Die Wächter - Licht und Dunkelheit - Sergej Lukianenko - E-Book

Die Wächter - Licht und Dunkelheit E-Book

Sergej Lukianenko

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11,99 €

Beschreibung

Der atemberaubende Auftakt zu Sergej Lukianenkos neuer Romanserie aus der Welt der Wächter

Der junge Magier Dmitri Drejer arbeitet als Lehrer an einer Schule für die »Anderen «, auf der Vampire, Magier, Hexen und Gestaltwandler in gegenseitigem Respekt und Toleranz ausgebildet werden sollen. Sein alltägliches Leben gerät jedoch völlig aus den Fugen, als er eines Tages seltsame Vorgänge auf dem Schulhof beobachtet. Was er zunächst für einen harmlosen Streich seiner Schüler hält, entpuppt sich als gewaltige Verschwörung, die weit über die Grenzen Russlands hinausgeht. Eine Verschwörung, die das sensible Gleichgewicht zwischen den Mächten des Lichts und den Mächten der Dunkelheit für immer zerstören könnte ...

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Seitenzahl: 633

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Das Buch

Seit Menschengedenken gibt es die sogenannten »Anderen«: Vampire, Gestaltwandler, Hexen, Magier. Unerkannt leben sie in unserer Mitte und sorgen dafür, dass das Gleichgewicht zwischen den Dunklen Anderen und den Hellen Anderen gewahrt bleibt. Zwei Organisationen, den »Wächtern der Nacht« und den »Wächtern des Tages«, obliegt es, den vor langer Zeit geschlossenen Waffenstillstand – den »Großen Vertrag« – zu überwachen und jegliche Verstöße zu ahnden. Doch das Gleichgewicht ist brüchig …

Mit seinen WÄCHTER-Romanen hat der russische Kultautor Sergej Lukianenko einen weltweiten Bestseller gelandet – Millionen von Fans verfolgen begeistert jedes neue Abenteuer. Nun beginnt mit DIE WÄCHTER – LICHT & DUNKELHEIT eine neue Zeitrechnung in der Welt der Hellen und Dunklen Anderen – denn plötzlich ist nichts mehr so, wie es einmal war.

»Einzigartig! Mit der WÄCHTER-Serie hat Sergej Lukianenko ein Epos von ganz außerordentlicher Kraft geschrieben.« Quentin Tarantino

Der Autor

Sergej Lukianenko, 1968 in Kasachstan geboren, studierte Medizin, war als Psychiater tätig und lebt nun als freier Schriftsteller in Moskau. Er ist der populärste russische Autor der Gegenwart. Seine Romane und Erzählungen wurden mehrfach preisgekrönt. Mit seiner WÄCHTER-Serie stürmte er alle Bestsellerlisten.

SERGEJLUKIANENKO

DIEWÄCHTER

LICHT & DUNKELHEIT

ROMAN

Aus dem Russischen von Christiane Pöhlmann

Deutsche Erstausgabe

WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN

Titel der russischen Originalausgabe:

Школьный Надзор

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen. Deutsche Erstausgabe 10/2015

Redaktion: Maria Peeck

Copyright © 2013 by Sergej Lukianenko und Arkadi Schuschpanow

Copyright © 2015 der deutschen Ausgabe und Übersetzung

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Umschlaggestaltung: DAS ILLUSTRAT, München

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-15363-2V002

Der vorliegende Text ist für die Kräfte des Lichts pädagogisch nicht wertvoll.

Die Nachtwache

Der vorliegende Text ist für die Kräfte des Dunkels pädagogisch nicht wertvoll.

Die Tagwache

Der vorliegende Text ist für Andere unter 18 Jahren nicht freigegeben.

Die Inquisition

Erste GeschichteAndere Literatur

Prolog

Bevor Fjodor Koslow das Gespräch begann, legte er bewusst eine Pause ein, ganz wie ein Tenor, der einen hohen Ton in Angriff nimmt.

»Wir haben da einen Gesetzesverstoß begangen, Anna«, sagte er dann. »Das ist nicht schön. Überhaupt nicht schön.«

»Sind Sie …« Anna erschauerte. »… Staatsanwalt?«

Wollte Fjodor der Akte trauen, dann würde Anna in einem Monat ihren vierzehnten Geburtstag feiern.

Tatsächlich erinnerte nichts in seinem Zimmer an das Büro eines Staatsanwalts, wobei Fjodor freilich sein Lebtag noch nie im Büro eines Staatsanwalts gewesen war, von seiner Klientin ganz zu schweigen.

Die kunstvolle Wandmalerei katapultierte seine Besucher geradewegs an einen Lagunenstrand am blauen Meer. Der Teppich auf dem Fußboden war so weich, dass man sich nach wenigen Schritten unweigerlich entspannte. Fjodor und Anna saßen einander gegenüber, ohne dass ein Tisch sie trennte. Fjodors Sessel stand dabei so, dass er sich von rechts an seinen Gast wenden konnte. Angeblich flößte diese Anordnung Besuchern Vertrauen ein.

Die transparenten Bezüge der Sessel gewährten freie Sicht auf ihr Innenleben, wo sich statt Schaumstoff und Sprungfedern halb aufgeblasene Luftballons befanden. Solange diese Sitzmöbel niemand mit einem scharfen Gegenstand traktierte, war das eine recht stabile Angelegenheit. Und jeder Besucher entspannte sich in einem solchen Sessel sofort.

Scharfe Ecken und Kanten gab es in diesem Arbeitszimmer einzig und allein an dem Tablet-PC, den Fjodor auf seinen Oberschenkeln balancierte.

»Nein, ich bin kein Staatsanwalt«, antwortete er ehrlich auf Annas Frage. Dann folgte jedoch eine Lüge: »Ich bin Psychologe.«

»Ich habe nicht gewusst, dass es zu einem Psychologen geht.« Anna richtete sich gerade auf. Sie war ein rothaariges Mädchen mit leicht verschmitztem Grinsen. »Ich bin nämlich ganz normal.«

»Natürlich bist du das!«, versicherte Fjodor. »Wäre das nicht der Fall, hättest du es nicht mit mir zu tun, denn ich bin, wie gesagt, Psychologe, sondern mit einem Psychiater. Ist dir dieser Unterschied klar? Nach unserem Gespräch werde ich allerdings entscheiden, wie es mit dir weitergeht. Und da könnte der Staatsanwalt dann durchaus ins Spiel kommen!«

»Ich habe nichts Verbotenes getan!«, rief Anna. »Gestohlen habe ich schon gar nichts!«

»Du brauchst nicht gleich zu schreien«, erwiderte Fjodor im Flüsterton und beugte sich leicht zu ihr vor.

Da er fast zwei Meter lang war, erinnerte dieses Vorbeugen ein wenig an das Manöver eines Turmkrans.

»Ich habe nichts gestohlen«, wiederholte Anna nun leiser und beugte sich ebenfalls vor. »Es ist von selbst aufgetaucht, Ehrenwort! Nur glaubt mir das niemand.«

Ihre Augen funkelten, was Fjodor verriet, dass Anna innerlich panisch und verzweifelt war, mochte sie sich auch noch so gefasst geben.

»Ich glaube dir«, sagte er deshalb.

»Das ist doch eine glatte Lüge!« Anna ließ sich in ihrem Sessel zurückplumpsen, was ein unzufriedenes Quieken der Luftballons nach sich zog.

»O nein, ich glaube dir wirklich«, sagte Koslow ruhig, während er im Stillen noch »gerade weil es so absurd ist« hinzufügte. »All diese Sachen hast du nicht gestohlen. Sie sind ganz von selbst bei dir aufgetaucht.«

»Aber wieso glauben Sie mir?«, fragte Anna. »Ich habe Ihnen doch noch gar nicht erzählt, was …«

»Das brauche ich nicht zu wissen, denn ich sehe dir an, dass du nicht lügst. Deine Pupillen, deine Atmung und deine Gesichtsfarbe verraten mir, dass du die Wahrheit sagst.«

Daraufhin sah sich das Mädchen aufmerksam im Raum um, vermutlich auf der Suche nach einem Spiegel. Sie hätte wohl gern einen Blick auf sich geworfen und anschließend darauf geachtet, dass im weiteren Verlauf des Gesprächs weder ihre Pupillen noch sonst ein Detail sie irgendwie verraten würde.

Der Spiegel war ziemlich weit weg – und aufzustehen traute sich Anna denn doch nicht.

Koslow log grundsätzlich niemanden gern an, Kinder schon gar nicht. Im Grunde hatte er auch eben nicht gelogen – sondern lediglich die halbe Wahrheit gesagt. Natürlich wäre er einer Lüge Annas aufgrund ihrer körperlichen Reaktionen auf die Schliche gekommen, hatte er doch gelernt, auf die kleinsten Regungen seines Gegenübers zu achten. Was bestens ohne jede Magie ging.

Ein noch beredteres Zeugnis, ob jemand die Wahrheit sagte oder nicht, gab allerdings die Aura ab. Aber diesem Mädchen würde er den Begriff »Aura« erst einmal sehr behutsam vermitteln müssen, Anna hatte nämlich nicht die geringste Ahnung, wer sie eigentlich war. Was ihren Fall besonders interessant machte.

»Dann … werden Sie also bestätigen, dass ich nichts gestohlen habe?«

»Ganz genau«, erwiderte Koslow. »Jedenfalls, sofern du dich kooperativ zeigst.«

Anna war bereits auf Drogen getestet worden, gehörte jedoch nicht zur Risikogruppe. Sie war eine völlig durchschnittliche Jugendliche, Tochter einer alleinerziehenden Mutter, die als Lehrerin an einer Musikschule arbeitete. Die Mutter hatte ihre Tochter auch zur Polizei gebracht, nachdem in ihrer Wohnung immer mehr Dinge aufgetaucht waren, die sie sich von ihrem Gehalt niemals hätte leisten können. Natürlich hatte sie von den Beteuerungen ihrer Tochter, all das sei »von selbst« bei ihnen gelandet, nichts hören wollen.

