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Im Wasser spiegelte sich mein Gesicht.
Doch es war nicht meins.
Es war das Gesicht einer fremden Frau.
Ich bin Ellen. Ellen Schneider. Glaube ich. Ich vertraue meinen Erinnerungen nicht. Die Sprachmemos werden mir helfen.
In Waldmoor wollte ich mich vom Studium erholen. Was wird hier gespielt? Sie verhalten sich alle so seltsam. Sie kennen mich. Aber ich weiß nicht, wer sie sind.
Sie sagen, ich sei krank. Bin ich das?
Sie behaupten, ich hätte jemanden umgebracht. Habe ich das?
Erinnerungen kommen.
Ich bin Ellen. Ellen Mahr.
Oder?
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Angela Hüffer
Über das Buch:
Im Wasser spiegelte sich mein Gesicht.
Doch es war nicht meins.
Es war das Gesicht einer fremden Frau.
Ich bin Ellen. Ellen Schneider. Glaube ich. Ich vertraue meinen Erinnerungen nicht. Die Sprachmemos werden mir helfen.
In Waldmoor wollte ich mich erholen. Was wird hier gespielt? Sie verhalten sich alle so seltsam. Sie kennen mich. Aber ich weiß nicht, wer sie sind.
Sie sagen, ich sei krank. Bin ich das?
Sie behaupten, ich hätte jemanden umgebracht. Habe ich das?
Erinnerungen kommen.
Ich bin Ellen. Ellen Mahr.
Oder?
Über die Autorin:
Angela Hüffer, nördlich von Hamburg geboren, erforschte für ihre literaturwissenschaftliche Dissertation die Psyche von Dramenfiguren. Ob das der Grund dafür war, dass sie sich später psychologisch weiterbildete und in einer Beratungspraxis arbeitete, ist unbekannt. Ihrem Interesse an Menschen und an den rätselhaften Seiten des Lebens lässt sie beim Schreiben freien Lauf – zur Zeit im Schwarzwald, der sie vermutlich so lange festhalten wird, bis sie alle unheimlichen Häuser fotografiert hat.
Angela Hüffer
Thriller
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die
Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten
sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
August © 2023 Empire-Verlag
Empire-Verlag OG, Lofer 416, 5090 Lofer
Lektorat: Katrin Gönnewig
Korrektorat: Dr. Daniela Guse
https://www.danibakerbooks.com/lektorat
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur
mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.
Cover: Chris Gilcher
https://buchcoverdesign.de/
Das Dorf Waldmoor sowie alle Charaktere und Begebenheiten in diesem Werk sind fiktional. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.
Die Zitate wurden dem Roman »Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde« von Robert Louis Stevenson entnommen, übersetzt von Grete Rambach, Leipzig, Insel, 1930.
Originalausgabe: »Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde«, Erstdruck London, Longman, 1886.
»Nur einmal machte man mich sprachlos. Es war, als mich jemand fragte: ›Wer bist du?‹«
Khalil Gibran
Warnung
Ellen Schneiders Sprachmemos sind toxisches Material. Schädlich für Identitäten sollte auf diesem Giftstoff stehen, daneben ein Totenkopfsymbol. Wenn Ihnen Ihre Sicherheit etwas wert ist, lesen Sie dieses Buch nicht. Legen Sie es weg, nehmen Sie das nächste. Jetzt. Oder gehören Sie zu denen, die Zweifel und Schrecken inhalieren wie ein belebendes Elixier?
Im Sommer 2022, drei Jahre nach den Ereignissen in Waldmoor, lernte ich Ellen kennen. Ich hatte von ihrem Fall gehört und fragte sie nach den Aufnahmen. Zuerst blockte sie ab. Nach langem Schweigen sah sie mich an. »Du könntest ein Buch daraus machen. Die Leute sollen wissen, was im Seelenmoor auf sie lauert.«
Noch am selben Abend hörte ich mir alles an. In der Nacht lag ich wach, zu erschreckend war der Bericht. Und zu groß die Versuchung, daraus tatsächlich ein Buch zu machen.
Innerhalb weniger Wochen verwandelte ich die Memos in einen Roman. Da viele Aufnahmen fragmentarisch und die Worte oft ängstlich hervorgestoßen sind, brachte ich sie in eine lesbare Form. Das gilt besonders für die Dialoge. Der Inhalt ist unverändert.
