Die verwitwete Braut - Mignon G. Eberhart - E-Book
Beschreibung

Der mächtige Mann in den Haviland-Stahlwerken war kein Haviland, sondern ein Mr. Brewer, also blieb der Familie nichts weiter übrig, als sich dieses goldene Kuckucksei durch Heirat einzuverleiben. Daphne fiel dieses Ehrenamt zu, doch am Vorabend der Hochzeit raffte der Tod den Bräutigam dahin. Es war ordinärer Mord, und als hätte dieser Schock einen Damm eingerissen, brachen urplötzlich Roheit und Gier aus dem Scheingefüge verwandtschaftlicher Bindungen hervor und entfesselten ein Ringen wie unter Todfeinden. (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)

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Seitenzahl:242


Mignon G. Eberhart

Die verwitwete Braut

Kriminalroman

Aus dem Amerikanischen von Rosa Rudel

FISCHER Digital

Inhalt

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1

Am Tag vor der Hochzeit kam Dennis Haviland zurück.

Niemand hatte ihn erwartet. Amelias Brief, in dem sie in ihrer kritzeligen Handschrift kurz und eher bitter die Hochzeit erwähnte, verstaubte in Buenos Aires in einem Fach für nicht abgeholte Post. Dennis hatte keine Ahnung von der Hochzeit, bis er in New York landete, eine Chicago Tribune kaufte und sie nach einer ganzjährigen Abwesenheit hungrig nach bekannten Namen durchsuchte.

Und er fand eine ganze Menge davon.

Zuerst aber sah er die Fotografie.

Daphne in Schneiderkostüm, Pelzkrawatte und Hut. Sie trug Handschuhe, so daß er den riesigen Saphir an ihrer linken Hand nicht sehen konnte. Ihre Augen blickten kühl und unbeteiligt, und sie schien ihm ganz fremd.

Dennis blieb plötzlich stehen, während sich die Menge an ihm vorbeidrängte.

Nein, die Fotografie sah nicht Daphne ähnlich. Sie war sehr schön auf diesem Bild, sehr selbstbewußt und ein klein bißchen unfreundlich. Es fehlten die Fröhlichkeit in ihren Augen und die Andeutung eines Lächelns in ihren Mundwinkeln. – Wunderbarer Knochenbau, dachte er abwesend, das ist die Familie, obwohl sie ja gar nicht wirklich eine Haviland ist … Großer Gott, das klang genau, als hätte Amelia den Satz ausgesprochen.

Nur ihr Mund sah natürlich aus, das war alles. Er schien so – so entschlossen. Ja, er konnte sich erinnern, wie sie in ihrer Kindheit genau den gleichen Ausdruck um den Mund hatte, wenn sie sich vorgenommen hatte, den beiden Jungen, ihm und Rowley, etwas besonders Mutiges oder Gefährliches nachzumachen. Sie war jünger als die beiden Buben, und sie neckten sie und schickten sie herum, aber sie waren auch stolz auf sie.

Dann las er den Text unter dem Bild.

Es waren nur wenige Zeilen, die besagten, daß Daphne am nächsten Tag heiraten werde. In Miss Amelia Havilands Landsitz in St. Germain. Die Trauung mit Mr. Benjamin Brewer würde in Anwesenheit der Familie und einiger der besten Freunde stattfinden. Rowley Shore war Trauzeuge, und John Haviland würde seine Tochter zum Altar führen. Die übrigen Familienmitglieder waren Mrs. Archie Shore, die Mutter Rowley Haviland Shores, und Miss Amelia Haviland.

Es folgten einige Notizen. Flitterwochen auf den Bermudas, eine Wohnung in einem vornehmen Viertel, einige Angaben über den verstorbenen Rowley Haviland, den Großvater der Braut, und die Tatsache, daß Benjamin Brewer Präsident der Haviland-Brücken-Gesellschaft war.

Dennis nahm das Elf-Uhr-Flugzeug nach Chicago.

Später konnte sich Dennis auf keine Weise an den Flug erinnern. Irgendwann hatte er an die Haviland-Brücken-Gesellschaft gedacht, die sich unter ihm im Nebel befand. Früher ein kleines Geschäft, das einem einzigen Mann gehörte; jetzt ein großes Stahlwerk, dessen Erzeugnisse in die ganze Welt hinausgingen. Überall, in Shanghai, in Rio und in Kapstadt, hatte er den wohlbekannten Namenszug «Die Haviland-Brücken-Gesellschaft» gelesen. Sie hatten zuerst nur Brücken gebaut. Kleine Aufträge, bei denen der alte Rowley Haviland selbst die Arbeit geleitet hatte. Damals war er jung, ein großer Ingenieur und ein großer Opportunist. Und aus den kleinen wurden plötzlich Riesenaufträge. Die Gesellschaft dehnte sich immer mehr aus. 1914 war aus dem Brückenbau-Unternehmen eine Stahlfabrik geworden, und nie wurde Stahl notwendiger gebraucht als in jener kriegsverrückten Zeit. Also produzierte Rowley seinen eigenen Stahl. Er produzierte und verkaufte ihn. Als der Krieg vorüber war, hatte er für sich und seine Familie ein Vermögen gemacht.

