Die verschwundene Bibliothek des Alchimisten - Marcello Simoni - E-Book

Die verschwundene Bibliothek des Alchimisten E-Book

Marcello Simoni

3,9

Beschreibung

Frühjahr 1227. Reliquienhändler Ignazio da Toledo wird ins spanische Córdoba gerufen: Blanca, die Königin von Frankreich, ist verschleppt worden; Ignazio soll sie suchen. Eine heikle Mission, denn er und seine Gefährten bekommen es mit einem unberechenbaren Gegner zu tun: Graf Nigredo, der mit düsteren Mächten im Bunde stehen soll, hält Blanca in seiner Burg gefangen. Und das ist nicht die einzige Bedrohung, die von ihm ausgeht...

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Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig. Im Anhang findet sich ein Glossar.

Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel »La biblioteca perduta dell’ alchimista« bei Newton Compton editori, Rom.

© Marcello Simoni © der deutschsprachigen Ausgabe Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: Stephen Mulcahey/Arcangel Images; fotolia.com/Christos Georghiou Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch Lektorat: Christina Neiske eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-86358-628-7 Mittelalter-Thriller

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Für Leo Simoni, Alchimist der Form und der Farbe

PROLOG

Im Jahr des Herrn 1227, Diözese Narbonne.

An ihrem höchsten Punkt wurde die Fassade der alten Pfarrei von einer runden Öffnung beherrscht, durch die nicht einmal an den sonnigsten Tagen Licht hereinfiel. Es wäre vermessen gewesen, sie als oculus zu bezeichnen, da es sich eher um eine von der Witterung geschaffene Scharte handelte. Sie wirkte wie eine Augenhöhle in einem riesigen Schädel, durch die die Windböen hindurchpfiffen, wenn sie sich gegenseitig jagten.

An dieser Öffnung lehnte einsam eine Nonne und ließ den Blick über das Tal schweifen, über die ausgedehnten grünen Weiden, auf denen sich weiß die Schafherden absetzten. Ihre Augen bewegten sich langsam und achteten nicht der Anzeichen des vorzeitigen Frühlings, denn die Aufmerksamkeit der Frau war auf etwas ganz anderes gerichtet. Sie sann über die finsteren Zeitläufte nach und war so versunken in ihre Erinnerungen, dass sie meinte, die Glocken von Saint-Denis zu hören, die vor Monaten die Rückkehr Ludwigs des Achten nach Paris angekündigt hatten.

Der König war von seinem Kreuzzug als Leiche zurückgekehrt, eingenäht in eine Rinderhaut.

Die Nonne teilte jedoch nicht die Meinung des Volkes, sie weigerte sich, in diesem Unglück den Anbruch der Zeit der Ernte zu sehen. Es waren nicht die Reiter der Apokalypse, die ihre Heimat mit Feuer und Schwert verheerten, die die Furcht vor der Häresie schürten oder falschen Propheten ihre Stimme liehen. All das war nicht das Werk Gottes, sondern das der Menschen. Zum Teil auch ihres.

Sie schloss die Augen in dem Versuch, die Gedankenkette in ihrem Kopf zu unterbrechen, aber die unaufhörliche Flut von Bildern brachte ihr die Erinnerung an jene unterirdische Hölle zurück, in der nicht die Toten litten, sondern die Lebenden. Und einen Augenblick lang fühlte sie, wie sich die Finsternis von Airagne um sie legte …

Eine Frauenstimme holte sie in die Wirklichkeit zurück, aber die Nonne erfasste zunächst nicht den Sinn der Worte. Sie blickte hinunter in den Hof und schenkte der jungen Mitschwester, die sie gerufen hatte, ein dankbares Lächeln. »Was ist geschehen?«, fragte sie, als wäre sie gerade aus einem Traum erwacht.

»Kommt herunter, bona mater«, rief die junge Frau. Sie versuchte zwar, nach außen hin gelassen zu erscheinen, doch ihre Stimme verriet, wie beunruhigt sie tatsächlich war. »Wir haben noch einen gefunden.«

»Bona mater«, wiederholte die Nonne oben in der Fensteröffnung. Obwohl sie sich dessen nicht gern rühmte, war sie doch keine gewöhnliche Nonne. Sie hatte diese Pfarrei zu neuem Leben erweckt und sie in einen Zufluchtsort für fromme Frauen, eine béguinage, verwandelt. Ein wenig Trost für dieses vom Krieg zerfleischte Land und ein Weg, das, was ihm angetan wurde, wenigstens zum Teil zu heilen.

Sie richtete sich ein wenig auf und bereitete sich innerlich darauf vor, hinunterzugehen. »Bist du dir sicher?«, rief sie.

»Ein Besessener, genauso wie die anderen.« Die Mitschwester hatte nun jede Zurückhaltung abgelegt und schimpfte aufgeregt: »Wir haben ihn gefunden, als er aus unserem Brunnen trank.«

Die Nonne legte sich die Hand an die Brust, ihr Gesicht blieb jedoch so hart und ausdruckslos wie das eines Soldaten. »Hat er die Zeichen?«, fragte sie.

»Ja, er hat die Zeichen von Airagne.«

Jetzt zögerte die Nonne nicht länger und beeilte sich, nach unten zu kommen, während sich in ihrem Kopf wieder die Gedanken überschlugen. Vielleicht hatten die Menschen doch recht, und die Apokalypse stand unmittelbar bevor. Während sie die Treppe hinunterging, war ihr nicht bewusst, dass sie zwar aus einem Alptraum erwacht war, doch nur, um in einem noch schlimmeren zu enden. Dem Alptraum namens Wirklichkeit.

ERSTER TEIL

DER GRAF VON NIGREDO

»Wisset, alle Erforscher der Weisheit, daß das Fundament dieser Kunst, um derentwillen viele zugrunde gegangen sind, etwas Einziges ist, was stärker und erhabenerist als alle Naturen bei den Philosophen; bei den Unverständigen aber ist es aller Dinge Niedrigstes, was wir verehren.«

»Turba philosophorum«, XV

»Auf der Suche nach der schönen Philosophie haben wir entdeckt, dass sie sich aus vier Teilen zusammensetzt und so das Wesen jedes Einzelnen erforscht. Der erste Teil ist durch Schwarz gekennzeichnet, der zweite durch Weiß, der dritte durch Gelb und der vierte durch Purpur.«

»Komarius-und-Kleopatra-Traktat«, V

1

Die Abenddämmerung senkte sich herab, während Ignazio da Toledo von einer Anhöhe aus die an den Ufern des Guadalquivir entlangmarschierenden Soldaten beobachtete und versuchte, die Farben ihrer Wappen zu erkennen.

Er stieg vom Karren ab, schob die Kapuze zurück, die ihn während der heißen Stunden des Tages vor der Sonne geschützt hatte, und enthüllte so zwei listige Augen und einen Bart, der ihn wie einen Gelehrten aussehen ließ. Die Soldaten immer im Blick, lief er ein Stück den Abhang hinunter. Ihr einzig mögliches Ziel war eine Festung in der Umgebung von Córdoba. Dort würde auch er den finden, nach dem er suchte, dessen war er sicher. Doch irgendetwas beunruhigte ihn, obwohl er solchen Vorahnungen nicht leicht erlag. Im Gegenteil, er war ein Mann der Vernunft, gewohnt, nur das zu glauben, was er verstehen konnte, und allem Übrigen zu misstrauen. Eine seltsame Einstellung für jemanden, der mit Reliquien handelte.

Eine Stimme holte ihn aus seinen Gedanken. »Du wirkst besorgt.«

Ignazio sah zum Wagen. Die Stimme gehörte seinem Sohn Uberto, der dort auf dem Bock saß und die Zügel fest in der Hand hielt. Ein junger Mann von knapp fünfundzwanzig Jahren mit langen schwarzen Haaren und großen bernsteinfarbenen Augen.

»Es ist alles in Ordnung«, beruhigte ihn Ignazio und schaute wieder hinunter ins Tal. »Diese Soldaten tragen das Wappen von Kastilien, zweifellos sind sie auf dem Rückweg zum Hauptquartier von König Ferdinand dem Dritten. Wir sollten ihnen folgen, ich möchte mich mit Seiner Majestät noch vor Einbruch der Nacht besprechen.«

»Ich kann es kaum glauben. Nie hätte ich mir vorstellen können, dass ich einmal dem König begegnen werde.«

»Gewöhne dich an den Gedanken. Unsere Familie dient dem Königshaus von Kastilien bereits seit zwei Generationen«, sagte Ignazio mit dem Anflug eines bitteren Lächelns. Er musste an seinen Vater denken, der notarius von Alfons dem Neunten gewesen war. Die Erinnerung an ihn überkam ihn selten, und wenn es passierte, bemühte er sich, schnell an etwas anderes zu denken, um nicht mehr das Bild von diesem bleichen, unruhigen Mann vor Augen zu haben, der fast sein ganzes Leben bis ins hohe Alter damit verbracht hatte, in der Dunkelheit eines Turms stapelweise Papiere vollzukritzeln.

»Du wirst bald merken, dass dieses ›Privileg‹ mehr Lasten als Ehren mit sich bringt«, sagte er seufzend.

Uberto streckte sich. »Ich habe viele Gerüchte über Ferdinand den Dritten gehört. Es heißt, er sei ein religiöser Eiferer, weshalb man ihn auch den ›Heiligen‹ nennt.«

»Und im Namen des Kreuzzugs gegen die Mauren erweitert er nach Süden hin sein Reich und führt Krieg gegen den Emir von Córdoba …«

Ignazio verstummte, da das Geräusch klappernder Pferdehufe ihn aufhorchen ließ. Er wandte sich in östliche Richtung und sah, wie ein Reiter von dort im gestreckten Galopp auf ihn zuritt. »Willalme ist zurück«, stellte er fest und winkte ihm zu.