Ellens Geschichte verfolgt mich bis heute. Als ich die Memos niederschrieb, unterschätzte ich den Abgrund. In der Transkription eines gesprochenen Tagebuchs sah ich keine Gefahr. Jetzt bereue ich es. An mir haften zu viele Dämonen.
Aber vielleicht sind Sie anders.
Jemand anderes, als Sie denken.
8. Juli
21:53
Ich fürchte mich vor Erinnerungen. Auch vor den guten. Je länger etwas zurückliegt, desto mehr Angst macht es mir. Denn ich könnte mich irren, könnte Geschehenes und Gedachtes verfälschen. Unvermeidlich, dass dies geschieht. Wir alle erinnern uns fehlerhaft. Keinen scheint es zu stören, nur ich ertrage es nicht.
Seit einiger Zeit ist es schlimmer. Seltsame Dinge passieren. Ich will sie nicht verstärken, indem ich sie nenne. Um möglichst nah an der Wahrheit zu bleiben, dokumentiere ich ab sofort meinen Alltag und meine Gedanken. Zeitnah. Was wenige Stunden zurückliegt, riecht noch nicht nach Verwesung.
Ich habe ein Tagebuch gekauft, es liegt unberührt auf dem Tisch. Stift und Papier sind keine Lösung. Ich merke jetzt, dass ich meiner Stimme mehr vertraue als geschriebenen Worten. Also nehme ich alles auf. Ich hoffe, niemand wird es jemals anhören. Trotzdem schildere ich alles so, dass es auch andere verstehen. Man weiß schließlich nie, in welche Lage man gerät.
9. Juli
00:04
[Flüstern]
Auf dem dunklen Balkon gegenüber steht ein Mann. In der Wohnung, Veras Wohnung, brennt kein Licht. Er zündet sich eine Zigarette an, die Flamme erhellt sein Gesicht. Er hat einen Kinnbart und trägt einen Hut. Der Glutpunkt der Zigarette tanzt in der Nacht. Ich gehe zurück in mein Zimmer, weil ich nicht will, dass der Mann mich bemerkt.
Rayk sagt, ich spuke zu viel in der WG herum. Dabei werde ich immer leiser. Ich mache Fortschritte, werde zum professionellen Geist. Nein, Rayk darf nicht klagen. Zu lang ist sein eigenes Sündenregister. Um sechs Uhr morgens Sahne schlagen, einen ganzen Becher fürs Müsli, damit es ihn bis zum Abend satt hält. Im Winter sein Zimmer durchgehend auf fünfundzwanzig Grad heizen. Und das Schlimmste: im Sommer wochenlange Abwesenheit. Ohne ihn bin ich ganz allein.
In sechs Tagen ist es so weit.
04:32
Ich stehe auf, die Nacht ist gelaufen.
07:28
Anscheinend bin ich liegen geblieben. Wie ist das passiert?
09:10
Ich bin etwas durcheinander. Als wäre nur ein Teil von mir wach.
Ich habe Rayk von der Nacht erzählt, davon, dass ich mir sicher war, aufgestanden zu sein.
»Ich kann dir sagen, was passiert ist«, sagte er.
»Ja?«
»Du bist wieder eingeschlafen.«
Typisch. »Oder du bist als eine andere Ellen aufgestanden«, sagte er dann noch.
Ich lachte.
Aber ich bin immer noch beunruhigt.
21:00
So ein verkorkster Abend. Meine Laune ist endgültig hinüber.
Es war ein Fehler, auf die Semesterparty zu gehen. Rayk tanzte sich in Ekstase, ich saß allein mit dem Handy in einer Ecke und suchte mal wieder nach einer Sommerlösung. Die gute Nachricht: Es gibt sogenannten Urlaub gegen Hand, kostenlose Unterkunft für ein paar Stunden Arbeit pro Tag. Die schlechte: Alles ist zu weit weg. Das kann ich mir nicht leisten.
Die ganze Zeit glotzte ein Typ zu mir rüber. Irgendwann löste er sich von seiner Clique, leckte sich Bierschaum von den Lippen und sprach mich an: »Kannst du nicht einmal die Klappe halten?«
Seitdem bin ich auf dem Heimweg. Die Stadt ist keine Verbündete, ihre Straßen und Plätze deprimieren mich. Ich friere in meinem dünnen Shirt.
Da vorne ist endlich das Haus. Ich mag den morschen Charme des Altbaus, die graue und doch markante Fassade. Den feuchten Geruch der Einfahrt.
