Die Wächter – Nacht der Inquisition - Sergej Lukianenko - E-Book

Die Wächter – Nacht der Inquisition E-Book

Sergej Lukianenko

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Beschreibung

Der jahrhundertealte Kampf der lichten und dunklen Anderen hat sich bis in die entlegensten Winkel Russlands ausgebreitet: In den großen Städten Sibiriens sind die Wächter des Tages und die Wächter der Nacht penibel darauf bedacht, das Gleichgewicht zwischen den Mächten zu halten. Dazwischen jedoch liegt die Taiga, endlose Kilometer einsamer Steppe voll düsterer Bäume, pfeifenden Windes und eiskalten Schnees. Hier haust im Verborgenen eine dritte Macht, so uralt und böse, dass sie sowohl die Wächter der Nacht als auch die Wächter des Tages zu vernichten droht ...

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Das Buch

Seit Menschengedenken gibt es die sogenannten »Anderen«: Vampire, Gestaltwandler, Hexen, Magier. Unerkannt leben sie in unserer Mitte und sorgen dafür, dass das Gleichgewicht zwischen den Dunklen Anderen und den Hellen Anderen gewahrt bleibt. Zwei Organisationen, den »Wächtern der Nacht« und den »Wächtern des Tages«, obliegt es, den vor langer Zeit geschlossenen Waffenstillstand – den »Großen Vertrag« – zu überwachen und jegliche Verstöße zu ahnden. Doch das Gleichgewicht ist brüchig.

Als die Nachtwache eines Tages im tiefsten Sibirien eine Abteilung errichtet, zieht die Tagwache umgehend nach. Und plötzlich hat es Dorfmilizionär Fjodor Kusmitsch, ein Heller Anderer, mit Auseinandersetzungen zu tun, die er bisher nur vom Hörensagen aus den großen Städten kannte. Seine beschauliche Welt gerät endgültig ins Wanken, als er erfährt, dass sein Enkel, der kleine Danilka, ein Schamane sein soll, der Sohn des legendären Ersten Schamanen Dog. Die Dunklen wollen Danilka in ihre Gewalt bringen, und Kusmitsch findet sich plötzlich zwischen allen Fronten wieder …

Mit seinen WÄCHTER-Romanen hat der russische Kultautor Sergej Lukianenko einen weltweiten Bestseller gelandet – Millionen von Fans verfolgen begeistert jedes neue Abenteuer. Nun beginnt eine neue Zeitrechnung in der Welt der Hellen und Dunklen Anderen – denn plötzlich ist nichts mehr so, wie es einmal war.

»Einzigartig! Mit der WÄCHTER-Serie hat Sergej Lukianenko ein Epos von ganz außerordentlicher Kraft geschrieben.«

Quentin Tarantino

»So subtil und charmant, wie es nicht mehr zu lesen war seit Bram Stokers Dracula.«

Süddeutsche Zeitung

Der Autor

Sergej Lukianenko, 1968 in Kasachstan geboren, studierte Medizin, war als Psychiater tätig und lebt nun als freier Schriftsteller in Moskau. Er ist der populärste russische Autor der Gegenwart. Seine Romane und Erzählungen wurden mehrfach preisgekrönt.

SERGEJ LUKIANENKO

DIE WÄCHTER

NACHT DER INQUISITION

ROMAN

Aus dem Russischenvon Christiane Pöhlmann

Deutsche Erstausgabe

WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN

Titel der russischen Originalausgabe:

Участковый

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Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Deutsche Erstausgabe 8/2016

Redaktion: Anja Freckmann

Copyright © 2015 by Sergej Lukianenko, Alex de Clemechié

Copyright © 2016 der deutschen Ausgabe und Übersetzung

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: DAS ILLUSTRAT, München,

unter Verwendung eines Motivs von burntilldead/iStock

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-18427-8V001

www.heyne.de

ERSTE GESCHICHTE PRÄVENTIVEMASSNAHMEN

Prolog

Seit letzter Woche hatte der Schnee die Gegend fest im Griff. Die soliden Häuser im Dorf Lichter Keil trugen nun alle eine weiße Mütze, waren bis auf das letzte unter die große pulvrige Decke geschlüpft, sodass sie vom Gipfel des Walzbergs aus zu einer langen Lichterkette verschmolzen, die jemand in den Schnee geworfen hatte. Allerdings wussten diese Lichter nicht so recht, was sie wollten: Mal leuchteten sie strahlend hell, mal gar nicht, mal spendete die Birne nur ein trübes Licht, mal drohte sie durchzubrennen. Besonders spät war es noch nicht, doch auf dem Lande ging man nun einmal früh zu Bett.

Im Tal links vom Berg sprengte der Frost mit dumpfem Knacken einen Baum. Nikolajs Blick wanderte kurz in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Als er anschließend seine eisigen Finger behauchte, meinte er, durch die über seinem Handteller aufsteigende Dampfwolke einen Vogel auszumachen, der durch die Nacht flatterte. Vielleicht war aber auch nur einer der vom Schnee niedergedrückten Tannenzweige in die Höhe geschnellt … Angespannt lauschte Nikolaj. Nach einer Weile schüttelte er energisch den Kopf und behauchte seine Finger noch einmal. Wie hatte er nur so idiotisch sein können, seine Handschuhe zu vergessen? Wollte er Katjuscha etwa mit diesen Eisfingern in die Arme nehmen?

Jetzt hast du aber lange genug hier rumgestanden!, rief er sich selbst zur Ordnung. Vorwärts!

Er umfasste seine Skistöcke und stieß sich ab. Zu allem Überfluss stand er nicht mal auf Abfahrt-, sondern auf Jagdskiern. Na ja, wenigstens ging es geradewegs bergab.

Katjuscha würde ihm natürlich eine Standpauke halten, die sich gewaschen hatte. Dieser Abend bedeutete ihr so viel, dieser Auftritt war so wichtig – und wo war er?! Warum musste der Traktor aber auch ausgerechnet heute absaufen?! Und warum musste er dann ausgerechnet an Mitritsch geraten, diesen nichtsnutzigen Mechaniker?! Sicher, er würde Katja alles erklären, und bestimmt würde sie ihn verstehen. Retten tat das den Abend aber nicht. Denn er, Kolja Krjukow, sollte längst im Dorfklub sitzen, wo die Kolchosjugend einen bunten Abend veranstaltete, und Katjuscha die Daumen drücken, dass sie bei dem langen Monolog der Marguerite aus der Kameliendame auch ja nicht stecken blieb. Stattdessen schlug er sich hier durch den Schnee. Und alles nur wegen dem blöden Traktor und dem kreuzdämlichen Mitritsch!

