Die verlorenen Schwestern - Adrian McKinty - E-Book

Die verlorenen Schwestern E-Book

Adrian McKinty

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Beschreibung

Nordirland, 1983. Als an einem Septembertag 38 IRA-Terroristen aus einem Hochsicherheitsgefängnis ausbrechen, herrscht höchste Alarmbereitschaft: Unter den Flüchtlingen befindet sich der in Libyen ausgebildete Bombenspezialist Dermot McCann. Inspector Sergeant Sean Duffy, der McCann aus Schulzeiten kennt, soll ihn finden. Er weiß: Jeden Moment könnten Bomben hochgehen, doch McCann bleibt verschwunden. Plötzlich wendet sich McCanns Ex-Schwiegermutter an Duffy. Sie will ihm helfen, aber erst, wenn er das Rätsel um den Tod ihrer Tochter gelöst hat. Vier Jahre zuvor war die Leiche der jungen Frau in einem von innen verriegelten Pub gefunden worden. Die Mutter glaubt nicht an einen Unfall. Aber wie sollte der Mörder entwischt sein – bei verschlossenen Türen? Duffy ist ratlos, und die Uhr tickt ...
Atemlose Verfolgungsjagden, düstere Bombenszenarien und ein Jahre zurückliegender Todesfall. Ein absolutes Muss – nicht nur für Fans von Sean Duffy!

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Seitenzahl: 440

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Nordirland, 1983. Als an einem Septembertag 38 IRA-Terroristen aus einem Hochsicherheitsgefängnis ausbrechen, herrscht höchste Alarmbereitschaft: Unter den Flüchtlingen befindet sich der in Libyen ausgebildete Bombenspezialist Dermot McCann. Inspector Sergeant Sean Duffy drückte mit McCann die Schulbank, weshalb mit einem Mal der MI5 vor seiner Tür steht. Duffy soll McCann finden. Er weiß: Jeden Moment könnten Bomben hochgehen, doch McCann bleibt von der Bildfläche verschwunden. Plötzlich wendet sich McCanns Ex-Schwiegermutter an Duffy. Sie will ihm helfen, allerdings nur unter einer Bedingung: Zuerst muss er das Rätsel um den Tod ihrer Tochter lösen. Vier Jahre zuvor war die Leiche der jungen Frau in einem von innen verriegelten Pub gefunden worden. Alles deutete auf einen Unfall hin, und doch ist die Mutter überzeugt, dass es Mord war. Aber wie sollte der Täter entwischt sein – bei verschlossenen Türen? Duffy ist ratlos, und die Uhr tickt …

Adrian McKinty, geboren 1968 in Belfast, zählt zu den wichtigsten nordirischen Krimiautoren. Nach einem Philosophiestudium an der Oxford University verschlug es ihn nach New York und Denver, wo er verschiedenste Jobs annahm, vom Barkeeper bis zum Rugby-Coach. Heute lebt der preisgekrönte Autor und Journalist mit seiner Familie in Melbourne, Australien.

Peter Torberg arbeitet seit 1990 als Übersetzer und hat u.a. Werke von Garry Disher, David Peace, Mark Billingham und Daniel Woodrell ins Deutsche übertragen.

Von Adrian McKinty sind im suhrkamp taschenbuch erschienen:

Die Sirenen von Belfast (st 4612), Der katholische Bulle (st 4523), Ein letzter Job (st 4430), Der sichere Tod (st 4343), Todestag (st 4277) sowie Der schnelle Tod (st 4232).

ADRIAN MCKINTY

DIE VERLORENEN SCHWESTERN

Roman

Aus dem Englischen von Peter Torberg

Suhrkamp

Die englische Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel In the Morning I’ll Be Gone bei Serpent’s Tail, London.

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2015

Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe des suhrkamp taschenbuchs 4595

© Suhrkamp Verlag Berlin 2015

© 2014 Adrian McKinty

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Umschlagfoto: Ian Cumming/Design Pics/Corbis

Umschlaggestaltung: cornelia niere, münchen

eISBN 978-3-518-74082-8

www.suhrkamp.de

Take every dream that’s breathing,

Find every boat that’s leaving,

Shoot all the lights in the café,

And in the morning I’ll be gone.

Tom Waits, »I’ll Be Gone« (1987)

Die Zeit verzweigt sich beständig zahllosen Zukünften entgegen. In einer von ihnen bin ich Ihr Feind.

Jorge Luis Borges, »Der Garten der Pfade, die sich verzweigen« (1941)

1 DIE GROSSE FLUCHT

Am Mittwoch, den 25. September 1983, um 16 Uhr 27 schlug der Pieper an. Im Abstand von vier Sekunden erklang ein schrilles Cis, was verriet, dass es sich um einen Notfall der Kategorie 1 handelte – zumindest denjenigen unter uns, die sich die Mühe gemacht hatten, das Handbuch zu lesen. Dieser allgemeine Notruf ging an alle Polizisten, Reservisten und Soldaten in Nordirland, die gerade dienstfrei hatten. In der Kategorie 1 gab es nur fünf Notfälle, darunter: ein atomarer Erstschlag der Sowjets, ein Einmarsch ebendieser und etwas, das die Beamten, die das Handbuch geschrieben hatten, ganz nonchalant »Hausfriedensbruch durch Außerirdische« genannt hatten.

Man sollte also meinen, dass ich, durchs Zimmer stürzend, mir den Pieper geschnappt hätte und mit einem Gefühl wachsender Panik zum nächsten Telefon gerast wäre. Da liegen Sie falsch. Erstens war ich so high wie das Skylab, zugedröhnt mit Schwarzem Türken, den ich mir selbst gepresst und dann mit süßem Virginia-Tabak gedreht hatte. Und zweitens war da noch die Tatsache, dass ich gerade auf meinem Atari 5200 Galaxian spielte, mit dem Fernseher auf voller Lautstärke und zugezogenen Vorhängen, um dem Ganzen mehr Dramatik zu verleihen. Mir fiel der Pieper nicht auf, weil sein beharrlicher Ton fast genauso klang wie die roten Raumschiffe, die sich von der galaxianischen Hauptflotte lösten, um sich auf ihren ach so vorhersagbaren Angriff zu machen.

Sie stellten keinerlei Schwierigkeit dar, trotz der kranken Genialität ihrer jugendlichen Programmierer in Osaka, denn ich hatte den Bogen raus, und sie hatten nur Einsen und Nullen. Ich schob den Joystick nach links, hielt mich in den Ecken auf und wich ihrem flächendeckenden Bombenteppich aus. Nachdem ich das überlebt hatte, glitt ich wieder in die Mitte des Bildschirms und löschte die ganze Staffel aus, die noch dabei war, sich wieder zu formieren. Erst als der Bildschirm leergefegt war und ich sah, dass ich mich an meinen bisherigen Highscore herangetastet hatte, bemerkte ich das graue Plastikrechteck, das auf dem Beistelltisch lag und mit mehr als der üblichen Vehemenz piepte und vibrierte, wie mir im Nachhinein schien. Ich warf ein Kissen darüber, setzte mich wieder auf den Teppich und spielte weiter. Dann fing das Telefon an zu klingeln, immer und immer wieder, bis ich schließlich eher aus Langeweile denn aus Neugier das Spiel auf Pause stellte und ranging. Es war Sergeant Pollock, der Diensthabende auf dem Revier Bellaughray.

»Duffy, Sie haben nicht auf Ihren Pieper reagiert!«, stellte er fest.

»Vielleicht hat die Rote Armee das Signal unterdrückt.«

»Was?«

»Was gibt’s, Pollock?«, fragte ich.

