Die verlorenen Arten - Christopher Kemp - E-Book

Die verlorenen Arten E-Book

Christopher Kemp

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Beschreibung

In den naturkundlichen Sammlungen der Welt liegen wertvolle Schätze verborgen, unzählige Exemplare noch unbekannter Arten. Auf seiner abenteuerlichen Reise durch die Bestände zeigt Christopher Kemp, wie unerlässlich ihr Erhalt und ihre Erforschung sind – für unser Verständnis der Artenvielfalt, der Ökosysteme und für den Artenschutz. Jedes Jahr finden und beschreiben Wissenschaftler bis zu 18 000 neue biologische Arten, die in den Sammlungen naturkundlicher Museen lagern, aber bislang noch keinen oder einen falschen Namen haben – z.B. den winzigen, lungenlosen Salamander der Gattung Thorius oder den Olinguito, einen puscheligen Kleinbär aus den Anden, oder Darwins Kurzflügelkäfer, der 180 Jahre lang unerkannt und falsch zugeordnet in einer Schublade des Naturhistorischen Museums London lag. Jede dieser Arten musste erst aus den Archiven hervorgeholt und bestimmt werden, damit wir von ihrer Existenz erfuhren. Wie wichtig das ist, zeigt dieses Buch: Erst wenn wir wissen, dass es eine Art gibt, können wir überhaupt anfangen, sie zu erforschen, unsere Kenntnisse über die Prozesse ihrer Evolution zu vertiefen und die vielschichtigen Ökosysteme zu verstehen, in denen die Arten vorkommen. Und nur so können wir die Artenvielfalt schützen und das Artensterben eindämmen. Denn tragischerweise liegt manch ein Exemplar so lange unerkannt in den Archiven, dass seine Art bereits ausgestorben ist, ehe sie erkannt und beschrieben wird. Christopher Kemps abenteuerliche Entdeckungsreise durch die kostbaren Sammlungen ist ein überzeugendes Plädoyer für ihren Erhalt.

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Seitenzahl: 370

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In den naturkundlichen Sammlungen der Welt liegen wertvolle Schätze verborgen, unzählige Exemplare noch unbekannter Arten. Auf seiner abenteuerlichen Reise durch die Bestände zeigt Christopher Kemp, wie unerlässlich ihr Erhalt und ihre Erforschung sind – für unser Verständnis der Artenvielfalt, der Ökosysteme und für den Artenschutz.

 

Jedes Jahr finden und beschreiben Wissenschaftler bis zu 18000 neue biologische Arten, die in den Sammlungen naturkundlicher Museen lagern, aber bislang noch keinen oder einen falschen Namen haben – z.B. den winzigen, lungenlosen Salamander der Gattung Thorius oder den Olinguito, einen puscheligen Kleinbär aus den Anden, oder Darwins Kurzflügelkäfer, der 180 Jahre lang unerkannt und falsch zugeordnet in einer Schublade des Naturhistorischen Museums London lag. Jede dieser Arten musste erst aus den Archiven hervorgeholt und bestimmt werden, damit wir von ihrer Existenz erfuhren.

Wie wichtig das ist, zeigt dieses Buch: Erst wenn wir wissen, dass es eine Art gibt, können wir überhaupt anfangen, sie zu erforschen, unsere Kenntnisse über die Prozesse ihrer Evolution zu vertiefen und die vielschichtigen Ökosysteme zu verstehen, in denen die Arten vorkommen. Und nur so können wir die Artenvielfalt schützen und das Artensterben eindämmen. Denn tragischerweise liegt manch ein Exemplar so lange unerkannt in den Archiven, dass seine Art bereits ausgestorben ist, ehe sie erkannt und beschrieben wird.

Christopher Kemps abenteuerliche Entdeckungsreise durch die kostbaren Sammlungen ist ein überzeugendes Plädoyer für ihren Erhalt.

Über den Autor

Christopher Kemp ist Epidemiologe und Autor zahlreicher Veröffentlichungen u.a. in New Scientist, Nature und Nautilus. Sein erstes Buch, „Floating Gold“, ist eine Naturgeschichte des Ambers, einer ungewöhnlichen Form ausgehärteten Pottwaldungs, die nur selten gefunden wird und äußerst wertvoll ist. Aber eigentlich interessiert ihn alles. Kemp lebt mit seiner Frau und seinen drei Söhnen in Grand Rapids, Michigan.

Christopher Kemp

DIE VERLORENEN ARTEN

Große Expeditionen in die Sammlungen naturkundlicher Museen

Aus dem Englischen von Sebastian Vogel

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

Für meine Familie

 

 

 

 

 

 

 

TAXONOMIE.

Einordnung (der Lebewesen) in ein biologisches System. Aus griech. taxis »Ordnung, Anordnung« und griech. nomos »Gesetz«, eigentlich »das Zugeteilte«, zu griech. nemein »verteilen, zuteilen«. (Wahrig 2009)

Weisheit beginnt damit, die Dinge bei ihrem richtigen Namen zu nennen.

KONFUZIUS

Sammlungen sind große Forschungseinrichtungen. Das Problem ist nur: Sie sehen nicht so aus. Wenn man den Großen Hadronen-Speicherring besucht oder sich einen anderen Teilchenbeschleuniger, ein Radioteleskop oder so etwas ansieht, dann findet man dort Lichter und Schalter und Dinge, die Lärm machen. Alles glänzt und ist sauber, Leute laufen hin und her und arbeiten an Computern. Es sieht sehr nach Hightech aus. Wenn man in den Keller eines Museums geht und in den Regalen eine Reihe von Glasgefäßen sieht, sagt man nicht unbedingt: »Das gehört in die gleiche Kategorie wie der Teilchenbeschleuniger.«

Tut es aber.

CHRISTOPHER NORRIS,Yale Peabody Museum of Natural History

Nomina sunt consequentia rerum.

(Namen sind die Folge von Dingen.)

DANTE

Inhalt

Einleitung

IWIRBELTIERE

  1 Den Berg hinauf und in die Wolken: Der Olinguito

  2 Unter einem Himmel mit der Farbe 83: Die Paramo-Maus

  3 Auf Tapirjagd: Der Kabomani-Tapir

  4 Ein taxonomisches Durcheinander: Die Sakiaffen

  5 Verstreut in alle Winkel der Erde: Der Arfak-Nasenbeutler

  6 Seit hundertsechzig Jahren außen vor: Wallace’ Hechtbuntbarsch

  7 Hic sunt dragones: Der rote Seedrache

  8 Hundert Jahre in einem Gefäß: Die Thorius-Salamander

  9 Aus einer grünen Schüssel: Der »overlooked squeaker frog«

10 Ein Körper und ein körperloser Schwanz Smith’ Bogenfingergecko

IIWIRBELLOSE TIERE

11 Schätze im Beifang: Die Gallwespen

12 Ein biologischer Imitator: Die Leuchtschabe

13 In einem Meer von Käfern versunken: Darwins Kurzflügelkäfer

14 Raubgut aus einem fernen Krieg: Die kongolesische Libelle

15 Ein halbiertes Sammlungsstück: Frederick Muirs Fächerkäfer

16 Mary Kingsleys Bockkäfer

17 Die Riesenfliegen

18 Sie kam aus der Area 51: Die Atom-Vogelspinne

19 Wer nichts wird, wird Wirt: Der Fadenwurm

20 Aus einer Zeitmaschine an der Cromwell Road: Abletts Landschnecke

21 Land in Sicht: Die Payden-Assel

22 Eine Dornenkugel: Die Makarov-Königskrabbe

IIIBOTANISCHES

23 In einer Ikea-Tasche: Die Familie der Annonengewächse

IVDIE ANDEREN

24 Warten im Gipsjackett: Die Fossilien

25 Erste Kunstwerke: Die ältesten Ritzarbeiten

 

Epilog

Literatur

Register

Einleitung

VOR EIN PAAR JAHREN borgte sich der Insektenforscher Stylianos Chatzimanolis von der University of Tennessee eine Schachtel voller nicht bestimmter Käfer vom Natural History Museum in London. So etwas tun Taxonomen ständig: Sie leihen sich Material aus anderen naturhistorischen Sammlungen wie normale Menschen ein Buch aus einer Bibliothek. Die Käfer, die Chatzimanolis sich ausgeliehen hatte, waren unbekannt – das heißt, unsortiert. Freilandbiologen hatten sie in der Vergangenheit gesammelt, aber sie waren nie offiziell beschrieben worden.