Über den Kiefern prangte der Vollmond und sorgte für gute Sicht, rückte jedoch die Lichter in den Häusern am Dorfrand in noch weitere Ferne. Wenigstens stand er in Krjukows Rücken, sonst hätte sein Licht diesen nämlich auch noch geblendet. So hell war es bei Nacht eigentlich nur in den mobilen Forstbasen, wo für die entsprechende Schicht Tausendwattstrahler an den Baumstämmen befestigt wurden, wo die Taigaluft durch das elektrische Licht geradezu fahl und dick wirkte, wo jeder Schatten zu einem winzigen Punkt zusammenschrumpfte und aufgewühlt durch die heulenden Kettensägen und die Forsttraktoren ängstlich zitterte. Bei dieser Abfahrt dagegen gab es einen Schatten. Und was für einen! Er kroch aus Koljas Skiern heraus, zog sich die Piste hinunter und schlug im Dorfladen ein. Zusammen mit Kolja ging er in die Knie, fuchtelte er unbeholfen mit riesigen Pranken. Der bestimmt zehn Meter lange Kopf zuckte über die Stufen vor der Tür des Ladens, als wollte er an die abgeschlossene Tür klopfen – oder diese gleich ganz einschlagen, fast als wäre er ein Rammbock.

Doch obwohl dieser Schatten furchterregend aussah, konnte sich Nikolaj ein Grinsen nicht verkneifen. Das erzähl ich Katjuscha, nahm er sich vor. Dass ich zwar noch weit weg war – aber trotzdem schon bei ihr!

Je näher er dem Klub kam, desto nervöser wurde er allerdings. Nicht weil er befürchtete, Katja könnte ihm in ihrer Wut ordentlich die Leviten lesen, und auch nicht, weil er sich fragte, wie sie ihren Auftritt gemeistert hatte, sondern weil er sich ausmalte, was Katja durchgemacht hatte, als er nicht aufgetaucht war. Wie hatte sie sich sein Ausbleiben zusammengereimt? Bestimmt war sie hinter den Kulissen auf und ab getigert. Und nach ihrem Auftritt würde sie in einem stillen Eckchen geweint und dabei ständig gelauscht haben: Polterte da nicht Koljas Traktor heran? Aber das tat er nicht, zum Teufel mit diesem Mitritsch aber auch!

Im Klub brannte noch Licht, auch leise Musik war zu hören, doch noch ehe Nikolaj das Gebäude erreicht hatte, wusste er, dass der bunte Abend vorüber war, denn in dem Schneeberg neben dem Eingang steckte kein einziges Paar Skier mehr, die Zuschauer waren also längst wieder zu Hause. Nikolaj löste die Riemen seiner Skier, rammte aber weder sie noch die Stöcke in den Schnee, sondern lehnte sie neben einem der Fenster gegen die Wand. Während der Abfahrt war er ins Schwitzen geraten, doch diese Wärme gab sein Körper im Nu wieder ab. Schweiß strömte ihm ins Gesicht, von dem Halbmantel stieg Dampf auf. In dieser Aufmachung konnte er selbstverständlich nicht vor die Leute treten, das gehörte sich einfach nicht. Deshalb nahm er die Mütze ab, um sich mit ihr die Stirn abzutrocknen. Anschließend leckte er die Tropfen über der Oberlippe ab und strich sich mit tauben Fingern das feuchte Haar glatt, das in der Kälte sofort gefror.

Da die Doppelfenster von innen beschlagen waren, vermochte Nikolaj nur verschwommene Silhouetten auszumachen. Er verrenkte sich fast den Hals, um zu erkennen, wer überhaupt noch im Klub war. Er stammte zwar aus dem Nachbardorf, rechnete aber dennoch nicht mit Schwierigkeiten, denn die Leute hier waren freundlich und würden ihn nicht gleich achtkantig rauswerfen. Trotzdem konnte es nie schaden, sich erst einmal darüber klar zu werden, mit wem man es eigentlich zu tun bekommen würde.

Die Bänke, auf denen vorhin die Zuschauer gesessen hatten, waren nun an die hintere Wand gestellt worden. Normalerweise schuf man auf diese Weise Platz zum Tanzen. Heute jedoch hatte man in der Mitte des Raums ein paar Tische aufgebaut, darunter auch den mit grünem Tuch bespannten Tisch des Vorstands. Sie bogen sich unter Tellern mit Essen, einer Karaffe mit einer roten Flüssigkeit und selbstgebranntem Schnaps. Die gelungene Aufführung musste ja schließlich gefeiert werden …

Endlich erkannte Nikolaj auch Mischka, den Akkordeonspieler, der mit dem Gesicht zum Fenster saß, sein geliebtes Instrument neben sich auf dem Stuhl. Dort erholte es sich vermutlich von dem flotten Csárdás und lauschte den Walzerklängen. Rechts neben Mischka machte Nikolaj drei weitere bekannte Gesichter aus. Welche Nummer das Trio heute Abend dargeboten hatte, wusste Nikolaj jedoch nicht. Den dreien gegenüber und folglich mit dem Rücken zum Fenster saßen einige Frauen in Folkloretracht. Am Ehrentisch thronte Pjotr Krassilow, der Traktorist. Niemand trug die Gedichte Majakowskis so vor wie er. Er war auch der Einzige, der weder Essen noch Getränke anrührte, sondern mit besorgtem Gesicht Zeitung las. Vor den Bänken tanzte in enger Umarmung ein Pärchen. Irgendein Schnösel aus der Stadt im schwarzen Anzug und eine dralle Frau in einem glänzenden Kleid à la feine Dame. Nikolaj hatte keinen blassen Schimmer, wer sie waren. Vielleicht ja irgendwelche Verwandte, die rein zufällig zu dieser Aufführung gekommen waren, vielleicht aber auch die Abgesandten aus der Kreisstadt, schließlich hatte Katjuscha ihm erzählt, sie würden irgendein hohes Tier erwarten, entweder vom Kreiskomitee des Komsomol oder von der Musikgesellschaft. Beim Anblick des tanzenden Paars schnalzte Nikolaj missbilligend mit der Zunge. Die beiden hielten ja nicht mal den Takt. Die Musik war für sie nur ein Vorwand, sich eng aneinanderzupressen. Zwischen ihren Gesichtern gab es so wenig Abstand, dass es regelrecht unanständig war. Außerdem strichen sie einander die ganze Zeit über den Rücken. Widerlich! Und so was nannte sich nun städtische Intelligenzija! Würde sich jemand aus dem Dorf so aufführen, würde es allen die Schamesröte ins Gesicht treiben. Dann bräuchte man nicht mal eine Komsomolversammlung einzuberufen, denn was von solchen Naturen zu halten war, stand außer Frage.

Da er Katjuscha nirgends entdeckte, fuhr er sich nachdenklich mit der Hand über die Wange, die bereits von Raureif überzogen war, und trat vor das nächste Fenster, doch da sah er nur die leere Bühne und einen Tisch mit dem Plattenspieler. Die Klubleiterin Sina und der Brigadeleiter der Forstarbeiter Bucharow gingen die Platten durch. Sina wollte bestimmt einen Lipsi auflegen, Bucharow dürfte es nach etwas Schnellerem verlangen.

Der Frost kroch Nikolaj mittlerweile unter den Halbmantel, sodass er sich wünschte, auch in dem warmen Klub zu sein, ein Glas Tee zu trinken und vielleicht sogar ein Schlückchen von der roten Flüssigkeit in der Karaffe zu nehmen. Nur gab es für ihn keinen Grund hineinzugehen, denn Katjuscha hatte den Ort offenbar vor Beginn der Feier verlassen.

