihnen vorbei, als würde er vom Wind getrieben, und Ursula wollte ihm nachlaufen, um ihn mit seinem Besitzer wiederzuvereinigen, aber Pamela sagte: »Nein, komm mit, wir wollen planschen.« Sie legten ihre Kescher in den Sand und wateten in die Brandung. Es war ein Rätsel, warum das Wasser, sosehr sie in der Sonne auch schwitzten, immer eiskalt war. Sie kreischten und quiekten wie gewöhnlich, bevor sie sich an den Händen fassten und auf die Wellen warteten. Als sie kamen, waren sie enttäuschend klein, nicht mehr als ein Gekräusel mit Spitzenbesatz. Sie wateten weiter hinaus.

Jetzt gab es überhaupt keine Wellen mehr, nur noch ein schwaches Ansteigen und Sinken des Wassers, das sie etwas hochhob und dann wieder absetzte. Ursula drückte Pamelas Hand fester, wenn die Dünung anstieg. Das Wasser reichte ihr bis zur Taille. Pamela drängte weiter hinaus wie eine Galionsfigur an einem Bug, die durch hohe Wogen pflügt. Jetzt reichte Ursula das Wasser bis zu den Achselhöhlen, und sie fing an zu schreien und an Pamelas Hand zu zerren, wollte verhindern, dass sie noch weiter hinauswatete. Pamela blickte über die Schulter zu ihr und sagte: »Hör auf, sonst fallen wir beide um«, und deswegen sah sie die riesige Welle nicht, die sich vor ihr auftürmte. Im nächsten Augenblick war sie über sie hereingebrochen und wirbelte sie herum, als wären sie Blätter.

Ursula spürte, wie sie nach unten gezogen wurde, tiefer und tiefer, als wäre sie meilenweit draußen auf dem Meer und nicht in Sichtweite des Ufers. Ihre kurzen Beine traten zu, um Halt auf dem Sand zu finden. Wenn sie nur stehen und gegen die Wellen kämpfen könnte, aber sie fand keinen Sand, um darauf zu stehen, und sie begann, Wasser zu schlucken und in Panik um sich zu schlagen. Es würde doch bestimmt jemand kommen, Bridget oder Sylvie, und sie retten? Oder Pamela – wo war sie?

Niemand kam. Und es war nur noch Wasser da. Wasser und mehr Wasser. Ihr hilfloses kleines Herz schlug rasend, ein in ihrer Brust gefangener Vogel. Tausend Bienen summten in den Perlmuttwindungen ihres Ohrs. Keine Luft. Ein ertrinkendes Kind, ein vom Himmel fallender Vogel.

Es wurde dunkel.

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Schnee

11. Februar 1910

Bridget nahm das Frühstückstablett, und Sylvie sagte: »Oh, lass das Schneeglöckchen da. Stell es auf den Nachttisch.« Auch das Baby behielt sie bei sich. Das Feuer brannte jetzt lichterloh, und das gleißende Schneelicht, das durch das Fenster fiel, wirkte sowohl heiter als auch seltsam unheilvoll. An den Hausmauern hatten sich Schneewehen gebildet, die gegen sie drückten, sie begruben. Sie befanden sich in einem Kokon. Sie stellte sich vor, wie Hugh sich heldenhaft durch den Schnee nach Hause kämpfte. Er war jetzt drei Tage fort und suchte nach seiner Schwester Isobel. Gestern (wie lange das schon zurück zu liegen schien) war aus Paris ein Telegramm eingetroffen: DIE BEUTE IST UNTERGETAUCHT STOP VERFOLGE SIE STOP, obwohl Hugh nicht wirklich ein Jägersmann war. Sie musste ebenfalls ein Telegramm schicken. Was sollte sie schreiben? Etwas Kryptisches. Hugh mochte Rätsel. WIR WAREN VIER STOP DU BIST FORT ABER WIR SIND IMMER NOCH VIER STOP (Bridget und Mrs. Glover zählten nicht). Oder etwas Prosaischeres. BABY GEBOREN STOP ALLES IN ORDNUNG STOP. Stimmte das? War alles in Ordnung? Das Baby wäre beinahe gestorben. Es hatte keine Luft bekommen. Was, wenn mit ihm nicht alles in Ordnung war? Sie hatten in der Nacht über den Tod triumphiert. Sylvie fragte sich, wann der Tod Rache nehmen würde.

