Die verschwundene Bibliothek des Alchimisten - Marcello Simoni - kostenlos E-Book

Die verschwundene Bibliothek des Alchimisten E-Book

Marcello Simoni

3,8

Beschreibung

Frühjahr 1227. Reliquienhändler Ignazio da Toledo wird ins spanische Córdoba gerufen: Blanca, die Königin von Frankreich, ist verschleppt worden; Ignazio soll sie suchen. Eine heikle Mission, denn er und seine Gefährten bekommen es mit einem unberechenbaren Gegner zu tun: Graf Nigredo, der mit düsteren Mächten im Bunde stehen soll, hält Blanca in seiner Burg gefangen. Und das ist nicht die einzige Bedrohung, die von ihm ausgeht...

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Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig. Im Anhang findet sich ein Glossar.

Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel »La biblioteca perduta dell’ alchimista« bei Newton Compton editori, Rom.

© Marcello Simoni © der deutschsprachigen Ausgabe Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: Stephen Mulcahey/Arcangel Images; fotolia.com/Christos Georghiou Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch Lektorat: Christina Neiske eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-86358-740-6 Mittelalter-Thriller

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Für Leo Simoni, Alchimist der Form und der Farbe

PROLOG

Im Jahr des Herrn 1227, Diözese Narbonne.

An ihrem höchsten Punkt wurde die Fassade der alten Pfarrei von einer runden Öffnung beherrscht, durch die nicht einmal an den sonnigsten Tagen Licht hereinfiel. Es wäre vermessen gewesen, sie als oculus zu bezeichnen, da es sich eher um eine von der Witterung geschaffene Scharte handelte. Sie wirkte wie eine Augenhöhle in einem riesigen Schädel, durch die die Windböen hindurchpfiffen, wenn sie sich gegenseitig jagten.

An dieser Öffnung lehnte einsam eine Nonne und ließ den Blick über das Tal schweifen, über die ausgedehnten grünen Weiden, auf denen sich weiß die Schafherden absetzten. Ihre Augen bewegten sich langsam und achteten nicht der Anzeichen des vorzeitigen Frühlings, denn die Aufmerksamkeit der Frau war auf etwas ganz anderes gerichtet. Sie sann über die finsteren Zeitläufte nach und war so versunken in ihre Erinnerungen, dass sie meinte, die Glocken von Saint-Denis zu hören, die vor Monaten die Rückkehr Ludwigs des Achten nach Paris angekündigt hatten.

Der König war von seinem Kreuzzug als Leiche zurückgekehrt, eingenäht in eine Rinderhaut.

Die Nonne teilte jedoch nicht die Meinung des Volkes, sie weigerte sich, in diesem Unglück den Anbruch der Zeit der Ernte zu sehen. Es waren nicht die Reiter der Apokalypse, die ihre Heimat mit Feuer und Schwert verheerten, die die Furcht vor der Häresie schürten oder falschen Propheten ihre Stimme liehen. All das war nicht das Werk Gottes, sondern das der Menschen. Zum Teil auch ihres.

Sie schloss die Augen in dem Versuch, die Gedankenkette in ihrem Kopf zu unterbrechen, aber die unaufhörliche Flut von Bildern brachte ihr die Erinnerung an jene unterirdische Hölle zurück, in der nicht die Toten litten, sondern die Lebenden. Und einen Augenblick lang fühlte sie, wie sich die Finsternis von Airagne um sie legte …

Eine Frauenstimme holte sie in die Wirklichkeit zurück, aber die Nonne erfasste zunächst nicht den Sinn der Worte. Sie blickte hinunter in den Hof und schenkte der jungen Mitschwester, die sie gerufen hatte, ein dankbares Lächeln. »Was ist geschehen?«, fragte sie, als wäre sie gerade aus einem Traum erwacht.