[Pause, Schritte, Tür kracht ins Schloss]
21:21
Ich weiß nicht, was hier vor sich geht. Es wird immer merkwürdiger. Aber der Reihe nach:
Bei den Briefkästen begegnete mir Vera. Ihr Arbeitstag beginnt spät. Sie wohnt noch nicht lange hier, höchstens ein halbes Jahr. Manchmal kommen wir ins Gespräch. Als ich neulich meine Erinnerungsangst erwähnte, war sie sehr verständnisvoll. Ihr Leben als Nachtschwester ist faszinierend. Sie schenkt ihre Nächte den Kranken und opfert einen Großteil des Tages dem Schlaf. Für mich ist sie eine Nachtkünstlerin. Da sie blass und abgespannt aussah, fragte ich sie, wie es ihr ging.
»Nicht gut.« Sie sah mich bedauernd an, als wäre es meine eigene Antwort gewesen. Ihr offenes Haar wirkte im Licht des Innenhofs fast schwarz, ihre Spiralohrringe glänzten.
»Was ist los?«
Sie schwieg.
»Kann ich etwas für dich tun?«
»Danke, ich lenke mich mit Arbeit ab. Der Job ist das Einzige, das in meinem Leben noch funktioniert.« Sie nahm ein großes Kuvert aus dem Briefkasten. »Und wie geht es dir? Konntest du eine Auszeit nehmen? Die hast du dir doch so gewünscht.«
»Es gibt nichts Bezahlbares.«
»Du wirst etwas finden. Jeder braucht eine Pause. Sogar ich war ein paar Tage weg.«
»Ich suche dauernd im Internet. Aber ich kann mir keine längere Anreise leisten, erst recht keine Unterkunft. Das Geld vom letzten Ferienjob ist aufgebraucht.«
»Nimm doch einen neuen an, nur für ein paar Wochen, mach Urlaub mit dem Geld.«
»Das halte ich nervlich nicht aus.«
»Was ist los?«
»Es ist einfach zu viel. Wenn ich jetzt kellnere oder am Fließband stehe, drehe ich durch. Außerdem stecke ich mitten in einer Semesterarbeit.«
»Worüber?«
»Dr. Jekyll und Mr. Hyde.«
Ihre Augen blitzten. »Cool.«
Sie meinte es ernst, das sah ich ihr an.
Ich fragte, wo sie gewesen war.
»Auf Norderney.«
»Mit deinem Gast?«
Sie zog die Augenbrauen hoch. »Gast?«
»Letzte Nacht war jemand auf deinem Balkon.«
»Ich hatte keinen Besuch.«
»Er hat geraucht.«
»Aber bei mir war seit Wochen niemand.« Sie machte ein erstauntes Gesicht.
»Du wohnst doch im rechten Dachgeschoss? Von meinem Fenster aus gesehen?«
Sie nickte.
»Seltsam. Ich war wohl nicht richtig wach.«
Sie wandte sich dem Hauseingang zu. »Wir ergänzen uns. Ich sehe die meisten Dämonen bei Tag.«
Dämonen.
Ich hätte ihr das Sprachmemo vorspielen können. Aber es geht nicht um Vera, sondern um mich. Und ich weiß genau, nachts war ich hellwach.
22:00
Wie es hier wieder aussieht. Neulich hat Rayk die WG zum LostPlace erklärt. Ich bin kein Fan von Staub und Spinnen, stimme ihm aber zu. Ordnung wird überschätzt. Nichts spricht dagegen, auf dem Weg zum Schreibtisch über einen Korb mit sauberer Wäsche zu steigen. Mehr Bewegung in weniger Zeit. Andererseits wünsche ich mir eine Wäschetruhe, die das Zusammenlegen der Kleidung überflüssig macht. Notfalls lässt sich auch ein Kleiderschrank als Truhe benutzen: Man wirft einfach alles hinein.
Ich sitze an der Semesterarbeit, Spätschicht. Was für ein Albtraum. So habe ich noch nie mit einem Text gerungen. Dauernd drehen die Sätze mir eine Nase, sie lachen mich aus. Ich schiebe es gern auf die altertümliche Sprache, aber das ist es nicht. Das Problem liegt in mir, in meiner Weigerung, mich mit dem Sommer abzufinden. Alle machen Pause, jeder wechselt für eine Weile den Ort. Nur ich bleibe zurück, gefangen im Hamsterrad. Natürlich stimmt das nicht. Vielen Menschen geht es so. Doch was nützt es mir? Es ändert nichts an meinem Frust.