Schließlich schlief Sylvie ein und träumte, dass sie in ein neues Haus gezogen war und nach ihren Kindern suchte, durch die fremden Räume lief und ihre Namen rief, aber sie wusste, dass sie für immer verschwunden waren und nie mehr gefunden würden. Sie erwachte erschrocken und war erleichtert, dass in dem großen weißen Schneefeld ihres Bettes zumindest das Baby noch bei ihr war. Das Baby. Ursula. Den Namen hatte Sylvie bereits ausgesucht, Edward, wenn es ein Junge gewesen wäre. Den Kindern einen Namen zu geben war ihr vorbehalten, Hugh schien es gleichgültig zu sein, wie sie hießen, doch Sylvie nahm an, dass auch er Grenzen hatte. Scheherazade vielleicht. Oder Guinevere.

Ursula öffnete die milchigen Augen, und es sah aus, als fixiere sie das müde Schneeglöckchen. Schlaf, Kindlein, schlaf, sang Sylvie leise. Wie still es im Haus war. Wie sehr man sich da täuschen konnte. In einem einzigen Augenblick, mit einem falschen Fußtritt konnte man alles verlieren. »Düstere Gedanken sind um jeden Preis zu vermeiden«, sagte sie zu Ursula.

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Krieg

Juni 1914

Mr. Winton – Archibald – stellte die Staffelei in den Sand und versuchte, mit wässrigen blauen Schmierflecken ein Seestück zu malen – Preußischblau- und Kobalttöne, Viridian und Terre Verte. Er tupfte ein paar ziemlich verschwommene Möwen in den Himmel, der so gut wie nicht zu unterscheiden war von den Wellen darunter, und stellte sich vor, wie er bei seiner Rückkehr nach Hause das Bild zeigen und sagen würde: »Im Stil der Impressionisten, versteht ihr.«

Mr. Winton, ein Junggeselle, war von Beruf Bürovorsteher in einer Fabrik in Birmingham, die Stecknadeln herstellte, doch von Natur aus war er Romantiker. Er war Mitglied eines Fahrradvereins und radelte jeden Sonntag so weit wie möglich hinaus aus der verschmutzten Luft von Birmingham, und seinen jährlichen Urlaub verbrachte er an der See, damit er gute Luft atmen und sich eine Woche lang als Künstler fühlen konnte.

Er überlegte, ob er ein paar Menschen in das Bild malen sollte, sie würden ihm Leben und »Bewegung« verleihen, und sein Lehrer an der Abendschule (er machte dort einen Malkurs) hatte ihn ermutigt, diese Elemente in sein Werk einzuführen. Die zwei kleinen Mädchen am Strand waren dafür geeignet. Sie trugen Sonnenhüte und entbanden ihn dadurch von dem Versuch, ihre Gesichtszüge zu porträtieren, eine Kunst, die er bislang noch nicht wirklich gemeistert hatte.

 

»Komm, wir springen über die Wellen«, sagte Pamela.

»Och«, sagte Ursula und zierte sich. Pamela ergriff ihre Hand und zog sie ins Wasser. »Sei nicht albern.« Je näher sie dem Wasser kam, umso größer wurde Ursulas Panik, bis sie von Angst überflutet war, aber Pamela lachte und lief spritzend ins Wasser, und Ursula musste ihr folgen. Sie suchte in Gedanken fieberhaft nach etwas, was Pamela veranlassen würde, zum Strand zurückzukehren – eine Karte, auf der ein Schatz eingezeichnet war, ein Mann mit einem jungen Hund –, aber es war zu spät. Eine riesige Welle türmte sich auf, brach über ihren Köpfen, krachte auf sie herunter und nahm sie mit in die tiefe, tiefe Wasserwelt.

 

Sylvie erschrak, als sie von ihrem Buch aufblickte und einen Mann, einen Fremden, am Strand auf sich zukommen sah, unter jedem Arm eine ihrer Töchter, als würde er Gänse oder Hühner tragen. Die Mädchen waren patschnass und tränenüberströmt. »Sie sind ein bisschen zu weit ins Wasser gegangen«, sagte der Mann. »Aber es ist ihnen nichts passiert.«

Sie luden den Lebensretter, einen Mr. Winton, Büroangestellter (»Vorsteher«), zu Tee und Kuchen in ein Hotel mit Meerblick ein. »Das ist das mindeste, was ich tun kann«, sagte Sylvie. »Ihre Schuhe sind ruiniert.«

»Nicht der Rede wert«, sagte Mr. Winton bescheiden.

»O doch, das ist ganz eindeutig der Rede wert«, sagte Sylvie.

 

»Froh, wieder da zu sein?« Hugh strahlte und begrüßte sie auf dem Bahnsteig.

»Bist du froh, dass du uns wieder hast?«, fragte Sylvie etwas kämpferisch.