Der Reiter hielt vor dem Karren an und sprang aus dem Sattel. »Ich habe die Hauptstraße abgesucht und einen guten Teil der Nebenwege«, berichtete er und wischte sich den Straßenstaub aus dem Gesicht und von den blonden Haaren. Nachdem er so viele Jahre in Kastilien verbracht hatte, war sein französischer Akzent kaum noch bemerkbar. »Uns ist niemand gefolgt.«

»Sehr gut, mein Freund«, sagte Ignazio und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Binde dein Pferd am Wagen an und steig auf. Wir fahren weiter.«

Der Franzose gehorchte. »Hast du erfahren, wo sich das Lager des Königs befindet?«

»Ich glaube schon«, antwortete Ignazio und setzte sich wieder neben Uberto. »Wir müssen nur diesen Soldaten folgen.« Er zeigte auf den Trupp Bewaffneter, die sich auf eine kleine Stadt zubewegten. »Wir sollten zusehen, dass wir das Lager so schnell wie möglich erreichen. Wenn es dunkel wird, wimmelt es in dieser Gegend nur so von Räubern.«

Sie nahmen ihren Weg wieder auf. Der Wagen ratterte langsam hinab ins Tal, holperte über jedes Loch der unbefestigten Straße, und je näher sie dem Fluss kamen, desto üppiger und dichter wurde der Wald, durchsetzt mit vielen Palmen. Obwohl dies schon die ersten Sommertage waren, lag ein leichter Nebelschleier über den Weinbergen in der Ferne.

Eine Zeit lang folgten die drei dem Weg der Soldaten, und nachdem sie den Fluss auf einer alten Steinbrücke überquert hatten, die von fünfzehn Bogen getragen wurde, sahen sie, dass die Männer hinter den Befestigungsmauern der kleinen Stadt verschwanden. Doch als sie dort ankamen, war das Tor bereits wieder geschlossen.

Uberto zog an den Zügeln und sah sich um. Das Tal lag still da. Die Stadt erhob sich auf einer kleinen Anhöhe, die von einer Befestigungsmauer umgeben war. Ganz oben sah man ein mit Türmen bewehrtes castillo, auf dessen Zinnen die königlichen Wappen flatterten.

In dem Moment preschte ein Trupp Soldaten aus dem Unterholz hervor und umzingelte den Wagen. Alle waren gleich gekleidet: Kettenhemden aus Eisen, Helme mit Nasenschutz und rote Übergewänder. Der mächtigste von ihnen, mit einer dichten Mähne, näherte sich dem Karren, eine Lanze drohend nach vorn gerichtet. »Nicht weiter, señores! Dies hier ist ein Stützpunkt des Königs von Kastilien!«

Ignazio, der so etwas vorhergesehen hatte, bedeutete seinen Begleitern, sie sollten sich ruhig verhalten, hob beschwichtigend die Arme und stieg vom Karren. »Mein Name ist Ignazio Alvarez da Toledo. Ich handle mit Reliquien und befinde mich hier auf ausdrücklichen Befehl Seiner Majestät, König Ferdinands des Dritten.«

Ein anderer Soldat sagte: »Ich traue diesen Schurken nicht!« Er spuckte auf den Boden und zog sein Schwert. »Für mich sind das Spione des Emirs.«

»In dem Fall werden sie enden wie die da«, bemerkte ein dritter Soldat grinsend und zeigte auf vier Leichen, die von den Zinnen herabhingen.

Vollkommen unbeeindruckt wandte sich Ignazio an den Soldaten mit dem dichten Haarschopf, der trotz seines wilden Aussehens der vernünftigste von allen zu sein schien. »Ich bin im Besitz eines Schreibens mit dem königlichen Siegel, das meine Worte bestätigt.« Er wies auf seine Tasche. »Wenn Ihr es wünscht, zeige ich es Euch.«

Der Soldat nickte und befahl seinen Begleitern zu schweigen.

Ignazio reichte ihm eine Pergamentrolle, doch da er überzeugt war, dass keiner von ihnen lesen konnte, fügte er hinzu: »Seht Euch das Siegel an, das erkennt Ihr zweifellos.«

Der Soldat nahm die Pergamentrolle, überflog die Zeilen und sah sich das Wachssiegel an. »Ja, das ist das königliche Siegel.« Er gab Ignazio das Dokument zurück und verneigte sich leicht. »Die Herrschaften mögen die raue Begrüßung verzeihen, aber die maurischen Truppen lagern hier ganz in der Nähe und versuchen hin und wieder, ihre Späher in unser Lager einzuschleusen. Seid unbesorgt, ich gebe jetzt das Zeichen, dass man Euch Einlass gewährt.« Er wandte sich den Mauern zu und gab in Richtung eines Holzturms am Tor ein Zeichen. Die Wache dort antwortete, indem sie eine Fackel schwenkte.

»Jetzt fahrt weiter zum Tor.« Der Soldat betrachtete die Reisenden noch ein letztes Mal argwöhnisch. »Sobald Ihr dort seid, öffnen sie es und lassen Euch hinein. Willkommen in Andújar, dem antiken Iliturgis.«

Ignazio stieg wieder auf den Karren, und Uberto gab den Pferden die Zügel.

Sie ließen die äußere Befestigungsmauer hinter sich und drangen weiter in das vor, was bis vor Kurzem noch ein blühendes Zentrum der Landwirtschaft und des Handwerks gewesen war. Gebäude jeder Art säumten die Straßen, die nun jedoch verlassen und vom Feuer geschwärzt waren. Die einzigen Häuser, in denen es noch Anzeichen von Leben gab, waren Tavernen, vor denen Grüppchen betrunkener Soldaten standen, die sich laut unterhielten.

Auf der plaza del mercado hatten die Truppen ihr Lager aufgeschlagen, darunter auch einige Berber, die getrennt von den regulären Einheiten untergebracht wurden. Uberto betrachtete sie neugierig. Sie trugen eine Uniform aus Stoff und darüber einen Kapuzenmantel, der burnus genannt wurde. So seltsam es auch schien, diese Männer gehörten zu den Kamelreitern aus Nordafrika.

»Wundere dich nicht darüber, dass es hier auch maurische Krieger gibt«, sagte Ignazio zu seinem Sohn. »Der Kalif des Maghreb hat sich mit Ferdinand dem Dritten verbündet und deshalb Verstärkung gesandt.«

»Aber Ferdinand kämpft doch gegen den Emir von Córdoba. Warum unterstützt ihn dann ein islamischer Kalif?«

Ignazio zuckte mit den Schultern. »Dies hier ist kein Krieg der Religionen, sondern der politischen Interessen.«

»Wie jeder Krieg«, bemerkte Willalme.

Als sie die Burg fast erreicht hatten, kam ihnen ein Ritter in Rüstung entgegen, dessen Schild ein Wappen mit einem blumenbekränzten Kreuz trug. »Señores, hier könnt Ihr nicht weiter«, sagte er ziemlich barsch. »Es sei denn, Ihr habt einen Passierschein.«

»Den haben wir, mein Herr«, versicherte ihm Ignazio. »Seine Majestät erwartet uns.«

»Dessen werde ich mich höchstpersönlich versichern und Euch danach zu ihm geleiten.«

Ignazio da Toledo reichte ihm das Schreiben mit dem königlichen Siegel. Der Reiter nahm es mit der eisenbewehrten Hand, las es aufmerksam durch und gab es ihm zurück. »Anscheinend ist alles in Ordnung.« Er hob das Visier seines Helms und zeigte ein jugendliches, sonnengebräuntes Gesicht. »Ich bin Martin Ruiz de Alarcón. Folgt mir, ich führe Euch zu den Ställen.«

Nachdem der Ritter sie wie versprochen dorthin gebracht hatte, forderte er die drei Reisenden auf, Karren und Pferde einem Stallburschen anzuvertrauen. Dann gingen sie zu Fuß zur Mitte der Festung weiter, wo sich der Wehrturm erhob.

Inzwischen war es Nacht geworden, die Wachen entzündeten Feuer entlang der Mauern.

»Seine Majestät hält sich oben im Wehrturm auf«, erklärte Alarcón. »Zu dieser Stunde berät er sich mit den Würdenträgern und dem Kriegsrat.«

Sie stiegen die Stufen bis zur Spitze des mächtigen Turms hinauf. Hier war alles düster: Kein Schmuck zierte die Steinmauern, sie trugen nur die schwarzen Spuren vom Feuer der Fackeln.

»Wundert Euch nicht, wie vernachlässigt hier alles ist«, sagte der Ritter, als er das Erstaunen der drei Reisenden bemerkte. »Seine Majestät kommt nur selten hierher und ausschließlich für militärische Angelegenheiten. Aber diese Mauern haben eine lange Geschichte, die bis hin zu Karl dem Großen zurückreicht.«

»Diese Festung ist ja auch nur ein Brückenkopf auf dem Weg nach Córdoba«, bemerkte Uberto, nachdem er Willalme heimlich zugeblinzelt hatte. »Schließlich ist allgemein bekannt, dass Ferdinand der Heilige den endgültigen Schlag gegen das Emirat plant.«

»Die Gründe für die reconquista Seiner Majestät sind mehr als berechtigt«, erklärte Alarcón, dann lächelte er ihn nachsichtig an. »Aber an Eurer Stelle würde ich ihn nie in seiner Anwesenheit den ›Heiligen‹ nennen. Ferdinand von Kastilien ist in Bezug auf gewisse Beinamen, so unschuldig sie sein mögen, ziemlich empfindlich.«

»Entschuldigt die Frechheit meines Sohnes«, sagte Ignazio seufzend und verbarg hinter seinem Bart ein beifälliges Grinsen. Im Laufe der Zeit erwies sich Uberto als ihm immer ähnlicher, vor allem was die Unduldsamkeit gegenüber jeglicher Form von Obrigkeit betraf und den Spaß daran, jene, die ihr mit blindem Gehorsam folgten, zu reizen. Andererseits unterschied sich Uberto auch sehr von ihm, denn sein Blick und seine Absichten waren immer so klar und rein wie Quellwasser, während Ignazio nicht leicht zu durchschauen und voller Geheimnisse war. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass man über gewisse Themen besser schwieg, insbesondere über die verbotenen Aspekte des Wissens. Nur allzu leicht konnte man missverstanden werden, was ihm in der Vergangenheit beinahe eine Anklage wegen schwarzer Magie eingebracht hatte.

