Die Wächter - Dunkle Verschwörung - Sergej Lukianenko - E-Book

Die Wächter - Dunkle Verschwörung E-Book

Sergej Lukianenko

0,0
11,99 €

Beschreibung

Atemberaubende Spannung, dunkle Magie und Abenteuer pur – »Die Wächter 2« ist ein muss für jeden Fantasy-Fan

So hatte sich Alexej Romanow, frisch gebackenes Mitglied der Nachtwache, seinen Dienstantritt nicht vorgestellt: Die ganze Stadt ist in Aufruhr, und das Gleichgewicht zwischen den Mächten des Lichts und der Dunkelheit droht ins Wanken zu geraten, denn im Spiel der größten Magier der Welt ist ein geheimnisvoller Unbekannter aufgetaucht – ein Unbekannter, dessen Kräfte die der Tag- und Nachtwache bei Weitem übersteigen. Ehe er sichs versieht findet sich Alexej in einem Geflecht aus Intrigen, Lügen und Verbrechen wieder ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 620

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Das Buch

Seit Menschengedenken gibt es die sogenannten »Anderen«: Vampire, Gestaltwandler, Hexen, Magier. Unerkannt leben sie in unserer Mitte und sorgen dafür, dass das Gleichgewicht zwischen den Dunklen Anderen und den Hellen Anderen gewahrt bleibt. Zwei Organisationen, den »Wächtern der Nacht« und den »Wächtern des Tages«, obliegt es, den vor langer Zeit geschlossenen Waffenstillstand – den »Großen Vertrag« – zu überwachen und jegliche Verstöße zu ahnden. Doch das Gleichgewicht ist brüchig.

Ein mysteriöser Mord erschüttert die Welt der »Anderen« – der Vampire, Hexen, Magier und Gestaltwandler, die unerkannt unter den Menschen leben. Die Spur führt nach Samara, einer Stadt an der Wolga, wo sich geheime magische Depots befinden. Doch hinter diesen Depots steckt mehr, als es den Anschein hat: Sie führen in eine Zwischenwelt, in der Wesen mit nahezu unbegrenzten Fähigkeiten gefangen sind. Und diese Wesen stehen kurz vor dem Ausbruch ...

Mit seinen WÄCHTER-Romanen hat der russische Kultautor Sergej Lukianenko einen weltweiten Bestseller gelandet – Millionen von Fans verfolgen begeistert jedes neue Abenteuer. Nun beginnt eine neue Zeitrechnung in der Welt der Hellen und Dunklen Anderen – denn plötzlich ist nichts mehr so, wie es einmal war …

»Einzigartig! Mit der WÄCHTER-Serie hat Sergej Lukianenko ein Epos von ganz außerordentlicher Kraft geschrieben.«

Quentin Tarantino

»So subtil und charmant, wie es nicht mehr zu lesen war seit Bram Stokers Dracula.«

Süddeutsche Zeitung

Der Autor

Sergej Lukianenko, 1968 in Kasachstan geboren, studierte Medizin, war als Psychiater tätig und lebt nun als freier Schriftsteller in Moskau. Er ist der populärste russische Autor der Gegenwart. Seine Romane und Erzählungen wurden mehrfach preisgekrönt.

SERGEJLUKIANENKO

DIE

WÄCHTER

DUNKLE VERSCHWÖRUNG

ROMAN

Aus dem Russischen von Christiane Pöhlmann

Deutsche Erstausgabe

WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN

Titel der russischen Originalausgabe:

Печать Сумрака

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte dieses E-Book Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung dieses E-Books verweisen.

Deutsche Erstausgabe 4/2016

Redaktion: Maria Peeck

Copyright © 2013 by Sergej Lukianenko, Iwan Kusnezow

Copyright © 2016 der deutschen Ausgabe und Übersetzung

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München.  

Umschlaggestaltung: DAS ILLUSTRAT, München

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-16866-7V002

www.heyne.de

Prolog

»He, Meister, brauchst du dein Handy eigentlich noch?«

Alexej starrte schicksalsergeben auf die Bande, die da auf ihn zuhielt. Er liebte die Stadt bei Nacht. Die Leuchtreklamen der Shoppingcenter, die weichen Schatten der Birken entlang der Bordsteinkante und die menschenleeren Straßen, durch die endlich keine Autos mehr ratterten. Selbst der Dampf über dem Asphalt – diese Geißel, die eine moderne Stadt unweigerlich jeden Sommer heimsuchte – verkroch sich gegen Mitternacht in die Risse im Straßenbelag oder verzog sich durch Abflussgitter, nur um am nächsten Morgen, sobald sich die Sonne über den Wolkenkratzern erhob, abermals über die Städter herzufallen.

Allerdings brachten nächtliche Spaziergänge zwei Nachteile mit sich: Man bekam zu wenig Schlaf und musste mit solch liebreizenden Begegnungen rechnen.

Alexej seufzte und richtete all seine Aufmerksamkeit auf die Rowdys. Vier Typen und eine Frau. Alle um die zwanzig. Wo kamen die bloß plötzlich her? Noch vor einer Sekunde war weit und breit niemand gewesen – und nun standen wie aus dem Nichts vier Kerle und eine Frau, die buchstäblich am Boss der Bande zu kleben schien, vor ihm.

»Stimmt absolut, auf mein Handy kann ich getrost verzichten«, beteuerte Alexej, wobei er versuchte, möglichst locker zu klingen. Schließlich stand in allen Ratgebern, in kritischen Situationen wie diesen sei Selbstsicherheit das A und O.

Der Obermac der Bande, ein lockenköpfiger Typ mit Hakennase, sonnenverbrannter Haut und tintenschwarzen Augen, grinste zufrieden.

»Dann schieb’s mal rüber«, verlangte er mit starkem Akzent. Seine Kumpane wieherten prompt los.

Was Alexej am meisten fuchste, war, dass er sich heute den ganzen Tag über geradezu vorbildlich verhalten hatte. Bis spät abends hatte er Überstunden geschoben, um die Fehler eines dusseligen Kollegen zu korrigieren, das Büro hatte er als Letzter verlassen, dann war er durch die halbe Stadt nach Hause gefahren, wo er sein Auto keineswegs direkt vorm Eingang geparkt hatte, wie die meisten seiner rücksichtslosen Mitmenschen es taten, sondern es, ganz wie es sich gehört, auf dem Parkplatz abgestellt hatte. Das bedeutete für ihn fünf Minuten zu Fuß. Und dafür bekam er nun die Rechnung präsentiert. Wahrlich, Undank war der Welten Lohn!

Alexej suchte aus den Augenwinkeln die Umgebung ab, aber natürlich hoffte er vergebens auf Hilfe. Nirgends eine Menschenseele, nicht mal das Rücklicht eines Autos, das gerade in einer Hoffeinfahrt verschwand. Sollte er fliehen? Aber wohin? Bis zum Parkplatz bräuchte er drei Minuten, bis zum nächsten 24-Stunden-Shop noch länger. Diese Mistkerle würden ihn garantiert einholen und dann … Das malte er sich lieber gar nicht erst aus. Er konnte ja nicht einmal den armen Studenten mimen, denn die schicke Handyhülle, die er fest in seiner schweißfeuchten Hand hielt, schrie ja förmlich: »Greif zu! Hier gibt’s was zu holen!«

Den Gedanken, sich auf eine Schlägerei einzulassen, verwarf Alexej ebenfalls sofort. In Bezug auf seine körperliche Fitness gab er sich keinen Illusionen hin. Als braver Büroangestellter ging Alexej zwar hin und wieder zum Sport, um mit ein paar Kollegen Handball oder Fußball zu spielen, doch seine Prügelerfahrungen beschränkten sich auf Schlägereien auf dem Schulhof. Aus denen er längst nicht immer als Sieger hervorgegangen war.

Wie drücken sich die Ganoven im Fernsehen doch immer aus? »Zeit, Abschied zu nehmen.« Leb also wohl, iPhone, auf das ich monatelang gespart habe. Und auch du, meine edle Handyhülle, leb wohl. Nur gut, dass er bei dem Stress heute im Büro nicht mehr dazu gekommen war, Geld abzuheben, sonst müsste er sich jetzt nämlich bis zum nächsten Ersten bei jemandem durchschnorren.

»Allerdings hab ich mein Handy gar nicht dabei«, murmelte Alexej.

»Davon überzeugen wir uns doch lieber selbst«, erklärte der Obermac freundlich. »Alik! Filz ihn!«

Der rechts vom Boss stehende Typ, ein Kerl mit dunklem Igel, trat einen Schritt auf Alexej zu. Dieser zog unwillkürlich die Hand zurück, sodass Alik ins Leere griff.

Ja hab ich denn völlig den Verstand verloren?, durchschoss es Alexej. Statt alles freiwillig rauszurücken, ziehe ich hier diese Show ab. Und welchen Preis er dafür zu zahlen hatte, war ihm klar. Dieser Alik bleckte bereits gierig die Zähne, gleichzeitig traten zwei seiner Kumpane hinter dem Obermac hervor. Die wollten Blut sehen.

Der Boss schüttelte den Kopf.

»Oh, oh«, säuselte er. »Unser Freund behauptet, er hat das Handy nicht dabei, und dann lässt er uns nicht einmal nachsehen, ob das stimmt. Ja gehört sich denn so etwas?«

»Ich werde nachsehen«, schnurrte die Frau und löste sich von ihrem Freund.

Ohne ihr Opfer aus den Augen zu lassen, umrundete sie Alik in aller Seelenruhe. Als Alexej zurückweichen wollte, musste er feststellen, dass er sich nicht von der Stelle rühren konnte.