Als die Schachtel in Chattanooga im US-Bundesstaat Tennessee eintraf, fand Chatzimanolis darin ungefähr zwanzig auf Nadeln aufgespießte Käfer. Einer davon unterschied sich von den anderen. Erstens sah er viel älter aus. Der lange Körper und der segmentierte, kurvenreiche Hinterleib deuteten darauf hin, dass er zur Familie der Kurzflügler gehörte, aber es war ein ungewöhnlich großes Exemplar mit einem breiten, grün irisierenden Kopf.

Der Käfer war 1832 in Argentinien gefunden wurden. Als Chatzimanolis sich das Exemplar – und das vergilbte, handgeschriebene Etikett – genauer ansah, wurde ihm klar, dass der junge Charles Darwin ihn während seiner Reise mit der Beagle gesammelt hatte. Aus irgendeinem Grund war er nie beschrieben worden. Man hatte ihn gelagert, ohne ihm einen Namen zu geben, und dann war er in der riesigen Londoner Käfersammlung spurlos verschwunden.

Erst nachdem er dort hundertachtzig Jahre gelegen hatte, erhielt er endlich einen Namen. Er ähnelt allen anderen Kurzflüglern so wenig, dass Chatzimanolis für ihn sogar eine neue Gattung definieren musste. Er taufte ihn auf den Namen Darwinilus sedarisi.1

Nun ist der Käfer zwar benannt, aber die zentrale Frage wurde nicht beantwortet: Spielt das eine Rolle? Ist es überhaupt notwendig, ihm einen Namen zu geben? Das Exemplar hat hundertachtzig Jahre darauf gewartet. Warum benennt man es gerade jetzt? In Wirklichkeit spielt das aber eine große Rolle.

Die einzelne biologische Art oder Spezies ist der Grundbaustein aller biologischen Vielfalt auf der Erde. Seit Jahrhunderten bemühen sich Wissenschaftler darum, die Natur zu beschreiben, zu klassifizieren und zu ordnen. Wenn man einer neuen Spezies einen Namen gibt, wird plötzlich eine Fülle weiterer Arbeiten möglich. Wenn Biologen eine neu benannte Spezies parallel zu ihren engsten Verwandten untersuchen, verschaffen sie sich vertiefte Kenntnisse über den Evolutionsprozess, der sie geformt hat. Ökologen erhalten Einblicke in die Funktionsweise unendlich komplizierter Ökosysteme. Naturschützer gewinnen Wissen darüber, wie man eine Umwelt behandeln muss, damit ihre Populationszahlen erhalten bleiben. Damit all das möglich wird, müssen wir zuerst einmal wissen, dass die Spezies überhaupt existiert.

Wir können uns die biologische Vielfalt der Erde als Symphonie vorstellen, in der jede Spezies einen einzelnen Ton darstellt. Ein einzelner Ton allein bedeutet überhaupt nichts – er ist seines Sinns entleert. Aber nach und nach sammeln sich die Töne an und beginnen sich zu verflechten. Aus Tönen werden Motive, aus Motiven werden Themen. Die Themen wiederholen sich und werden im langsamen Aufbau zu einem Satz der Symphonie – zu einem reichhaltigen musikalischen Ablauf, der mehr ist als die Summe seiner Teile. Aber wie sieht die Sache aus, wenn die Partitur unvollständig ist? Derzeit haben wir schätzungsweise einem Fünftel aller biologischen Arten auf der Erde einen Namen gegeben. Wie würde Beethovens Neunte Symphonie klingen, wenn das Orchester nur jeden fünften Ton spielt und dazwischen schweigt? Was wird dann aus den Themen und den sich langsam aufbauenden Wiederholungen? Wie sollen wir die biologische Vielfalt der Erde in ihrem ganzen Reichtum auch nur ansatzweise verstehen, wenn wir nicht einmal die Hälfte ihrer Bestandteile kennen?

Museen und Biomaterialbanken auf der ganzen Welt sind voller unbekannter Arten. Manchen Schätzungen zufolge sind 75 Prozent aller neu beschriebenen Säugetierarten bereits irgendwo auf der Welt in einer naturhistorischen Sammlung vorhanden. Das Gleiche gilt auch für alle anderen Ordnungen: für parasitische Würmer und Frösche, für Fische, Korallen und Fliegen; für Krebse, Motten, Flechten und Moose. Im Jahr 2012 entdeckten Wissenschaftler im Naturhistorischen Museum von Kopenhagen eine unbekannte Spezies eierfressender Seeschlangen.2 Die Schlange war Ende des 19. Jahrhunderts in die Sammlung gelangt, und später hatte man sie wegen des Mosaikmusters ihrer braunen und cremefarbenen Schuppen auf den Namen Aipysurus mosaicus getauft. Vor langer Zeit hatte man sie fälschlich als eng mit anderen, bekannten Schlangen verwandte Art bestimmt, als solche etikettiert und über ein Jahrhundert lang in einem Glasgefäß aufbewahrt. In Wirklichkeit war es eine andere Spezies, und das ganz deutlich: Der Unterschied war so groß, dass es jedem Schlangenforscher bei genauem Hinsehen sofort auffallen musste.

Nach einer Schätzung der Autoren einer Studie, die 2010 in den Proceedings of the National Academy of Sciences erschien, wurde rund die Hälfte der etwa 70 000 Arten von Blütenpflanzen, die noch einer Beschreibung harren, bereits gesammelt.3 Sie liegen namenlos in Herbarien. Wie es dazu kommt, kann man sich ohne Schwierigkeiten ausmalen. Allein die riesige Abteilung für Insektenkunde am National Museum of Natural History in Washington enthält über 30 Millionen Exemplare von Insekten – viel zu viel Material, als dass Taxonomen und Kuratoren alle beurteilen, bestimmen und benennen könnten.

