Die Verbrannten - Antonio Ortuño - E-Book

Die Verbrannten E-Book

Antonio Ortuño

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Beschreibung

Santa Rita, ein unbedeutendes Kaff im Süden Mexikos. In einer Notunterkunft für zentralamerikanische Flüchtlinge auf dem Weg in die USA wird ein Feuer gelegt, dem zahlreiche Männer, Frauen und Kinder zum Opfer fallen. Irma, genannt La Negra, wird zur Untersuchung des Vorfalls zum lokalen Büro der Nationalkomission für Migration geschickt. Dort sind ihre Nachforschungen wenig willkommen und in einem Klima der Angst ist keiner der Überlebenden bereit, zu den Ereignissen in der Nacht des Anschlags auszusagen – bis auf die zwanzigjährige Yein, die zu Irmas einziger Zeugin wird. Doch in einem Land, wo Zentralamerikaner allenfalls als Menschen zweiter Klasse betrachtet werden und wo Behörden, Polizei und kriminelle Banden gemeinsam ein zynisches Geschäft betreiben, das noch den letzten Peso aus den Flüchtlingen herausquetscht, kann es tödliche Folgen haben, den Dingen auf den Grund zu gehen. In diesem vielstimmig orchestrierten und schonungslos rauen politischen Roman porträtiert Antonio Ortuño ein menschenverachtendes System, das die Schwächsten ausraubt, vergewaltigt, verbrennt und schließlich in Massengräbern verschwinden lässt.

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Seitenzahl: 259

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Antonio Ortuño

DIE VERBRANNTEN

Roman

Aus dem Spanischenvon Nora Haller

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

Für OliviaFür Natalia, Julia und ElisaIm Gedenken an Sergio ArredondoIm Gedenken an Daniel Sada

They carried pictures of their wivesAnd numbered tags to prove their livesThey walked in lineThey walked in lineThey walked in lineJOY DIVISION

Es ist ein gewöhnliches Theater. Es sind Bretter und ein Papiermondund dahinter die Fleischbank, die allein ist leibhaftig.BERTOLT BRECHT

DIE NEGRA

»Sie machen Urlaub hier?«

»Nein.«

AUFTAKT

Eine Hand tauchte aus dem Schatten auf.

Geöffnet, mitleidheischend.

Gloria, so hieß die Sozialarbeiterin, rückte die Brille auf der Nase zurecht, sodass sie im diffusen Licht der Straßenlaterne, in dem die Angeln des Tors glänzten, die sauberen Finger des Mannes erkennen konnte, der sich in der Dunkelheit verbarg.

Sie öffnete ihre hässliche Plastikhandtasche, ein Geburtstagsgeschenk, um dem Bettler eine Münze zu geben.

Die anderen Sozialarbeiter, die sich im Auffanglager um die Migranten kümmerten, hätten ihm vielleicht ein Bett, Wasser, Lebensmittel, ein paar geflickte Klamotten angeboten. Doch Gloria wusste, dass um Mitternacht, wenn Hunger und Durst nicht mehr zu stillen waren, ein Mann keine andere Lust befriedigen wollte als die fleischliche oder die nach Wein, Gras, Klebstoff. Sie kannte das von pubertären Halbstarken, genauso wie von alten Männern.

Sie half immer. Streckte ihm eine Münze hin, lächelte nachsichtig. Der Mann roch nicht nach Straße, Hunger oder Medizin, sondern nach Seife und fließendem Wasser.

Die Frau wich zurück.

Eine weiße Hand verschlang die Münze. Eine andere kam aus dem Dunkel, eine unerwartete Linke, bestückt mit einem Revolver. Ein Kopf tauchte aus dem Schatten auf.

Ein Lächeln in einem kindlichen Gesicht.

Gloria machte einen weiteren Schritt zurück und suchte hinter ihrer Handtasche Deckung.

Der erste Schuss brachte sie zu Fall.

Der zweite, dritte und vierte, der fünfte und der sechste waren ganz und gar überflüssig.

Die Polizei war in Santa Rita nicht gern gesehen. Wenn jemand sich die Mühe gemacht hätte, eine Liste mit Beschwerden gegen die Polizeibeamten zu erstellen, hätten darauf auf keinen Fall gefehlt: Schutzgelderpressung (von Händlern und Prostituierten), Vergewaltigungen (von Prostituierten und manchmal auch von jeder Beliebigen, die durch die Straßen ging), Verprügeln (von Obdachlosen, die in der Nähe des Bahnhofs kampierten und, wieder, von Prostituierten) und einfacher Diebstahl (die Polizisten hatten es sich zur Gewohnheit gemacht, die Bar, in der sie ihre Cola tranken, wieder zu verlassen, ohne dafür zu bezahlen).

Eine kleine Gruppe der in dem Auffanglager untergebrachten Migranten, alles Zentralamerikaner, hatte sich um den Leichenwagen versammelt, in dem Glorias sterbliche Überreste lagen. Die gute Gloria. Die Hilfsbereite. Einige Frauen waren in Decken eingehüllt und weinten, drei oder vier Männer spuckten aus, fluchten vor sich hin. Keiner ging auf die Polizisten zu, um ihnen seine Version mitzuteilen, stattdessen wichen alle zurück und schüttelten den Kopf, als die Beamten sie fragten, ob jemand etwas gehört, gesehen, gerochen habe.

