Verlag: GRAFIT Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

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E-Book-Beschreibung Die Voliere - Marc-Oliver Bischoff

Der zweite Roman des 'Friedrich-Glauser-Preisträgers' - Noch packender, noch mitreißender! - Heinz Rosen (43), wegen Entführung mit Todesfolge seit 1986 in Haft, seit 2002 Sicherungsverwahrung - Wolfgang 'Wolf' Tibursky (39), wegen Vergewaltigung mit Todesfolge seit 1991 in Haft, seit 2006 'Sicherungsverwahrung - Adam Lefeber (47), wegen Folter mit Todesfolge seit 1992 in Haft, seit 2007 Sicherungsverwahrung Drei Biografien, deren Fortgang mit dem Urteil 'lebenslängliche Sicherungsverwahrung' voraussehbar schien. Doch der EuGH hat die Rechtmäßigkeit eines solchen Urteils infrage gestellt und nun soll Psychologin Nora Winter begutachten, ob diese drei Männer therapierbar und freizulassen sind. Was Nora nicht weiß: Ihre Einschätzung zählt nicht, ihre Beauftragung war eine Farce, und alle drei werden entlassen. Aber wer will solche Männer in der Nachbarschaft haben? Tierarzt Bruno Albrecht, der die drei aus der Haft kennt, stellt schließlich ein abgelegenes Gehöft als Unterkunft zur Verfügung. Nora kommt dieses Engagement merkwürdig vor. Daher bittet sie den Journalisten Martin Kanther, Albrecht zu durchleuchten. Die Situation eskaliert ...

Meinungen über das E-Book Die Voliere - Marc-Oliver Bischoff

E-Book-Leseprobe Die Voliere - Marc-Oliver Bischoff

Marc-Oliver Bischoff

Die Voliere

Thriller

Handlung und handelnde Personen sind – wenngleich von der Wirklichkeit inspiriert – frei erfunden.      

Zitate aus: Konstantin Kavafis, Die Stadt. In: ders., Das Gesamtwerk. Aus dem Griechischen übersetzt und herausgegeben von Robert Elsie. © by Ammann Verlag, Zürich 1997. Alle Rechte vorbehalten S.Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main. Max Frisch, Andorra. Stück in zwölf Bildern. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1961. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin. Wir bedanken uns für die freundliche Genehmigung.   © 2013 by GRAFIT Verlag GmbH Chemnitzer Str. 31, 44139 Dortmund Internet: http://www.grafit.de E-Mail: info@grafit.de Alle Rechte vorbehalten. Umschlagfoto: lelajs / photocase.com eBook-Produktion: CPI – Clausen & Bosse, Leck ISBN 978-3-89425-887-0

Marc-Oliver Bischoffwurde 1967 in Lemgo geboren und wuchs in einem kleinen Dorf am Stadtrand von München auf. Nach dem wirtschaftswissenschaftlichen Studium verschlug es ihn unter anderem nach Frankfurt, der Stadt, der er sich bis heute am meisten verbunden fühlt.

Zu schreiben begann er in Form eines Laufblogs, aus dem das Buch Lauf, du Sau wurde. Sein erster Kriminalroman Tödliche Fortsetzung wurde mit dem ›Friedrich-Glauser-Preis‹ in der Sparte ›Debüt‹ ausgezeichnet.

Marc-Oliver Bischoff lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Ludwigsburg bei Stuttgart und arbeitet als Technologieberater.

I

Gegen die Unverbesserlichen muss die Gesellschaft

sich schützen; und da wir köpfen und hängen nicht wollen

und deportieren nicht können,

so bleibt nur die Einsperrung auf Lebenszeit.

Aus Strafrechtliche Aufsätze und Vorträge von Dr.

1992

Angelika Alba stand am Küchenfenster und zog die Gardine mit dem Rosenmuster einen Spalt weit auf. Gerade so weit, dass sie ihren Nachbarn Adam Lefeber beobachten konnte, ohne ihrerseits gesehen zu werden.

Obwohl Lefeber alleinstehend war, bewohnte er ein Reiheneckhaus mit gelbem Anstrich und weißen Fensterläden an der Renoirallee im Frankfurter Stadtteil Riedberg. An der Nordseite rankte sich allen Widrigkeiten des Wetters zum Trotz eine Klematis empor, im Vorgarten leuchteten die Blüten eines sauber gestutzten Rosenstrauchs der Sorte Queen Elisabeth, eingefasst von gelbem und weißem Phlox. Abgesehen von der späten Blütenpracht glich das Haus dem der Nachbarn wie ein Ei dem anderen.

Lefeber sperrte die drei Schlösser jeweils doppelt ab, rüttelte probeweise an der Eingangstür und ließ den Schlüssel in seine Aktentasche gleiten.

»Er hat die Tür abgeschlossen«, flüsterte Angelika Alba.

Lefeber strich mit der Hand über ein Fenster, prüfte und nickte bestätigend, um sich dann dem nächsten zuzuwenden. Schließlich verschwand er aus Albas Blickfeld.

»Er ist in den Garten gegangen«, wisperte sie.