»Sie sind doch in Carrickfergus, richtig?«

»Aye.«

»Melden Sie sich auf dem örtlichen Revier. Dies ist ein Notfall der Kategorie 1.«

»Worum geht’s?«

»Eine Riesensache. Es hat einen Massenausbruch von IRA-Häftlingen aus dem Maze gegeben.«

»Himmel! Was für ein Schlamassel.«

»Höchste Alarmstufe, Mensch. Wir brauchen jeden Mann.«

»Okay. Aber vergessen Sie nicht, das ist mein freier Tag, also doppelte Überstunden.«

»Wie können Sie in so einem Augenblick an Geld denken, Duffy?«

»Das geht überraschend leicht, Pollock. Vergessen Sie nicht, doppelte Stunden. Tragen Sie’s ein.«

»Na gut.«

»Wieder mal eine Glanzleistung des Strafvollzugs Ihrer Majestät, hm?«

»Das können Sie laut sagen. Wollen wir nur hoffen, dass wir deren Mist aufgeräumt kriegen … hören Sie, ist das in Ordnung, wenn Sie nach Carrickfergus gehen? Ich weiß, da waren Sie nicht mehr seit Ihrer, ähm, Degradierung. Ich könnte Sie immer noch zur Newtownabbey RUC schicken.«

»Machen Sie sich keine Sorgen, Pollock. Wird schon gut gehen in den heimatlichen Gefilden.«

»Hoffen wir mal.«

Ich legte auf und verkündete der galaxianischen Flotte, die lautlos auf der Mattscheibe schwebte: »Kehrt zu euren außerirdischen Herren zurück und tut ihnen kund, dass wir Erdlinge nicht so leicht zu bezwingen sind!« Dann zog ich den Atari aus der Rückwand des Fernsehers heraus und schaltete die Nachrichten ein. Ihrer Majestät Gefängnis Maze (vormals bekannt als Long Kesh) war ein Hochsicherheitsbau, der zu den ausbruchsichersten Anlagen in Europa zählte. Doch wenn man solche Wörter hörte wie »ausbruchsicher«, dann musste man unwillkürlich an jene andere große Belfast-Errungenschaft denken, die »unsinkbare« Titanic. Während ich Uniform und Schutzweste anlegte, kamen nach und nach die Fakten herein. Achtunddreißig IRA-Häftlinge waren aus dem H-Block 7 des Gefängnisses ausgebrochen. Sie hatten eingeschmuggelte Waffen verwendet, um Geiseln zu nehmen, hatten sich dann einen Wäschelieferwagen geschnappt und waren durch die Tore gebrettert. Ein Beamter war tot, zwanzig waren verletzt worden. »Zu den Ausbrechern gehören verurteilte Mörder und einige der führenden Bombenbauer der IRA«, verkündete atemlos eine attraktive junge Nachrichtensprecherin im BBC-Studio.

»Na, fantastisch«, murmelte ich und fragte mich, ob sich darunter auch jemand befand, den ich selbst eingebuchtet hatte. Ich machte mir eine Tasse Nescafé und aß eine Schale Frosties, um den Schwarzen Türken aus dem Körper zu verbannen, dann ging ich hinaus zu meinem BMW.

»Ach, Mr Duffy, haben Sie das Neueste schon mitbekommen …?«, meinte Mrs Campbell über den Zaun hinweg zu mir. Ich trug Schutzweste, Schutzhelm und eine Maschinenpistole Heckler & Koch MP5, also war das keine sonderlich brillante Fragestellung von Mrs C, doch ich lächelte sie nur grimmig an und sagte: »Den Ausbruch, meinen Sie?«

Sie schob sich eine störrische rote Strähne hinters Ohr. »Ja, es ist schockierend, die werden uns alle im Schlaf umbringen! Was mach ich denn nur mit Stephen oben, der ist doch arbeitsunfähig?« Stephens »Arbeitsunfähigkeit« bestand in einer strengen Diät aus Billig-Gin und Wodka, was bedeutete, dass er schon gegen Mittag so hackedicht war wie Oliver Reed bei den Dreharbeiten zu den Drei Musketieren. Sie war eine hübsche Frau, diese Mrs Campbell, selbst mit ihrem Kummer, dem Nachtgewand aus den Fünfzigern und der im Mundwinkel baumelnden Zigarette.

»Machen Sie sich keine Sorgen, Mrs C, ich bin bald wieder zurück«, sagte ich und versuchte mich anzuhören wie Christopher Reeve in Superman II, als er Lois Lane versichert, General Zod sei ihm nicht gewachsen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie den Hauch an Selbstparodie in meiner Reeve-Nummer bemerkte, doch sie beugte sich über den Zaun, gab mir einen kalten Zigaretten-Kuss auf die Wange und flüsterte: »Danke.«

Ich nickte leicht, ging den Gartenweg entlang und stieg in meinen BMW. Bevor ich den Schlüssel in die Zündung steckte, stieg ich wieder aus und suchte unterm Wagen nach Bomben mit Quecksilberzünder. Es gab keine, also stieg ich wieder ein und schob eine Kassette in den Recorder, Robert Plants The Principle of Moments. Ich hörte mir Plants Soloalbum zum vierten Mal an, und noch immer brachte ich es nicht über mich, es zu mögen. Nur Synthesizer, Drum Machine und hohe Stimmen. Aber so waren die Zeichen der Zeit, und nun, da der Herbst angebrochen war, konnte man mit ziemlicher Bestimmtheit festhalten, dass 1983 wohl das schlimmste Jahr in der Geschichte der Popmusik der letzten zwei Jahrzehnte werden würde.

Ich fuhr die Scotch Quarter entlang und bog zum ersten Mal seit langer Zeit nach rechts auf das Revier der Carrickfergus RUC ab. Eine äußerst merkwürdige Erfahrung, noch dazu kannte der junge Wachmann am Tor mich nicht. Er beäugte meinen Dienstausweis, sah mich an, runzelte die Stirn, hob die Schranke und ließ mich schließlich rein. Ich stellte den Wagen auf dem heruntergekommenen Besucherparkplatz ab, der ein Stück weit vom Revier entfernt lag, und ging zum Tresen des Diensthabenden. Es hatte ein paar Veränderungen gegeben. Die Wände waren in einem Klapsmühlenrosa gestrichen worden, und überall standen Topfpflanzen herum. Ich hatte gehört, dass Chief Inspector Brennan in den Ruhestand gegangen war und nun ein Beamter aus Derry namens Superintendent Carter seinen Platz eingenommen hatte. Viel wusste ich nicht über ihn, nur dass er jung und tatkräftig war und viele neue Ideen hatte – was sich zugegebenermaßen einfach nur grässlich anhörte. Aber das hier war nicht meine Burg, was kümmerte es mich also, was sie mit dem alten Gemäuer gemacht hatten?

Das CID in Carrickfergus leitete übergangshalber mein ehemaliger zweiter Mann, der frisch beförderte Detective Sergeant John McCrabban, und das war gut so. Ich ging nach oben, schlich mich hinten in das Besprechungszimmer und versuchte, keine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken.

»… könnte nützlich sein. Wir rufen die Operation Kessel aus. Alle Straßen von und zum Gefängnis werden gesperrt. Unser Abschnitt sind die Zugangsstraßen nach Norden und Osten, die A2 und natürlich die Straßen nach Antrim. Wir koordinieren uns mit Ballyclare RUC …«

Carter war groß, hatte einen wuchtigen Adamsapfel und braune, lockige Haare. Er war langgliedrig und beugte sich auf eine bedrohliche Weise über das Pult, als wolle er einem gleich eine Ohrfeige verpassen. Ich hörte mir seine Ansprache an, die von Gefahren und Herausforderungen handelte und mit dem Impetus von Winston Churchills »Wir werden auf den Stränden kämpfen«-Rede endete. Rhetorisch war seine Ansprache weit überzogen, aber ein paar der jüngeren Constables der Reserve klatschten, als er fertig war. Danach drängten wir zum Besprechungszimmer hinaus, und ich sagte Hallo zu ein paar alten Freunden. Inspector Douggie McCallister gab mir die Hand. »Toll, dich zu sehen, Sean. Herrje, wenn du fünf Minuten früher gekommen wärst, hättest du noch McCrabban und Matty erwischt, aber die sind schon mit der Bereitschaftspolizei draußen. Wie geht’s denn so?«

»So lala, Douglas. Wie ist denn der Neue?«

Douggie rollte mit den Augen und senkte die Stimme: »Wenn er nicht eins achtzig groß wäre, würde ich sagen, er ist ein kleiner Wicht, der Publikum braucht.«

»Au weia. Du könntest ja immer noch den alten Trick mit dem Chlorpromazin im Whiskey durchziehen.«

»Abstinenzler, Sean. Trinkt nur Tee. Will den Alkohol auf dem Revier verbieten lassen und am liebsten gleich noch auf der ganzen Insel, wenn man seinen Pamphleten glauben kann.«

»Diese Idee haben sie schon mal in Amerika ausprobiert, glaube ich, mit eindeutig zweideutigen Resultaten.«

»Aye, also, eine Krise nach der anderen. Ich besorge dir mal einen Dienstplan. Kannst du noch einen Land Rover fahren?«

»Ist der Papst katholisch?«

Ich bekam meinen gepanzerten Polizei-Land-Rover und fuhr mit einer Gruppe nervöser Constables zu einem Ort namens Derryclone am Ufer des Lough Neagh. Wir brauchten über zweieinhalb Stunden, bis wir all die Straßensperren passiert hatten, und stellten schließlich unsere eigene Sperre auf. Das also war die viel gepriesene Operation Kessel.