Um die Ecke, in den Büros der Nationalkommission für Migration – Dienststelle Santa Rita –, gingen die Lichter an. Kinder hatten die Nachricht von Glorias Tod überbracht. Der Nachtwächter öffnete der klopfenden Staatsgewalt verstört die Tür. Er weinte nicht, sondern entblößte nur gähnend seine Zähne, die an das Gebiss eines Triceratops erinnerten. Er kam auf die Idee, eine Kanne Kaffee zu kochen, den die Polizisten tranken.

Der Nachtwächter sagte aus, dass er ganz sicher rein gar nichts gehört habe. Einer der Polizisten hatte die Frage drei Mal wiederholen müssen. Der andere ging schließlich ins Büro und schaltete das Radio ab, aus dem es hartnäckig und aufdringlich schallte: Si tú quieres bailar, sopa de caracol, si tú quieres bailar, sopa de caracol, si tú quieres bailar.

Man leitete eine Fahndung ein, doch der Schuldige wurde nie gefunden, und daher wurde Morro auch nicht für seinen ersten Mord, dem zahlreiche folgen sollten, bestraft.

Und wer würde inmitten eines Massakers schon einen simplen Mord ahnden?

JAGD

Sie sind auf Fliegenjagd. Umzingeln das Gebäude, ein Würfel aus glattem Stein. Die Fenster sind mit Aushängen verbarrikadiert, veraltete, ausgeblichene Bekanntmachungen der Regierung. Schatten, Gezeter, Rennen, Schreie, eine Lachsalve. Sie jagen. Die Heiterkeit des Häschers.

Im Gebäude: Halbschatten.

Stille. Früher Morgen. Ein Tagesanbruch, der sich in Explosionen verwandelt und in Stücke gerissen wird. Feuer.

Kurz zuvor haben einige der Angreifer noch Kaffee getrunken, in einem Haus am Stadtrand. Handschuhe, Mütze, eisiger Wind. So kalt, wie es in einer Stadt eben werden kann, in der die Temperatur niemals unter fünfzehn Grad sinkt. Karierte Wolljacken, Verwandte der Wolldecken, mit denen sich die Nachtwächter vor der Kälte schützen. Plastikbecher, fader Instantkaffee. Vom heißen Wasser gekochte Zungen. Zwei Kleintransporter, wenige Waffen. Aber: Flaschen mit Benzin, in die man Lumpen und Kordeln als Lunten gesteckt hat. Diese Lunte werden sie nicht riechen, haben sie zueinander gesagt. Und gelacht. Denn darum geht es doch beim Jagen. Oder etwa nicht?

Im Inneren des Gebäudes, in Räumen, Gängen, Sälen und Büros, wartet die Beute (ohne zu wissen, dass die Jäger bald kommen) auf Feldbetten und in Schlafsäcken. Greisinnen, schnurrbärtige Männer, Frauen, ihre Kinder: Beute.

Alle haben dunkle Haut. Sie schlafen. Niemand kann wissen, ob sie träumen. Zum Abendessen hat man ihnen Bohnen, Tortilla, schwarzen Kaffee gegeben, die fünf Tüten Milch mussten sich zwanzig schwache Kinder teilen. Jetzt ruhen sie aus, verdauen. Einer schnarcht, ein anderer furzt (die vollen Mägen stoßen nun natürlich die Luft aus, die sich über viele Tage hinweg in ihnen gesammelt hat). Zwei von ihnen sprechen miteinander. Wenige Sätze, leise Stimmen.

Sie kommen, um sie zu jagen.

Die Lieferwagen sind unvorsichtig. Ihre Motoren dröhnen. Ebenso ein Radiosprecher: Grüße, Grüße, von Melina an Higinia. Von Paco an Hugo. Und an Rafael, von den Jungs aus der Siebzig, sei doch nicht so ein Arschloch, bitte schön.

Eine weitere Lachsalve. Heiterkeit.

Auf halber Strecke halten die Wagen vor einem Festsaal. Der Eingang ist mit Christbaumkugeln, Weihnachtssternen, dem hässlichen Logo der Nationalkommission für Migration – Dienststelle Santa Rita – geschmückt. Nymphen und Zentauren bei einem Bankett. Beamte, in diesem Fall. Die traditionelle, die unvermeidliche alljährliche Posada.

Mitternacht ist vorbei, der Tag wird geboren. Etwa fünfzig Seelen sind noch dort, sie tanzen, trinken. Die Frauen, zehn oder zwölf, tragen zwar Leinenjacketts über den Schultern, aber tiefe Dekolletés, aus denen die Brüste herausquellen. Die Männer haben so viel getrunken, dass sie nicht in der Lage wären, weit mit ihnen zu kommen.

Der nüchternste unter den Feierwütigen hat auf sie gewartet. Als die Lieferwagen vorfahren, kommt er heraus. Gelächter, Geschrei.

»Hier sind alle blau, dort ist niemand mehr«, sagt er zum Fahrer, der seine Flanelljacke bis zu den Ohren hochgezogen hat, was jedoch nicht verhindert, dass man sein kindliches Gesicht erkennen kann. »Wir haben sogar den Nachtwächter hergebracht.«

Durchs Fenster beobachten sie den Genannten. Er tanzt, hat einen Arm um die Hüfte einer Frau gelegt.

