Die Verlorenen - Simon Beckett - E-Book

Die Verlorenen E-Book

Simon Beckett

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Beschreibung

Als Jonah das Blut roch, war ihm klar, dass er in Schwierigkeiten steckte.

Jonah Colley ist Mitglied einer bewaffneten Spezialeinheit der Londoner Polizei. Seit sein Sohn Theo vor zehn Jahren spurlos verschwand, liegt sein Leben in Scherben. Damals brach auch der Kontakt zu seinem besten Freund Gavin ab. Nun meldet Gavin sich überraschend und bittet um ein Treffen. Doch in dem verlassenen Lagerhaus findet Jonah nur seine Leiche, daneben drei weitere Tote. Fest in Plastikplane eingewickelt, sehen sie aus wie Kokons. Eines der Opfer ist noch am Leben. Und für Jonah beginnt ein Albtraum…

Der Auftakt einer atemberaubenden neuen Thrillerserie von Bestsellerautor Simon Beckett.

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Seitenzahl: 455

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Simon Beckett

Die Verlorenen

Thriller

 

 

Aus dem Englischen von Karen Witthuhn und Sabine Längsfeld

 

Über dieses Buch

Als Jonah das Blut roch, war ihm klar, dass er in Schwierigkeiten steckte.

 

Jonah Colley ist Mitglied einer bewaffneten Spezialeinheit der Londoner Polizei. Seit sein Sohn Theo vor zehn Jahren spurlos verschwand, liegt sein Leben in Scherben. Damals brach auch der Kontakt zu seinem besten Freund Gavin ab. Nun meldet Gavin sich überraschend und bittet um ein Treffen. Doch in dem verlassenen Lagerhaus findet Jonah nur seine Leiche, daneben drei weitere Tote. Fest in Plastikplane eingewickelt, sehen sie aus wie Kokons. Eines der Opfer ist noch am Leben. Und für Jonah beginnt ein Albtraum …

 

Der Auftakt einer atemberaubenden neuen Thrillerserie von Bestsellerautor Simon Beckett.

Vita

Simon Beckett ist einer der erfolgreichsten englischen Thrillerautoren. Seine Serie um den forensischen Anthropologen David Hunter wird rund um den Globus gelesen: «Die Chemie des Todes», «Kalte Asche», «Leichenblässe», «Verwesung» und «Totenfang» waren allesamt Bestseller. «Die ewigen Toten», Teil 6 der Reihe, erreichte Platz 1 der Bestsellerliste, ebenso wie sein atmosphärischer Psychothriller «Der Hof». Simon Beckett ist verheiratet und lebt in Sheffield.

 

Karen Witthuhn übersetzt nach einem ersten Leben im Theater seit 2000 Theatertexte und Romane, u.a. von Simon Beckett, D.B. John, Ken Bruen, Sam Hawken, Percival Everett, Anita Nair, Alan Carter und George Pelecanos. 2015 und 2018 erhielt sie Arbeitsstipendien des Deutschen Übersetzerfonds.

 

Sabine Längsfeld übersetzt bereits in zweiter Generation Literatur verschiedenster Genres aus dem Englischen in ihre Muttersprache. Zu den von ihr übertragenen AutorInnen zählen unter anderem Anna McPartlin, Sara Gruen, Malala Yousafzai, Amitav Ghosh und Simon Beckett.

Für Hilary

1

Als Jonah das Blut roch, war ihm klar, dass er in Schwierigkeiten steckte.

An dem alten Kai war es stockfinster. Keine einzige Straßenlaterne brannte, die Lagerhäuser lagen im Dunkeln, Relikte einer anderen Zeit. Die Scheinwerfer des Saab beleuchteten eine industrielle Geisterstadt. Jonah starrte aus dem Fenster. Er hatte den größten Teil seines Lebens in London verbracht, und doch gab es immer noch Ecken, von deren Existenz er nichts wusste. Und eigentlich auch nichts wissen wollte, jedenfalls in diesem Fall.

Die Kaianlage war nicht leicht zu finden gewesen. Sie lag an einem trostlosen Abschnitt der Themse, an einem vergessenen Uferstück, das selbst der Karten-App seines Handys unbekannt war. Die Wegbeschreibung, die er bekommen hatte, war mehr als vage gewesen, mehrmals hatte er wenden müssen, wenn sich ein unbeleuchteter Holperweg wieder als Sackgasse herausstellte. Jetzt stand er auf einer unkrautüberwucherten Brache, neben ihm eine lange Ziegelmauer. Drüben auf der anderen Flussseite glitzerten die Lichter von Luxuswohnungen, Bars und Restaurants. Hier war alles dunkel. Die ständig fortschreitende Bebauung, die den Rest der Docklands niederwalzte, hatte diese Flusssackgasse aus irgendeinem Grund verschont. Was bei ihrem Namen nicht überraschte. Jonah hatte es erst nicht glauben können, aber es stand tatsächlich auf dem rostigen Straßenschild vor ihm.

Slaughter Quay. Schlachterkai.

 

Einige Stunden zuvor hatte er nach dem Schießtraining noch mit ein paar Teamkollegen vor einem Pub gesessen und den lauen Spätsommerabend genossen. Als er gerade am Tresen stand und darauf wartete, bedient zu werden, hatte sein Handy geklingelt. Die Nummer kannte er nicht, fast wäre er nicht drangegangen. Aber weil vor ihm noch einige andere Leute an der Reihe waren, hatte er nach kurzem Zögern abgenommen.

«Jonah? Ich bin’s.» Und dann, als könnte es irgendeinen Zweifel geben: «Gavin.»

Obwohl er die Stimme seit fast einem Jahrzehnt nicht gehört hatte, war alles wieder gegenwärtig. Ein Schlag in die Magengrube.

«Bist du da?»

Jonah suchte sich eine ruhigere Ecke, die Getränke waren vergessen. «Was willst du?»

«Ich brauche deine Hilfe.»

Kein Wie geht es dir? oder Lange nichts von dir gehört. Jonah spürte, dass sich seine Kiefermuskulatur anspannte.

«Wieso ausgerechnet ich?»

«Weil du der Einzige bist, dem ich vertrauen kann.»

«Und worum geht es?»

Schweigen. Dann: «Ich hab’s versaut. Ich hab alles falsch gemacht. Alles …»

«Wovon redest du?»

«Das erkläre ich dir, wenn du hier bist.»

«Mann, du kannst doch nicht ernsthaft erwarten …»

«An der South Bank steht ein altes Lagerhaus, der Ort heißt Slaughter Quay.» Gavin sprach hastig. «Mit dem Navi findest du die Stelle nicht, aber ich schicke dir die Wegbeschreibung. Es ist das letzte Lagerhaus am Kai. Ich warte davor auf dich, um Mitternacht.»

«Mitternacht? Ist das dein Ernst?»

«Wenn du kommst, wirst du alles verstehen.» Und dann sagte Gavin ein Wort, das Jonah in der ganzen Zeit ihrer Freundschaft nie von ihm gehört hatte. «Bitte.»

Das Gespräch brach ab. Verdammt.

«Alles in Ordnung?»

Das war Khan, ebenfalls Sergeant der bewaffneten Sondereinheit der Metropolitan Police. Seine Arme und der Brustkorb drohten sein weißes T-Shirt zu sprengen, Schultern und Nacken waren muskelbepackt. Jonah hatte ihn einmal eine Tür eintreten sehen, der dahinter stehende Typ war mitsamt seinem Messer quer durch den Raum geflogen. Privat war Khan ein sanfter Familienmensch, zu dem alle in der Einheit mit ihren Problemen kamen.

Jonah nickte und steckte sein Handy ein. «Bloß jemand, von dem ich lange nichts gehört hatte.»

«Probleme?»

Jonah wusste nicht, was er antworten sollte. «Wahrscheinlich nicht. Aber er klang …»

Ein Schlag auf die Schulter unterbrach ihn. «Ich dachte, du willst an den Tresen? Selber brauen wäre schneller gegangen.»

Jonah drehte sich um. Nolan stand mit finsterem Blick vor ihm. Den hatte sie oft drauf. Die Polizistin war fast einen Kopf kleiner als Khan und Jonah, aber wenn es hart auf hart kam, hatten die beiden gegen sie kaum eine Chance. Erst recht nicht, wenn sie auf ihr Bier warten musste.

«Wir führen hier ein Gespräch.» Khan setzte seinen strengsten Sergeant-Blick auf.

«Klar. Gib mir Geld, dann hole ich die Getränke.»

Jonah musste lachen. «Entspann dich, ich gehe ja schon.»

«Bist du sicher?», fragte Khan.

«Ja, alles gut.» Jonah zuckte die Achseln. «Steckt wahrscheinlich sowieso nichts dahinter.»

Sollte Gavin seine Probleme gefälligst selber lösen. Jonah war ihm nichts schuldig. Rein gar nichts.