»Zu Hause wartet eine Überraschung auf euch«, sagte Hugh. Sylvie mochte keine Überraschungen, alle wussten das.

»Ratet, was es ist«, sagte Hugh.

Sie tippten auf ein junges Hündchen, von dem es ein weiter Weg zu dem Petter Stromgenerator war, den Hugh im Keller installiert hatte. Sie marschierten die steile steinerne Treppe hinunter und starrten auf das ölverschmierte puckernde Ding, die Reihen der gläsernen Akkumulatoren. »Es werde Licht«, sagte Hugh.

Es sollte lange dauern, bis sie einen Lichtschalter betätigen konnten, ohne damit zu rechnen, in die Luft zu fliegen. Mehr als Licht schaffte das Ding natürlich nicht. Bridget hatte auf einen Staubsauger gehofft als Ersatz für ihre alte Ewbank-Teppichkehrmaschine, aber die Spannung reichte nicht aus. »Gott sei Dank«, sagte Sylvie.

Juli 1914

Durch die offene Terrassentür beobachtete Sylvie, wie Maurice ein improvisiertes Tennisnetz errichtete, was bedeutete, dass er auf fast alles in seiner Nähe mit einem Holzhammer eindrosch. Kleine Jungen waren ihr ein Rätsel. Die Befriedigung, die sie daraus zogen, stundenlang Stöcke oder Steine zu werfen, das zwanghafte Sammeln unbelebter Objekte, die brutale Zerstörung der fragilen Welt um sie herum, das alles schien nicht zu den Männern zu passen, zu denen sie eigentlich werden sollten.

Lautes Geplapper im Eingang kündigte die frohgemute Ankunft von Margaret und Lily an, einst Schulfreundinnen und jetzt seltene Gäste, die mit bunten Schleifen versehene Geschenke für das neue Baby, Edward, mitbrachten.

Margaret war Künstlerin, militante Junggesellin, eventuell jemandes Geliebte, eine skandalöse Möglichkeit, die Sylvie Hugh gegenüber unerwähnt gelassen hatte. Lily war Fabierin, eine betuchte Suffragette, die für ihre Überzeugungen nichts riskierte. Sylvie dachte an gefesselte Frauen, denen Schläuche in den Hals geschoben wurden, und hob schützend eine Hand an den eigenen hübschen weißen Hals. Lilys Mann, Cavendish (der Name eines Hotels, aber doch nicht eines Mannes), hatte Sylvie bei einem Tanztee einmal mit seinem ziegenbockartigen, nach Zigarre riechenden Körper gegen eine Säule gedrückt und etwas so Empörendes vorgeschlagen, dass ihr bei dem Gedanken daran vor Verlegenheit jetzt noch ganz heiß wurde.

»Ah, frische Luft«, rief Lily, als Sylvie sie in den Garten führte. »Es ist so ländlich hier.« Sie gurrten wie Ringeltauben – oder wie Straßentauben, diese mindere Spezies – über dem Kinderwagen und bewunderten das Baby fast so sehr, wie sie Sylvie zu ihrer gertenschlanken Figur beglückwünschten.

»Ich lasse den Tee bringen«, sagte Sylvie, die bereits müde war.

 

Sie hatten einen Hund. Einen großen, herumstromernden französischen Mastiff namens Bosun. »Der Name von Byrons Hund«, sagte Sylvie. Ursula hatte keine Ahnung, wer der mysteriöse Byron war, aber er hatte anscheinend keinerlei Interesse daran, den Hund von ihnen zurückzufordern. Bosun hatte eine weiche, lockere, pelzige Haut, die unter Ursulas Fingern wegglitt, und sein Atem roch nach dem Hammelhals, den Mrs. Glover zu ihrem Abscheu für ihn auskochen musste. Es war ein guter Hund, sagte Hugh, ein verantwortungsbewusster Hund, der Menschen aus brennenden Gebäuden holte und sie vor dem Ertrinken rettete.

Pamela setzte Bosun gern eine alte Mütze auf und band ihm einen Schal um und tat dann so, als wäre er ihr Baby, obwohl sie jetzt ein richtiges Baby hatten – einen Jungen, Edward. Alle nannten ihn Teddy. Das neue Baby schien eine Überraschung für ihre Mutter zu sein. »Ich weiß gar nicht, wo er herkommt.« Sylvies Lachen klang wie Schluckauf. Sie trank auf dem Rasen Tee mit zwei Schulfreundinnen »aus ihrer Londoner Zeit«, die gekommen waren, um den Neuling in Augenschein zu nehmen. Alle drei trugen hübsche leichte Kleider und große Strohhüte und saßen auf Korbstühlen, tranken Tee und aßen Mrs. Glovers Sherrykuchen. Ursula und Bosun saßen in höflicher Entfernung im Gras und hofften auf Brosamen.