Ich muss mich zur Arbeit zwingen. Neuerdings ist es mühsam, in die Welt der dunklen Geschichten einzutauchen, die mich gefangen hält, seit sie mir als Teenager in der Stadtbücherei begegnet ist. Erst waren es die Cover, dann die Klappentexte, schließlich jedes Wort zwischen den Buchdeckeln. Zu der Zeit kaufte ich mir nur schwarze Kleidung. Aber jetzt schnell zurück in die Gegenwart, bevor mir schwindlig wird.
Ich bin kein Grufti, keine Anhängerin der Schwarzen Szene. Niemals würde ich in einem Sarg schlafen. Ich bin für gepflegte Melancholie und Alleinsein. Langeweile ist mir fremd. Die Worte erhalten mehr Gewicht, die Bücher verraten mir mehr, wenn ich mit ihnen allein bin. Sie haben Geheimnisse, genau wie ich. Aber ich schreibe nicht, dazu fehlt mir der Feinsinn. Eine Schriftstellerin assoziiert, ich analysiere lieber. Ich nehme auseinander, was andere intuitiv zusammengesetzt haben. Eigentlich finde ich das zerstörerisch. Doch die dunklen Bücher begleiten mein Leben, sie bereichern es. Ob das auf Dauer gut für mich ist, bleibt abzuwarten.
Ich konzentriere mich auf den Text.
Und doch hatte die Gestalt kein Gesicht, an dem er sie hätte erkennen können; nicht einmal in seinen Träumen hatte sie ein Gesicht oder doch nur eins, das ihn verwirrte und sich vor seinen Augen in Nebel auflöste. Und da entstand im Bewusstsein des Anwalts und wuchs zusehends ein eigenartig starkes, ja fast ausschweifendes Verlangen, die Gesichtszüge des wirklichen Mr. Hyde zu schauen. Wenn er ihn – so glaubte er – erst einmal mit eigenen Augen sehen könnte, würde sich das Geheimnis lichten oder vielleicht überhaupt in Nichts zerfließen, so wie es mit geheimnisvollen Dingen geschieht, wenn man ihnen auf den Grund geht.
Ich will dazu etwas schreiben – es geht nicht. Meine Gedanken stocken. Mich umklammert etwas Unfassbares. Es ist in meinen Knochen und Adern, in meinem Gehirn. Es ist überall, aber ich kann es nicht benennen.
10. Juli
02:08
Spiele ich überhaupt irgendeine Rolle? Rayk hat nichts zu meiner Flucht von der Party gesagt. Entweder hat er nicht mitbekommen, wie früh ich gegangen bin, oder es ist ihm egal.
Als wir gegen ein Uhr in der Küche standen, bemerkte er als Erster den großen Oleander auf Veras Balkon.
»Vielleicht hat ihn der Balkonmann nach oben getragen«, sagte ich.
»Bitte wer?«
Rayks Atem roch nach Alkohol. Ich trat einen Schritt zurück. »Gestern Nacht war jemand auf dem Balkon. Er trug einen Hut.«
»Ist das nicht ein bisschen irre?«
»Vera behauptet, da sei niemand gewesen.«
»Klingt auch wirklich absurd.«
»Ich habe ihn aber gesehen.«
»Dein Herumspuken weckt Gespenster.«
»Glaubst du mir nicht?«
»Das war ein Witz. Hör auf, an dir zu zweifeln. Was du gesehen hast, war auch da.«
Jetzt schläft Rayk seinen Rausch aus, und ich liege wach. Eigentlich bin ich müde, kann aber noch nicht schlafen. Ich werde mir einen Tee kochen und beobachten, was sich im Vorderhaus tut.
02:13
[Flüstern]
Der Mann sitzt rauchend neben dem Oleander, hinter sich die dunkle Wohnung wie beim ersten Mal. Ich will sein Gesicht erkennen, aber die Glut der Zigarette reicht nicht aus, und die Hutkrempe ist tief in die Stirn gezogen.
Ich nehme den Teefilter aus der Kanne, mit dem unbehaglichen Gefühl, dass der Mann mich sieht – besser als ich ihn. Mit der Tasse gehe ich in mein Zimmer zu Jekyll und Hyde.
»Ich sah Mr. Hyde durch die Tür des alten Sezierraums hineingehen, Poole«, sagte er. »Hat das seine Richtigkeit, wenn Dr. Jekyll nicht da ist?«
»Vollkommen, Mr. Utterson«, erwiderte der Diener. »Mr. Hyde hat den Schlüssel.«
Ich gehe zum Fenster. Auf dem Balkon ist niemand.