Lefeber tauchte wieder vor dem Haus auf und ging auf sein Fahrrad zu. Er klemmte die Aktentasche auf den Gepäckträger und schob das Rad auf den Gehweg. Selbst das Gartentor sperrte er hinter sich ab, obwohl es für jeden Schuljungen ein Leichtes gewesen wäre, darüberzuklettern. Dann stieg er auf und fuhr los, vorbei an Familienkutschen und Coupés mit Ledersitzen.

Angelika Alba hörte das Rascheln, als die Reifen von Lefebers Fahrrad vor ihrem Haus über das Laub rollten. Einen Moment blendete sie die Herbstsonne, die hinter dem nahen Kindergarten hervorblitzte, und als sie das nächste Mal auf die Straße sah, begegnete sie Lefebers Blick.

Er winkte ihr zu.

Angelika Albas Herz drohte auszusetzen – nun hatte er sie doch entdeckt. Mechanisch winkte sie zurück. Dann verschwand Lefeber aus ihrem Sichtfeld. Sie atmete auf.

Einen Augenblick später ging die Türklingel.

Alba drehte sich um. Im Wohnzimmer, das an die Küche grenzte, standen fünf Männer, vier von ihnen verbargen die Gesichter unter Sturmhauben. Sie trugen schusssichere Westen, Waffen und grobe Stiefel, die ihren schönen Teppich ruinierten.

Der junge Polizist mit dem Namen Hartmann, der einzige in Zivil, nickte beruhigend. »Keine Panik«, sagte er.

»Soll ich hingehen?« Albas Stimme zitterte. Sie betete, dieser Kelch möge an ihr vorübergehen.

»Hat er Sie gesehen?«

Alba nickte.

»Dann ja.«

»Was soll ich sagen?«

Hartmann lächelte. »Fragen Sie ihn einfach, was er will.«

Angelika Alba wischte sich die schweißnassen Hände an der Schürze ab, strich sich über die Haare und ging zur Tür. Die Männer zogen sich noch ein wenig tiefer in die Schatten des Wohnzimmers zurück.

Sie atmete tief durch. Dann öffnete sie die Tür.

Lefeber stand direkt vor ihr auf dem Treppenabsatz. Er lächelte, Grübchen in den Wangen seines jungenhaften Gesichts. »Guten Morgen, Frau Alba.«

»Guten Morgen, Herr Lefeber. Spät dran heute?«, sagte sie, um eine normale Reaktion bemüht. Ganz bestimmt merkte er, dass ihre Stimme spröde klang.

»Ich habe erst in der zweiten Stunde Unterricht.« Lefeber rümpfte die Nase, als habe er etwas gerochen. Er versuchte, an Alba vorbei in den Flur zu spähen, doch sie zog die Tür ein paar Zentimeter weiter zu.

»Alles in Ordnung, Frau Nachbarin?«

»Alles bestens, Herr Lefeber.« Sie umklammerte den Türgriff, bis ihre Hand schmerzte. »Kann ich etwas für Sie tun?«

»Ich wollte Sie bitten, ein Paket für mich entgegenzunehmen, das heute Vormittag ankommt.«

Erleichtert lockerte Alba den Griff, ihre Hand prickelte.

»Gerne, Herr Lefeber.«

»Ich müsste nur schnell einen Zettel schreiben und an die Tür kleben.« Lefeber stutzte. »Geht es Ihnen wirklich gut? Sie sehen ein bisschen blass aus.«

»Es geht mir bestens, Herr Lefeber.«

Ihr war sterbenselend.

»Darf ich auf einen Sprung hereinkommen und die Nachricht schreiben?«

»Nein.«

Lefeber lachte erstaunt auf.

Ein Ruck ging durch Angelika Alba. Herrgott, jetzt reiß dich zusammen! Wenn du so weitermachst, geht er dir gleich hier auf der Schwelle an die Gurgel.

»Tut mir leid, Herr Lefeber, ich … bin gerade erst aufgestanden und noch nicht richtig wach. Warten Sie einen Augenblick, ich hole Stift, Papier und Tesa.« Alba kämpfte einen Moment lang gegen das dringende Bedürfnis, dem Nachbarn die Tür vor der Nase zuzuknallen. Doch das wäre nicht nur äußerst unhöflich, sondern auch fatal gewesen. Daher machte sie auf dem Absatz kehrt und suchte die benötigten Utensilien zusammen.

Als sie zurückkehrte, wischte Lefeber gerade mit einem Taschentuch den Türgriff ab.

»Da war Vogelkot«, erklärte er ungefragt.

Alba reichte ihm das Gewünschte.

Während Lefeber mit krakeliger Schrift die Nachricht verfasste, murmelte er den Text leise vor sich hin. Alba stand daneben, die Lippen zusammengepresst.

Mit einem Lächeln gab er ihr Stift und Tesafilm zurück. »Vielen Dank, Frau Alba.« Doch er machte nicht die geringsten Anstalten, zu gehen. »Ist Ihr Mann wieder mal auf Geschäftsreise?«

In Angelika Albas überbordender Fantasie beugte sich Lefeber mit einer im Mondlicht blitzenden Axt über ihr Bett, während ihr Mann in Paris seelenruhig ein Entrecote verzehrte. Medium rare.

»Nein«, log sie. »Er kommt heute sogar etwas früher nach Hause.«

Ein Scheppern drang aus dem Wohnzimmer. Lefeber spähte erneut über ihre Schulter und als er im Halbdunkel nichts entdeckte, betrachtete er forschend ihr Gesicht. In seinen Augen flackerte Unruhe auf – oder Schlimmeres.