»Wurden die Fernseher schon verlost?«, murmelt der Fahrer, den Blick geradeaus gerichtet, die Nase spitz. Der Beamte nickt, schwächt mit der Hand einen Rülpser ab.

»Schon vor einer Weile. Diese Geizhälse sind durchgedreht.«

»Na gut. Du weißt, was du tust, du bist der wahre Boss.«

»Geh, Morro. Hier läuft alles. Mach schon.«

Die Lieferwagen setzen sich in Bewegung; der Beamte bleibt auf der Straße zurück, raucht, bewegt den Kopf zum Rhythmus der Musik.

Er weiß es. Er weiß es ganz bestimmt. Und zittert nicht. Vielleicht denkt er an die Frauen, an ihre Brüste, die fast herausquellen. Vielleicht denkt er an das Feuer.

Wer weiß?

Die Beute schläft. Die Lieferwagen passieren eine Polizeistreife. Der Blick des Fahrers begegnet dem des Uniformierten am Steuer. Der Polizist senkt den Kopf. Stellt den Motor seines Autos ab. Der Anus juckt ihm unerträglich. Sein rechtes Bein stampft auf den Boden, es bewegt sich wie von alleine, als wäre es kurz davor zu fliehen, ohne auf seine Gefährten, die Hüfte oder die Füße, zu warten. Ein Licht strahlt ihn an. Der Polizist umklammert das Lenkrad, bewegt sich nicht. Totale Unterwerfung. Er schließt die Augen und kneift den Hintern zusammen. Die Männer in den Lieferwagen könnten ihn anal vergewaltigen, wenn sie Lust dazu hätten. Sie fahren weiter.

Nein, sie werden nicht erwartet.

Einer der dunkelhäutigen Männer ist aufgewacht, er liegt ausgestreckt auf einer knarzenden Luftmatratze, die so staubig ist wie der Boden, über dem er sich jetzt aufsetzt. Er blinzelt, rekapituliert. Atmet. Wenigstens hat er keine Kinder, tröstet er sich. Seine Füße schmerzen. Sie waren aus dem Zug gestiegen und geflohen. Zwei Tage gelaufen, hatten den Berg überquert. Ohne Wasser.

Vor drei Tagen hatte die Reise begonnen, sie waren in einem versiegelten Güterwaggon versteckt worden, in dem man kaum Luft bekam. Sie konnten das Schnaufen der Zugarbeiter hören, das Trampeln der Füße der anderen Passagiere, die auf das Dach geklettert waren. Sie verharrten schweigend. Die Kinder weinten, ihre Eltern mühten sich, sie zu beruhigen. Sie atmeten schwer. Reisten beinahe schweigend. Jemand sagte in regelmäßigen Abständen: Verdammte Scheiße. Verdammte Scheiße, diese Drecksschweine haben uns verarscht. Alle paar Stunden füllten die Männer, die sie bewachten, ihre Plastikflaschen mit Wasser auf, und einmal vergaßen sie, die Tür wieder zu versiegeln. Von da an hatten sie etwas Luft, sie schoben das verrostete Wellblech zur Seite und zeigten sich der Nacht.

Sie mussten keine Worte wechseln, um ihre Flucht beim nächsten Halt der Waggons zu beschließen. Sie fuhren schon seit einem Tag durch Mexiko und hatten Angst. Der Zug hielt weit von der Station entfernt. Sie stiegen aus, die Passagiere vom Dach beobachteten sie wie Raben, mit Neid und Entsetzen. Sie blickten ihnen nach, wie sie sich entfernten, sich zum Hügel durchschlugen. Einer von denen wird sie verpfiffen haben. Oder einer unter ihnen? Auf jeden Fall erregten sie Aufsehen. Eine große und auffällige Gruppe, die von weit her kam.

Die Männer hatten von ihnen Dollars kassiert, die sie ihnen zuvor selbst verkauft hatten, sie hatten ihnen ihre Währung zu einem lächerlichen Preis abgenommen. Nur wenigen war es gelungen, genug Geld für die Reise zu sparen. Einige hatten sich verschuldet. Von ihm, der jetzt aus dem Fenster schaut und seufzt, hatten sie am zweiten Tag seine Frau gefordert. Sie hatten sie in einen abgelegenen Raum gebracht und vergewaltigt. Entweder das, oder man hätte sie beide erschossen. Sie sprachen kein Wort mehr. Weder er noch seine Ehefrau.

Nach einem mehrstündigen Fußmarsch erreichten sie die Stadt. Sie hatten zu wenig Kraft, um sich zu trennen, damit jeder für sich sein Glück fände. Gemeinsam, langsam, erreichten sie das Krankenhaus. Die Kinder waren dehydriert. Man wollte sie nicht behandeln. Die Migrationsbehörde wurde verständigt – die Dienststelle Santa Rita, wer sonst. Sie wurden auf die Straße geworfen und warteten dort, während sie von Fußgängern schief angesehen, von Angehörigen der Patienten und von Ärzten bespuckt wurden, häppchenweise Brot kauten und kleine Schlucke Wasser tranken, das einige wenige ihnen gaben. Nach Stunden kam ein Mann von der Kommission für Migration. Er sah sie an, als wären sie Kühe oder Pflanzen. Er zählte sie. Telefonierte mit den Vorgesetzten.