»Kommt herunter, bona mater«, rief die junge Frau. Sie versuchte zwar, nach außen hin gelassen zu erscheinen, doch ihre Stimme verriet, wie beunruhigt sie tatsächlich war. »Wir haben noch einen gefunden.«

»Bona mater«, wiederholte die Nonne oben in der Fensteröffnung. Obwohl sie sich dessen nicht gern rühmte, war sie doch keine gewöhnliche Nonne. Sie hatte diese Pfarrei zu neuem Leben erweckt und sie in einen Zufluchtsort für fromme Frauen, eine béguinage, verwandelt. Ein wenig Trost für dieses vom Krieg zerfleischte Land und ein Weg, das, was ihm angetan wurde, wenigstens zum Teil zu heilen.

Sie richtete sich ein wenig auf und bereitete sich innerlich darauf vor, hinunterzugehen. »Bist du dir sicher?«, rief sie.

»Ein Besessener, genauso wie die anderen.« Die Mitschwester hatte nun jede Zurückhaltung abgelegt und schimpfte aufgeregt: »Wir haben ihn gefunden, als er aus unserem Brunnen trank.«

Die Nonne legte sich die Hand an die Brust, ihr Gesicht blieb jedoch so hart und ausdruckslos wie das eines Soldaten. »Hat er die Zeichen?«, fragte sie.

»Ja, er hat die Zeichen von Airagne.«

Jetzt zögerte die Nonne nicht länger und beeilte sich, nach unten zu kommen, während sich in ihrem Kopf wieder die Gedanken überschlugen. Vielleicht hatten die Menschen doch recht, und die Apokalypse stand unmittelbar bevor. Während sie die Treppe hinunterging, war ihr nicht bewusst, dass sie zwar aus einem Alptraum erwacht war, doch nur, um in einem noch schlimmeren zu enden. Dem Alptraum namens Wirklichkeit.

ERSTER TEIL

DER GRAF VON NIGREDO

»Wisset, alle Erforscher der Weisheit, daß das Fundament dieser Kunst, um derentwillen viele zugrunde gegangen sind, etwas Einziges ist, was stärker und erhabenerist als alle Naturen bei den Philosophen; bei den Unverständigen aber ist es aller Dinge Niedrigstes, was wir verehren.«

»Turba philosophorum«, XV

»Auf der Suche nach der schönen Philosophie haben wir entdeckt, dass sie sich aus vier Teilen zusammensetzt und so das Wesen jedes Einzelnen erforscht. Der erste Teil ist durch Schwarz gekennzeichnet, der zweite durch Weiß, der dritte durch Gelb und der vierte durch Purpur.«

»Komarius-und-Kleopatra-Traktat«, V

1

Die Abenddämmerung senkte sich herab, während Ignazio da Toledo von einer Anhöhe aus die an den Ufern des Guadalquivir entlangmarschierenden Soldaten beobachtete und versuchte, die Farben ihrer Wappen zu erkennen.

Er stieg vom Karren ab, schob die Kapuze zurück, die ihn während der heißen Stunden des Tages vor der Sonne geschützt hatte, und enthüllte so zwei listige Augen und einen Bart, der ihn wie einen Gelehrten aussehen ließ. Die Soldaten immer im Blick, lief er ein Stück den Abhang hinunter. Ihr einzig mögliches Ziel war eine Festung in der Umgebung von Córdoba. Dort würde auch er den finden, nach dem er suchte, dessen war er sicher. Doch irgendetwas beunruhigte ihn, obwohl er solchen Vorahnungen nicht leicht erlag. Im Gegenteil, er war ein Mann der Vernunft, gewohnt, nur das zu glauben, was er verstehen konnte, und allem Übrigen zu misstrauen. Eine seltsame Einstellung für jemanden, der mit Reliquien handelte.

Eine Stimme holte ihn aus seinen Gedanken. »Du wirkst besorgt.«

Ignazio sah zum Wagen. Die Stimme gehörte seinem Sohn Uberto, der dort auf dem Bock saß und die Zügel fest in der Hand hielt. Ein junger Mann von knapp fünfundzwanzig Jahren mit langen schwarzen Haaren und großen bernsteinfarbenen Augen.