Trotzdem beschäftigte ihn der Anruf. Als er die Getränke an den Tisch der Truppe brachte, ging ihm ein Satz, den Gavin gesagt hatte, immer noch nach.

Du bist der Einzige, dem ich vertrauen kann.

Früher mochte das so gewesen sein. Und Jonah hätte das Gleiche über Gavin gesagt. Sie kannten sich seit Ewigkeiten. In der Schule beste Freunde, dann zusammen zur Polizei, die Probezeit bei der Met gemeinsam durchlaufen und schließlich im selben Stadtteil gearbeitet. Gavin war immer der Extravertiertere gewesen, aber hinter seiner Lässigkeit und Fröhlichkeit verbarg sich erbitterter Ehrgeiz. Sie hatten zusammengewohnt, auch dann noch, als Gavin Detective geworden und zu der Einheit für Gangkriminalität und organisiertes Verbrechen gewechselt war. Jonah hatte ebenfalls darüber nachgedacht, war aber stattdessen zur SCO19 gegangen, dem bewaffneten Eliteteam der Met. Trotzdem waren sie Freunde geblieben. Und als Jonah Chrissie kennengelernt hatte und Gavin mit Marie zusammen war, bildeten sie eine enge Viererbande. Gemeinsame Abende, Urlaub zu viert – gute Zeiten.

Das war Jahre her. Ein anderes Leben. Wieso tauchte Gavin jetzt aus dem Nichts auf und bat Jonah um Hilfe? An Selbstbewusstsein und Freunden hatte es Gavin nie gemangelt. Wenn er Jonah anrief, dann musste er wirklich verzweifelt sein, und das gab schließlich den Ausschlag. Denn eins machte Jonah zu schaffen.

Gavin hatte ängstlich geklungen.

Also verabschiedete Jonah sich von seinen Kollegen und ging zu seinem Wagen.

 

Und jetzt stand er hier an diesem verlassenen Kai mitten im Nirgendwo. Er stellte den Motor aus, holte eine Taschenlampe aus dem Handschuhfach und stieg aus. Ein weiteres Auto parkte auf der Brache, ein Audi, wahrscheinlich Gavins. Ein überwachsener Pfad führte auf die dunklen Umrisse leerstehender Lagerhäuser und Industriegebäude zu, dahinter glitzerte der Fluss silbrig im Licht des Sichelmonds. Jonah knipste die Taschenlampe an und machte sich auf den Weg.

Der Pfad mündete in eine schmale Gasse zwischen zwei verrammelten Gebäuden, an der Giebelwand des einen war eine verblichene Aufschrift zu erkennen: Jolley’s Gerberei. Feine Leder und Pelze. Andere Schilder verwiesen auf Großhandelsschlachtereien und Fleischverarbeitungsbetriebe, ein großes, hangarartiges Gebäude stellte sich als ehemaliger Schlachthof heraus. Slaughter Quay, welch passender Name für diesen unheimlichen Ort.

Normalerweise machte Dunkelheit Jonah nichts aus, jetzt aber merkte er, dass er unwillkürlich auf fremde Schritte horchte. Er war froh, als er am anderen Ende der Gasse angekommen war, am Wasser stand und das sanfte Schwappen hörte. Unter dem bröckeligen Asphalt lugte Kopfsteinpflaster hervor, die Luft war feucht und roch nach Salzwasser, verrottendem Unkraut und Motoröl. Kähne schaukelten in unterschiedlichen Rhythmen auf dem pechschwarzen Wasser, wenn sie aneinanderstießen, wurde die Stille durch dumpfes Rumpeln oder Quietschen durchbrochen. Hinter den Kähnen lag noch ein größeres Boot vertäut. Als Jonah daran vorbeiging, war plötzlich lautes Zischen zu hören. Erschrocken schwenkte er die Taschenlampe in Richtung des Geräuschs und atmete auf, als sich das Licht im Auge einer Katze brach. Das verwahrloste Tier kauerte im Schatten einer Luke und verteidigte ein großes Stück Burger. Das eine Auge war durch eine Verletzung oder Entzündung verklebt, das andere starrte ihn bösartig an. Wieder fauchte die Katze.

«Schon gut, gehört alles dir», murmelte Jonah und wandte sich ab. Der Lichtkegel seiner Lampe fiel auf verschnörkelte Buchstaben am Bug des großen Bootes. Sie waren halb von einem als Fender eingesetzten Autoreifen verdeckt, aber wenn er einen Schritt zur Seite machte, konnte er den Bootsnamen ganz lesen: The Oracle. Mit einem weiteren Fauchen machte die Katze ihm klar, dass er sich verziehen sollte.

«Bin ja schon weg», sagte er leise.

Der schlammige Boden schmatzte unter seinen Schritten. Ein Stück vor sich konnte er am Ende der Kaimauer ein einsames Lagerhaus ausmachen, auf zwei Seiten von Wasser umgeben und halb unter einem Baugerüst verborgen, an dem eingerissene, halbdurchsichtige PE-Folie hing. Ein hoher eingedellter Maschendrahtzaun umgab das Gebäude und versperrte Jonah den Zutritt.

Außer ihm war niemand hier.

Fluchend sah er auf die Uhr. Fast zehn Minuten nach Mitternacht. Gut, er war ein bisschen zu spät, aber nicht viel. Er fragte sich, ob Gavin schon weg war, doch dann fiel ihm der Audi vorne am Kai ein. Er konnte nur vermuten, dass der Wagen Gavin gehörte, wer sonst sollte sich hier mitten in der Nacht herumtreiben?

Wo also war Gavin?

Er leuchtete mit der Taschenlampe die Umgebung ab, aber nichts regte sich. Minuten vergingen, in Jonahs Magen bildete sich ein Knoten. Um zwanzig nach zwölf griff er zum Telefon und wählte die Nummer, von der Gavin angerufen hatte. Geh ran, Gavin, dachte er, als das Rufzeichen ertönte. Dann hörte er aus der Ferne ein Handy klingeln, viel schwächer.

Es kam von dem Lagerhaus vor ihm.

Jonah starrte durch den Maschendrahtzaun. Als die Mailbox anging, klingelte es am Lagerhaus ein letztes Mal. Dann Stille. Jonahs Anspannung wuchs, er kappte die Verbindung und wählte sofort neu. Kein Zweifel, das Klingeln kam aus dem Inneren des Lagerhauses.

Oh nein …

Jonah legte auf und blickte zu dem Koloss aus Schatten und Kanten. Er überlegte, Verstärkung anzufordern, aber falls Gavin verletzt dadrin lag, würde die ohnehin zu spät kommen, und möglicherweise war das Ganze bloß falscher Alarm, auch wenn es sich nicht so anfühlte. Jonah hatte keine Wahl. Er musste reingehen und nachsehen.

«Verdammt noch mal, Gavin …», murmelte er.

Das hohe Metalltor war mit einem zwar rostigen, dennoch stabilen Vorhängeschloss gesichert, aber ein Stück weiter entdeckte Jonah ein Loch im Maschendrahtzaun, groß genug, um sich hindurchzuquetschen. Er lief über den bröckeligen Asphalt auf das Lagerhaus zu, schob die Plastikplane beiseite und entdeckte zwei riesige Rolltore. Sie waren verschlossen, aber daneben befand sich eine normale Tür. Jonah drückte dagegen, die Angeln quietschten, und die Tür ging nach innen auf.

Er leuchtete mit der Taschenlampe in den hohen Raum hinein. Die Luft war kalt und feucht, eine Atmosphäre wie in einer Kirche. Er trat ein, zog das Handy heraus und wählte Gavins Nummer. Lautes Klingeln in der Dunkelheit ließ ihn zusammenfahren. Es kam von links. Jonah tastete sich vor, bis er hinter einem Eisenträger ein schwaches Leuchten sah. Auf dem Boden lag ein Handy, auf dem leuchtenden Display stand Jonahs Name. Das Klingeln brach ab, als er den Anruf beendete.

Verdammt, Gavin, wo bist du da reingeraten? Und ich?

Er schwenkte die Taschenlampe durch den Raum. Links an der Wand lagen lose aufgestapelt rohe Holzbretter, Säcke mit Kalk und Zement und Rollen von Plastikfolie. Von Gavin keine Spur. Dann fiel der Lichtstrahl auf eine kleine Karte auf dem Boden. Ein Polizeiausweis, Foto, Name und Rang des Inhabers deutlich sichtbar.

Gavin McKinney, Detective Sergeant.

Und ein verschmierter Fleck. Als Jonah klar wurde, um was es sich handelte, wurde ihm schlecht. Dann bemerkte er weitere dunkle Spritzer auf dem Steinboden. Sie glänzten wie Öl, doch Jonah wusste, dass es keins war. Der Geruch war schwach, aber unverwechselbar.

Der Kupfergeruch von Blut.