In Radio 3 lief Ligetis Requiem, und die düstere Stimmung wurde noch verstärkt durch die schwarzen Wolken, den Nieselregen und die vereinzelten Krähen, die uns von durchhängenden Telegrafendrähten aus ankrächzten. Als ich die Hecktüren des Rover öffnete, lasen zwei der Männer in ihren Gideonbund-Bibeln, einer schien geweint zu haben und der einzige katholische Reservist fingerte peinlicherweise an einem Rosenkranz herum.

»Verdammt noch mal, Jungs! Hier drin ist ja eine Stimmung wie in einem Minibus in Juárez am Día de Los Muertos. Na kommt schon! Reine Routine. Wir werden schon keinem IRA-Desperado begegnen, ich versprech’s.«

Wir bauten unsere Straßensperre auf der schläfrigen Landstraße am Lough Neagh auf, und nach ein, zwei Stunden Nichtstun war selbst dem schwermütigsten jungen Polizisten klar, dass wir keinem der aus dem Maze Entkommenen begegnen würden.

Wir sahen Helikopter mit Suchscheinwerfern, die vom RAF-Flugfeld Aldergrove abhoben und landeten, und im Radio hörten wir, wie erst der Nordirland-Minister seinen Rücktritt eingereicht und später auch Mrs Thatcher selbst ihr Amt niedergelegt hatte.

Nichts war’s. Niemand war zurückgetreten, und ich sagte den Jungs voraus, dass niemand oberhalb eines Inspektors auch nur einen Rüffel abbekommen würde, wenn der Untersuchungsbericht zu dem Ausbruch erst einmal vorliegen würde (Sie können ja im Hennessy-Report von 1984 selbst nachlesen, falls Sie Beweise für meine verblüffenden Fähigkeiten auf dem Gebiet der Wahrsagerei wollen).

Ein weiterer Land Rover von der Ballymena RUC hielt an unserer Straßensperre, doch die Polizisten sprachen einen derart fiesen Dialekt, dass wir Schwierigkeiten hatten, sie zu verstehen. Ein Großteil ihrer Unterhaltung schien um Jesus und Traktoren zu kreisen, für jemanden, der Ballymena nicht kennt, eine ziemlich unwahrscheinliche Kombination. Am späten Nachmittag traf dann noch ein Land Rover ein, der Jungs aus dem weit entfernten Coleraine brachte. Niemand hatte daran gedacht, heiße Schokolade oder heißen Kakao mitzubringen, Essen oder Zigaretten, aber der Inspector der Coleraine RUC hatte ein Reiseschach dabei, nur um die Befriedigung zu verspüren, jeden einzelnen von uns zu schlagen. Ich erzählte ihm meine Boris-Spassky-Geschichte (Reporter: »Was bevorzugen Sie, Mr Spassky, Schach oder Sex?« Spassky: »Das kommt ganz auf die Stellung an.«). Sie beeindruckte ihn nicht sonderlich, und er setzte mich in elf Zügen matt.

Gegen Mitternacht nahm der Regen noch zu, und die Nacht war lang und kalt. In den frühen Morgenstunden hielten wir schließlich einen Wagen an: einen Austin Maxi mit einer älteren Kirchgängerin am Steuer, die seit der Mittagszeit versuchte, nach Hause zu kommen. Im Kofferraum fanden sich leider keine Flüchtigen. Die Fahrerin hatte eine Dose Kekse dabei, doch nach einiger Diskussion erlaubten wir ihr im Interesse der Öffentlichkeitsarbeit, sie zu behalten.

Zu Tode gelangweilt, hörten wir uns den wirren und widersprüchlichen Polizeifunkverkehr an. In West Belfast hatte es Unruhen gegeben, doch waren sie nichts weiter als offenkundige Ablenkungsmanöver für die Bullen, deshalb hatte die Zentrale nur wenige Soldaten oder Polizisten dorthin geschickt.

Kurz vor Sonnenaufgang gab es am südlichen Ende des Lough etwas Aufregung, als ein Helikopterpilot der Armee meinte, jemanden gesehen zu haben, der sich im Schilf verbarg. Der Funk erwachte bellend zum Leben, mehrere mobile Einheiten, darunter auch wir, wurden alarmiert und hingeschickt. Als wir dort eintrafen, schoss eine kleine Truppe der Welsh Guards mit Maschinengewehren ins Wasser. Bei Sonnenaufgang sahen wir, dass sie gute Arbeit geleistet und einen erschöpften Schwarm Blässgänse massakriert hatten, die auf ihrer Reise in den Süden Frankreichs dummerweise hier Rast gemacht hatten.

Die Jungs aus Ballymena schnappten sich jeder eine Gans, und wir fuhren zu unserer Straßensperre zurück. Ich setzte mich in den Land Rover und schaltete BBC Radio 4 ein. Nach letzten Meldungen hatte man achtzehn der Flüchtigen gefasst, die anderen aber waren entkommen. Gegen Mittag erhielten wir eine Namensliste. Keiner der Namen sagte mir etwas, bis auf einen … und das war ausgerechnet Dermot McCann. Dermot und ich waren in Derry zusammen auf die St Malachy’s School gegangen. Ein wirklich kluges Kerlchen, er war Schülersprecher gewesen, ich Stellvertreter. Dermot, gut aussehend, charmant, ein guter Spieler, hatte vorgehabt, zur Zeitung zu gehen und vielleicht auch beim Fernsehen Reporter zu werden. Die Troubles hatten seine Pläne auf den Kopf gestellt, und Dermot hatte sich freiwillig zur IRA gemeldet, was ich in der Zeit des Blutigen Sonntags auch selbst vorgehabt hatte.

Wegen allerlei Machenschaften war ich bei der Polizei gelandet, und Dermot hatte mehrere Jahre bei den Provos gedient, bevor er verhaftet worden war. Er war ein hochtalentierter Sprengstoffexperte und Bombenbauer bei der IRA, der am Ende von einem Informanten verraten wurde. Der Spitzel wies auf Dermot als wichtigen Mitspieler hin, aber es gab keinerlei Spuren, also hatte ein cleverer Polizist ihn reingelegt und seinen Fingerabdruck auf einem Klumpen Plastiksprengstoff platziert. Dermot war verurteilt worden und hatte bis zu seiner Flucht eine zehnjährige Haftstrafe wegen Verschwörung und mutmaßlichem Bombenlegen abgesessen.

Ich hatte schon lange nicht mehr an Dermot gedacht, aber in den folgenden Wochen zeigte sich, dass er einer der führenden Köpfe hinter dem Fluchtplan gewesen war. Dermot hatte eine Möglichkeit ausgetüftelt, wie man Waffen ins Gefängnis schmuggeln konnte, und es war seine Idee gewesen, die Wärter als Geiseln zu nehmen und deren Uniformen anzuziehen, um die Wachtürme nicht zu alarmieren.

Dermot schaffte es nach South Tyrone und über die Grenze in die Republik Irland. Später erfuhr ich vom MI5, dass er und ein Elite-Team der IRA in einem Terroristen-Ausbildungslager in Libyen gesichtet worden seien. Doch schon an diesem elenden Montagmorgen am Ostufer des Lough Neagh, als der Nebel sich vom Wasser hob und Regen von einem grauen Septemberhimmel herabnieselte, wusste ich aus der schaudernden Logik eines Märchens, dass sich unsere Wege erneut kreuzen würden.

2 DIE KLEINE FLUCHT

Es war spät an einem kalten Dezembertag, und der Gefangene 239 tat, was er am besten konnte: Warten. Er war nicht immer gut darin gewesen. Als Junge war er aggressiv und forsch, in der Schule brillant, aber genauso ungeduldig und grob. Erst im Maze-Gefängnis hatte er Warten gelernt. Als führender Kopf der IRA war er häufig in Einzelhaft gelandet, wo das Warten sein einziger Begleiter gewesen war. Er hatte fünf Jahre lang gewartet: Beobachten, Pläne schmieden, Leute zusammentrommeln. Und hier, in diesem Betonsarg am Rande der Wüste, wartete er wieder, auch wenn es ihm schwerer fiel, die Zeit im Auge zu behalten. In den ersten paar Tagen seiner Gefangenschaft hatte er getobt, vor Wut geschäumt, mit den Fäusten gegen die Eisentür gehämmert. »Das ist alles ein furchtbarer Irrtum!«, hatte er gebrüllt. »Wir wurden hierher eingeladen!« Genützt hatte es ihm allerdings nichts. Sie waren nur hereingestürmt und hatten ihn mit Gummischläuchen bearbeitet, bis er still war.