»Ihr geht jetzt husch, husch zur Unterkunft, während der Dienststellenleiter entscheidet, was tun. Die, die wollen, können morgen oder übermorgen mit dem Zug zurückfahren.«

Keiner wollte zurückfahren. Sie verbrachten ein paar Nächte mit einem Dach über dem Kopf, zusammengepfercht, aber mit Essen und Wasser. Der Leiter der Dienststelle befand sich außerhalb der Stadt. Eine Sozialarbeiterin befragte sie, machte Notizen. Sie suchten ihren Blick, sie wich aus. Keiner wollte wie Gloria enden, die gute Gloria. Der Nachtwächter brachte einen Sack mit Mandarinen für die Kinder.

Doch gleich wird jemand kommen und sie besuchen.

Und das mit ihnen machen, was ihnen unter diesen Umständen zusteht: komplett zerquetscht zu werden.

Ein Blutbad.

An Tierchen. Nein: an Fliegen.

Es ist der dritte Tag, den sie hier verbringen. Die Angestellten der Unterkunft haben verkündet, dass sie früh gehen würden. Die alljährliche Posada, haben sie gesagt. Sie würden tanzen, sie würden trinken. Man habe ein paar Fernseher gestiftet und die Lose seien ausverkauft. Die Migranten waren informiert worden, dass der Dienststellenleiter erst nach Neujahr wiederkommen würde und dass sie warten müssten, bis er die Rückreiseanträge genehmigen oder sie gehen lassen könne. Sie sind also weder frei noch gefangen. Beim Rausgehen haben die Angestellten die Tür abgeschlossen. »Migrantenfreund«, steht auf den Plakaten vor den vergitterten Fenstern. »Hier hast du Rechte.« »Freund.«

Musik in der Ferne.

Die Reisenden sind allein geblieben.

Ja, fast alle schlafen, als es beginnt.

Der erste Molotowcocktail gelangt durch ein hohes, kleines Fenster ohne Gitter ins Innere. Er landet auf der Strohmatratze einer alten Frau. Die Decke fängt Feuer. Die meisten hören nicht zuerst das Splittern des Glases, sondern die Schreie. Es gelingt der Frau nicht einmal mehr, sich aufzurichten. Die Flammen verschlucken ihr Bein. Es fallen weitere Brandbomben, vier oder fünf durch jedes Fensterchen. Dann auch Schüsse. Ein Mann, der an einem Fenster hochgeklettert ist, stürzt mit durchlöcherter Stirn. Manche laufen zur Tür und kämpfen mit dem Schloss. Sie wissen nicht, dass man den Türgriff vorsichtshalber mit einer Kette verstärkt hat.

Keiner soll hinausgelangen.

Die Flammen breiten sich aus, springen von Decken zu Bettbezügen und von Papierbergen zu Kleidung und zu Haut. Rauch, Tränen, Hilfeschreie. Es gibt zwar ein Telefon, aber keiner weiß, welche Nummer man wählen muss. Der Mann, dunkelhäutig wie alle, starrt seine Frau an, als würde er sie beschwören wollen. Sie nimmt das Telefon, drückt willkürlich ein paar Tasten. Ohne Ergebnis. Ein Teil des Dachs fällt mit Getöse auf ihren Mann. Eine verdrehte Hand ist das Einzige, das die Frau noch von ihm sehen kann. Sie will zu ihm laufen, doch eine Explosion schleudert sie fort.

Als das Feuer die Fenster sprengt, steigen die Besucher in ihre Transporter und fahren mit einer gewissen Behutsamkeit davon.

Die Stimme des Radiosprechers entfernt sich.

Dieses Lied ist für unsere Freunde im Viertel De la Pastora und in ganz Santa Rita und auch für Josefina, von Ernesto, der sagt, dass duihn nicht so behandeln sollst, und für Carlos von Paola, die uns erzählt, dass man sie nicht mag, weil sie dick ist, ich bitte dich, wenn es doch eh das Fleisch ist, auf das du scharf bist, Alter! Als ob es dich stören würde, Carlitos! Los geht’s also mit der Band Estrella und mit diesem Lied, das heißt: »Llorarás y llorarás«. Es ist fünf nach vier Uhr am Morgen. Los geht’s!

DIE OFFIZIELLE VERSION

NkM erklärt Pflicht, Migranten zu schützen, und Absicht, Ermittlungen zu unterstützen

Die Nationalkommission für Migration (NkM), Dienststelle Santa Rita, äußert mit Nachdruck ihre Empörung angesichts des Anschlags auf die aus verschiedenen zentralamerikanischen Ländern stammenden und in der Unterkunft »Batalla de la Angostura«, der NkM zugehörig, Dienststelle Santa Rita, Sta. Rita, beherbergten Migranten, der aus ungeklärten Gründen in den frühen Morgenstunden des 22. Dezembers verübt wurde und in dessen Folge vierzig Tote und Dutzende Verletzte zu beklagen sind.

Ebenfalls betont sie ihre andauernde Pflicht, die Menschenrechte eines jeden Menschen zu schützen und zu bewahren, insbesondere die der Familien, die mexikanischen Boden durchqueren, und zwar unabhängig von ihrem Migrationsstatus. Sie erklärt ferner ihre unbedingte Absicht, bei den Untersuchungen des Vorfalls mit den zuständigen Polizei- und Justizbehörden zusammenzuarbeiten.