Ja, er hatte nicht nur ein privates Vermögen gemacht, sondern er hatte nach langen und sorgfältigen Überlegungen für dessen Fortbestehen gesorgt. Sein ganzes Vermögen war in der Brückengesellschaft investiert, und er hatte es gerecht unter seine Kinder verteilt, mit Ausnahme einiger kleiner Barbeträge. Aber er hatte auch, soweit es ihm überhaupt möglich war, für die Zukunft und Sicherheit der Gesellschaft gesorgt.

Ein Satz aus dem Testament ging Dennis durch den Kopf: «… im Bewußtsein, daß im Falle zukünftiger …» Bedrängnis, war das das Wort gewesen? Wirtschaftlichem Druck? Dennis konnte sich nicht mehr an die genaue Formulierung erinnern, aber der Sinn war klar. Im Falle zukünftiger Bedrängnis war in reichem Maße für die Haviland-Brücken-Gesellschaft und somit für das Haviland-Vermögen gesorgt.

Die Selbstzufriedenheit, die darin lag, war gerechtfertigt.

Es war ein ganz großes Unternehmen.

Aber Dennis schien es ebenso unwirklich wie die Fabrikhallen in der Tiefe, denn Daphnes Bild trat wieder vor ihn, und er konnte an nichts anderes denken.

Viel würde von Daphne abhängen. Dessen war er sich bewußt. Aber er würde Bescheid wissen, wenn er sie sah.

Er kam eine Stunde später in St. Germain an, und da ihn niemand erwartete, ging er in dem kalten Zwielicht durch den Schnee, zwischen den stillen Büschen und Kiefern die Straße entlang, die er so gut kannte. Unten war der Fluß weiß und zugefroren. Wie oft waren sie darauf Schlittschuh gelaufen, Daphne, Rowley und er.

Ja, es würde sehr viel von Daphne abhängen.

Er bog in die gewundene Einfahrt, und als er die ersten Lichter erblickte, die zwischen den Bäumen zu ihm herüberschimmerten, überfielen ihn die ersten Zweifel. Es brauchte schließlich allerhand, um dem vereinigten Widerstand der Havilands entgegenzutreten.

Er blieb stehen und starrte zu den Lichtern hinüber. Er mußte sich noch einiges überlegen, bevor er sein Vorhaben ausführen konnte. Aber ausführen würde er es. Es gab keinen anderen Weg.

Er wandte sich ab und schlug einen kleinen Pfad ein, zwischen Büschen, deren Zweige ihm ins Gesicht schlugen. In diesem Moment glich er erstaunlich dem alten Rowley Haviland – Nase und Kinn vorgestreckt, und die Augen tief und gedankenvoll unter der Stirn. Am Ende des Pfades befand sich ein kleines, altes Gartenhaus. Am Tage war es sehr häßlich mit seinem spitzen Dach und den Fenstern aus farbigem Glas, aber jetzt lag es dunkel da und weckte in Dennis nur zahlreiche Erinnerungen an seine Kindheit.

Die Tür war nicht verschlossen. Es war kalt, dunkel und feucht drinnen, aber es war eine Bank da, und Dennis riß ein Zündholz an, entdeckte einen alten Rohrstuhl und setzte sich.

Er mußte sich alles genau überlegen. Er zündete eine Zigarette an und schlug den Mantelkragen hoch. Er durfte keinen Fehler machen. Es mußte schnell gehen und sicher sein, gut geplant und nicht impulsiv.

Er rauchte die Zigarette zu Ende und zündete sich eine zweite an.

Aber er beging seinen größten Fehler, als er, weil es gegen den Stuhl drückte und dadurch auch ziemlich stark gegen die Rippen, ein kleines, kaltes Stahlding aus der Tasche zog und sitzen blieb, während er es abwesend in der Hand wog.

 

Fast genau sechs Stunden später schlüpfte Daphne Haviland geräuschlos aus dem Haupteingang des Hauses und blieb einen Augenblick auf der Stufe stehen. Es war sehr dunkel und still, und es schneite wieder. Es war kalt, und sie wickelte sich enger in den Pelzmantel, den sie hastig umgeworfen hatte. Sie dachte flüchtig, daß sie sich hätte umziehen sollen; sie hatte nicht bemerkt, daß es wieder schneite und daß es so kalt war. Sie hatte überhaupt an nichts gedacht als an das, was sie tun mußte. Goldschühchen, die dünnsten Strümpfe und eine gelbe Samtschleppe. Wie still es ist, dachte sie plötzlich.