»Die Katze hat wohl etwas umgestoßen«, erklärte sie mit tonloser Stimme. Bitte verschwinde endlich, sonst werde ich auf der Stelle ohnmächtig!

Zwei Glockenschläge wehten von der Kirche auf dem Riedberg herüber.

Lefeber warf einen erschrockenen Blick auf seine Armbanduhr und eilte, einen Gruß über die Schulter rufend, die Stufen hinunter. Nachdem er die Nachricht an seiner Haustür befestigt hatte, schwang er sich auf sein Fahrrad und verschwand winkend um die Ecke.

Albas Knie gaben nach.

»Das haben Sie gut gemacht«, tönte eine Stimme aus dem Gang hinter ihr. Ein Knistern aus dem Funkgerät.

Dann sagte jemand: »Zugriff.«

*

Das Lehrerzimmer des Rose-Schlösinger-Gymnasiums im Frankfurter Nordend war ein heller Raum mit gelben Vorhängen, in Gruppen angeordneten Holztischen und einer imposanten Bücherwand an der Nordseite. Durch die große Glasscheibe fiel weiches Morgenlicht in den Raum. Es verlieh den ausgestellten Porträtstudien der Schüler, die Adam Lefebers Kunst-AG besuchten, etwas Entrücktes: Anlässlich eines Besuches im Archäologischen Museum hatten sie Bleistiftzeichnungen von einer römischen Statue angefertigt; ein versonnener Narcissus lehnte sich, die rechte Hand in die Hüfte gestemmt, auf eine Steinsäule. Wenn man von dem zerstörten Phallus absah, zeigten die Zeichnungen eine perfekt erhalte Plastik. In der Reihe der Arbeiten klaffte eine Lücke, ein aufmerksamer Beobachter hätte noch die Befestigungslöcher in der Wand bemerkt. Zwei Bilder waren abgenommen worden.

Die Tür ging auf und Ina Franke sah, wie Adam Lefeber den Raum betrat. Er begrüßte die kleine Runde mit einem kurzen Hallo – die meisten Kollegen befanden sich bereits in ihren Klassen, wo der Unterricht begonnen hatte – und öffnete einen der beiden Kühlschränke neben der Tür, um ein mitgebrachtes Pausenbrot zu verstauen.

Ina wurde eiskalt, ihr Herz klopfte zum Zerspringen.

Lefeber hätte nicht hier sein dürfen. Die Polizei hatte es versprochen!

Sie spürte das dringende Bedürfnis, ihre Hände zu bewegen und sich beispielsweise durch die rote Lockenmähne zu fahren, doch sie saß völlig paralysiert auf ihrem Platz und starrte Lefebers Rücken an, der die Sicht auf das Innere des Kühlschranks versperrte. Ihr Mund war trocken, das Schlucken fiel ihr schwer.

Plötzlich vibrierte ihr Handy in der Tasche. Von dem Metallgehäuse ging eine unheimliche Kälte aus. Ihre Hand zitterte, als sie das Gespräch annahm und das Handy ans Ohr hielt.

»Frau Franke?«

»Ja?«

»Hier ist Abel von der Frankfurter Polizei.«

»Ja?«

Lefeber drehte sich um und sah ihr direkt in die Augen. Er weiß, mit wem ich telefoniere.

Ina erwiderte den Blick des Kollegen einen Moment, dann drehte sie sich zur Seite.

»Es gab eine kleine Planänderung. Wir fangen Lefeber nun doch vor der Schule ab.« Abel sprach schnell, als hätte er sich die Sätze zurechtgelegt. »Ich glaube zwar nicht, dass Sie ihm nochmals begegnen, aber für alle Fälle möchte ich Sie vorwarnen.«

Als Ina wieder einen Blick zum Kühlschrank wagte, hatte Lefeber sich keinen Millimeter bewegt. Noch immer sah er sie an.

Am anderen Ende der Leitung herrschte Stille, sie konnte die Irritation des Polizisten beinahe fühlen. Als er wieder das Wort ergriff, klang seine Stimme ein paar Nuancen tiefer. »Frau Franke, antworten Sie nur mit ›Ja‹ oder ›Nein‹.«

Als ob sie zu etwas anderem imstande wäre.

»Ist Lefeber schon eingetroffen?«

»Ja.«

Erneutes Getuschel am anderen Ende der Leitung. »Hören Sie: Zwei Dinge sind wichtig. Erstens: Er darf keinen Verdacht schöpfen. Zweitens: Er soll auf keinen Fall den Klassenraum betreten.«

»Ja.«

»Wo befinden Sie sich im Moment, Frau Franke?«

»Nein.«

»Entschuldigen Sie. Sind Sie im Schulgebäude?«

»Ja.«

»Versuchen Sie, ihn irgendwie ins Freie zu bekommen, auf den Schulhof. Trauen Sie sich das zu?«

»Nein.«

Gedämpfte Diskussionen am anderen Ende der Leitung. Endlich Abels Stimme. »Gut, bleiben Sie einfach, wo Sie sind, und lassen Sie sich nichts anmerken. Wir sind in ein paar Minuten da.« Die Verbindung brach ab.