Die Spur der dunklen Spritzer verlor sich in den Schatten. Beklommen folgte er ihr bis zu einer Doppeltür in einer nackten Ziegelmauer. Auf dem einen Türflügel war auf abblätterndem Lack in Schablonenschrift das Wort Verladerampe aufgedruckt, er stand angelehnt, das daran hängende Vorhängeschloss war offen. Jonah zögerte. Das Klügste wäre, umzudrehen, den Notruf zu wählen und Polizei und Sanitäter nachsehen zu lassen, was sich hinter dieser Tür befand.

Aber bis dahin konnte Gavin tot sein.

Er gab der Tür einen leichten Stoß. Als sie knarrend aufschwang, trat er schnell hindurch und schwenkte den Lichtstrahl in alle Richtungen. Er stand jetzt in einem langen, schmalen Raum. Schwere Ketten hingen von einer rostigen Seilwinde unter der Decke herunter, dahinter befand sich ein großes Rolltor. Jonah vermutete, dass es sich auf den Kai hinaus öffnete und zum Be- und Entladen der Boote diente.

«Gavin?»

Irgendwo im Dunkeln tropfte mit einem musikalischen Plätschern Wasser, sonst blieb es still. Der Blutgeruch war jetzt stärker und mischte sich mit einem anderen, einem süßlichen, ranzigen Gestank. Jonah richtete die Lampe auf den Boden, um zu sehen, wohin die Blutspritzer führten. Das Licht strich über Gerüststangen und einen Haufen PE-Folie und erfasste dann etwas anderes.

Zwei Beine.

Oh, verdammt … Jonah lief los, blieb dann abrupt stehen. Der Lichtstrahl der Taschenlampe fiel auf einen Mann, der mit dem Gesicht nach unten reglos auf einem großen Stück Plastikplane lag. Die Arme waren hinter dem Rücken mit einem Kabelbinder gefesselt, ein weiterer war um die Fußknöchel gebunden. Das Gesicht des Mannes konnte Jonah nicht sehen, doch selbst nach zehn Jahren erkannte er sofort die schlanke Gestalt und die dichten, dunklen Locken. Die jetzt blutverklebt waren. Eine Lache umgab den Kopf wie ein dunkler Heiligenschein.

Jonah fand seine Stimme wieder. «Gavin …?»

Nichts. Die Reglosigkeit des Körpers sagte alles. Bleiche Knochenstücke und breiige Hirnmasse hingen in dem dunklen Haar, und Jonah bemerkte, dass kein Blut mehr austrat. Die Lache auf der Plastikplane und dem Boden gerann bereits. Trotzdem musste er nachsehen. Ohne mit dem Blut in Berührung zu kommen, kniete er sich neben Gavin und tastete dessen Hals ab. Die Haut war kalt und schlaff und mit Bartstoppeln überzogen. Ein Pulsschlag war nicht zu spüren.

Wie betäubt stand Jonah auf und trat zurück. Ein Geräusch ließ ihn herumfahren, doch es war niemand da. Dann setzte wieder das Wassertröpfeln ein. Jonah wusste, was jetzt zu tun war. Hier war ein Mord geschehen. Er musste so schnell wie möglich Meldung machen und den Tatort verlassen, um ihn nicht noch mehr zu kontaminieren.

Also versuchte er zu verdrängen, wer da tot auf dem Boden lag, und griff zum Telefon. Kein Empfang. Gavins Handy hatte draußen in der Halle geklingelt, vermutlich blockierten die dicken Innenwände der Verladerampe das Signal. Er wollte gerade zurückgehen, als ein neues Geräusch ihn innehalten ließ. Schwach und aus unbestimmbarer Richtung, aber ganz sicher kein Wassertröpfeln. Reglos stand er da und horchte. Erst hörte er nur das Blut in seinen Ohren rauschen, dann wieder das Geräusch, diesmal deutlicher.

Das Rascheln von Plastik.

Jonah lief ein Schauder über den Rücken, als er sich langsam dem Haufen aus PE-Folie zuwandte, der ein paar Meter weiter lag. Kein Haufen, wie er jetzt sah, sondern drei unterschiedliche, recht große Bündel, Bauschutt vielleicht, aber als er die Taschenlampe darauf richtete, erinnerten sie ihn an etwas anderes.

Kokons.

Wie hypnotisiert ging Jonah darauf zu. Die Bündel waren etwa einen Meter achtzig lang, mit schwarzem Gaffertape umwickelt und mit irgendeinem weißen Staub bedeckt, der das dicke Plastik fast undurchsichtig machte. Aber Jonah wusste jetzt, woher der ranzige Tiergeruch stammte, der ihm vorhin aufgefallen war.

Gavins Leiche war nicht die einzige.

Raus hier. Sofort! Jonah wollte gerade loslaufen, da hörte er wieder das Geräusch. Ein Knistern, direkt vor ihm. Am obersten Plastikbündel hatte sich eine Ecke der Folie gelöst. Vorsichtig schob er sie beiseite. Darunter, undeutlich unter weiteren Plastiklagen, war ein Gesicht. Jonah starrte es an. Einen Augenblick lang passierte nichts.

Dann öffnete sich der Mund und saugte die Plastikfolie an.

Jonah zuckte zurück. Der Fluchtreflex war überwältigend, doch schließlich setzte sein Verstand wieder ein. Mindestens einer dieser Menschen war noch am Leben.

Aber nicht mehr lange.

«Alles gut, ich hole Sie da raus», sagte er und riss hektisch an der Folie, die zu mehreren Schichten gewickelt und fest mit Tape verklebt war. Er zog und zerrte, versuchte, einen Rand zu finden, aber Gaffertape und Plastik waren zu stabil. Unter der transparenten Folie sah das Gesicht aus, als triebe es unter Wasser, das Plastik senkte sich und blähte sich wieder auf. Jeder Atemzug schien schwächer als der vorherige zu sein. Jonah zog seinen Autoschlüssel hervor und versuchte, die Folie zu durchstechen. Sie widerstand erst, gab dann aber nach. Er steckte die Finger in das Loch und zog, bis das Plastik mit einem zischenden Knistern aufriss.

Jetzt lag die untere Hälfte des Gesichts frei. Der Mund war leicht geöffnet, bewegte sich aber nicht. Komm schon, bitte atme, flehte Jonah und zerrte weiter an der Folie.

Plötzlich ein Husten, der Mund schnappte auf und sog mit einem lauten Keuchen Luft ein. Die Folie riss und gab einen Kopf mit dicken, schwarzen Locken frei. Eine junge Frau. Fast noch ein Mädchen, dachte Jonah, obwohl das schwer zu sagen war. Ihre dunkle Haut war mit trockenem Blut verkrustet, an manchen Stellen gerötet und voller Blasen und mit dem gleichen weißen Pulver bedeckt, das auch auf dem Plastik lag. Ihr Gesicht war vor Schmerz und Angst verzerrt. Hätte ich bloß Wasser dabei, dachte Jonah, während er weiter an der Folie riss und den daraus aufsteigenden Gestank zu ignorieren versuchte. Während die Frau hustete und nach Luft rang, sprach er mit möglichst ruhiger Stimme auf sie ein.

«Sie sind jetzt in Sicherheit. Ich bin Polizist, ich hole Sie hier raus, okay?»

Sie gab ein klagendes, kehliges Geräusch von sich und sagte dann etwas in einer Sprache, die Jonah nicht verstand. Es klang wie Arabisch.

«Tut mir leid, ich verstehe Sie nicht. Versuchen Sie, still zu liegen, damit ich Sie da rausholen kann.»

«… schmerzt …»

«Ich weiß, ich mache, so schnell ich kann», sagte er. Halte sie am Reden. «Wie heißen Sie?»

Sie murmelte etwas, das er kaum hören konnte. Verdammt, sie entglitt ihm.

«… Na… Nadine …»

«Hi, Nadine. Ich bin Jonah.»

Er sprach mit einer Ruhe, die nur vorgetäuscht war. Zudem hatten seine Hände, die mit dem Staub von der Plastikfolie verschmiert waren, zu brennen begonnen und sahen rot und wund aus. Die Säcke mit Baumaterial fielen ihm ein, und er wusste, um was es sich handelte.

Branntkalk.

Oh, verdammt. Er überlegte hektisch. Branntkalk zerfraß Haut und Gewebe bis auf die Knochen, und die junge Frau war von oben bis unten damit bedeckt. Sie musste Höllenqualen leiden, er allein konnte ihr nicht helfen. Er schaute auf sein Handy, immer noch kein Empfang. Ihm blieb keine Wahl.

«Okay, Nadine, ich muss rausgehen und Hilfe rufen.» Er wusste nicht, ob sie ihn verstand. «Ich bin so schnell wie möglich wieder bei Ihnen, okay? Ich lasse Ihnen die Taschenlampe hier.»

Er legte die Lampe auf den Boden. Die junge Frau stöhnte unruhig. Jonah fragte sich, ob sie halluzinierte, aber ihr Blick wirkte klar und ängstlich, als sie ihn aus geröteten Augen anstarrte. Nein, nicht ihn.

An ihm vorbei.