Auf gewisse Presseberichte reagierend, laut denen zum Zeitpunkt des genannten Vorfalls das für die Unterkunft »Batalla de la Angostura« zuständige Personal der NkM aufgrund einer Weihnachtsfeier oder einer Posada nicht anwesend war, betont die Kommission ausdrücklich, dass sie über keine Kenntnisse bezüglich der besagten Veranstaltung verfügt, außer dass bei dieser unter keinen Umständen öffentliche Gelder zu Lasten des der Organisation zur Verfügung stehenden Budgets eingesetzt wurden. Daher weist die NkM den Vorwurf aufs Schärfste zurück, den Kauf der Fernseher, die angeblich unter den Teilnehmern der besagten Veranstaltung verlost worden seien, mit bereits budgetierten Geldern finanziert zu haben.

Ein Expertenteam wird in den nächsten Stunden nach Santa Rita entsandt, um sich gleichermaßen mit den Bedürfnissen der Überlebenden wie denen der Angehörigen zu befassen. Weiterhin betont die NkM, dass man, falls dies notwendig sein sollte, Kontakt zu den Botschaften und Konsulaten herstellen wird, um mit finanziellen Mitteln und Reisekostenzuschüssen die Anreise der besagten Familienmitglieder aus ihren Heimatorten in Zentralamerika zu unterstützen.

Schließlich wird ein Förderprogramm in Kraft gesetzt, das alle Krankenhaus-, Therapie- und Beerdigungskosten decken wird, die durch diesen bedauernswerten Vorfall verursacht wurden.

Santa Rita, Sta. Rita, am 23. Dezember

Presseleitung, Öffentlichkeitsarbeit und Interne Kommunikation

Nationalkommission für Migration

GRABREDE

Das Feuer. Seine Wirkung auf den Körper. Die Haut löst sich wie Stoff vom Fleisch, entblößt es. Die Augen springen aus den Höhlen, Nägel und Haare werden zu Asche. Die Zunge baumelt aus dem Mund wie ein Gehenkter oder zieht sich, wenn sich die Zähne vor Angst zusammengepresst haben, nach hinten in die Kehle zurück und macht sich dort klein.

Und selbst wenn es ihm nicht gelingt, uns mit seinen Flammen zu umarmen, wird uns das Feuer vernichten: In seiner Umgebung verdunsten alle essenziellen Flüssigkeiten, die Körpertemperatur steigt und die Nerven bersten, der Puls wird immer schneller, bis der Herzmuskel reißt, woraufhin die Lunge kollabiert, da ihr das Blut entzogen wird. Schon ein Zweckfeuer oder ein Kleinbrand können innerhalb von Minuten sechshundert Grad überschreiten. Unmöglich, dem standzuhalten: Es ist wissenschaftlich belegt, dass der Körper, der arme Körper, es nur ein paar wenige Sekunden lang erträgt, hundertfünfzig Grad heiße Luft zu atmen.

Von sechshundert ganz zu schweigen.

Doch den ersten Schlag versetzt ihm der Rauch. Wenn er sich ausbreitet, wird das Gehirn alarmiert und der Körper sucht panisch einen Ausweg. Wenn er ihn nicht findet und in dem Maße, in dem der Sauerstoffgehalt von angemessenen einundzwanzig Prozent auf siebzehn oder vierzehn sinkt, schwinden Bewegung und Konzentration und der Körper taumelt nur noch umher und schleppt sich fort, Richtung Tod. Wenn nur noch sechs Prozent Sauerstoff in der Luft sind, verliert man das Bewusstsein. Zuvor hat man durch das Inhalieren der giftigen Dämpfe jedoch bereits ein Lungenödem erlitten und Verletzungen im Rachen, am Kehlkopf, in der Luftröhre und in den Bronchien, die, selbst wenn wir lebend geborgen wurden, Infektionen oder Fibrose verursachen und uns umbringen können (die Familie, die schon fast erleichtert aufgeatmet hatte, wird nicht verstehen, warum wir sterben mussten: Aber er war doch schon im Krankenhaus, aber er war schon in Sicherheit).

Sie reicht weit, die Hand des Feuers. Denn sie umklammert einen selbst dann, wenn man meint, noch einmal davongekommen zu sein: Die Missbildungen der Haut, besonders die im Gesicht, werden uns ewig daran erinnern; der Verlust eines Körperteils, ein herausgesprungenes Auge, die Unfähigkeit zu schlucken, zu atmen, ohne dass die Schmerzen an uns nagen wie eine Ratte, die Albträume, die Tagträume, in denen das Feuer zurückkommt, um sich zu holen, was ihm gehört, das, was wir seiner Gewalt noch einmal entreißen konnten. Das alles sind die Gründe, warum das Leben nach unserer Hochzeit mit dem Feuer nur noch Schatten sein wird und Persiflage.

Wenn Sie ein Krankenhaus mit Verbrannten besuchen, werden Sie das Fleisch in seiner zerbrechlichsten und niedersten Ausprägung vorfinden: zerquetscht, beschädigt und unfähig, auch nur ein wenig Begehren zu wecken oder etwas anderes zu tun, als Schmerzen zu verursachen.

Die traurigen Augen der Verbrannten, zugrunde gerichtete Monster, verzweifelt und für immer geschändet.