»Das werde ich«, sagte Anna und blickte Fjodor Koslow mit gesenktem Kopf an.

»Dann sind wir uns ja einig. Und jetzt erzähl mir mal, wie du das anstellst! Wie hast du zum Beispiel das Handy herbeigezaubert?«

»Ich zeichne. Das heißt, eigentlich bin ich völlig unbegabt. Aber ich mache das Licht aus und zünde eine Kerze an, und dann kleckse ich mit Farben herum.«

»Schade, dass du deine Ausrüstung nicht mitgebracht hast.«

»Woher hätte ich denn wissen sollen, dass ich sie brauche?!«

»Ist ja nur halb so schlimm«, beruhigte Koslow sie, während er sich vormerkte, sie unbedingt im Zeichnen zu unterweisen.

»Ich selbst nenne diese Klecksereien immer Malaria.«

»In dem Sinne: Ihr meint wohl: Malaria, Fieberdelirien?«, entgegnete Koslow lächelnd, um dann mit verstellter Stimme fortzufahren. »O nein: das ist in Odessa geschehn.«

»Ich komme um vier, versprach Maria«, setzte Anna das Gedicht fort. »Acht. Neun. Zehn.«

»Du kennst Majakowski?«, fragte Koslow und schielte tatsächlich noch einmal auf die biographischen Informationen. Nein, er hatte sich nicht getäuscht, Anna war wirklich erst dreizehn.

»Nur die zweibändige Ausgabe«, antwortete Anna und sah ihn fest an. »Diese roten Hardcovers …«

»Das ist ein Wunder!«

Genau genommen war die literarische Beschlagenheit des Mädchens für ihn sogar ein noch größeres Wunder als eine Wohnung voller Gegenstände, die aus dem Nichts aufgetaucht waren, oder als dieses Mädchen, das sich das Zaubern selbst beigebracht hatte.

»Du zeichnest also etwas, und schon manifestiert es sich?«

»Nicht ganz. Wie gesagt, das ist die reinste Malaria, irgendetwas, das mir gerade durch den Kopf geht. Im Grunde sind das alles bloß Farbkleckse. Manchmal fügen sie sich zu irgendwelchen idiotischen Mustern zusammen … Und dann taucht halt etwas auf. Ich denke aber überhaupt nicht an diese Sachen, manchmal will ich sie nicht einmal, aber sie sind dann einfach da.«

»Und das ist alles?«

»Ja! Aber das wurde doch auch schon überprüft: Nichts von dem, was bei uns zu Hause sichergestellt wurde, ist als gestohlen gemeldet worden. Das Zeug ist niemals irgendwem abhandengekommen. Wenn es sein muss, gebe ich den ganzen Kram ab! Ich habe also gegen kein Gesetz verstoßen!«

»O doch«, hielt Koslow dagegen, wenn auch nicht in scharfem, sondern eher in sanftem Ton. »Das hast du.«

»Gegen welches denn bitte?« Sie war gespannt wie eine Saite, ein Vergleich, der bei ihrer mageren Figur mehr als passend war.

»Das Gesetz Michal Wassiljewitsch Lomonossows. Oder auch das von Antoine Laurent de Lavoisier. Die beiden haben es unabhängig voneinander entdeckt.«

»Und wegen eines Verstoßes gegen dieses Gesetz kommt man tatsächlich vor Gericht?«, fragte Anna halb erstaunt, halb schnippisch.

Sie hatte keine Ahnung, worum es bei diesem Lomonossow-Lavoisier-Gesetz ging. Genauso wenig, wie sie wusste, dass die moderne Physik der Menschen es nicht für hundertprozentig zutreffend hielt. Eine – um es einmal so auszudrücken – weniger vom Menschen geprägte Physik hatte die Grenzen dieses Gesetzes im Übrigen schon vor undenkbaren Zeiten erkannt.

»Das nun auch nicht gerade«, räumte Koslow ein. »Aber man interessiert sich für einen solchen Fall, das erlebst du ja gerade.«

»Aber ich habe von diesem Gesetz noch nie gehört«, gab Anna zu, was Koslow bereits vermutet hatte.

»Unwissenheit, meine Liebe, schützt vor Strafe nicht. So heißt es in einem juristischen, nicht in einem physikalischen Gesetz.«

»Und was bedeutet das konkret für mich?« Die Luftballons unter Anna gerieten erneut in Bewegung.

»Ich sehe zwei Möglichkeiten. Erstens: Du setzt deine Malariaexperimente fort und wirst früher oder später echte Schwierigkeiten kriegen. Zweitens: Du nimmst meinen Rat an und wechselst auf eine besondere Schule, die extra für begabte Kinder wie dich eingerichtet worden ist.«

»Was heißt das? Ist das irgendein Geheiminstitut?«

»Nein, bestimmt nicht. Die Schule nimmt allerdings nicht jeden auf, daher ist sie schon etwas exklusiv.«

»Dann muss man bestimmt Schulgeld zahlen …«

»Im Gegenteil, sogar Unterkunft und Verpflegung kosten dich nichts, obendrein erhältst du noch ein Stipendium.«

»Dafür muss ich aber unterschreiben, dass ich dieses Gesetz nicht mehr verletze?«

Abermals verspürte Fjodor Koslow den unwiderstehlichen Drang, das Geburtsdatum und Alter in Anna Sergejewna Golubewas Unterlagen zu überprüfen.

»Nein, das wird niemand verlangen. Nun, welcher Variante gibst du den Vorzug?«

»Der zweiten.«

Daraufhin erhob sich Fjodor, schwebte über den Teppich und öffnete die Tür zum Vorzimmer.

»Tatjana!«, rief er. Dann kehrte er zu Anna zurück. »Ich werde jetzt einen Bericht aufsetzen. Am Donnerstag kommst du noch mal mit deiner Mutter her. Bis dahin würde ich dir raten, auf jeden Malariawahn zu verzichten. Lies lieber ein Physikbuch, dann hast du in dem Fach gleich die Nase vorn.«

»Wird erledigt!«, stieß Anna aus und schnellte aus dem Sessel. Die Luftballons schickten ihr zum Abschied einen letzten Seufzer hinterher.

Sobald die Eingangstür hinter Anna zugefallen war, zog Fjodor eines der vielen Dinge, die Annas Malaria hervorgebracht hatte, aus der Tasche. Dieses Artefakt, wenn man es denn so nennen wollte, war tatsächlich niemandem gestohlen worden. Weil es eigentlich gar nicht im Besitz von irgendjemandem hätte sein dürfen. Äußerstenfalls wäre es in der Entwicklungsabteilung irgendeiner weltbekannten und mächtigen Firma denkbar. Beispielsweise in der, die einen angebissenen Apfel zum Logo gewählt hatte. Als einziges Exemplar. Als Prototyp. Aber auch diese Firma hatte den Gegenstand nie in Händen gehabt. Obwohl sie vermutlich eine Unsumme dafür bezahlt hätte.

Die entsprechenden Fachleute der Nachtwache hatten sich wegen dieses Dings schon das Hirn zermartert. Wie sie Fjodor gesagt hatten, war ein derartiges Handy überhaupt noch nicht erfunden worden.

Doch ein dreizehnjähriges Mädchen hatte es herbeizaubern können. O ja, er musste sich unbedingt ansehen, was sie da zusammengekleckst hatte.

Schließlich kehrte er in sein Arbeitszimmer zurück, um das Empfehlungsschreiben für die Schule aufzusetzen.

Und wenn er hundertmal ein Anderer war und sich selbst nicht zu den Menschen zählte – um den Haufen Papiere, die es ständig auszufüllen galt, kam er trotzdem nicht herum.

Eins

»Das war’s für heute«, sagte Drejer und schloss das Blogfenster. »Den Aufsatz bekomme ich am Montag.«

Die Klasse heulte auf, als wären mit dem Pausenläuten irgendwelche Motoren angelassen worden. Die Notebooks klappten zu wie Muschelschalen, die keine Perlen, sondern eine Unmenge von Halbleiterchips schützten.

Die mit moderner Technik bestens ausgestattete Klasse hätte man für die Kinderabteilung irgendeiner Denkfabrik halten können, obendrein eine der Zukunft. Wer jedoch nur einen Funken gesunden Menschenverstand besaß, hätte nie im Leben vermutet, dass es sich hier um eine Schule für Magie handelte, schließlich gab es weder lange Gänge mit Gewölbedecke noch Gänsefedern oder Umhänge. Sondern lediglich Jungen und Mädchen, die sich auf den ersten Blick durch nichts von ihren Altersgenossen unterschieden. Sie trugen keine Schuluniformen und waren auch ansonsten nicht irgendwie exaltiert, sondern begnügten sich mit Rucksäcken, Jeans und Handys mit zahllosen Funktionen. Ab und an schleuste ein Schüler eine Spielkonsole ein – die ihm während des Unterrichts erbarmungslos abgenommen wurde.

Auch die meisten Fächer waren völlig unauffällig: Physik, Chemie, Algebra, Geometrie und Fremdsprachen wie Englisch, Französisch oder Deutsch. In den höheren Klassen nahm der Stundenplan dann aber zunehmend einen ungewöhnlicheren Verlauf. Genauer gesagt, einen anderen.

Andere Geschichte.

Andere Literatur.

Andere Gemeinschaftskunde.

Ziemlich bizarr mutete auch das Fach Bevölkerungsschutz an, das spitze Zungen prompt in Verteidigung gegen die Kräfte des Dunkels und des Lichts umgetauft hatten. Als höchst eigenwillig musste man auch den Biologieunterricht bezeichnen, genauer gesagt, einige seiner Vorgaben im Lehrplan: Physiologie von Vampiren und Tiermenschen, Alterskonservierung bei Anderen oder Bausteine der Heilkunst, schließlich mussten selbst Dunkle Wunden behandeln können.

Dmitri Drejer ließ den Blick mit strenger Miene durch die leere Klasse wandern: Zwei Schüler hatten die Notebooks nicht ausgeschaltet. Diese Taugenichtse! Und natürlich waren es mal wieder die Gromowa und Schtschukin.