Er wusste, er war nicht allein in dieser Anlage, aber in den Zellen links und rechts von ihm saßen keine Gefangenen, was sein Gefühl von Isolation noch verstärkte, ebenso wie das hoch angebrachte Fenster, der ummauerte Gefängnishof und die Wachen, die den Befehl hatten, nicht mit ihm zu sprechen und nicht auf seine Fragen zu antworten. Er brauchte nur ein paar Tage, um sich wieder an seine alten Fähigkeiten zu erinnern. Er lernte wieder, die Zeit selbst zu nutzen und nicht sich von der Zeit benutzen zu lassen. Er las die französischen Romane, die sie ihm gaben, und die spärlichen Reste der englischen Zeitungen, die der Gefängniszensor übrig gelassen hatte. Zensieren ist in allen Kulturen ein undankbarer Job, und zweifellos verriet das, was der Mann aus den Zeitungen schnitt, mehr, als sie sich beim besten Willen vorstellen konnten.

Er fing an, seine Gedanken in ein Notizbuch zu schreiben, das sie ihm gegeben hatten. Auf jeder zweiten Seite zeichnete er aus dem Gedächtnis seine Mutter, Geschwister und Szenen aus Derry. Es war ihm schon klar, dass sie lasen und kopierten, was er geschrieben hatte, wenn sie ihn auf den Hof oder zum Duschen brachten, aber das war ihm egal. Er verfasste Gedichte, machte Notizen für politische Manifeste und für Geschichten aus seiner Kindheit. Vielleicht schrieb er auch über mich, aber das bezweifle ich, zumindest tauchte mein Name nicht in den Unterlagen auf, die mir der britische Geheimdienst später zukommen ließ. Ehrlich gesagt, war ich nie einer seiner besten Freunde gewesen; eher Mitläufer, rechte Hand, Groupie … In der sechsten Klasse war ich eine Zeitlang sogar der komische Gegenpart gewesen, der Hofnarr … bis er genug von mir hatte und einen anderen Loser auf diesen Posten hob.

Die Wochen schleppten sich dahin, und die Eintragungen des Gefangenen 239 in sein Notizbuch wurden immer ausgefeilter. Er beschrieb seine Jugend in der Bogside in den Fünfzigern und Sechzigern. Er sprach über jenen furchtbaren Tag in Derry, als die Fallschirmjäger ein Dutzend Zivilisten erschossen, die nur für Rechtsgleichheit demonstriert hatten … Er erwähnte, wie der Blutige Sonntag ihn und alle anderen jungen Männer in der Stadt wachgerüttelt hatte.

Mich eingeschlossen, natürlich. Tatsächlich war es das letzte Mal gewesen, dass ich Dermot McCann gegenüberstand, als ich ihn schüchtern aufgesucht und ihn gefragt hatte, ob ich mich wohl auch den Provos anschließen könne. Er hatte mich schlichtweg abgewiesen. »Du bist an der Uni, Duffy. Bleib da. Die Bewegung braucht die klugen Köpfe genauso wie die Muskelpakete.«

Als ich mich dann der Polizei angeschlossen hatte, hatte er sicherlich jeden Gedanken an mich aus seinem Leben verbannt …

An jenem letzten Dezembertag hatte der Gefangene 239 die dünne weiße Matratze von der Pritsche genommen und auf den Zellenboden gelegt. In sein Tagebuch schrieb er, wenn er in der Ecke neben der Tür läge, könne er ab und zu eine schmale Federwolke durch die hohe Fensterspalte sehen. Er könne im südlichen Chamsinwind die Wüste riechen, und obwohl er eigentlich nicht wissen dürfe, wo er sei, ahne er, dass er sich südöstlich von Tobruk befinde, vielleicht keine zwölf Meilen von der Grenze zu Ägypten entfernt. Freiheit … wenn er denn rauskäme. Aber wenn es jemand schaffen konnte, aus einem Kerker Gaddafis auszubrechen, dann Dermot McCann.

Er lag auf dem Boden und schrieb über den Himmel, der im Laufe des Spätnachmittags die Farben wechselte. Er beschrieb das Ful und das Fladenbrot, das man ihm gegen sechs Uhr brachte. Er schrieb über die nächtliche Gefängnissymphonie: Schlüssel, die sich in Schlössern drehten, Schuhe, die auf dem gebohnerten Fußboden quietschten, Männer, die im unteren Stockwerk diskutierten, ein weit entferntes Radio, Ungeziefer draußen im Flur, ein Laster, der über eine der Grenzstraßen klapperte, und, wenn der Wind richtig stand, das Jaulen der Schakale in einem der Wadis.

Häftling 239 schrieb und wartete. Er durchforschte die Ansichten seines eigenen Verstandes und seiner Erinnerungen. »Gesellschaft befördert das Verständnis«, hatte er auf die allererste Seite des Notizbuchs geschrieben, »aber Einsamkeit ist die Schule des Genies!«

An jenem letzten Dezembertag zündete er einen Kerzenstummel an (auf dem Tagebuch fand sich rotes Wachs), zeichnete einen Fuchs, wickelte sich in seine Decke und legte sich schlafen. Zweifellos wachte er mit der Sonne auf, und als die Wachen in die Zelle kamen, um ihm das Frühstück zu bringen, spürte er wohl eine Veränderung in ihrer Stimmung und Körperhaltung. Vielleicht bemerkte er, dass sie ihn anlächelten und dass einer von ihnen einen funkelnagelneuen Satz Kleidung bei sich hatte.

3 DER ZWISCHENFALL

Dezember. Es war nun ein Jahr her, dass ich aus dem CID geschmissen und vom Detective Inspector zum Sergeant degradiert worden war – zu einem einfachen Sergeant, nicht zum Detective Sergeant. Sie können sich ja vorstellen, wie schwer es ist, wieder in den normalen uniformierten Dienst auf einem Grenzrevier zurückzukehren, wenn man erst mal Detective gewesen ist. Der offizielle Grund, warum die RUC mich an den Eiern hatte, war die Verletzung von irgendwelchen verschissenen Regeln, doch in Wahrheit war ich beim Fall DeLorean ein paar hochrangigen FBI-Agenten auf die Zehen gestiegen, und die wollten sehen, dass ich einen Dämpfer verpasst bekam.

Die Polizeireviere an der Grenze im Süden von Armagh waren die reinsten Brutstätten für zukünftige Alkoholiker und Selbstmörder, mit dem zusätzlichen Wonneschauder, auf der Streife erschossen oder in die Luft gejagt zu werden, aber was mich drangekriegt hatte, war die Nacht, in der wir Sergeant Billy McGivvin nach Hause fahren mussten, nachdem er in einem Pub betrunken randaliert hatte. Billy wohnte am Arsch der Welt, und ich war schon mal bei ihm zum Essen gewesen, also übertrug man mir die Aufgabe, ihn nach Hause zu bringen …

Es war nach neun Uhr abends, und wir fuhren die Lower Island Road ins Dorf Ballycarry. Wir waren zu dritt. Sergeant McGivvin und ich hinten, Jimmy McFaul am Steuer. Rein theoretisch handelte es sich um eine zweispurige Straße, doch in Wahrheit war es nur ein breiterer Viehpfad, und Jimmy hing schon halb im Graben, weil uns ein Auto entgegenkam.

Um den anderen Fahrer nicht zu blenden, schaltete Jimmy das Fernlicht aus. Ich blickte durch die kugelsicheren Scheiben des Land Rover, aber da war nichts zu sehen: dichte Hecken zu beiden Seiten, schlammige Weiden dahinter.

Der Land Rover machte ein komisches Geräusch. »Was war das?«, fragte ich.

»Keine Ahnung«, antwortete Jimmy.

»Da war was.«

»Glaubst du, es hat jemand auf uns geschossen?«

Ich hatte schon Dutzende Male gehört, wie Kugeln an den Panzerplatten eines Polizei-Land-Rover abprallten; keine davon hatte ein solches Geräusch gemacht.

»Ich glaube nicht.«

»Na, bringen wir McGivvin nach Hause«, meinte Jimmy.

In der Woche zuvor hatte Billy McGivvins Frau ihre drei Kinder geschnappt und war ausgezogen. Ein Anwalt hatte McGivvin mitgeteilt, dass sie in England sei und sich wegen wiederholter Trunkenheit und häuslicher Gewalt scheiden lassen wolle. McGivvin hatte beschlossen, ihre Behauptungen dadurch zu widerlegen, dass er ins Joymount Arms in Carrickfergus ging und sich volllaufen ließ. Er hatte angefangen, die anderen Gäste zu beschimpfen und die Frauen Schlampen und Nutten zu nennen; als sie ihn zum Gehen aufforderten, hatte Billy seine Dienstwaffe gezückt.

McGivvin war schon ein unfassbar schlechter Polizist gewesen, bevor ihn seine Frau verlassen hatte; zweifellos würde er ein noch schlechterer Beamter werden. Das machte mir keine Sorgen. Sorgen machte mir die Möglichkeit, dass er mir auf die Uniform kotzen würde, die ich gerade erst vor zwei Tagen aus der Reinigung geholt hatte.