Wird ein Brand durch ein Unglück ausgelöst, kann man an Vorsehung glauben, an Schicksal, Fügung oder an einen unergründlichen göttlichen Willen. Manche werden den Verbrannten verdächtigen, sich an sich selbst oder an anderen versündigt und dafür gebüßt zu haben, ein anderer wird das Feuer als eine Art Medium einer himmlischen Kraft ansehen, eine drastische Lektion über Demut und Verzicht. Oder war es etwa nicht Er, der sich Hiob in Gestalt eines Wirbelwindes zeigte, damit er wisse, dass das Feuer sogar seine Grabstätte verschlingen und seine Land ausrotten würde? Zu Hiob kam ein Knecht und sagte: Feuer Gottes fiel vom Himmel und traf Schafe und Knechte und verzehrte sie, und ich allein bin entronnen, dass ich dir’s ansagte.

Denn über das Feuer kann man das sagen, was man über Jenen sagt, der dafür sorgt: Aus seinem Rachen fahren Fackeln, und feurige Funken schießen heraus. Aus seinen Nüstern fährt Rauch wie von einem siedenden Kessel und Binsenfeuer. Sein Odem ist wie lichte Lohe, und aus seinem Rachen schlagen Flammen. Auf seinem Nacken wohnt die Stärke, und vor ihm her tanzt die Angst. Sein Herz ist so hart wie ein Stein und so fest wie der untere Mühlstein. Wenn er sich erhebt, so entsetzen sich die Starken; und vor Schrecken wissen sie nicht aus noch ein. Trifft man ihn mit dem Schwert, so richtet es nichts aus, auch nicht Spieß, Geschoss und Speer.

Und zur Strafe, dass sie die Macht des Feuers über den Körper an sich gerissen haben, hat man für die Feuerteufel den Scheiterhaufen reserviert.

EINE E-MAIL

Empfänger:

Lic. Vidal Aguirre Glendale

Leitung der Presseabteilung,

Öffentlichkeitsarbeit und Interne Kommunikation

Santa Rita, Sta. Rita.

NkM, Dienststelle Santa Rita

Heute

(Dieses Dokument enthält vertrauliche und/oder rechtlich geschützte Informationen. Es darf nur von seinem Adressaten gelesen werden.)

 

Mein geschätzter Vidal,

in der Hoffnung, dass es dir gut geht, und mit einem herzlichen Gruß, schicke ich dir im Folgenden meine Anmerkungen:

1. Wie hat dir unsere Pressemitteilung gefallen? Wir fanden sie sehr seriös und mehr als angemessen. Die Zeitungen haben daraus zitiert. Danke für deine Hilfe bei der Ausarbeitung. Du bist ein wahrer Meister in diesen Dingen.

2. Wir haben die Fotos erhalten, um die wir dich gebeten hatten, die herausgesucht, die am wenigsten deprimierend sind, und sie dem zuständigen Grafiker weitergeleitet, damit er sie in das richtige Format für die noch folgenden Pressemeldungen bringt. Danke fürs Schicken.

3. Bitte verhindere, dass andere Bilder die Runde machen. Sprich mit den Medien. Die Sensationspresse veröffentlicht ekelhafte Fotos. Der Kommissionsvorsitzende will keine verbrannten Kinder sehen. Eine Gruppe von Gutachtern wird zu euch kommen und eine oder zwei Sozialarbeiterinnen, die sich um die Hinterbliebenen kümmern. Bereite eine Pressemeldung dazu vor, die ungefähr in die Richtung geht: »NkM betont ihre Pflicht zur Aufklärung, Unterstützung der Justiz und Betreuung der Opfer«. Es ist nicht nötig, dass du sie mir zum Gegenlesen schickst. Du hast grünes Licht.

4. Wenn du einverstanden bist, sollte man weiterhin die Behauptung zurückweisen, dass die Belegschaft der Kommission wegen der verbindlichen Posada früher gegangen ist. Stell dir Artikel vor, in denen es um Musik, Freigetränke und Verlosungen von Fernsehern geht.

Mehr habe ich nicht hinzuzufügen und verbleibe daher in der Hoffnung auf deine freundliche Unterstützung hinsichtlich des Dargelegten hochachtungsvoll,

deine

Lic. Ana Laura Möller de Álvarez

Bundesleitung der Presseabteilung

Öffentlichkeitsarbeit und Interne Kommunikation

Nationalrat für Migration

NEGRA

An den Flug kann ich mich nicht mehr erinnern. Steine im Kopf. Wir schliefen, die Kleine und ich, bis zur Landung. Danach fuhren wir fünf Stunden mit dem Bus, zu denen man noch die hinzurechnen müsste, die wir im Restaurant einer Tankstelle verbrachten, wo wir uns mit Bohnen, Coca-Cola (sie), Zigaretten (ich) versorgten, während wir dem Tag beim Anbrechen zusahen.

Als wir die Endstation erreichten, mit steifen Gliedern, überdrüssig, stand die Sonne hoch am Himmel. Der Bus hielt in einem umzäunten Schlammloch, das nichts mit einer Haltestelle gemein hatte. Die anderen Passagiere nahmen ihre Bündel und Gepäckstücke und gingen. Niemand erwartete uns. In meinem Magen brodelte und brannte es, als hätte ich einen ganzen Topf heißer Suppe verschlungen.