Er könnte ihnen jetzt einen mentalen Befehl senden, damit sie auf der Stelle zurückkämen und die Rechner herunterführen. Sollten sie diesen Befehl ignorieren, weil sie hofften, mit der Ausrede davonzukommen, sie hätten das Signal im Strom ihrer chaotischen Gedanken überhört, könnte er sogar einen Zauber hinterherschicken. Eine schlichte Krätze zum Beispiel. Die würde ihnen so lange keine Ruhe lassen, bis sie das Vergessene endlich nachgeholt hatten.

Stattdessen erhob sich Drejer jedoch bloß stur und ging zu dem Tisch, um den Rechner eigenhändig auszuschalten. Es war nun einmal sein Prinzip, auf Magie zu verzichten, wann immer es ging. Vor allem weil er nicht zum nächsten Unterricht musste, sondern eine Freistunde hatte. Sollten die beiden Schlawiner also vorerst ungeschoren davonkommen.

Vom Sportplatz der Schule, wo gerade der vielgeplagte Ring des Basketballkorbs unter dem Aufprall des Balls erzitterte, drangen Schreie zu Drejer herauf. Die tiefste Stimme gehörte Borissytsch, dem Sportlehrer.

»Karasjow!«, brüllte er. »Runter vom Platz! Das war die zweite Levitation! Glaubst du vielleicht, ich krieg das nicht mit?! Los, Abmarsch, wenn ich bitten darf!«

Ach ja, auch hier spielte man bloß Basketball. Dabei hatte Drejer, als er seine Stelle angetreten hatte, durchaus mit einigen exotischen Sportarten gerechnet, wie er sie aus den Harry-Potter-Filmen kannte. Doch niemand hatte die Absicht, ein Rugbyspiel auf Besen auszutragen. Obwohl der Besen als Flugapparat bekannt und vor Ewigkeiten auch zum Einsatz gelangt war. Wenn auch ziemlich selten, denn schon damals hatte man einem schlichten Spaten den Vorzug gegeben, saß man auf diesem doch bequemer.

Außerdem wussten Hexen, wie man ihn mit der Wärme eines Herdfeuers mit neuer Kraft auftankte.

Die Schule war von der nahe gelegenen Stadt durch einen Waldstreifen sowie eine Reihe magischer Barrieren getrennt, als da wären die Sphäre der Nichtbeachtung, die Negationssphäre und so weiter und so fort. Im Grunde hätte man sich also durchaus eine russische Quidditch-Variante spendieren können. Man bevorzugte aber die olympischen Disziplinen, damit die Schüler lernten, in einer Welt zu überleben, in der es abertausendmal mehr Menschen als Andere gab. Trotzdem verstießen im Spiel alle hin und wieder gegen die Regeln und setzten Magie ein. Die Dunklen, weil es ihnen Spaß machte und zu Trainingszwecken (»Übung macht den Meister!«), die Lichten, weil sie wollten, dass ihr Team gut dastand. Da jedoch sowohl die Teams als auch die Klassen gemischt waren, gab es keine Konkurrenz à la Gryffindor gegen Slytherin. Das hätte dem pädagogischen Grundkonzept Russlands widersprochen und das gesamte Experiment ad absurdum geführt.

Was dieses Experiment eigentlich sollte, war Drejer offen gestanden schleierhaft. Als ob man Lichte und Dunkle zu gegenseitiger Toleranz erziehen könnte, wenn man sie von klein auf zusammensteckte. Aber wenigstens lernten sie in dieser Schule schon früh die Unterschiede zwischen beiden Seiten kennen. Wahrscheinlich war das auch der Grund, warum er, Dmitri, hier arbeitete.

Nachdem er die beiden Notebooks heruntergefahren hatte, verspürte Dmitri den Wunsch, aus alter Gewohnheit die Tafel abzuwischen, heutzutage ein völlig überholter Gedanke. Sicher, an der Wand hing noch eine Tafel – nur war sie nicht mehr als ein Relikt. Drejer vertraute längst auf interaktive Programme, die er vom Lehrerterminal aus steuerte. Als er sich jetzt aber zur Tafel umdrehte, stellte er fest, dass es diesmal doch etwas wegzuwischen gab: Auf dem grünen Untergrund prangte ein mit Kreide gemaltes Smiley.

Nachdem er seine Präsentation zur Rolle der Anderen in der modernen Literatur geschlossen hatte, bewaffnete sich Drejer mit einem nassen Lappen. Doch sobald er die Hand gehoben hatte, huschte die Zeichnung davon. Und als er das Gesicht mit einem raschen und genauen Schlag erwischen wollte, entkam es dem Lappen abermals in letzter Sekunde.

Jemand musste sich einen Scherz mit ihm erlauben.

Dmitri sah sich das Smiley durchs Zwielicht an, konnte den Zauber hinter der Zeichnung jedoch nicht entschlüsseln. Wahrscheinlich Teamwork. Immerhin bewegte er, Dmitri, sich in der ersten Schicht des Zwielichts schneller als in der normalen Realität – und das sollte er sich jetzt zunutze machen. Nur entwischte ihm die Visage noch immer, flitzte über die Tafel und streckte ihm ab und an sogar die Zunge raus.

Allmählich geriet Dmitri ins Schwitzen. Aber diese dämliche Jagd aufzugeben, das verbot ihm sein Stolz, für den es jedoch genau genommen kaum einen Grund gab. Er mit seinem siebten Grad! Aber wenn er sich vorstellte, wie die gesamte Klasse in der nächsten Stunde kichernd auf die Tafel starren würde … Nein, er durfte auf gar keinen Fall kapitulieren.

Mit einem Mal veränderte das Smiley den Gesichtsausdruck und blickte erstaunt drein. Als Nächstes wuchsen die kullerrunden Augen mit den weißen Pupillen immer weiter an, und der Grinsemund verwandelte sich in das Oval eines lautlosen Schreis. Schließlich löste sich die Zeichnung in einer kleinen Wolke Kreidestaub auf.

»Hast du kurz Zeit, Drejer?«, erklang es hinter Dmitri.

Daraufhin verließ Dmitri das Zwielicht – und das eben noch schwarz-weiße Klassenzimmer nahm wieder Farbe an.

»Setzen Sie sich doch bitte«, sagte er, während er sich umdrehte.

»Das habe ich schon«, antwortete die Stimme.

Hinter dem Lehrerterminal saß Licharew oder, wie spitze Zungen ihn nannten, Licho Einauge. Er war kürzlich zum Obersten Schulaufseher am Internat berufen worden. Anders als sein Namenspatron, der aus dem Märchen bekannte Unglücksbote Licho, verfügte Licharew jedoch über beide Augen, auch wenn das linke Lid infolge einer Ptosis herabhing. Früher hatte er bei der Nachtwache gearbeitet, wo er sich bei der Festnahme eines verbrecherischen Zauberers durch eine Verletzung eines Augennervs auch die Ptosis eingefangen hatte. Natürlich hätte er sich längst operieren lassen können. Aber den Ärzten der Menschen vertraute er nicht, und an einen Heiler wollte er sich nicht wenden, damit die Dunklen im Gegenzug ja nicht in den Genuss einer Intervention kamen, mit der sie das Gleichgewicht wiederherstellten. Frei nach dem Motto der Menschen: Mag meine Scheune ruhig brennen – Hauptsache, die Kuh des Nachbarn kratzt ab.

Als Licharew dann der Inquisition beitrat, war ihm sein Auge endgültig egal. Mehr noch, er versicherte, mit diesem sehe er wunderbar bedrohlich aus, was bei seiner minderjährigen Klientel nur von Vorteil sei.

Doch wenn Licho Einauge überhaupt jemanden erschreckte, dann höchstens Neulinge.

»Ich muss mit dir reden, Drejer.«

Aus irgendeinem Grund sprach Licharew Dmitri stets mit Familiennamen an. Vielleicht weil der Name ihm so gefiel, vielleicht aber auch, weil der Literaturlehrer das Misstrauen des Inquisitors geweckt hatte. Nach Dmitris Vorstellung bestand nämlich genau darin Lichos Arbeit: alle ständig zu verdächtigen. Ganz wie es sich für einen Inquisitor gehört. Dennoch störte sich Drejer nicht an der Mischung aus Du und Nachname, denn irgendwie mochte er Licho.

Inquisitor hin oder her.

Seit einiger Zeit durfte Licharew übrigens noch aus einem weiteren Grund ein offizielles Gespräch von Drejer verlangen: Er war – noch dazu durch Dmitris Zutun – zum Obersten Schulaufseher befördert worden. Momentan war er allerdings auch der einzige Schulaufseher, gleichzeitig leitete er noch die Abteilung für Gemeinschaftskunde.

Dmitri nahm schweigend gegenüber Licho Platz. Garantiert hatte Licharew absichtlich das Lehrerpult belegt, sodass Dmitri sich unweigerlich in der Position eines Schülers wiederfand, egal, wohin er sich setzte. Und als solcher hatte er Rede und Antwort zu stehen …

Dabei war Drejer so oder so derjenige von ihnen beiden, der in der Hierarchie weiter unten stand. Sowohl vom Grad als auch von der Position an der Schule her. Denn Licho verkörperte ihre interne Polizei.

»Die Tür sollten wir besser abschließen«, sagte Licho, der dies erledigte, ohne auch nur aufzustehen.

Die Schüler durften nur in eigens dafür vorgesehenen Stunden Magie einsetzen, in den übrigen Fächern und in ihrer Freizeit war es ihnen strikt verboten. Auch die Lehrkräfte waren gehalten, in Anwesenheit der Kinder auf jede magische Handlung zu verzichten.

Eine Aufforderung, die man sich hätte sparen können. Ebenso gut hätte man es den Schülern auch verbieten können, in der Pause herumzurennen oder in abgelegenen Ecken zu rauchen. Immerhin achteten alle darauf, nicht allzu offen gegen die Regel zu verstoßen. Im Grunde war es wie mit der Straßenverkehrsordnung: Man ließ sich jahrelange kleinere Verstöße zuschulden kommen – bis man einmal so richtig erwischt wurde.