Und selbst wenn Wissenschaftler ein Exemplar untersuchen, wird es häufig falsch bestimmt und benannt. In einem Artikel, der im November 2015 in der Fachzeitschrift Current Biology erschien, beurteilten Forscher die korrekte Benennung in Herbariensammlungen in einundzwanzig Ländern.4 Wie sich dabei herausstellte, hatte man ungefähr der Hälfte aller untersuchten Sammlungsstücke den falschen Namen gegeben: Die Sammlungen waren voller Fehler. Das ist ein gewaltiges Problem. Wie nützlich ist eine Sammlung, wenn die Stücke das falsche Etikett tragen? Was ist die Folge, wenn die Hälfte aller Exemplare nicht das sind, wofür wir sie halten? Zwischen 1970 und 2000 verdoppelte sich die Zahl tropischer Pflanzenexemplare in Herbarien, aber der größte Teil des neu gesammelten Materials war falsch beschriftet. Und in vielen Fällen werden Sammlungsstücke überhaupt nicht identifiziert. Dann trägt ein verblichenes handschriftliches Etikett vielleicht eine faszinierende Bemerkung wie: »neue Spezies?« Oder einfach: »nov. sp.?«

Das alles ist nur möglich, weil wir über die Natur, die um uns herum summt und brummt, so wenig wissen. Bisher haben wir kaum an ihrer Oberfläche gekratzt. Den meisten Schätzungen zufolge gibt es auf unserem Planeten rund zehn Millionen biologische Arten, aber noch nicht einmal zwei Millionen davon haben wir mit einem Namen versehen. Der Rest der biologischen Vielfalt auf der Erde bleibt unbekannt. Wir leben innerhalb ungeheuer weitläufiger, komplizierter Ökosysteme, die von Tausenden untereinander verflochtenen Arten bevölkert sind, aber in welchen Wechselwirkungen sie stehen und welche Rolle jede einzelne von ihnen spielt, verstehen wir noch gar nicht. Wir können nicht wissen, was in einem solchen Ökosystem tatsächlich geschieht, wenn eine seiner Arten – beispielsweise ein unauffällig aussehender Käfer, eine Fledermaus, ein Frosch oder eine Orchidee – ein für alle Mal verschwindet. Höchstwahrscheinlich wird das Ökosystem weiterhin funktionieren. Es wird einen Ausgleich schaffen und sich auf unsichtbare Weise anpassen. Aber wie? Und welche Rückschlüsse können wir daraus über die verbliebenen Arten ziehen?

Mit anderen Worten: Zum größten Teil ist uns das Leben auf der Erde bis heute ein Rätsel – es ist nicht beschrieben und zu wenig erforscht. Zwar spielt ein bescheidener Käfer seine ökologische Rolle nicht anders, nachdem er benannt wurde. Nichts verändert sich. Aber wie können wir darauf hoffen, die Komplexität des Lebendigen zu begreifen, wenn wir nicht einmal seine Beteiligten identifizieren können? Wie können wir ein Tier schützen, dem wir keinen Namen gegeben haben?

Seit Jahrhunderten helfen uns naturgeschichtliche Sammlungen – und die unermüdlichen Sammler, von denen sie aufgebaut wurden –, die biologische Vielfalt um uns herum zu verstehen. Derzeit beschreiben Taxonomen jedes Jahr rund 18 000 neue Arten. Jeden Tag erhalten einige von ihnen ihren Namen. Darunter sind ausgestorbene, fossile Arten und mikroskopisch kleine Lebewesen wie Bakterien und Viren. Zunächst wird der Holotyp definiert – ein einzelnes Exemplar, das zur Beschreibung und Abgrenzung der gesamten Spezies verwendet wird. Damit sprießt am Stammbaum des Lebens ein neuer Ast, ein nicht weiter zerlegbarer Bestandteil der immer noch weitgehend unbekannten biologischen Vielfalt unseres Planeten. 18 000 neue Arten – das mag sich nach einer großen Zahl anhören, in Wirklichkeit ist es aber ein erstaunlich kleiner Bruchteil dessen, was auf der Erde existiert.

Wir sind also tatsächlich von namenlosen Arten umgeben. Nach Ansicht des Taxonomen Quentin Wheeler, Präsident des College für Umweltforschung und Forstwirtschaft an der University of New York, kennen wir bestenfalls jede vierte lebende Insektenart. Neue Arten werden überall entdeckt, von städtischen Hinterhöfen über abgelegene Regenwälder bis zur Tiefsee. Im September 2016 tauften Wissenschaftler der University of Rochester in New York eine neue Spezies tropischer Ameisen auf den Namen Lenomyrmex hoelldobleri.5 Ihre Beschreibung stützte sich auf ein einziges winziges Exemplar, das beinahe tot aus dem Magen eines leuchtend orangefarbenen Frosches namens Diablito oder Waldbaumsteiger (Oophaga sylvatica) herausgespült worden war. Diese Ameisenart lebt im Regenwald von Ecuador, aber wo genau, weiß niemand – das einzige bekannte Exemplar stammte aus dem Magen eines Frosches. Der Haiexperte David Ebert benannte zehn neue Haiarten auf der Grundlage von Exemplaren, die auf einem einzigen Fischmarkt in Taiwan zum Verkauf angeboten wurden.6 In vielen Tausend anderen Fällen jedoch haben Biologen die neuartigen Exemplare bereits eingesammelt. Die Holotypen liegen namenlos in Sammlungen.

Besucht man eine große, angesehene Sammlung wie das Field Museum of Natural History in Chicago oder die California Academy of Sciences – oder auch die Museen in Leiden, London, Paris, São Paulo oder Frankfurt –, kann man sich nicht die geringste Vorstellung davon machen, welch ungeheuer große, umfassende Sammlung sich hinter den öffentlich zugänglichen Räumen verbirgt. Allein die Fledermaussammlung des American Museum of Natural History – die nur einen kleinen Teil der viel größeren, breiter gefächerten Säugetiersammlung ausmacht – umfasst mehr als 250 000 Exemplare und wächst von Jahr zu Jahr. Freilandbiologen fangen an abgelegenen Orten immer wieder Fledermäuse ein, präparieren sie, beschriften sie mit Angaben über den Fundort und fügen sie der Sammlung hinzu. Wissenschaftler aus der ganzen Welt reisen nach New York, um die Exemplare zu vermessen und zu vergleichen wie in einer gewaltigen Handbibliothek biologischen Materials. Oder sie leihen sich Exemplare aus dem Museum wie Chatzimanolis, der sich die Käfer aus dem Natural History Museum in London borgte – dort leitet der Käferexperte Max Barclay eine riesige Sammlung mit mehr als zehn Millionen einzelnen Käfern. Allein aus dieser Sammlung werden jedes Jahr mehr als tausend neue Käferarten beschrieben. Alle naturhistorischen Sammlungen der Vereinigten Staaten zusammen enthalten nach Schätzungen mehr als eine Milliarde Sammlungsstücke. Allein in der Insektensammlung des Bishop Museum in Honolulu auf Hawaii sind es mehr als 14 Millionen, darunter Typusexemplare von sechsunddreißig Moskitoarten. Im Herbarium der Duke University finden sich über 160 000 Moosarten. Die Reptilien- und Amphibiensammlung der California Academy of Sciences in San Francisco besteht aus mehr als 300 000 katalogisierten Exemplaren aus hundertfünfundsiebzig Ländern. Die ältesten botanischen Fundstücke an der Smithsonian Institution stammen aus dem Jahr 1504.

Die Zeit, die zwischen dem Sammeln und der Beschreibung eines Exemplars vergeht, wird als Verweilzeit bezeichnet. Ein Artikel in der Zeitschrift Current Biology beziffert die durchschnittliche Verweilzeit für alle Ordnungen von Lebewesen auf rund einundzwanzig Jahre.7 Die Benennung und Beschreibung von Arten ist ein mühsamer Prozess, der häufig viel Zeit in Anspruch nimmt.

Hin und wieder jedoch wird die Verweilzeit wesentlich länger und reicht bis weit in die Vergangenheit zurück. Die Sammlungsstücke ruhen fünfzig oder fünfundsiebzig Jahre lang – manchmal auch ein Jahrhundert oder noch länger. Sie warten in Kellern oder Lagerschränken. Sie liegen in Schubladen oder in Glasgefäßen mit Fixiermittel. Ihre Etiketten werden langsam gelb und verblassen. Die Person, die sie gesammelt hat, stirbt. Aber sie warten weiter. Draußen auf der Straße, wo die Zeit ihren üblichen Fortgang nimmt, verändert sich die Welt. Es gibt Kriege, und es gibt wissenschaftliche Fortschritte. Die Grenzen des Landes, in dem ein Fund eingesammelt wurde, werden neu gezogen und noch einmal neu gezogen, die Sammlungsstücke dagegen bleiben unverändert. In den meisten Fällen sind sie von Millionen anderen Sammlungsstücken umgeben, und damit wird es noch schwieriger, sie zu finden.