Die Frau trat dicht an ihn heran. Sie war nicht sehr groß und etwas füllig, hatte schwarzes, kurz geschnittenes Haar, eine gepiercte Unterlippe sowie eine enorme Oberweite. Die Situation, in der Alexej sich befand, lud bestimmt nicht gerade dazu ein, die Vorzüge dieser Frau zu würdigen. Doch als er den Blick trotzdem und völlig automatisch senken wollte, konnte er nicht einmal das. Geradeaus vor sich hinzustieren war alles, was er noch zustande brachte. In die dunkelbraunen Augen dieser Frau, die völlig starr wirkten.

»Was für ein braver Junge«, raunte sie.

Die dunkel nachgezogenen Lippen zitterten. Alexejs Angst wuchs sich zu echter Panik aus. Vor dieser stinknormalen Frau zitterte er mehr als vor den vier Kraftbolzen zusammen.

Dann küsste sie ihn, ganz zart und kurz. Ihre Lippen waren kalt und trocken wie Sandpapier.

»Was für ein braver Junge«, wiederholte sie kaum hörbar. Ihre Hände verschränkten sich hinter seinem Hals. Die Welt um ihn herum verblasste, wurde fahl und reizlos. Das Rascheln der Blätter verstummte, die vier Rowdys erstarrten in lächerlichen Stellungen. Nur eine sanfte Musik war noch zu hören, die aus dem Nichts heranwogte. Und dann waren da noch die bodenlosen Augen dieser Frau, die ihn umarmt hatte.

Nein!, wollte Alexej schreien. Ich will das nicht! Lass mich los!

Aber er brachte nicht einmal ein Stöhnen heraus.

Daraufhin verlor die Welt vollends ihre Farben. Kalter, geruchloser Wind zerzauste den Rowdys die Haare, und sie verwandelten sich in durchscheinende Schatten. Die ohnehin schon blasse Haut der Frau nahm einen grauen Ascheton an. Ihre Lippen waren nicht länger kalt – sie waren nun eisig. Als sie den Mund öffnete, verlängerten sich ihre Eckzähne und mutierten zu feinen Knochennadeln. Die sanfte Musik schien das einlullendste Wiegenlied, das Alexej je gehört hatte. Die graue kalte Welt schrumpfte auf die leblosen dunklen Augen der Frau vor ihm zusammen.

Alexej meinte, in einen Abgrund zu stürzen, aber das war ihm egal. Nichts zählte mehr für ihn. Nicht die Irritation, die kurz im Blick der Frau aufloderte, nicht die Angst, die auf diese Irritation folgte, nicht der Wind, der ihm bis auf die Knochen drang – und mit aller Kraft in den Rücken schlug.

Erste GeschichteDer Zwielicht-Gast

Eins

Alexej. Mensch

Ich wachte auf, als hätte mich jemand angeknipst. Eben war ich noch in einen Abgrund gestürzt, nun saß ich aufrecht in meinem Bett. Mein Herz wummerte, als hätte ich bei einem Hundertmeterlauf einen neuen Rekord aufgestellt, über meine Stirn rannen Schweißperlen. Mit letzter Kraft stand ich auf und schleppte mich auf wackligen Beinen zur Küche, öffnete den Kühlschrank und trank einen halben Liter Cola auf ex.

Es tagte gerade. Die Uhr zeigte fünf. Der Wecker würde also erst in einer Ewigkeit klingen, und angesichts der Überstunden gestern war es mein gutes Recht, erst um zehn im Büro zu erscheinen. Nach diesem langen Tag gestern …

Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn und versenkte die Flasche in der Mülltüte. Warum konnte ich bloß diesen widerlichen Albtraum nicht abschütteln? Obwohl Licht in der Küche brannte, das dunkle Parkett, das irgendein Gastarbeiter ziemlich schlampig verlegt hatte, bei jedem Schritt knarrte und ich mir bereits kaltes Wasser ins Gesicht gespritzt hatte, sah ich immer noch dieses schreckliche Bild vor mir. Diese graue Welt, dieser tote Blick, der mich bannte, diese nadelspitzen Eckzähne …

Ich wankte zum Sofa, ließ mich auf den Rücken fallen und verschränkte die Hände hinterm Kopf. Vampire gingen mir auf die Nerven, Dämonen und Werwölfe lockten mich ebenfalls nicht hinterm Ofen hervor. Einige dieser schillernden Figuren ließ ich ja gelten, Van Helsing oder John Constantine zum Beispiel, aber alles in allem meinte ich doch, außer infantilen Jugendlichen würde niemand diesen Blutsaugern etwas abgewinnen. Doch siehe da, plötzlich schwappte die Bis(s)-Welle auch auf mich über.

Irgendwie wollte es mir nicht gelingen, wieder einzuschlafen. Nach einer Weile döste ich zwar ein, schreckte jedoch gleich wieder hoch, sodass ich beschloss, das Unvermeidliche nicht länger hinauszuschieben, aufstand und ins Bad schlurfte.

Aus dem Spiegel starrte mich ein leicht verknittertes, aber doch ganz passables Gesicht an, in dem kein Laster seine Spuren hinterlassen hatte. Ich trank bloß in Maßen, und auch das ausschließlich in angenehmer Gesellschaft, rauchte nicht und hielt mich bei allen fettigen, scharfen und süßen Speisen zurück. Mein Körper dankte mir dies fürsorgliche Verhalten immerhin mit einer gesunden Gesichtsfarbe.

Doch es gab auch einiges zu kritisieren: Meine Augen hätten nicht unbedingt von langweiligem Grau sein müssen. Ein rätselhaftes Grün hätte mich gefreut oder auch ein edles Blau. Meine Nase erinnerte zwar nicht gerade an eine Kartoffel, doch von einem römischen Profil konnte weiß Gott nicht die Rede sein. Mein Kinn war weder quadratisch noch ragte es als Zeichen eines unbeugsamen Charakters und außergewöhnlicher Willensstärke markant vor. Alles in allem konnte ich mich über meine äußere Erscheinung aber nicht beklagen.

Der Dreitagebart durfte noch einen Tag länger stehen bleiben. Nach einer raschen Dusche schnappte ich mir ein frisch gewaschenes, gebügeltes Hemd und bürstete meine Jeans ab. Die Sonnenbrille wanderte vom Regal in meine Brusttasche. Schließlich griff ich nach dem Handy und atmete erst einmal tief durch. Meine Finger zitterten leicht. Eigentlich wäre ich am liebsten zu Hause geblieben, da machte ich mir nichts vor. Vor allem wollte ich partout nicht zum Parkplatz stiefeln, auch wenn ich jeden Strauch am Wegrand kannte. Aber … aber was?

In einem Anflug von Entschlossenheit verließ ich die Wohnung und verriegelte die Stahltür mit beiden Schlössern, als wollte ich mir selbst jeden Weg zurück unmöglich machen.

Ganz bewusst nahm ich den gewohnten Weg, obwohl ich nur zu gern einen Haken geschlagen und ihn gemieden hätte. Selbstverständlich erinnerte rein gar nichts an meinen Albtraum von heute Nacht. Die Birken wogten leise im Wind, die Menschen eilten zur Arbeit, die Autos – die man natürlich unmittelbar vor den Häusern geparkt hatte – fuhren in alle Richtungen davon. Aber kein Rowdy weit und breit, geschweige denn eine ausgehungerte Vampirin. Trotzdem blieb ein mulmiges Gefühl. Obwohl die Beweislage eindeutig war, weigerte sich etwas in mir anzuerkennen, dass alles nur ein Traum gewesen war.

Kurze Zeit später fuhr ich bei meiner Arbeit vor. Der in trübes gelbes Licht getauchte Flur wirkte absurderweise beruhigend auf mich. Ich begrüßte den Security-Typ, der heute Nacht Dienst geschoben hatte und einen ziemlich müden Eindruck machte. Von ihm erfuhr ich die aktuellen Neuigkeiten aus der Welt des Sports. Außerdem vermieste er mir den Tag mit der Mitteilung, dass man das heiße Wasser abstellen würde.

Nachdem ich dem asymmetrischen Linoleummuster zu meinem Büro gefolgt war, ließ ich mich erleichtert in meinen Schreibtischstuhl sacken. Ich schüttete etwas Instantkaffee in eine Tasse, goss ihn mit heißem Wasser auf, nippte an dieser Brühe und kam endgültig zu mir.

Die nächste halbe Stunde chattete ich ein wenig, bis ich registrierte, dass immer mehr Kollegen eintrudelten und deshalb bald die morgendliche Teerunde beginnen würde, eine gute alte Tradition, an der unsere Chefs nicht mal in Zeiten extremen Stresses zu rütteln wagten.

Nachdem ich in Gesellschaft unserer Manager ein paar Kekse geknabbert und mir lange genug die neuesten Witze angehört hatte, wollte ich wieder in mein Büro zurückkehren, als mich Lera am Ausgang aus der Teeküche abfing.

»Wann reichst du endlich deinen Urlaub ein, Ljoscha?«, fragte sie und maß mich mit einem strengen Blick aus der Höhe ihrer modelhaften 1,85 Meter, die durch die Highheels noch verlängert wurden.

»Du hast doch gesagt, es reicht auch noch nächste Woche.«

»Komm mir bitte nicht auf diese Tour!«, kanzelte mich Lera ab, was bei mir jedoch nur einen Anflug von Mitleid heraufbeschwor: An strenge Oberlehrerinnen im Alter von neunundzwanzig Jahren glaubte ich nun wirklich nicht. »Ich brauche den Antrag bis morgen auf meinen Tisch. Wie oft soll ich dir das eigentlich noch sagen?!«

Daraufhin brachte ich bloß ein irgendwie entschuldigendes Schnauben zustande.