Santa Rita kam mir vor wie ein Ort, aus dessen Stadtbild man alle wesentlichen Identitätsmerkmale entfernt hatte: Es gab keine Kreisverkehre, Paläste, Universitäten, Industrieparks, Boulevards, Wohnanlagen oder Malls; lediglich einen Hauptplatz mit einem Kiosk, Büschen und Bänken und um ihn herum zwanzig gepflasterte Straßen mit hübschen und zweihundertundirgendwas Trampelpfade mit weniger hübschen Häusern, die mit Wellblech gedeckt waren und von schmuddeligen Kleinstädtern bewohnt wurden.

Der einzige Taxifahrer weit und breit war ein Mann, der für seine Größe zu dick war und ein Schundblatt las. Er sah nicht auf, als ich ihm die Koffer vor die Füße stellte und der Kleinen ein Zeichen gab, sich auf die Rückbank zu setzen. »Die Verbrannten«, prangte auf der Titelseite der Zeitung. Und darunter ein Foto mit schwarzen Körpern, ineinander verschlungen wie Wurzeln.

Ich hatte nur einen Anhaltspunkt, um unsere Unterkunft zu finden, und mit dem konnte der Fahrer zum Glück etwas anfangen: Die weißen Häuser gegenüber der Billardbar. Es war Sonntag und nur ein paar wenige Kinder waren hier und da zu sehen, kleine Spielfiguren im Niemandsland. Schmutzige Häufchen. Sie spielten. Wir hielten dennoch an jeder Ecke, als könnte jemand plötzlich mit rasender Geschwindigkeit auf uns zurasen und uns rammen. Nur, damit das Taxameter fünf Pesos mehr anzeigte.

»Sie sind von der Regierung, oder?«, riet der Taxifahrer. »Die werden immer dorthin geschickt, zu der Wohnanlage mit den Bungalows.«

Ich bestätigte das nicht.

»Wegen den Verbrannten, oder?«, beharrte er.

Die Kleine sah mich an. Wir hatten bisher nicht über die Gründe der Reise gesprochen. Ich hatte ihr nur gesagt, dass wir den Ausflug nach Disneyland, den ihr Vater für uns bezahlt hatte, nicht machen konnten, weil ich arbeiten musste. Für nichts und wieder nichts hatte ich einen Monat investiert, Pässe besorgt und ein Vermögen für die Visa ausgegeben, völlig umsonst waren all die mit Fotos, Fingerabdrücken und Befragungen in der Gringobotschaft zugebrachten Vormittage gewesen. Ich nahm sie in den Arm. Sie war schmal, ich konnte sie mit Leichtigkeit komplett umfassen.

Die Wohnanlage entpuppte sich als Ansammlung von Bungalows, die an ein Fort erinnerte, ursprünglich weiß, durch die Feuchtigkeit grau geworden, die großen Fenster mit Eisenstreben verstärkt. Niemand öffnete das Holztor oder reagierte, als ich die stumme Klingel drückte. Der Taxifahrer beobachtete mich spöttisch, was mich rasend machte. Ich schlug gegen das Tor, zwei, vier Mal. Eine alte Frau eilte die Straße herunter. Sie streckte die Arme nach mir aus.

»Entschuldigen Sie bitte, Licenciada!«

Es war die Pförtnerin. Sie konnte den Koffer kaum aus dem Kofferraum des Taxis heben, dennoch schleppte sie ihn mit Müh und Not bis zum Innenhof, wo sie ihn verschwitzt fallen ließ. Mit dem Eifer eines Hundes stürzte sie sich auf den zweiten. Wir mussten drei Mal hin- und hergehen. Beim letzten Mal trug ich die Kleine auf dem Arm, die eingeschlafen war. Die Frau machte kleine Hüpfer, als sie mich erst einen, dann einen weiteren Weg entlangführte, dann folgten Hinterhöfe und Freitreppen, bis wir zu einer halb geöffneten Tür kamen.

»Die Fünf ist Ihrer. Entschuldigen Sie nochmals, ich hatte vergessen, dass Sie heute ankommen.«

Der Bungalow, den man uns zur Verfügung gestellt hatte, war klein, frisch gestrichen und in den Ecken und unter den Fenstern mit blauen, dreieckigen Mosaiken verziert. Die Möbel wirkten schlicht und solide. Wie ich zufrieden feststellte, schien alles sauber zu sein. Ich ließ die Kleine ausgestreckt auf dem Sofa liegen, gab ihr einen Kuss auf die Stirn und ging zurück, um mich um die Koffer zu kümmern. Mein Magen rebellierte, Nadelstiche, die mir einen metallischen Geschmack vom Bauch bis in den Mund trieben. Die Pförtnerin lächelte. Ihr fehlten ein Vorderzahn und mehrere Backenzähne.

»Sind Sie wegen der Sache mit den Verbrannten hergekommen?«

Ich schickte sie zum Einkaufen, mit einer Liste, die ich im Bus geschrieben hatte. In einer wackeligen, aber lesbaren Schrift. Genug Lebensmittel, um ein paar Tage auszukommen, bis wir uns häuslich eingerichtet hatten.

Doch das würden wir nicht.

Wir haben uns noch nie häuslich eingerichtet.