Unter Umständen steckt ein einziges Exemplar einer unbekannten Spinnenart in einem Glasgefäß zusammen mit fünfzig Exemplaren einer bekannten Spezies, die man häufig findet. In irgendeiner kleinen Eigenschaft unterscheidet die unbekannte Art sich grundlegend von den anderen. Wir erfahren von ihr etwas Wichtiges über das Ökosystem, aus dem sie stammt, und über die Prozesse, durch die sie entstanden ist, aber ein Exemplar dieser Art zu finden ist mittlerweile nahezu unmöglich. Sie bleibt ein für alle Mal unentdeckt.

Dann kommt eines Tages ein Doktorand, der zum Fachmann für eine bestimmte Spinnengattung geworden ist, hebt den Deckel von dem Gefäß und sieht darin etwas Unerwartetes – etwas anderes.

Die naturhistorischen Sammlungen sind gefährdet, viele von ihnen kämpfen bereits ums Überleben.8 Zahlreichen Institutionen wurden die Finanzmittel in den letzten Jahren drastisch gekürzt. Auch die Zahl der Taxonomen, die an den Sammlungen arbeiten, ist gesunken. Systematik – man spricht auch von Taxonomie – wird heute vorwiegend von Evolutionsbiologen betrieben, und auch die sind unterfinanziert. Die Kuratoren, wichtige Verwalter, die für die Pflege und Organisation der Sammlungen sorgen, verschwinden ebenfalls. Das Field Museum hatte beispielsweise 2001 noch neununddreißig Kuratoren. Heute sind es gerade einmal einundzwanzig. Die Zahl der Kuratoren am National Museum of Natural History in Washington ist von 1993 bis heute von hundertzweiundzwanzig auf einundachtzig gesunken – ein Rückgang von ungefähr einem Viertel. Früher arbeitete an vielen größeren Institutionen in jedem Fachgebiet ein ganzes Team von Kuratoren – drei oder vier Säugetierexperten, einige Fischforscher. Oft gab es auch mehrere Entomologen (Insektenkundler), von denen jeder umfassendes Fachwissen über eine einzige, ganz besondere Gruppe der Insekten besaß. Heute wurden solche Experten vielfach durch überlastete Sammlungsmanager ersetzt. Und selbst die sind an manchen Institutionen knapp. Dem Field Museum fehlen derzeit Manager für mehrere wichtige Sammlungen, nämlich für Paläobotanik, Pilzforschung, Anthropologie und Säugetierkunde.

Man stelle sich eine Bibliothek voller seltener, wichtiger Bücher vor, um die sich kein Bibliothekar mehr kümmert.

Manchmal verschwindet eine naturhistorische Sammlung auch vollständig. An einer kleineren Institution oder in einem Hochschulinstitut geht ein Experte für eine bestimmte Organismengruppe in den Ruhestand oder stirbt und hinterlässt Tausende von Sammlungsstücken. Hin und wieder werden solche verwaisten Sammlungen von größeren Institutionen übernommen und in deren vorhandene Sammlung eingegliedert. Manchmal geschieht das aber auch nicht.

Seit es neue Verfahren gibt, haben viele Institutionen damit begonnen, ihre Sammlungen zu digitalisieren; dieser Prozess ist nach wie vor im Gang und verschafft Wissenschaftlern auf der ganzen Welt die Möglichkeit, aus der Ferne Zugang zu den Sammlungsstücken zu erhalten.9 Zu diesen weltweiten Anstrengungen gehört auch das Projekt Integrated Digitized Biocollections oder kurz iDigBio, das von der US-amerikanischen National Science Foundation finanziert wird. Die Website von iDigBio enthält Links zu mehr als 27 Millionen Berichten über einzelne Sammlungsstücke, die sich auf Biomaterialbanken aus der ganzen Welt verteilen. Die Daten beziehen sich auf Sammlungen aller möglichen Lebewesen, von Flechten und Moosen bis zu Tieflandgorillas. Ein weiteres Projekt ist die Global Biodiversity Information Facility (GBIF), eine von zahlreichen Regierungen finanzierte Datenbank, die den Zugang zu Millionen – derzeit sind es mehr als eine halbe Milliarde – digitalisierten Berichten aus Institutionen auf der ganzen Welt ermöglicht. Wissenschaftler des Naturkundemuseums in Berlin haben damit begonnen, die dortige Insektensammlung zu digitalisieren; dazu stellen sie von jedem einzelnen Sammlungsstück mit sphärischen, hochauflösenden Aufnahmen ein einziges, unglaublich detailliertes Bild her, das man auf dem Bildschirm drehen und aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten kann. Ich kann also heute auf meiner Couch sitzen und die glänzenden Oberflächen der Goldwespe Chrysis marqueti untersuchen, die im Westjordanland gesammelt wurde. Oder ich betrachte die in Berlin auf einer Nadel aufgespießte Hemidictya frondosa, eine gelbliche brasilianische Zikade, die wie mitten im Flug mit ausgebreiteten, geäderten, blattähnlichen Flügeln konserviert wurde.

Insgesamt wird die Digitalisierung der Sammlungen dazu beitragen, dass die Kenntnisse in der biologischen Systematik und Taxonomie wachsen und die Hürden für eine Beschreibung der Arten sinken. Diese Hürden bei der Bestimmung, auch taxonomisches Hindernis genannt, erwachsen aus einem Mangel an fachkundigen Systematikern und Kuratoren, einer unübersehbaren Fülle an nicht beschriebenem Material, schlichtem Mangel an Interesse und dem ständigen Rückgang der Unterstützung durch die Institutionen. Wenn die Finanzierung für Projekte wie iDigBio ausbleibt – und sie wurde immer wieder einmal ausgesetzt –, kommen auch die Anstrengungen zur Digitalisierung zum Stillstand.

Ohnehin kann nichts das Erlebnis ersetzen, ein Sammlungsstück real vor sich zu haben. Schon sein Gewicht in der Hand spricht das Gehirn auf eine Weise an, die ein Bild auf einem Bildschirm einfach nicht vermitteln kann.

In der Gemeinde der Sammlungsexperten herrscht vielfach der Eindruck, man habe die naturgeschichtlichen Sammlungen ausgebootet. Naturhistorische Museen gelten als aus der Zeit gefallene, schlecht beleuchtete, staubige viktorianische Orte – ein Rückfall in die analoge Welt. Ein Schrank voller toter Tiere ist heute nicht mehr nützlich. Was können wir denn von einem hundertachtzig Jahre alten Käfer noch lernen?