»Gut, ich komme gleich mit dir mit, und du gibst mir den Antrag«, lenkte ich ein, fragte mich aber insgeheim, wieso ich geglaubt hatte, diese Formalie könne bis nächste Woche warten. Vom allzu intensiven Nachdenken hielt mich allerdings Leras Gang ab. Erst vor einem Monat hatte sie irgendwelche diesbezüglichen Spezialkurse absolviert. Und auch ihre hellblauen Jeans saßen wie angegossen.

An ihrem Schreibtisch zog Lera einen dicken Aktendeckel aus der Schublade, klaubte ein Blankoformular heraus und drückte mir vorsichtshalber auch noch ein ausgefülltes Muster in die Hand.

»Das will ich heute Mittag wiederhaben, sonst kannst du dir bis November jeglichen Urlaub abschminken«, schärfte sie mir ein. »Habe ich mich klar genug ausgedrückt?«

»Mhm …«, sagte ich und deutete dann mit einem Nicken auf Leras Tower, der in einer Ecke des Büros stand. »Was ist das denn …?«

Lera folgte meinem Blick und errötete leicht.

»Spar dir jetzt bloß jeden Kommentar!«, verlangte sie. Die abgestandenen Witze meiner Kollegen über den Tower, der auf dem Fußboden stand und sich »unterm Schreibtisch mit den Füßen ins Gehege kam«, verkraftete man mit etwas gutem Geschmack auf Dauer tatsächlich nicht.

Nur hatte ich gar nicht die Absicht, irgendeine anzügliche Bemerkung vom Stapel zu lassen. Mein Interesse hatte eine Staubflocke geweckt, die ich jetzt vom Rechner klaubte. Bei ihr handelte es sich um ein merkwürdiges Knäuel, das irgendwie an verfilzte Haare erinnerte, dabei aber blau schimmerte.

»Was machst du da eigentlich?«, wollte Lera wissen.

»Sauber.«

»Als ob mein Rechner verdreckt wäre!«, konterte Lera empört. »Ihr IT-Freaks haust wie die Schweine, das ja! Aber ich wische jeden Tag Staub.«

»Was ist dann das?«, fragte ich und hielt auf dem Fußboden nach dem Haarknäuel Ausschau, das ich hatte fallen lassen, entdeckte es jedoch nirgends. Selbst als ich den Tower ein Stück zur Seite rückte, blieb es verschwunden.

Lera schnaubte bloß. Anscheinend amüsierte sie mein Tun.

»Nun sieh aber zu, dass du wegkommst!«, vertrieb sie mich schließlich. »Und dass ich heute Mittag ja deinen Antrag auf meinem Tisch habe!«

Die nächsten zwei Stunden vergingen wie im Flug, ohne dass ich irgendetwas Vernünftiges zustande gebracht hätte. Die gestrigen Überstunden machten sich ebenso bemerkbar wie der dumme Albtraum und das spurlos verschwundene Haarknäuel in Leras Büro.

Kurz vor der Mittagspause gelang es mir immerhin, den Urlaubsantrag auszufüllen, aber selbst da vertat ich mich noch zweimal bei den Daten.

»Das ging ja schnell.« Überrascht zog Lera eine Augenbraue hoch, als sie den Antrag wegsortierte. »Sind das womöglich erste Anzeichen, dass du ein neuer Mensch werden möchtest?«

»Bitte?«, fragte ich geistesabwesend zurück, den Blick auf ihren Tower gerichtet. Der war blitzblank, nirgends auch nur ein Staubflöckchen. Bloß dass wieder dieses Haarknäuel an ihm klebte …

»Ehrlich gesagt, habe ich erst morgen mit deinem Antrag gerechnet«, gestand Lera und fügte nach einer theatralischen Pause hinzu: »Morgen Abend.«

Dicker hätte sie mir meine Saumseligkeit nicht aufs Butterbrot schmieren können.

Ohne darauf einzugehen, nuschelte ich etwas vor mich hin und sah mir ihren Tower genauer an.

»Wenn ich nur wüsste, was das ist …«

»Was auch immer es ist, schmeiß es weg!«, verlangte Lera, ohne mich eines Blickes zu würdigen. »Mein CD-Laufwerk hat nicht funktioniert, deshalb musste ich Mischka von der Technik rufen. Meine Güte, hat der nach Bier und Fisch gestunken. Frag mich nicht, ob er sich schon heute Vormittag einen hinter die Binde gekippt hat oder ob die Ausdünstungen noch auf das gestrige Besäufnis zurückgehen. Den ganzen Rechner hat er mit seinen fettigen Haaren und seinen Schuppen eingesaut! Eine geschlagene Stunde durfte ich diesen stinkenden Kraftbolzen in meinem Büro ertragen! Echt, rausschmeißen sollte man den!«

»Mhm«, brummte ich, während ich mich über den Tower beugte, das Haarknäuel wegklaubte und so tat, als würde ich es in den Mülleimer schmeißen. »Kann ich sonst noch etwas für dich tun?«

»Mich mit deiner Aufmerksamkeit bedenken und mir Blumen, Sekt und Pralinen schenken«, erklärte Lera, die wieder auf den Bildschirm starrte. »Mehr ist von euch Männern ja eh nicht zu erwarten!«

Seufzend presste ich das Knäuel in meiner Faust zusammen und trottete zu meinem Schreibtisch zurück. Nachdem ich mich überzeugt hatte, dass mich keiner der Kollegen beobachtete, öffnete ich meine Hand. Nichts. Weder ein Staubflöckchen noch ein Haar. Offenbar wurde es höchste Zeit für mich, einem Psychiater einen Besuch abzustatten. Oder lagen diese Wahnvorstellungen doch bloß an meiner Übermüdung …?

Ich atmete ein paarmal tief durch und gab mir das feierliche Versprechen, sofort eine Woche Urlaub zu nehmen, sollte ich noch einmal eine Halluzination haben. Das half. Ich konnte mich wieder konzentrieren, arbeitete geradezu vorbildlich bis zum Abend durch und hängte sogar noch eine Stunde dran. Nachdem unsere Chefs gegangen waren, machte auch ich Schluss. Beim Gehen spähte ich noch einmal durch die offene Tür in die Buchhaltung, die längst verlassen war, da diese Abteilung stets als erste den Feierabend einläutete. An Leras Tower klebte wie zum Hohn dieses Knäuel! Aber das war noch nicht alles: Am Bildschirm unserer peniblen Oberbuchhalterin entdeckte ich ein Spinnennetz, ein weiteres am Fenster und ein drittes in einer Ecke des Zimmers. Und sie alle schimmerten in diesem merkwürdigen Blau.

Mit angehaltenem Atem holte ich mein Handy heraus, schlich mich auf Zehenspitzen ins Büro und schoss ein paar Fotos. Und natürlich konnte ich der Versuchung nicht widerstehen und wischte das Spinnennetz vom Bildschirm. Die blauen Fäden flogen kurz auf und segelten dann langsam zu Boden, verhielten sich also wie ein ganz normales Spinnennetz, nicht wie irgendein übernatürliches Etwas.

Auf dem Heimweg steckte ich wie üblich im Stau fest. Der aus bunten Gliedern zusammengesetzte Metallwurm erstarrte alle naslang in tiefer Meditation, nur um danach ein kleines Stück die breite Straße entlangzukriechen.

Gerade als eine Ampel sich meiner erbarmte und mich mit grünem Licht anstrahlte, gab mein iPhone die Titelmelodie eines Tarantino-Films von sich.

»Ja?«, sagte ich und hielt das Handy ans Ohr, wobei mir der Gedanke durch den Kopf schoss, dass ich nicht mal auf das Display gelinst hatte, um die Nummer zu erkennen.

»Guten Abend«, begrüßte mich eine hohe weibliche Stimme. »Sie fahren doch gerade nach Hause, oder?«

»Mhm«, murmelte ich und versuchte krampfhaft mir darüber klar zu werden, mit wem ich eigentlich das Vergnügen hatte.

»Gut, dann werde ich dort auf Sie warten.«

Und schon war die Verbindung gekappt.

Ich stierte auf das Display. Die Nummer der Anruferin war unterdrückt. Na großartig! Eine geheimnisvolle Unbekannte hatte mir jetzt gerade noch gefehlt. Mir jedenfalls fielen nur zwei Möglichkeiten ein, um wen es sich bei der Anruferin handeln konnte: entweder um Angelina Jolie, die mich casten wollte, oder um eine Fremde, die sich verwählt hatte.

Der Autowurm hatte inzwischen etwas abgespeckt und bewegte sich deshalb endlich schneller vorwärts. Irgendwann teilte er sich in viele kleine Würmchen, die in Seitenstraßen verschwanden. Nachdem ich das Auto auf dem Parkplatz abgestellt hatte, begrüßte ich am Ausgang noch den Security-Typ. Wie er mich wissen ließ, führte Krylja nach der ersten Halbzeit 2 : 0, außerdem war bei mir im Hof ein Rohr geplatzt. Prompt erinnerte ich mich an das Gespräch von heute Morgen mit dem Wachmann vom Büro, sodass ich unwillkürlich grinsen musste. Im Unterschied zu uns Kopfarbeitern wussten die Proletarier dieser Welt Prioritäten zu setzen und die ewigen Werte hochzuhalten: Fußball und Wasserrohre.

Das Lachen sollte mir allerdings schnell vergehen: Ein geplatztes Rohr war weitaus schlimmer, als wenn auf der Arbeit das Warmwasser abgestellt wurde. Vor allem wenn es das Rohr für kaltes Wasser war. Ausgerechnet bei dieser Hitze …

Vor meinem Haus erwartete mich denn auch ein sprudelnder Strom. Der Dampf, der aufstieg, verriet mir, dass es das Rohr für Warmwasser war. Wenigstens etwas.