Maurice hatte ein Netz gespannt und versuchte ohne große Begeisterung, Pamela das Tennisspielen beizubringen. Ursula war damit beschäftigt, für Bosun eine Krone aus Gänseblümchen zu flechten. Sie hatte ungeschickte Wurstfinger. Sylvie hatte die langen flinken Finger einer Künstlerin oder Pianistin. Sie spielte auf dem Klavier im Salon (»Chopin«). Nach dem Abendessen sangen sie manchmal im Kanon, aber Ursula schaffte es nie, mit ihrem Part zur richtigen Zeit einzustimmen. (»Was für ein Tölpel«, sagte Maurice. »Übung macht den Meister«, sagte Sylvie.) Wenn sie den Deckel des Klaviers öffnete, roch es wie in einem alten Koffer. Der Geruch erinnerte Ursula an ihre Großmutter Adelaide, die ihre Tage schwarz gewandet und Madeira trinkend verbrachte.

Der Neuankömmling lag in einem riesigen Kinderwagen unter der großen Buche. Sie alle hatten in dieser Herrlichkeit gelegen, aber keiner von ihnen erinnerte sich daran. Vom Verdeck baumelte ein kleiner silberner Hase, und das Baby hatte es gemütlich unter einer Decke, die »von Nonnen bestickt war«, obwohl nie jemand erklärte, wer diese Nonnen waren und warum sie ihre Tage damit verbrachten, kleine gelbe Enten zu sticken.

»Edward«, sagte eine von Sylvies Freundinnen. »Teddy?«

»Ursula und Teddy. Meine zwei kleinen Bären«, sagte Sylvie und lachte ihr Schluckauflachen.

Ursula war sich überhaupt nicht sicher, ob sie ein Bär sein wollte. Sie wäre lieber ein Hund gewesen. Sie legte sich auf den Rücken und starrte in den Himmel. Bosun ächzte laut und streckte sich neben ihr aus. Schwalben durchschnitten verwegen das Blau. Sie hörte das leise Klacken von Tassen auf Untertassen, das Krächzen und Klappern des Rasenmähers, den der alte Tom durch den Garten der Coles nebenan schob, und roch den pfeffrig süßen Duft der Nelken in der Rabatte und das berauschende Grün von frisch gemähtem Gras.

»Ah«, sagte eine von Sylvies Londoner Freundinnen, streckte die Beine aus und entblößte dabei einen zierlichen, weiß bestrumpften Knöchel. »Ein langer heißer Sommer. Ist das nicht wunderbar?«

Der Frieden wurde gestört von einem angewiderten Maurice, der seinen Schläger ins Gras warf, wo er knarrend aufprallte. »Ich kann es ihr nicht beibringen – sie ist ein Mädchen!«, schrie er und stapfte in die Sträucher, wo er mit einem Stock auf alles Mögliche einschlug, in seinem Kopf allerdings war er mit einer Machete im Urwald. Nach dem Sommer müsste er ins Internat. Es war dieselbe Schule, in der auch Hugh gewesen war und sein Vater vor ihm. (»Und so weiter, bis zur Eroberung durch die Normannen wahrscheinlich«, sagte Sylvie.) Hugh sagte, dass Maurice dort »gemacht« würde, doch Ursula schien er bereits ziemlich fertig. Hugh erzählte, dass er sich zu Beginn in der Schule jeden Abend in den Schlaf geweint habe, und trotzdem schien er mehr als zufrieden damit, Maurice der gleichen Tortur zu unterziehen. Maurice schob die Brust nach vorn und erklärte, dass er nicht weinen würde.

(»Und was ist mit uns?«, fragte eine besorgte Pamela. »Müssen wir auch fort, um in die Schule zu gehen?«

»Nur wenn ihr sehr ungezogen seid«, antwortete Hugh und lachte.)

Eine rotwangige Pamela ballte die Fäuste, stemmte sie in die Hüfte und brüllte dann Maurice’ indifferentem Rücken nach: »Du bist so ein Schwein!« Das Wort »Schwein« klang bei ihr viel schlimmer, als es war. Schweine waren nett.

»Pammy«, sagte Sylvie milde. »Du klingst wie ein Fischweib.«

Ursula näherte sich langsam dem Kuchen.