Genauso abrupt wandte auch Adam sich von ihr ab und kramte in irgendeiner Plastiktüte herum.

In dieser Situation war Ina froh darum, dass er demonstrativ nicht das Wort an sie richtete. Seit sie sich vor drei Monaten von ihm getrennt hatte, sprach er nur noch das Nötigste mit ihr. Wäre sie die Abservierte gewesen, hätte sie ebenso gekränkt reagiert.

Nun erhob sie sich und trat einen Schritt auf Lefeber zu. Woher sie den Mut für die nun folgenden Worte aufbrachte, würde sie auch Jahre später nicht erklären können.

»Adam, hast du einen Moment Zeit?«

Sein Blick tastete sie ab. Ein trotziger, verbitterter Ausdruck verdrängte den sonst üblichen jungenhaften Ausdruck von seinem Gesicht. Nur das schillernde Grün seiner Augen übte auf Ina noch immer eine unerklärliche Faszination aus.

»Ich dachte, zwischen uns ist alles geklärt?«, sagte er lauter als nötig.

Ina Franke meinte zu spüren, wie die Kollegen den Blick hoben und sie beobachteten.

»Können wir reden? Draußen?«

Lefeber sah demonstrativ auf die Uhr. »Tut mir leid, meine Stunde geht gleich los.« Er schlug die Kühlschranktür zu und hob seine Tasche vom Boden auf.

Panik stieg in Ina auf, sie durfte Lefeber um keinen Preis gehen lassen. Ohne dass sie es wollte, lag ihre Hand plötzlich auf seinem Unterarm. Mit scheuem Lächeln sagte sie: »Bitte, Adam, ich … möchte dir einen Vorschlag machen.«

Er sah ihr in die Augen. Sein Blick war so abgründig tief, dass Ina schwindelig wurde.

»Geht es dir nicht gut? Du zitterst ja«, fragte er irritiert.

Sie schüttelte den Kopf, die Worte blieben ihr im Hals stecken, unversehens spürte sie etwas Warmes die Wangen hinunterlaufen. Gütiger Himmel, mach, dass es schnell vorbei ist!

Lefeber wischte ihr mit einem Taschentuch die Tränen weg.

Von Ferne hörte Ina Sirenengeheul, das schnell näher kam. »Geh nicht in die Klasse«, hörte sie sich sagen.

Die Verwirrung in Lefebers Gesicht war deutlich zu sehen. Er trat einen Schritt zurück. Er schien die Lage im Lehrerzimmer und draußen vor dem Fenster zu taxieren, dann klemmte er plötzlich seine Tasche unter den Arm und stürmte ohne ein weiteres Wort hinaus.

Ina sah ihm einen Augenblick fassungslos nach, dann eilte sie hinterher. Lefeber ging schnell, doch immer wenn er auf den Gängen oder im Treppenhaus einem Schüler oder einem Kollegen begegnete, verlangsamte er seinen Schritt und bot Ina Gelegenheit, ihn einzuholen. Endlich schloss sie zu ihm auf.

»Adam, was ist denn los?«

Er sah starr geradeaus. »Ich hab noch was Wichtiges zu Hause vergessen.«

»Kann ich dir helfen?« Sie legte ihm die Hand auf die Schulter, aber er schob sie weg und beschleunigte seinen Schritt. Nun rannte er beinahe die Treppen hinunter.

»Adam«, rief sie und ein zweites Mal, lauter: »Adam!«

Im selben Moment spürte sie das Vibrieren des Handys in ihrer Strickjacke.

*

Sobald Lefeber von der Renoirallee in die Manetstraße abgebogen war, stürmten die fünf Männer aus Angelika Albas Wohnzimmer hinaus auf die Straße und zu Lefebers Haus. Dort postierten sie sich rechts und links der Haustür, die Waffen im Anschlag. Wie aus dem Nichts tauchten aus den angrenzenden Straßen mehrere Streifenwagen, zwei Krankenwagen sowie ein Notarztwagen auf und blockierten die Renoirallee. Die Haustüren der benachbarten Doppelhaushälften und Reihenhäuser blieben geschlossen, nur die Bewegungen der Küchenrollos und die Gesichter hinter den dreifachverglasten Scheiben verrieten die Neugierde der Nachbarn.

Hartmann winkte den Techniker herbei, der umgehend seinen Werkzeugkoffer öffnete und sich an die Arbeit machte, das Haustürschloss aufzubrechen. Während sie warteten, trat der Kriminalkommissar ungeduldig von einem Bein auf das andere.

»Musst du aufs Klo?«, juxte sein vermummter Kollege, die Mündung seiner Pistole in den Himmel über ihnen gerichtet.

Hartmann lächelte matt.

»Glaubst du, die Jungen leben noch?«

»Ich hoffe es«, sagte Hartmann wider besseres Wissen. Die Hoffnung starb bekanntlich zuletzt.

Die Zwillinge, Schüler aus Lefebers Kunst-AG, waren seit über vier Wochen verschwunden. Gestern hatte Ina Franke, Lefebers Kollegin am Gymnasium und seine ehemalige Lebensgefährtin, die Polizei verständigt: Sie hatte einige persönliche Dinge aus Lefebers Haus holen wollen und war in der Garage auf zwei Jungenfahrräder unter einer Kunststoffplane aufmerksam geworden. Franke hatte die Fahrräder von mehreren Dutzend Fahndungsplakaten im Rhein-Main-Gebiet wiedererkannt – auf ihnen hatte man die Jungen zuletzt gesehen.