11:52
Was ist mit mir los? Keinen Satz habe ich geschrieben. Dabei sind die Bedingungen ideal. Regen, heulender Wind. Ich muss erst am Nachmittag zur Uni. Die Wohnung ist leer. Wo Rayk sich herumtreibt, weiß ich nicht. Beim Laufen kann er nicht sein. Nicht wegen des Wetters, das ist für ihn kein Hindernis. Es sind seine Schuhe. Die Sportschuhe stehen neben seinem Bett, ich habe mich vergewissert. Begegnet bin ich ihm heute gar nicht, ich habe ihn nur gehört. Als ich aufwachte, stand er unter der Dusche und schnaubte unter dem kalten Wasser. Freiwillig, denn es gibt immer warmes Wasser in diesem Haus, und auch die Heizung läuft einwandfrei. Behaglich kuscheln sich die Staubflocken unter den Heizkörpern zusammen, bis einer von uns sie beseitigt. Rayk ist hier seine Hausstauballergie losgeworden. Schocktherapie nennt er es. Dafür habe ich selbst gute Chancen, die Allergie zu übernehmen.
11. Juli
03:04
[Flüstern]
Wo ist der Mann? Wo ist er? Er war doch gerade noch da!
Ich musste draußen nachsehen, es ließ mir keine Ruhe. Als ich am Eingang des Hinterhauses vorbeischlich, hätte ich fast geschrien, denn kurz berührte ich ihn. In völliger Dunkelheit streifte ich seinen Arm, woraufhin er sich lautlos ins Nichts zurückzog. Ohne hörbare Schritte, wie ein Gespenst. Zitternd stand ich da und wollte ein Memo sprechen. Ich war zu aufgeregt. Mindestens eine Viertelstunde lang rührte ich mich nicht. Dann war er verschwunden. Ach, was heißt verschwunden. Ich stehe im Innenhof, der Mann ist nicht hier. Und doch sehe ich ihn überall. Ich höre ihn, sein Atmen, ein Räuspern, heiseres, böses Lachen. Ich rieche ihn. Er hinterlässt eine Wolke von Rauch und billigem Männerparfum. Jederzeit kann er Gestalt annehmen und sein fieses Spiel mit mir spielen. Ich glaube, das ist seine Absicht. Was ist sein Motiv? Wenn er mich verunsichern will, ist es ihm nicht erst heute gelungen. Schon seit einer ganzen Weile schleicht er sich in meinen Geist. Dort wird es immer enger. Bald werde ich innerlich ersticken.
07:19
Tagsüber geht es mir etwas besser, aber ich bezweifle, dass es so bleibt. Auf Dauer verschafft sich die Nacht immer Gehör. Wenn nötig, mit Gewalt. Auch die meisten Verbrechen geschehen bei Nacht.
Die Welt ist bizarr, diese Woche besonders. Auf den Toiletten in der Uni stand ein Typ mit Badehose und erhitzte Wasser in seinem mitgebrachten Kocher. Nein, ich habe mich nicht ins Männer-WC verirrt. Die Tür war offen. Natürlich kann es eine Täuschung gewesen sein, aber auch andere glotzten zu ihm hin.
Was ich vom Balkonmann nicht behaupten kann.
10:53
Mir wird alles zu viel, ich mag nicht mehr.
Meine letzte Vorlesung vor der Sommerpause war eine Zumutung. Als irgendwo im Hörsaal eine Glasflasche klirrend umfiel, keifte die Schmitt: »Ich hoffe, die Flaschen, die hier bald fallen werden, sind nicht nur aus Glas.« Ob sie das auch dachte, als sie mich durch die mündliche Prüfung fallen ließ? »Wenn man Sie länger hätte reden lassen, hätte man gemerkt, dass Sie den Stoff doch nicht so gut beherrschen.« – was für ein Quatsch. Mit voller Absicht hat sie mich damals blamiert. Ich könnte ihr immer noch ins Gesicht springen.
Nach dem Spruch mit den Flaschen war einen Moment lang Stille. Ein Student zog einen mit Zeitungspapier umwickelten Gegenstand aus seiner Tasche, ging damit nach vorne, legte ihn der Schmitt auf das Pult und entfernte das Papier.
Es war ein Totenschädel.