Sollte sie nach Hause gegangen sein, würde es bei ihrem strengen Vater schwer werden, heute noch mit ihr zu sprechen. Aber Nikolaj musste sie unbedingt sehen. Weniger, um ihr alles zu erklären, als vielmehr, um sie zu beruhigen. Denn sie würde sich doch Sorgen machen, weil er heute nicht erschienen war. Große Sorgen sogar! Nur so ließ sich erklären, warum sie nicht mehr hier war. Bestimmt saß sie völlig verzweifelt in ihrem Zimmer, die Hände im Schoß gefaltet, die Zeiger der Wanduhr im Blick … Besser, er ging gleich zu ihr.

Er machte kehrt und stapfte zu dem ersten Fenster zurück, neben dem er seine Skier abgestellt hatte. Noch einmal warf er einen sehnsüchtigen Blick auf alle, die da in dem warmen Raum feierten. Und dann traf ihn fast der Schlag. Das tanzende Pärchen drehte sich gerade zum Tisch um. Der Schnösel platzte fast vor Überheblichkeit und mimte den Mann von Welt. Seine Brille mit dem schmalen Goldrand – o nein, der kam unmöglich vom Kreiskomitee, der musste von der Musikgesellschaft sein – funkelte stolz auf der feinen Nase, die blassen Lippen hatten sich zu einem hochzufriedenen Lächeln verzogen. Mit seiner eleganten Hand, die fast die einer Frau sein könnte, hielt er seine Partnerin formvollendet am Ellbogen gefasst. Auch diese schien hochzufrieden, darauf deuteten die glänzenden Augen, die geröteten Wangen und der schnelle Atem hin. Gut, sie war ein wenig drall – aber alle Frauen vom Land waren ein wenig drall. Doch was für eine Schönheit! Und vermutlich talentiert, sonst hätte dieser Schnösel aus der Stadt bestimmt nicht mit ihr getanzt. Und wie zärtlich sie war … So zärtlich, dass sie diesen Widerling nicht einfach hatte stehen lassen können, sondern sich beim Tanz sogar noch an ihn geschmiegt hatte. Ob das Kleid à la feine Dame, das für die Marguerite nötig war, daran schuld war? Denn Kleider machen Leute – so hieß es doch, oder?

Ich bring sie um!, dachte Nikolaj, der vor dem Fenster zur Eissäule erstarrt war. Alle beide!

Weitere Pläne schmiedete er nicht. Er hob die Hand, rammte die Zähne in den Ärmel seines Halbmantels. Der Gestank von Tabak, Schmierfett, Hund und Schweiß stieg ihm in die Nase. Trotz der grimmigen Kälte war Nikolaj wieder ins Schwitzen geraten. Krämpfe durchzuckten ihn. Und noch etwas packte ihn. Etwas, das er nicht kannte, etwas Wildes, Tierisches …

Hinter ihm schob sich für den Bruchteil einer Sekunde etwas vor den Mond. Instinktiv wirbelte Nikolaj herum und stierte zu der riesigen grellen Scheibe hoch, die über dem Walzberg prangte. Er schaffte es noch, die verräterischen Tränen wegzublinzeln – dann fiel er auf die Knie und verlor das Bewusstsein.

Eins

Jeden Morgen begann der Revierbevollmächtigte vom Lichten Keil, der Dorfmilizionär Denissow, mit ein wenig Gymnastik. In den fünfundzwanzig Jahren, in denen er nun schon seinen Dienst versah, hatte er einiges von seinem sportlichen Ehrgeiz abgelegt und ließ es heute weit ruhiger angehen. Schließlich musste er sich ja auch noch waschen und rasieren, obendrein wollte das reichhaltige Frühstück aus drei Tellern Grütze bewältigt werden. Anschließend erwartete ihn der fünfzehnminütige Fußweg zu seinem Arbeitsplatz. Pünktlich um zehn schloss er dann die Tür seiner Amtsstube auf. Er schaltete das Radio an, um die Nachrichten und die Sendung Weckruf der Pioniere zu hören, riss das Fenster auf und ließ den Raum einmal ordentlich durchlüften. Im Winter heizte er noch mit Holzscheiten, die er im Windfang gestapelt hatte, seinen kleinen Ofen. Danach – in Moskau war es nun sieben Uhr und zwanzig Minuten, bei ihnen kurz nach zehn – trat er seine tägliche Runde durchs Dorf an.

Auch der heutige Morgen gestaltete sich in dieser Weise, mit dem einzigen Unterschied, dass Denissows Frau allein in der Küche hantierte, während ihr normalerweise die Tochter half, den Frühstückstisch zu decken. Diese war gestern jedoch erst spät nach Hause gekommen, denn nach ihrem Auftritt im Klub hatte sie mit den jungen Leuten den gelungenen Abend gefeiert, sodass sie noch süß und selig schlief, als Denissow zur Arbeit aufbrach.

Im Amt fielen die Flammen bereits gierig über das Brennholz her. Im Ofen fauchte es, das Harz knisterte, und Rauch stieg auf. Nachdem Denissow die obere Ofenklappe halb geschlossen hatte, damit nicht die ganze Wärme entwich, machte er sich zu seiner täglichen Runde auf. Ein bestimmtes Ziel steuerte er nicht an. Er wollte sich einfach ein wenig umsehen, die Ohren offen halten, mit diesem oder jenem ein kleines Pläuschchen halten, auch ein paar Ratschläge geben oder einen Verweis erteilen. Wenn man die Sache mit dem nötigen Verstand anpackte, stellte die Arbeit eines Dorfmilizionärs keine besondere Herausforderung dar. In Denissows Revier gab es jedenfalls keine gravierenden Verbrechen. Obendrein wurde er von allen geachtet und respektiert. Und selbst wer das nicht tat, überlegte sich zweimal, worauf er sich einließ, denn Denissow wusste immer, wer was stibitzen oder wer wem die Fresse polieren wollte – und zwar noch bevor der etwaige Missetäter sich selbst darüber im Klaren war.

In der Regel nahm sich Denissow zunächst den oberen Teil des Dorfs vor, schlenderte dann am Fluss entlang, am großen Kuhstall und an den Schuppen der Fischer vorbei, und gelangte so zu den Häusern im unteren Teil. Exakt zur Mittagszeit kehrte er ins Dorfzentrum zurück. Heute sollte sein langer Spaziergang jedoch ausfallen. Als er nämlich sein Büro verließ und sein Blick zu den Nachbarhäusern wanderte, blieb er an etwas hängen. Woran, begriff Denissow anfangs nicht einmal. Die Verkäuferin Rajka hatte bereits die ersten Kunden bedient und rauchte nun im Hinterzimmer ihres Krämerladens, wobei sie den Rauch wie ein ungehobelter Kerl durchs offene Oberlicht ausstieß, eine Angewohnheit, die ihr nicht auszutreiben war, mochte man ihr auch noch so sehr ins Gewissen reden. Neben dem Kolchosbüro stritten wie üblich die Agafonows, ein altes Ehepaar, doch war dieser Wortwechsel nicht ernster Natur, sondern eher ein liebevolles Geplänkel. Vitka, der Fahrer des Kolchosvorsitzenden, saß hinterm Steuer des Willys, den er schon einmal warm laufen ließ, und kaute an den Nägeln. Man hätte sich einen schöneren Anblick vorstellen können, doch als verbrecherisches Tun ließ sich das Gekaue beim besten Willen nicht bezeichnen.