Es gab auch eine improvisierte Brücke in Form von ein paar Steinen, die verantwortungsbewusste Mieter ins Wasser gelegt hatten. Unbeholfen sprang ich von Stein zu Stein, verfehlte dann einen und bespritzte mir die Jeans hoch bis zum Knie mit der Dreckbrühe. Fluchend versuchte ich, den Dreck abzuwischen. Es wurde wirklich Zeit, etwas gegen meine überflüssigen Pfunde zu unternehmen. Genau, das würde ich nicht weiter auf die lange Bank schieben, sondern gleich nächste Woche damit anfangen!

Während ich vor der Haustür nach meinem Schlüssel suchte, beobachtete ich ein paar Jungen, die leidenschaftlich Fußball spielten.

»Romanow! Alexej Romanow!«

Ich drehte mich nach der Stimme um. Vom Parkplatz eilte ein braungebrannter Typ in funkelnagelneuen Jeans und kurzärmligem, gebügeltem Hemd auf mich zu. Den dampfenden Bach bewältigte er wesentlich geschickter als ich.

Der Mann war ungefähr in meinem Alter, höchstens ein bisschen älter. Nicht sehr groß, aber den Muskelbergen nach zu urteilen begeisterter Besucher eines Fitnessstudios. Ein blonder Igel und blaue Augen. Zwei Narben: eine dünne an der Wange und eine breite, die sich vom Ellbogen bis zum Handgelenk zog. Der Mann strahlte ein unerschütterliches Selbstbewusstsein aus – das mich jedoch nicht einschüchterte: Ich hatte nicht den geringsten Wunsch mich zu verkrümeln, vielmehr vermittelte er mir irgendwie ein Gefühl von Sicherheit. Typen wie er avancierten in jeder Gruppe zu den heimlichen Alphatieren, denen man hundertprozentig vertraute.

»Dann will ich mich erst mal vorstellen.« Der Typ zog einen Dienstausweis der Polizei aus der Gesäßtasche. »Oberkriminalbeamter Jermakow. Aber du kannst mich einfach Kostja nennen.«

Er hielt mir den Dienstausweis hin.

»Kann ich dich ganz kurz sprechen?«

»Ja, sicher«, brachte ich unwillkürlich heraus. »Um was geht es denn?«

»Keine Sorge, es ist nichts Ernstes, ich habe lediglich eine Frage. Können wir irgendwo in Ruhe …«

»Aber natürlich, gehen wir zu mir.« Das Bedürfnis, diesem Unbekannten jede Bitte zu erfüllen, ließ sich nicht unterdrücken.

»Du brauchst dir wirklich keine Sorgen zu machen«, versicherte Kostja lachend und klopfte mir auf die Schulter.

Ich grinste nur unbeholfen.

»Dann bringen wir es mal hinter uns«, kommandierte Kostja. »Statt uns hier die Beine in den Bauch zu stehen.« Mit einem Mal verstummte er, stierte ins Leere und wirbelte dann herum. »Das darf doch nicht wahr sein!«

Ich folgte seinem Blick.

In den Hof fuhr langsam wie in Zeitlupe ein schwarzer Lexus mit vollständig getönten Scheiben ein.

Ein Sarg auf Rädern rollt durch die Stadt, Stadt, Stadt, bis er dich gefunden hat, hat, hat!, schossen mir Zeilen aus einem alten Abzählvers für Kinder durch den Kopf. Nur klangen sie im Moment nicht gerade witzig. Der Lexus erinnerte nämlich tatsächlich an einen Leichenwagen. Er warf das Sonnenlicht überhaupt nicht zurück, sondern schien es förmlich zu schlucken. Vor dem weißen Nummernschild waberte diffuser grauer Nebel. Als ich versuchte, das Kennzeichen zu erkennen, tränten mir prompt die Augen, fast als hätte ich direkt in die Sonne geguckt.

Der Jeep gab nicht ein einziges Geräusch von sich und hielt vor meinem Hauseingang.

Kostja spannte jeden Muskel an.

»Nur keine Panik!«, schärfte er mir ein. »Die werden dir nichts tun. Außerdem habe ich dich zuerst gefunden.«

Er drehte sich so, dass er seitlich zum Lexus stand, und zog etwas aus seiner Tasche. Danach wandte er sich dem Auto wieder frontal zu und verschränkte die Hände hinterm Rücken.

Die hinteren Türen flogen auf, und zwei Personen sprangen aus dem Wagen.

Der Mann hätte sich gut und gern um die Rolle des Wolverine bewerben können. Oder besser noch um die seines ärgsten Feinds, denn für den Superhelden war er etwas zu grobschlächtig. Mit dem Mutanten verbanden ihn aber die zerzauste Mähne, die langen Koteletten und der kurze lockige Kinnbart. Der wilde Blick aus den stechend grünen Augen, mit dem er Kostja maß, rundete den Eindruck in vollendeter Weise ab. Er war zwar größer und in den Schultern breiter als mein neuer Bekannter, aber dennoch ignorierte Kostja ihn weitgehend. Sein eigentliches Interesse galt der zweiten Person. Einer Frau.

Schon der Dichter Nekrassow hatte passende Worte gefunden, um die Unerschrockenheit russischer Frauen zu beschreiben. Doch die Frau vor uns dürfte sämtliche dieser Heldinnen in den Schatten stellen: Ein Pferd im Lauf zu stoppen, aufzusitzen und dann brennende Hütten abzuklappern, um die Menschen aus ihnen zu retten, schien noch zu ihren leichteren Übungen zu gehören. Mir war eine solche Frau noch nie begegnet. Oder höchstens im Fernsehen, beim Finale im Gewichtheben. Ihre Arme und Beine erinnerten an die Stämme junger Bäume. Ihr Gesicht wirkte jedoch erstaunlich sanft, mit der Stupsnase, dem Pferdeschwanz und den hellen Sommersprossen fast schon kindlich. Sie trug die Uniform irgendeiner privaten Security-Firma, auf ihrer Brust prangte sogar ein Namensschild, das allerdings nur mit einem einsamen Olja aufwartete.

Sie schnaubte, stemmte die Hände in die Hüften und starrte Kostja an. Eine halbe Minute musterten sich die beiden unverwandt, dann gingen die vorderen Türen des Autos auf.

Bei dem Fahrer handelte es sich um einen hochgewachsenen Mann, der jedoch die Körperhaltung eines Fragezeichens an den Tag legte. Ein Junkie, wie er im Buche stand, ausgemergelt, mit ungesunder blasser Haut und bereits gelichtetem grauem Haar. An seinen Händen traten die Adern hervor, die legere graue Jacke hing wie ein Sack an ihm und unterstrich den schmächtigen Körperbau nur noch.

Der Beifahrer nahm sich da schon imposanter aus. Untersetzt, rotgesichtig und mit poriger Kartoffelnase, am linken Handgelenk eine massive goldene Uhr, die Hosen mit akkurater Bügelfalte. Seine fahrigen Bewegungen und die nervöse Geste, mit der er ständig seine Brille hochschob, ließen mich an Pierre Besuchow denken.

Alles in allem wirkte dieses Quartett ziemlich albern und wollte – von Besuchow abgesehen – so gar nicht zu diesem Sarg auf Rädern passen. Trotzdem schienen die vier Kostja einen tüchtigen Schrecken eingejagt zu haben. Offenbar galt das aber auch umgekehrt, jedenfalls ließen mich das die angespannten Gesichter der Neuankömmlinge vermuten. Mir selbst war jedoch nach wie vor schleierhaft, warum Kostja so ein Aufhebens machte und mir sogar versichert hatte, es bestünde kein Grund zur Panik.

»Die Tagwache!«, ergriff Besuchow das Wort. »Dass mir niemand ins Zwielicht eintritt!«

»Und wenn doch, du Sackgesicht?«, fragte Kostja grinsend. »Kürzt du mir dann das Taschengeld?«

Besuchows Gesicht überzog sich mit roten Flecken.

»Ich … ich …«, stammelte er. »Ich muss doch um etwas mehr Respekt bitten!«

»Respekt?! Dir gegenüber? Das ist denn wohl doch zu viel verlangt.«

Ich hatte den Eindruck, dass Kostja sich ein wenig entspannte. Als ob diese ungebeteten Gäste nicht diejenigen waren, mit denen er eigentlich gerechnet hatte.

Besuchow richtete seinen Blick nun auf mich. Prompt bekam ich eine Gänsehaut. Obwohl dieser Typ unverändert nervös und albern wirkte, vermochte ich ihm nicht in die Augen zu sehen.

»Wer sind Sie?«, fragte Besuchow in energischem Ton. »Und was machen Sie hier?«

»Ich wohne hier«, brummte ich. Offenbar eine falsche Antwort, denn über Besuchows Gesicht huschte ein verschlagenes Grinsen.

»Tja, wenn das so ist. Wenn Sie hier wohnen … Dann werden Sie uns jetzt begleiten müssen.«

»Weshalb das?«, fragte Kostja scharf, während er einen Schritt vortrat und sich zwischen Besuchow und mich stellte.

»Weil wir ihn schon seit letzter Nacht suchen!«

»Oh, in dem Fall hättet ihr gründlicher suchen müssen«, erwiderte Kostja aufgekratzt. »Denn jetzt kommt ihr zu spät. Denn jetzt habe ich ihn gefunden – und deshalb ist er unser Mann.«

»Soll das heißen, Sie stellen sich uns in den Weg?«, fragte Besuchow leicht verwirrt. Anscheinend hatte er mit dieser Antwort nicht gerechnet.