Nach dem Essen durfte die Kleine ihren Vater anrufen. Er schnaubte immer noch vor Wut, ich hörte es von Weitem, wegen der abgesagten Reise, des aus dem Fenster geschmissenen Geldes. Ich zappte durch die fünf Fernsehkanäle, die man hier empfing. Auf keinem wurde über den Vorfall gesprochen, aber es war Sonntag und da liefen nur wenige Nachrichtensendungen. Soll sich der Tod doch bis Montag gedulden, bevor er sich wieder in den Hüften wiegt. Vielleicht genügten aber auch zwei Wochen, so viel Zeit war seither vergangen, um zu vergessen. Es gibt immer andere Themen, die sich mit Ellenbogen ans Licht drängeln.

Ich erwachte in meinen Klamotten und in derselben Position, in der ich eingeschlafen war. Ein halb leeres Schälchen sprach dafür, dass es der Kleinen gelungen war, sich das Abendessen selbst zu machen. Ich spürte altbekannte Gewissensbisse im Magen. Das, was ich für sie tat, schien immer zu wenig; das, was ich nicht tat, wuchs ins Unermessliche. Auch in den Morgennachrichten wurde nicht über die Verbrannten gesprochen. Die Kleine schlief. Ich betrachtete sie für ein paar Sekunden, hatte den Impuls, sie wieder zu küssen. Ich schloss die Tür des Schlafzimmers. So leise wie möglich begann ich auszupacken. Ich ging im Bungalow umher, öffnete Schubladen, schaute unter die Möbel.

Durch ein Fenster konnte ich, versteckt hinter dem Vorhang, in die Nachbarwohnung blicken. Im flackernden Licht eines Bildschirms sah ich einen Mann, der mir auf merkwürdige Weise schön vorkam: blass, korpulent und nur in Unterhosen saß er zusammengesunken auf einem Stuhl. Neben seiner Hand eine dampfende Tasse. Wahrscheinlich Kaffee. Ein Anflug von Neid belegte meinen Gaumen. Mein Magen vertrug keine Reizmittel vor dem Frühstück. Auf einmal vergrub er das Gesicht in den Händen, aus Müdigkeit oder Verzweiflung. Ich zog mich schnell vom Fenster zurück.

Es war halb fünf Uhr morgens. Um acht würde ich die Kleine zur Schule bringen. Ich hatte ein Schreiben von der Kommissionsabteilung für institutionelle Zusammenarbeit dabei, das die Situation erklärte und die Direktorin zur Kooperation aufforderte. Zehn Minuten später würde ich mich im Büro vorstellen. Um zwei würde ich die Straße überqueren, um die Kleine abzuholen und in die Wohnung zu bringen. Die Pförtnerin würde sich um ihr Mittagessen kümmern. Ich würde sie mit ein paar Scheinen bestechen und so sichergehen, dass die Kleine ihre Hausaufgaben machen und die Pförtnerin ihr unter keinen Umständen erlauben würde, die Wohnanlage zu verlassen. Der Tag würde ohne Verschnaufpause verlaufen, bis um fünf, wenn ich Feierabend haben und zu meiner Tochter zurückkehren würde.

Das Badezimmer war mit einer Badewanne von überraschenden Dimensionen ausgestattet. Ich sank in das dampfende Wasser, bis nur noch Nase und Augen hervorschauten, und stellte mir die nahe Zukunft vor, halb sechs am Nachmittag. Halb sechs: die Füße ohne Schuhe, eine banale Plauderei über den ersten Tag in der Schule, über die Klassenkameraden (vielleicht waren unter ihnen noch andere Beamtenkinder, die in dieses Gebiet versetzt worden waren; wahrscheinlich aber nicht, denn bei der Frage, wer sich um die Angelegenheit kümmern würde, war im Büro nie ein anderer Name als meiner erwähnt worden), über die neue Lehrerin. Der Blick der Kleinen, weniger griesgrämig als bei Tagesanbruch.

Wir frühstückten beinahe schweigend, die Kleine schien eher erwartungsvoll als bedrückt zu sein und las die Rückseite der Müslischachtel. Sie weinte nicht, als man sie nach dem Gespräch mit der Direktorin in ihr Klassenzimmer brachte. Ich hatte kein Drama erwartet, doch für alle Fälle ein paar Worte vorbereitet. Ich sparte sie mir. Blickte ihr nach, wie sie in den Gang einbog. Ich wäre ihr gerne hinterhergelaufen, um ihr einen Kuss zu geben, den schmalen leichten Körper mit den Armen zu umfassen.

»Wie heißt sie?«, fragte eine erschöpfte Helferin mit einer Anwesenheitsliste in der Hand.

»Irma. Wie ich.«

Eine Straße weiter erwartete mich das Büro der NkM, eine alte, renovierte, für bürokratische Zwecke nicht gerade geeignete Villa. Überdachte Höfe, mit Aktenschränken vollgestellte Korridore, zu Büros umfunktionierte Schlafzimmer. Der Empfang befand sich dort, wo seinerzeit eine imposante Küche gewesen sein musste. Jetzt wurde sie von einer lächelnden Sekretärin mit gefärbtem Haar bewohnt.

»Sind Sie Licenciada Irma? Sie müssen gerade erst gekommen sein, gehen Sie durch. Computer und Telefon haben Sie schon.«

Mit unbewegter Miene wies sie auf einen Punkt im Raum, der sich auf jede Koordinate im Universum beziehen konnte. Da merkte ich, dass sie schielte.