»Es ist alles in Ordnung«, beruhigte ihn Ignazio und schaute wieder hinunter ins Tal. »Diese Soldaten tragen das Wappen von Kastilien, zweifellos sind sie auf dem Rückweg zum Hauptquartier von König Ferdinand dem Dritten. Wir sollten ihnen folgen, ich möchte mich mit Seiner Majestät noch vor Einbruch der Nacht besprechen.«

»Ich kann es kaum glauben. Nie hätte ich mir vorstellen können, dass ich einmal dem König begegnen werde.«

»Gewöhne dich an den Gedanken. Unsere Familie dient dem Königshaus von Kastilien bereits seit zwei Generationen«, sagte Ignazio mit dem Anflug eines bitteren Lächelns. Er musste an seinen Vater denken, der notarius von Alfons dem Neunten gewesen war. Die Erinnerung an ihn überkam ihn selten, und wenn es passierte, bemühte er sich, schnell an etwas anderes zu denken, um nicht mehr das Bild von diesem bleichen, unruhigen Mann vor Augen zu haben, der fast sein ganzes Leben bis ins hohe Alter damit verbracht hatte, in der Dunkelheit eines Turms stapelweise Papiere vollzukritzeln.

»Du wirst bald merken, dass dieses ›Privileg‹ mehr Lasten als Ehren mit sich bringt«, sagte er seufzend.

Uberto streckte sich. »Ich habe viele Gerüchte über Ferdinand den Dritten gehört. Es heißt, er sei ein religiöser Eiferer, weshalb man ihn auch den ›Heiligen‹ nennt.«

»Und im Namen des Kreuzzugs gegen die Mauren erweitert er nach Süden hin sein Reich und führt Krieg gegen den Emir von Córdoba …«

Ignazio verstummte, da das Geräusch klappernder Pferdehufe ihn aufhorchen ließ. Er wandte sich in östliche Richtung und sah, wie ein Reiter von dort im gestreckten Galopp auf ihn zuritt. »Willalme ist zurück«, stellte er fest und winkte ihm zu.

Der Reiter hielt vor dem Karren an und sprang aus dem Sattel. »Ich habe die Hauptstraße abgesucht und einen guten Teil der Nebenwege«, berichtete er und wischte sich den Straßenstaub aus dem Gesicht und von den blonden Haaren. Nachdem er so viele Jahre in Kastilien verbracht hatte, war sein französischer Akzent kaum noch bemerkbar. »Uns ist niemand gefolgt.«

»Sehr gut, mein Freund«, sagte Ignazio und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Binde dein Pferd am Wagen an und steig auf. Wir fahren weiter.«

Der Franzose gehorchte. »Hast du erfahren, wo sich das Lager des Königs befindet?«

»Ich glaube schon«, antwortete Ignazio und setzte sich wieder neben Uberto. »Wir müssen nur diesen Soldaten folgen.« Er zeigte auf den Trupp Bewaffneter, die sich auf eine kleine Stadt zubewegten. »Wir sollten zusehen, dass wir das Lager so schnell wie möglich erreichen. Wenn es dunkel wird, wimmelt es in dieser Gegend nur so von Räubern.«

Sie nahmen ihren Weg wieder auf. Der Wagen ratterte langsam hinab ins Tal, holperte über jedes Loch der unbefestigten Straße, und je näher sie dem Fluss kamen, desto üppiger und dichter wurde der Wald, durchsetzt mit vielen Palmen. Obwohl dies schon die ersten Sommertage waren, lag ein leichter Nebelschleier über den Weinbergen in der Ferne.

Eine Zeit lang folgten die drei dem Weg der Soldaten, und nachdem sie den Fluss auf einer alten Steinbrücke überquert hatten, die von fünfzehn Bogen getragen wurde, sahen sie, dass die Männer hinter den Befestigungsmauern der kleinen Stadt verschwanden. Doch als sie dort ankamen, war das Tor bereits wieder geschlossen.