Dieses Schicksal hatte jüngst Licharews Ex-Chef Strigal ereilt. Ihn hatte es, wenn man so wollte, kalt erwischt.

»Du ahnst, worum es geht«, fragte Licharew und kniff das gesunde Auge zu.

Dmitri nickte.

Vor einem Monat hatte Direktor Sorokin alle Lehrkräfte und Erzieher bei sich einbestellt. Da das Kollegium der Schule nicht sehr groß war, passten alle mühelos in Sorokins Arbeitszimmer.

Der Raum wirkte wie das Büro irgendeines Menschen im Staatsdienst, lediglich das Portrait des Präsidenten fehlte an der Wand hinter dem roten Ledersessel. Dafür thronte die unvermeidliche Standarte mit der russischen Fahne in Blau, Weiß und Rot auf dem Schreibtisch. In einer Schule für Menschen hätte sich dieses Arbeitszimmer allerdings viel zu pompös ausgenommen, schon eher hätte es zum Rektor einer Finanzakademie gepasst. Edelhölzer, gediegene Polstermöbel, gepflegte Pflanzen und allerlei außergewöhnlicher Nippes. Zumindest glaubten verschiedene Kommissionen der Menschen, die der Schule hin und wieder einen Besuch abstatteten, es sei Nippes. Laut Sorokin handelte es sich bei diesen Ziergegenständen jedoch um längst unbrauchbar gewordene Artefakte, mit denen die Aufmerksamkeit offizieller Besucher gefesselt werden sollte. Und um die Frage, woher die Internatsschule ihre Mittel bezog, im Keim zu ersticken, hatte man eine regelrechte »Ikonostase« geschaffen: An einer Wand hingen in Goldrahmen gefasste Dankesschreiben edler Spender. Selbst einige Photographien von Oligarchen waren darunter, aufgenommen, als sie angeblich ihre alte Schule besucht hatten.

Diese Danksagungen und Photos waren echt. Ebendas hatte Dmitri am stärksten beeindruckt, als er Sorokins Arbeitszimmer das erste Mal betreten hatte. Das waren keine gefakten oder magisch präparierten Stücke, das erkannte der Literaturlehrer trotz seiner geringen magischen Fähigkeiten.

Anstelle des ersten Mannes im Staat zierte die Wand hinter dem Schreibtisch immerhin eine Reihe unterschiedlicher Portraits. Sie zeigten große Pädagogen und Persönlichkeiten, die sich in der Vergangenheit um die Allgemeinbildung verdient gemacht hatten, aus irgendeinem Grund bei Aristoteles angefangen. Vielleicht lag es daran, dass der Philosoph und Verfasser der Poetik das Lyzeum gegründet hatte, vielleicht aber auch daran, dass er der Lehrer Alexanders des Großen gewesen war. Einige Gesichter kannte Dmitri noch gut vom Lehrstuhl für Pädagogik. Komischerweise endeten ihre Nachnamen alle gleich, obwohl die Träger dieser Namen zu ganz unterschiedlichen Zeiten gelebt hatten. Komenski, Uschinski, Lunatscharski, Suchomlinski … Als ob ihr Name sie von vornherein auf einen bestimmten Beruf festgelegt hätte. Eine Ausnahme bildeten, von Aristoteles abgesehen, lediglich Lew Tolstoi, Anton Makarenko und Janusz Korczak. All diese Kapazitäten der Vergangenheit schienen ebenfalls an der Besprechung teilzunehmen, hielten sich jedoch etwas abseits und saßen erhöht, als handelte es sich bei ihnen um eine Respekt gebietende Kommission.

Die Pädagogen der Gegenwart saßen dagegen am Tisch. Herausragend war keiner von ihnen, würde es wohl auch nie sein. Es waren durch die Bank Andere. In der Schule gab es nämlich überhaupt keinen Menschen.

Dmitri schwante nichts Gutes. Rechts vom Direktor saßen die beiden Schulaufseher, da musste es ja um eine Sache gehen, mit der nicht zu spaßen war. Am stärksten beunruhigte ihn jedoch der hochgewachsene unbekannte Mann. Dmitri unterzog ihn einer peniblen Betrachtung durchs Zwielicht.

Ein Lichter. Der ihm trotzdem nicht ganz geheuer war …

»Verehrte Kollegen, wir haben heute den Mitarbeiter der städtischen Nachtwache Fjodor Nikolajewitsch Koslow bei uns zu Gast. Er kommt von der Abteilung für Minderjährige.«

Der Mann erhob sich und nickte allen zu.

Alles klar, dachte Dmitri. Ein Fahnder. Das verriet ihm die Aura des Mannes. Vielleicht weil sich in ihr zeigte, dass der Mann regelmäßig fremde Auren scannte. Vielleicht rief seine ganze Erscheinung aber auch eine tief sitzende Angst in Dmitri wach, die noch aus Kindergartentagen stammte. Damals hatte er sich wer weiß wie vor der Miliz und überhaupt vor allen Menschen aus Behörden gefürchtet. Gut, er hatte solche Menschen auch ein wenig angehimmelt und sie mit Spionen und Polizisten aus allerlei Filmen gleichgesetzt. Gefürchtet hatte er sie trotzdem.

»Zur Kenntnisnahme für unsere dunklen Kollegen: Der Besuch des Herrn Koslow ist mit der Tagwache abgestimmt«, fuhr Direktor Sorokin unterdessen fort. »Damit haben Sie das Wort, Fjodor Nikolajewitsch!«

Der Mann verharrte kurz schweigend.

»Herrschaften«, setzte er dann an.

Mittlerweile wusste Dmitri, dass bestimmte Konventionen der Menschen bei den Anderen nicht üblich waren. Beispielsweise bei der Anrede. Der Direktor nannte ausnahmslos jeden Kollegen, mochte es sich nun um einen Dunklen oder einen Lichten, um einen Schulaufseher oder Inquisitor handeln. Bei ihm klang das jedoch völlig natürlich. Koslow tat sich da deutlich schwerer. Vermutlich weil er nicht wusste, welchen Ton er vor einem derart gemischten Publikum anschlagen sollte.

»Bekanntlich leben in unserer Stadt mehr als eine halbe Million Menschen …«

Mit einem demographischen Vortrag hatte bei einem Mitarbeiter der städtischen Nachtwache wohl niemand gerechnet.

»Das heißt, rein statistisch müsste es – von der Schule einmal abgesehen – etwa fünfzig Andere geben. Tatsächlich beläuft sich die exakte Zahl nach unseren Unterlagen auf zweiundachtzig. Ein durchaus erwartbarer Anteil bei den offiziell hier gemeldeten Menschen.«

Abermals legte Koslow eine Pause ein. Von den Anwesenden sagte niemand ein Wort. In Sorokins Schrank tickte eine Uhr. Sie war schon alt und hätte eigentlich irgendwo auf einem Kamin stehen müssen. Aber garantiert war auch sie kein schlichter Zeitmesser, sondern ein Artefakt.

»Von diesen Anderen sind lediglich fünf Lichte.«

»Diese Werte kennen wir«, bemerkte der Stellvertretende Direktor Salazar-Diego Vargas nun. »Das ist die alte Konstante von eins zu sechzehn.«

Vargas war Kubaner von Geburt und dunkler Magier von seiner Anlage. Vor zehn Jahren war er vor dem Castro-Regime in die damals bereits demokratische Russische Föderation geflohen. Wieso sich ein Anderer, noch dazu ein Dunkler, überhaupt für die Machtverhältnisse der Menschen interessierte, war Drejer schleierhaft. Aber gut, jeder nach seiner Fasson. Und vielleicht gab es ja für Dunkle tatsächlich einen guten Grund, das Castro-Regime abzulehnen. Neben seinen Aufgaben als Stellvertretender Direktor unterrichtete der Kubaner noch Mathematik.

»Sie haben recht«, sagte Koslow. »Auf fünf Lichte kommen also in etwa siebenundsiebzig Dunkle. Wie immer.«

»Einen Moment«, erhob Vargas erneut das Wort. »Was heißt hier in etwa?«

»Genau deswegen bin ich hier«, erwiderte Koslow. »Darf ich vielleicht zunächst fortfahren?«

Der Kubaner presste bloß die Lippen aufeinander.

»Von den fünf Lichten arbeiten vier in der Nachtwache. Der fünfte ist noch zu jung. Er … pardon … sie ist übrigens kürzlich in dieser Schule aufgenommen worden. Dank Ihrer Institution und dank des Sonderstatus der Stadt wurden unserer Wache glücklicherweise zusätzliche Mitarbeiter zugeteilt, sodass es mittlerweile in der Stadt weitaus mehr Nachtwächter als gebürtige Lichte gibt. Entsprechend ist allerdings auch der Personalbestand der Tagwache größer, als es eigentlich nötig wäre, wenn Ihre Schule nicht existieren würde. Darüber hinaus hat man in jeder der beiden Wachen eine Abteilung für Minderjährige eingerichtet. Sämtliche Maßnahmen fanden die Billigung der Inquisition, die ja auch Mitarbeiter zur ständigen Kontrolle hier vor Ort abgestellt hat.«

Koslow deutete mit der Hand in Richtung Strigal und Licho Einauge. Diese bewahrten jedoch steinerne Mienen. Aller Wahrscheinlichkeit nach kannten sie den Grund für Koslows lange Einleitung.

»Dank dieser Maßnahmen haben wir die niedrigste Quote von Verletzungen des Großen Vertrags«, fuhr Koslow fort. »Und zwar nicht nur im gesamten Umland, sondern auch im Vergleich zu etlichen Nachbarregionen. Genauer gesagt, wir hatten bis vor Kurzem die niedrigste Quote.«

Damit dürften wir endlich zum Kern der Sache kommen, dachte Drejer.