Nachdem sie zwei Treppen hinaufgestiegen waren, erreichten sie ein Vorzimmer, dessen Wände mit Teppichen geschmückt waren und das von einer Ansammlung Soldaten und Knappen bewacht wurde.

»Wartet hier, bis ich Euch gemeldet habe, dann tretet langsam nacheinander ein.« Alarcón warf Uberto einen letzten, diesmal warnenden Blick zu. »Und redet nur, wenn Ihr angesprochen werdet.«

Nach einer kurzen Wartezeit wurden die drei eingelassen.

Ignazio ging voran, und nachdem er das Vorzimmer hinter sich gelassen hatte, durchquerte er gemessenen Schrittes einen weitläufigen Raum. Die Wände waren in übertriebenem Maß mit Heiligenbildern bedeckt und zeugten von einer geradezu manischen Frömmigkeit.

In der Mitte des Raumes saß Ferdinand der Dritte von Kastilien, ein Mann um die dreißig, bekleidet mit einem hellblauen Samtumhang und einer karierten Tunika. Die langen kastanienbraunen Haare fielen ihm in die Stirn, ein leichter Bartansatz betonte das fliehende Kinn, und seine hellen blauen Augen blickten ins Leere. Er war von seinen Beratern umringt, von Geistlichen und Adligen.

Alarcón hatte sich zu ihnen gesellt und unterhielt sich gerade mit einem Mann in voller Rüstung, der jedoch ziemlich auffiel, da sein Gesicht von einer Kettenhaube verdeckt war, die nur zwei Sehschlitze für die Augen frei ließ.

Nachdem Ignazio all das mit einem schnellen Rundblick erfasst hatte, kniete er vor dem König nieder und küsste ihm, dem Zeremoniell folgend, ehrerbietig die Hand. Uberto und Willalme schlossen zu ihm auf und knieten sich zu beiden Seiten neben ihn.

Ferdinand der Dritte öffnete den Mund, womit er zu verstehen gab, dass er sprechen wollte, und sogleich verstummte jegliche Unterredung.

»Ihr seid also Ignazio Alvarez.« Die Stimme des Königs war leise und klang beinahe träge. »Euer Ruf eilt Euch voraus. Es heißt, Ihr habet in der Jugend abgelehnt, clericus und sogar magister zu werden, und stattdessen ein Wanderleben vorgezogen. Wir verhehlen nicht, dass Uns das neugierig gemacht hat.«

»Ich habe nichts zu verbergen, Sire.« Ignazio wählte seine Worte sorgsam. »Fragt also, was Ihr wünscht, und ich werde Euch antworten. Aber wisset auch, dass ich nur ein einfacher Mann bin, ich verfüge über keine besonderen Talente.«

»Diese Entscheidung überlasst Uns, Meister Ignazio.« Ferdinand blickte ihn durchdringend an, als wollte er die Aufrichtigkeit seines Gegenübers erforschen. »Wir wissen alles über Eure Unternehmungen. Es heißt unter anderem, Ihr seiet 1204 nach Konstantinopel gereist und dort in den Dienst des Dogen von Venedig getreten, obwohl diesen der Bann der Exkommunikation getroffen hatte. Wisset denn, dass Wir ein solches Verhalten nicht dulden. Eine Familie, die mit Unserem Namen verbunden ist, darf die vom Heiligen Stuhl Verfolgten niemals unterstützen, selbst wenn es sich um Adlige oder Heerführer handelt.« Er seufzte. »Aber Wir werden Großmut walten lassen. Wenn Ihr Unserer Forderung entsprecht, werden Wir über Eure Verfehlungen hinwegsehen.«

»Weshalb wendet Ihr Euch an mich?«

Ferdinand winkte verärgert ab. »Euer Vater, ein selten kluger Mann, hat Unserem Haus bis zu seinem Tode gedient und sich immer untadelig verhalten. Von Euch erwarten Wir den gleichen Gehorsam.«

Uberto verfolgte aufmerksam jede Nuance des Gesprächs, vom pluralis majestatis des Königs bis zum ausweichenden Ton seines Vaters, und dennoch gelang es ihm nicht, den Blick von einem merkwürdigen Detail zu wenden. Ferdinand hielt eine kleine weiße Figur in der Hand, die Statue einer Frau, und streichelte sie von Zeit zu Zeit eifrig, eine beinahe kindliche Geste. Uberto erinnerte sich, schon von der Statue gehört zu haben: Es handelte sich um die berühmte Elfenbeinmadonna, von der der König sich niemals trennte, nicht einmal auf dem Schlachtfeld.

Inzwischen hatte der König seine Rede wieder aufgenommen: »Und vor allem, Meister Ignazio, werden Wir Euren Gehorsam an dem messen, was Ihr tun werdet. Euch erwartet eine bedeutende Aufgabe, deshalb haben Wir Euch zu Uns gerufen.«

Der Händler sah auf und suchte den Blick des Königs, um darin zu lesen, was ihn erwartete, aber er sah nur zwei ausdruckslose helle Augen. Er hatte sich schon oft in ähnlicher Lage befunden. Es war nicht ungewöhnlich, dass seine Dienste an den Höfen der hohen Herren verlangt wurden, damit er für sie heilige Reliquien oder absonderliche Gegenstände aufspürte, die sich an fernen und unzugänglichen Orten befanden. Dennoch konnte er sich nicht vorstellen, was der König von ihm wollte. Außerdem verärgerte ihn, dass jener ständig von Gehorsam sprach.

»Erhebt Euch, Meister Ignazio.« Ferdinand klang ein wenig widerwillig. »Sagt Uns, habt Ihr etwas über die Entführung Unserer Tante Blanca von Kastilien gehört, der Königin von Frankreich?«

Ignazio wusste nicht, was er antworten sollte. In den vergangenen Jahren waren die Beziehungen zwischen Kastilien und Frankreich von dem mehr oder weniger offen geäußerten Willen zweier Schwestern gelenkt worden, der legitimen Töchter des verstorbenen Königs Alfons des Achten von Kastilien. Berenguela, die ältere von beiden, war die Mutter Ferdinands des Heiligen, und obwohl sie keine direkte Macht ausübte, hatte sie ihrem Sohn strenge religiöse Prinzipien eingeschärft, die ihn dazu trieben, das Königreich zu erweitern und einen Kreuzzug gegen die Mauren in Spanien zu führen. Blanca, die jüngere, war die Frau des französischen Königs Ludwig des Achten gewesen, genannt »der Löwe«, und nachdem sie vor Kurzem Witwe geworden war, hatte sie die Herrschaft über Frankreich übernommen, weil der Dauphin noch zu jung war, um ein Reich zu führen.

Blanca hatte sich als tatkräftige Regentin erwiesen, nicht nur weil sie sich gegen eine Schar Barone behauptete, die einer Frau vom Blute Kastiliens den Gehorsam verweigerten, sondern auch weil sie den Kreuzzug gegen die Ketzerei der Katharer im Languedoc fortführte, den ihr Ehemann begonnen hatte. Ihr Handeln hatte ihr viele Feinde eingebracht, aber zugleich die Unterstützung des Heiligen Stuhls gesichert, vor allem des päpstlichen Gesandten Romano Bonaventura.

Ignazio dachte, dass die Entführung von Königin Blanca hervorragend in die allgemeinen politischen Wirren passte. Doch er wusste nichts darüber, deshalb senkte er den Blick und schüttelte den Kopf. »Ich bin bestürzt, Sire. Obwohl ich in Verbindung zu zahlreichen Händlern in Frankreich und Reisenden dorthin stehe, habe ich davon keine Kenntnis erhalten.«

»Dann stimmt es also, die Nachricht hat sich noch nicht verbreitet.« Ferdinand stellte die kleine Statue auf die Lehne seines Stuhls und schaute zu dem Krieger mit der Kettenhaube, bevor er sich wieder an Ignazio wandte. »Es muss rasch und mit höchster Vorsicht gehandelt werden.«

»Sollen etwa wir der Königin Blanca von Kastilien zu Hilfe kommen?« Das hatte nicht Ignazio gefragt, sondern Uberto, der sein Erstaunen nicht mehr bezähmen konnte. Sofort waren alle Augen im Raum auf ihn gerichtet.

Ignazio da Toledos Gesicht rötete sich vor Verlegenheit. Er hasste es aufzufallen. »Entschuldigt die Frechheit meines Sohnes, Majestät.« Er warf dem bestürzten Uberto einen vernichtenden Blick zu, dann betrachtete er angelegentlich das Muster des persischen Teppichs zu seinen Füßen. »Verzeiht ihm bitte.«

»Wir sehen keinen Grund«, sagte der König entschieden. »Er hat vollkommen recht.«

»Aber wie …? Verzeiht …« Ignazio sah wieder auf, seine Stirn war nachdenklich gerunzelt. »Wir sind nur eine Familie von einfachen Händlern …«

»Ihr wisst selbst genau, dass das keineswegs stimmt. Doch Eure Rolle in dieser Mission wird eher untergeordneter Natur sein, die eigentliche Verantwortung wird jemandem übertragen werden, der entsprechend qualifiziert ist.«

Der König sah erneut zu dem Grüppchen hinüber, in dem auch Alarcón stand, und auf sein Zeichen näherte sich der Mann mit der Kettenhaube. Er lief an dem vollkommen erstarrten Ignazio vorbei, verbeugte sich elegant vor dem König und stellte sich an seine linke Seite.