Im Umdrehen hörte er leise Schritte und hob schützend die Arme. Zu spät. Etwas stieß seine Arme auseinander und krachte gegen seinen Kopf. Licht und Schmerz blitzten auf, dann folgte Schwerelosigkeit.

Und dann nichts mehr.

2

Ketten rasselten, wie die an einer rostigen Kinderschaukel. Ein unregelmäßiger, abgehackter Rhythmus. Er versuchte, sich in die Finsternis zu retten, das schreckliche Geräusch hinter sich zu lassen. Aber er landete nur in einer langen engen Röhre, die mit totem Laub gefüllt war. Nein, nein, nein. Er spürte, dass jemand bei ihm war, eine vertraute Präsenz. Gavin. Seine Stimme war ein Flüstern aus der Dunkelheit.

Wenn man etwas verloren hat, findet man es nie wieder.

Das Kettenrasseln dröhnte in Jonahs Kopf. Ihm war übel und schwindelig. Herrgott, woher kamen diese Kopfschmerzen? Seine Augen waren mit irgendetwas verklebt. Er brauchte mehrere Anläufe, um sie zu öffnen, und sah dann immer noch nichts. Ringsherum war alles schwarz. Die Ketten hingen jetzt still, aber die harte Unterlage, auf der er lag, knisterte, als er sich bewegte. Er versuchte, sich aufzusetzen, es gelang ihm nicht. Seine Arme waren hinter seinem Rücken zusammengebunden, auch seine Beine waren gefesselt.

In Panik begann er sich zu winden, was die Kopfschmerzen verschlimmerte. Übelkeit überrollte ihn, er krümmte sich. War er erblindet? Allmählich wurden ihm noch andere Empfindungen bewusst. Durst. Kälte. Seine Hände brannten, er zitterte, alles tat ihm weh. Als er den widerwärtigen Gestank in der feuchten Luft bemerkte, kam die Erinnerung zurück. Das Lagerhaus. Die junge Frau in der Plastikfolie, mit Branntkalk bestreut und halb erstickt, und noch zwei weitere Menschen. Und Gavin.

Gavin.

Dann war alles wieder da. Jemand hatte ihn bewusstlos geschlagen, das Blut aus der Kopfwunde verklebte ihm die Augen, und er lag an Armen und Beinen gefesselt auf … oh, verdammt … auf einer Plastikplane.

Er atmete so ruhig wie möglich ein und aus und konzentrierte sich auf sein Zwerchfell. Allmählich ließ die Panik nach. Als er die Augen wieder aufmachte, stellte er fest, dass die Dunkelheit nicht undurchdringlich war. Jetzt erkannte er Tiefen und Umrisse in der Finsternis. Er drehte vorsichtig den Kopf, der bei der Bewegung zu zerspringen schien, und sah eine helle vertikale Linie. Licht, das durch eine angelehnte Tür fiel, wahrscheinlich die, durch die er hereingekommen war. Dann bemerkte er, dass das Licht stärker wurde, und noch etwas anderes.

Schritte.

Als die Tür geöffnet wurde und sich ein Lichtstrahl auf ihn richtete, schloss Jonah die Augen, lag regungslos da und wagte kaum zu atmen. Die Schritte kamen auf ihn zu und hielten neben ihm an. Dann wurde ihm direkt ins Gesicht geleuchtet, und der Lichtkreis der Taschenlampe wurde hinter seinen Augenlidern zu einem blutroten Glühen.

Die Schritte gingen an ihm vorbei, blieben wieder stehen. Das Licht hinterließ grelle Miniatursonnen in Jonahs Augen. Andere Geräusche jetzt: angestrengtes Keuchen, das Rascheln von dickem Plastik. Jonah öffnete die Augen einen winzigen Spalt und sah, dass der Lichtstrahl auf etwas gerichtet war, das am Boden lag. Eine Gestalt stand davor, ein großer gebeugter Schatten. Erst als es erneut raschelte, verstand Jonah, was er da sah.

Die Gestalt wickelte Gavins Leiche in PE-Folie ein.

Hilflose Wut stieg in Jonah auf. Er zerrte an seinen Hand- und Fußfesseln, hörte aber sofort auf, als die Plane unter ihm wieder knisterte. Die Gestalt richtete sich auf. Jonah schloss die Augen und rührte sich nicht. Der Lichtstrahl traf ihn. Komm nicht her. Bitte.

Das Licht verschwand. Als das Rascheln wieder begann, merkte Jonah, dass er zitterte. Um sich nicht wieder durch das Knistern der Plane unter ihm zu verraten, lag er so reglos wie möglich da und testete vorsichtig die Fesseln aus. Irgendetwas schnürte seine Beine zusammen. An den Handgelenken schnitt ihm etwas Glattes und Dünnes in die Haut. Kabelbinder, wie bei Gavin. Jonah verzweifelte fast. Die Dinger sahen nach nichts aus, waren aber quasi unzerreißbar und, einmal strammgezogen, nicht mehr zu lockern.

Ein Geräusch. Durch leicht geöffnete Augen beobachtete Jonah, wie die schattenhafte Gestalt an dem am Boden liegenden Körper zerrte. Dann das Geräusch von Tape, das von einer Rolle abgezogen wird, gefolgt von weiterem Rascheln und angestrengtem Keuchen.

Die Gestalt richtete sich auf. Im hin und her schwankenden Licht der Taschenlampe war kaum etwas zu erkennen, als sie Gavins eingewickelte Leiche zu dem Rolltor am anderen Ende des Raums zu schleifen begann. Dort ließ sie das Bündel zu Boden fallen, legte die Taschenlampe weg und trat aus dem Lichtkegel hinaus in die Dunkelheit. Ketten rasselten, dann ging mit einem lauten metallischen Kreischen das Tor auf. Jonah sah den Nachthimmel als helleres Rechteck und hörte Wasser schwappen. Die Gestalt schleifte Gavins Leiche nach draußen. Ein dumpfer Aufprall, als wäre der Körper in ein Boot gefallen, dann kam die Gestalt zurück. Kettenrasseln und metallisches Kreischen beim Schließen des Tors. Als die Gestalt sich nach der Taschenlampe bückte, schloss Jonah schnell die Augen. Der Strahl schwenkte in seine Richtung.

Und dann kamen wieder Schritte auf ihn zu.

Über ihm schwere Atemzüge. Selbst bei geschlossenen Augen blendete ihn das Licht. Etwas Hartes stieß gegen seine Schulter. Er machte sich schlaff, ein Fuß stupste ihn an. Nicht bewegen, nicht atmen, nicht denken.

Dann entfernte sich die Gestalt und mit ihr das Licht.

Oh Gott … Jonah öffnete die Augen wieder einen Spalt und sah den Lichtkegel der Taschenlampe auf die Tür zutanzen und eine große, dunkle Silhouette dahinter verschwinden.

Danach war alles wieder schwarz.

Erst jetzt wagte Jonah zu atmen. Er zerrte an dem Kabelbinder um seine Handgelenke und verdrängte den Schmerz in seinem Kopf. Wenn er sich jetzt nicht befreien konnte, war er verloren. Als die Fessel nicht nachgab, machte er eine frustrierte jähe Bewegung mit den Händen.

Und der Kabelbinder lockerte sich.

Jonah erstarrte, er traute seinem Gefühl nicht. Als er wieder Druck ausübte, passierte nichts. Dann drehte er die Hände, um Zug und Druck gleichzeitig zu erzeugen.

Die dünne Plastikschlaufe lockerte sich ein paar Millimeter.

Jonah wiederholte die Bewegung und wurde mit weiteren Millimetern belohnt. Der Kabelbinder musste wohl irgendwie beschädigt sein. Jonah setzte seine ganze Kraft ein und spürte, dass die Schlaufe immer weiter aufging.

Nach einer letzten Drehung waren seine Hände frei.

Mit dröhnendem Kopf richtete er sich auf und tastete die Fessel an seinen Beinen ab. Enttäuscht stellte er fest, dass sie sich nicht auf die gleiche Weise lösen ließ. Doch der Angreifer hatte es anscheinend eilig gehabt und in seiner Hast den Kabelbinder über der Jeans festgezogen. Jonah zupfte den Stoff heraus, aber die Schlaufe saß immer noch zu stramm, also zog er seine Sneakers und die Socken aus und versuchte es erneut. Diesmal blieb die Fessel an seinen Knöcheln hängen. Du verdammtes Drecksding! Er horchte, ob sich jemand näherte, und begann dann, die Schlaufe mit Gewalt über die Knöchel zu ziehen. Das harte Plastik schabte ihm die Haut ab wie ein Kartoffelschäler, aber das Blut wirkte als Gleitmittel. Nach einem letzten schmerzhaften Ruck, der Jonah weitere Hautfetzen kostete, rutschte der Kabelbinder über seine Füße.