»Ach, komm her«, sagte eine der Frauen zu ihr, »lass dich anschauen.« Ursula wollte sich nicht anschauen lassen, wurde jedoch von Sylvie festgehalten. »Sie ist ziemlich hübsch«, sagte Sylvies Freundin. »Sie kommt nach dir, Sylvie.«

»Haben Fische Weiber?«, fragte Ursula ihre Mutter, und Sylvies Freundinnen lachten. Hübsche wohlklingende Blasen. »Was für ein komisches kleines Ding«, sagte eine von ihnen.

»Ja, sie ist zum Totlachen«, sagte Sylvie.

 

»Ja, sie ist zum Totlachen«, sagte Sylvie.

»Kinder«, sagte Margaret, »sind sie nicht drollig?«

Sie sind so viel mehr als das, dachte Sylvie, aber wie erklärt man das Ausmaß der Mutterschaft jemandem, der keine Kinder hat? In Gegenwart ihrer Besucherinnen kam sich Sylvie nahezu wie eine Matriarchin vor, die Freundschaften ihrer kurzen Jugend eingeschränkt aufgrund der Ehe.

Bridget kam mit dem Tablett heraus und begann die Teesachen wegzuräumen. Morgens trug Bridget ein gestreiftes Baumwollkleid für die Hausarbeit, doch nachmittags zog sie ein schwarzes Kleid mit weißen Manschetten und weißem Kragen, eine weiße Schürze und eine kleine weiße Haube an. Sie war aus der Küche aufgestiegen. Alice war gegangen, um zu heiraten, und Sylvie hatte ein Mädchen aus dem Dorf, Marjorie, eingestellt, eine schielende Dreizehnjährige, die bei der groben Arbeit half. (»Mit zwei kommen wir nicht aus?«, hatte Hugh vorsichtig gefragt. »Bridget und Mrs. G.? Wir haben hier ja kein Riesenanwesen.«

»Nein, mit zwei kommen wir nicht aus«, erwiderte Sylvie, und damit war die Sache erledigt.)

Die kleine weiße Haube war Bridget zu groß und rutschte ihr ewig in die Stirn und über die Augen. Auf dem Rückweg über den Rasen wurde ihr von der Haube plötzlich die Sicht genommen, und sie stolperte, ein Varieté-Auftritt, den sie gerade noch rechtzeitig rettete, die einzigen Unfallopfer waren die silberne Zuckerdose und die Zuckerzange, die durch die Luft schossen. Weißer Kandis landete wie blind geworfene Würfel verstreut auf dem grünen Gras. Maurice lachte überspannt über Bridgets Ungeschick, und Sylvie sagte: »Maurice, hör auf, herumzukaspern.«

Sie sah zu, wie Bosun und Ursula den über Bord gegangenen Zucker einsammelten, Bosun mit seiner großen rosa Zunge, Ursula exzentrischerweise mit der knifflig zu handhabenden Zuckerzange. Bosun verschluckte die Stücke, ohne zu kauen. Ursula lutschte den Zucker langsam, ein Stück nach dem anderen. Sylvie mutmaßte, dass Ursula diejenige war, die aus dem Rahmen fiel. Selbst ein Einzelkind, war sie häufig verwirrt von den komplexen geschwisterlichen Beziehungen zwischen ihren Kindern.

»Du solltest mal nach London kommen«, sagte Margaret unvermittelt. »Ein paar Tage bei mir bleiben. Wir könnten großen Spaß haben.«

»Aber die Kinder«, sagte Sylvie. »Das Baby. Ich kann sie nicht allein lassen.«

»Warum nicht?«, sagte Lily. »Dein Kindermädchen kann sich doch ein paar Tage um sie kümmern, oder?«

»Aber ich habe kein Kindermädchen«, sagte Sylvie. Lily schaute sich im Garten um, als suchte sie ein zwischen den Hortensien lauerndes Kindermädchen. »Und ich will auch keins«, fügte Sylvie hinzu. (Oder doch?) Die Mutterschaft war ihre Verantwortung, ihr Schicksal. Und da sie sich sonst nicht betätigte (und was hätte sie tun sollen?), war sie ihr Leben. Englands Zukunft klammerte sich an Sylvies Brust. Sie zu ersetzen war kein sorgloses Unterfangen, als würde ihre Abwesenheit kaum mehr bedeuten als ihre Anwesenheit. »Und ich stille das Baby selbst«, sagte sie. Beide Frauen wirkten überrascht. Lily legte unwillkürlich eine Hand an den eigenen Busen, als wollte sie ihn vor einem Angriff schützen.