Dennis würde auf sie warten. Hatte wahrscheinlich schon eine gewisse Zeit auf sie gewartet.

Sie horchte und versuchte etwas zu sehen. Aber der Schnee wehte ihr ins Gesicht und hüllte alles ein wie ein dichter Schleier.

Nun, sie kannte den Pfad zum Gartenhaus.

Sie ging die Treppe hinunter, die Kälte durch das dünne Leder der Schuhe spürend. Wo war der Pfad? Nach und nach tauchten die Umrisse der Bäume und Sträucher aus dem Dunkel.

Sie fand den Pfad, eine helle Öffnung zwischen den dunklen Bäumen. Er war manchmal steil, und sie glitt ein- oder zweimal aus. Wieder dachte sie flüchtig an die gelbe Samtschleppe. Es war ein Kleid von Jacques, und es gehörte zu ihrer Aussteuer. Der Schnee würde es für immer ruinieren. Sie fragte sich, ob, wenn einmal diese ganze, erschreckend vollständige Aussteuer aufgebraucht und ihr aus den Augen gekommen, der Schmerz in ihrem Herzen auch verschwunden sein würde.

Nun, das war hysterisch.

Und sie durfte sich nicht gehenlassen, solange sie es noch Dennis zu sagen hatte. Solange sie ihm noch sagen mußte, daß die verrückten Augenblicke in seinen Armen, in der heißen kleinen Bibliothek, nicht zählten. Daß es zu spät war und daß es kein Entrinnen gab.

Sie wünschte, daß Dennis nicht gekommen wäre. Daß die Ereignisse in diesen letzten sechs Stunden nicht stattgefunden hätten. Ihr Herz schmerzte jetzt schon, wenn sie sich daran erinnerte.

Es war schwierig genug gewesen, bevor er zurückgekommen war. Und sie hatte vor der kurzen häßlichen Unterredung mit Ben, nach dem Essen, nicht gewußt, daß sie den Mann haßte, dessen Frau sie werden sollte.

Sie blieb plötzlich stehen und horchte. Es hatte wie eine Bewegung, wie ein Tritt im Schnee geklungen, oder wie jemand, der an den Büschen vorbeigestrichen war. Dennis?

Aber sie hörte nichts mehr, und die Dunkelheit war tief.

Sie war auch verwirrend, und Daphne erreichte das Gartenhaus schneller, als sie erwartet hatte.

Aber Dennis war noch nicht gekommen. Und nachdem sie einen Augenblick gewartet hatte, dachte sie daran, das Gartenhaus zu betreten. Es würde sie vor dem Schnee schützen, und ihr war sehr kalt.

Sie hörte keine Bewegung im Dunkeln, und sie war überzeugt, daß sie Dennis gehört hätte, wenn er in der Nähe gewesen wäre.

Sie tastete nach der Tür und fand zu ihrem Erstaunen, daß sie nur angelehnt war. Sie öffnete sie ganz. Es war feucht und kalt und modrig drinnen und ganz dunkel.

Das Häuschen war vor den Tagen der Elektrizität gebaut worden und hatte noch immer kein Licht. Aber sie kannte es so genau, daß sie sich nicht fremd fühlte, als sie es betrat.

Außer, daß es anfing sehr dunkel und sehr still zu scheinen, während sie auf Dennis wartete.

Aber warum nicht! Und zudem bringt ein heftiger Schneefall ein ganz besonderes Schweigen mit sich, ein Schweigen, in dem geheime Bewegung ist. Dennis würde bald kommen.

Ihr war sehr kalt, und ihre Schuhe waren vom Schnee feucht.

Es hatte keinen Sinn, außer einem gebrochenen Herz auch noch eine Lungenentzündung zu bekommen. Ein gebrochenes Herz – seltsam, wie richtig solch dumme Redensarten sein konnten. Genauso fühlte sie sich – als wäre etwas tief in ihr zerschmettert worden, und das schmerzte sehr. Fürchterlich.

Jemand befand sich im Gartenhaus.

Der Gedanke drang plötzlich und unerwartet in ihren Kopf und blieb dort scharf und deutlich, als hätte ihn jemand ausgesprochen.

Jemand – aber es war niemand da. Es war völlig dunkel und still. Wenn jemand in diesem kleinen Raum auch nur geatmet hätte, sie hätte es hören müssen. Es war niemand da.

Es war niemand da. Es war kalt und dunkel und leer und – und seltsamerweise war eine Rose da.