»Alles in Ordnung, Kumpel, alles in Ordnung«, versicherte ich ihm immer wieder. »Bist gleich zu Hause.«

»Bluuäärrghh«, erwiderte er und übergab sich auf den Panzerstahlboden des Land Rover.

Wir trafen ohne weitere Zwischenfälle in Ballycarry ein und fanden McGivvins Farmhaus an der Manse Street. Jimmy hielt an und zerrte McGivvin in den Nieselregen hinaus. Wir konnten keinen Schlüssel finden, auch nicht unter einem Blumentopf oder der Fußmatte, also mussten wir durch die Hintertür einbrechen.

Wir legten McGivvin in der stabilen Seitenlage unten auf das Sofa. Dann stellten wir einen Eimer neben ihn und knöpften sein Hemd auf. An der Wand hing ein riesiges Samtbild von Jesus, der in einer Parade zur Erinnerung an die Schlacht am Boyne 1690 mitmarschierte, doch Jimmy fand, es könne in Spuckweite sein, also hängten wir es ab und brachten es ins Esszimmer.

In der Küche stand unter der Lampe unheilverkündend eine Trittleiter. Der ideale Platz für einen Galgenstrick. Ich klappte die Leiter zusammen und schob sie unter die Treppe. »Wie viele Freudianer braucht man, um eine Glühbirne zu wechseln?«, fragte ich Jimmy, um uns auf andere Gedanken zu bringen.

»Keine Ahnung«, antwortete er.

»Zwei. Einer wechselt die Glühbirne, der andere hält den Penis – die Leiter wollte ich sagen.« Jimmy verstand den Witz nicht. »Schätze, das reicht«, stellte ich fest.

Wir gingen zum Land Rover zurück und stiegen ein. Wir kamen gerade rechtzeitig, um mitzubekommen, wie in der Chart Show der Weihnachtshit für 1983 angesagt wurde. Es handelte sich um »Only You« von Vince Clarke – neu eingespielt von irgendeiner nervtötenden A-Cappella-Gruppe.

»Der Musikgeschmack dieses Landes heutzutage ist mir ein Rätsel«, sagte ich.

Jimmy setzte sein vierundzwanzigjähriges Lächeln auf und hielt den Mund.

Ich überredete ihn, auf Radio 3 umzuschalten, und Bach begleitete uns zurück nach South Armagh.

Als wir den Wagen am Revier abstellten, fiel mir auf, dass der Spiegel an der Fahrerseite einen Sprung hatte. »Na so was«, sagte ich. »Haben wir unterwegs irgendwas angefahren?«

»Nee, der war schon kaputt, als wir losgefahren sind. Ich bin mir ziemlich sicher.«

Es gab keinerlei Spuren von Blut oder anderem verwertbaren Material.

Ist wahrscheinlich nichts, dachte ich, und wir betraten die schwer gesicherte Kaserne, um den Rest unserer Schicht abzusitzen.

4 UNBEZAHLTE FREISTELLUNG

Wir näherten uns dem Ende der Fußstreife, dem übelsten Part der ganzen Angelegenheit, wie einem jeder Polizist oder einfacher Soldat bestätigen wird. Wir waren kurz vor dem Polizeirevier, das oben auf dem Hügel lag, und in Sichtweite des Ziels beschossen zu werden, wäre zutiefst bestürzend gewesen.

Das Dorf war menschenleer. Es war ein ruhiger Samstagvormittag, lange vor Marktzeit. Wir marschierten mitten auf der Straße an den weißen Linien entlang.

Die Häuser auf der linken Seite lagen in der Republik Irland, die auf der rechten im Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland. Unsere Aufgabe bestand darin, an der Grenze zu patrouillieren und Schmuggel und Transport von IRA-Waffen, Kämpfern und Geldern zu unterbinden. Die Geografie machte dies zu einem absurden Unterfangen. Als Nordirland 1921 gegründet wurde, waren alle davon ausgegangen, dass es sich nur um eine vorübergehende Lösung für das Problem der irischen Selbstherrschaft handeln würde. Niemand hatte ernstlich daran geglaubt, dass die fürchterlich verwinkelten Bezirksgrenzen zwischen Fermanagh, Tyrone und Armagh tatsächlich jemals eine dauerhafte und kontrollierbare Grenze zwischen zwei Staaten darstellen könnten. Doch nun waren sie es, und die Grenze verlief durch Felder und Dörfer, manchmal mitten durch Farmen und einzelne Häuser. Dazu kamen noch Exklaven, Enklaven, Landzungen und andere vollkommen unkontrollierbare kartografische Besonderheiten.

Hier im Dorf Bellaughray verlief die Grenze geradewegs durchs Ortszentrum. Eigentlich sollten wir uns an die rechte Straßenseite halten, denn das Überqueren der weißen gestrichelten Linie stellte eine Verletzung der Souveränität der Republik Irland dar und führte, rein theoretisch, zu diplomatischen Verwicklungen; hielt man sich allerdings rechts, war man im Visier der Heckenschützen entlang der Hügel des County Monaghan, deshalb hielt ich die Patrouille unter meiner Führung stets auf der republikanischen Seite der Straße, wo uns die Häuser Schutz boten.

Wir gingen langsam und hintereinander, dann kamen wir an den Hauptkreisverkehr von Bellaughray, von dort waren es nur noch dreihundert Meter bis zum Revier.

Ich hatte acht Mann in voller Kampfmontur mitgenommen, und wir waren schwer bepackt mit Leuchtgeschossen, Funkgeräten und Sterling-Maschinengewehren. Wie üblich war es eine anstrengende Patrouille gewesen. Wir waren über matschige Felder gestapft, über Gräben und Steinmauern gestiegen, durch Sümpfe und Jauche und Kuhscheiße gewatet. Wir hatten keine Spur von IRA-Leuten, Benzinschmugglern oder Schafdieben gesehen, übrigens auch keine Schafschänder, und doch hatten wir in den letzten anderthalb Stunden unser Leben aufs Spiel gesetzt.

Die Heckenschützen der IRA waren gut und verfügten dank der Yankee-Dollar über moderne Schnellfeuergewehre. Sie kannten unsere Routine und unsere Routen und konnten ganz gelassen in ihren Verstecken warten, die bis zu tausend Meter entfernt sein mochten.

Taten sie aber nicht. Zumindest nicht an diesem Vormittag. Wir überquerten den Kreisverkehr und erreichten die winzige katholische Kapelle.

Die Hecke rings um den kleinen Ziegelbau machte mir Sorgen. Sie war so dicht, dass man nicht hindurchschauen konnte, und dahinter mochte sich sonst was verbergen: ein Mann mit einer Waffe, eine versteckte Sprengladung …

Ich schickte Constable Williams vor, um nachzusehen, dann signalisierte ich dem Rest der Patrouille, sich auf ein Knie sinken zu lassen. Williams ging vor, schaute hinter die Hecke und entdeckte nichts.

Er gab mir ein Handzeichen.

»Okay«, sagte ich. »Schwirren wir ab. Fast zu Hause, Jungs.«

Typisch für diese letzten Dezembertage, war die Sonne mehr oder weniger verschwunden, wurde von den enormen kreidefarbenen Wolken verschluckt, die von den Mourne Mountains herunterzogen. Doch selbst bei den kältesten Temperaturen waren wir vor Angst und Ausrüstung schweißgebadet. Es war auf herbe Weise schön hier unter den kargen Hängen des Slieve Gullion. Dies war heiliger Boden: Cuchulainns Königreich in den Zeiten des Táin Bó Cúailnge, des Rinderraubs von Cooley, und in den Zeiten von St Patricks Terra Repromissionis Sanctorum – dem Gelobten Land der Heiligen. Heute gab es hier keine Heiligen, aber auch keine Sünder, was das betraf.

Ich ging ein paar Minuten voran, dann nickte ich Constable Brown zu, dessen Gesicht den aufgeschreckten Ausdruck des Hirschs auf Landseers Monarch of the Glen annahm.

»Na los, Junge, ich bin direkt hinter Ihnen«, versicherte ich ihm.

Nach etwa sieben Metern erstarrte er. »Fahrzeuge!«, hörte ich ihn brüllen.

Ich sah die Straße entlang. An ihrem Ende standen zwei Wagen seitlich nebeneinander; ein blauer Ford Cortina, der, wie ich annahm, Mr McCoghlan, dem örtlichen Metzger, gehörte, der andere ein orangener Toyota, den ich nicht kannte. Ich fragte mich, warum sie die Straße blockierten. Hinterhalt? Doppelte Autobombe? Oder etwas vollkommen Harmloses?