Erst als Denissows Blick in einer dritten Runde über die Häuser in der Dorfmitte wanderte, ging dem Milizionär auf, was ihn irritiert hatte: An der Wand des Klubs lehnten weithin sichtbar Jagdskier. Hör mal, rief er sich zur Ordnung, Skier mitten im Winter, in einem Dorf, in dem jedes Kind schon in den Windeln lernt, damit zu fahren – was, bitte, macht dich daran stutzig?

Dennoch stapfte Denissow zum Klub hinüber. Er wollte sich davon überzeugen, dass es tatsächlich Jagdskier waren. Aber ja, die breiten, mit Hirschfell bespannten Bretter ließen keinen Zweifel. Mit diesen Dingern kam man in den Wäldern hervorragend voran, im Dorf aber eher nicht. Obendrein kannte er keinen Jäger, der seine Skier unbeaufsichtigt zurücklassen würde. Denissow sah sich noch einmal um, entdeckte den Besitzer dieser Dinger aber nirgends. Er zog sich den einen Fäustling aus und fuhr mit der Hand über das Fell. Es war schon steif gefroren, die Bretter mussten also bereits ein Weilchen hier stehen. Womöglich sogar die ganze Nacht. Hatte ihr Besitzer also im Klub geschlafen? Unwahrscheinlich, denn Sina, die Leiterin, kannte keine Gnade, wenn es um ihren Klub ging: In ihrer Abwesenheit durfte sich niemand in den Räumlichkeiten aufhalten. Denissow stieg die paar Stufen zur Tür hoch und überzeugte sich, dass das massive Schloss auch wirklich abgeschlossen war. Anschließend sah er sich noch einmal vorm Klub um. Unter dem Fenster entdeckte er im Schnee einige höchst sonderbare Spuren. Noch ehe er sie näher musterte, durchzuckte ihn die Erkenntnis: Jemand hatte gestern Abend seine Skier hier vorm Klub abgestellt, weil er nach der Aufführung ein hübsches Mädchen am Arm gehabt und nach Hause gebracht hatte. Und Denissow fiel nur ein Mann ein, der bereit gewesen wäre, durch den Wald aus dem Nachbardorf herüberzukommen. Der Mann, den seine Katerina gestern Abend so inständig herbeigesehnt hatte, als sie vor ihrem Auftritt nervös auf ihrer Unterlippe herumgekaut hatte.

Kurzentschlossen streifte sich Denissow den Fäustling wieder über und rannte zu seinem Haus zurück. Ohne die Filzstiefel abzutreten, durchquerte er den Windfang und stürzte ins hintere Zimmer. Seine Frau hatte das Frühstücksgeschirr längst abgeräumt und las jetzt die vermischten Meldungen in der Zeitung Trud.

»Ist Katja noch da?«, fragte Denissow noch von der Schwelle aus in strengem Ton.

Ljudmila linste ihn über ihre Brille hinweg an und nickte.

»Allein?«

»Was ist das für eine Frage? Hast du jetzt völlig den Verstand verloren?!«

Da Ljudmila ahnte, wohin er wollte, versperrte sie ihm den Weg.

Denissow schob sie kurzerhand zur Seite und riss die Tür zum Zimmer seiner Tochter auf.

Katerina schlief nicht mehr und war zur unsagbaren Erleichterung ihres Vaters bereits angezogen. Gerade machte sie ihr Bett. Mit seinem Auftauchen hatte er ihr einen tüchtigen Schrecken eingejagt, denn im Dorf stürmte niemand mir nichts, dir nichts das Zimmer seiner erwachsenen Tochter. In den Nachbardörfern übrigens auch nicht. Wenn ein Vater also unvermittelt in das Zimmer der eigenen Tochter platzte, hieß das, es musste etwas Schreckliches geschehen sein. Und wenn der eigene Vater dann auch noch Dorfmilizionär war, sollte die Tochter wohl mit dem Schlimmsten rechnen.

Katja, die eigentlich noch eine Stickdecke über dem Kopfkissen hätte drapieren müssen, ließ sich aufs Bett plumpsen.

»Was ist mit ihm?«, hauchte sie.

Erst da begriff Denissow, dass er die falschen Schlüsse gezogen hatte. Verlegen wandte er den Blick ab.

»Komm doch mal ins Wohnzimmer, Katjuscha«, murmelte er. »Ich hätte ein paar Fragen an dich.«

Danach machte er kehrt. Katja strich sich über ihr Kleid und atmete tief durch. Mit hoch erhobenem Kopf trat sie vor ihre Eltern. Denissow saß immer noch in Filzstiefeln und Halbmantel, mit der Mütze auf dem Kopf, seiner Frau gegenüber am Tisch.

»Tut mir leid, weiß auch nicht, was ich mir dabei gedacht habe …«, stammelte er schuldbewusst. »Aber erst mal guten Morgen! Ist es gestern spät geworden?«

»Papa! Worum geht es? Was ist passiert?«

Denissow stierte auf die Pfütze, die sich unter seinen Stiefeln bildete, hüstelte, seufzte und richtete schließlich den Blick auf seine Tochter.

»Sag mal, dein Nikolaj … also, Krjukow meine ich … ist der gestern aus seinem Lichten Weg zu uns rübergekommen?«

Katja schüttelte langsam den Kopf.

»Soll das heißen, er ist nicht gekommen, oder du weißt es nicht?«

»Er … war da. Aber wir haben nicht miteinander gesprochen.« Katja wandte sich an ihre Mutter. »Mama, ach Mamotschka, ich bin so eine dumme Gans!«

Daraufhin fiel Katja auf die Knie, umklammerte die Schenkel ihrer Mutter und weinte, wie sie es als kleines Mädchen getan hatte, wimmerte und erzählte stockend alles, was gestern Abend geschehen war, gestand ihr schändliches Verhalten und die Ängste in der schlaflos verbrachten Nacht.

Denissow geriet ins Schwitzen und wusste nicht, wohin mit sich, denn er war eindeutig fehl am Platz. Das war ein vertrauliches Gespräch zwischen Mutter und Tochter und nicht für seine Ohren bestimmt. Er hätte den Raum also auf der Stelle verlassen sollen – aber er musste doch unbedingt über diese Ereignisse auf dem Laufenden sein! Schließlich entnahm er der wirren Rede seiner Tochter etwas von Bedeutung.

»Stopp! Was für ein Makarski?«

Katjuscha wandte ihm das verweinte Gesicht zu.