Mit einer weiteren Geste brachte Ferdinand das aufgeregte Raunen im Raum zum Verstummen. »Begreift Ihr, Meister Ignazio? Dieser Mann wird alle strategischen Überlegungen leiten und wenn nötig auch kriegerische Handlungen, die zur Befreiung Unserer Tante Blanca von Kastilien führen.« Er bedeutete dem geheimnisvollen Krieger, er solle seine Kettenhaube abnehmen. »Sieur Philippe, bitte enthüllt Euer Gesicht.«

Daraufhin legte der Mann das Kettengeflecht ab, das sein Haupt bedeckte, und zum Vorschein kam ein derbes Gesicht, das einer Kupfermaske glich. Doch vor allem die Augen, die eine ungewöhnliche Klugheit ausstrahlten, ließen es furchterregend wirken.

Ohne seine Überraschung zu zeigen, erinnerte sich Ignazio daran, dass er diesem Mann schon einmal vor einigen Jahren begegnet war. Aufgeregtes Geflüster hinter ihm bestätigte ihm, dass Willalme und Uberto sich genau darüber unterhielten. »Sieur Philippe de Lusignan«, sagte Ignazio. »Ich freue mich, Euch nach so langer Zeit und bei so guter Gesundheit zu sehen.«

»Ich freue mich ebenfalls, auch darüber, dass Ihr Euch an mich erinnert, Meister Ignazio«, antwortete der Krieger und kräuselte die Lippen zu einem Lächeln.

»Wie könnte ich Euch je vergessen? Ich stehe tief in Eurer Schuld, seit ich damals auf der Reise nach Burgos den Schutz Eurer Begleitung genoss. Seitdem sind fast zehn Jahre vergangen.«

»Ich bitte Euch, fühlt Euch mir nicht zu Dank verpflichtet. Es war kein Opfer für mich, Euch zu helfen. Doch wenn Euch daran gelegen ist, könnt Ihr Euch vielleicht demnächst revanchieren.«

»Wir haben keine Zeit für Höflichkeiten«, unterbrach sie Ferdinand der Dritte. »Dazu gibt es zu dringende Probleme. Sieur de Lusignan, bitte seid so freundlich und erklärt die Lage.«

Philippe de Lusignan legte die Kettenhaube und die gepanzerten Handschuhe auf einem dafür vorgesehenen Gestell ab und begann: »Während der gerade beendeten Fastenzeit hat sich in Narbonne ein Konzilium versammelt, um das weitere Vorgehen für den Kreuzzug gegen die häretischen Katharer im Languedoc zu beschließen. Bei dieser Gelegenheit wurde der Kirchenbann gegen die Grafen von Toulouse und Foix ausgesprochen, die sich mit den Ketzern gegen Blanca von Kastilien verschworen haben.« Er legte eine Pause ein, um den Anwesenden Gelegenheit zu geben, die Nachrichten aufzunehmen. »Die Königin hat es als wichtig erachtet, diesem Konzilium beizuwohnen, doch seitdem fehlt uns jegliche Nachricht von ihr. Und genau darum geht es, Blanca scheint wie vom Erdboden verschluckt zu sein.« Ferdinand sah Ignazio an. »Es gibt Gerüchte, sie sei entführt worden und werde jetzt im Süden Frankreichs von einem gewissen Grafen von Nigredo gefangen gehalten. Mehr wissen wir nicht.«

Ignazio strich sich nachdenklich über den Bart. »Woher kommen diese Nachrichten?«

»Von Seiner Exzellenz Fulko, dem Bischof von Toulouse«, erwiderte Philippe de Lusignan. »Er hat beim Exorzismus eines Besessenen davon erfahren.«

»Einem Exorzismus?«

Philippe de Lusignan öffnete ratlos die Arme. »Mehr wissen wir nicht. Monsignor Fulko erwartet unsere Delegation, um weitere Erklärungen persönlich zu übermitteln.« Nach einer kurzen Pause versuchte er es ein wenig überzeugender: »Ich begreife Euer Befremden, Meister Ignazio, und bin teilweise Eurer Meinung. Die Worte eines Besessenen sind nur ein schwacher Hinweis, aber das Verschwinden von Königin Blanca bleibt eine Tatsache. Daran besteht kein Zweifel. Wenigstens wissen wir, wo wir mit unseren Nachforschungen beginnen müssen.«

»Ich stimme mit Euch überein, obwohl mir immer noch nicht klar ist, wie ich in dieser Angelegenheit helfen könnte«, wandte sich Ignazio an den König, doch sein fragender Blick prallte an den ausdruckslosen Augen des Monarchen ab. »Hier ist mit Sicherheit diplomatisches Geschick gefragt, doch da, das muss ich gestehen, fehlt mir jegliche Erfahrung …«

Bei diesen Worten erhob sich aus dem Hintergrund eine Stimme: »Ignazio Alvarez, was sagst du da? Drückst du dich vor deinen Pflichten wie schon damals, als du ein Junge warst?«

Ignazio fuhr überrascht zusammen. Er kannte die Stimme, doch er hatte sie seit Ewigkeiten nicht mehr gehört. Als er zu den Vorhängen hinter dem Thron hinübersah, erblickte er einen hageren alten Mann, der gerade dazwischen hervorgekommen war, mit weißen Haaren und einer Haut so braun wie Datteln. Er trug eine Art Mönchskutte, die jedoch etwas eleganter wirkte.

Als er in das Licht der Fackeln trat, verneigte sich der Greis leicht vor dem König. »Ich habe schon zu lange zugehört, Sire. Erlaubt, dass ich mich an der Unterhaltung beteilige.«

Ferdinand der Dritte nickte. »Redet, Magister.«

Ignazio, der das Ganze mit wachsendem Erstaunen beobachtet hatte, ging auf den alten Mann zu, ohne ihn einen Augenblick aus den Augen zu lassen, dann nahm er seine Hand und verbeugte sich vor ihm. »Meister Galib, seid Ihr es wirklich?«

Der alte Mann hob lächelnd die schlohweißen Augenbrauen. »Ja, mein Sohn, ich bin es wirklich.«

Während Ignazio ihn weiter anstarrte, erinnerte er sich an ihre erste Begegnung. Das war 1180 gewesen, er selbst war noch ein Junge. Damals hatte man Ignazio trotz seiner Jugend in die Medizinschule von Toledo aufgenommen. Sein Vater war sehr stolz darauf gewesen, weil man sich dort der monumentalen Aufgabe verschrieben hatte, die Manuskripte aus dem Orient zu übersetzen. Damals war Meister Galib ein herausragender Gelehrter von fünfundzwanzig Jahren gewesen, er war für die Ausbildung der Schüler verantwortlich und unterstützte den Gelehrten Gherardo da Cremona, der sich in Toledo zu dem Zweck angesiedelt hatte, die Traktate der arabischen und griechischen Philosophen ins Lateinische zu übersetzen.

Und ebendieser Galib hatte sich des jungen Ignazio angenommen und darauf gedrungen, dass er Latein lernte, da er in ihm eine überdurchschnittliche Intelligenz erkannt hatte. Zu dieser Zeit war Gherardo da Cremona zu beschäftigt gewesen, als dass ihm der Jüngling aufgefallen wäre, doch später hatte er ihn an seine Seite geholt, und er war einer seiner liebsten Schüler geworden. All das hatte Ignazio nur Galib zu verdanken.

»Ich hielt Euch für tot«, sagte Ignazio, den die Erinnerungen überwältigten. »Niemand wusste zu sagen, wo Ihr geblieben wart.«

»Ich bin einfach nur aus Toledo weggegangen«, erwiderte Galib. »Dort hatte ich nach dem Tod von Gherardo da Cremona noch eine Weile unterrichtet, aber dann hatte ich beschlossen, mich in den Dienst von König Ferdinand zu stellen.« Sein Lächeln trübte sich, und sein Gesicht verriet eine tiefe innere Erschöpfung. »Der Herr hat sich einen Scherz mit diesem armen alten Mann erlauben wollen und hat ihm das Geschenk eines ungewöhnlich langen Lebens gemacht …«

Ignazio hätte ihm gern eine Menge Fragen gestellt, doch Galib kam ihm zuvor. »Du darfst diesen Auftrag nicht ablehnen, mein Sohn. Deine Beteiligung ist lebenswichtig.«

»Erklärt Euch, Magister.«

»Ich beziehe mich nicht auf die Angaben, die Bischof Fulko während eines Exorzismus erfahren zu haben behauptet.« Der Greis erhob den knochigen Zeigefinger. »Ich habe schon vom Grafen von Nigredo gehört und weiß, welcher Ruf ihm vorauseilt. Er ist ein Feind, den man fürchten muss, ein Alchimist. Deshalb ist es notwendig, dass du Sieur Philippe in die Grafschaft Toulouse begleitest und Seite an Seite mit ihm Erkundigungen bezüglich des Verschwindens von Königin Blanca einholst. Ich weiß genau, was ich sage. Du warst bei Weitem der beste Schüler von Gherardo da Cremona und bist vor allem in den hermetischen Wissenschaften und der Erforschung des Okkulten bewandert. Mir ist ebenfalls bekannt, dass du Händler geworden bist, gerade um diese Kenntnisse auf deinen Reisen zu vertiefen, leugne es nicht.«