Zwar war Lefeber zu Beginn der Ermittlungen wie alle Lehrer, Eltern und Freunde der vermissten Jungen befragt worden, doch dabei war den Beamten nichts Ungewöhnliches aufgefallen, seine Aussagen hatten ebenso schlüssig wie glaubwürdig gewirkt.

Frankes Beobachtung hatte Hartmanns Chef, den Leiter der mit den Ermittlungen betrauten Sonderkommission, in Alarmbereitschaft versetzt. Es passte alles zusammen: ein Täter aus dem unmittelbaren Umfeld der Jungen. Laut Auskunft der Schule war Lefeber in den Wochen nach dem Verschwinden mehrmals einige Tage krankgeschrieben gewesen. Er hatte angegeben, die Angst, den Jungen aus seinem Kurs sei möglicherweise etwas zugestoßen, habe ihm psychisch stark zugesetzt.

Und dann hatte eine Recherche in der Datenbank etwas ergeben, das kaum als Zufall gelten konnte: Im Stadtteil Bonames waren in den letzten zwei Jahren immer wieder Kinder von einem unbekannten Autofahrer angesprochen worden. Bonames lag nur wenige Autominuten von Riedberg-Bonifatiusbrunnen entfernt, dem Stadtteil, in dem Lefeber seit Antritt seiner Stelle im Schlösinger-Gymnasium vor zwei Jahren wohnte. Lefebers Auto entsprach der Beschreibung eines Zeugen. Nach all diesen Treffern hatte es kaum eine Viertelstunde gedauert, beim Richter Haftbefehl und Durchsuchungsbeschluss zu erwirken.

Da die Polizei vermeiden wollte, dass Lefeber die Jungen, sofern sie noch lebten, während des Zugriffs umbrachte, wartete man damit, bis er das Haus verlassen hatte.

»Werner?« Abels quäkende Stimme drang aus dem Funkgerät. »Wie lange braucht der Typ bis zu uns mit dem Fahrrad?«

Eine Welle der Panik brandete in Hartmann auf. Er nahm das Mikro von der Schulter. »Heißt das, er ist noch nicht aufgetaucht?«

»Würde ich sonst so dämlich fragen?«

Die Kollegen waren keine fünfhundert Meter entfernt an der Strecke postiert, die Lefeber nach Frankes Auskunft zur Schule nahm. Da man nicht wusste, ob er bewaffnet war, sollte der Zugriff außerhalb des Wohngebiets stattfinden. Doch entweder hatte Lefeber Lunte gerochen, was Hartmann bezweifelte, oder er hatte ausgerechnet heute beschlossen, von seiner Gewohnheit abzuweichen.

Das Schloss knackte. Die Haustür sprang auf. Atemlos lauschten die Polizisten: Falls es eine Alarmanlage gab, wäre sie in diesem Moment ausgelöst worden. Doch im Haus herrschte Totenstille.

»Werner?«, ertönte es fordernd aus dem Lautsprecher des Walkie-Talkies. »Was ist denn nun?«

Hartmann musste umgehend eine Entscheidung treffen. Das Leben der Jungen hatte allerhöchste Priorität.

»Fahr zur Schule, Felix. Sobald wir hier fertig sind, komme ich nach. Unternehmt nichts ohne uns.«

Der Techniker räumte seinen Platz.

»Und ruf die Franke an. Sie soll sich keine Sorgen machen.«

Hartmann trennte die Verbindung und atmete tief durch, dann nickte er dem Leiter des Sondereinsatzkommandos zu und stieß mit dem Stiefel die Tür weit auf. Die vermummten Polizisten stürmten das Haus.

Überall Fliesenboden im Erdgeschoss, selbst im Wohnzimmer. Hartmann hatte nie verstanden, was die Leute veranlasste, diesen Bodenbelag in Wohnräumen zu wählen. Ansonsten war der Raum modern und geschmackvoll eingerichtet. Wenige ausgesuchte Möbel mit klaren Linien, eine Orchidee auf einem Esstisch aus Stahl mit Glasplatte, ein intensiv leuchtendes abstraktes Bild an der Wand über dem verglasten Kamin.

Hartmann öffnete eine Tür, hinter der er die Kellertreppe vermutete. Sein Blick fiel in einen Vorratsraum, angefüllt mit Konserven und Getränken. Eine Durchreiche, die einen Blick in die Küche gestattete. Reste eines Frühstücks: ein benutztes Messer, ein mit Brotkrümeln übersätes Schneidebrett und – ein wenig ungewöhnlich – eine kleine Pfanne auf dem Herd mit etwas, das wie gebratenes Fleisch aussah. Nun nahm Hartmann auch zum ersten Mal bewusst den würzigen Geruch wahr, der das Erdgeschoss erfüllte.

Er öffnete eine zweite Tür, die vom Flur abging – und sah die Treppe, die in den Keller hinabführte. »Wir fangen unten an«, befahl er und nahm bereits die ersten Stufen.

Im Untergeschoss fanden sie einen Heizungskeller, einen weiteren Vorratsraum und eine Waschküche vor. Die vierte Tür war abgeschlossen, der Schlüssel fehlte.