Sie wies den Gedanken sofort zurück und damit den leisen Duft, der aus dem Dunkel aufzusteigen schien.

Ihre Gedanken kehrten zu dem Nachtessen zurück. Sie selbst in dem schönen gelben Kleid hatte neben Ben gesessen. Sie hatte seine lastende Gegenwart gespürt, seinen besitzergreifenden Blick und einmal, unter der schweren Tischdecke, seine Hand auf der ihren. Und vom anderen Ende des Tisches hatte Dennis’ schmales, dunkles Gesicht über die roten Rosen hinweg zu ihr hinübergesehen.

Diese Rosen. Sie hatte das Gefühl, es sei auch eine hier, in dieser kalten, undurchdringlichen Finsternis.

Es mußte jemand im Gartenhaus sein.

Sie bewegte sich unruhig und fragte zögernd: «Ist jemand hier?»

Niemand antwortete, natürlich. Es konnte niemand da sein.

Aber irgendwo, in der Dunkelheit, war bestimmt eine Rose.

Nun, eine Rose konnte niemanden erschrecken. Aber das Gartenhaus schien plötzlich fremd und gefährlich. Irgendwo im Dunkel verbarg sich etwas. Daphne suchte nach der Tür, als sie Dennis den Pfad entlang kommen hörte.

Sie hörte ihn und sah ihn auch sofort. Eine dunkle, hohe Gestalt in der Nacht, die etwas trug – ja, natürlich, seine Reisetasche. Sein Gesicht wurde sichtbar, und er rief: «Daphne», und betrat das Gartenhaus.

«Dennis, ich –»

«Was gibt es?»

«Es ist jemand da, Dennis.»

«Jemand – Unsinn, Daphne.»

Aber er hatte eine Taschenlampe, und plötzlich schimmerte ein Lichtkreis am gegenüberliegenden Fenster und sprang dann auf den Fußboden.

Sprang auf den Fußboden und zitterte, und Dennis sagte: «Gott!»

Daphne schrie nicht. Sie bewegte sich nicht und sagte keinen Ton. Aber sie wußte, daß Dennis neben dem schwarzen Bündel auf dem Boden kniete.

Dennis wandte sich ihr zu und wollte etwas sagen, aber er tat es nicht, denn plötzlich gab es ein Geräusch draußen, und jemand stand in der Tür, und es war Rowley. Rowley, der im Licht blinzelte, sie anschaute, auf den Fußboden schaute, irgend etwas sagte, das wie «Was tut denn ihr hier?» klang, und plötzlich schwieg, als hätte ihn jemand am Hals gewürgt.

Dann kniete auch er neben der Gestalt, die dünn und grotesk lang aussah in ihrem Abendanzug. Er sagte mit erstickter Stimme: «Es ist Ben», und erhob sich.

«Es – es ist Ben», wiederholte er in das unendliche Schweigen hinein. «Er ist tot, nicht wahr?»

Niemand antwortete. Sie standen und betrachteten das Bündel zu ihren Füßen.

2

Daphne zitterte heftig. Dennis blickte zur Tür hinüber, die Rowley offen gelassen hatte.

«Schließ die Tür, Rowley», sagte er.

Ohne die Blicke von der Leiche zu wenden, streckte Rowley die Hand aus und schloß die Tür. Dann kniete er sich wieder neben das dunkle Bündel. Auf der weißen Hemdbrust war ein roter, fast runder Fleck. Rowley fühlte nach dem Puls.

Dennis richtete das Licht der Taschenlampe plötzlich auf das Gesicht der leblosen Gestalt zu ihren Füßen. Die Augen waren halb geöffnet. Und am Rande des Lichtkreises lag eine große rote Rosenknospe. Eine Rose vom Abendtisch.

Daphne wankte. Dennis bemerkte es und sagte scharf: «Dort drüben steht ein Stuhl, Daphne.» Aber sie konnte sich nicht rühren.

Rowley hatte sich erhoben. Er wischte sich die Knie ab und blickte zu Dennis hinüber.

«Wir können nichts mehr für ihn tun.»

«Ein – Arzt …» Daphne dachte, sie hätte laut gesprochen, aber ihre Worte waren nur ein Flüstern.

«Das hat keinen Sinn mehr», sagte Rowley. «Er ist tot. Warum hast du ihn getötet, Dennis?»

Dennis machte eine Bewegung, als wollte er sprechen. Er blieb jedoch ganz still und blickte unverwandt auf den toten Mann. Sein braunes Gesicht schien jetzt weniger braun. Er war immer noch in Abendkleidung, aber er trug einen Mantel, und er hatte einen Hut gehabt. Er mußte irgendwo im Schatten liegen. Der Hut und – und die Tasche. Rowley würde die Tasche bemerken und Fragen stellen. Daphne war sich des Gedankens nur halb bewußt. Doch es spielte jetzt keine Rolle mehr, denn Ben Brewer war tot.