»Käme nie im Leben auf die Idee«, versicherte Kostja und maß den Junkie und Wolverine mit einem verächtlichen Blick. »Aber euer Zug ist abgefahren. Kehrt also dahin zurück, wo ihr hergekommen seid.« Dann drehte er sich zu mir um. »Wir beide gehen jetzt hoch, dann erkläre ich dir alles.«

Besuchow sah Kostja fassungslos an.

»Also …«, japste er, fuhr mit der Hand unter sein Hemd und zog eine Kette mit einem Anhänger in Form eines sechszackigen Sterns hervor. Bei der Aktion hatte er sich einen Knopf abgerissen, der jetzt über die Straße hüpfte. »Im Namen der Tagwache erkläre ich …«

Was genau er uns erklären wollte, sollte ich nicht mehr erfahren. Kostja, der die ganze Zeit über mit hinterm Rücken verschränkten Armen dagestanden hatte, holte jetzt aus und schleuderte seinem Gegenüber einen Tischtennisball entgegen. Einen halben Meter vor seinem Ziel landete er auf dem Pflaster, schnellte aber mit lautem Klacken noch einmal in die Luft. Und dann platzte er.

So muss eine gerichtete Explosion sein: Mich streifte nur ein ganz zarter Lufthauch, aber den vieren aus dem Lexus erging es wesentlich schlechter.

Besuchow wurde in die Luft katapultiert – bisher hatte ich angenommen, dergleichen gäbe es nur im Fernsehen – und knallte zwei Meter weiter mit seinem dicken Hintern auf die Straße. Wolverine wurde in die entgegengesetzte Richtung geschleudert, demolierte im Flug einen Blechmülleimer und landete umgeben von Kippen und Bierflaschen auf dem Rasen. Der solide Lexus bewies zunächst durchaus Solidarität und katapultierte sich ebenfalls hoch, schoss dann aber auf die Gewichtheberin und den Junkie hinter ihm zu. Für Letzteren ging alles viel zu schnell, weshalb er noch nicht mal in Panik verfiel. Mit einem schmatzenden Geräusch wurde er unter dem rebellischen Automobil begraben. Die Frau dagegen reagierte blitzschnell, riss instinktiv den Arm hoch und streckte die Hand in einer Abwehrreaktion aus. Daraufhin schien der tonnenschwere Jeep gegen eine Betonwand zu brettern.

Beim Zusammenprall schwankte die Gewichtheberin leicht und hatte etwas Mühe, das Gleichgewicht zu halten, mehr aber auch nicht. Nachdem das Auto quer zur Straße zum Stehen gekommen war, rieb sich die Frau den Ellbogen und sah Kostja finster an.

»Schnappt ihn euch! Haltet ihn! Lasst ihn nicht entkommen!« Besuchow war schneller wieder auf den Beinen als jedes Stehaufmännchen. Mit der linken Hand betastete er seinen Allerwertesten, mit der rechten umklammerte er den Davidstern. Letzten Endes hatte der kurze Flug ihm nicht mehr geschadet als der Gewichtheberin der Zusammenstoß mit dem Auto. Nicht einmal ihre beiden Kumpane hatte das Schicksal in Krüppel verwandelt, verstehe das, wer will. Der Junkie kroch nämlich schon wieder unter dem Lexus hervor und stürzte sich auf Kostja.

Den beeindruckte das wenig, selbst wenn er einen Kopf kleiner war. Er duckte sich geschickt weg, sodass der Junkie ins Leere lief, rammte ihm die Faust in die Leber und setzte anschließend zu einem geradezu wahnwitzigen Aufwärtshaken an. Ein stumpfes Knacken war zu hören, und der Junkie rollte über die Straße zurück zum Lexus. Daraufhin stapfte Madame Gewichtheberin mit herausforderndem Blick und energischem Schritt auf Kostja zu.

Etwas wie eine unsichtbare Stichflamme blendete mich, meine Augen tränten und brannten plötzlich wieder, genau wie vorhin, als ich versucht hatte, das Kennzeichen des Lexus zu erkennen. Obwohl ich mich natürlich am liebsten abgewandt hätte und davongerannt wäre, starrte ich wie hypnotisiert weiter auf das Kampfgeschehen. Schon im nächsten Moment sollte ich meine Sturheit bereuen.

Auch Wolverine hatte sich inzwischen aus dem Müll herausgearbeitet und kroch auf allen vieren durch die Gegend. Wie ein Hund schüttelte er den Kopf, bis er sich mit einem Mal völlig aberwitzig verrenkte: Seine Beine verdrehten sich irgendwie, sodass die Knie hinten herauszuragen schienen. Er riss sich das billige beigefarbene T-Shirt vom Leib und glitt aus den Shorts, die ihm längst zu groß geworden waren. Die mit lockigem Haar bewachsene Brust schrumpfte zusehends, die braungebrannte Haut überzogen rote Pusteln, die sofort platzten, worauf Büschel langen drahtigen Haars daraus hervorsprossen. Die Schnauze – das Wort Gesicht wollte mir einfach nicht mehr über die Lippen – nahm eine längliche Form an, außerdem blickten mich nicht länger grüne, sondern nun gelbe Augen an. Seit Beginn der Transformation waren höchstens dreißig Sekunden vergangen. Nun stand ein riesiger grauer Köter inmitten zerfetzter Kleidung vor mir. Wobei: Nein, das war kein Köter – das war ein Wolf, allerdings gut anderthalb mal größer als die, die ich aus dem Zoo kannte.

Inzwischen hatte die Gewichtheberin Kostja erreicht. Keine Ahnung, ob er Frauen grundsätzlich nicht schlug oder ob die Frau nicht nur Gewichte hob, sondern auch Kampfsport trieb – jedenfalls gelang es ihr auf Anhieb, Kostja auf weiß Gott nicht freundliche Weise in ihre Arme zu schließen. Zu seiner Ehrenrettung sei jedoch gesagt, dass er sich weitaus schwieriger bändigen ließ als der wild gewordene Jeep. So schaffte es Kostja, sich in der kurzen Zeit, in der sich der Wolf noch die restlichen Stofffetzen vom Körper riss, von der Frau zu befreien, ihr den Arm auf den Rücken zu drehen und sie zu dem Junkie hinüberzustoßen. Da dieser nach seinem zweiten Knockout gerade wieder auf die Beine gekommen war, gelang es ihm immerhin, die Gewichtheberin aufzufangen, sodass sie nicht zu Boden ging. Diese schüttelte ihn jedoch bloß verächtlich ab, wirbelte herum, ließ sich dann aber unvermittelt auf die Knie fallen und stieß einen tiefen, kehligen Laut aus.

Was sie danach tat, bekam ich nicht mit, weil meine Augen immer stärker brannten. Da ich inzwischen fast blind war, versuchte ich, die Tränen wegzublinzeln. Tatsächlich konnte ich dadurch wieder etwas klarer sehen. Allerdings hatte ich nun nicht mehr die Welt vor mir, die ich kannte, sondern eine irgendwie verwaschene. Sämtliche Farben waren aus ihr verschwunden. Der gelbe Sand, die grünen Blätter und der blaue Himmel zeigten ausnahmslos einen Grauton. Außerdem fror ich entsetzlich.

»Stehen geblieben!«, rief Besuchow, der nach wie vor den Davidstern mit der rechten Hand umklammert hielt. »Das ist ein Befehl!«

Daraufhin streckte er die linke Hand nach mir aus, als wollte er mich packen. Von seinen Fingerspitzen lösten sich dünne Fäden, die auf mich zuschlingerten und sich über mir zu einem Spinnennetz verflochten. Sobald es sich auf meine Schultern legte, wurde ich förmlich zu Boden gepresst. Mir knickten die Beine weg, und ich bekam keine Luft mehr, fast als hätte jemand einen Schalter umgelegt und damit die Erdanziehung um ein Zehnfaches vergrößert.

Der Wolf, Kostja und Besuchow hatten sich in dieser grauen Welt in amorphe Schatten verwandelt. In einem Anfall von Heldenmut wollte ich das Spinnennetz zerreißen, doch da hätte ich auch versuchen können, die Erde auf den Kopf zu stellen. Dann schlug mir eisiger Wind in den Rücken, und ich wurde ohnmächtig.

»Ljoscha? Ljoscha, mein Junge, schläfst du?«

Ich lag auf dem Bauch, die Hände unterm Kopf verschränkt. Nun drehte ich mich nach der Stimme meiner Mutter um. Meine rechte Hand war völlig taub, außerdem prangte auf ihr ein gewaltiger roter Fleck. Sein Pendant dürfte meine Stirn zieren. Aber immerhin war es ein roter Fleck, kein grauer …

Völlig verwirrt sah ich meine Mutter an. Es dauerte eine Weile, bis mir klar wurde, wo ich eigentlich war. Bei ihr zu Hause. Über dem Tisch lag die cremefarbene Decke, die ich ihr zum Neuen Jahr geschenkt hatte. Ein Teller mit Borschtsch wartete dort auf mich. Die Fettaugen, die in der Brühe schwammen, erinnerten mich daran, dass es besser wäre, die Suppe zu essen, solange sie noch warm war. Es hinderten mich ja keine Vampire oder Werwölfe daran, und die Welt leuchtete auch wieder in bunten Farben.