»Ein Alchimist …« Ignazio hatte inzwischen seinen üblichen unerschütterlichen Gleichmut wiedergefunden. »Dann wart Ihr es, der mich für diese Aufgabe vorgeschlagen hat.«

»Ja.« Galib verschränkte die Arme vor der Brust, wodurch sein schmächtiger Körper zwischen den Falten seines Gewandes noch kleiner zu werden schien. »König Ferdinand hat mich gebeten, ihm den geeignetsten Mann zu nennen, und ich habe sofort an dich gedacht. Ich wäre gern an deiner Stelle gegangen, aber ich bin zu alt für eine solche Unternehmung. Also, was wirst du tun?«

Ignazio wandte sich zu Uberto und Willalme um, sah den fragenden Ausdruck auf ihren Gesichtern und antwortete schließlich: »Ich nehme den Auftrag an.« Er lächelte ein wenig. »Außerdem glaube ich nicht, das Recht zu haben, mich einem Befehl des Königs zu widersetzen.«

»So ist es«, bestätigte Philippe de Lusignan, der mit lebhaftem Interesse zugehört hatte. »Wir brechen gleich morgen auf. Heute Nacht werdet Ihr in der Burg schlafen.«

»Ausgezeichnet.« Ferdinand der Dritte wirkte nun nicht mehr so angespannt. »Jetzt, da das Problem gelöst ist, können wir uns zum Abendessen begeben.« Er klatschte in die Hände. »Ihr seid natürlich herzlich eingeladen, Meister Ignazio, mit Euren Begleitern daran teilzunehmen.«

Nach diesen Worten erhob sich der König und ging auf die Tür zu, gefolgt von einem Schwarm Adliger, die einander wegzudrängen versuchten. Anstatt sich diesen Leuten anzuschließen, zog sich Ignazio in eine Ecke des Raums zurück. Er war nicht erpicht darauf, sich diesem Haufen zuzugesellen. Da packte eine knochige Hand seinen Arm.

»Folge mir, mein Sohn«, sagte Galib. »Ich kenne eine Abkürzung zum Speisesaal.«

2

Das Abendessen fand im oberen Stock des Wehrturms statt. Der Raum wurde von einem zentralen runden Kamin beherrscht, um den sich eine hufeisenförmige Tafel zog. Ignazio ließ seinen Blick über die Tischgäste schweifen, um seine Aufmerksamkeit dann auf Galib zu konzentrieren, der ihm gegenübersaß und unruhig wirkte. Uberto und Willalme hatten sich neben sie gesetzt.

In der Hoffnung, dass der Magister jetzt eher dazu aufgelegt war, Näheres zu seinem Auftrag zu enthüllen, hatte Ignazio am linken Ende der Tafel Platz genommen, wo nur ein paar mit sich selbst beschäftigte Edelleute und Ritter niederen Ranges saßen. Dort würden seine Worte vom allgemeinen Geschwatze im Hintergrund überdeckt werden, während König Ferdinand, der den Mittelplatz des Hufeisens einnahm, sich mit Philippe de Lusignan und einem misstrauisch wirkenden Dominikanermönch unterhielt.

»Magister, quält Euch etwas?«, fragte Ignazio.

»Das erkläre ich dir später«, erwiderte Galib und versuchte, heiter und gelassen zu erscheinen. »Jetzt lasst uns über etwas anderes reden. Erzähl mir etwas über dich und deine Begleiter …«

Ignazio berichtete von seinen Reisen, die ihn in den Orient, entlang der Küsten Afrikas und in die unterschiedlichsten Länder Europas geführt hatten. Dann erzählte er von seiner waghalsigen Pilgerfahrt auf dem Jakobsweg im Sommer des Jahres 1218. Unter diesen gefährlichen Umständen hatte er Philippe de Lusignan kennengelernt, der ihm gegenüber noch immer genauso höflich wie geheimnisvoll war wie damals.

Inzwischen betrat eine Schar von Knappen den Saal, schwer beladen mit Krügen, Platten und Schüsseln. Sie schwärmten geordnet zu den Seiten der Tafel aus und servierten den ersten Gang, der üblicherweise aus kalten Speisen bestand, wie Obst und Gebäck.

Ignazio bereitete sich innerlich auf ein hochkomplexes Zeremoniell des kastilischen Hofes vor, auf ein Abendessen, das der Tradition nach von einem Dutzend Gängen geprägt war. Weit lieber wäre ihm heute Abend ein karges Mahl mit nur wenigen Tischgenossen gewesen, vielleicht im Halbdunkel einer Schenke. Dann erfasste ihn Sehnsucht nach dem heimischen Herd und vor allem nach seiner Frau Sibilla. Er hatte sie seit Monaten nicht gesehen, und der Gedanke, dass er sie wieder allein gelassen hatte, plagte sein Gewissen.

Ich bin wirklich ein schlechter Ehemann, dachte er und versuchte, sich einen Moment lang vorzustellen, was sie jetzt fühlte, allein in dem leeren Haus, ohne den Mann, der geschworen hatte, sie zu lieben. Ihn überkamen ein ungeheurer Kummer und das unstillbare Verlangen, zu ihr zu eilen. Doch diese Schuldgefühle vergingen ebenso schnell, wie sie ihn überfallen hatten, und kurz darauf zeigte das Gesicht des Händlers sich wie gewohnt verschlossen. Seine Vernunft erlaubte es ihm, nur zeitweise zu lieben, und hieß ihn, rasch wieder seine Gefühle hintanzustellen. Ja, es stimmte, einmal mehr hatte er sein Heim verlassen, aber er hatte keine Wahl gehabt. Um seine Traurigkeit endgültig zu vertreiben, schenkte er sich einen Becher gewürzten Wein ein.

Galib hatte inzwischen Willalme nach seiner Heimatstadt Béziers ausgefragt, die von den Kreuzrittern mit Feuer und Schwert vernichtet worden war, weil sie ketzerische Katharer beherbergt hatte. Willalme erklärte, dass er danach geflohen war und sich nur durch ein Wunder gerettet hatte.

»Und deine Familie?«, fragte Galib unwillkürlich.

Willalmes Gesicht verdüsterte sich. »Tot«, sagte er nur. Sichtlich erregt nahm er einen Apfel und schnitt ihn wütend in Scheiben. »Mein Vater, meine Mutter, meine Schwester … sie wurden alle während der Einnahme von Béziers von den Kreuzrittern getötet.«

Galib wollte ihn nicht weiter bedrängen und nutzte die Gelegenheit, dass ein neuer Gang aufgetragen wurde, um das Thema zu beenden. Nach den süßen Früchten und dem Mandelgebäck ging man jetzt zu salzigen Speisen, Käse und Oliven, über. Die Tischgesellschaft wirkte heiter, obwohl hinter der äußeren Gelassenheit eine unterdrückte Anspannung zu spüren war, die einigen Gästen deutlich ins Gesicht geschrieben stand. Ignazio da Toledo bemerkte dies, aber er sprach mit niemandem darüber. »Gestattet Ihr mir eine Frage, Magister?«, sagte er plötzlich. »Was hat Philippe de Lusignan mit der ganzen Angelegenheit zu schaffen? Als ich ihn kennenlernte, gehörte er nicht zum Hof von Kastilien, er trug das Gewand der Tempelritter und hatte auf seinen Adelstitel verzichtet.«

»Philippe de Lusignan ist einer der wertvollsten Botschafter Ferdinands in Frankreich«, erklärte Galib und schob angeekelt eine Schale mit Fleisch in Traubensoße von sich. »Er kam vor ungefähr sieben Jahren an den Hof, und in dieser Zeit hat er sich tadellos verhalten, sodass Seine Majestät ihm die Aufnahme in den Ritterorden von Calatrava ermöglicht und dafür gesorgt hat, dass er eine Komturei erhielt.«

»Und wer ist der Dominikaner, der rechts vom König sitzt?«

Bei diesen Worten zuckte Galib zusammen, doch das wunderte Ignazio nicht. Er hatte bemerkt, wie oft der alte Mann zu dem Mönch hingeschaut hatte.

»Das ist Pedro Gonzalez de Palencia, der persönliche Beichtvater Seiner Majestät«, erwiderte Galib. »Ferdinand tut nichts, ohne ihn um Rat zu fragen.«

»Ich habe schon von ihm gehört, er hat den Ruf, ein profunder Kenner der Heiligen Schriften zu sein.« Ignazio lächelte boshaft. »Wollt Ihr mir erzählen, warum Ihr ihn so feindselig anseht?«

»Pater Gonzalez ist kein aufrichtiger Mensch. Immer sehr bedacht und berechnend. Außerdem glaube ich, dass er geheime Informationen über die Entführung von Blanca von Kastilien hat. Er muss mehr wissen, als er uns einreden will, zumal er es auch war, der Seine Majestät überzeugt hat, etwas in dieser Angelegenheit zu unternehmen.«

Ignazio runzelte die Stirn. Nach der Unterredung mit Ferdinand dem Dritten hatte er selbst bereits skeptische Überlegungen angestellt. Aus welchem Grund sollte der König von Kastilien, wenngleich er mit der Königin von Frankreich blutsverwandt war, dieser zu Hilfe eilen? Ein derartiger Schritt konnte als Einmischung in die ohnehin schon angespannte politische Situation des Languedoc gewertet werden. War es möglich, dass der Pariser Hof nach dem Tod Ludwigs des Achten die Lage nicht selbst in den Griff bekam? Gab es in Frankreich keine Ritter, die die Königin retten konnten? Und welche Vorteile konnte Pater Gonzalez daraus gewinnen, wenn er seinen Einfluss auf Okzitanien ausübte? Was genau bedeutete der Feldzug gegen den Grafen von Nigredo?