Erst jetzt begriff sie, was Rowley gesagt hatte. Ben Brewer war tot – und Rowley hatte gefragt: «Warum hast du ihn getötet, Dennis?»

Aber Ben konnte nicht tot sein. Nicht in dieser kurzen Zeit. Nicht Ben, der so stark gewesen war. Sie mußte einen Laut von sich gegeben haben, denn Dennis reichte Rowley die Taschenlampe und legte seinen Arm um Daphne.

«Komm, setz dich. Schau ihn nicht an. Wir bringen dich gleich ins Haus zurück.»

Dennis drückte sie in den Stuhl und deckte sie mit seinem Mantel zu.

«Jetzt sieh ihn nicht mehr an, und denke an nichts mehr.» Er legte seine Hand unter ihr Kinn und hob ihren Kopf so, daß er ihr in die Augen blicken konnte.

«Wir werden es irgendwie in Ordnung bringen. Liebling, du darfst nicht zusammenbrechen.»

«Dennis!»

Er beugte sich über sie und legte beide Arme um sie und seine Wange an die ihre.

«Daphne, Daphne, du mußt mir vertrauen.»

«Mach dir keine Sorgen um sie», sagte Rowley. «Sie hat mehr Mut als wir beide zusammen. Warum hast du ihn umgebracht, Dennis?»

«Er hat es nicht getan», rief Daphne. «Er war – da. Ben – einfach das.» Der erste Schock war vorüber, und Daphne konnte wieder fühlen.

Sie bezwang ihr Zittern. Dennis’ Mantel über ihrem eigenen Pelz war warm. Und sie konnte wieder still sitzen. Aber sie konnte nicht zu Ben hinübersehen. Ben Brewer – er konnte es nicht sein. Sie hätte ihn am nächsten Tag heiraten sollen. Nein, an diesem Tag, denn Mitternacht war schon vorüber.

«Ich habe Ben nicht getötet», sagte Dennis kühl.

Rowley sagte: «Wir sollten ihn wahrscheinlich zudecken – aber es ist nichts da. Ja, er ist tot. Man kann nichts mehr für ihn tun. Aber wenn du ihn nicht getötet hast, Dennis, wer –»

«Ich weiß nicht, wer ihn umgebracht hat», sagte Dennis. «Wir haben ihn so gefunden.» Er war schneller als Rowley, wie immer. Und Daphne merkte am Ton seiner Stimme, daß er zu einem Entschluß gekommen war.

«Mein Gott», sagte Rowley plötzlich, «er sieht furchtbar aus. Es kann nicht – der alte Ben …» Und nach einem tiefen Atemzug: «Wir müssen etwas unternehmen. Was meint ihr, wenn ihr sagt, ihr hättet ihn so gefunden?»

«Gerade das. Daphne und ich haben ihn hier gefunden. Genauso. Bevor du kamst. Wir hatten noch nicht Zeit gehabt, jemanden zu rufen. Wir hatten soeben erst festgestellt, daß er tot war, als wir dich kommen hörten.»

Daphne schaute zu Rowley hinüber und sah die Frage kommen.

«Und warum wart ihr hier?»

Dennis hatte auch gewußt, daß die Frage kommen würde. Was würde er Rowley erzählen?

«Wir hatten die verrückte Idee, zusammen einen Schneespaziergang zu unternehmen. Eine Art von Abschied, weißt du. Eine sentimentale Wanderung. Stimmt’s, Daphne?»

Es war eine Aufforderung. Was tun? Zustimmen natürlich. Sie sagte schnell: «Ja, ja.»

Dennis fuhr fort: «Wir wollten nochmals ins Gartenhaus, den Schauplatz früherer Spiele, weißt du. Wir kamen zur Tür, und sie stand offen. Wir traten ein und» – er schaute jetzt nicht mehr auf das Bündel zu seinen Füßen, aber es war, als starrten alle gebannt darauf – «und da lag er. Einfach so. Ich hatte meine Taschenlampe bei mir. Und er war tot. Ich wollte ihm den Puls fühlen, dann kamst du.»

«Oh», sagte Rowley langsam, die Blicke auf Dennis gerichtet.

«Wir hatten den Schock noch nicht überwunden. Wir waren wie gelähmt. Ich glaube, daß wir noch nicht einmal gesprochen hatten.» Und nach kurzem Schweigen: «Es war niemand hier. Und wir hatten den Schuß nicht gehört. Es muß geschehen sein, bevor wir das Haus verließen.»