Uberto zog an den Zügeln und sah sich um. Das Tal lag still da. Die Stadt erhob sich auf einer kleinen Anhöhe, die von einer Befestigungsmauer umgeben war. Ganz oben sah man ein mit Türmen bewehrtes castillo, auf dessen Zinnen die königlichen Wappen flatterten.

In dem Moment preschte ein Trupp Soldaten aus dem Unterholz hervor und umzingelte den Wagen. Alle waren gleich gekleidet: Kettenhemden aus Eisen, Helme mit Nasenschutz und rote Übergewänder. Der mächtigste von ihnen, mit einer dichten Mähne, näherte sich dem Karren, eine Lanze drohend nach vorn gerichtet. »Nicht weiter, señores! Dies hier ist ein Stützpunkt des Königs von Kastilien!«

Ignazio, der so etwas vorhergesehen hatte, bedeutete seinen Begleitern, sie sollten sich ruhig verhalten, hob beschwichtigend die Arme und stieg vom Karren. »Mein Name ist Ignazio Alvarez da Toledo. Ich handle mit Reliquien und befinde mich hier auf ausdrücklichen Befehl Seiner Majestät, König Ferdinands des Dritten.«

Ein anderer Soldat sagte: »Ich traue diesen Schurken nicht!« Er spuckte auf den Boden und zog sein Schwert. »Für mich sind das Spione des Emirs.«

»In dem Fall werden sie enden wie die da«, bemerkte ein dritter Soldat grinsend und zeigte auf vier Leichen, die von den Zinnen herabhingen.

Vollkommen unbeeindruckt wandte sich Ignazio an den Soldaten mit dem dichten Haarschopf, der trotz seines wilden Aussehens der vernünftigste von allen zu sein schien. »Ich bin im Besitz eines Schreibens mit dem königlichen Siegel, das meine Worte bestätigt.« Er wies auf seine Tasche. »Wenn Ihr es wünscht, zeige ich es Euch.«

Der Soldat nickte und befahl seinen Begleitern zu schweigen.

Ignazio reichte ihm eine Pergamentrolle, doch da er überzeugt war, dass keiner von ihnen lesen konnte, fügte er hinzu: »Seht Euch das Siegel an, das erkennt Ihr zweifellos.«

Der Soldat nahm die Pergamentrolle, überflog die Zeilen und sah sich das Wachssiegel an. »Ja, das ist das königliche Siegel.« Er gab Ignazio das Dokument zurück und verneigte sich leicht. »Die Herrschaften mögen die raue Begrüßung verzeihen, aber die maurischen Truppen lagern hier ganz in der Nähe und versuchen hin und wieder, ihre Späher in unser Lager einzuschleusen. Seid unbesorgt, ich gebe jetzt das Zeichen, dass man Euch Einlass gewährt.« Er wandte sich den Mauern zu und gab in Richtung eines Holzturms am Tor ein Zeichen. Die Wache dort antwortete, indem sie eine Fackel schwenkte.

»Jetzt fahrt weiter zum Tor.« Der Soldat betrachtete die Reisenden noch ein letztes Mal argwöhnisch. »Sobald Ihr dort seid, öffnen sie es und lassen Euch hinein. Willkommen in Andújar, dem antiken Iliturgis.«

Ignazio stieg wieder auf den Karren, und Uberto gab den Pferden die Zügel.

Sie ließen die äußere Befestigungsmauer hinter sich und drangen weiter in das vor, was bis vor Kurzem noch ein blühendes Zentrum der Landwirtschaft und des Handwerks gewesen war. Gebäude jeder Art säumten die Straßen, die nun jedoch verlassen und vom Feuer geschwärzt waren. Die einzigen Häuser, in denen es noch Anzeichen von Leben gab, waren Tavernen, vor denen Grüppchen betrunkener Soldaten standen, die sich laut unterhielten.

Auf der plaza del mercado