Er bemühte sich, seine Besorgnis nicht zu zeigen, und aß ein wenig von der Taubenpastete mit Zimtkruste, die ihm gerade vorgesetzt wurde. Galib ließ sich hingegen einen schlichten Roggenbrei mit Erbsen bringen.

Doch Ignazio ging zu viel durch den Kopf, als dass er hätte schweigen können. »Magister, erzählt mir von dem Besessenen, den Bischof Fulko von Toulouse angeblich befragt hat.«

»Darüber weiß ich genauso wenig wie du, mein Sohn.« Galib wischte sich den Mund mit dem Ärmel ab. »Ich habe keine Ahnung, wo Bischof Fulko diesen Besessenen aufgetrieben hat oder was der ihm erzählt hat. Das musst du selbst herausfinden. Morgen wirst du mit Philippe de Lusignan nach Toulouse aufbrechen, doch eure Mission darf nicht bekannt werden. Ihr werdet einen Geleitbrief von Pater Gonzalez empfangen, den ihr ausschließlich Fulko aushändigen werdet.« Galib klang jetzt noch ernster. »Aber ich habe noch eine Aufgabe für dich, neben der des Königs.«

»Ihr überrascht mich.«

Galib runzelte die Stirn. »Die Angelegenheit ist sehr verwickelt. Wie gesagt habe ich schon vom Grafen von Nigredo gehört. Das war vor vielen Jahren, als ich in Südfrankreich einem gewissen Raymond de Péreille aus dem Hause der Mirepoix begegnet bin. Er hat mir zum ersten Mal vom Grafen von Nigredo erzählt und ihn als Alchimisten beschrieben, aber ich maß dem damals nicht viel Bedeutung bei und hielt es für eine Legende. Erst später entdeckte ich, dass es den Grafen von Nigredo tatsächlich gibt.«

»Es wäre nützlich, diesen Raymond de Péreille zu treffen«, mischte sich Uberto ein.

Galib nickte. »Genau darum bitte ich euch, aber die Angelegenheit muss geheim bleiben. Wir können nicht einmal de Lusignan trauen, da er alles an Pater Gonzalez berichten würde. Und diesem Dominikaner traue ich erst recht nicht.« Er zögerte kurz und sah sich um. »Raymond de Péreille beschützt die Ketzer, er hält es mit den Katharern. Versteht ihr nun, warum man so vorsichtig sein muss?«

Uberto betrachtete das bestürzte Gesicht seines Vaters, dann fragte er: »Wie können wir Raymond de Péreille denn treffen, ohne dass es bekannt wird?«

»Ganz einfach«, antwortete Galib. »Einer von euch dreien geht nicht mit Philippe de Lusignan nach Toulouse, sondern bricht noch heute Nacht auf und trifft sich heimlich mit de Péreille. Ich glaube, du, Uberto, wärst am besten für diese Aufgabe geeignet.«

»Das kommt überhaupt nicht in Frage«, knurrte Ignazio. »Mein Sohn bleibt bei mir.«

Doch der alte Mann gab nicht nach. »Ich verstehe deine Besorgnis, Ignazio. Aber wenn ihr tut, was ich gesagt habe, vermeidet ihr, dass Pater Gonzalez und Bischof Fulko euch nur nach ihrem Belieben benutzen.«

»Und wenn dieser de Péreille mit dem Grafen von Nigredo unter einer Decke steckt?«, wandte der Händler ein, dem seine Sorge jetzt deutlich anzumerken war. »Was ist, wenn vielleicht gerade er Blanca von Kastilien entführt hat? Schließlich würde es den Katharern in die Hände spielen, wenn man die Königin aus dem Weg räumt.«

Galib schüttelte den Kopf. »Raymond de Péreille will sich bestimmt nicht die Kreuzritter oder gar den französischen Hof zu Feinden machen«, erklärte er. »Er verfügt über so wenige Soldaten, dass er auf den Schutz des Grafen von Foix angewiesen ist. Er hat überhaupt nicht die Mittel, um die Entführung einer Königin zu planen. Außerdem ist er, soweit ich ihn kenne, stets bemüht, nicht aufzufallen und sich von allen Scharmützeln fernzuhalten.«

Uberto stützte sich mit den Ellenbogen auf den Tisch und sah seinen Vater eindringlich an. »Meister Galib hat recht«, sagte er und kniff die Augen zu Schlitzen zusammen wie eine Wildkatze. »Diese Aufgabe ist wichtig. Und ich kann sie sehr gut allein bewältigen, ich bin nicht mehr der naive Junge von früher. Ich werde Raymond de Péreille treffen, ihm die notwendigen Informationen über den Grafen von Nigredo entlocken und dann in Toulouse wieder zu euch stoßen.«

»Ich bin nicht sicher, ob das wirklich das Beste ist«, entgegnete Ignazio. Natürlich wusste er genau, wie sehr es Uberto danach verlangte, sich einmal selbst zu beweisen, aber er als Vater musste seinen Tatendrang im Zaum halten. Er wandte sich an seinen ehemaligen Lehrmeister. »Wo hält sich de Péreille zurzeit auf? Wohin müsste mein Sohn reisen?«

Galibs Stimme klang jetzt sanfter. »Zu einem bekannten Rückzugsort der Katharer in den Pyrenäen: der Festung von Montségur.«

Ignazio wirkte plötzlich erleichtert. »Das ist südlich von Toulouse, in der Nähe der Burg von Foix. Dann müsste Uberto mir nur vorausreiten …«

»Es besteht keine Gefahr«, erwiderte Galib, der nun seine Worte mit lebhaften Gesten unterstrich. Er schien so begeistert über die neue Wende, die die Angelegenheit genommen hatte, dass er beinahe seinen Roggenbrei umgestoßen hätte. »Auf diese Weise werdet ihr verlässliche Informationen erhalten und müsst euch nicht auf das Gefasel eines Besessenen verlassen!«

Galib hatte die letzten Worte etwas zu laut ausgesprochen, sodass sich ein beunruhigtes Raunen an der Tafel erhob.

Ein Ritter niedrigen Ranges, der gerade gierig mit den Händen aus einer Schale mit gelblicher Soße geschöpft hatte, brach in schallendes Gelächter aus. »Überlasst diesen Besessenen mir! Ihr werdet sehen, wie schnell ich den wieder zu Verstand gebracht habe!« Einige Lacher aus dem Hintergrund stachelten ihn an, fortzufahren, und nach einem schnellen Blick in die Runde erklärte er: »Sieh mal einer an! Am anderen Ende der Tafel wird über Alchimie, über Besessene und ähnlichen Unsinn getuschelt! Als brauchte der König solche Taugenichtse, um zu herrschen.« Er riss ein Stück Braten ab und tauchte es in die Soße, wobei es ihm gleichgültig zu sein schien, dass er bis über die Fingerknöchel darin versank. »Was sollen uns Geschwätz und verstaubte Bücher? Um Satan zu bekämpfen, braucht man nur ein Schwert und ein gutes Pferd! Und wem vertrauen wir uns stattdessen an? Einem sabbernden Alten und einem zwielichtigen Mozaraber. Ja, meine Herrschaften, habt Ihr ihn etwa nicht erkannt? Ein Mozaraber, genau das ist Ignazio da Toledo und ein elender Schakal, der gekommen ist, um uns mit seiner Hinterlist zu verhexen.«

»Achtet nicht auf dieses Schwein«, riet Galib, der selbst Mozaraber war. »Der ist gewiss sturzbetrunken.«

Doch der Ritter setzte seine Rede fort: »Schaut, wie unser Mozaraber sich hier den Wanst vollschlägt! Wen kümmert schon sein nekromantisches Geschwätz? Mit meinen Händen hier nehme ich es mit jedem Alchimisten auf.«

Ignazio ließen diese Worte nicht gleichgültig, obwohl sie von einem guerrejador des Königs von Kastilien kamen. Die Sorge um Uberto hatte ihn aufgewühlt und ließ ihn seine übliche Besonnenheit vergessen, außerdem sah er eine Möglichkeit, die Situation zu seinem Vorteil zu nutzen. Deshalb schlug er scheinbar wütend mit der Hand auf den Tisch und sagte leicht spöttisch und so laut, dass es jeder hörte: »Dieser liebenswürdige Herr scheint ja sehr beschlagen in den okkulten Wissenschaften«, woraufhin sich sofort die Aufmerksamkeit aller auf ihn richtete.

Der guerrejador ließ das Bratenstück in die Soße fallen, unterdrückte einen Rülpser und sprang auf. »Was faselst du da, du Maurenbastard? Ein christlicher Ritter kann immer zwischen Gut und Böse unterscheiden.«

Der Händler breitete die Arme aus und heuchelte Erstaunen. »Meiner Treu, ich habe ja wirklich einen großen Magister vor mir!« Er wartete ab, bis das Lachen im Saal verebbt war, dann setzte er seine Posse fort. »Bestimmt weiß er alles über die Rituale der Ketzer oder über die Geheimnisse der Alchimie.«

»Ich habe in meinem Leben noch nie etwas wissen müssen!«, schrie der Ritter und fuchtelte mit den soßenverklebten Händen herum. »Ich brauche nicht die Weisheit eines Dominikaners, um einen Ketzer oder einen Hexer zu erkennen, wenn er vor mir steht. Und das gilt auch für dich, du sarazenisches Halbblut!« Er musste bemerkt haben, dass er gerade über das Ziel hinausgeschossen war, denn er beeilte sich, hinzuzufügen: »Wenn ich doch einmal unsicher bin, könnte ich natürlich trotzdem einen guten Mönch um Rat fragen.«

»Seid Ihr denn in der Lage, einen Mönch von einem Ketzer zu unterscheiden? Oder einen Philosophen von einem Alchimisten?« Mit einem spöttischen Grinsen hob Ignazio mahnend den Zeigefinger. »Vorsicht, mein Herr. Wenn Ihr so denkt, werdet Ihr früher oder später einmal vor einem Esel auf die Knie fallen.«

Bei dieser Bemerkung brach die gesamte Tafel in Gelächter aus. Die gleichen Gäste, die zunächst den guerrejador aufgestachelt hatten, hingen jetzt an Ignazios Lippen.