Dennis war erleichtert, weil Rowley seine Erklärung offensichtlich geglaubt hatte.

Später fragte sich Daphne, was sie wohl getan hätten, wenn ihnen mehr Zeit geblieben wäre. Mehr Zeit, um zu begreifen, daß Ben Brewer tot war und was dieser Tod für sie bedeutete. Rowley war zu früh erschienen.

«Wo ist die Waffe?» fragte Rowley plötzlich. «Ich nehme an, er ist erschossen worden – kein Messer würde eine solche Wunde hinterlassen.»

«Ich weiß es nicht. Ich sage dir ja, wir haben ihn genauso gefunden.»

«Es liegt nirgends ein Revolver, höchstens unter ihm.»

Dennis sagte tonlos: «Wir sollten wahrscheinlich nachsehen.»

«Ja.» Rowley räusperte sich. «Falls es Selbstmord sein sollte …»

Sie schauten nach, aber sie fanden nichts. Keinen Revolver, kein Messer. Nur die rote Rosenknospe lag immer noch da.

«Er hätte den Revolver durchs Fenster hinaus in den Schnee werfen können», meinte Dennis.

«Mit einer solchen Wunde?»

«Nein, wahrscheinlich nicht. Nun, wir müssen wohl jemanden rufen. Das Haus wecken, den Arzt kommen lassen, die Polizei. Mein Gott, welch eine Bescherung.»

«Aber großer Gott», sagte Rowley plötzlich, «er kann nicht ermordet worden sein. Es kann doch keinen Menschen geben, der ihn ermorden wollte. Ich meine, er … Nun, immerhin, Mord.» Rowley brach plötzlich ab, und das Wort blieb in dem kalten kleinen Gartenhaus hängen. Mord, Mord. Mord an Ben Brewer. Mord, und ein schwarzes Bündel zu ihren Füßen, das vor zwei Stunden, einer Stunde, einigen Augenblicken nur, noch ein Mann gewesen war.

Daphne zitterte. Es war seltsam, wie langsam man die Bedeutung einer so häßlichen Tat begriff. Alles schien verzerrt. Mord – an dem Ort, an dem sie so viele Jahre gespielt hatten.

Sie war plötzlich aufgestanden. Dennis’ Mantel fiel mit einem gedämpften Geräusch auf den Boden. Sie sagte unsicher, von Dennis zu Rowley hinüberblickend: «Es kann nicht Mord sein. Niemand kann ihn umgebracht haben. Niemand. Es muß Selbstmord sein. Es ist niemand hier außer der Familie. Tante Amelia. Deine Mutter, Rowley. Mein Vater. Wir drei. Es ist kein Mord.»

Dennis sagte langsam: «Hör gut zu, Daph. Dies wird auf jeden Fall schlimm sein. Ich meine – mit der Hochzeit morgen. Man wird schrecklich viel darüber schreiben und reden. Sei es nun Mord oder Selbstmord.»

«Großer Gott», sagte Rowley heftig, «es kann nicht Selbstmord sein – wir vergessen …» Wieder stockte er, und sein Blick blieb wie gebannt auf dem Körper haften, der vor ihnen lag.

«Du meinst Bens Selbstmord, am Tag bevor er mich heiraten sollte», sagte Daphne. «Du meinst, es wäre – es wäre …»

Das war auch schrecklich. Unglaublich. Die Zeitungen, Geschichten, Geschwätz, Geflüster, das sie ihr Leben lang verfolgen würde. Selbstmord in der Nacht, bevor er sie hätte heiraten sollen. Die Fragen: Warum hatte er es getan? Warum?

Dennis’ Hand lag auf ihrem Arm. «Mach kein solches Gesicht, Liebling. Wir werden es in Ordnung bringen. Wir –»

«Zum Teufel», sagte Rowley, «ich dachte gar nicht an Daphne. Es ist die Gesellschaft. Das Geschäft. Ach, mein Gott.»

Er warf seine Zigarette, die er eben angezündet hatte, heftig in eine Ecke. «Wir müssen etwas tun. Mord ist schlimm, aber Selbstmord noch schlimmer. Es wird alles verderben. Alle kennen das berühmte Testament. Alle wissen von den Auseinandersetzungen. Die Aktionäre sind ohnehin nervös. Die einen auf seiner Seite, die anderen auf der unsrigen. Oh, du weißt ja, wie es gewesen ist. Oder nein, du weißt es nicht, Dennis, du warst ein ganzes Jahr fort. Aber es war die reinste Hölle. Und wenn er jetzt Selbstmord begangen hat, wird es heißen, das sei wegen des Geschäfts.»

«Das würde immerhin Daphne aus dem Spiel lassen», meinte Dennis.

Rowley gab ihm einen schnellen dunklen Blick.