»Das hab ich doch schon gesagt«, schluchzte sie. »Der von der Gebietsmusikgesellschaft.«

»Der mit der Brille? Und was wollte der?«

»Das hab ich doch auch schon gesagt! Er hat mir den ganzen Abend den Hof gemacht, mich in die Stadt eingeladen, mir einen Platz beim Theater versprochen, im Wohnheim …«

»Und du?«

»Ich bin so eine dumme Gans!« Sie schluchzte erneut los. »Kolja ist einfach nicht gekommen! Da bin ich so wütend geworden! Da hab ich mich auf das Spiel eingelassen, getanzt …«

»Und wo hat er geschlafen?«

»Wer?«

»Makarski!«

»Du hast wirklich völlig den Verstand verloren!«, bemerkte Ljudmila kopfschüttelnd.

»Woher soll ich denn wissen, wo der Kerl geschlafen hat?«, fuhr Katja ihren Vater wütend an. »Als ich den Klub verlassen habe, da sind mir sofort Koljas Skier aufgefallen. Also ist er doch gekommen … und hat … mich mit ihm gesehen!«

Katerina bekam einen weiteren Weinkrampf und vergrub den Kopf im Schoß ihrer Mutter. Ljudmila blickte ihren Mann an, der nur fragend die Augen aufriss und mit dem Kinn auf seine Tochter deutete, um auf diese Weise seine Frau wortlos zu fragen, was denn nun eigentlich mit Katja los sei? Ljudmila schüttelte nur den Kopf und gab ihm damit ebenso wortlos die Antwort: Was gibt’s denn da bitte nicht zu verstehen?

Das wiederum hieß, dass es bei seiner Tochter nicht um eine Tändelei ging, sondern um Liebe.

Schlecht! Gar nicht zu fassen, wie schlecht! Oh, nicht dass es noch zu früh für Katja war, an diese Dinge zu denken, ganz gewiss nicht, allmählich wurde es sogar höchste Eisenbahn! Aber wen hatte sie sich da ausgesucht?! Warum hatte sie sich nicht in Petka Krassilow vergucken können, das war ein guter Junge, auch wenn er immer so tat, als hielte er sich für besonders schlau. Oder Mischka den Akkordeonspieler, der zwar mitunter eine echte Trantüte war, im Grunde jedoch auch kein schlechter Kandidat. Aber ausgerechnet Nikolaj Krjukow …? Ausgerechnet diesen verdammt schlechten Kandidaten …?

»Ich bin im Amt!«, brummte Denissow und erhob sich.

Heute durfte er seine tägliche Runde unter gar keinen Umständen ausfallen lassen, denn er musste in Erfahrung bringen, wo Krjukow und Makarski die Nacht verbracht hatten und wo sie jetzt waren. Was, wenn Katja sich zu Recht Sorgen machte? Was, wenn einer von ihnen – oder womöglich alle beide – irgendwo mit eingeschlagenem Schädel oder einem Messer im Bauch hinter den Fischerschuppen lag? Gut, eigentlich glaubte Denissow das nicht, aber sicher war sicher.

Bevor er dann jedoch sein Amt erreicht hatte, entdeckte er Makarski. Der Mann von der Gebietsmusikgesellschaft machte gerade auf offener Straße den Kolchosvorsitzenden zur Schnecke. Mit einem strengen Blick trat Denissow an die Streithälse heran.

»Was gibt’s denn?«, wollte er vom Vorsitzenden wissen.

»Guten Morgen, Fjodor Kusmitsch!«, begrüßte ihn dieser. »Gut, dass du kommst?«

»Was ist hier los, Bürger?«, wandte er sich dann an Makarski.

»Ich lege offiziell Beschwerde ein!«, tönte dieser. »Man hat mich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in dieses Nest gelockt! Und nun will man mich hier auch noch festhalten!«

»Geht das auch in einfachen Worten?«, wandte sich Denissow wieder an den Kolchosvorsitzenden.

Dieser seufzte schwer.

»Gestern Abend ist der Genosse bei uns eingetroffen, um dem bunten Abend der Dorfjugend beizuwohnen. Heute möchte der Genosse zurückkehren und bekundet seine Unzufriedenheit darüber, dass der Bus in die Stadt erst in drei Stunden geht.«

»Heute ist mein freier Tag«, mischte sich der empörte Makarski ein. »Und wissen Sie, was man mir versprochen hat?«

»Na?«, fragte Denissow.

»Man hat mir jeden nur denkbaren Komfort und eine Schar herausragender Naturtalente versprochen! Aber was habe ich bekommen? Unbeholfenes bäuerliches Amateurgehabe, unerträgliche Kälte, ein steinhartes Sofa und einen Bus, der nicht kommt! Nennen Sie das etwa Komfort?«

»Sachte, sachte«, bat Denissow und hob beschwichtigend beide Hände. »Beruhigen Sie sich! Unbeholfen nennen Sie unseren Nachwuchs also?« Daraufhin wandte sich Denissow an den Dorfbürgermeister. »Semjon, würdest du unserem Gast deinen Vitka zur Verfügung stellen?«

»Bitte?!«, entgegnete dieser ungläubig.

»Zu Fuß kann der Mann ja schlecht in die Stadt marschieren. Gib ihm also Vitka! Sonst nimmt das Genörgel ja nie ein Ende!«

Makarski verzog empört das Gesicht, verkniff sich aber jede Bemerkung, denn der Tonfall des Dorfmilizionärs hatte in dem Städter jeden Wunsch erstickt, diese Auseinandersetzung fortzusetzen.

Denissow wandte sich ab und trottete zu seinem Büro.

»Hat man Töne!«, brummte er kopfschüttelnd. »Unbeholfenes bäuerliches Amateurgehabe …«

Er selbst hatte gestern Abend von Anfang bis Ende jede Sekunde genossen. Vor allem natürlich die Szene aus der Kameliendame. Kaum wiedererkannt hatte er seine Katja, denn von ihr ging wirklich etwas Westliches aus. Seine Tochter, noch gestern eine kleine Dorfschülerin, hatte sich in eine reife und lebenserfahrene Frau verwandelt. »Genau wie im Kino!«, hatte Ljudmila ihm ins Ohr geflüstert. Dem konnte er nur zustimmen.

»Gestern verspricht dieser Kerl ihr noch das Blaue vom Himmel, und heute nörgelt er ohne Ende …«

Vor der Tür reinigte Denissow seine Filzstiefel mit einem kurzen Reisigbesen, schloss auf, machte die Tür dann gleich wieder fest zu, legte im Windfang den Mantel ab und wechselte die Stiefel gegen bequeme Halbschuhe. Die Straßenschuhe stellte er zum Trocknen vor den Ofen in seiner Amtsstube. Bei der Gelegenheit fachte er auch gleich das Feuer an, indem er mit einem Haken in den brennenden Scheiten stocherte. Nachdem er sich dann gereckt hatte, ließ er den Blick durch sein Büro wandern. Der massive Stuhl, ein schlichter Tisch mit Schublade, in der Ecke ein Tresor, an der verputzten Wand eine Karte vom Kreis. Von der Decke baumelte eine nackte Glühbirne. Direkt unter dieser stand der Hocker für Besucher. Kurz und gut, ein karges Büro. Eigentlich nicht direkt bedrohlich – aber trotzdem hatten alle eine Heidenangst, irgendwann auf dem Hocker unter der nackten Glühbirne zu landen. Aber lag das tatsächlich an der Inneneinrichtung – oder nicht doch an der negativen Energie, die sich hier in den fünfundzwanzig Jahren, in denen Denissow schon seinen Dienst versah, angesammelt hatte?