In Wirklichkeit sind die Sammlungen heute wichtiger denn je. Sie enthalten unauslöschliche Belege für das Leben auf der Erde, und dieses Leben wandelt sich. Nach Ansicht vieler Fachleute verschwinden Lebewesen heute viel schneller als zu jeder anderen Zeit in der jüngeren Vergangenheit. Manchen Schätzungen zufolge liegt die Zahl der aussterbenden Arten heute tausendmal höher, als es dem natürlichen »Hintergrund« entsprechen würde – und damit ist sie viel größer, als man früher berechnet hatte.10 Wir sind in die Phase der Sechsten Auslöschung eingetreten, wie manche Wissenschaftler sie nennen. Für manche Arten sind die wenigen Stücke, die in den naturhistorischen Sammlungen auf der Welt existieren, die einzigen vorhandenen Beispiele: Lebende Exemplare gibt es nicht mehr. Die Sammlungen sind in mehrfacher Hinsicht ganz konkret von Nutzen. Mit ihrer Hilfe können Wissenschaftler beispielsweise vergleichen, welche biologischen Arten zu verschiedenen Zeiten in einer bestimmten Region gelebt haben, und so die Auswirkungen komplexer Prozesse wie des Klimawandels besser verstehen. Wir können die Sammlungen nutzen, um die Ausbreitung invasiver Arten und Krankheiten in Ökosystemen nachzuvollziehen. Ornithologen können mit Daten aus den Sammlungen die Veränderungen des Vogelzuges erforschen. Biologische Fundstücke wie die 250 000 Fledermäuse des American Museum of Natural History könnten Epidemiologen sogar in die Lage versetzen, den Ausbruch und die Ursache tödlicher, von Tieren stammender Krankheiten wie des Ebolavirus zu verfolgen, die in der menschlichen Bevölkerung immer wieder auftreten und sich dann ebenso schnell wieder in ihre Reservoire bei den Tieren zurückziehen.

Noch wichtiger ist, dass die Sammlungen auch Archive für die Bestrebungen der Menschen sind. Sie erzählen eine zutiefst menschliche Geschichte. Drei Jahrhunderte wissenschaftlichen Denkens können sich in einem einzelnen nicht benannten Bockkäfer aus Ghana oder dem längst verschwundenen tonnenförmigen Gehäuse einer vietnamesischen Landschnecke verdichten. Die Sammlungsstücke kommen aus der ganzen Welt: vom Meeresboden, vom Inneren der Vulkane, aus dem mittleren oder südlichen Afrika, den Regenwäldern Borneos, den Hinterhöfen amerikanischer Großstädte und der endlosen spröden, gefrorenen Landschaft der Antarktis. Eine ungeheure Vielzahl von Sammlungsstücken. Und dort, in den Sammlungen, warten die Rätsel.

Eine Zeit lang – manchmal Jahrhunderte – sind sie verloren. Aber dann werden sie endlich gefunden.

Teil I

WIRBELTIERE

Kapitel 1

DEN BERG HINAUF UND IN DIE WOLKEN: DER OLINGUITO

(Bassaricyon neblina)

KRISTOFER HELGEN ERINNERT SICH noch genau daran, wie er im Field Museum of Natural History in Chicago eine Schublade öffnete und darin eine neue Spezies entdeckte.1 Es war an einem kalten, hellen Wintertag im Dezember 2003. Die sonst dicht bevölkerten Straßen der Stadt waren von dem Wind, der böig in Richtung des Michigansees blies, leer gefegt.

In der umfangreichen Säugetiersammlung des Museums war es warm und still. Die Räume der Sammlung liegen abgeschieden zwischen dicken Mauern tief im Inneren des Gebäudes – ein fensterloses Labyrinth zwischen Backsteinwänden. Einige andere Wissenschaftler arbeiteten schweigend an ihren Tischen: Sie vermaßen eine Reihe gleich aussehender brauner Fledermäuse oder hievten einen Walrossschädel aus einem Schrank, als wäre es eine Bowlingkugel. Helgen, ein Forscher des Instituts für Umweltforschung der Universität Adelaide, stand vor einem Schrank, der vom Boden bis zur Decke reichte. Mehrere Schubladen enthielten angeblich die Schädel und konservierten Felle einer kleinen, auf Bäumen lebenden Säugetierart, die den Waschbären ähnelt und als Makibär oder Olingo bezeichnet wird und in den abgelegenen Nebelwäldern Mittel- und Südamerikas zu Hause ist. Felgen war extra nach Chicago gereist, um die Olingo-Exemplare des Field Museum zu untersuchen, aber als er die Schublade aufzog, fand er etwas anderes.

»Da lagen ganz prächtige weiche Dinger mit dickem rotem Pelz«, berichtet er mir. »Ich wusste sofort, dass das keine Olingos waren. Sie glichen keinem Tier, das irgendjemand schon einmal beschrieben oder mit einem Namen versehen hatte.«

Nach zehn Jahren sorgfältiger Forschungsarbeiten, zu denen unter anderem auch eine Freilandexpedition in den Norden Ecuadors gehörte, wo Helgen das Tier in freier Wildbahn finden wollte, taufte er die neue Spezies schließlich auf den Namen Olinguito. In seiner offiziellen, 2013 veröffentlichten Beschreibung gab er der Art den wissenschaftlichen Namen Bassaricyon neblina nach dem spanischen Wort neblina für Nebel. Er hatte sie im Nebel gefunden, benannt und damit zu etwas Realem gemacht.

»Es ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie sich etwas unmittelbar vor der eigenen Nase verstecken kann, wenn man nicht weiß, wonach man suchen soll«, sagt Helgen.

Wenn irgendjemand auf der Welt die Voraussetzungen mitbrachte, um den Olinguito zu entdecken – eine bis dahin unbekannte Spezies in einer ansonsten umfassend dokumentierten Museumssammlung wie der des Field Museum –, dann war es Helgen. Er hat in den letzten zehn Jahren mehr als dreißig neue Arten und Unterarten von Säugetieren benannt, und als Grundlage dienten dabei stets archivierte Exemplare, die er und seine Kollegen in Museumssammlungen gefunden hatten.

Eigentlich hat er sich mehr als sein halbes Leben lang auf solche Forschungsarbeiten vorbereitet. »Ich war schon in frühester Kindheit fasziniert von der Frage, wie viele Säugetierarten es auf der Welt eigentlich gibt«, sagt er. »Als ich ungefähr zehn Jahre alt war, kannte ich die wissenschaftlichen Namen von fast allen Säugetieren.«

Heute ist Helgen mit seinen siebenunddreißig Jahren immer noch jung; sein roter Haarschopf ist den Olinguito-Fellen des Field Museum nicht unähnlich. Dass er auch geringfügige Unterschiede zwischen Museumsstücken gut erkennen kann, ist allgemein bekannt. Als er noch ein Kind war, so erzählt Helgen, hatte er im Zusammenhang mit der Taxonomie bereits mehrere blinde Flecken erkannt, ganze Gattungen, deren Rätsel nicht gelöst waren. Man wusste noch nicht einmal, wie viele Arten sie umfassten. »Und ganz oben auf dieser Liste«, so sagt er, »stand Bassaricyon, die Gattung der Olingos.«

Die Laufbahn eines Museumsstücks beginnt damit, dass es im Freiland eingesammelt, gehäutet und präpariert wird. Damit wird es zu einem zoologischen Objekt, das seine Bedeutung über Jahrhunderte behalten kann. Das weiche Gewebe wird entfernt. Knochen und Schädel legt man in eine Kiste voller Speckkäfer; diese Insekten fressen innerhalb weniger Stunden das Fleisch ab und hinterlassen ein blitzsauberes Skelett. In unserer Ära der Molekularbiologie entnehmen die Wissenschaftler einem Exemplar, das im Freiland gesammelt wurde, häufig auch mehrere Gewebeproben und frieren sie ein, um später ihre DNA untersuchen zu können. Als aber die ersten Exemplare des Olinguito in Ecuador und Kolumbien gefangen wurden, konnte noch niemand den Aufschwung der Molekularbiologie vorhersehen. Man wusste noch nicht einmal, was DNA überhaupt ist – die Erforschung ihrer Struktur lag noch um Jahrzehnte in der Zukunft. Zu jener Zeit wurden die Museumsstücke einfach zu einem Stück Fell in einer Schublade, in einer Schachtel daneben lagen der Schädel und das zerlegte Skelett. Jeder Knochen wurde sorgfältig von Hand mit der Inventarnummer des Exemplars beschriftet. In ihrer Schublade sehen die Olinguitofelle aus wie eine Sammlung nebeneinanderliegender, roter Schals. Vogelbälge und Säugetiere werden in den Augenhöhlen mit Wattebäuschen ausgestopft. Insekten montiert man auf Nadeln. Fische und Amphibien werden entweder in Konservierungsflüssigkeiten aufbewahrt oder getrocknet.