Hartmann versuchte, durch das Schlüsselloch zu spähen, doch es schien von innen verdeckt zu sein. Ein seltsames Brummen war hinter der Tür zu vernehmen.

Hartmann hämmerte dagegen. »Ist da jemand?«

Kein Laut.

Hartmann holte aus und trat mit voller Wucht gegen die Tür. Die Klinke löste sich und fiel klirrend zu Boden, eines der Scharniere riss aus und die Tür knirschte in den Angeln, als sie sich in der Zarge verklemmte und den Eingang zum Raum blockierte. Eine ganze Wolke schillernder Schmeißfliegen bahnte sich ihren Weg in den Flur.

Die Polizei hatte gefunden, wonach sie gesucht hatte. Doch sie waren zu spät gekommen, die beiden Jungen waren tot. Denn was der Gymnasialreferendar für Kunst und Deutsch Adam Richard Lefeber ihnen angetan hatte, konnte kein Mensch überleben.

*

Hartmann nahm kaum etwas von seiner Umgebung wahr. Er fühlte sich wie betäubt, in einen Kokon eingesponnen, isoliert von der Außenwelt. Das atmosphärische Knistern und die formelhaften Anweisungen im Polizeifunk stellten kaum mehr als ein Hintergrundgeräusch dar.

An den Seitenfenstern des Einsatzwagens glitten die Leitplanken der A 661 vorüber, ein endloses schmutzig graues Metallband. Die wenigen Luxuskarossen, die auf der Überholspur unterwegs waren, wichen erschrocken zur Seite, sobald sie das Blaulicht im Rückspiegel aufblitzen sahen. An der Anschlussstelle Friedberger Landstraße verließ Hartmann die Autobahn, zwei Kilometer noch bis zum Nibelungenplatz und dann wenige Meter bis zum Rose-Schlösinger-Gymnasium.

Hartmanns Miene war starr, aber in seinem Inneren tobte ein Sturm. In den Jahren, in denen er bei der Frankfurter Kripo arbeitete, hatte er aus erster Hand erfahren, was Menschen einander antaten, wenn sie gierig, wütend oder sexuell enthemmt waren. Aber was er im Hobbyraum des rosenumrankten Riedberger Reihenhauses vorgefunden hatte, überstieg seine schlimmsten Vorstellungen.

Nur mit Mühe gelang es ihm, seinen Zorn zu bändigen. Zum Glück saß er alleine im Auto. Alleine mit den grauenerregenden Bildern von zwei zwölfjährigen Jungen, gefesselt auf einander gegenüberstehenden gynäkologischen Untersuchungsstühlen, die Leichen übel zugerichtet.

Hartmann hielt sich für hartgesotten, doch selbst Felix Abel, mit fünfzehn Dienstjahren mehr auf dem Buckel, hatte beim Anblick der gemarterten Kinder überstürzt den Keller verlassen. Hartmann hatte ihn vor dem Haus gefunden, eine Zigarette in den zitternden Fingern, mit unablässig mahlenden Kiefern.

Glauburgstraße. Weberstraße. Rechts abbiegen. Er parkte den Wagen direkt in der Feuerwehrzufahrt. Der Schulhof war menschenleer, der Unterricht hatte vor einer Stunde begonnen. Auf der anderen Straßenseite konnte die Zivilstreife mit den Kollegen an der Straßenecke ein weiteres Polizeifahrzeug ausmachen, ebenfalls in Zivil.

Hartmann stieg aus und nickte deutlich sichtbar. Sofort sprangen die Türen der Autos auf, und wie zuvor in der Renoirallee tauchten ohne Ankündigung zwei Krankenwagen und ein Notarztwagen sowie mehrere Streifenwagen auf und rollten auf den Eingang des Schulhofs zu. Ein Kindergesicht tauchte hinter einem Fenster im Obergeschoss auf, dann erschienen Dutzende weitere Köpfe, die jedoch ebenso schnell wieder verschwanden – vermutlich hatten die Lehrer ein Machtwort gesprochen. Hartmann bedeutete den Kollegen, auf dem Gehweg zu warten und betrat den Schulhof.

Kaum hatte er das Funkgerät abgesetzt, schwang die dunkle Holztür des Haupteingangs auf und Lefeber trat schwungvoll heraus. Noch bevor er die erste Treppenstufe erreichte, entdeckte er hinter der Schutzmauer das Blaulicht des Krankenwagens, und dann Hartmann. In der Morgensonne funkelten die grünen Augen des Lehrers wie Turmaline.

Hinter der Glasfront der Tür erschien eine rote Lockenmähne, das musste Ina Franke sein. Lefeber machte auf dem Absatz kehrt. Er riss die Tür auf, zerrte Franke an den Haaren mit sich und verschwand im Dunkel des Eingangs. Die Frau schrie auf, die Tür fiel zu.

Verdammte Scheiße!

Hartmann winkte die Kollegen heran. Er zog seine SIG Sauer P6 aus dem Holster und nahm die Eingangstreppe in wenigen Schritten. Oben auf dem Absatz hielt er inne und wagte einen Blick durch die Glasscheibe. Lefeber drehte sich hektisch um die eigene Achse, einen Ausweg suchend, wobei er Ina Franke mitschleifte. Dabei kreuzten sich Hartmanns und sein Blick plötzlich in der Scheibe.