Der Ritter knurrte einen Fluch, und ohne groß nachzudenken, zückte er sein Kurzschwert und stürzte auf Ignazio los. »Mal sehen, ob du noch zu Scherzen aufgelegt bist, armseliger Wurm, wenn ich dir Nase und Ohren abgeschnitten habe!«

Der Händler reagierte überhaupt nicht auf die Drohung, sondern blickte nur in Richtung Ferdinands des Dritten und der Tischgäste in seiner Nähe. Willalmes Faust umklammerte hingegen den Knauf seines arabischen Dolchs, den er im Gürtel trug, er war zum Kampf bereit. Aber dazu kam es nicht. Eine befehlsgewohnte Stimme unterbrach die Auseinandersetzung.

»Ritter, Ihr steckt sofort die Waffe ein und setzt Euch!« Pater Gonzalez de Palencia war von seinem Stuhl aufgesprungen, in seinem Gesicht stand Verachtung. »Ihr habt Euch schon ausreichend zum Gespött gemacht.«

»Der da hat mich beleidigt!«, brüllte der Ritter und richtete das Schwert gegen Ignazio.

»Er hat sich nur mit der Wahrheit gegen Eure Schmähungen gewehrt. Ihr seid ein Rüpel, der nichts kann als ein Schwert zücken. Jeder Viehhüter, der bei Kräften ist, könnte das genauso gut erlernen.« Gonzalez verzog verachtungsvoll das Gesicht. »Gehorcht jetzt, wenn Ihr nicht wollt, dass man Euch in Eisen schlägt.«

Angesichts dieser Drohung mäßigte sich der Ritter und setzte sich brummend mit gesenktem Kopf hin. Der Dominikanermönch verfolgte das streng, dann wandte er sich Ignazio zu. »Señor, bitte nehmt im Namen Seiner Majestät und des ganzen Hofes unser tiefstes Bedauern über den Vorfall entgegen. Solltet Ihr Euch beleidigt fühlen, wird dieser unbedachte Ritter sich bestimmt bei Euch entschuldigen.«

»Das ist nicht nötig, Pater Gonzalez«, antwortete Ignazio gelassen. »Mein Dank gilt Euch, weil Ihr mich verteidigt habt, und Seiner Majestät, weil Er es Euch erlaubt hat.«

Der Beichtvater des Königs schenkte dem Händler ein neugieriges Lächeln. »Oh, Ihr kennt also meinen Namen …«

»Ich halte es für die Pflicht eines Gastes zu erkunden, wer der Mann ist, der zur Rechten des Hausherrn sitzt.«

»Ich bewundere Euren Feinsinn, Meister Ignazio.« Pater Gonzalez musterte ihn ebenso genau wie unauffällig. »Ich schätze denkende Menschen, zu denen ich mich ebenfalls zähle. Als ich vor Jahren nach einem Sturz vom Pferd zu hinken begann, stellte ich fest, dass ich dem Körper und dem irdischen Leben zu viel Bedeutung beigemessen hatte. Im Kopf, im Verstand wohnt die wahre Stärke, und ich hoffe, Ihr werdet sie im rechten Moment zu gebrauchen wissen, denn das Böse kommt gerade besonders heftig über die gesamte Christenheit.« Dabei krampften sich seine Hände unwillkürlich um die Tischkante. »Das Abendland wird von vielen Plagen bedroht: den Sarazenenhorden, den ketzerischen Katharern und den Seuchen. Was würde geschehen, wenn nun auch noch Blanca von Kastilien umkäme, das Schwert Gottes und die erbarmungslose Feindin der Ketzer? Wer würde die Herrschaft über Frankreich übernehmen? Ganz gewiss nicht der junge Dauphin, er ist zu unerfahren. Das Reich würde der Anmaßung der okzitanischen Grafen und ihrer Schützlinge, der Katharer, anheimfallen, die sich rasch wie die Kakerlaken ausbreiten würden, von südlich der Alpen über die Pyrenäen bis in die Reiche von Aragón und Kastilien.«

»Und wie, glaubt Ihr, lässt sich das verhindern, ehrwürdiger Vater?«

Die Hände des Dominikanermönchs spreizten sich zunächst wie die Flügel einer Taube, um sich dann fest zu schließen. »Begebt Euch rasch nach Toulouse und fragt Bischof Fulko um Rat. Er konnte ja bereits mittels eines Exorzismus Einblick in die wahren Tatsachen erhalten, nun wird er Euch den rechten Weg zeigen. Ihr werdet ihm meinen Brief zeigen, den ich bereits Sieur Philippe gegeben habe und in dem ich Euren wahren Glauben und die Verbindung zum kastilischen Hof bezeuge. Wenn Ihr dort angekommen seid, werdet Ihr außerdem den Schutz der Ritter von Calatrava genießen. Zehn von ihnen sind bereits vor zwei Tagen aufgebrochen und werden in der Nähe von Toulouse zu Euch stoßen.«

»Jetzt fühle ich mich schon viel sicherer«, sagte Ignazio, obwohl ihn diese letzte Eröffnung tatsächlich eher beunruhigt hatte. Zu viele Leute, dachte er, die einem in die Quere kommen können.

»Man wird Euch für Eure Dienste entsprechend entlohnen«, schloss Gonzalez. »Abgesehen davon, dass Eure Seele davon profitieren wird. Den Dienern Christi ist das Paradies sicher.«

Ignazio neigte das Haupt und tat, als fühlte er sich sehr geehrt. Seine kleine Komödie hatte perfekt funktioniert. Indem er den Zorn dieses stumpfsinnigen guerrejadors gereizt hatte, hatte er den Dominikanermönch zum Eingreifen gezwungen und damit seine Pläne und seinen Einfluss bei Hof erkunden können. Und beides schien ihm recht bedeutsam. Nun wusste er, dass er diesen Mann nicht unterschätzen durfte.

Gonzalez wartete ein Zeichen von Ferdinand dem Dritten ab, bevor er sich wieder setzte.

Das Abendessen ging seinem Ende zu und gipfelte in einer Reihe von vorbereiteten kalten Speisen. Danach stellten die Bediensteten an den Enden der Tafel Schüsseln mit Wasser auf, damit die Tischgäste sich die Finger säubern konnten.

Galib beschloss sein Mahl mit einem Trank aus Johannisbeeren, dann teilte er Ignazio mit, dass er und seine Begleiter in einem Raum im Untergeschoss des Wehrturmes übernachten würden. Zuletzt wandte er sich an Uberto. »Ich hoffe, du bist nicht zu erschöpft, mein Junge. Ich wecke dich dann vor Sonnenaufgang.«

Nach diesen Worten wollte er sich mit einem Lächeln verabschieden, doch in seinem wächsernen, beunruhigten Gesicht zeigte sich nur ein verkrampftes Grinsen.

3

Die Nacht war über die Burg von Andújar hereingebrochen. Die Mehrzahl der Bewohner lag schon in tiefem Schlaf, die Stille wurde nur ab und zu von den Schritten der Wachen oder von klagenden Tierlauten aus der Ferne durchbrochen.

Ignazio da Toledo befand sich mit Uberto und Willalme in einem Raum im Untergeschoss des Turms. Alle drei ruhten auf Strohlagern, aber keiner von ihnen fand Schlaf bei dem Gedanken an das, was vor ihnen lag.

Plötzlich klopfte es an die Tür.

Uberto öffnete ein Auge und versuchte, in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Das war sein Zeichen. Er stand auf, bereits vollständig angezogen, und ging vorsichtig zur Tür, ohne seine Begleiter auf den anderen Lagern anzustoßen.

Vor der Tür erwartete ihn Galib mit einer brennenden Öllampe in der Hand. »Schnell, mein Sohn, bevor mich jemand bemerkt«, flüsterte er atemlos.

Uberto ließ ihn ein. Ihm fiel auf, dass der Magister nicht mehr so rüstig wirkte wie vor einigen Stunden, sondern erschöpft, er schwankte sogar.

Galib ließ das Licht an den Wänden entlanggleiten und leuchtete den Raum ab, der karg mit einem Schemel, einer Truhe und drei Strohlagern eingerichtet war. Schließlich senkte sich der Schein der Lampe auf Ignazios übernächtigtes Gesicht.

Der Händler grüßte ihn knapp. »Ist alles bereit, Magister?«

»Selbstverständlich.« Die Augen des alten Mannes funkelten. »Dein Sohn muss mit mir in die Stallungen.«

Willalme sprang auf. »Ich begleite euch, das ist sicherer.«

»Nein«, widersprach Galib. »Das wäre zu auffällig. Gonzalez’ Spione –« Er konnte den Satz nicht beenden, denn er sank in sich zusammen, als wäre ihm schwindelig.

»Ihr scheint Euch nicht wohlzufühlen, Magister«, sagte Ignazio besorgt, und als er im Halbdunkel den alten Mann betrachtete, stellte er fest, dass dessen Gesicht gerötet und mit Schweiß bedeckt war. Sein Atem ging unregelmäßig. »Ich sehe, dass Ihr schwitzt und schlecht Luft bekommt … Was fehlt Euch?«

»Nichts Schlimmes«, beruhigte ihn Galib und stützte sich an einer Wand ab. »Ich leide an einer leichten Übelkeit. In meinem Alter …« Er rang sich ein Lächeln ab.