»Das hat Gott so vorgesehen«, sagte Sylvie, obwohl sie seit dem Verlust von Tiffin nicht mehr an Gott glaubte. Hugh rettete sie, indem er wie ein Mann mit einem Ziel vor Augen über den Rasen schritt. Er lachte und sagte: »Was ist denn hier los?«, hob Ursula hoch und warf sie lässig in die Luft, bis sie an einem Stück Zucker zu würgen begann. Er lächelte Sylvie an und sagte: »Deine Freundinnen«, als hätte sie vergessen, wer sie waren.

»Freitagabend«, sagte Hugh und stellte Ursula auf dem Rasen ab, »die Mühen des arbeitenden Mannes sind vorbei, und ich glaube, es ist Zeit, den Abend einzuläuten. Würden die reizenden Damen gern etwas Stärkeres als Tee zu sich nehmen? Gin Slings vielleicht?« Hugh hatte vier jüngere Schwestern und fühlte sich wohl in Gesellschaft von Frauen. Allein das reichte aus, um sie zu bezaubern. Sylvie wusste, dass er beschützen, nicht verführen wollte, doch gelegentlich staunte sie über seine Beliebtheit und fragte sich, wohin sie führen würde. Oder bereits geführt hatte.

Zwischen Maurice und Pamela wurde ein Waffenstillstand ausgehandelt. Sylvie bat Bridget, einen Tisch auf die kleine, aber nützliche Terrasse zu ziehen, so dass die Kinder im Freien zu Abend essen konnten – Heringrogen auf Toast und ein rosa Etwas, das kaum fest geworden war und hemmungslos wabbelte. Bei seinem Anblick wurde Sylvie leicht mulmig. »Kinderessen«, sagte Hugh genüsslich und sah seinen Kindern beim Essen zu.

»Österreich hat Serbien den Krieg erklärt«, sagte Hugh beiläufig, und Margaret sagte: »Wie dumm. Ich habe letztes Jahr eine wunderbare Woche in Wien verbracht. Im Hotel Imperial, kennt ihr es?«

»Nicht persönlich«, sagte Hugh.

Sylvie kannte es, sagte es aber nicht.

 

Der Abend wurde federweich. Sylvie, die auf einem Dunst aus Alkohol dahintrieb, erinnerte sich plötzlich an das cognacbedingte Ableben ihres Vaters und klatschte in die Hände, als wollte sie eine lästige kleine Fliege totschlagen, und sagte: »Zeit, ins Bett zu gehen, Kinder.« Sie sah zu, wie Bridget den schweren Kinderwagen unbeholfen über den Rasen schob. Sylvie seufzte, und Hugh half ihr aus dem Stuhl und küsste sie auf die Wange, als sie stand.

 

Sylvie öffnete das kleine Oberlicht im stickigen Zimmer des Babys. Sie nannten es »Babyzimmer«, aber es war kaum mehr als eine kleine, unter den Giebel gestopfte Kammer, stickig im Sommer und eiskalt im Winter und deswegen völlig ungeeignet für ein zartes Kleinkind. Wie Hugh glaubte Sylvie daran, Kinder früh abhärten zu müssen, damit sie später die Schläge des Lebens besser wegsteckten. (Den Verlust eines hübschen Hauses in Mayfair, eines geliebten Ponys, des Glaubens an eine allwissende Gottheit.) Sie saß auf dem samtbezogenen Stillstuhl und gab Edward die Brust. »Teddy«, murmelte sie liebevoll, während er sich in einen satten Schlaf schluckte und prustete. Als Babys liebte Sylvie sie am meisten, wenn sie schimmerten und neu waren wie die rosa Ballen in den Pfoten junger Kätzchen. Aber dieser war besonders. Sie küsste den Flaum auf seinem Kopf.

In der milden Luft schwebten Worte herauf. »Alles Schöne hat einmal ein Ende«, hörte sie Hugh sagen, als er Lily und Margaret zum Abendessen ins Haus geleitete. »Ich glaube, die poetisch veranlagte Mrs. Glover hat einen Rochen gebacken. Aber vielleicht wollt ihr ja zuerst meinen Petter-Generator sehen?« Die Frauen zwitscherten wie die albernen Schulmädchen, die sie noch immer waren.

 

Ursula erwachte von aufgeregten Rufen und Händeklatschen. »Elektrizität!«, hörte sie eine von Sylvies Freundinnen ausrufen. »Wie wunderbar!«

Sie schlief gemeinsam mit Pamela in einem Zimmer auf dem Dachboden. Sie hatten die gleichen kleinen Betten, zwischen denen ein Flickenteppich lag und ein Nachtschränkchen stand. Pamela schlief mit den Händen über dem Kopf und schrie manchmal auf, als würde sie von einer Nadel gestochen (ein schrecklicher Scherz, den Maurice liebte). Im Nachbarzimmer auf der einen Seite sägte Mrs. Glover Bäume, und auf der anderen murmelte sich Bridget durch die Nacht. Bosun schlief vor ihrer Tür, immer auf der Wacht, auch wenn er schlief. Manchmal jaulte er leise, aber sie wussten nicht, ob aus Freude oder aus Schmerz. Der Dachboden war ein dicht bevölkerter und unruhiger Ort.