Beide Auspuffe qualmten. Ich hob meine Faust, damit sie jeder sehen konnte, und zog sie nach unten. Wieder senkten sich alle auf ein Knie.

»Und das mit meiner Arthritis«, beschwerte sich Constable Pike.

»Runter mit Ihnen«, sagte ich. »Und Augen auf.«

Schließlich nahmen alle eine kauernde oder halb kniende Haltung ein – um sich besser auf den Boden werfen zu können, falls es sich um eine Autobombe handelte, und uns weiß glühende Schrapnelle entgegenschossen.

Wir warteten. Ein Rabe landete auf der Straße vor uns und pickte an etwas herum. Die Autos standen einfach da, blauer Qualm stieg aus den Auspuffrohren, die Motoren drehten im Leerlauf. Constable Daniels pfiff mehr oder weniger schief »What’s New Pussycat?« Ich nahm mein Fernglas und besah mir die Szene. Zwei Männer saßen in den Wagen und schienen sich zu unterhalten.

»Hopkins, gehen Sie hin und überprüfen Sie das!«

»Warum denn ich?«, fragte Constable Hopkins.

»Weil Sie dran sind«, antwortete ich.

»Wenn Inspector Calhoun die Patrouille leitet, überprüft er immer selber alles Verdächtige«, schimpfte Hopkins.

»Deshalb verdient er ja auch einen Haufen Kohle, richtig? Also los jetzt, schauen Sie nach, sonst landet mein Stiefel in Ihrem Hintern!«

»Schon gut«, sagte Hopkins mürrisch.

»McBeth, Sie gehen mit, versetzte Formation, mindestens sieben Meter Abstand. Und wachsam bleiben, beide!«

Hopkins und McBeth gingen zu den zwei stehenden Wagen, wir anderen hielten die Luft an.

Ich wusste, was die beiden dachten.

So sieht also das Ende aus.

Bäng.

Im Plastiksprengstoff explodiert das eingearbeitete Sprengmaterial. Exponentielle Ausdehnung. Das Sprengmaterial fliegt aus seiner Plastikumhüllung. Zinnoberrotes Feuer. Das Leben ist zu Ende gelebt und in einem Sekundenbruchteil vorbei …

McBeth und Hopkins trafen bei den Autos ein, redeten mit den Männern und kamen zurück.

»Zwei alte Knacker, die ein Schwätzchen halten. Entwarnung«, sagte Hopkins.

Ich nickte; gerade als ich mich aufrichten wollte, hörte ich einen lauten Knall von irgendwo oben in den Hügeln. Ich musste keinen Befehl geben, noch bevor ich den Mund aufmachen konnte, lagen schon alle flach da.

»Jemand verletzt?«, rief ich und nannte einen Namen nach dem anderen.

»Pike?«

»Bin okay!«

»Brown?«

»Alles in Ordnung.«

»Daniels?«

»Okay.«

»McCourt?«

»OK.«

»Hopkins?«

»Trotz Ihrer größten Anstrengungen, Sergeant, bin ich auch okay!«, meinte er verbittert.

»McBeth?«

»Aye, alles in Ordnung.«

»Hat jemand gesehen, woher das kam?«

Niemand. Niemand hatte etwas gesehen, niemand wusste, was das Geräusch gewesen war. Die beiden alten Knacker vor uns unterhielten sich noch immer.

Die Frage war, wie lange wir dort liegenbleiben sollten. Wir konnten ja nicht den ganzen Tag den Asphalt knutschen. »Okay, Pike, McBeth, McCourt, auf die linke Straßenseite, die verdammten Hügel absuchen. Wenn dort ein Zielfernrohr aufblitzt oder eine Rauchwolke steht, schießen. Der Rest als halbe Truppe im schnellen Schritttempo die Straße entlang. Wenn wir hundert Meter weiter sind, halten wir an und decken die anderen. Alles klar?«

»Jawohl, Sergeant Duffy!«, sagten manche – aber nicht alle.

Pike, McBeth und McCourt rannten zum Graben auf der republikanischen Seite der Grenze und richteten ihre Maschinengewehre auf die Hügel. Wenn es sich um einen Heckenschützen gehandelt hatte, verbarg er sich natürlich und war hunderte Meter entfernt; die Zielgenauigkeit der Sterling nahm nach dreißig Metern massiv ab, aber wenn die drei gemeinsam feuerten, trafen sie vielleicht was.

Wir anderen standen auf und liefen los. Dann hielten wir an und warteten auf den Rest.

So gingen wir weitere zwei Mal vor, bis wir das Revier erreichten.

Niemand schoss auf uns. Wenn es denn wirklich ein Heckenschütze gewesen war, dann war er sehr vorsichtig. Ein Schuss war ihm genug. Wir nahmen diese Straße jeden Tag. Er würde seine Chance schon kriegen.

Ich ließ alle Männer vor mir aufs Revier gehen und trat als Letzter ein. Erst als die schweren Eisentore hinter mir geschlossen waren, konnte ich mich entspannen. Wie immer war ich völlig erschöpft, als ich durch die Doppeltüren den Umkleideraum betrat, aber die Mistkerle gaben mir noch nicht mal die Gelegenheit, die Schutzweste abzustreifen …

Die Mistkerle, das waren zwei hochgewachsene, witzlose Zivilbeamte von der Internen Ermittlung. Sie trugen altmodische schwarze Jacketts aus Schurwolle, dazu weiße Hemden und passende rote Krawatten. Der eine hatte einen roten Bullenschnurrbart, der andere einen schwarzen.

»Sergeant Duffy?«, fragte der rote Schnurrbart mit leicht schottischem Akzent.

»Ja?«

»Kommen Sie mit uns ins Befragungszimmer 2«, sagte er.

»Einen Augenblick, bitte«, erwiderte ich und ließ sie warten, während ich meine Ausrüstung ablegte.

Ich folgte ihnen den Flur mit dem Betonfußboden entlang zum Befragungszimmer, das normalerweise für Verdächtige bestimmt war. Constable Jimmy McFaul wartete schon. Jimmy hatte offensichtlich wegen irgendetwas sein Herz ausgeschüttet, denn er hatte Tränen in den Augen und konnte mich nicht ansehen.

Ich hatte keine Ahnung, worum es überhaupt ging. Das Gras, das ich aus der Asservatenkammer in Carrickfergus gemopst hatte? Aber das war schon lange her, und was hatte Jimmy damit zu tun?

»Setzen Sie sich«, meinte der rote Schnurrbart.

»Kann ich was zu trinken haben? Ich war auf Patrouille an der Grenze. Das macht Durst, aber das können Sie aus der Internen ja nicht wissen, richtig?«, sagte ich, ging wieder hinaus, zog mir eine Dose Cola aus dem Automaten und drückte sie mir an die Stirn. Dann öffnete ich sie, nahm einen großen Schluck und kehrte wieder zurück.

Ich setzte mich neben McFaul. »Was ist los, Jimmy?«, fragte ich ihn. Er starrte seine Stiefel an.

»Haben Sie in der Nacht des 20. Dezember etwa gegen 20 Uhr 45 einen Polizei-Land-Rover über die Lower Island Road, Ballycarry, gesteuert?«, fragte der schwarze Schnurrbart.

»Bitte?«

»Ihr Land Rover war der einzige in jener Nacht, der draußen war. Es hätte keinen Sinn zu leugnen«, fügte Rotbart hinzu.

»Ihr Kollege hat uns alles gesagt. Sie waren unterwegs, Sie saßen hinter dem Steuer, und Sie haben jemanden angefahren, ohne anzuhalten«, sagte Schwarzbart.

»Jimmy, du hast gesagt, ich sei gefahren?«, fragte ich ihn.

Jimmy antwortete nicht darauf und starrte weiter auf den Punkt, wo sein lügender Blick auf den Boden traf.

»Sie haben jemanden angefahren, Duffy. Constable McFaul meint, Sie hätten das nicht mal gemerkt, aber Sie haben einen Mann angefahren«, erklärte Schwarz.

»Geht es ihm gut?«, fragte ich.

»Sie haben ihn mit dem Seitenspiegel in den Graben gestoßen. Leichte Prellungen, ein gebrochener Finger, er wird’s überleben. Ein einundzwanzigjähriger Bursche auf dem Heimweg vom Fußballtraining. Er hat einen Rucksack getragen. Den haben Sie getroffen. Das hat ihn wohl vor schwereren Verletzungen bewahrt.«

»Gott sei Dank«, sagte ich.

»Er wird uns trotzdem verklagen, oder meinen Sie nicht?«, sagte Rotbart.