Lefeber presste Franke an sich und hielt ihr ein Cuttermesser an die Kehle – eines von der Art, mit der man Linoleum schneidet. Hartmann schob langsam die Tür auf. Der Lauf seiner entsicherten Waffe deutete schräg auf den Boden, den ausgestreckten Zeigefinger hatte er neben den Abzug gelegt.

Er hatte gute Lust, dem Kerl an Ort und Stelle eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Aber Werner Hartmann war Profi. Er atmete tief durch.

»Können wir rausgehen auf den Hof?«

»Ganz sicher nicht«, plärrte Lefeber. »Für wie dumm halten Sie mich?«

»Kommen Sie, Herr Lefeber. So ein billiges Theater haben Sie doch gar nicht nötig.« Hartmann deutete mit einem Kopfnicken auf Lefebers verängstigte Geisel. »Lassen Sie Frau Franke gehen.«

»Und dann?« Lefebers Stimme nahm einen beinahe weinerlichen Tonfall an.

»Dann reden wir.«

»Worüber?«

»Worüber Sie möchten. Vielleicht – wie ich Ihnen helfen kann.«

»Sie können mir nicht helfen.«

»Die Jungen«, sagte Hartmann und ließ das Wort eine Weile nachwirken.

Der Geiselnehmer sah ihn durchdringend an. »Was? Was ist mit den Jungen?«

»Die beiden haben Sie provoziert, nicht wahr, die sauberen Früchtchen. Haben ihren Lehrer … verführt.«

Lefeber schien nachzudenken. Dann nickte er fast wie in Zeitlupe. »Sie haben mich geradezu angebettelt. Schon im Unterricht haben sie mir immer diese Blicke zugeworfen. Diese unschuldigen Blicke. Ich wollte es nicht.« Ein feuchter Schleier legte sich auf seine Augen. »Ich wollte es wirklich nicht. Aber diese kleinen verdorbenen …«, Lefebers Stimme versagte.

»Es ist nicht Ihre Schuld«, beschwichtigte ihn Hartmann. Er klang jetzt wie ein Vater, der seinem Sohn tröstend durchs Haar fuhr. Nur der hohe Adrenalinpegel in seinem Blut verhinderte, dass der Ekel vor diesem Ungeheuer ihn überwältigte. »Nicht Ihre Schuld«, wiederholte er. »Das wird das Gericht sicher anerkennen.«

In Lefebers Ausdruck schlich sich Verwunderung. Plötzlich fixierte er Hartmanns Pistole, deren Mündung auf eine unbestimmte Stelle am Boden direkt vor seinen Füßen zeigte.

»Keine Gerichtsverhandlung! Ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen«, sagte er trotzig und drückte die Klinge des Cuttermessers noch etwas fester an Ina Frankes Hals, was sie mit einem Wimmern quittierte. Hartmann hob die Waffe. »Lefeber, seien Sie vernünftig! Sie lassen jetzt die Frau gehen und dann besprechen wir alles Weitere.«

Die Tür hinter Hartmann wurde aufgerissen.

»Werner!«, hörte er Felix Abel keuchen. Sein Kollege stand mit gezückter Waffe neben ihm.

»Hau ab, Felix!«, herrschte Hartmann ihn an, aber es war bereits zu spät. Lefeber wich einen Schritt zurück, dann noch einen. Was auch immer sich gerade zwischen dem Polizisten und dem Geiselnehmer angebahnt hatte, war jäh beendet.

»Verschwindet!«, schrie der Lehrer, »Beide! Sofort raus!«

Abel ging langsam rückwärts, die Tür quietschte, als er das Gebäude verließ.

»Geben Sie auf, Mann. Sie haben doch keine Chance.«

»Ich weiß, aber Ina auch nicht«, stellte er nüchtern fest.

In diesem Moment machte Franke einen letzten verzweifelten Versuch, sich loszureißen. Ihr Fuß schnellte hoch und traf Lefeber in die Genitalien. Der Mann krümmte sich, im Reflex riss er Franke beinahe zu Boden. Mit einem gequälten Grinsen zog er die Klinge quer über ihren Hals. Blut spritzte aus der klaffenden Wunde hervor. Mit einem Aufschrei stürzte Franke zu Boden und umklammerte ihren Hals. Ein feiner roter Sprühregen schoss zwischen ihren Fingern hervor.

Hartmanns Gehirn brauchte eine Millisekunde, um das Geschehen zu verarbeiten und zu reagieren. Die Verhandlungsphase war ganz offensichtlich beendet.

»Nur zu!«, schrie Lefeber. Klappernd fiel das Messer zu Boden. Hartmann wusste zuerst nicht, was er meinte. Dann registrierte er, dass seine Waffe auf Lefebers Kopf gerichtet war.

»Los doch, erschießen Sie mich!«

Hartmann betrachtete die Szenerie ungläubig, bis die Vernunft Oberhand gewann. Franke war schwer verletzt, Lefeber unbewaffnet. Er steckte die Waffe ein und setzte sich in Bewegung, um der verblutenden Frau zu helfen. Sie lag auf dem Rücken, während die rote Lache unter ihrem Kopf von Sekunde zu Sekunde größer wurde.