Jonah stand auf und wäre fast wieder zusammengeklappt, als ihn Schwindel überrollte. Er beugte sich vor und senkte den Kopf, der im Rhythmus mit seinem Herzschlag pochte. Erst als er sicher war, sich nicht übergeben zu müssen oder ohnmächtig zu werden, richtete er sich auf. Absolute Dunkelheit umgab ihn. Er versuchte zu erkennen, wo die junge Frau und die beiden anderen in Plastik eingewickelten Opfer lagen, sah aber nichts. Laut rufen wollte er nicht. Es gab nur eine Möglichkeit. Wenn irgendjemand diese Tortur überleben sollte, dann musste er hier raus und Hilfe holen.

Mit den bloßen Füßen fand er seine Sneakers und zog sie an. Er hatte nur eine vage Ahnung, wo die Tür lag, durch die er gekommen war, aber wenn er die Wand fand, konnte er sich daran entlangtasten. Mit ausgestreckten Armen machte er ein paar vorsichtige Schritte und trat sofort gegen irgendeinen Gegenstand, der über den Boden schlitterte.

Jonah erstarrte. Aber das Geräusch war leise und von draußen wohl nicht zu hören gewesen, und in ihm keimte Hoffnung auf. Bitte, bitte, sei das, wofür ich dich halte. Er ging auf die Knie und tastete den Boden ab.

Blaues Licht leuchtete in der Dunkelheit auf.

Jonah hätte heulen können vor Glück. Es war sein Handy, das bei dem Angriff vermutlich heruntergefallen war. Zwar hatte er immer noch keinen Empfang und wagte nicht, die Taschenlampen-App anzustellen, aber schon das Displaylicht erschien ihm wie ein Hoffnungsstrahl. Jonah hielt das Handy hoch, langsam schälte sich der Raum aus der Dunkelheit heraus. Seine Euphorie verflog, als er Gavins Blut auf dem Steinboden sah, wo es über den Rand der Plastikplane geflossen war. Dahinter lagen die Plastikkokons der anderen Opfer als blasse, gespenstische Schatten. Jonah wollte gerade hinlaufen, um nach der jungen Frau zu sehen, als er draußen Schritte hörte.

Jemand kam.

Verdammt, verdammt! Jonah sah sich nach irgendeiner Waffe um, fand aber nichts, und dann war es zu spät. Er rannte zur Tür und drückte sich daneben an die Wand. Zum Glück ging rechtzeitig das Handydisplay aus, im Raum wurde es wieder stockfinster. Die Schritte kamen näher. Jonah atmete tief ein und bemühte sich, ruhig zu bleiben. Du schaffst das. Das ist wie ein Einsatz. Nur dass es keiner war. Es gab keine Rückendeckung, niemand kam ihm zu Hilfe. Er war auf sich gestellt. Denk nicht daran. Handle schnell und entschlossen und vergiss alles andere. Er atmete tief durch und machte sich bereit. Die Schritte hatten die Tür erreicht.

Und hielten inne.

Sein Herz dröhnte ihm in den Ohren. Jeder einzelne Pulsschlag drohte ihm den Kopf zu spalten, während er darauf wartete, dass etwas passierte. Ein Knarren, dann schwang die Tür auf. Der Lichtkegel einer Taschenlampe breitete sich auf dem Boden aus und erleuchtete den Umriss der Tür. Schwere Atemzüge. Jonah spürte einen Luftwirbel auf seiner Haut, dann ein Geräusch, als würde jemand über die Schwelle treten, aber niemand kam. Der Lichtstrahl huschte in den Verladeraum. Bevor das Licht die leere Plastikplane erreichte, auf der Jonah gelegen hatte, warf sich Jonah mit aller Wucht gegen die Tür.

Seine Zähne krachten aufeinander, er hörte ein Keuchen. Die Taschenlampe fiel klappernd zu Boden, rollte hin und her und zerschnitt die Dunkelheit mit wilden Lichtstreifen. Jonah riss die Tür weit auf und trat nach seinem Gegner, streifte ihn aber nur. Dann rammte sich eine Schulter in Jonah hinein, und ihm blieb die Luft weg. Er prallte gegen die Wand und atmete den Essiggeruch von altem Schweiß ein. Harte Schläge trommelten auf ihn ein. Die meisten wehrte Jonah mit erhobenen Armen ab, aber einer erwischte ihn seitlich am Kopf. Es gelang ihm, den Ellbogen zu schwingen, er traf auf Knochen, und als der Mann zurückzuckte, zog Jonah das Knie hoch, das zwar eher einen fleischigen Oberschenkel als die Geschlechtsteile erwischte, doch der Angreifer taumelte rückwärts. Verschwommen sah Jonah, dass sich der Mann krümmte, und dachte schon, er würde zusammenbrechen. Dann hörte er Metall über den Steinboden kratzen. Der Mann hatte eine der Gerüststangen aufgehoben. Verzweifelt trat Jonah zu und spürte seinen Fuß in einem fleischigen Bauch versinken. Ein Schmerzensschrei.

Dann explodierte Jonahs Kniescheibe.

Er schrie auf, bekam aber im Fallen den Mann zu fassen und riss ihn mit sich zu Boden. Der andere war größer, sein Kopf schlug mit einem dumpfen Geräusch auf dem kalten Steinboden auf. Jonah packte einen wild um sich schlagenden Arm und drückte ihn nach unten. Dann versuchte er, seine Beine um den Rumpf des Mannes zu schlingen, aber das linke gehorchte ihm nicht. Er biss die Zähne zusammen und nutzte den Schmerz als Ansporn, bis er die Oberhand über seinen Gegner gewonnen hatte. Der wand sich wie ein Aal, aber Jonah hielt seinen Hals umklammert. Eine Faust schlug auf seinen Kopf ein. Obwohl Jonah kurz davor war, ohnmächtig zu werden, ließ er nicht los. Der Atem des anderen war jetzt ein ersticktes Pfeifen, er krümmte sich wie rasend. Halte durch. Nur ein bisschen noch. Dieses Mantra wiederholte Jonah immer wieder, während er gegen die Befreiungsversuche seines Gegners ankämpfte.

Irgendwann wurde ihm klar, dass der andere sich nicht mehr rührte.

Eine Weile noch blieb er in der Umklammerung erstarrt. Konnte nicht loslassen. Sein Körper war blockiert, seine Gliedmaßen gehorchten nicht. Nur mit Mühe brachte er sie schließlich dazu, sich zu lösen. Der Mann rutschte aus seinen Armen und lag still da. Jonah ließ sich auf den Rücken fallen, seine Muskeln zitterten, er holte in tiefen Zügen Luft. Der Schmerz drohte ihn in den Abgrund zu reißen. In seinen Ohren war ein Brummen, hinter seinen Augen ein Flattern wie von Flügeln. Die Dunkelheit ringsum wurde tiefer. Er spürte, wie er darin versank.

Na los! Beweg dich!

Er rollte sich auf den Bauch und musste sich übergeben. Er würgte, wartete, bis der Brechreiz abgeklungen war, tastete nach der Taschenlampe und richtete sie auf den Angreifer. Der Mann lag seitlich zusammengerollt da, ein Arm über dem Gesicht, als wollte er seine Augen gegen das Licht schützen. Der Kopf war unter der dreckigen Jacke verborgen, die während des Kampfes nach oben gerutscht war. Jonah streckte den Arm aus und gab ihm einen Stoß in den Rücken.

Keine Reaktion.

Jonah sackte in sich zusammen. Er konnte nicht erkennen, ob der Mann noch atmete, und kurz blitzte in ihm der Gedanke auf, dass er ihn möglicherweise getötet hatte. Dann dachte er nur noch daran, dass er Hilfe rufen musste. Er versuchte aufzustehen und schrie, als sein Knie nachgab und er wieder zu Boden sank. Keuchend lag er da, schließlich richtete er die Taschenlampe auf das verletzte Knie.

Ach du Scheiße …

Seine Jeans hatte sich mit Blut vollgesogen. Das Knie darunter war ein unförmiger Wulst, und Jonah wurde klar, dass er hier nicht auf zwei Beinen rausgehen würde. Er setzte sich mühsam auf und schaute auf sein Handy. Immer noch kein Empfang. Er versuchte, sich nicht von Anspannung und Angst überwältigen zu lassen, und richtete die Taschenlampe auf die plastikumwickelten Opfer.

«Nadine, hören Sie mich?», rief er, die Anstrengung verstärkte die Kopfschmerzen. Keine Antwort. «Ich hole Hilfe … Halten Sie durch, ja?»

Er horchte und hoffte auf ein Lebenszeichen. Nichts regte sich. Jonah war klar, dass er schnell handeln musste. Mit der Taschenlampe in der Hand schob er sich an die Wand und versuchte, sich daran aufzurichten. Schwindel und Übelkeit drohten ihn zu überwältigen. Wieder gab sein Knie nach, er rutschte zurück auf den Boden.

Er sah zu der Tür, die in die Halle führte. Es waren nur ein paar Schritte bis dahin, weiter musste er es nicht schaffen, nur an der dicken Steinwand vorbei, dann würde er sicher Empfang haben. Ein paar Meter, mehr nicht. Ein Kinderspiel.