Er stand mitten im Raum, den Blick in die verrußte Decke gebohrt.

»Na bitte schön«, knurrte er. »Als ob ich’s nicht gewusst hätte.«

Sein Gefühl hatte ihn in der Tat nicht getäuscht: Von der Straße drang wütendes Gekläff herein. Die Fäuste auf das niedrige Fensterbrett gestemmt, spähte Denissow zur Straße hinaus. Sämtliche Hunde des Dorfes schienen in derselben Sekunde toll geworden zu sein. Umringt von dieser Meute, rumpelte Pjotr Krassilow mit seinem Traktor, einem DT-75 mit Raupen und Schneeschild, heran. Im Winter gehörte es zu Pjotrs Pflichten, den Schnee auf der Kreisstraße zu räumen. Denissow blickte kurz auf seine Armbanduhr. Halb zwölf. Bis zur Stadt waren es fünfunddreißig Kilometer hin, fünfunddreißig Kilometer zurück. So früh konnte Petka mit dem lahmen DT-75 niemals zurück sein. Es musste also unterwegs eine böse Überraschung gegeben haben. Und warum sprangen die Hunde wie verrückt um den Traktor herum, knurrten und kläfften, verschluckten sich an ihrem eigenen Gebell, attackierten wütend die Raupen und zogen verängstigt die Schwänze ein?

»Verflixt und in die Radieschen gestochen!«, schimpfte Denissow und eilte hinaus.

Krassilow wendete den Traktor geradezu übervorsichtig, fast als nähme er auf die Hunde Rücksicht, bis die Schaufel auf Denissows Revier zeigte. Ein paar Schritte vor dem vereisten Brunnen blieb er stehen.

»Was gibt’s?«, brüllte Denissow gegen die Hunde an.

Krassilow kletterte aus der Fahrerkabine auf die Raupe, zögerte aber, in den Schnee zu springen.

»Einen Toten, das gibt’s!«, sagte er.

Eine Hitzewelle erfasste Denissow. Sollte Katerina mit ihrer Sorge am Ende recht gehabt haben?

»Nikolaj?«

»Was für ein Nikolaj?«, fragte Krassilow begriffsstutzig zurück. »Ich habe ’nen toten Wolf dabei! Vorn in der Schaufel.«

Zutiefst erleichtert, atmete Denissow erst einmal durch. Damit wäre geklärt, warum die Hunde sich wie toll verhielten. Blieb die Frage, warum Petka den Wolf überhaupt angekarrt hatte.

»Und weiter?«, fragte Denissow in scharfem Ton.

»So’n Wolf hab ich noch nie gesehn, Fjodor Kusmitsch!«

»Dann komm jetzt erst mal von deinem Hochstand! Ich erwarte dich drinnen.«

»Wollen Sie sich den Wolf denn gar nicht ansehen?«

»Das mach ich, wenn diese Meute abgezogen ist. Inzwischen kannst du mir alles erzählen. Leg einen Zahn zu, bei dem Gekeife wird man ja taub!«

Ein paar Minuten später stand Pjotr schüchtern in der Tür, die Kaninchenfellmütze mit Ohrenklappen in Händen.

»Da draußen …« Er nickte mit dem zerzausten Kopf in Richtung Straße. »… da haben sich schon ’ne Menge Leute versammelt.«

»Ja was hast du denn erwartet?! Bei dem Auftritt, den du hingelegt hast! Komm rein, und setz dich!«

»Ich steh lieber!«, versicherte Pjotr mit einem ängstlichen Blick auf den Hocker.

»Von mir aus. Und nun zur Sache.«

»Also zur Sache: Während ich das planmäßig von mir erwartete Räumen des …«

»Drück dich klar und deutlich aus!«, verlangte Denissow ungehalten. »Du hältst hier keinen Vortrag vor dem Parteivorstand!«

»Dann mach ich’s kurz: So um halb zehn bin ich den Walzberg hoch, da war die Leiche. Mitten auf der Straße!«

»Mitten auf der Straße also. Und?«

»Ich hab angehalten und mir das Tier angesehen. Aber da war kein Blut! Na, der wird an Altersschwäche gestorben sein, denk ich mir, oder erfroren. Ein Bekannter von mir in der Kreisstadt, der stopft die Biester aus. Ob ich ihm den Wolf bringe?, überleg ich noch. Warum eigentlich nicht? Wo doch kein Blut da ist. Erschossen wurde er also nicht? Und wenn er nicht erschossen wurde, ist das Fell bestens.«

»Und? Ist es das?«

»Nicht die Spur!«, erklärte Krassilow und fuchtelte aufgeregt mit der Mütze herum. »Dem armen Tier wurde die Kehle aufgerissen!«

»Aber trotzdem nirgends ein Tropfen Blut, ja?«

»Sag ich doch! Nirgends! Nicht neben ihm, nicht unter ihm! Aber das Allerschlimmste …«, hauchte Petka und senkte die Stimme. »… es ist eine blasse Wunde.«

Denissow erhob sich und fing an, mit den Händen auf dem Rücken durch seine Amtsstube zu wandern. Ihm brauchte niemand zu erklären, was es mit blassen Wundrändern bei gleichzeitigem Fehlen von Blut auf sich hatte, dazu hatte er zu oft gesehen, wie ein Schwein geschlachtet wird.

»Spuren?«

»Heute früh hat’s zwar geschneit, aber nicht so doll, dass die ganze Straße zu gewesen wäre«, antwortete Petka. »Wolfsspuren gibt’s schon, aber keine Ahnung, ob die von dem toten Tier stammen oder nicht.«

»Man hat den Wolf also nicht vor Ort getötet«, murmelte Denissow, »sondern ihn erst zum Berg geschleppt, nachdem man das ganze Blut abgelassen hatte. Richtig?«

Krassilow schüttelte verzweifelt den Kopf.