»Allein im letzten Monat sind jedoch neun Fälle nicht sanktionierter Überfälle auf Menschen registriert worden. Sie ließen fast ausnahmslos die Handschrift … oder besser gesagt den Gebissabdruck von Werwölfen erkennen.«

»Nicht sanktioniert?«, hakte Kain, Lichter und Lehrer für Bevölkerungsschutz, nach. Spitze Zungen verbreiteten genüsslich das Gerücht, es handle sich bei Kain um eben jenen oder zumindest um einen entfernten Verwandten eben jenes. In den Annalen fand sich jedoch nicht der geringste Hinweis, dass eben jener Kain ein Anderer gewesen war, geschweige denn, dass es ihn überhaupt gegeben hatte.

»Ganz recht, für diese Taten fehlte jede Lizenz. Einen Werwolf aufzuspüren stellt natürlich keine große Herausforderung dar. Diese Gruppe nimmt jedoch, wie ich vorausschicken möchte, einen der hintersten Plätze in ganz Russland ein, was Verletzungen des Großen Vertrags angeht. Diesbezüglich sind unsere Werwölfe geradezu vorbildlich. Hier haben wir es aber mit einem außergewöhnlichen Fall zu tun. Zum einen agieren diese Werwölfe nicht vereinzelt, sondern greifen im Rudel an. Meist schließen sich drei oder vier Individuen zusammen. Einige Opfer behaupten sogar, es seien fünf oder sechs gewesen. Das überprüfen wir noch. Angst hat ja bekanntlich große Augen.«

»Tiermenschen greifen nie im Rudel an«, hielt Kain dagegen. »Höchstens in Filmen.«

»Eben«, pflichtete Koslow ihm bei. »Schließlich stimmen die Transformationszeiten bei ihnen nie überein. Gut, eine Kampfgruppe vermag gemeinsam zu agieren – nur haben wir es hier nicht mit einer solchen Gruppe zu tun.«

Drejer dachte an seine Ausbildung bei der Nachtwache, die noch gar nicht so lange zurücklag. Ein Rudel Tiermenschen … Sicher, Präzedenzfälle gab es. In einer modernen Großstadt war dergleichen jedoch schon seit geraumer Zeit nicht mehr vorgekommen. Tief in der Provinz, fern von starken Wachen, traten mitunter Rudel auf, aber nur dort, wo der Anführer der Tiermenschen den Nachwuchs entsprechend ausgebildet hatte. Mit ihnen machte man in der Regel kurzen Prozess, den Anführer stellte man vors Tribunal der Inquisition, seine Schützlinge würde man hierher schicken, in diese Internatsschule …

»Erstaunlich ist nun Folgendes«, fuhr Koslow fort. »Normalerweise versuchen Werwölfe zu töten. Sie sind auf der Jagd und machen keine Gefangenen. Aber in den hier genannten Fällen gibt es keine Toten. Jedenfalls noch nicht. Doch wenn wir diese Tiermenschen nicht schnappen, könnte sich das rasch ändern. Immerhin haben sie schon Blut geleckt, im wahrsten Sinne des Wortes. Getötet haben sie aber glücklicherweise noch nicht.«

»Warum greifen sie dann überhaupt an?«, wollte Kain wissen.

»Wir haben die Opfer behutsam verhört. Es sind durch die Bank gewöhnliche Menschen. Anschließend haben wir ihre Erinnerung gelöscht, sodass sie weder einen Schock noch ein Trauma zurückbehalten haben. Allem Anschein nach … hat dieses Rudel einfach Vergnügen an der Hatz. Sie jagen um der Jagd willen. Sie brauchen lediglich die Emotionen dieser Menschen.«

»Aber ein Werwolf will Fleisch«, sagte Kain in einem Ton, als bete er den Lehrstoff seines Faches herunter. »Fleisch ist für ihn wie Blut für einen Vampir. Konzentrierte Energie, gezogen aus Spurenelementen, Eiweißen und Kohlenhydraten. Der Stress der Opfer pumpt sie in einer Weise mit Kraft voll, als würde eine Batterie aufgeladen …« Der Lehrer für Bevölkerungsschutz war nun ganz in seinem Element. »Und auch das Blut würden Tiermenschen nicht verschmähen.«

»Genau das ist der springende Punkt«, sagte Koslow. »Sie beißen kaum zu. Sie brauchen wirklich nur die Angst. Die Panik und Verzweiflung. Aus diesen Gefühlen schöpfen sie ihre Kraft.«

»Höchst merkwürdig«, murmelte Kain.

»Das ist noch nicht einmal das Merkwürdigste. In zwei Fällen wurden die Menschen von diesen Werwölfen sozusagen angebissen. Zunächst haben unsere Fachleute die Bisswunden untersucht, dann die der Dunklen. Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass es sich bei den Opfern jetzt um initiierte Tiermenschen handelt – nur hat die Initiierung im strengen Sinne gar nicht stattgefunden. Deshalb lassen sich lediglich einzelne Aspekte beobachten, vor allem solche psychologischer Natur. So können die Opfer Auren sehen und verspüren bei Vollmond eine gewisse Unruhe oder verlieren vorübergehend das Bewusstsein. Sie können jedoch nicht ins Zwielicht eintreten oder sich transformieren. Ihnen wächst kein Fell. Wir haben es also mit einer höchst befremdlichen Halbinitiierung zu tun. Mit einem solchen Phänomen sind wir zum ersten Mal konfrontiert. Deshalb haben wir die Opfer sogar ins wissenschaftliche Zentrum der Tagwache von Moskau geschickt. Formal sind es schließlich Dunkle, auch wenn sie gegenwärtig als äußerst schwache Andere mit unbestimmter Aura bezeichnet werden müssen.«

»Was hat denn nun die Schule mit alldem zu tun?«, fragte Kain.

»Die Opfer haben die Tiere als ziemlich ausgemergelte Wölfe beschrieben, einige meinten sogar, sie seien von streunenden Hunden angegriffen worden. Daher müssen wir von Jugendlichen ausgehen. Man könnte es so ausdrücken: In der Stadt wütet eine Bande nicht-registrierter Anderer im Alter von bis zu sechzehn Jahren. Zurzeit gehen wir von verschiedenen Szenarien aus und überprüfen die Alibis registrierter Tiermenschen. Selbstverständlich könnte auch irgendein Anderer von außerhalb hiesige Jugendliche initiiert haben, und danach nahm alles unaufhaltsam seinen Lauf. Wenn man so will, wie bei Drogensüchtigen, nur dass sie einander nicht an die Nadel gebracht oder einen Joint angeboten, sondern sich gegenseitig gebissen haben. Es gibt da jedoch noch etwas …« Koslow hielt kurz inne und wandte sich dann an den Direktor. »Dürfte ich vielleicht um die Fernbedienung bitten, Eduard Sergejewitsch?«

»Aber natürlich«, sagte Sorokin.

Daraufhin erlosch das Licht, wie um zu unterstreichen, dass als Nächstes das Tun der Dunklen zur Sprache kommen würde. Der Beamer unter der Decke warf ein Strahlenbündel auf die inzwischen ausgezogene weiße Leinwand.

»Das ist eine Karte Ihrer Gegend«, fuhr Koslow fort.

Einige Quadrate blinkten auf.

»Und hier ist Ihre Schule. An diesen Punkten hier kam es zu den Überfällen.«

Daraufhin leuchteten rote Kreise auf. Erst einer, dann noch einer …

»Obwohl die Schule am Stadtrand liegt, können Sie klar erkennen, dass sich fast alle Vorfälle in Ihrer Nähe ereignet haben.«

»Das beweist noch gar nichts«, ließ sich Vargas’ Stimme in der Dunkelheit vernehmen.

»Natürlich nicht«, erwiderte Koslow gelassen. »Wir wissen, dass Ihre Schüler das Gelände nur in Begleitung von Erwachsenen verlassen. Jedenfalls ist uns nichts Gegenteiliges bekannt. Aber es gibt eben leider jede Menge indirekte Hinweise, so die Lage der Schule, das Alter der Täter, vor allem aber das Fehlen jeglicher Spuren. Die fraglichen Individuen scheinen förmlich wie vom Erdboden verschluckt worden zu sein. Sie dürften sich also mit einiger Sicherheit durchs Zwielicht davongemacht haben.«

»Tiermenschen halten sich aber stets nur kurz im Zwielicht auf«, gab Kain zu bedenken. »Sie transformieren sich mithilfe des Zwielichts, dringen jedoch nicht in seine tiefen Schichten vor.«

»Völlig richtig«, stimmte Koslow zu. »Ich stelle Ihnen hier lediglich ein mögliches Szenario vor. Bislang haben wir die Werwölfe Ihrer Schule keineswegs in Verdacht. Allerdings könnte man meinen, jemand möchte, dass wir genau das tun.«

»Aber warum?«, fragte Nadeshda Chramzowa, eine lichte Lehrerin.