Er begann, in Richtung Tür zu kriechen, das verletzte Bein hinter sich herziehend. Bei jeder Bewegung zuckten die Schmerzen wie Blitze durch sein Knie, und das Dröhnen in seinem Kopf machte ihn fast blind. Er hatte das Gefühl, zwischen diesen beiden Schmerzpolen zerrieben zu werden. Die wenigen Meter zur Tür schienen kein Ende zu nehmen. Immer wieder musste er innehalten und gegen die Übelkeit ankämpfen und kam nur quälend langsam voran. Erst als seine Hand etwas Hartes berührte, merkte er, dass er es geschafft hatte. Er schob die Tür auf, kroch hindurch und tippte wieder auf sein Handy.

Kein Empfang.

Komm schon … Jonah legte den Kopf auf den kühlen Steinboden. Das linderte den Schmerz, er roch Schmutz und Moder. Eigentlich ganz schön, hier zu liegen. Er schloss die Augen. Nur ein paar Minuten. Nur ein bisschen ausruhen …

Er riss die Augen auf, war überzeugt, hinter sich ein Geräusch gehört zu haben. In Panik richtete er die Taschenlampe in den Verladeraum und rechnete damit, die große Gestalt auf sich zuwanken zu sehen. Aber alles blieb still, nichts regte sich. Jonah wandte sich um und begann wieder vorwärtszukriechen. Er hielt den Blick auf einen der Eisenträger der hohen Halle gerichtet und zwang sich durchzuhalten. Noch ein paar Meter, das schaffst du.

Aber er schaffte es nicht. Er konnte nicht mehr. Angestrengt überlegte er, was jetzt zu tun war. Hilfe rufen, genau … Das Handydisplay verschwamm vor seinen Augen, er konnte die Empfangsbalken nicht erkennen. Auch die Tasten nicht. Mit tauben Fingern stieß er auf das Handy ein und murmelte vor sich hin, in der Hoffnung, jemand würde ihn hören. «Bitte, ich brauche Hilfe.» Er war am Ende seiner Kräfte, das Rauschen in seinem Kopf übertönte alles andere. Sein Bewusstsein schwand, übrig blieb nur ein Gefühl von Gefahr.

Dann wurde alles schwarz.

3

Irgendetwas stimmt mit dem Himmel nicht. Die Sonne hing als statisch glühender Fleck in einer schmutzig weißen Fläche, die sich nie veränderte. Und es gab Schatten, dunklere Bereiche in den Ecken. Langsam dämmerte ihm, dass es da keine Ecken geben dürfte. Das war gar kein Himmel.

Sondern eine Zimmerdecke.

Jonah blinzelte und fuhr mit der Zunge über seine aufgerissenen Lippen. Er befand sich in einem kleinen Zimmer. Lag in einem Bett. Sein Kopf und sein Körper taten weh, aber der Schmerz war gedämpft und wattig.

Wo …?

Sein Hirn war leer. Er hob den Arm und sah Schläuche und Kabel darin stecken. Als er versuchte, sich aufzurichten, schoss Schmerz durch sein Knie, er stöhnte auf. Dann stellte er fest, dass sein linkes Bein erhöht in einer Metallkonstruktion lag, auf etwas, das nach einem Schaffell aussah. Das Bein war vom Fuß bis zur Leiste dick verbunden und komplett unbeweglich. Was zum Teufel …? War er bei einem Einsatz verletzt worden? Hatte er einen Autounfall gehabt? Wieder wollte er sich aufsetzen, aber das Bein ließ es nicht zu. Der Versuch löste einen erneuten Schmerzkrampf aus.

«Halt, lassen Sie das lieber.»

Er hatte die Krankenschwester nicht bemerkt, die halb verdeckt hinter dem Infusionsständer und einem Rolltisch mit einem Monitor an seinem Bett stand. Sie drehte an einer Schraube am Tropf, trat dann vor und lächelte fröhlich-professionell.

«Na, endlich wach? Wie fühlen wir uns?»

Jonah hatte keine Ahnung. Er suchte nach Erinnerungen, stieß aber nur auf Panik und Verwirrung.

«Wo …» Seine Stimme war ein raues Krächzen. Er schluckte, leckte sich die Lippen. «Wo bin ich?»

«Im Krankenhaus. Sie sind verletzt worden. Warten Sie kurz, ich hole die Ärztin. Sie wird Ihnen alles erklären.»

Nein, warten Sie … Jonah wollte nicht, dass sie ging, aber sie war schon aus der Tür. Voller Angst und Anspannung lag er da. In seinem Kopf klaffte ein Loch, das alle Gedanken verschlang, sobald sie auftauchten. Er ballte die Fäuste und bemühte sich, ruhig zu atmen.

Die Tür öffnete sich. Die Krankenschwester kam in Begleitung einer Frau in blauer OP-Kleidung zurück, die sich zu ihm ans Bett stellte. Die Krankenschwester nahm ein Klemmbrett vom Fußende und begann, etwas darauf einzutragen.

«Hallo. Schön, dass Sie wach sind», sagte die andere Frau mit starkem irischem Dialekt. «Ich bin Dr. Mangham. Wie fühlen Sie sich?»

Jonahs Herz hämmerte. «Durcheinander», brachte er heraus.

«Das ist verständlich. Würden Sie mir einige Fragen beantworten? Können Sie mir als Erstes Ihren Namen nennen?»

Eine schlimme Sekunde lang blieb Jonahs Gehirn leer, dann fiel ihm die Antwort ein. «Jonah. Jonah Colley.»

Ein Nicken, als hätte er einen Test bestanden. «Und wissen Sie, was Sie beruflich machen, Jonah?»

«Ich … ich bin Polizist.» Je mehr die Erinnerung zurückkehrte, desto sicherer fühlte er sich. «Sergeant.»

«Gut. Wissen Sie, wo Sie sind?»

Jonah sah sich um. «Im Krankenhaus … Hat mir die Schwester gesagt.»

«Wissen Sie, weswegen Sie hier sind?»

Erinnerungsfetzen blitzten auf, lösten Panik aus. Jonah betrachtete seine Hände. Die Haut war gerötet und wund.

«Ich war in einem Lagerhaus. Am Fluss … Ich wurde angegriffen.» Es kam alles zurück, eine Kaskade aus furchtbaren Bildern. Gavin und die junge Frau. Der Kampf. Er tastete seinen Kopf ab, fühlte Stiche und Stoppeln. «Was …?»

Er keuchte, als er sich bewegte und Schmerz sein Knie durchzuckte.

«Seien Sie vorsichtig», sagte die Ärztin. «Wir mussten Ihr Knie operieren, im Moment sollten Sie abrupte Bewegungen besser vermeiden. Vermutlich haben Sie viele Fragen, und ich werde versuchen, alles Medizinische zu beantworten, während ich Sie rasch untersuche. Einverstanden?»

Die Krankenschwester befestigte bereits die Schlaufe eines Blutdruckmessgeräts an Jonahs Arm.

«Wie lange bin ich schon hier?», fragte er.

«Seit zwei Tagen. Folgen Sie meinem Finger mit dem Blick.» Sie schwenkte ihn vor Jonahs Gesicht hin und her. «Können Sie sich erinnern, in der Zwischenzeit schon mal wach gewesen zu sein?»

«Nein.» Er wurde nervös, als er die Dunkelheit nicht zu durchdringen vermochte, die sein Gedächtnis verschluckt zu haben schien. «Ich kann mich an nichts erinnern, seit … schon bevor ich hergebracht wurde.»

«Das ist nicht ungewöhnlich. Sie haben eine Schädelverletzung, die genäht werden musste und eine Knochenfissur verursacht hat. Das hat eine Hirnschwellung ausgelöst, und wir dachten schon, wir müssten operieren, aber zum Glück ist sie von allein zurückgegangen. Okay, drücken Sie meine Finger. Gut. Jetzt die andere Hand.»

Jonah gehorchte benommen und bemühte sich, das Gehörte zu verstehen. «Gibt es langfristige Schäden?»

«Das müssen wir noch rausfinden, zumindest deuten die Scans nicht darauf hin. Sie haben eine Reihe anderer Verletzungen – Schnitte und Quetschungen, Verätzungen an den Händen –, aber das meiste davon ist oberflächlich. Können Sie mit dem rechten Fuß gegen meine Hand drücken? So kräftig wie möglich. Genau so.» Sie richtete sich auf. «Sehr gut. Wir müssen noch ein paar Tests machen, aber ich denke, Sie können optimistisch sein. Ihre Koordination und Muskelkraft wirken normal, was ehrlich gesagt mehr ist, als wir erhofft hatten, und die Schädelfraktur dürfte von allein ausheilen. Die Gehirnerschütterung werden Sie noch eine Weile spüren. Kopfschmerzen, Lichtempfindlichkeit, vielleicht ein bisschen Verwirrtheit, doch das sollte vorübergehen.»