»Erschieß mich doch endlich, du Bullensau!«, kreischte Lefeber hysterisch.

Hartmann versetzte ihm einen Fausthieb in den Magen. Lefeber stieß ein Grunzen aus, krümmte sich, fiel auf den Rücken und blieb regungslos liegen.

Hartmann kniete sich neben Franke, ungeachtet der Blutlache. Er versuchte, mit der Hand die verletzte Halsarterie zu ertasten, um sie abzuklemmen. Das Gesicht der Frau war wächsern und totenbleich.

Ich verliere sie, dachte er. Draußen stehen dutzendweise Helfer und ich verliere die Frau.

Endlich hörte er sich selbst mit voller Lautstärke nach einem Notarzt rufen. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis die Tür aufschwang und die Rettungssanitäter hereinstürmten.

Hartmann überließ die Frau den Sanis. Lefeber hatte sich aufgerappelt, saß, den Rücken an die Wand gelehnt, breitbeinig und benommen da.

»Warum haben Sie mich nicht erschossen?« Mit feuchten Augen sah er Hartmann verständnislos an.

Hartmann lächelte grimmig. »Du Scheißkerl!«, zischte er unbeherrscht.

Blitzschnell holte er aus und trat Lefeber mit voller Wucht in die Genitalien. Und schlug abermals zu, während der Mann sich vor Schmerzen auf dem Boden wand. Erst als Abel ihn an der Schulter packte und von Lefeber wegzog, kam er wieder zu sich. Er ließ von dem Mann ab, der zwei zwölfjährige Jungen zu Tode gefoltert hatte und vielleicht bald noch ein weiteres Opfer zu verantworten hatte. Ein dunkler Fleck breitete sich in Lefebers Schritt aus.

Hartmann wandte sich angewidert ab.

*

Die wenigen im Lehrerzimmer Anwesenden staunten nicht schlecht, als die Tür aufschwang und eine Gruppe Polizisten sowie ein Mann im weißen Overall mit einem großen Rollkoffer hereinmarschierten und sich im Raum umsahen. Die Hose eines Polizisten wies an seinen Hosenbeinen in Höhe der Knie Flecken auf. Er wischte sich mit einem Taschentuch die blutigen Hände ab.

Der Mann im Overall steuerte direkt auf die beiden Kühlschränke zu und riss die Türen auf.

»Weiß jemand, welche Dinge Lefeber gehören?«

Ein Kahlkopf mit Lederjacke und krausem Bart schob sich an ihm vorbei und deutete auf ein Behältnis aus Edelstahl, während sich der Mann im Overall Einweghandschuhe überstreifte.

Der Polizist öffnete das Behältnis. Es enthielt ein Vesperbrot. Er klappte es auf und begutachtete den Belag. Dann klappte er die Dose wieder zu.

»Vegetarischer Brotaufstrich. Kauft meine Frau auch immer im Reformhaus. Außer dem Hund rührt das Zeug bei uns zu Hause keiner an.« Er drückte dem Kollegen mit der blutverschmierten Hose das Behältnis in die Hand und verschwand ohne ein weiteres Wort durch die Tür.

»Entschuldigen Sie die Störung«, sagte der Polizist und nickte seinen Kollegen zu. Danach fiel die Tür hinter der Truppe ins Schloss und die Lehrer des Rose-Schlösinger-Gymnasiums blieben wieder sich selbst und ihrer Ratlosigkeit überlassen.

Der Kahlkopf mit der Lederjacke schüttelte den Kopf. »Kann mir mal jemand erklären, was das zu bedeuten hat?«

2013

Dienstag, 1.Oktober

Nora sah ungeduldig auf die Uhr. Schreyer, Dienststellenleiter des Zentralen Polizeipsychologischen Dienstes ZPD und seit heute ihr neuer Chef, ließ sie seit zwanzig Minuten im Vorzimmer warten. Hartmann hatte das nie getan. Hartmann, Leiter der fünften Mordkommission im Frankfurter Polizeipräsidium, die Nora vor vier Wochen verlassen hatte, um hier ihre neue Aufgabe als Psychologin anzutreten. In Hartmanns Team an der Adickesallee hatte eine Politik der offenen Tür geherrscht.

Nora blickte einmal mehr auf die verschlossene Tür zu Schreyers Büro und fragte sich, ob der Wechsel in diese Stabsstelle ein Fehler gewesen war. Doch es war wohl unangebracht, bereits am ersten Arbeitstag ihre jüngste Karriereentscheidung in Zweifel zu ziehen.

»Ich frage mal nach, wie lange es noch dauert.« Schreyers Sekretärin, eine zerknitterte Schwarzhaarige mit etwas zu viel Rot auf den Lippen und mütterlicher Miene, stand auf und klopfte. Nach einer gedämpften Aufforderung steckte sie den Kopf durch die Tür, nur um sie gleich wieder zu schließen.

»Sie sind jeden Moment fertig.«

Es dauerte noch eine Ewigkeit, bis sich die Tür zu Schreyers Büro öffnete und der Dienststellenleiter hinaustrat, einen Mann im Schlepptau, den Nora in unangenehmer Erinnerung behalten hatte. Seine Anwesenheit überraschte sie. Umgekehrt schien das nicht der Fall zu sein.

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