»Zum Beispiel um die Idee der Schule und damit das Experiment insgesamt in Misskredit zu bringen. Oder weil einer Ihrer gestaltwandlerischen Schüler eine Möglichkeit gefunden hat, das Schulgelände zu verlassen, nun aber jeden Verdacht von sich abwenden und auf seine Mitschüler lenken möchte. Wie auch immer, jedenfalls bitte ich Sie, mit mir zu kooperieren. Teilen Sie uns mit, wenn Ihnen im Verhalten der Kinder etwas merkwürdig vorkommt. Jedes Detail. Die Täter haben bereits angefangen, die Opfer zu beißen. Beim nächsten Mal werden sie womöglich töten.«

»Über alles, was uns auffällt, sagen Sie …«, murmelte der Schulpsychologe, der noch bei C. G. Jung persönlich ausgebildet worden war. »Nur ist hier alles auffällig. Denn Kinder sind grundsätzlich merkwürdig. Und obendrein sind es keine schlichten Kinder.«

»Uns interessieren vor allem die niederen Dunklen aus den unteren Klassen.«

»Herr Wächter!«, brachte Vargas jetzt in offiziellem Ton heraus. »Sogar außerhalb des Schulgeländes sind die Dunklen nur dann verpflichtet, einen ihrer Angehörigen, der sich etwas hat zuschulden kommen lassen, anzuzeigen, wenn die Inquisition sie explizit dazu auffordert. Auf dem Schulgelände haben die Wachen nicht das Geringste zu sagen. Daher können Sie nicht von uns erwarten, dass die dunklen Pädagogen ihre Schüler denunzieren.«

»Ich kann Ihnen keinen Befehl erteilen oder etwas von Ihnen verlangen, da haben Sie völlig recht«, sagte Koslow. »Ich darf nicht einmal Ihre Kooperation voraussetzen. Bislang kann ich nur bitten. Abgesehen davon bin ich nicht hergekommen, um irgendjemanden zu beschuldigen. Mehr noch, wir sind in keiner Weise darauf erpicht zu beweisen, dass die Schule in die Angelegenheit verwickelt ist, Señor Vargas. Denn sollte sich tatsächlich herausstellen, dass einer Ihrer Schüler nachts Menschen jagt … Nun, dann kommt ganz sicher die Frage aufs Tapet, ob es eigentlich opportun ist, eine solche Schule aufrechtzuerhalten, das wissen Sie genauso gut wie ich. Es ist jedoch in unser aller Interesse, dass dieses Internat auch in Zukunft existiert. Falls es geschlossen werden würde, hieße das, dass die Stadt ihren Sonderstatus verliert. Das wiederum würde bedeuten, dass unsere Wache wieder mit nur vier Mitarbeitern auskommen müsste, denen aber siebenundsiebzig Dunkle gegenüberstehen. Damit entspräche die Situation bei uns der im Rest des Landes. Vielleicht wäre sie etwas besser, vielleicht aber auch etwas schlechter. Jedenfalls wäre alles wie gehabt, nicht wie jetzt. Das will ich um jeden Preis vermeiden. Und Sie doch wohl auch, oder, Señor Vargas?«

Dieser schwieg, stand lediglich auf und blähte die Flügel seiner Adlernase. Salazar-Diego war ohnehin nicht sehr groß, aber im Vergleich zu Koslow wirkte er fast wie ein Zwerg.

Direktor Sorokin erwiderte ebenfalls kein Wort. Auch die Lehrkräfte brachten keinen Ton heraus. Und natürlich hüllten sich auch die Portraits, diese erhabenen stummen Dauergäste, in Schweigen. Nur die Uhr erhob leise ihre Stimme.

»Zurzeit vertritt die Nachtwache offiziell die Version, dass eine Gruppe ›wilder‹ Anderer ihr Unwesen treibt. Diese Tiermenschen wissen nicht, was ihr Verhalten für Folgen zeitigen kann, und haben noch nie etwas vom Großen Vertrag gehört. Die moderne Massenkultur stellt Tiermenschen ja sogar als recht anziehende Wesen dar. Möglicherweise nehmen diese wilden Anderen die Schule ja einfach dank ihrer Instinkte wahr, weil sie ein Ort konzentrierter Kraft ist. Vielleicht wittern sie ihre Artgenossen, sobald sie sich transformiert haben. Deshalb treiben sie sich dann auch im Umfeld der Schule herum. Eventuell spüren einige ihrer Schüler diese wilden Anderen ja ebenfalls. Und bekanntlich finden Kinder rasch eine gemeinsame Sprache. Unsere Aufgabe ist es daher, diese Tiermenschen so schnell wie möglich zu schnappen. Gelingt uns das, bevor sie irgendein Unheil anrichten, werde ich alles daransetzen, dass man von einer Strafe absieht und diese Jugendlichen auf Ihre Schule schickt, damit sie zur Besinnung kommen. Genau das ist ja der Grund, warum ich Sie um Ihre Mithilfe bitte.« Koslow betonte das bitte ebenso nachdrücklich wie Vargas vorhin das denunzieren. »Wir haben bei der Inquisition bereits einen Antrag gestellt, dass sich vorübergehend Mitarbeiter der Nacht- und der Tagwache auf dem Schulgelände aufhalten dürfen.«

»Das wird nicht nötig sein«, ergriff zum ersten Mal der Oberste Schulaufseher Strigal das Wort. »Wir regeln diese Angelegenheit intern. Alle notwendigen Informationen leiten wir an Sie weiter, Wächter.«

»Dann kann ich mir also eine lange Vorrede sparen«, riss Licharew Drejer aus seinen Gedanken. »Es geht aber nicht um die Geschichte mit Strigal, wie du vielleicht vermutest. Jedenfalls nicht in erster Linie.«

Draußen schrillte eine Trillerpfeife.

Licho schnippte mit den Fingern. Die Schreie vom Basketballplatz verstummten, das ohnehin schon leise Surren der Ventilatoren im Innern von Drejers Rechner wurde noch leiser.

Außerdem war sich Dmitri sicher, dass niemand ihr Gespräch hören konnte. Möglicherweise hatte Licho sogar die legendäre Müller-Haube gewirkt, einen Zauber, den Andere aus der Thule-Gesellschaft entwickelt hatten. Diese wurden später vors Tribunal gestellt, das sogar in Nürnberg stattfand. Der Zauber jedoch landete in Händen der Inquisition und wurde bei Bedarf noch heute eingesetzt.

»Du hast schon mal von dem Pülverchen gehört, oder, Drejer?«, fragte Licharew.

»Von welchem Pülverchen?«

»Entschuldige, ich vergaß, du bist ja noch neu bei uns und deshalb nicht über alles im Bilde. Außerdem werden manche Dinge nicht gern an die große Glocke gehängt … Vor einem Jahr – damals bist du noch nicht bei uns gewesen – wurden drei Schüler mit Drogen erwischt. Dunkle, wie du dir denken kannst. Sie wollten halt gern mal auf High Society machen. Selbstverständlich ließ man sie observieren, wenn sie in die Stadt gegangen sind. In die Schule hätten sie das Dreckszeug also nicht einschmuggeln können, und sämtliche Dealer der Menschen hätten wir mühelos eingeschüchtert … Oder noch besser eine Remoralisation bei ihnen vorgenommen. Danach wären sie freiwillig zur Polizei gegangen und hätten den ganzen Dealerring verpfiffen. Doch zurück zu unseren werten Dunklen! Die waren nämlich ziemlich pfiffig! Sie haben sich jemanden gesucht, den sie mit einem Zauber belegen und dem sie die Formel für dieses Pulver aus dem Gedächtnis klauen konnten. Anschließend haben sie klammheimlich im Chemiesaal unter Einsatz eines Transmutationszaubers ihre Droge hergestellt. Die war sogar besser als das Original, die Kolumbianer und andere Mafiosi hätten für diese neue Sorte ein Heidengeld hingeblättert. Nur gut, dass die Alchimisten in der Vergangenheit den Stein der Weisen gesucht haben und nicht die ideale Droge. Denn das große Geld machst du damit! Aber wir haben die Burschen zum Reden gebracht. Genauer gesagt, Konstantin hat sie sich vorgeknöpft.«

»Oh, das kann ich mir nur zu gut vorstellen«, murmelte Dmitri finster.

»Ich habe Strigal auch nicht in mein Herz geschlossen, wenn ich ehrlich sein soll«, gab Licharew zu. »Als Kampfmagier steht er weit über mir, als Inquisitor ist er ebenfalls ein guter Mann. Für uns sogar zu gut.«

»Für uns zu sehr Inquisitor, würde ich eher sagen«, konterte Drejer.

»Lassen wir die Wortklaubereien, schließlich ist er nicht mehr bei uns. Wir sind bei diesem Problem also quitt. Aber bei dieser Drogengeschichte hat er damals hervorragende Arbeit geleistet. Wir konnten die ganze Bande hochnehmen. Die Kinder erhielten Schulverbot und wurden nach Hause geschickt. Sollten sich die Wachen in ihren Heimatorten um sie kümmern! Denn letzten Endes stellt Drogenhandel ein Delikt der Menschen, aber keine Verletzung des Großen Vertrags dar. Deshalb wurden sie offiziell wegen Verletzung der Schulordnung rausgeschmissen. Trotzdem hoffe ich, dass die jeweilige Tagwache sie nicht ungeschoren hat davonkommen lassen. Meinetwegen hätte man ruhig die Geißel des Schaab einsetzen können.«

Was die Geißel des Schaab war, wusste Dmitri. Ein Zauber der Dunklen – und zwar einer der übleren Sorte. Dennoch konnte er Licharew seinen Groll nicht verübeln.

»Danach kehrte wieder Ruhe ein. Und jetzt gibt es erneut Gerüchte, irgendein Pülverchen sei in Umlauf. Fast als käme es zu einer Neuauflage der Geschichte …«

»Und …«, sagte Dmitri und legte den Kopf ein wenig auf die Seite. »… woher kennen Sie diese Gerüchte? Haben Sie etwa Spitzel unter den Schülern?«

»Das ist eine operative Information!«, fuhr Licho ihn an. »Aber ich weiß genau, worauf du anspielst! Und du hast ja recht, auch das geht noch auf Konstantin zurück. Seine Wanzen und sonstiges Ungeziefer wurden zwar aus der Schule entfernt – aber die Information, dass es sie gab, ist durchgesickert, und dieses Wissen löscht man nicht so schnell. Deshalb machen noch heute allerlei Gerüchte die Runde, die jedoch niemand beweisen kann! Das sind nicht mal echte Hinweise!«

»Dann weiß ich nicht, wie ich überhaupt helfen soll …«

»Im Grunde helfe ich dir«, erwiderte Licho. »Denn ich will den Verdacht von deinen Wolfsjungen abwenden.«

»Sie sind ganz und gar nicht meine, Viktor Palytsch. Diese Jungen haben nämlich alle ihren eigenen Kopf.«

»Sie scheinen dich aber für einen von ihnen zu halten. Das war schon vor der Geschichte mit Konstantin so, jetzt aber erst recht.«

In der Schule saßen lichte und dunkle Lehrer im Grunde in einem Boot. Sie vertraten einander im Unterricht, tratschten und schimpften unisono auf die Schulleitung, die Vorschriften und die Wachen. Für die Schüler stellte sich die Sache schwieriger, zugleich aber auch einfacher dar. Sie zogen eine klare Grenze zwischen sich und dem Rest der Welt. In der Regel akzeptierten sie ausschließlich Lehrer und Erzieher ihrer eigenen – lichten oder dunklen – Seite. Die Gegenseite duldeten sie lediglich. Die Schulaufseher respektierten sie als Instanz, mehr aber auch nicht.