«Sollte?»

«Hirnverletzungen sind schwer einzuschätzen. Manche Patienten erholen sich schnell, bei anderen dauert es länger. Aber machen Sie sich keine Sorgen. Wir sind mit Ihren Fortschritten sehr zufrieden.»

Keine Sorgen machen. Klar, kein Problem. «Was ist mit meinem Knie?»

«Ja, dazu wollte ich gerade kommen.» Die Ärztin betrachtete das ruhiggestellte Bein. «Es ist stark beschädigt. Ihre Kniescheibe war mehrfach gebrochen, und einige Knochenfragmente hatten sich verschoben. Außerdem sind Bänder und Sehnen gerissen. Die gute Nachricht ist, dass die erste OP zufriedenstellend verlaufen ist.»

Jonah starrte sein Bein an. «Die erste OP? Heißt das, es kommen noch mehr?»

«Da fragen Sie am besten den chirurgischen Orthopäden. Er kommt nachher vorbei, um die Optionen zu besprechen. Aber Sie sind offensichtlich gut trainiert, die Muskeln am Knie sind kräftig. Das hilft bei der Reha.»

Optionen. Reha. Worte, die nichts mit ihm zu tun zu haben schienen. «Wann kann ich wieder zur Arbeit?»

Die Ärztin lächelte, aber auf professionelle Art, zur Ablenkung. «Darüber sollten Sie sich im Moment keine Gedanken machen.»

Falls sie ihn damit beruhigen wollte, erreichte sie das Gegenteil. «Ich muss Bericht erstatten …»

«Bestimmt, und da ist ein Detective Inspector, der dringend mit Ihnen sprechen will. Aber das kann bis morgen warten.»

«Ich möchte lieber nicht warten.» Jonah wollte unbedingt die Lücken der letzten beiden Tage füllen und herausfinden, was zum Teufel sich in dem Lagerhaus abgespielt hatte.

Das Lächeln der Ärztin wurde kühl. «Er auch nicht, aber leider entscheide ich hier. Sie brauchen jetzt Ruhe.»

Jonah wollte widersprechen. So viele Fragen in seinem Kopf, nach Gavin, nach der jungen Frau und den anderen Opfern, nach dem unbekannten Mann. Doch plötzlich schwand all seine Energie. Er wollte nur noch schlafen. Bevor sie die Tür schlossen, erhaschte Jonah einen Blick auf einen uniformierten Polizisten auf dem Gang vor seinem Zimmer. Man ließ ihn bewachen? Das ergab keinen Sinn. Das alles ergab keinen Sinn.

Als Jonah die Augen zufielen, jagte Gavins Stimme ihn durch einen dunklen Tunnel.

Ich hab’s versaut. Ich hab alles falsch gemacht. Alles.

4

Zehn Jahre zuvor

«Daddy, bist du wach?»

Er versuchte, den Kopf unter der Decke zu vergraben, aber sie wurde ihm weggezogen. Blinzelnd schaute er ins grelle Sonnenlicht.

«Daddy, wach auf!»

Eine kleine Hand packte seine Wange. «Aua», sagte Jonah.

«Bist du wach?»

«Nein.»

Kichern. «Bist du wohl!»

Jetzt ja. Der Schlafmangel zehrte an ihm. Er hatte ewig gearbeitet und war erst im Morgengrauen nach Hause gekommen. Er schloss die Augen. «Nein, ich schlafe. Ich träume, dass ein grässliches Monster auf mir hockt.»

Wieder Kichern. «Das ist kein Monster. Das bin ich!»

«Wer ist ich?»

«Theo!»

«Nein, das ist zu groß für Theo. Das ist ganz bestimmt ein Monster. Und du weißt ja, was mit Monstern passiert, stimmt’s? Sie werden GEFRESSEN!»

Theo quiekte, als Jonah ihn packte und so tat, als würde er ihm in den Arm beißen. Der Kleine ruderte kreischend mit Armen und Beinen, da ging die Schlafzimmertür auf.

«Du schaffst es noch, dass er sich übergibt, er hat gerade gefrühstückt.» Chrissie war hereingekommen und ging zum Schrank. Sie trug einen kurzen Bademantel, und Jonah bewunderte ihre Beine. Er fand sie noch immer attraktiv und spürte, dass sich Lust in ihm regte. Aber sie hatte sich bereits die Haare gemacht, ein klares «Hände weg»-Signal. Und selbst wenn kein aufgedrehter Vierjähriger im Zimmer gewesen wäre, es war lange her, dass Sex am helllichten Tag in ihrem Eheleben eine Rolle gespielt hatte.

«Okay, Kumpel, du hast deine Mum gehört.» Jonah hob Theo von sich herunter und setzte ihn auf die Bettkante.

«Ich will auf den Rummelplatz!»

«Auf welchen Rummelplatz?»

«Den mit der Burg! Am Meer!»

Weil Jonah im Londoner Norden weder Befestigungsanlagen noch Meeresstrände bekannt waren, vermutete er, dass es nicht um einen realen Rummelplatz ging. Ihm gefiel, dass Theo seine Phantasie nur selten von der Wirklichkeit einschränken ließ. Das würde schnell genug kommen.

«Ach, heute mal nicht auf den Rummelplatz. Wie wäre es stattdessen mit dem Park?»

Theo überlegte. «Gibt es da Drachen?»

«Keine Drachen weit und breit.»

«Aber fliegende Teppiche?»

«Auch keine fliegenden Teppiche. Dafür ein paar rostige Schaukeln und ein quietschendes Karussell. Und mit ganz viel Glück kannst du dir auf der Rutsche wieder die Haut an den Knien abschürfen.»

Mehr aufgeregtes Gelächter. «Nein!»

«Ach, du willst nicht in den Park?»

Theo nickte eifrig. «Doch!»

«Okay. Und wenn du möchtest, können wir …»

«Theo, Mummy muss sich für die Arbeit fertigmachen», unterbrach ihn Chrissie. «Geh und schau dir was im Fernsehen an.»

«Aber, Mummy …»

«Sofort, bitte.»

Beide sahen Jonah an. Er lächelte entschuldigend. «Tu lieber, was deine Mum dir sagt.»

Mit hängenden Schultern, Inbegriff von Trostlosigkeit, schlurfte sein Sohn aus dem Zimmer. Jonah wartete, bis er weg war.

«Du gehst ins Büro? Ich dachte, du hättest heute frei?»

Chrissie kramte in den Schubladen herum. «Neil hat mich gebeten zu kommen.»

Neil Waverly war Senior Partner in der Anwaltskanzlei, in der Chrissie eine Teilzeitstelle hatte. Sie hatte im Sekretariat angefangen, war aber vor zwei Monaten zu Waverlys Assistentin aufgestiegen. Der Anwalt war ein paar Jahre älter als Jonah und wesentlich erfolgreicher. Seine Kaschmiranzüge waren so geschneidert, dass sie den Spesenkontoschmerbauch kaschierten, eine Föhnfrisur verdeckte die kahle Stelle am Hinterkopf. Weder das eine noch das andere konnte sein Ego schmälern. Wenn Jonah beim Boxtraining auf den Sandsack eindrosch, stellte er sich jetzt immer Waverlys Gesicht vor.

«Na, wenn Neil will, dass du kommst, dann musst du das ja nicht mehr mit mir abstimmen, oder?» Schlaf konnte er für heute vergessen.

«Fang nicht wieder damit an.»

Er hatte nicht die Absicht gehabt. Er konnte einfach nicht anders. «Kann nicht jemand für dich übernehmen?»

«Nein, dafür werde ich bezahlt. Das Extrageld nimmst du ja gerne.» Sie zog einen Slip an und erst dann den Bademantel aus. Jonah unterdrückte den Verdacht, dass der Slip neu war. «Und ich meckere ja auch nicht, dass du gestern Nacht wieder lange arbeiten musstest.»

Und schon geht es wieder von vorne los. Aber Jonah war zu müde für diesen alten Streit. Den er sowieso nicht gewinnen konnte. «Ich dachte, wir verbringen den Nachmittag als Familie», sagte er.

«Ich auch, aber das muss warten. Ich habe erst spät Feierabend und komme dann direkt zum Restaurant. Der Babysitter müsste gegen sieben hier sein.»

Jonah hatte vergessen, dass sie mit Marie und Gavin verabredet waren. «Theo wird enttäuscht sein, dass du nicht zu Hause bist, wenn er ins Bett geht.»

«Es ist ja nur heute Abend. Und ihr habt ohne mich sowieso mehr Spaß.» Chrissie schloss den BH hinter dem Rücken. Er war mit Spitze besetzt und kam Jonah auch neu vor.

«Vielleicht solltest du einfach mal mit uns mitkommen zum Spielplatz.»

«Vielleicht solltest du mich einfach mal in Ruhe lassen», sagte sie und wandte sich ab.

So endeten ihre Gespräche meistens.