Später, als sich die Besucherinnen verabschiedeten, erwachte Ursula noch einmal. (»Dieses Kind hat einen unnatürlich leichten Schlaf«, sagte Mrs. Glover, als wäre es ein Charakterfehler, der korrigiert werden musste.) Sie stand auf und tapste zum Fenster. Wenn sie sich auf einen Stuhl stellte und hinausschaute, was allen Kindern ausdrücklich verboten war, dann konnte sie Sylvie und ihre Freundinnen auf dem Rasen unten sehen, ihre Kleider flatterten wie Motten in der sich verdichtenden Dämmerung. Hugh stand am Gartentor und wartete, um sie zum Bahnhof zu begleiten.

Manchmal ging Bridget mit den Kindern zum Bahnhof, wenn ihr Vater abends von der Arbeit nach Hause kam. Maurice sagte, dass er vielleicht Lokomotivführer werden würde, wenn er älter wäre, oder ein Forschungsreisender in die Antarktis wie Sir Ernest Shackleton, der gerade zu seiner großen Expedition in See stach. Oder vielleicht würde er auch einfach nur Bankbeamter wie sein Vater.

Hugh arbeitete in London, einem Ort, in den sie hin und wieder fuhren, um einen gestelzten Nachmittag im Salon ihrer Großmutter in Hampstead zu verbringen, wo der streitsüchtige Maurice und Pamela an Sylvies Nerven »zerrten«, so dass sie auf der Rückfahrt im Zug immer schlecht gelaunt war.

Als alle gegangen waren und ihre Stimmen in der Ferne leiser wurden, kehrte Sylvie ins Haus zurück, jetzt ein dunkler Schatten auf dem Rasen, da die schwarze Fledermaus ihre Flügel entfaltete. Unbemerkt von Sylvie trottete ein Fuchs zielgerichtet in ihren Fußabdrücken, bevor er abbog und zwischen den Sträuchern verschwand.

 

»Hörst du was?«, fragte Sylvie. Sie saß von Kissen gestützt im Bett und las einen frühen Forster. »Das Baby vielleicht?«

Hugh legte den Kopf schief. Einen Augenblick lang erinnerte er Sylvie an Bosun.

»Nein«, sagte er.

Normalerweise schlief das Baby die Nacht durch. Es war ein Engel. Aber nicht im Himmel. Glücklicherweise.

»Der Pflegeleichteste bislang«, sagte Hugh.

»Ja, ich glaube, wir sollten ihn behalten.«

»Er sieht mir nicht ähnlich«, sagte Hugh.

»Nein«, stimmte sie ihm freundlich zu. »Er sieht überhaupt nicht aus wie du.«

Hugh lachte und küsste sie liebevoll. Dann sagte er: »Gute Nacht, ich mache mein Licht aus.«

»Ich lese noch ein Weilchen.«

 

An einem heißen Nachmittag ein paar Tage später zogen sie los, um zuzusehen, wie die Ernte eingebracht wurde.

Sylvie und Bridget gingen mit den Mädchen über die Felder, Sylvie trug das Baby in einem Schultertuch, das Bridget um Sylvies Oberkörper geschlungen und verknotet hatte. »Wie eine irische Bäuerin«, sagte Hugh amüsiert. Es war Samstag, und er lag, befreit aus den düsteren, beengten Räumen des Bankwesens, auf der Rattanliege auf der Terrasse hinter dem Haus und hielt den Wisden Cricketers’ Almanack, die Bibel des Krickets, in den Händen, als wäre es ein Gesangbuch.

Maurice war nach dem Frühstück verschwunden. Er war ein neun Jahre alter Junge und durfte gehen, wohin immer er wollte, mit wem immer er wollte, obwohl er dazu neigte, sich in der exklusiven Gesellschaft anderer neunjähriger Jungen aufzuhalten. Sylvie hatte keine Ahnung, was sie machten, aber am Ende des Tages kehrte er stets von Kopf bis Fuß verdreckt und mit einer unappetitlichen Trophäe zurück, einem Glas mit Fröschen oder Würmern, einem toten Vogel, dem gebleichten Schädel eines kleinen Tiers.