»Sondern?«

»Also, wenn ich zum Beispiel den Wolf getötet hätte«, holte Petka aus und schlug energisch mit der Mütze auf die Luft ein. »Wie hätte ich das angestellt? Hätte ich dem Biest etwa mit den Zähnen die Kehle durchgenagt? Aber gut, gehen wir davon aus. Dann wäre ich ein Wilderer, oder? Aber was, wenn ich nicht gewildert, sondern um mein Leben gekämpft hätte – warum sollte ich das Tier dann zu unserm Berg schaffen? Ganz nach dem Motto: Ich muss doch jeden Verdacht von mir ablenken und die Leiche loswerden! Pack ich den Wolf doch ins Auto, in den Kofferraum, wenn’s ein PKW ist, oder hinten auf die Ladefläche, wenn’s ein Laster ist. Auf dem Beifahrersitz würde ich das Tier sicher nicht haben wollen, das wär doch irgendwie widerlich, oder? Dann fahr ich also an ’ne gute Stelle, steige aus, öffne die Klappe zur Ladefläche oder eben den Kofferraum …«

»Aber wenn du aus dem Auto gestiegen wärst, hättest du Fußabdrücke hinterlassen«, ergänzte Denissow grinsend. »Und genau die gibt es nicht, richtig? Wirklich, Petka, du solltest auf die Milizschule gehen, aus dir würde bestimmt ein guter Spürhund. Einen Fehler hast du aber doch gemacht: Du hättest den Wolf liegen lassen sollen. Die erste Regel ist nämlich, an einem Tatort nichts anzurühren, bis die Kriminalisten eintreffen.«

»Jetzt hab ich also auch noch einen Fehler gemacht!«, schmollte Krassilow. »Statt dass Sie mich loben, dass ich den Wolf überhaupt gesehen habe! Ich hab nämlich immer beide Augen offen beim Fahren! Dann bringe ich das Tier auch noch her, als Beweis sozusagen, statt dass ich es mit nach Hause nehme, als Trophäe sozusagen, und vor meinen Freunden damit angebe!«

»Stimmt auch wieder«, lenkte Denissow ein. »Ein Lob also für deine Aufmerksamkeit! Und unsere Freunde da draußen – geben die jetzt endlich Ruhe?«

Das taten sie. Die Hunde hatten ihr Gebell eingestellt und sprangen auch nicht länger um die Schaufel herum, sondern lagen jetzt hechelnd im Schnee. Allerdings spitzten sie immer wieder argwöhnisch die Ohren und machten keine Anstalten, zu ihren Höfen zurückzukehren. Inzwischen hatten sich um den Traktor etwa fünfzehn Dörfler versammelt, darunter auch der Kolchosvorsitzende. Denissow schloss den Tresor auf und holte den in seiner ledernen Hülle steckenden amtseigenen Fotoapparat sowie ein Klemmbrett mit Notizblättern heraus.

»Na, komm, Petka, dann wollen wir den Sachverhalt mal aufnehmen …«

»Soll ich Ihnen noch was sagen, Fjodor Kusmitsch …« Krassilow zog verlegen die Nase hoch. »Also, was ich gedacht hab, mein ich, als die Hunde im Dorf so verrücktgespielt haben?«

»Na?«

»Dass das ein Werwolf ist! Aber das ist dumm von mir, oder?«

»Klar ist das dumm von dir«, erklärte Denissow, nachdem er den jungen Mann sehr aufmerksam gemustert hatte. »Denn ein Werwolf hätte sich nach seinem Tod ja zurück in einen Menschen verwandelt.«

In der Tat handelte es sich um einen ganz gewöhnlichen Wolf. Von der Wunde ließ sich das jedoch nicht behaupten. Dem Tier war die Kehle nämlich nicht aufgeschlitzt oder durchbohrt, sondern tatsächlich aufgerissen worden. Welcher Bewohner der hiesigen Wälder dem Wolf eine solche Wunde zugefügt haben konnte, hätte vermutlich nicht einmal der erfahrenste Jäger zu sagen gewusst.

Während Denissow sich Notizen machte, verdüsterte sich seine Miene zunehmend. Aus irgendeinem Grund hatte er nicht den geringsten Wunsch, von diesem Vorfall eine Meldung an die Kreisstadt durchzugeben.

Um eins – das sagte Denissow ein Blick auf die Uhr – kehrte Vitka von seiner Fahrt in die Stadt zurück, wo er Makarski abgeliefert hatte. Er war jedoch nicht allein. Im Fond des Willys saß ein junger Mann in teurem Mantel, der Vitka nun ins Büro des Kolchosvorsitzenden folgte.

Gott sei Dank!, ging es Denissow beim Anblick des Besuchers durch den Kopf. Dann brauch ich mich nicht weiter um die Sache zu kümmern.

Das stimmte nicht ganz.

Zehn Minuten später klopfte es nämlich an seine Bürotür.

»Fjodor Kusmitsch, bist du da?«, rief der Kolchosvorsitzende. »Hier ist jemand vom Kreiskomitee der Partei, der mit dir sprechen möchte. Hast du ein Minütchen Zeit?«

»Nur hereinspaziert!«, erwiderte Denissow, lächelte freundlich, erhob sich von seinem Stuhl und streckte dem Besucher die Hand entgegen. »Angenehm! Ich bin Revierbevollmächtigter Leutnant Denissow.«

»Und mein Name ist Jewgeni Jurjewitsch Ugor«, stellte sich der junge Mann vor.

»Dann immer Platz genommen! Soll ich den Mantel draußen aufhängen? Ist ja recht warm hier drin. Das ist der erste Besuch bei uns?«

Den Genossen vom Kreiskomitee überrumpelte die überschwängliche Begrüßung durch den älteren Milizionär offenbar. Brav zog er den Mantel aus. Darunter trug er einen hellen Anzug von guter Qualität. Ein feines Stöffchen!, registrierte Denissow für sich. Wenn auch etwas leicht bei unserm Winter. Aber gut, der Junge wird ja eh überall hinkutschiert.

»Semjon Semjonowitsch, hast du unserm Gast schon vom Wasser angeboten? Nicht? Also wirklich! Unser Brunnenwasser muss man probiert haben! Ein Tee wäre bei der Kälte zwar nicht schlecht, aber wer ins Dorf Lichter Keil kommt, muss das Wasser kosten! Semjon Semjonowitsch, tu mir die Liebe, schnapp dir den Eimer aus dem Windfang und bring uns ein Schlückchen frisches Wasser!«

Der Kolchosvorsitzende ließ den Wortschwall Denissows ebenfalls ziemlich perplex über sich ergehen, trottete aus dem Büro und hantierte im Windfang mit dem Eimer. Sobald die beiden Männer allein waren, traten sie ins Zwielicht ein.

Die Zeit verstrich nun deutlich langsamer, die Geräusche klangen dumpf und gedehnt. Durch das Fenster beobachteten sie, wie Semjons verschwommene Gestalt sehr langsam auf den Brunnen zuglitt.

»Jewgeni Jurjewitsch Ugor«, stellte sich der Besucher noch einmal vor. »Anderer, Lichter, Leiter der Kreisnachtwache.«

»Ein Anderer dritten Grades leitet die Nachtwache?«, fragte Denissow grinsend.

»Touché!«, entgegnete Ugor. »Ich bin tatsächlich Chef und einziger Mitarbeiter in einer Person. Vor einem Monat wurde ich aus dem Gebiet hierher in den Kreis versetzt. Die Wache hat genau einen Mitarbeiter, eben mich, die Reserve besteht aus null Komma null Anderen … Vielleicht sollten wir daher auch gleich diese Frage klären, selbst wenn sie mich nicht hergeführt hat: Sie wollen wohl nicht der Wache beitreten?«

»Um den Bestand der Aktiven zu verdoppeln?«

Ugor zuckte bloß vage mit den Achseln.

Denissow trat ans Fenster und stemmte die Fäuste aufs Fensterbrett. Semjon hatte den Brunnen fast erreicht, Rajka die Verkäuferin stand vor ihrem Kramladen und gähnte herzhaft. Es schneite, genauer gesagt, es hingen zwei, drei Flocken fast reglos in der Luft.