 

Jonah gab Theo auf der rostigen Schaukel so lange Schwung, bis aus dessen Lachen Schluckauf wurde, drehte das Karussell, bis ihm selbst schwindlig war, und fing den Jungen gefühlt hundertmal an der Rutsche auf. Viel mehr bot der Spielplatz nicht: ein Klettergerüst, das vor der Einführung jeglicher Sicherheitsbestimmungen aufgestellt worden war, ein windschiefes Schaukelpferd, das gern mal seine Reiter abwarf, und ein gebogenes Rohr zum Durchkriechen, das eher auf eine Baustelle gepasst hätte. Theo war das alles egal. Für ihn war der Spielplatz ein magischer Ort voller Abenteuer und Spaß. Dass die Parkwege schlammig waren, die Rhododendronbüsche die Bäume zuzuwuchern drohten und im ungemähten Rasen überall Hundekottretminen lagen, nahm er nicht wahr.

Beim Anblick seines fröhlichen Sohnes löste sich Jonahs Anspannung allmählich, und der Zwist mit Chrissie war fast vergessen. Jonah hoffte, es würde noch lange dauern, bevor das Leben Theos Freude dämpfen konnte.

Der Park war fast menschenleer. Es war ein Wochentag, der Himmel bedeckt. Die morgendlichen Gassigänger waren alle wieder zu Hause, am Rand des Spielplatzes saß nur eine junge Mutter mit einem Kind in der Karre und zupfte an den Decken herum. Jonah hätte Theo Spielkameraden gewünscht, doch ihm schien nichts zu fehlen. Die meisten seiner Freunde gingen schon zur Schule, er aber hatte so spät im Jahr Geburtstag, dass er erst im kommenden Herbst eingeschult würde. Doch er wirkte völlig zufrieden in seinem leuchtend blauen Anorak und der roten Pudelmütze und summte vor sich hin. Jonah war froh, dass Theo sich gut allein beschäftigen konnte. Chrissie fand, er wäre wie sein Vater, leicht zufriedenzustellen.

Das war nicht als Kompliment gemeint.

Jonah gähnte. Auf einer Parkbank in der Nähe des Spielplatzes saß ein Mann in schmuddeliger Armeejacke. Sein Kopf war kahlrasiert, er wirkte wie ein Obdachloser und hatte eine große Flasche in der Hand, vermutlich keine Cola. Jonah hatte ihn sofort bemerkt, als Polizist und Vater doppelt wachsam, wenn Männer auf Spielplätzen herumhingen.

Aber der Mann schien sich allein für den Inhalt seiner Flasche zu interessieren. Jonah gähnte erneut und sah Theo lächelnd zu, dessen Wangen von der Kälte so rot leuchteten wie seine Pudelmütze, während er versuchte, dem sich langsam drehenden Karussell Schwung zu geben. Jonah hielt sich davon ab, seinen Sohn zu Vorsicht zu ermahnen. Du darfst ihn nicht in Watte packen.

«Komm jetzt, wir müssen weiter.»

«Oooch …»

«Hast du keinen Hunger?» Auf der anderen Seite der Bäume lag ein Café, das sie mittags oft aufsuchten, eine farbig angestrichene Holzhütte, in der es nach Tee und Pommes roch.

Theo überlegte. «Noch mal aufs Karussell», beschloss er.

«Aber nur einmal.»

«Und dann die Schlange.»

Das war Theos Ausdruck für das Kriechrohr. Jonah hatte bereits überprüft, dass nichts Gefährlicheres als altes Laub darin lag. Nachts trieben sich Junkies im Park herum, und er hatte schon mehrmals weggeworfene Kanülen gefunden.

Jonah gab nach, wie immer. «Also gut. Aber nur fünf Minuten.»

Er hob seinen Sohn auf das Karussell, gab ihm Schwung und setzte sich auf eine Bank. Theos grinsendes Gesicht sauste in verschwommenem Blau und Rot an ihm vorbei. Jonah lächelte und gähnte. Er wäre lieber zu Hause geblieben und früh ins Bett gegangen, als am Abend noch auszugehen, obwohl er sich auf Marie und Gavin freute. Sie hatten schon wochenlang nichts mehr zu viert unternommen, und Gavin schien Probleme bei der Arbeit zu haben. Er erzählte nicht viel, hatte Jonah aber anvertraut, dass er an einem Einsatz gegen eine besonders brutale Bande von Menschenhändlern und Drogenschmugglern aus Osteuropa beteiligt war. Rumänen oder vielleicht auch Russen, laut Gavin war es fast unmöglich, Beweise gegen sie zu sammeln. Jonah war froh, sich für die Bewaffnete entschieden zu haben. Die SCO19 war nicht weniger stressig, aber zumindest wusste man meistens, mit wem man es zu tun hatte.

Er rieb sich die Augen. Vielleicht würde das Mittagessen ihn munterer machen. Eine Suppe oder ein Sandwich im Parkcafé, dann noch ein Abstecher zum Ententeich und zurück nach Hause. Den Fernseher anschalten und irgendwas Lustiges für Theo raussuchen, vielleicht wäre dann eine Stunde Schlaf drin, bevor der Babysitter kam. Das erinnerte ihn daran, dass Chrissie angekündigt hatte, direkt zum Restaurant zu kommen, und von da war es nur ein kleiner Gedankensprung zu Neil Blödmann Waverly. Lief da was, oder war er paranoid? Sein Bauchgefühl sagte etwas anderes. Und das lag meistens richtig.

Wir kriegen das hin. Wir sind beide erwachsen. Wieder überkam ihn ein Gähnen. Verdammt, er war so müde. Das Karussell drehte sich mit rhythmischem Quietschen, ein mechanischer Kontrapunkt zu dem Gesang einer Amsel auf einem nahen Baum. Jonah rieb sich die Augen und hörte, dass die Lücken zwischen den schiefen Tönen immer länger wurden …

Das Quietschen hatte aufgehört. Die Amsel schwieg auch. Jonah riss den Kopf hoch. Verdammt, war er eingeschlafen? Er blinzelte und begriff, dass das Karussell stillstand.

Niemand saß darauf.

«Theo?»

Aus dem Kriechrohr kam ein Geräusch. Jonah atmete erleichtert auf, die Angst verflog, bevor sie sich festsetzen konnte.

«Oh nein, Theo ist weg. Dann geh ich mal zum Café und esse ohne ihn ein Eis.» Jonah stand auf, ging zum Rohr und sah grinsend hinein. «Er versteckt sich doch bestimmt nicht in …»

Eine Amsel kam ihm panisch entgegengeschossen. Jonah starrte in die leere Röhre. Er richtete sich auf.

«Theo?»

Der Spielplatz war leer. Theo saß auf keiner der Schaukeln, auch nicht auf dem Karussell oder der Wippe. Und er war auch nicht oben auf der Rutsche, trotzdem sah Jonah dort nach.

«Das ist nicht lustig, Theo. Komm jetzt her.»

In den Rhododendronbüschen und unter den kahlen Bäumen rings um den Spielplatz war nirgends ein blauer Anorak zu sehen.

«Theo? Theo!»

Die Angst steigerte sich zu Panik. Jonah schaute wieder in das Kriechrohr, als könnte sich sein Sohn dort auf wundersame Weise materialisiert haben. Doch er sah nur altes Laub. Bleib ruhig, er muss hier irgendwo sein. So lange hast du nicht geschlafen.

Oder doch?

«Theo!»

Der Gedanke, dass sein Sohn verschwunden war, überstieg seinen Verstand. Das konnte nicht sein. Jonah drehte sich um die eigene Achse, hielt Ausschau nach anderen Menschen, die Theo gesehen haben könnten. Niemand in Sichtweite. Die junge Mutter mit der Kinderkarre war verschwunden, ebenso der …

Oh Gott.

Jonahs Herzschlag war jetzt ein lautes Dröhnen. Die Bank, auf der der Mann mit dem kahlrasierten Schädel und der Armeejacke gesessen hatte, war leer.

«THEO!»

Jonah lief zu den Bäumen und Büschen, suchte nach irgendeiner Spur, einem blauen Schimmer. Als er sich umdrehte und wieder rufen wollte, entdeckte er etwas auf dem Boden. Einen kleinen Farbklecks am Rand der Büsche. Jedoch nicht blau. Rot.

Jonah rannte hin.

Dort im Schmutz lag Theos Pudelmütze.

5

Jonah hatte am nächsten Morgen gerade gefrühstückt, da klopfte es. Er rechnete mit einer Schwester oder einem Helfer, der kam, um das Geschirr abzuräumen. Stattdessen trat ein ausgezehrt wirkender, magerer Mann in Zivil ein, bei dessen Anblick Jonah zurückzuckte. Das Gesicht unter dem dichten braunen Haarschopf ähnelte einer geschmolzenen Plastikmaske. Brandnarben hatten die Haut unnatürlich straff gezogen und wie geschmolzenes Kerzenwachs verformt.