»Wenn du so müde bist, geh lieber ins Bett«, schlug meine Mutter vor, die mich besorgt ansah. »Den Borschtsch kann ich dir nachher wieder warmmachen.«

»Mhm«, brummte ich unentschlossen und setzte mich auf. »Also, ich weiß nicht …«

Ich wollte auf gar keinen Fall wieder einschlafen, und auch der Appetit war mir vergangen. Wer hatte schon Hunger, wenn er gerade merkte, dass er den Verstand verlor? Und zwar auf eine Weise, die ganz dem Geist der Zeit entsprach: Während Verrückte früher grüne Männchen und hinter Büschen kauernde KGB-Spione gesehen hatten, entdeckten sie heute halt Werwölfe und Vampire.

Meine Mutter sah mir meine Qualen offenbar an, denn sie griff wortlos nach meiner rechten Hand und maß meinen Puls. Der raste. Kein Wunder, nach diesem Albtraum.

Daraufhin riet sie mir, ein Beruhigungsmittel einzunehmen und mich wieder hinzulegen. Normalerweise hätte ich einer solchen Situation erbitterten Widerstand geleistet, doch diesmal gab ich nach. Ich musste Ordnung in das Chaos meiner Gedanken bringen, und in der horizontalen Lage dachte es sich nun einmal besser.

Also streckte ich mich abermals auf dem Sofa aus, um den Traum von eben noch einmal Revue passieren zu lassen. Das einzige untrügliche Zeichen dafür, dass es sich wirklich um einen Traum handelte, war dieses »unsichtbare« Nummernschild. Denn so klar man sich auch an einen Traum erinnerte, irgendein winziges Detail blieb immer im Dunkeln, eine Zahl oder ein Wort.

Der eigentliche Horror war aber gar nicht der Albtraum. Viel schlimmer war, dass ich mich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern konnte, wie ich überhaupt zu meiner Mutter gekommen war. Der Traum von den Werwölfen schien sämtliche Erinnerungen daran gelöscht zu haben.

»Weißt du zufällig, wie spät es war, als ich zu dir gekommen bin, Mam?«

»Lange ist es noch nicht her«, rief meine Mutter aus der Küche. »Sieh mal nach, wie spät es jetzt ist.«

Mit finsterer Miene blickte ich zur Uhr an der Wand hinüber. Acht. Um halb sieben hatte ich Feierabend gemacht. Dann hatte ich im Stau gestanden, sodass ich bestimmt nicht vor halb acht zu Hause gewesen war. Wenn ich nicht geträumt hatte, dann waren mir Kostja und diese Werwölfe also höchstens vor einer halben Stunde begegnet. Das aber haute hinten und vorne nicht hin. In einer halben Stunde kam ich zwar von mir zu meiner Mutter, aber mehr war in dieser Zeit nicht zu schaffen. Wie hätte ich denn da einschlafen und den Borschtsch kalt werden lassen können?

Ich seufzte, hätte jedoch selbst nicht zu sagen gewusst, ob aus Enttäuschung oder aus Erleichterung. Das Ganze war wirklich bloß ein Traum … Da fiel mir etwas ein, das mich in mich hineingrinsen ließ. Es gab ja einen unwiderlegbaren Beweis dafür, dass alles ein Traum war. Diese Frau, die mich angerufen hatte, als ich im Stau steckte. Wenn es diesen Anruf tatsächlich gegeben hatte, musste er gespeichert sein.

Das Handy lag auf der bauchigen Kommode im Flur. Genau da, wo ich es immer hinlegte. Eben ganz, wie es sein sollte. Doch als ich das iPhone aus der Hülle zog, bekam ich eine Gänsehaut. Mein Handy sah aus, als hätte die gesamte spanische Inquisition mit Torquemada an der Spitze ihm sämtliche Dämonen ausgetrieben. Und zwar wiederholt.

Das Gehäuse konnte ich vergessen, der Touchscreen war schwarz und mit einem feinen Netz aus Rissen überzogen. Die Rückseite erinnerte an eine geplatzte Blase mit verschmurgelten Rändern. Von der SIM-Karte zeugte nur noch ein verkohlter Rest.

Eine geschlagene Minute starrte ich fassungslos auf die Überreste meines neuen Handys, dann legte ich es vorsichtig auf die Kommode und nahm mir die Hülle vor. Auch sie hatte einiges abgekriegt. Das Leder war teilweise verkohlt, eine der Fächertrennungen aus Stoff sah aus, als wäre sie mit einem Messer zerfetzt worden, die Vergoldung der Schnalle war weggeschmolzen, übrig geblieben war ein lächerliches Relikt aus nicht gerade edlem Metall. Zum Wegschmeißen war die Hülle noch zu schade, angeben konnte ich mit ihr aber auch nicht mehr.

»Kannst du nicht einschlafen?«, erklang die Stimme meiner Mutter aus der Küche.

»Mhm«, murmelte ich und steckte rasch die Reste meines iPhones zurück in die Hülle.

»Dann iss wenigstens deinen Borschtsch, sonst kippst du mir noch vor Hunger um.«

Ehrlich gesagt, konnte mir der Borschtsch gerade gestohlen bleiben. Da mich diese seltsame Geschichte aber derart aus der Bahn geworfen hatte, beschloss ich, keinen Widerstand zu leisten. Bevor ich mich aufraffte, in die Küche zu gehen, schweifte mein Blick durch den Flur. Die Wohnung, in der ich meine Kindheit verbracht hatte, gab mir immer ein Gefühl wenn nicht von Sicherheit, so doch von Ruhe und Ordnung. Hier das Regal mit dem Telefon, das ich mit sechzehn angebracht hatte, dort das Bild mit einer Wolgalandschaft mit winzigen Fischerbooten und Baumstämmen, die durch den Fluss geflößt wurden, ein Werk vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Da hinten stand an der Wand der Kühlschrank, ein wuchtiger Orsk noch aus Sowjetzeiten. Was hatten wir uns damals abgerackert, um das Ding aus der Küche in den Flur zu schleppen! In seiner eigentlichen Funktion hatte er ausgedient, aber um eingewecktes Obst und Gemüse aufzubewahren eignete er sich noch bestens. Ach ja, die gute alte Zeit …

Im Aufruhr der Gefühle strich ich mit den Fingern über die rechte Seite des Schranks, in die ich mit sechzehn Fantomas lebt mit einem Nagel eingeritzt hatte. Doch als ich mir den Staub von den Fingern wischte, erzitterte ich abermals: Statt einer flockigen Wolke fiel ein festes, blau schimmerndes Knäuel zu Boden. Genau so eines, wie es an Leras Computer geklebt hatte.

»Wo bleibst du denn?«, fragte meine Mutter und spähte in den Flur.

»Ich komme ja schon …«

Den Blick noch auf dieses Knäuel gerichtet, ging ich in die Küche. Ich ließ mich auf einen Hocker plumpsen und löffelte den aufgewärmten Borschtsch auf, ohne zu bemerken, wie er überhaupt schmeckte.

»Wie war es heute auf der Arbeit?«, fragte meine Mutter sanft. »Woran sitzt du gerade?«

»So weit ist alles okay«, antwortete ich und rang mir sogar ein Lächeln ab.

»Wie geht es Lera?«

»Mama!«, fuhr ich meine Mutter an. »Was soll das? Lera geht es hervorragend! Warum habe ich dir bloß von ihr erzählt?!«

»Du bist wirklich ein Schwarzseher, Ljoscha«, stieß meine Mutter mit einem schweren Seufzer aus.

»Wie oft soll ich dir das noch sagen?! Sie hat kein Interesse an mir und wird es auch nie haben. Mam, sie ist einen halben Kopf größer als ich!«

»Sag ich doch, ein unverbesserlicher Schwarzseher«, brummte meine Mutter traurig. »Willst du Salat?«

»Nein«, brummte ich, stellte den Teller in die Spüle und gab meiner Mutter einen Kuss auf die Wange. »Ich fahr dann mal wieder.«

Das letzte Mal war ich voriges Wochenende bei meiner Mutter gewesen. Seitdem hatte sich in ihrem Hof nichts verändert. Die alten Holzbänke, von denen bereits die Farbe abblätterte, die kaputte Schaukel, die schadhafte Gehsteigkante. Trotz der zahllosen Beschwerden und Unterschriftenlisten von Mietern wollte der Bürgermeister seine schützende Hand einfach nicht über diese Wohnungen halten. Doch diese arrogante Haltung war nicht der Grund, warum ich jetzt mitten im Schritt stehen blieb. Mein Auto war weg! Es stand weder auf dem Parkplatz gegenüber noch vor einem der Nachbarhäuser oder in dem Schuppen an der Auffahrt zum Hof.

Verzweifelt hielt ich den Autoschlüssel in alle nur denkbaren Richtungen, doch kein Ton antwortete mir. Am Ende meiner Kräfte ließ ich mich auf die nächste Bank sacken. Was hatte das schon wieder zu bedeuten? Dass ich mein Auto nirgends entdeckte, hieß an und für sich noch gar nichts, denn bei gutem Wetter ging ich oft zu Fuß zu meiner Mutter. Inzwischen hatte ich mich jedoch so weit von meinem Albtraum erholt, dass mir wieder klar vor Augen stand, wie ich direkt von der Arbeit hierhergekommen war. Aber wo war dann mein Auto? Einen Hubschrauber hatte ich ja wohl kaum genommen!

In dem Moment legte sich mir eine Hand auf die Schulter. Ich fuhr zusammen, sprang auf und drehte mich um.