Manchmal ist überhaupt keine Haut vorhanden: Dann hat beispielsweise nur ein Schädel oder ein Teil davon überlebt – ein Bruchstück und vielleicht ein paar Knochen. Einem Käfer fehlt unter Umständen der Hinterleib; ein Gecko hat vielleicht den Schwanz abgeworfen und trägt nur noch einen Stumpf; der ausgefranste Flügel einer Fledermaus trägt ein rundes Einschussloch – es erinnert daran, dass ein Sammler sie im Freiland mit einem Schuss vom Himmel geholt hat; dann hat er zugesehen, wie sie durch die Luft taumelte, und sie eingesammelt, als sie am Boden lag. Ein Wissenschaftler muss mit dem Material arbeiten, das in der Sammlung vorhanden ist.

Die Gattung Bassaricyon war, seit sie 1876 zum ersten Mal definiert wurde, immer rätselhaft geblieben. Helgen entschloss sich, das Rätsel zu lösen. Dazu identifizierte er zuerst systematisch die Mitglieder der Gattung und füllte dann nach und nach die Lücken, die nach seiner Ansicht in den Aufzeichnungen noch geblieben waren. Früher, so erklärt er, hatte man manche Arten benannt und schnell wieder vergessen, ohne sie ordnungsgemäß in den Stammbaum einzuordnen; andere waren übermäßig aufgespalten, wie er es heute formuliert – eine einzelne Spezies wurde fälschlich in mehrere Arten unterteilt, die in Wirklichkeit nicht existierten. Um daraus schlau zu werden, das wusste Helgen, musste er in den Museumssammlungen auf der ganzen Welt suchen und so viele Arten von Olingos ausfindig machen, vergleichen und vermessen, wie es nur ging.

»Ich habe gelernt, die Olingos auseinanderzuhalten«, sagt er. Als er im Field Museum die Schublade aufzog und damit rechnete, dass sie voller Olingos war, hatte er als Erstes den Gedanken: »Was übersehe ich? Ist es die falsche Stelle? Was ist das für ein Tier?«

Er untersuchte die Exemplare und achtete dabei auf kleinste Details. »Ich habe die Schachteln mit den Schädeln geöffnet, die daneben standen, und siehe da, es war tatsächlich ein Kleinbär, der dem Olingo sehr ähnlich sieht«, sagt er. »Aber irgendwie war er auch völlig anders.«

Und obwohl ich nicht darin geübt bin, die geringfügigen und häufig kaum wahrnehmbaren morphologischen Unterschiede zwischen sehr ähnlichen Arten zu erkennen, kann sogar ich einschätzen, dass die Schädel von Olingo und Olinguito sich nicht genau gleichen.

Die Unterschiede sind nicht groß, aber bedeutsam. Olinguitos sind kleiner, wiegen nur ein knappes Kilo und sind damit die kleinsten Mitglieder in der Familie der Waschbären. Sie besitzen kleinere Zähne und weisen in der Morphologie des Schädels auch sonst zahlreiche geringfügige Unterschiede auf. Außerdem leben sie in größeren Höhen als die Olingos, nämlich auf 1500 bis 2700 Metern über dem Meeresspiegel. Ihr Fell ist länger und dichter als bei ihren engsten Verwandten – eine gezielte Anpassung an ihren Lebensraum in den höher gelegenen Regenwäldern der nördlichen Anden.

»Man hätte damit rechnen können, dass er nur auf einem einzigen Berggipfel zu Hause ist«, sagt Helgen. »Vielleicht wäre das eine Erklärung dafür, warum ihn bisher alle übersehen haben. Aber die Spezies ist in den nördlichen Anden weit verbreitet. Man hätte auch damit rechnen können, dass sie keine großen Variationen aufweist, aber in Wirklichkeit hat sich herausgestellt, dass es vier verschiedene Typen von Olinguitos gibt, die wir alle als Unterarten benennen konnten.«

Tatsächlich haben Exemplare aller vier neu benannten Unterarten jahrzehntelang in Sammlungen geschlummert und sind so lange unbemerkt geblieben. Der Holotyp der namengebenden Art – ihr vollständiger wissenschaftlicher Name lautet Bassaricyon neblina neblina – befindet sich mit der Inventarnummer M-66753 im American Museum of Natural History in New York. Wie alle Holotypen ist es unabhängig von der Institution nun eindeutig mit einem roten Etikett gekennzeichnet, das seine Vorrangstellung als Typusexemplar deutlich macht, und es wird sorgfältig unter Verschluss gehalten. Ein Holotyp ist unersetzlich und unterliegt der höchsten Sicherheitsstufe. Das Exemplar wurde am 21. September 1923 von dem amerikanischen Freilandbiologen George Henry Hamilton Tate im Norden Ecuadors gesammelt und lag dann neunzig Jahre in der Sammlung. Der erste Olinguito wurde sogar noch früher gesammelt, nämlich im Juni 1898. Auch dieses Exemplar gehört zur Säugetiersammlung des American Museum of Natural History. Exemplare der drei anderen Olinguito-Unterarten sind Teil der Säugetiersammlung am Field Museum – sie wurden alle in den 1950er Jahren in Kolumbien gesammelt. Plötzlich musste man die ganze Gattung Bassaricyon neu bewerten, um ihre neuesten Mitglieder einordnen zu können.

Helgens Beschreibung des Olinguito enthält auch ein Foto, das am 6. September 1951 aufgenommen wurde – das Schwarz-Weiß-Bild hat einen seltsamen Grünstich. Darauf hockt ein ecuadorianischer Jäger mit Bart und gepflegten Jeans barfuß auf dem Gras am Rand des Dschungels von San Augustín in Kolumbien und blinzelt in die Kamera. In jeder Hand hält er einen toten Olinguito. An einem quer über seine Brust laufenden Strick ist ein Langschwanzwiesel (Mustela frenata) befestigt. Das Foto wurde von Philip Hershkovitz aufgenommen, einem umtriebigen Kurator und Fundstückesammler, der bis zu seinem Tod 1997 insgesamt fünfzig Jahre am Field Museum tätig war. Die beiden Olinguitos sind jeweils ungefähr so groß wie eine Hauskatze und haben einen bürstenähnlichen Schwanz, der länger ist als der ganze übrige schlanke, biegsame Körper. Eines der beiden Tiere, die der Jäger in den Händen hat, wurde zweiundsechzig Jahre später zum Holotyp für eine andere Unterart mit dem Namen Bassaricyon neblina hershkovitzi. Mit anderen Worten: Das Foto fängt genau den Augenblick ein, in dem eine neue Spezies entdeckt wurde. Außerdem kennzeichnet es aber auch den Augenblick, in dem die Entdeckung übersehen wurde – in dem sie den Menschen entglitt.

Sie war schon früher übersehen worden und sollte auch später übersehen werden. In den 1960er und 1970er Jahren gehörten Olinguitos nach Angaben von Helgen zu den Sammlungen mehrerer Zoos. Sie stießen ganz andere Laute aus als die übrigen Vertreter der Gattung Bassaricyon. Außerdem paarten sie sich nicht mit den Olingos, mit denen sie die Käfige teilten, und deshalb wurden sie von einem Zoo zum anderen transportiert, von St. Louis nach Washington und so weiter.