Als der alte Mann sich erholt hatte, ging Willalme zu Uberto und schüttelte ihm die Hand. »Gute Reise, mein Freund.« Dann holte er zur Überraschung des jungen Mannes seinen arabischen Dolch aus dem Gürtel und hielt ihn Uberto etwas verlegen hin. »Da, steck ihn ein. Vielleicht kann er dir nützlich sein.«

Der betrachtete die Waffe mit der Scheide aus Elfenbein. »Aber das ist doch deine jambiya. So ein Geschenk könnte ich niemals annehmen …«

Der Franzose warf ihm den Dolch zu, sodass er ihn einfach fangen musste. »Hör auf, ich mag keine langen Abschiede. Du gibst ihn mir zurück, wenn wir uns das nächste Mal sehen.«

Ignazio sah noch einmal prüfend zu Galib, der immer noch schwankte, dann ging er zu seinem Sohn und drückte ihn an sich. Obwohl diese einfache Geste einem aufrichtigen Bedürfnis entsprang, fiel sie ihm schwer. Gefühle zu zeigen kostete ihn jedes Mal Mühe und machte ihn verlegen.

Uberto befreite sich aus der Umarmung. »Vater, lass das, du hast mich zum letzten Mal umarmt, als ich fünfzehn war.«

»Sei vorsichtig, mein Sohn«, ermahnte ihn Ignazio. »Ich würde mir nie verzeihen, wenn dir etwas zustieße.«

»Keine Angst, ich werde schnell und vorsichtig sein. Wir sehen uns in Toulouse wieder. Wahrscheinlich werde ich schon da sein, wenn du kommst. Wenn nicht, warte auf mich oder hinterlasse mir Anweisungen, wo ich dich erreichen kann.«

Der Händler nickte. »Falls etwas passiert, hinterlasse ich eine Nachricht im Gästehaus der Kathedrale.«

»Ich werde daran denken.«

Galibs Stimme klang düster durch den Raum: »Es ist Zeit.«

Nach einem letzten Gruß hängte sich Uberto seine Tasche um und verließ hinter Galib den Raum.

Der alte Mann und Uberto verließen den Turm und umgingen achtsam die Wachtposten, bis sie den Hof erreicht hatten, wo sie sich im Schatten der Bäume leichter vorwärtsbewegen konnten. Galib hatte zunehmend Mühe beim Gehen, und mehr als einmal wollte Uberto ihn stützen, doch da der alte Mann seine Hilfe ablehnte, beschränkte er sich darauf, ihm ohne Zögern zu folgen und dabei auf der Hut zu sein. Innerhalb weniger Stunden hatte er ein paarmal seine Meinung über ihn geändert. Wenn er Gelehrten oder Männern vom Königshof begegnete, fiel es ihm oft nicht leicht, sie einzuordnen. Anfangs hatte er Galib für einen ehrgeizigen Menschen gehalten, der sich den König zu Dank zu verpflichten suchte und wilde Gerüchte verbreitete. Doch dann bei Tisch war er ihm zurückhaltend und nervös erschienen, und schließlich hatte er auch seine Klugheit und die ehrliche Zuneigung für Ignazio schätzen gelernt. Erst jetzt glaubte er, sich eine klare Meinung über ihn gebildet zu haben: Galib war stur und stolz, keineswegs ängstlich, aber umsichtig und vor allem von dem Gedanken beseelt, er handele im Sinne des Allgemeinwohls. Dennoch war Uberto immer noch überzeugt, dass er etwas vor ihm verheimlichte.

Er sah den Schatten seines Führers vor sich über das Gras gleiten, doch die Bewegungen des alten Mannes waren nicht flüssig, sondern er schleppte sich mühsam vorwärts wie ein Kriegsversehrter. Mit dieser Mission wollte er sich bestimmt nicht wichtigmachen oder seine Langeweile als Gelehrter bekämpfen, sondern es schien ihm eine Herzensangelegenheit zu sein, die unter allen Umständen zu Ende gebracht werden musste. Gerade deswegen und weil er in all seiner Schwäche so viel Würde zeigte, hatte Uberto ihm vertraut und entschieden, ihm widerspruchslos zu folgen.

Nach kurzer Zeit erreichten sie einen kleinen Bau, der aus mit Lehm verstrichenen Steinen bestand. Galib lehnte sich an die Eingangstür und sah sich um. »Hier hinein, schnell«, flüsterte er.

Sobald Uberto die Schwelle überschritten hatte, schlug ihm der Geruch von Heu und Pferdemist entgegen. Das Mondlicht, das durch die Mauerritzen hereinfiel, beleuchtete die Wände, an denen verschiedene Gerätschaften für die Stallknechte sowie Zaumzeug für Jagd, Krieg und Paraden hingen.

Galib durchquerte den Raum. »Folge mir.«

Als sie eine Art Vorraum hinter sich gelassen hatten, erreichten sie das Innere des Reitstalls. Zum ersten Mal, seit sie den Turm verlassen hatten, wandte sich Galib Uberto zu und fragte freundlich: »Magst du Pferde?«

»Ja, schon«, antwortete Uberto.

Galib ging auf einen wunderbaren schwarzen Hengst zu, der bereits gesattelt war, und kraulte seine Mähne. Dann überzeugte er sich, dass Zaumzeug und Sattel hinreichend befestigt waren. »Mit diesem Tier wirst du schnell sein wie der Wind.«

Das war ein Rassepferd, nicht etwa eins von diesen turkmenischen Streitrössern, wie man sie nun mehr und mehr nach Spanien brachte, weil sie stark genug waren, Krieger in Rüstung zu tragen. Dieses Tier hier erinnerte eher an arabische Rennpferde, obwohl es kräftiger war und über muskulösere Beine verfügte.

»Das ist ein wunderbarer Hengst«, sagte Uberto ehrfürchtig.

Galib lächelte stolz. »Er heißt Jaloque. Der Name kommt aus dem Arabischen, šaláwq bedeutet ›Meeresbrise‹. Ich habe ihn als Geschenk vom Kalifen Abu l’Ula Idris al-Ma’mun, dem Herrscher über den Maghreb, im Tausch für einige astrologische Schriften erhalten. Die berberischen Bogenschützen reiten Pferde der gleichen Rasse. Jetzt gehört er dir.«

Uberto verneigte sich dankbar und ging zu dem Pferd. Er streichelte seine Nüstern und klopfte liebevoll seinen Hals, dann entdeckte er den Jagdbogen, der hinten am Sattel angebracht war.

»Nur zur Vorsicht«, erklärte Galib und reichte ihm einen Köcher mit Pfeilen an einem Bund. »Du könntest ihn brauchen.«

Uberto nickte. Er befestigte den Köcher an der rechten Flanke des Pferdes, setzte einen Fuß in den Steigbügel und saß gewandt auf. Das Rennpferd tänzelte kurz mit den Hufen, dann neigte es den Kopf und schnaubte.

»Bei dir brauche ich keine Sporen, was, Jaloque?«, flüsterte Uberto dem Pferd ins Ohr und kraulte seine Mähne. »Du siehst aus, als wolltest du gleich lospreschen.«

Galib, wieder ernst geworden, zog aus seinem linken Ärmel ein Pergament und drängte es Uberto förmlich auf. »Diesen Brief wirst du Raymond de Péreille übergeben, sobald du die Festung Montségur erreicht hast. Ich habe ihm geschrieben, er soll dir alles mitteilen, was er über den Grafen von Nigredo weiß, und ich bitte ihn darin auch, dir die Abschrift einer seltenen Schrift über die Alchimie aus seinem Besitz mitzugeben: die ›Turba philosophorum‹. Ich glaube, dass sie sich als sehr nützlich für dich und deinen Vater erweisen könnte, um die Schachzüge eurer Feinde zu verstehen. Keine Sorge, Raymond de Péreille kennt mich schon lange und wird nicht zögern, dir zu helfen.«

»Ich werde tun, was Ihr sagt, Magister.«

»Sehr gut, mein Sohn. Jetzt hör mir zu: Wenn du die Burg verlassen hast, wende dich nicht zum Haupttor der Stadtbefestigung, sondern reite in die entgegengesetzte Richtung. Folge den Mauern, bis du an ein kleines Gittertor kommst. Dort warten zwei Wachen auf dich, die auf mich hören.« Galib reichte ihm eine gut gefüllte Börse. »Gib ihnen das, und sie werden dich passieren lassen.«

Uberto nahm die Geldbörse und verstaute sie im Gürtel nahe bei der jambiya. »Sagt meinem Vater, er soll in Toulouse auf mich warten.« Er trieb das Pferd an und verließ die Stallungen im Trab.

Galib sah ihm hinterher, als ein plötzlicher Schmerz in der Brust ihn zu Boden zwang. »Denk daran!«, rief er, während seine Finger sich um ein Strohbüschel krampften. »Denk an die ›Turba philosophorum‹!«

Uberto, der sich schon ein wenig entfernt hatte, bedeutete ihm, dass er verstanden hatte, aber er drehte sich nicht um.

Der junge Reiter entfernte sich immer mehr und verschwand in der Dunkelheit der Nacht.

Während Galib sich bemühte, in sein Zimmer zu gelangen, spürte er, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Ein geheimnisvolles Gift wütete in seinem Körper. Vielleicht hatte er es während des Abendessens zu sich genommen, in dem Roggenbrei oder in dem Trank aus Johannisbeeren. Vielleicht hatte man es ihm aber auch erst später im Schlaf verabreicht, vor seinem geheimen Treffen mit Uberto. Wie auch immer, dieses verdammte Gift trübte allmählich seine Wahrnehmung.