»Keine Ahnung, was dieser Held hier Ihnen gesagt hat, aber ich bin in jener Nacht nicht gefahren. Ich habe hinten im Land Rover gesessen und Sergeant McGivvin davon abzuhalten versucht, an seiner eigenen Kotze zu ersticken oder mir auf die Uniform zu spucken. Sergeant McGivvin wird das bestätigen.«

»Den haben wir schon befragt. Sergeant McGivvin erinnert sich an nichts«, beharrte Schwarz mit einem aalglatten Grinsen. »Also steht Ihre Aussage gegen die von Constable McFaul.«

Ich nickte. So lief das also ab.

»Sie beide sind hiermit unbezahlt vom Dienst suspendiert, bis die Untersuchung abgeschlossen ist«, sagte der große schottische Mistkerl.

»Sie können Ihre Waffen zum persönlichen Schutz behalten, aber Sie dürfen Nordirland nicht verlassen und Sie werden sich nicht zum Dienst melden«, fügte Mistkerl zwei hinzu.

Jimmy nahm das Urteil hin und schlich aus dem Zimmer. Er hatte seine Geschichte als Erster abgeliefert. Er war der Informant, und ich sollte das Opfer spielen. Mit anderen Worten: Ich war am Arsch. Rotbart setzte sich auf Jimmys Stuhl. »Ich bin Chief Inspector Slater«, sagte er und hielt mir seine Hand hin.

Ich nahm sie nicht. Ich kannte dieses Spielchen schon von früher. Erst die Peitsche, dann die Karotte in den Hintern. »Worum geht es hier überhaupt?«, fragte ich. »Kurz und knackig, bitte.«

»Kurz und knackig? Das Spiel ist aus, Duffy. Hier wird nichts mehr zu Ihren Gunsten ausgelegt. Sie sollten mal Ihre Akte sehen, Mann. Himmel Herrgott noch mal. Warnsignale, wohin das Auge blickt. Sie hatten Glück, dass man Sie nicht schon ’82 rausgeschmissen hat. Seitdem sind Sie auf Probe«, sagte Slater.

»Ich habe den Land Rover nicht gefahren«, erklärte ich.

»Ist uns doch egal. Sie sind unser Mann des Monats. Ein netter saftiger Sergeant. Wir erfüllen nur unsere Quote, und diesmal sind Sie dran«, erklärte Slater.

»Ich habe den Wagen nicht gefahren!«, beharrte ich.

»Da sagt Ihr Kumpel Jimmy was anderes. Jimmy ist sauber, und Ihre schmutzige, schmutzige Akte irritiert den Betrieb.«

Ich zündete mir eine Zigarette an. Na, wenigstens hatte Jimmy den Kerlen nicht meinen freudianischen Witz erzählt. Aber das war egal. Vollkommen schnurz. Die Maschinerie hatte sich schon in Bewegung gesetzt. »Die Sache ist also schon geregelt, hm? Ich bin der Sündenbock?«

»Sie sind seit wann in der RUC, seit acht Jahren?«, fragte Slater.

»Fast neun«, verbesserte ich ihn.

Slater beugte sich zu mir vor und grinste mich mit hässlichen gelben Augenzähnen an. »Es muss ja nicht in einem Skandal enden, oder?«, fragte er.

»Also gut, schießen Sie los. Wie lautet der Deal?«, fragte ich.

»Ihnen stehen keine Pensionsansprüche oder Vergünstigungen zu, aber wir räumen Sie ihnen trotzdem ein, wenn Sie die volle Verantwortung übernehmen und still und heimlich zurücktreten, ohne dass viel Wind um die Sache gemacht wird.«

»Und wenn nicht?«, wollte ich wissen.

Slater fuhr sich mit einem Finger über die Kehle. »Umfassende Disziplinarmaßnahmen. Verstehen Sie das nicht falsch: Man wird Sie für schuldig befinden und man wird Sie ohne Abfindung und ohne Pension aus der Truppe entfernen. Und glauben Sie ja nicht, es könnte Sie retten, dass Sie katholisch sind. In Ihrer kurzen, nicht sonderlich brillanten Karriere haben Sie einer Menge Leute ans Bein gepisst.«

Ich nickte, drückte meine Zigarette auf dem Tisch aus und stand auf.

»Ich werde darüber nachdenken«, sagte ich.

5 DER BRIEF

Neujahr. 1984. Doch kein Großer Bruder beobachtete uns. Niemand kümmerte sich einen Dreck. Irland war eine Insel, die irgendwo im Atlantik trieb und von der sich alle vernünftigen Menschen wünschten, sie würde noch weiter davondriften, weg von ihren Küsten, raus aus ihren Köpfen …

Das Jahr kam hereingehumpelt. Ein Tag ging in den anderen über. An einem Morgen gab es Graupelschauer, am nächsten Regen.

Ich wanderte durch die Stadt, und wenn ich nach Hause kam, sah ich nach der Post, um zu prüfen, ob meine Entlassungspapiere angekommen waren, die ich unterschreiben musste. Carrickfergus war das reine Chaos: große Bereiche waren wegen Abbrucharbeiten und Renovierungen abgesperrt worden. Das Geld stammte von der EWG; die Ansässigen hielten das für eine gute Sache, aber sicherlich nicht wegen der Tatsache, dass wir ganz oben auf der Liste der abgerocktesten europäischen Städte standen.

Ich wanderte durch die Straßen, trank im Pub und schaute bis spät in die Nacht fern, wenn nur noch die staatlichen Informationsfilmchen liefen, in denen die Kinder vor der Gefahr des Ertrinkens gewarnt wurden, sollten sie in Kiesgruben baden, oder davor, merkwürdige Pakete aufzuheben, in denen sich in Wahrheit Bomben mit Auslöser befanden.

Eines Nachts hatte eine ältere Frau auf der anderen Seite der Reihenhaussiedlung eine Art Anfall und schrie herum: »Er kommt! Er kommt!« Wer da genau kam, sagte sie nicht, aber sie hatte es mit einer derartigen Überzeugung vorgetragen, dass eine kleine Panik ausgebrochen war und die ganze Coronation Road aus den Häusern strömte.

In einer anderen Nacht hörten wir eine zweitausend Pfund schwere Bombe in Belfast hochgehen, so deutlich, als wäre es am Ende unserer eigenen Straße gewesen. Zeichen, Omen, einzelne Krähen, schwarze Katzen, Bomben, Bombendrohungen, Hubschrauber …

Eines Morgens landete schließlich ein weißer Umschlag auf meiner Fußmatte im Flur. Ich trug ihn ins Wohnzimmer und schürte die Glut im Kamin an. Dann zündete ich mir eine Zigarette an, holte tief Luft und riss den Umschlag auf. Ein vorformuliertes »Geständnis«, das nur noch unterschrieben, notariell beglaubigt und an das RUC-Hauptquartier Belfast zurückgesendet werden musste.

Die Bedingungen waren vergleichsweise entgegenkommend. Als Ausgleich für das Schuldeingeständnis würde man mich in den vorzeitigen Ruhestand versetzen und mir eine Pension geben, obwohl ich nicht mal genug Dienstzeit dafür beisammen hatte.

Ich las mir das Dokument zweimal durch, goss mir einen Notfall-Glenfiddich ein und unterschrieb, wo meine Unterschrift verlangt wurde.

Um neun Uhr fuhr ich nach Carrickfergus und suchte Sammy McGuinn auf, meinen Friseur, der außerdem noch als Notar arbeitete. Sammy war der einzige Kommunist in der Stadt; er hatte mich auf die zweifelhafte Freude aufmerksam gemacht, Radio Albania zu hören. Er las die Unterlagen und schüttelte den Kopf. »Ich weiß, das siehst du gerade anders, Sean, aber das ist ganz toll. Als Angehöriger der Polizei warst du nichts anderes als ein Lakai eines tyrannischen Regimes, das den Willen der Bevölkerung unterdrückt. Und das als Katholik! So ein kluger Bursche wie du.«

»Es war ein Job, Sammy. Ein Job, bei dem ich gut war.«

»Macht zu haben, ist schlecht für die Seele!«, verkündete er und sprach weiter über Lord Acton, Jürgen Habermas und das Stanford-Prison-Experiment.

»Schon gut, kannst du einfach nur meine Unterschrift auf dem Formular beglaubigen, Sammy?«

»Natürlich«, sagte er, setzte Siegel und Unterschrift daneben und murmelte irgendetwas über Thatcher und Pinochet.

»Ich verstehe, du bist bedrückt, ich spendier dir einen Haarschnitt«, sagte er und legte die fröhlichste Musik auf, die ihm einfiel: Mozarts Sinfonie g-Moll Köchelverzeichnis 550.