Der ganze Saal hielt den Atem an, auf ein Drama gefasst.
Die Schmitt riss den Schädel an sich und wiegte ihn wie ein Baby im Arm. »Kann mich bitte jemand fotografieren?«, rief sie. Ganz besessen war sie von der Idee – und glücklich, als jemand ihr den Gefallen tat. Den Schädel ließ sie die ganze Stunde nicht los. Sie nahm ihn sogar mit nach Hause.
Wenigstens ist dieses Opfer schon tot. Im Gegensatz zu mir.
14:12
Eigentlich logisch, dass ich keine Kontakte mehr habe, niemanden außer meinem Mitbewohner. Alles, was ich anfasse, misslingt. Und jede Begegnung zieht mich noch weiter runter.
Auch heute bin ich wieder die Dumme, sogar hier in der Bibliothek. Gerade mache ich eine Pause. Ich sitze draußen auf den Stufen des Hintereingangs, wo wenig Leute vorbeikommen.
Als ich heute Vormittag hier ankam, hielt mir ein winziger Greis die Tür zum Lesesaal auf. Ich beeilte mich, um noch hinter ihm her nach drinnen zu schlüpfen. »So bringt man Leute zum Rennen«, sagte er und verzog sich kichernd ins Tischlabyrinth. So ein Idiot.
Vorhin blätterte ich andächtig in einer alten Ausgabe von Jekyll und Hyde. Ich spürte das Gewicht und die raue Struktur des Einbands und schlug das Buch an einer beliebigen Stelle auf.
»Dieser Spiegel mag seltsame Dinge gesehen haben, gnädiger Herr«, flüsterte Poole.
»Gewiss! Und es ist sehr seltsam, dass er überhaupt hier ist«, erwiderte der Anwalt im selben Tonfall, »denn was hat Jekyll« – als er den Namen aussprach, gab es ihm einen Ruck, aber er überwand seine Schwäche – »wozu mag Jekyll ihn gebraucht haben?«
»Ja, das ist die Frage«, sagte Poole.
In der Bibliothek komme ich mit meiner Arbeit besser voran als in der WG. Am liebsten würde ich mich über Nacht hier einschließen lassen. Auf Dauer bräuchte ich so kein Zimmer und könnte das ganze Geld für Urlaub ausgeben.
Tagträume sind erlaubt. Oder? Vielleicht schaden sie mir. Meine Selbstwahrnehmung ist schon unsicher genug. Ich sollte mich auf die Realität konzentrieren.
15:53
Seit ich aus der Bibliothek zurück bin, grüble ich. Nicht über die Semesterarbeit, nicht über den Balkonmann. Es geht um eine Entscheidung. Aber ich fange mal da an, wo ich vorhin aufgehört habe.
Fast alle Plätze im Lesesaal waren belegt. Überall nüchternes Licht, reihenweise konzentrierte Mienen. Ich kannte niemanden, nicht wirklich. Ein paar Leute aus meinem Studiengang, ein paar aus anderen Instituten. Niemand, mit dem ich näher zu tun hatte. Ich fühlte mich völlig fremd. Ein Alien. Es war noch stärker als sonst.
Nachdem ich mich lange genug gequält hatte, gab ich die Bücher zurück, holte meine Sachen aus dem Schließfach und verließ die Bibliothek.
Zu Hause fand ich im Briefkasten den Flyer einer Landkommune. Ich wollte ihn wie jede Werbung in die Papiertonne werfen, nahm ihn dann aber mit.
[Papierrascheln]
Sommergast in der Villa Waldmoor
Für einige Wochen im Juli/August suchen wir gegen Kost und Unterkunft Mithilfe in unserer Kommune (50 km nördlich von Hamburg).
Details telefonisch.
In der linken oberen Ecke ist eine Art Logo, ein gekritzeltes Gesicht mit winzigen Augen und großem Mund, wie ein verzerrter Smiley ohne Lächeln. Vielleicht ist es aber auch etwas anderes. Gesichter sehe ich in vielen Dingen.
Mithilfe. Warum beschreiben sie es nicht genauer? »Es kann alles Mögliche sein, bis hin zur Sklaverei«, meinte Rayk. Er übertreibt mal wieder.
Soll ich anrufen? Den Versuch wäre es wert. Aber ich habe Angst, Fehler zu machen. Etwas zu sagen, das sie abschreckt. Enttäuscht zu sein, wenn der Platz vergeben ist oder ich nicht den Anforderungen entspreche. Ich weiß nichts über diese Leute, nichts über Waldmoor. Wie soll ich da eine Entscheidung treffen?