«Daphne aus dem Spiel lassen, ja – nur wird trotzdem noch genug geschwatzt werden. Aber finanziell wird es uns alle ruinieren. So sicher wie eine Bombe.» Er schaute wieder zu der Leiche hinüber und fügte mit einer Art dünnen Ärgers hinzu: «Ich habe Ben Brewer nie gemocht. Es ist mir auch völlig gleichgültig, was wirklich mit ihm geschehen ist. Johnny meinte immer, er sei gerissen, aber ich selbst habe das nie gefunden. Mutter meinte, er würde uns ohnehin ruinieren, wenn man ihm nur Zeit dazu ließe. Aber was auch immer andere Leute dazu sagen werden, die einzige Erklärung, die den Aktionären einfallen wird, ist: Versagen. Ben war vor allem Geschäftsmann, und das wissen sie. Die Haviland-Brücken-Gesellschaft wird verschwinden wie ein – ein … Überhaupt, es ist Mord», sagte er abschließend. «Keine Waffe.»

«Du ziehst also Mord vor», sagte Dennis, seinen Vetter betrachtend. «Ich nehme an, du weißt, was ein Mord mit sich bringt? Nachforschungen. Die Zeitungen werden voll davon sein. Wir alle werden ohne Gnade ausgequetscht, und die schlimmsten Motive werden jeder Handlung unterschoben werden, die wir zugeben. Und zuletzt wird jemand –»

Rowley unterbrach ihn scharf: «Du meinst, jemand wird seinen Kopf hinhalten müssen.»

«Ich meine, daß, wenn er ermordet wurde, jemand der Mörder sein muß. Das ist nicht ein unbedingt angenehmer Gedanke.»

«Gib mir noch eine Zigarette, Dennis.» Rowleys Gesicht war sehr blaß.

«Aber – wir sollten etwas tun», sagte Daphne. «Wir – es ist sinnlos, daß wir hier herumstehen und darüber reden. Wir können es ja doch nicht ändern. Ich meine, wir können nicht Selbstmord oder Mord oder irgend etwas daraus machen.»

Dennis und Rowley sahen einander mit einem kurzen, verständnisvollen Blick an.

Daphne erkannte den Blick sofort.

«Das könnt ihr nicht», rief sie ängstlich. «Es gibt keine Möglichkeit für euch, es zu ändern, zu verstecken, ungeschehen zu machen. Es ist sinnlos, davon zu sprechen, als wäre es uns möglich. Er ist tot, und er liegt da. Wir müssen etwas unternehmen.»

Ihre Stimme klang hoch und erregt, und Dennis sagte schnell: «Nein, Daphne, du darfst nicht, komm. Ich bringe dich ins Haus zurück, und dann werden Rowley und ich beschließen –»

«Aber da gibt es nichts zu beschließen. Es ist geschehen. Er ist tot. Ihr müßt die Polizei rufen.»

«Ja, ja, das werden wir. Aber du mußt uns etwas Zeit lassen. Es gibt immerhin verschiedene Wege. Ich meine – nun, wir sollten die Familie vorbereiten. Vielleicht finden wir einen Ausweg. Das heißt, einen Weg, der für uns alle nicht so schlimm sein wird. Rowley hat wegen des Geschäfts ganz recht, Daph. Ich habe auch einiges davon gehört, wie es in diesem Jahr seit Großvaters Tod war. Ich weiß, wie ängstlich die Aktionäre gewesen sind, da sie von diesem schlimmen Streit in unserer Mitte wußten. Wir können ja nicht gut das Familienvermögen einfach wegschmeißen. Es ist unsere einzige Einnahmequelle. Die Sache, für deren Aufbau Großvater sein ganzes Leben gearbeitet hat.»

«Könnten wir nicht», flüsterte Rowley, als hätte er Angst vor seiner eigenen Stimme, «könnten wir ihn nicht einfach verschwinden lassen? Schließlich, wenn keine Leiche da ist, gibt es weder Mord noch Selbstmord.»

«Nein, nein!» Daphne schrie erschrocken auf. Aber Dennis und Rowley blickten wieder auf das dunkle Bündel.

Und morgen würde keine Hochzeit stattfinden. Sondern die Polizei würde kommen.

Warum waren Sie im Sommerhaus? würden sie fragen. Oh, um Dennis Haviland zu treffen. Weshalb?

Und zum erstenmal wurde ihr ganz klar, wie gefährlich ihre Lage war. Sie fuhr zusammen, als Dennis langsam, gedankenvoll und leise sagte: «Wir könnten es schaffen.»

3

Und in diesem Augenblick höchster Angst fing auch Daphne an zu überlegen.