Als ich aus dem Friseursalon kam, sah mich Mrs Campbell: »Ach, haben Sie sich die Haare machen lassen, Mr Duffy?«

»Ich lasse mir nicht die Haare ›machen‹. Ich lasse sie mir schneiden«, erwiderte ich mürrisch.

Ich ging über die Straße zum Postamt, kaufte eine Briefmarke, klebte sie auf den Rückumschlag, warf den Brief ein und war einfach so aus der Truppe ausgeschieden.

6 DIE BESUCHER

Die Zeit verging. Tage dehnten sich zu Wochen. Wochen zu Monaten. Kalter Februar. Feuchter März. Wie Ezra Pound schon sagte, das Leben huscht vorüber wie eine Feldmaus und bewegt nicht mal das Gras. Meist ging ich in die Bücherei und las die Zeitungen: provinzielle Nachrichten, knöcherne Kommentare, kleingeistige Bezugsrahmen. Manchmal blätterte ich durch die Klassik-Alben und tat nichts bis 18 Uhr, denn ab dann war es nicht mehr unziemlich, mich still mit polnischem Wodka oder Schwarzgebranntem aus dem County Antrim zu besaufen und mir Wagner, Steve Reich oder Arvo Pärt anzuhören. Merkwürdige Musik für merkwürdige Zeiten vor der Jahrtausendwende.

Ich ging aufs Arbeitsamt, wo man mir mitteilte, dass es keinen Zweck hätte, mich arbeitslos zu melden. Meine Pension würde mit der vermögensabhängigen Leistung verrechnet werden, was hieß, dass mir keinerlei Form von Arbeitslosengeld zustünde. Der Beamte meinte noch zu mir, ich solle doch nach Spanien, Griechenland, Thailand oder sonst wohin gehen, wo ich mit meinem monatlichen Scheck von der RUC lange durchkommen würde.

Ich fand, das sei eine gute Idee, und besorgte mir aus der Bücherei ein paar Bände über Spanien.

Ich wanderte durch die Straßen. Beobachtete. Beobachtete wie ein Detektiv. Kinder, die Fußball spielten. Kinder, die Totenköpfe an Giebelwände malten. Fidelspieler und Cellisten, die vor der Bank für Kleingeld spielten. Und auf der High Street Männer, die für den Preis von einer Tasse Tee jedes beliebige Gedicht vortrugen, das einem nur einfiel.

Eines Abends im Pub geriet ich in einen Streit. Das Übliche. Ein alter Knacker rempelte mich an. »Entschuldige mal, Kumpel«, sagte ich. Und schon flogen die Fäuste. Ich erwischte ihn mit einer Linken, und bevor ich wusste, wie mir geschah, hatte mir der Mistkerl mehrere Schläge mit seiner Rechten verpasst. Kinn, Magen, Nieren, wieder Magen … Er musste sechzig gewesen sein, mindestens. Er half mir auf, spendierte mir einen Drink und erzählte mir, wie er einen Gürtel im Mittelgewicht errungen habe und dass er John Wayne für seine Rolle als Ex-Boxer in Der Sieger trainiert habe. Die Geschichte klang glaubhaft, aber ich war so verwirrt, dass ich nicht sagen konnte, ob sie stimmte oder vollkommener Bockmist war … Ich nahm mir ein Taxi nach Hause, trank einen Wodka Gimlet, nahm 10 mg Valium und ein halbes Dutzend Aspirin und ging zu Bett.

Ich wachte in den frühen Morgenstunden auf, sah die Aspirin-Flasche neben mir und fragte mich, ob das wohl ein feiger, halbherziger Selbstmordversuch gewesen war. Feige, weil ich ja noch meine Dienstwaffe hatte, die ich als Ex-Polizist noch ein Jahr nach meiner Entlassung tragen durfte. Das wär’s gewesen. Aus kürzester Entfernung mit einem .38er Hohlspitzgeschoss direkt durch beide Hirnhälften.

Meine Gedärme schmerzten, ich ging zum Carrick Hospital und trat in ein überraschend volles Wartezimmer. Nachmitternächtliche Busbahnhofsgestalten wie aus einem David-Lynch-Streifen. Im Schwarzweiß-Fernseher lief Bildungsprogramm. Ein bärtiger Physiker erklärte: »Das Leben stellt ein thermodynamisches Ungleichgewicht dar, doch am Ende kriegt die Entropie uns alle …«

Genau.

Meine Gedärme brachten mich um, also hängten sie mich an einen Tropf. Der diensthabende Arzt meinte, ich würde es überleben, aber ich solle aufhören, meine Pillen wahllos einzuwerfen. Er gab mir ein Faltblatt über Depressionen mit. Ich ging nach Hause, wickelte mich in meine Decke und trat auf den Treppenabsatz hinaus. Meine frisch eingebaute Zentralheizung hatte ein Leck, und der Installateur hatte gemeint, er müsse erst in Deutschland ein Ersatzteil bestellen, um das ganze hochkomplizierte Gerät überholen zu können. Es würde Wochen dauern, erklärte er, vielleicht über einen Monat, also hatte ich mir einen neuen Petroleumofen ausgeliehen, und ehrlich gesagt, war der mir lieber. Der Ofen war mein Schrein, ich badete in seiner Wärme, seinem Sandelholzaroma und im Schein seines magentafarbenen Monds.

Ich lag vor dem Ofen und ließ die Wärme über mich strömen wie eine Decke. Vor langer Zeit hatte ich mit einem solchen Heizgerät einen Mann getötet. Nein. War ich das gewesen? War das wirklich passiert?

Oder war das nur ein Fragment, ein Traum …

Boote ohne Ruder … Traumschiffe … das Aufflackern eines Wolfsschwanzes.

Sonnenaufgang.

Ich ging nach unten.

Regen. Der Himmel hatte die Farbe von Katzenstreu. Ein Armeehubschrauber überflog die geduckten braunen Hügel.

Ich sah mich selbst im Flurspiegel. Dürr, schäbig, blass. Die Fingernägel lang und dreckig. Haare ungekämmt, dick, schwarz, grau über den Ohren und an den Koteletten. Ich sah aus wie das Model für ein Anti-Heroin-Poster. Nicht, dass ich auf Heroin gewesen wäre. Noch nicht. Und da wir gerade von den exotischen Gaben des Orients sprachen … war da nicht noch …

Ich wühlte im Mülleimer unter der Küchenspüle und fand eine Kippe mit einem letzten Rest Gras drin. Ich kochte mir einen Kaffee und füllte ihn mit einem Schuss Black Bush auf. Dann ging ich wieder ins Wohnzimmer und suchte in den Platten, bis ich Velvet Underground & Nico fand. Ich legte »Venus in Furs« auf, trank den Kaffee, zündete die Kippe an der Flamme des Petroleumofens an und inhalierte. Petroleum. Gras. John Cales Bratsche. Lou Reeds Stimme.

Ein wenig aufgemuntert, ging ich hinaus und holte die Milch herein. Vier Türen weiter stand ein merkwürdiger Wagen in der Kurve der Coronation Road. Ein weißer Land Rover Defender mit zwei Schattengestalten darin. Ein Mann und eine Frau, sie auf dem Fahrersitz. Ich machte mir im Geiste eine Notiz, drückte den Golddeckel der Milchflasche ein und goss ein wenig davon in meinen Kaffeebecher. Ich starrte den Wagen an und trank. Aus dem Spülwasserhimmel fing es an zu nieseln.

»Jesus ist der Herr!«, brüllte einer meiner euphorischen Nachbarn als Morgengruß. Ich schaute noch einmal zu dem Wagen hinüber, schloss dann die Tür und ging wieder ins Wohnzimmer.

»I am tired, I am weary. I could sleep for a thousand years«, sang Lou Reed, als ich mich hinlegte. Die Musik ging zu Ende, der Tonarm hob sich, bewegte sich ein Stück nach links, und der Song fing wieder von vorn an.

Von draußen drang ein schwaches, knarrendes Geräusch herein. Jemand war am Gartentor. Die Post oder die Zeitung oder …

Ich schnappte mir den Revolver aus der Tasche des Morgenmantels und prüfte, ob er geladen war. Doch intuitiv wusste ich, dass die Personen in dem Land Rover keine Terroristen waren …

Ich hörte Stimmen, dann betätigte jemand selbstbewusst den Türklopfer.

Ich ging in den Flur und sah durch den Türspion, den jeder Polizist als reine Vorsichtsmaßnahme angebracht hatte.

Der Mann war groß, mit schütter werdendem Haar, und wirkte leicht gehetzt, die ideale Besetzung für die Zeitungsmeldung: »Unbeteiligter Zuschauer bei Schießerei verwundet«. Er trug einen blauen Anzug, und seine Schuhe waren