17:04
Ich schlage mich weiter mit der Semesterarbeit herum. Rayk telefoniert seit einer halben Stunde. Ab und zu wird er laut. »Ihr könnt mich nicht zwingen«, rief er vorhin. Keine Ahnung, was los ist. Noch vor Kurzem hätte es mich interessiert. Aber mein Kopf ist voller anderer Dinge. Ich beobachte mich, zweifle bei jeder Gelegenheit an mir. Was ist, wenn mit mir etwas nicht stimmt? Zuerst hatte ich diese Angst nur nachts, wenn ich den Balkonmann sah. Jetzt werden auch die Tage brüchig, nichts gibt mir noch Halt.
Um mich besser konzentrieren zu können, benutze ich Ohrstöpsel. Normalerweise funktioniert das. Diesmal nicht. Die Störquellen verlagern sich nach innen, sie wechseln den Kanal. Statt Rayks Stimme höre ich meine Gedanken. Sie schreien.
22:07
Ich grüble weiter über den Flyer, es lenkt mich zusätzlich ab. Als hätte ich nicht schon genug mentalen Ballast.
Über die Villa Waldmoor habe ich im Internet wenig gefunden. Bis vor fünfzehn Jahren war dort eine psychiatrische Privatklinik untergebracht, ein kleines, aber exklusives Sanatorium. Der Klinikleiter Ben Gorden hat sich mit Anfang vierzig zurückgezogen. Über die Gründe und die Zeit danach gibt es keine Informationen. Ich wüsste aber gerne mehr darüber.
12. Juli
10:20
Es ist eine schlechte Idee. Je länger ich darüber nachdenke, desto skeptischer werde ich. Völlig absurd. Ich und Gartenarbeit. Klar, ich bin reif für die Pampa. Aber würde ich mich nicht blamieren?
19:55
Jetzt auch noch Rayk. Nicht mal auf ihn kann ich mich noch verlassen. Geht das nun immer so weiter? Ich habe eigentlich keine Lust, davon zu berichten. Aber ich ziehe das jetzt durch.
Gegen 18 Uhr kam ich nach Hause.
»Hallo, ich habe Essen mitgebracht«, rief ich in den Flur.
Alles blieb still.
»Rayk?«
Keine Reaktion.
Ich trug die Papiertüte in die Küche, räumte die Einkäufe aus, nahm den Bordeaux aus dem Regal und entkorkte die Flasche.
Lauschte.
Nichts.
Ich nahm zwei Gläser aus dem Schrank und deckte den Tisch. Dabei machte ich absichtlich mehr Lärm als nötig. Bei Rayk anklopfen wollte ich nicht, ich durfte ihn nicht verstimmen. Aber irgendwann musste er sich blicken lassen.
Alles stand bereit, auch den Wein hatte ich in die Gläser gegossen. Ich sah auf die Uhr. Zwanzig nach sieben.
Ich ging durch den Flur zu Rayks Tür und pochte gegen das Amnesty-Plakat.
Nichts.
Kurz überlegte ich, dann drückte ich vorsichtig die Klinke. Vielleicht schlief er.
Es war abgeschlossen.
Unsere Zimmertüren bleiben immer unverschlossen.
Ich ignorierte meine Beklemmung. Gerade war ich noch hungrig gewesen, nun hatte ich keinen Appetit mehr. Ich ging in die Küche und trank mit schnellen Zügen ein ganzes Glas Wein, ein Glas Wasser hinterher, setzte mich an den Tisch und wartete.
Jetzt habe ich allein gegessen und alles andere im Kühlschrank verstaut, wobei ich nicht besonders sorgfältig war. Rayk wird meckern, aber das ist mir egal. Er verdient es nicht anders. Kann er nicht wenigstens einen Zettel hinlegen, damit ich weiß, was los ist?
22:58
Der ganze Abend ist im Eimer. Jetzt bin ich nicht nur auf Rayk wütend, sondern auch auf mich selbst.
Nach dem Essen ging es mir etwas besser. Ich zog meinen Schlafanzug an und legte mich mit einem Buch ins Bett. Dabei rauchte ich eine Zigarette. Das mache ich selten, aber manchmal komme ich mir dabei so schön verwegen vor. Jeder echte Raucher würde darüber lachen. Auch Professor Berger, bei dem ich zur Gelegenheitsraucherin wurde. Er ist schwer nikotinsüchtig, raucht immer und überall, verbotenerweise auch im Hörsaal. Den Studenten untersagt er, es ihm nachzumachen. Er nennt es »den einzigen autoritären Akt, den ich mir je erlaubt habe«.