Nur bei Drejer machten sie eine Ausnahme.

Obwohl er ein Lichter siebten Grades war, hatte er zu seiner Freude bereits im ersten Monat seiner Tätigkeit an dieser Schule das Vertrauen einiger junger Tiermenschen gewonnen. Warum, wusste er selbst nicht, da konnte er nur spekulieren. Vielleicht zählte ja für Schüler bis zum Alter von vierzehn Jahren der Unterschied zwischen Dunklen und Lichten nicht. Insgeheim hatte er das Phänomen Zwielicht-Farbblindheit getauft.

Außerdem hatte sein Fach eine gewisse Schuld daran, dass man ihn akzeptierte. Es gab in der Literatur – vor allem in der Weltliteratur – einfach mehr Dunkle als Lichte. Genau wie im Leben.

Seit der konfliktscheue Drejer auch noch einen handfesten Skandal in der Schule heraufbeschworen hatte, in dessen Folge der Oberste Schulaufseher Strigal ins Europäische Büro der Inquisition nach Prag abberufen worden war, vertrauten die besagten Schüler dem Philologen stärker als je zuvor.

Licharew hatte sich nichts weiter dabei gedacht, als er von den Tiermenschen als Wolfsjungen gesprochen hatte. Abgesehen davon wusste Dmitri, dass Licho ein anständiger Kerl war und die Schüler in erster Linie als Kinder betrachtete – und erst in zweiter als Andere.

»Bei den Tiermenschen beißen wir einfach auf Granit. Aber wenn wir erst einmal die Wachen im Haus haben, dann werden sie irgendetwas ausgraben. Denn glaub mir, wo Rauch ist, da ist auch Feuer. Irgendwas ist hier im Schwange. Konstantin hat das auch gespürt, allerdings hat er den Bogen dann überspannt. Wir müssen uns jedoch immer vor Augen halten, dass die Dunklen die Schule genauso dringend brauchen wie wir Lichten. Notfalls werden die Wachen diese Überfälle also irgendjemandem anhängen. Wer das sein wird, brauche ich dir nicht zu sagen. Diego mag steif und fest behaupten, dass Dunkle ihre eigenen Schüler niemandem ausliefern – eine Handvoll Tiermenschen würden sie ohne Bedenken opfern! Die sind doch für sie Kanonenfutter!«

»Aber es sind Kinder!«

»Drejer, wann bist du initiiert worden?«, fragte Licharew da völlig unvermittelt.

»Als ob Sie das nicht genau wüssten, Viktor Palytsch! Das ist noch kein Jahr her.«

»Siehst du! Ich dagegen bin im Jahr 1918 initiiert worden. Vertraue mir, ich bin ein erfahrener Mann! Du und ich – wir sind keine Menschen, folglich sind deine Wolfsjungen auch keine Kinder. Willst du hören, wie ich die Sache sehe? Irgendwelche älteren Dunklen, vielleicht Elftklässler, hecken hier etwas aus. Möglicherweise basteln sie wieder irgendeine Droge zusammen. Diese Überfälle von Tiermenschen – das ist alles nur Ablenkung. Ein Verlademanöver, wenn du so willst. Und irgendjemand muss Strigal den Tipp mit den Wolfsjungen gegeben haben, sonst hätte er sich gar nicht so … nachdrücklich mit ihnen beschäftigt.«

»Und was kann ich da machen, Viktor Palytsch?«, fragte Drejer erneut.

»Ich hätte eine Bitte an dich. Sozusagen von Mensch zu Mensch …«

Dmitri dachte an den Nachtwächter Koslow. Auch er hatte gebeten, nicht gefordert.

»Sprich mit ihnen. Offen. Falls das geht, natürlich nur. Vielleicht vertrauen sie sich dir an. Schaden kann es auf keinen Fall, und ob es etwas nutzt, wird sich finden.«

»Sie vertrauen ja nicht einmal den Dunklen.«

»Eben! Selbst bei dunklen Lehrern machen sie die Schotten dicht. Aber dir gegenüber sind sie offen. Manchmal erzählt man einem Fremden ja auch etwas, das man einem Freund nie im Leben anvertrauen würde.«

Drejer sah Licharew aufmerksam in das gesunde Auge.

»Jage ihnen von mir aus einen tüchtigen Schrecken ein. Denn wenn sich erst mal die Inquisition mit ihnen beschäftigt, wird das für sie garantiert kein Zuckerschlecken.«

»Das ist mir klar«, sagte Dmitri. »Schließlich hatte ich das Vergnügen, Strigal kennenzulernen.«

»Trotzdem ist dir der Ernst der Lage nicht klar«, erwiderte Licho. »Die Wachen gehen mit der Zeit, aber die Inquisition nicht. Oder nur sehr langsam. Genau das war Strigals Fehler, ein unverzeihlicher Fehler, denn schließlich billigt man Folter heute nicht mehr. Aber Hohe Inquisitoren sind so wie Strigal, nicht wie du und ich. Denen ist es schnurzegal, ob sie einen Minderjährigen dematerialisieren oder nicht. Für die zählt einzig und allein der Große Vertrag.«

Nach diesen Worten drang plötzlich wieder ein Schrei vom Basketballplatz herauf, dem ein lauter Streit mit Borissytsch folgte, bei dem es darum ging, ob es einen Regelverstoß gegeben hatte oder nicht.

An irgendeiner unsichtbaren Front fochten die Wachen ihre klandestinen Kämpfe aus, in noch größerer Ferne hielt die Inquisition ihre strengen Tribunale ab und sprach ihre Todesurteile. Für Andere gab es bei einer Todesstrafe keinen Aufschub, geschweige denn eine Aufhebung des Urteils. Das war gewissermaßen der Preis, den man dafür zahlte, dass man weit länger lebte als ein Mensch.

»Ich habe mir die Zeugnisse deiner Wolfsjungen angesehen«, fuhr Licharew fort. »Aus irgendeinem Grund haben sie deutlich nachgelassen. Dabei waren es früher durch die Bank hervorragende Schüler, vor allem Maschka Danilowa. Aber jetzt? Selbst Maschka ist auf eine Drei abgerutscht, allerdings ausschließlich in den Fächern des Anderen Moduls.«

»In Anderer Literatur habe ich keinen Grund zur Klage«, hielt Drejer dagegen.

»Dafür sind die Noten im Bevölkerungsschutz geradezu in den Keller gesunken! Überall, wo es um die Anwendung von Magie geht, haben wir einen Einbruch. Als ob ihre Kraft schwinden würde. Woher kommt das?«

»Keine Ahnung.«

»Geht mir genauso. Also rede mit ihnen.«

»Gut«, versprach Dmitri widerwillig.

»Bestens«, sagte Licho.

Dann erhob er sich und verließ die Klasse ohne ein Wort des Abschieds direkt durch die Wand.

Vom Flur her drang kein Laut in die Klasse, denn der Unterricht hatte bereits wieder angefangen. Draußen spielten sie immer noch Basketball. Abermals schrillte Borissytschs Pfeife.

Zwei

Einst war das Internat ein prachtvoller Herrensitz gewesen.

Vor der Revolution hatte Legenden zufolge sogar der Zar das Anwesen besucht. Zu NÖP-Zeiten war in ihm eine Kommune untergebracht gewesen, die sich um die Umerziehung von Straßenkindern kümmerte. Danach wurde das Anwesen modernisiert und zwei Flügel angebaut, außerdem zog man einige Gebäude im damals überaus beliebten Stil des Konstruktivismus hoch, um ein Kindersanatorium zu schaffen. Man konnte von Glück sagen, dass der riesige Park dabei unangetastet blieb.

Heute zeugten von der großen Vergangenheit nur noch einige Elemente der Fassade und die Wolfsstatuen zu beiden Seiten der Vortreppe. Symbole, die passender nicht sein könnten …

In den Neunzigern hatte man die Anlage völlig verfallen und verkommen lassen. Der Park hatte sich geradezu in einen Urwald verwandelt. Damals hatten clevere Geschäftemacher das Land aufkaufen wollen, um eine Einfamilienhaus-Siedlung zu errichten. Doch dann hatten die Wachen interveniert.

Das war bereits um die Jahrtausendwende. Wirre Zeiten waren das, selbst für Andere. Über Moskau hatte damals ein Höllenstrudel gehangen, der größer war als der über Hiroshima 1945. Danach hatte es in St. Petersburg irgendeine merkwürdige Geschichte gegeben. Angeblich interne Konflikte bei den Dunklen. Zuletzt war es vor einem Jahr zu irgendeinem Vorfall in Baikonur gekommen, in den Andere verwickelt gewesen waren. Was genau da geschehen war, wusste niemand so recht. Die Wachen hielten die Geschichte unter Verschluss, vor allem weil es irgendwie auch die Inquisition betraf. Als ob die nicht immer alles betreffen würde …

Doch es waren nicht nur diese merkwürdigen Begebenheiten, die den Jahrtausendwechsel begleitet hatten. Plötzlich gab es auch mehr Andere. Was hinter diesem Phänomen steckte, hatten die Mitarbeiter aus den wissenschaftlichen Abteilungen der Wachen immer noch nicht klären können. Vielleicht lag es an der demographischen Gesamtsituation, vielleicht rührte aber auch etwas das Zwielicht auf – denn wenn sechs Milliarden Menschen ihre Kraft an diese Parallelwelt abgaben, konnte dort sonst was losbrechen. Vielleicht hatten aber auch irgendwelche mysteriösen Mutationen, die Umweltverschmutzung, genmanipulierte Lebensmittel und ähnlicher Horror, mit dem man die Menschen gern erschreckte, nun selbst die Anderen erreicht. Schließlich wusste niemand mit Sicherheit zu sagen, warum aus dem Kreis gewöhnlicher Menschen überhaupt Magier hervorgingen.