Aber es waren eben falsch benannte Olinguitos.

Dass die vier Olinguito-Unterarten sich morphologisch unterscheiden, bewies Helgen mit Hunderten von genauen Messungen an den Museumsexemplaren. Sie leben aber auch an unterschiedlichen Orten. Irgendwann wurde klar, dass die Olinguitos jeweils eigene kleine Verbreitungsgebiete und Reviere bewohnen. Eine Unterart lebt in den Baumkronen des Waldes im Norden Kolumbiens an den westlichen Hängen der Anden; eine andere findet man südlich und östlich davon in den öden, hoch gelegenen Pässen der westlichen und mittleren Anden sowie an den Osthängen der Zentralanden; die dritte Unterart ist weiter südlich in den Gebirgsregionen des nördlichen Ecuador zu Hause. Und eine vierte, rätselhafte Unterart schließlich scheint in von den anderen Unterarten übrig gelassenen Lücken vorzukommen: Sie lebt in den durchlässigen, kaum definierten Zwischenräumen.

Um die Lebensräume der Unterarten gegeneinander abzugrenzen, zeichnete Helgen die Sammlungsdaten der einzelnen Museumsexemplare auf einer Landkarte ein. »Ich habe tiefer gebohrt und mich davon überzeugt, dass ich die komplizierten geografischen Verhältnisse in den nördlichen Anden wirklich verstanden habe«, sagt er. »Ich habe es mir auf Landkarten, in Ortslexika und Ähnlichem angesehen. Dabei kristallisierte sich heraus, dass die verschiedenen Abhänge und Abschnitte der Anden im Zusammenhang mit den morphologischen Unterschieden standen.«

Im August 2006 stellte Helgen ein kleines Team von Zoologen zusammen und reiste mit ihnen nach Ecuador, um den Olinguito in freier Wildbahn aufzuspüren. Roland Kays, der Leiter des Labors für biologische Vielfalt am North Carolina Museum of Natural Sciences, begleitete Helgen in das Naturschutzgebiet Otonga an den Westhängen der Anden im nördlichen Ecuador. »Das sind dort sehr steile Berge, und sie sind von diesem Nebelwald bedeckt«, sagt Kays. »Je höher man kommt, desto kleinwüchsiger werden die Bäume, aber manche sind immer noch recht groß. Es ist, als hätte man den tropischen Regenwald hoch auf einen Berg und in die Wolken versetzt.«

Einige Jahre zuvor, so erklärt er, veröffentlichte er im Rahmen der Freilanduntersuchungen für seine Doktorarbeit erste Daten über die Olingos. Dabei wurde er praktisch zum weltweiten Experten für die Gattung Bassaricyon. Bis dahin hatte noch niemand diese Tiere eingehend untersucht. Im Jahr 2006 nahmen Kays und Helgen im Laufe von drei Wochen an den steilen, mit Feigenbäumen bestandenen Abhängen eine umfassende Bestandsaufnahme vor. Sie errichteten Japannetze für Fledermäuse und stellten im Unterholz Fallen für bodenbewohnende Säugetiere auf. Dann spähten sie beide nachts mit gerecktem Hals in die Dunkelheit, leuchteten mit Taschenlampen in die nebelumhüllten Baumkronen und suchten nach Olinguitos.

»Es gibt alle möglichen verrückten, vielfältigen Arten«, sagt Kays. »Das Ganze ist ungeheuer vielgestaltig. Die Formen im Hochland sind andere als weiter unten. Der Olinguito ist letztlich eine an das Gebirge angepasste Form, weil es dort oben so kalt ist. Dort herrscht zwar kein Frost, aber es ist auch nicht das tropische Wetter, das man mit dem Regenwald verbindet, außerdem ist es sehr feucht.«

Der feuchte Feigenwald von Ecuador ist eine seltsam abgeschrägte Welt: Von den grünen Abhängen aus wächst alles gen Himmel wie vom Deck eines sinkenden Schiffes. Helgen konnte den Olinguito nahezu unmittelbar nach seiner Ankunft in den Bäumen ausmachen. »Wir haben ihn in der ersten Nacht gefunden, in der wir losgegangen sind und nach ihm gesucht haben«, sagt er.

Dass es dem Olinguito gelungen ist, zwischen den Wolken im Gewirr der Feigenbäume im Otonga-Naturschutzgebiet so lange verborgen zu bleiben, hat eine ganze Reihe von Gründen. »Er zeigt sich nur nachts«, sagt Helgen. »Eigentlich kommt er auch nie zwischen den Bäumen heraus. Er ist ziemlich scheu, und für das ungeübte Auge sieht er aus wie ein Olingo oder ein Wickelbär – und diese beiden anderen Tierarten leben in den gleichen geografischen Regionen.«

Wie der Olingo und der Wickelbär, so hat sich auch der Olinguito hervorragend an seine Umwelt angepasst – an ein Leben im Kronendach des Nebelwaldes. »Er hat einen langen Schwanz«, sagt Kays. »Er kann gut in den Bäumen klettern, hat einen hervorragenden Gleichgewichtssinn und ist so leicht, dass er von Ast zu Ast springen kann. Und er hat diese großen Augen, weil er seinen Hochseilakt nachts vollzieht, wenn es keinerlei Licht gibt. Stellen Sie sich einmal vor, Sie würden nachts nicht nur auf dem Waldboden herumlaufen, sondern von Baum zu Baum hüpfen.«

Hin und wieder entdecken Taxonomen eine Kryptospezies, wie man sie nennt: Sie unterscheidet sich zwar genetisch von einer anderen Spezies, ist ihr aber morphologisch so ähnlich, dass man beide äußerlich nicht unterscheiden kann. Seit die Technologie der DNA-Sequenzierung uns in die Lage versetzt hat, geringfügige Unterschiede in den Genen aufzuspüren, werden solche Kryptospezies viel häufiger gefunden. Im September 2016 gaben Wissenschaftler der Goethe-Universität in Frankfurt bekannt, dass die Giraffe – eine der morphologisch charakteristischsten Tierarten der Welt – in Wirklichkeit eine breit gefächerte Gruppe von vier verschiedenen Arten darstellt, die sich untereinander überhaupt nicht kreuzen.2 Diese vier Arten unterscheiden sich genetisch ebenso sehr wie der Eisbär (Ursus maritimus) vom Braunbär (Ursus arctos). Aber der Olinguito ist keine Kryptospezies. Helgen wusste schon in dem Augenblick, in dem er im Field Museum die Schublade öffnete, dass er eine neue biologische Art entdeckt hatte. Sie trennte sich vor schätzungsweise 3,5 Millionen Jahren von ihren engsten Verwandten, und in ihrer weiteren Evolution entstanden eigene, charakteristische Merkmale. Helgens Entdeckung machte auf der ganzen Welt Schlagzeilen. Der Olinguito war seit fünfunddreißig Jahren die erste neue Spezies fleischfressender Säugetiere, der man auf dem amerikanischen Kontinent einen Namen gegeben hatte.3

»Was bedeutet es, wenn wir eine weitere Art hinzubekommen?«, fragt Helgen. »Insgesamt gibt es nur etwa sechstausend Säugetierarten. Und eine riesige Zahl von Körperschaften, Institutionen und Menschen auf der Erde ist sehr daran interessiert, über jede dieser sechstausend Säugetierarten etwas zu wissen. Jedes Mal, wenn ich einer neuen Spezies einen Namen gebe, rückt sie ins Bewusstsein, und die Menschen denken darüber nach – sie versuchen, mehr über sie zu erfahren. Sie wird auf der Ebene der Staaten und Provinzen in die Liste der gefährdeten Arten aufgenommen.«