Die Sonne stieg schon eine Zeitlang steil am Himmel empor, als sie endlich aufbrachen, in ihren Bewegungen behindert von dem Baby, von Picknickkörben, Sonnenhüten und Sonnenschirmen. Bosun trottete neben ihnen her wie ein kleines Pony. »Himmel, wir sind beladen wie Flüchtlinge«, sagte Sylvie. »Wie die Juden, die aus Israel ziehen.«

»Wie die Juden?«, sagte Bridget und verzog angewidert das unscheinbare Gesicht.

Teddy verschlief den Treck in seinem improvisierten Tragetuch, während sie über Zaunübertritte stiegen und in Furchen stolperten, die die Sonne hart gebacken hatte. Bridget zerriss sich das Kleid an einem Nagel und behauptete, sie hätte Blasen an den Füßen. Sylvie überlegte, ob sie ihr Korsett ausziehen und es neben dem Weg liegen lassen sollte, stellte sich die Verwirrung dessen vor, der es finden würde. Unvermittelt und bei helllichtem Tag auf einer von Kühen bestandenen Wiese erinnerte sie sich, wie Hugh während ihrer Flitterwochen in ihrem Hotel in Deauville ihr Korsett aufgeschnürt hatte und dabei durch das offene Fenster Geräusche hereindrangen – Möwen, die im Flug kreischten, und ein Mann und eine Frau, die in lautem, rasantem Französisch stritten. Auf dem Schiff von Cherbourg nach Hause trug Sylvie bereits den winzigen Homunkulus in sich, der Maurice werden sollte, obwohl sie sich dessen damals zum Glück überhaupt nicht bewusst war.

»Ma’am?«, sagte Bridget und unterbrach ihre Träumerei. »Mrs. Todd? Das sind keine Kühe.«

 

Sie blieben stehen, um George Glovers Ackergäule zu bewundern, riesige Shires namens Samson und Nelson, die schnaubten und den Kopf schüttelten, als sie die Gesellschaft erblickten. Ursula machten sie nervös, aber Sylvie gab jedem einen Apfel zum Fressen, und sie nahmen ihn mit ihren dicken rosa Samtlippen vorsichtig von ihrer Handfläche. Sylvie sagte, es wären Apfelschimmel und viel schöner als Menschen, und Pamela fragte: »Sogar schöner als Kinder?«, und Sylvie sagte: »Ja, erst recht schöner als Kinder«, und lachte.

Sie suchten George, der bei der Ernte half. Als er sie bemerkte, kam er über das Feld, um sie zu begrüßen. »Ma’am«, sagte er zu Sylvie, nahm die Kappe vom Kopf und wischte sich mit einem großen rotweiß getüpfelten Taschentuch den Schweiß von der Stirn. An seinen Armen klebten winzige Stückchen Spreu. Wie die Spreu waren auch die Haare auf seinen Armen von der Sonne golden. »Es ist heiß«, sagte er überflüssigerweise. Unter der langen Locke, die immer in seine hübschen blauen Augen hing, schaute er zu Sylvie. Sylvie schien zu erröten.

Abgesehen von ihrem eigenen Mittagessen – Sandwiches mit Räucherhering, Sandwiches mit Zitronenaufstrich, Ingwerlimonade und Gewürzküchen – hatten sie auch die Reste der Schweinefleischpastete vom Vortag und ein kleines Glas mit Mrs. Glovers berühmtem Senfgemüse für George dabei. Der Gewürzkuchen war bereits trocken, weil Bridget vergessen hatte, ihn in die Kuchenschachtel zurückzustellen, und er die ganze Nacht in der warmen Küche gestanden hatte. »Würde mich nicht überraschen, wenn die Ameisen Eier in den Kuchen gelegt hätten«, hatte Mrs. Glover gesagt. Als sie ihn aßen, pickte Ursula jedes Korn heraus, und es waren Unmengen, und inspizierte es, um sich zu vergewissern, dass es kein Ameisenei war.

Die Feldarbeiter legten eine Pause ein, um Mittag zu essen, überwiegend Brot und Käse und Bier. Bridget wurde rot und kicherte, als sie George die Schweinefleischpastete reichte. Pamela erzählte Ursula, Maurice habe gesagt, Bridget sei in George verknallt, allerdings hielten beide Maurice für eine unzuverlässige Informationsquelle, was Herzensangelegenheiten betraf. Sie picknickten am Rand des gemähten Felds, George lag lässig da und biss riesengroße Stücke von der Pastete ab, Bridget sah ihm bewundernd dabei zu, als wäre er ein griechischer Gott, und Sylvie beschäftigte sich mit dem Baby.