»Alexej, ganz ruhig.«

Eine Frau um die zwanzig stand hinter mir. Sie war etwas rundlich, ihre Haut hatte noch keine Sonne gesehen, über ihre Schulter hing ein schwerer goldener Zopf. Sie trug ein gepunktetes blaues Sommerkleid, ausgelatschte Flipflops und eine riesige Sonnenbrille. Ihre ganze Erscheinung hatte etwas Unharmonisches, als ob jemand Teile aus verschiedenen Baukästen zusammengesetzt hatte. Der Zopf stammte aus dem ersten, das Kleid aus dem zweiten und die Brille aus dem dritten Kasten. Dass sie mir einen tüchtigen Schrecken eingejagt hatte, schien ihr kein Grund für eine Entschuldigung zu sein. Sie nahm lediglich die Hand von meiner Schulter und lächelte mich an.

»Laufen Sie jetzt bitte nicht weg, Alexej«, sagte sie. »Es wird alles gut. Ich bringe Sie gleich zu einigen hilfsbereiten Menschen, die Ihnen alles erklären werden.« Ihre Stimme, die garantiert aus dem vierten Baukasten stammte, kam mir vage bekannt vor.

»Wer sind Sie überhaupt?«, fragte ich möglichst sachlich, denn ich war kurz davor, einen hysterischen Lachanfall zu bekommen.

»Anna.«

Daraufhin umrundete sie die Bank und griff nach meiner Hand. Ihre Finger waren sehr schlank und heiß. Lavendelgeruch stieg mir in die Nase.

»Mir ist völlig klar, dass die letzten Tage nicht leicht für Sie waren«, versicherte sie mir im sanften Tonfall einer Psychologin, die einen Selbstmörder vom Rand des Daches weglocken will. »Doch nun brauchen Sie keine Angst mehr zu haben.«

Trotz ihrer unharmonischen Erscheinung hatte sie etwas seltsam Betörendes an sich. Genau wie dieser Kostja.

»Was hat das alles zu bedeuten?«, wollte ich wissen. »Diese Träume …«

Sie verschloss meine Lippen mit ihrem Finger.

»Gedulden Sie sich noch etwas, dann wird man Ihnen alles erklären, das verspreche ich Ihnen. Vorerst tun Sie jedoch bitte das, was ich Ihnen sage. Das ist von entscheidender Bedeutung. Wenn Sie mir zunächst folgen würden.« Sie zog mich an der Hand in den kühlen Schatten eines Hauseingangs. »Und jetzt sehen Sie auf den Fußboden. Auf Ihren Schatten!«

»Bitte?!«

»Sie sollen auf Ihren Schatten sehen.«

Der Lavendelgeruch nahm zu. Unwillkürlich gehorchte ich dem Befehl, denn gegen diese Frau zu rebellieren wäre mir geradezu blasphemisch vorgekommen.

»Die Hauptsache ist jetzt, dass Sie ganz ruhig bleiben. Atmen Sie gleichmäßig ein und aus. Versuchen Sie, sich zu entspannen. Ich werde Ihnen helfen, doch dürfen Sie keinen Widerstand leisten. Konzentrieren Sie sich auf Ihren Schatten! Nehmen Sie nur noch ihn wahr! Stellen Sie sich vor, dass er immer dunkler wird. Dass dahinter nichts ist …«

Wie hypnotisiert starrte ich auf den länglichen Umriss. Da es im Erdgeschoss des Hauses keine Fenster gab und über dem Eingang nur eine einzelne Glühbirne brannte, verschmolz mein Schatten fast mit dem grauen Betonboden.

»Und noch immer wird er dunkler und dunkler, wird tiefschwarz«, raunte die Frau. »Wird zu einem Klumpen Finsternis …«

Eine unangenehme Kälte kroch in mich, und über meinen Rücken rieselte eine Gänsehaut. Trotzdem konnte ich den Blick nicht von dem dunklen Fleck wenden. Genauso wenig wie ich dieser Unbekannten den Gehorsam verweigern konnte.

Mit einem Mal geriet mein Schatten in Aufruhr und schien sich vom Boden loszureißen.

»Tritt in ihn ein!«, befahl die Frau und zog mich an der Hand hinter sich her. Und so trat ich in das Dunkel ein, das sich vom Fußboden gelöst hatte. Wind pfiff. Kalter Herbstwind, der nicht zu dem warmen Augustabend passen wollte. Obwohl die Glühbirne erlosch, wurde es ringsum heller, denn ein seltsames graues Licht breitete sich aus. Es kam aus dem Nichts und schluckte die Farbe der grün gestrichenen Hauswand. Überall – auf dem Boden, an den Wänden und an der Decke – entdeckte ich nun diesen blau schimmernden Staub, den ich auf Leras Computer und bei meiner Mutter in der Wohnung gesehen hatte … Auch ein einsames Spinnennetz segelte zu Boden.

»Sie haben es geschafft!«, rief die Frau begeistert, um mich dann an sich zu ziehen und mir einen Kuss auf den Mund zu geben. Sofort löste sie sich wieder von mir. »Oh, entschuldigen Sie bitte, Ljoscha, aber ich freue mich einfach so, dass Sie es geschafft haben. Es hing nämlich sehr viel davon ab, dass Ihnen dieser Schritt gelingt.«

Die Frau strahlte mich an, als wäre sie ein wenig verrückt, wirkte nun aber wenigstens nicht mehr wie aus verschiedenen Einzelteilen zusammenmontiert. Das Kleid, die Schuhe und der Zopf waren zwar dieselben, passten nun jedoch besser zueinander. Bloß die Sonnenbrille störte. Mir wäre es lieber gewesen, die Frau hätte sie abgenommen.

»Und nun kommen Sie einmal mit«, verlangte sie, noch ehe ich mich richtig von dem Schrecken erholt hatte. Sie ergriff erneut meine Hand und zog mich zurück zur Straße. »Das, was Sie um sich herum wahrnehmen, nennt man Zwielicht. Sie können jederzeit in es eintreten, denn es ist Ihr neues Zuhause. Ein faszinierendes Zuhause, finden Sie nicht auch?«

Ich sah mich um. Ehrlich gesagt, konnte ich der Frau diesmal nicht zustimmen, auch wenn ich es gerne tun wollte. Doch meine Umgebung rief keine Begeisterung bei mir hervor. Diese Welt eines nuklearen Winters – in der bloß noch der Schnee fehlte.

Die Sonne war verschwunden, die Wolken waren verschwunden, vor dem Himmel hing ein dichter farbloser Vorhang, der nur ein trübes Streulicht durchließ. Die Bäume hatten ihre Blätter verloren und sich in knorrige Gerippe verwandelt. Von den Fassaden der Häuser war der Putz abgeblättert, hier und da waren bereits einzelne Ziegel zerbröckelt. Der Asphalt war rissig, das Gras fort. Der nackte Boden wirkte völlig unfruchtbar. Außerdem lag überall in dicken Schichten Staub, allerdings nicht dieser flockige wie im Aufgang, sondern ganz gewöhnlicher. Ein kalter unangenehmer Wind ging, schien den Staub aber kein bisschen zu stören. Und auch nicht die junge Frau, die sich so offensichtlich an dem postapokalyptischen Szenario ergötzte.

»Wir müssen zurück« sagte sie voller Bedauern. »Aber wir kommen bestimmt wieder hierher. Jetzt verhelfe ich uns zu einer Abkürzung. Was auch immer geschieht, geraten Sie nicht in Panik.«

Anna ließ meine Hand los und vollführte eine geschmeidige Bewegung. Meine Haut kribbelte in einer Weise, die schmerzhaft und angenehm zugleich war. Die Luft verdichtete sich, wurde zu einer milchigen Brühe. Direkt vor mir bildete sich ein perlmuttfarbener Strudel, der dicht wie Gelee war und sich um eine unsichtbare Achse drehte.

»Folgen Sie mir«, forderte Anna mich auf und griff erneut nach meiner Hand. »Keine Angst, das nennt sich Portal. Es bringt uns zu unserem Ziel. Dort warten jene Freunde auf Sie, die Ihnen alles erklären werden.«

Das Ganze war im Nu vorüber. Nur kurz ein- und ausgeatmet – und schon spuckte mich dieses strudelnde Portal wieder in jene staubige graue Welt aus. In der es nur einförmige schäbige Häuser, ein durch die Luft segelndes Spinnennetz und durchscheinende Schatten in der Straße gab. Das einzige Auffällige war ein weißer Turm, der sich in einiger Entfernung erhob.

»Hören Sie mir jetzt gut zu, Alexej«, sagte die Frau. »Ich kann Sie nicht weiter begleiten. Sie werden jetzt das Zwielicht verlassen, ich nicht. Sehen Sie dieses strahlende Gebäude da vorn? Gehen Sie direkt darauf zu, bleiben Sie nirgends stehen, lassen Sie sich durch nichts ablenken. An der Tür dort steht ein Posten. Sagen Sie ihm, wer Sie sind, Wenn er Sie trotzdem nicht durchlässt, fügen Sie hinzu, dass Sie zur Nachtwache müssen. Dann lässt er Sie auf alle Fälle hinein. Haben Sie das verstanden?«

Ich nickte bloß. Meine Zunge war völlig trocken, mein Kopf schien aus Watte zu bestehen.

»Sehr schön«, fuhr die Frau fort. »Dann blicken Sie jetzt nach unten. Sie müssen sich wieder auf Ihren Schatten konzentrieren. Erinnern Sie sich noch daran, wie Sie ins Zwielicht eingetreten sind? Um es zu verlassen, müssen Sie die Prozedur wiederholen, allerdings wird das viel einfacher sein.«

Die Frau trat dicht an mich heran und gab mir noch einen Kuss, diesmal auf die Wange.

»Ich freue mich wirklich sehr, dass wir uns endlich kennengelernt haben«, sagte sie lächelnd. »Und nun konzentrieren Sie sich auf Ihren Schatten!«

Die Rückkehr in die gewohnte Welt glich einem Sprung vom Zehnmeterbrett. Eben tappst du noch unschlüssig am Rand herum, und schon in der nächsten Sekunde schlägst du auf dem kalten Wasser auf. Deine Ohren verstopfen, du kriegst Wasser in die Nase, strampelst dich nach oben und schnappst endlich wieder Luft.