Es würde bedeuten, daß Ben Brewer einfach verschwunden war. Es würde Fragen geben, Nachforschungen – sie würden vielleicht erklären, daß er verreist sei und nicht zurückgekehrt. Vielleicht konnten sie irgendeine Erklärung finden.

Dennis war erfinderisch und rasch, Rowley langsam, aber schlau. Sie hatten gemeinsam die verschiedensten Dinge ausgeheckt, und es war immer gut überlegt gewesen. Und sie hatten sie auch immer dazu gebracht, mit ihnen gemeinsame Sache zu machen, ja sogar, sie später gegen die Tanten zu verteidigen. Denn in jenen Tagen hatte sie sich immer gegen die Tanten wehren können, da sie wußte, daß ihr Vater ihr helfen würde. Sie hatten gesagt, er sei allzu nachsichtig mit ihr, allzu gut zu ihr, weil sie ihrer jungen toten Mutter so sehr ähnlich sah. Und Daphne war den beiden Jungen gegenüber immer machtlos gewesen, irgendwie war es ihnen immer gelungen, sie auf ihre Seite hinüberzuziehen. Und das hatten sie auch jetzt wieder im Sinn.

Oh, es war phantastisch, ein böser Traum, unmöglich.

Aber sie würde sich nicht hineinziehen lassen. Nicht nur das, sie würde nicht zulassen, daß sie so etwas taten. Sie würde ganz einfach alles der Polizei melden.

Nein, sie würde sich nicht hineinziehen lassen, und sie würde die beiden an ihrem Vorhaben hindern.

«Ich decke ihn zu», sagte Rowley plötzlich. «Ich kann es nicht ertragen, ihn anzusehen – und an das andere zu denken. Er ist – so verdammt groß. Wo ist dein Mantel, Dennis?»

Er wandte sich dem Sessel zu, in dem Daphne gesessen hatte, aber Dennis kam ihm zuvor. Er nahm den Mantel selbst und machte sich einen Augenblick daran zu schaffen, dann legte er ihn über Ben Brewers Leiche. Es war eine Erleichterung. Eine Falte des Mantels verbarg für einen Augenblick den Schein der Taschenlampe, dann bückte sich Rowley mit einer schnellen, nervösen Geste und zog sie hervor, so daß der Raum wieder halb im Licht und halb im Dunkel lag.

«Wenn niemand dies Licht sieht», sagte Dennis. «Die Fenster müssen durch die Bäume sichtbar sein. Und es hat ja nur Fenster.»

«Es sind längst alle im Bett», sagte Rowley. «Und außerdem schneit es so stark, daß niemand etwas sehen kann.»

«Aber du, Rowley, du hast es gesehen. Oder nicht?»

«Ja, ich – das heißt … Schau mich nicht so an, Dennis.»

«Rowley, warum bist du hergekommen? Was tatest du?»

Es klang gar nicht wie Dennis. Rowley war entsetzlich bleich in dem Halbdunkel. Er blickte ängstlich von Dennis zu Daphne und sagte schnell:

«Ich konnte nicht schlafen. Ich – ich kam zufällig ans Fenster, und dann sah ich das Licht.»

«Du lügst, Rowley. Ich kenne den Klang deiner Stimme, wenn du lügst. Außerdem hattest du nicht genügend Zeit. Du kannst unmöglich das Licht gesehen haben, dich angezogen haben und dann noch durch das Haus herunter gekommen sein –»

«Ich war schon angezogen. Ich sagte ja, ich konnte nicht schlafen, und ich hatte nicht …»

«Du hattest es nicht erst versucht, meinst du?»

«Du darfst nicht so mit mir sprechen, Dennis, ich habe ihn nicht umgebracht.»

«Weißt du, wer es getan hat?»

«Nein. Nein, ich sage dir ja. Guter Gott, Dennis, wenn wir anfangen wollen, uns zu zanken …»

«Warum bist du dann hierhergekommen? Du solltest das lieber erklären, Rowley.»

«Ich kam, weil ich das Licht sah. Ich – ich war schon unten. Ich blickte zufällig hinaus. Ich sah einen Lichtstrahl durch die Bäume und ich wollte nachsehen, was los war.»

Dennis’ braune Hand langte nach der Taschenlampe und löschte sie.

«Du lügst immer noch», sagte er. Seine Stimme war hart und kalt im Dunkel, das sie umfing. «Bist du irgend jemand begegnet?»

«Nein, niemand», sagte Rowley leise. «Mach das Ding wieder an, Dennis. Es ist hier drin schon schlimm genug, ohne … Mach es wieder an, sag’ ich dir. Du kannst die Lampe ja unter etwas legen, aber wir können nicht so im Dunkeln bleiben, mit – mit … Und wir können es nicht wegschaffen, nicht beschließen …»