Gegen zweiundzwanzig Uhr wurde ich müde, löschte aber noch nicht das Licht. Was, wenn Rayk an diesem Tag nicht mehr zurückkam? Oder wenn er krank war, womöglich ohnmächtig?
Ich stand auf und schlich zu seiner Tür, obwohl es keinen vernünftigen Grund zum Schleichen gab. Ich hielt mein Ohr an das Holz. Zu hören waren nur entfernte Schritte, die an der Vorderseite des Hauses durch die Straße hallten.
Es dauerte eine Weile, bis ich mich traute, durch das Schlüsselloch zu spähen. Im Schloss steckte kein Schlüssel, durch das Loch sah ich bis zum Fenster. Bis zur grellen Straßenlaterne, über die Rayk manchmal schimpft. Der Sichtkorridor bis zum Fenster war leer, auch das Bett, und wie erwartet brannte im Zimmer kein Licht. Sollte er da sein, musste ihm wohl tatsächlich etwas zugestoßen sein.
Erneut drückte ich die Klinke, diesmal fester, als könnte das die Tür öffnen. Mir kam ein Gedanke. Ich ging zu meinem Zimmer zurück, holte meinen eigenen Schlüssel, und – er passte. Langsam drehte ich ihn herum, die Tür öffnete sich.
Rayk war nicht da. Auf seinem Schreibtisch stapelten sich unzählige Bücher.
Noch blieb ich auf der Schwelle stehen. Aufmerksam betrachtete ich alles – die Möbel, die Poster an den Wänden, die Vorhänge, die Kleiderstange, an der weniger Sachen hingen, als auf dem Boden verstreut waren. Das Zimmer übte einen sonderbaren Reiz auf mich aus. Als gäbe es in Abwesenheit seines Bewohners einen verborgenen Teil von ihm preis.
Ich durchquerte den Raum bis zum Schreibtisch. Die Bücherstapel enthielten fast ausschließlich psychiatrische Fachliteratur, außerdem eine Broschüre Halluzinationen – Leitfaden für Betroffene und Angehörige.
Hat es etwas mit mir zu tun?
Nein. Lernstoff. Seit Monaten büffelt er für sein Medizinstudium.
Und wenn doch?
Ich schloss das Zimmer wieder ab und steckte den Schlüssel zurück an die Innenseite meines Türschlosses.
Sekunden später ging die Wohnungstür auf.
Rayks Augen glänzten im dunklen Flur. »Was ist los?« Anscheinend sah er mir die Beunruhigung an.
»Ich habe mir Sorgen gemacht.«
»Warum? Du weißt doch, die Feier bei Kati.«
»Nein. Du hast nichts gesagt.«
»Doch, heute Morgen.«
Bin ich schon so gestresst, dass ich es überhört habe?
Ich wollte ihm vom verpassten Abendessen erzählen, wollte wissen, wie es ihm geht und ob er mir hilft, die Sache mit dem Balkonmann zu klären. Aber er zog den Schlüssel hervor, schloss gähnend seine Zimmertür auf und sagte: »Schlaf gut.«
So viel zu meinem Sozialleben. Das wird bestimmt eine tolle Nacht.
13. Juli
20:39
Was für ein sinnloser Tag. Mit der Arbeit bin ich keinen Schritt weitergekommen, mein Hirn ist wie blockiert. Jedes Mal, wenn ich mich hinsetze und weitermachen will, denke ich an den Balkonmann. Es ist zum Schreien. So kann es nicht weitergehen.
Vor lauter Frust habe ich in Waldmoor angerufen. Fragen kostet nichts. Ein gewisser Henrik meldete sich. Er war ziemlich wortkarg. Als ich wissen wollte, wie viele Flyer sie in der Stadt verteilt haben, sagte er nur: »Keine Ahnung.«
»Welcher Ort ist in der Nähe?«, fragte ich.
»Es gibt keine Nähe.«
»Was?«
»Villa Waldmoor liegt ganz für sich.«
»Aber irgendwohin müsst ihr doch fahren, wenn ihr etwas braucht.«
»Nein.«
»Und wo steigt man aus dem Zug?«
»Ach, das meinst du.«
Er gab mir ein paar knappe Informationen.