Die Zahl der Anderen wuchs also. Nicht bedeutend, versteht sich, doch irgendwann belief sich das Verhältnis in Bezug auf die Menschen nicht mehr auf eins zu zehntausend, wie noch vor ein paar Jahren, sondern auf eins zu neuntausendachthundert. Darüber hinaus war wieder eine Große Zauberin geboren worden, und zwar nicht sonst wo, sondern direkt in Moskau.

Noch vor Kurzem hatten ausschließlich die Tag- und die Nachtwache ihre jeweiligen Anderen ausgebildet. Bei den Lichten standen die Schulklassen natürlich immer halb leer, während man beispielsweise bei den Moskauer Dunklen die Schüler aufteilen und im Schichtwechsel unterrichten musste. Der Lehrplan stellte jede Universität der Menschen in den Schatten. Denn bei den Menschen war ein schlecht ausgebildeter Fachmann oder ein offenkundiger Dummkopf zwar unangenehm, aber akzeptabel. Vor allem da die Menschen gelernt hatten, diejenigen auszusieben, die ein allzu großes Risiko darstellten. Nur in der Politik und im Beamtenapparat hatten sie das noch nicht geschafft. Ein halbgebildeter Anderer dagegen bedeutete mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit für irgendjemanden den Tod.

Unter den Schülern der Anderen fand sich allerdings auch immer einer, der aus der Reihe tanzte. Diese Querschläger verteilten sich trotz der Konstante von eins zu sechzehn in etwa gleichen Anteilen auf Lichte und Dunkle. Es waren Tiermenschen, die sich buchstäblich in alle zu verbeißen drohten, die ihrer Ansicht nach ein falsches Wort gesagt hatten. Junge Hexen, die darauf brannten, Magie zu ihrem eigenen Vergnügen einzusetzen. Lichte Prinzipienreiter hätten am liebsten die ganze Welt in ihrem Sinne auf Vordermann gebracht. Von typischen Konflikten unter Teenagern à la: »Aber er hat angefangen!« ganz zu schweigen.

Bis eines Tages jemand auf eine glänzende Idee gekommen war. Die buchstäblich alles in neuem Licht erstrahlen lassen sollte. Dieser Jemand hatte vor seiner Initiation in den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts selbst in jenem Heim für Straßenkinder gelebt, das damals in dem Anwesen untergebracht war. Vermutlich war er deshalb auch auf die Idee gekommen, eine koedukative Internatsschule aufzubauen, eine Schule, in der jugendliche Lichte und Dunkle Seite an Seite die Schulbank drücken sollten.

Die Inquisition billigte das Projekt, denn ganz sicher würden sich die jugendlichen Rowdies, die gegen den Großen Vertrag verstoßen hatten, leichter unter Kontrolle halten lassen, wenn sie unter einem Dach versammelt waren. Wenn sie nicht mehr im ganzen Land verstreut waren und ihnen häufig nur ein einziger Wächter im Umkreis von etlichen Quadratkilometern gegenüberstand.

Es gab ja diesen Roman, Die Republik von SchKID, in dem es um eine Schule für schwer erziehbare Kinder ging – und vielleicht hatte jener Andere, der die Idee von der Internatsschule ausgeklügelt hatte und den Drejer nicht kannte, auch bloß auf diese paradoxe Weise den ach so cleveren Geschäftemachern einen Strich durch die Rechnung machen wollen. Indem er seine eigene Republik gründete – mit allem, was daraus folgte.

Die Schüler nahm man halbe halbe auf, auch bei den Lehrkräften achtete man auf Parität. Lichte und Dunkle brachten allerdings jeweils spezifische Fähigkeiten mit, weshalb Erstere häufig Erzieher wurden, Letztere Lehrer für die Fächer des Anderen Moduls. Für den Posten des Direktors schlug die Inquisition Sorokin vor, den Tag- wie Nachtwache akzeptierten. Um das Gleichgewicht zu wahren, gab es jedoch zwei Stellvertreter, einen von den Lichten, einen von den Dunklen.

Zur feierlichen Eröffnung der Internatsschule entsandte sogar Moskau zwei Vertreter, genauer gesagt, den Boss der jeweiligen Wache, die Herren Geser und Sebulon. Auch ein hohes Tier der Inquisition aus dem Büro in Prag ließ sich blicken. Das alles hatte jedoch noch vor Dmitris Zeiten stattgefunden.

Um die Frage zu beantworten, wie es ihn, einen Magier siebten Grades, an diese Schule verschlagen hatte, muss man ein wenig ausholen: Wenn Andere nicht auf eine Schule der Menschen gehen sollten – dort hätte sie ja niemand in Magie unterrichtet –, musste eine Andere Schule her, die Unterricht in Magie mit den herkömmlichen Fächern wie Physik, Chemie oder Algebra kombinierte. Für eine solche Schule mangelte es an Lehrkräften. Etliche der erfahrenen Zauberer hatten sich die Magie angeeignet, Jahrhunderte bevor sie überhaupt lesen und schreiben konnten. Ihr Weltbild fußte noch auf der Vorstellung von der Erde als Scheibe und dem Himmel als Kristallkuppel, sie misstrauten jeder Technik und hielten Wissenschaften für eine alberne Spielerei des Verstandes. Die Dunklen hatten ihre Vorbehalte gegen die Schulen der Menschen, weil es Futterkrippen gab, die in jeder Hinsicht sättigender waren. Zum Beispiel das einstige Pionierlager Artek auf der Krim. Doch auch die Lichten kümmerten sich lieber um die medizinische Behandlung von Kindern als um deren schulische Ausbildung. Als Lehrer wären sie tagtäglich mit der Versuchung konfrontiert gewesen, lieber rasch eine Remoralisation durchzuführen, statt sich mühsam pädagogisch ins Zeug zu legen. Das überforderte auch sie. Folglich waren Andere mit pädagogischer Ausbildung etwa ebenso schwer zu finden wie die berühmte Nadel im Heuhaufen. Als der frisch initiierte Drejer daher in seinen Unterlagen angab, ein abgeschlossenes Lehrerstudium mitzubringen, wurde er sofort zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen.

Der Unterricht war lange beendet, auch zu Abend hatte man bereits gegessen, als Dmitri sich auf den Weg zu den Wolfsjungen machte. Licharew hätte sie ewig suchen müssen, Dmitri jedoch wusste, wo er sie fand.

Er begab sich in den zweiten Stock des Haupttrakts hinauf. Dort führte am Ende eines schmalen Gangs hinter dem Physiksaal eine Wendeltreppe zu einem Turm auf dem Dach. In diesem war ein Observatorium untergebracht. Ein kleines, aber feines Observatorium, mit Glaskuppel und einem leistungsstarken Teleskop, das aussah wie eine außerirdische Laserkanone.

Hier, unter den Sternen, trafen sich die sieben Dunklen.

Mit der Bezeichnung Wolfsjungen lag Licho Einauge übrigens wirklich daneben, denn weniger als die Hälfte von ihnen verwandelte sich in Wölfe, und bei zweien handelte es sich nicht einmal um Tiermenschen, sondern um Vampire.

Sie selbst nannten sich die Toten Dichter.

Drejer war daran nicht ganz unbeteiligt, denn er hatte ihnen nach dem Unterricht einmal den Film Club der toten Dichter gezeigt. Die DVD hatte er mitgebracht, obwohl er auch hier jederzeit an sie herangekommen wäre. Nach Abschluss seines Studiums hatte Dmitri ja nie an einer Schule unterrichtet – will heißen: an keiner Schule der Menschen. Dabei hatte er diesen Wunsch unterschwellig immer verspürt. Sobald er sich die erste DVD leisten konnte, hatte er deshalb eine Sammlung mit Schulfilmen aufgebaut, angefangen von der russischen Miniserie Pause und dem Film Die Republik SchKID nach besagtem gleichnamigen Roman bis hin zu unterschiedlichen amerikanischen Horrorfilmen wie Carrie oder Die Klasse von 1999.

Der Club der toten Dichter wurde bald sein Lieblingsfilm …

In der Internatsschule feindeten sich Lichte und Dunkle keineswegs offen an. Möglicherweise lag das ja daran, dass es hier keine Menschen gab, um die sie hätten kämpfen müssen. Einige Dunkle wurden aber nicht einmal von ihrer eigenen Seite besonders geschätzt. Vampire und Tiermenschen galten auch in diesem Internat als Angehörige einer minderwertigen Kaste. Erstere bekamen im Sani-Raum ihre Blutspenden, Letztere in der Mensa Spezialkost. Während erwachsene Dunkle ihre Verachtung jedoch für sich behielten, machten Kinder keinen Hehl daraus. Auch wenn die Toten Dichter die zukünftigen Magier in nahezu sämtlichen Fächern übertrumpften und die Tiermenschen im Sportunterricht die größten Asse waren – die Lichten verachteten sie, weil sie Dunkle waren, die Dunklen, weil sie der untersten Kaste angehörten.

Die Toten Dichter waren intelligent und liebten Lyrik. Fast alle schrieben sie Gedichte. Diese Art der Sublimierung war bei vielen Anderen in der Pubertät zu beobachten. Aber leider waren die Gedichte der sieben Dunklen ebenfalls tot. Larmoyant, pathetisch und unoriginell, dafür aber elegant und schön. Dieser Ansicht war jedenfalls Drejer, selbst wenn er seine Meinung für sich behielt. Ab und an erschien zwar ein Werk in der Wandzeitung, doch im Grunde wollten die Toten Dichter selbst ihre Zeilen nicht veröffentlicht sehen. Eben weil sie Ausgestoßene waren.