Nach diesem »Sprung« rollte jedoch eine irrationale Angst über mich hinweg, und Schweiß brach mir aus. Selbst die Welt der Schatten hatte mich letzten Endes nicht so erschreckt wie diejenige, die mich dorthin gebracht hatte. Eine freundliche blonde Frau, die großzügig Küsse verteilte. Erst jetzt schüttelte ich diese merkwürdige Benommenheit ab, die mich jedes ihrer Worte hatte aufsaugen und jedem ihrer Befehle widerspruchslos hatte gehorchen lassen.

Ich stand am Rand eines runden Platzes mit einem steinernen Denkmal für Tschapajew in der Mitte. Rund um den Platz verlief eine Straße. Die Fläche zwischen mir und der Statue nahmen gepflegte Rabatten mit Begonien und saubere himmelblau gestrichene Bänke ein. Auf die erstbeste ließ ich mich fallen. Eine Mücke schwirrte um mich herum. Die Augustsonne verschwand gerade hinter den Häusern, die kleinen Biester nahmen die Jagd auf. Ich klatschte in die Hände, zerquetschte den Blutsauger und spähte zu dem Turm aus weißem Licht hinüber. In der normalen Welt handelte es sich dabei um ein nicht sehr hohes Haus mit einer Apotheke, einem Friseur und einem Büro im Erdgeschoss. Offenbar war das Büro mein Ziel.

Lust dazu hatte ich keine, vor allem da ich nicht wusste, wer von all diesen mysteriösen Gestalten, die mir bisher begegnet waren, Feind und wer Freund war. Das wollte ich erst klären.

Bei der Vampirin erübrigte sich die Frage mehr oder weniger. Sie hatte mein Blut gewollt und basta. Besuchow mit seiner Gang hatte mich nicht gerade für sich eingenommen. Dieser Kostja schien auf meiner Seite zu stehen, zumindest konnte er Besuchow genauso wenig leiden wie ich. Anna … Mhm, im Grunde hatte ich nichts gegen sie. Die panische Angst von eben war weg. Außerdem fiel mir ein, woher ich ihre Stimme kannte: Die unbekannte Anruferin, als ich im Stau gestanden hatte, das war sie gewesen. Sie hatte zwar gesagt, sie würde mich erwarten, aber dann war an ihrer Stelle eben Kostja aufgetaucht.

Ich seufzte. Sollte ich einfach machen, worum sie mich gebeten hatte? Welche Alternative gab es denn? Meine Privatadresse kannte sie ebenso wie die Adresse meiner Mutter. Sollte ich vielleicht für eine Nacht bei irgendeinem Freund unterkrauchen? Oder mir ein Hotelzimmer nehmen? Aber wie dann weiter? Zur Polizei zu gehen und Anzeige zu erstatten kam ja wohl kaum infrage. Gegen wen denn bitte? Gegen Werwölfe und Vampire?

Mein Blick blieb an dem von Tauben belagerten Denkmal hängen. Der steinerne Tschapajew, der für alle Ewigkeiten auf seinem Pferd aufragte, hatte für meine Qualen nur einen kalten Blick übrig.

Konnte man einem übernatürlichen Problem mit dem gesunden Menschenverstand beikommen?

Seufzend stand ich auf, winkte der Statue zum Abschied zu, überquerte die Straße und hielt auf das Büro zu. Wie lautete das Passwort doch gleich? Nachtwache?

Zwanzig Zentimeter von der Klingel entfernt erstarrte meine Hand in der Luft. Wenn ich jetzt auf diesen Knopf drückte – da war ich mir tief in meinem Innern ganz sicher –, dann würde sich mein Leben von Grund auf ändern. Als ob es sich nicht schon längst geändert hätte, höhnte meine innere Stimme, der ich allerdings sofort riet, gefälligst den Mund zu halten.

Hinter mir polterte eine Straßenbahn vorbei. Klingeln oder nicht klingeln, das war hier die Frage.

»Alexej!«

Von Panik ergriffen, wirbelte ich herum, atmete aber gleich darauf erleichtert durch.

Vielleicht war es noch etwas zu früh dafür, aber in meiner gegenwärtigen Verfassung war ich bereit, nur das Gute zu sehen, soll heißen, dass es sich um Kostja handelte, der gerade aus der Straßenbahn stieg. Sein eines Auge zierte ein prächtiges Veilchen, an der linken Hand klaffte eine Wunde, und das türkisfarbene Hemd hatte die Hälfte seiner Knöpfe eingebüßt, während die zerfetzte Brusttasche als schlaffer Lappen herunterhing. Kostja zeigte sich von alldem jedoch völlig unbeeindruckt und eilte munter auf mich zu. In einer Mischung aus Verwunderung und echter Freude musterte er mich.

»Das nenn ich eine Überraschung! Wie hast du uns gefunden?«, wollte er wissen, runzelte dann aber die Stirn und starrte auf meine Haare.

Automatisch fuhr ich darüber.

»Also doch ein Lichter!«, bemerkte er zufrieden. »Einen Moment lang hatte ich schon befürchtet … Aber lassen wir das, gehen wir erst mal rein!« Er schlug mir wie einem alten Freund auf die Schulter und warf mich damit fast um. Der Mann war wirklich ein Recke.

»Arbeitest du in der Nachtwache?«, fragte ich.

»Woher weißt du denn von …?«, murmelte er fassungslos. »Aber gut, das kannst du uns gleich erzählen.«

Daraufhin schob sich Kostja an mir vorbei und drückte energisch auf den Klingelknopf.

Das Büro hätte durchschnittlicher nicht sein können. Billige Möbel im Holzimitat, ein Kleiderschrank, ein Regal voller dicker Aktenordner und ein Schreibtisch, der unter Papieren versank. Wie ein Wachturm ragte zwischen den ganzen Papierstapeln eine schwarze Ablagebox mit mehreren Fächern heraus.

Am Schreibtisch saß der lichte Magier Maxim, rechts davon auf einem Stuhl Kostja, der schon wesentlich besser aussah. Das Veilchen war fast verblasst, von der Wunde an der Hand zeugte nur noch ein rosa Streifen. Das ramponierte türkisfarbene Hemd hatte er gegen ein beigefarbenes eingetauscht, das kurze nasse Haar war akkurat zurückgekämmt.

»… und dann hat dieser Scheißkerl unseren Ljoscha mit dem Netz attackiert. Ich hab ihm die Fresse poliert, aber der Wolf und die Bärin haben sich auf mich gestürzt. Mit dem Wolf bin ich zwar fertiggeworden, aber gegen die Bärin war ich machtlos, da musste ich mich selbst verwandeln. In dem Moment mischte sich auch noch der Vampir ein – wie sollte ich mich da noch um Ljoscha kümmern?! Dann habe ich gesehen, wie das Sackgesicht irgendein Signal gab, wobei er einen echt verwirrten Eindruck machte. Ich dreh mich also um – und kein Ljoscha mehr. Selbst im Zwielicht habe ich nur noch ein paar Reste vom Netz entdeckt. Die Dunklen hatten allerdings auch keine Ahnung, was da ablief. Der Wolf wollte zwar Ljoschas Spur aufnehmen, wusste aber nicht, wo überhaupt anfangen. Wir haben noch die Wohnung überprüft, aber da war er auch nicht. Ich hab die Gegend gecheckt, aber Ljoscha blieb wie vom Erdboden verschluckt. Daraufhin habe ich beschlossen hierherzukommen, musste aber ewig auf die Straßenbahn warten. Und wen sehe ich dann direkt vor unserm Haus?! Ende der Geschichte.«

Kostja warf mir einen begeisterten Blick zu und reckte sogar den Daumen hoch.

»Aha«, murmelte Maxim bloß. Im Unterschied zu dem kontaktfreudigen, lockeren Kostja erinnerte dieser Magier eher an einen Eremiten, der einen Großteil seines Lebens in den Bergen verbracht hatte und nur durch eine Laune des Schicksals in die Stadt verschlagen worden war. Selbst wenn er jetzt glatt rasiert war, ein modisches Hemd mit großen Karos trug und Eau de Toilette benutzte, wurde ich den Eindruck nicht los, er sei nicht ganz von dieser Welt. Vielleicht lag das an dem leicht zerzausten Haar oder dem zerstreutes Auftreten, keine Ahnung. Hauptsächlich irritierte mich jedoch jener Stempel, den der vermutete Aufenthalt in den Bergen diesem Maxim Maximowitsch aufgedrückt hatte. Das Nirwana hatte er vielleicht noch nicht erreicht, Erleuchtung war ihm aber auf alle Fälle zuteilgeworden: Der Mann strahlte eine ungeheure Kraft aus. Und mochte diese auch sanft sein – im Zweifelsfall würde er mit ihrer Hilfe Berge versetzen und Flüsse bergauf fließen lassen. Wegen dieser Ausstrahlung hatte ich ihm von Anfang an geglaubt. Sogar als er mir gesagt hatte, dass er ein echter Magier war.

Während Kostja sich umgezogen hatte, hatte mich Maxim zu meinen Erlebnissen in den letzten Tagen befragt. Meinen Bericht hatte er schweigend angehört, ohne an einer einzigen Stelle nachzuhaken, den Kopf dabei wie ein Vogel zur Seite geneigt. Nachdem ich geendet hatte, war er aufgestanden, um am Fenster zur fahlen Scheibe des Mondes hinaufzustarren.