Nach einer Schätzung von Helgen und Kays wurde das Verbreitungsgebiet der Olinguitos bereits ungefähr zur Hälfte abgeholzt – es verwandelte sich in Städte, Brachland oder landwirtschaftliche Nutzflächen. »Es gibt da draußen viele Ökosysteme, über die wir nur sehr wenig wissen«, sagt Helgen. »Sie sind unglaublich komplex, viel komplexer als alles, was von Menschen gemacht wird. Um wirklich zu begreifen, wie sie funktionieren, müssen wir die Peinlichkeit hinter uns lassen, den Olinguito vor lauter Olinguitos nicht zu sehen.«

Kapitel 2

UNTER EINEM HIMMEL MIT DER FARBE 83: DIE PARAMO-MAUS

(Thomasomys ucucha)

THOMASOMYS UCUCHA sieht eigentlich aus wie eine Maus aus dem Bilderbuch. Ihr Fell ist dunkelbraun und wird in Richtung des weichen Unterbauches allmählich hellgrau. Der Körper ist klein und unauffällig. Selbst Robert Voss, der Kurator für Säugetiere am American Museum of Natural History, der die Spezies 2003 benannte und beschrieb, bezeichnet sie als »langweilig aussehende, bräunlich-grüne rattenförmige Maus«.1

Voss sah T. ucucha zum ersten Mal 1978 in Ecuador, wo er als Doktorand der University of Michigan arbeitete. Als er die Tiere in der kalten Höhenluft der Cordillera Oriental untersuchte, wusste er nach eigenen Angaben aufgrund der auffälligen, charakteristischen Zähne sofort, dass es sich um eine unbekannte Art handelte.

Wenn Freilandbiologen wie Voss eine Spezies beschreiben, bedienen sie sich häufig eines Farbkatalogs, um die Färbung eines Exemplars eindeutig zu beschreiben. Dazu vergleichen sie die in der Realität beobachtete Farbe mit den Farbfeldern auf den Katalogseiten. Das Standardwerk ist der 1975 erschienene Naturalist’s Color Guide von Frank Smithe. In Anlehnung an dieses Werk beschrieb Voss die Maus so: braunoliv (Farbe 29) an den Flanken, zunehmend dunkles Neutralgrau (Farbe 83) am Bauch mit einer oberflächlichen hell-neutralgrauen (Farbe 85) oder einer blaugrünen (Farbe 80) Tönung. Der Zahnschmelz der langen, vorstehenden Schneidezähne ist durch Streifen in Spektralorange (Farbe 17) gekennzeichnet.

Voss war in Ecuador, um im Rahmen der Forschungsarbeiten für seine Doktorarbeit halb im Wasser lebende, insektenfressende Mäuse zu sammeln. Es war, wie er berichtet, ein schwieriges Umfeld. Im Morgengrauen waren die Ufer der bergab rauschenden Nebenflüsse gefroren, und auf den Grasbüscheln lag Reif. Manchmal fegten Schneestürme ohne Vorwarnung über die Landschaft, hüllten die Berge ein und töteten die widerstandsfähigen Rinder, die einheimische Bauern dort weiden ließen. Und selbst an sonnigen, klaren Tagen wurden die steilen Abhänge sehr schnell kalt, wenn die Sonne in ihrem Lauf den Höchststand überschritten hatte.

In seiner offiziellen, 2003 erschienenen Beschreibung der Maus schreibt Voss: »Steile, instabile Abhänge bieten kaum Möglichkeiten, ein Lager aufzuschlagen, und die tropfnassen Wälder eignen sich sehr schlecht dazu, länger als einige Tage eine Reihe von Fallen aufzustellen.« Diese Bedingungen sind ein Grund dafür, warum über die biologische Vielfalt der Region so wenig bekannt ist. Einfach gesagt, wollte niemand dort arbeiten. Es war kalt und feucht – eine äußerst schwierige Gegend für die Forschung. Stellen wir uns einmal einen Augenblick lang vor, wir wollten mehr als einen oder zwei Tage lang an einer um 45 Grad geneigten Böschung arbeiten. In seinem Artikel formuliert Voss es so: »Die meisten Expeditionen, auf denen im Osten Ecuadors Tiere gesammelt wurden, begaben sich eilig bergab in die einladenderen Lebensräume des Amazonas-Tieflandes.«

Voss jedoch blieb oben, auf dem Dach der Welt, unter einem Himmel mit der Farbe 83.

In einer Höhe von rund 4500 Metern fand er schließlich »eine große Nagetierart mit vorstehenden Zähnen«: Thomasomys ucucha. Nicht weit von der Baumgrenze des niedrigen, subalpinen Regenwaldes, in einem feuchten, moosbewachsenen Gewirr aus tief hängenden Ästen, das als Elfenwald bezeichnet wurde, stellte Voss handelsübliche Rattenfallen auf. Andere Fallen platzierte er entlang der vereisten Flussufer. Im Laufe mehrerer Tage sammelte er dreiundvierzig Exemplare von T. ucucha ein und brachte sie nach Hause. Aber dann mussten die Fundstücke warten. Unbeschrieben lagen sie bis 2003 am Museum für Zoologie der University of Michigan in Ann Arbor. Unter ihnen war der Holotyp der Spezies, ein erwachsenes Männchen, das am 26. April 1980 im Tal des Rio Papallacta in die Falle gegangen war.

Aber das war 1980. In den Jahren danach beschäftigte sich Voss mit anderen Projekten. Seit 1985 arbeitete er am American Museum of Natural History in New York. Sein wissenschaftliches Hauptinteresse gilt der Evolution der Beuteltiere. Insgesamt hat er noch an der Benennung von elf weiteren Säugetierarten mitgewirkt. Eine neue Spezies zu beschreiben, so erklärt er, ist nicht einfach. Oft geht die Arbeit nur langsam und mit Mühe voran, weil zahlreiche morphologische Vergleiche mit Exemplaren eng verwandter Arten angestellt werden müssen. Dass die neue Spezies etwas Einzigartiges ist, muss empirisch zweifelsfrei bestätigt werden.

Also wartete T. ucucha in ihrer Schublade in Michigan, bis sie an der Reihe war. Manch einem kommt der Zeitraum von fünfundzwanzig Jahren zwischen dem Auffinden und der Beschreibung einer neuen Art vielleicht sehr lang vor. Das ist er aber nicht; in Wirklichkeit ist es der Durchschnitt. T. ucucha hatte allerdings schon länger gewartet – viel länger. Als Voss seine Aufmerksamkeit schließlich den unbenannten Fundstücken zuwandte, die er in den 1970er Jahren in Ecuador gesammelt hatte, richtete er es so ein, dass er sie von der University of Michigan ausleihen konnte – was bei taxonomischen Untersuchungen gängige Praxis ist. Während er auf sie wartete, stöberte er in der riesengroßen, gut erschlossenen Säugetiersammlung des American Museum of Natural History und fand dort auch Exemplare einiger eng verwandter Arten, mit denen er seine Funde würde vergleichen können, wenn sie aus Michigan eintreffen würden. Aber er fand nicht nur die benötigten Exemplare, sondern auch etwas Unerwartetes: Er entdeckte seine Maus. Es gab drei Stück davon: bräunlich-olivgrüne Flanken, ein grauer Unterbauch und Zähne mit den charakteristischen Streifen in Spektralorange.

Sie waren 1903 in Ecuador von dem Amateur-Freilandbiologen Ludovic Söderström gefunden worden – oder wahrscheinlich, so erklärt Voss, von einem der vielen einheimischen Ecuadorianer, die Söderström