»Brauchen Sie Bedenkzeit?«, erkundigte sich Ugor.

»Was gibt es da groß zu überlegen?« Denissow riss sich vom Anblick des Platzes los und kehrte zu seinem Schreibtisch zurück. »Nein, meine Entscheidung steht fest. Die Wache ist nichts für mich, so leid es mir tut, Jewgeni Jurjitsch.«

»Und warum nicht?«, wollte Ugor wissen. »Sie sorgen schon ein Vierteljahrhundert als Mitarbeiter der Miliz für Recht und Ordnung. In der Nachtwache täten Sie doch im Grunde das Gleiche. Vielmehr, Sie wären dort von weitaus größerem Nutzen!«

Von draußen drang ein langes durchdringendes Quietschen herein, denn Semjon ließ den Eimer gerade mit einer Winde in die Tiefe.

»Ach ja?«, fragte Denissow zurück. »Und wieso das? Schlagen die Dunklen vielleicht über die Stränge?«

»Nicht unbedingt«, gab Ugor zu. »Der Aufbau einer Kreisabteilung der Wache ist eher eine präventive … also … eine prophylaktische Maßnahme.«

»Das Wort präventiv ist mir durchaus geläufig, danke. Aber ich sehe keinen Sinn darin. Mein Platz ist hier, wo ich mich mit echten Vergehen beschäftige. Den werd ich doch nicht gegen einen Schreibtisch eintauschen, an dem ich den lieben langen Tag Berichte über Kräuterfrauen und Heilerinnen schreibe!«

Denissow war schon lange nicht mehr ins Zwielicht eingetreten, weshalb er nicht mehr routiniert jede Gefühlsregung unterdrückte. Denn je stärker er sich aufregte, empörte oder ärgerte, desto mehr Kraft büßte er in dieser anderen Welt ein. Tief durchatmend, wartete er nun, bis sein Herz nicht mehr raste.

»Das ist ja nicht das erste Mal, dass mir dieses Angebot gemacht wird«, fuhr er dann fort. »Ganz gewiss nicht. Gleich nach dem Krieg, als ich gerade von der Front zurück war, sind die Lichten an mich mit der Bitte herangetreten, mich der Nachtwache anzuschließen. Auch damals hieß es übrigens schon, das wäre rein prophylaktisch. Wo die Zeiten doch so hart waren und die Menschen am Ende ihrer Kräfte … Da konnte so ein Dunkler doch wer weiß was anrichten! Damals habe ich sogar tatsächlich über diesen Schritt nachgedacht. Die Lichten hatten mir eine Agitationsbroschüre in die Hand gedrückt … Die Dinger gibt es heute sicher nicht mehr, oder? Da wurde unsere Aufgabe sehr schön beschrieben. Und mit was für Worten! Die wussten schon genau, wie sie uns Frontsoldaten an den Haken kriegen konnten.« Denissow grinste. »Ich habe damals um weiteres Material gebeten. Zur Struktur, Geschichte und zum Großen Vertrag … All das hab ich durchgearbeitet. Als dann die Lichten zu mir gekommen sind und meine Entscheidung hören wollten, da hab ich gesagt: ›Genossen, nehmen wir doch mal an, ich erwische einen Vampir, der gerade jemandem das Blut aussaugt …‹«

Denissow entging nicht, wie Ugors Augen an dieser Stelle auffunkelten.

»›Was würde ich als Wächter dann machen?‹«, fuhr der Dorfmilizionär grinsend fort. »Und da haben sie mir gesagt, dass ich mir eben sein Registrierungssiegel zeigen lassen muss und die Lizenz … ›Wenn also mit den Papieren bei dem Blutsauger alles in Ordnung ist‹, hake ich nach, ›dann muss ich abziehen und einen Mörder laufen lassen, ja?‹ Genauso ist es, erklären sie mir. ›Und stimmt es‹, bohre ich weiter, ›dass ich selbst gegen ein Gesetz verstoße, wenn ich ihm ins Handwerk pfusche?‹ Auch das bestätigen sie. Damit war die Sache für mich klar: ›Als gewöhnlicher Milizionär ist es aber mein gutes Recht, diesen Vampir zu vermöbeln! Was also habe ich dann in dieser verflixten Wache verloren?!‹«

»Sie beschreiben hier eine primitive, konstruierte Situation«, erklärte Ugor geduldig. »Als gewöhnlicher Mensch würden Sie den Vampir ja gar nicht sehen. Und sein Opfer auch nicht. Doch lassen wir die Vampire beiseite, sie gehören zur untersten Kaste. Weitaus größeres Unheil richten ja jene Dunklen an, die stärker sind. Und gegen die richten Sie mit Ihrer Dienstwaffe bestimmt nichts aus.«

Das Quietschen am Brunnen erreichte jetzt seinen Höhepunkt.

»Aber wie viele dieser starken Dunklen gibt es bei uns im Kreis?«, fragte Denissow, wobei er eine Grimasse zog, von der sich nicht sagen ließ, ob sie dem Sarkasmus seiner Frage oder dem Quietschen draußen geschuldet war. »Wenn man neu in einer Gegend ist, muss man natürlich … äh … schon rein prophylaktisch vom Schlimmsten ausgehen. Ein alter Hase wie ich lässt sich damit aber nicht ködern. Starke Dunkle gibt es bei uns nämlich gar nicht.«

»Und wenn sie irgendwann auftauchen? Kommen Sie dann ohne die Nachtwache gegen sie an? Denn wenn Sie kein Nachtwächter sind, dürfen Sie auch keine magische Kraft einsetzen. Was also machen Sie dann?«

»Bisher bin ich noch immer klargekommen. Und wenn Gott es will, bleiben wir von solchen Untieren auch weiterhin verschont.«

»Tja …« Ugor war furchtbar unzufrieden mit dem bisherigen Verlauf des Gesprächs und ärgerte sich entsetzlich über Denissows Sturköpfigkeit. »Ich habe übrigens gelesen, dass vor zwanzig Jahren eine Bande von Dunklen im Nachbarkreis ihr Unwesen getrieben hat. Erinnern Sie sich noch daran?«

»Ja.«

»Um sie unschädlich zu machen, brauchte man damals auch Lichte. Oder etwa nicht? Aber was rede ich mir hier eigentlich den Mund fusslig …«

»Eben«, sagte Denissow. In diesem Moment verstummte endlich das Quietschen. »Was gibt’s denn nun sonst noch?«

»Also …«, murmelte Ugor. »Da wäre eine Sache … die übrigens ganz gut zu unserem bisherigen Gespräch passt …« Er hüstelte in seine Faust. »In der letzten Woche habe ich einem Dunklen eine Lizenz ausgestellt … Sehen Sie mich nicht so an! Was hätte ich denn tun sollen?! Die Vampirlotterie ist schließlich nicht auf meinem Mist gewachsen! Wenn alles seine Ordnung hat und der Beskud sich hier …«

»Ein Beskud?!«, stieß Denissow aus und gestikulierte wild, ehe er ein paar Sekunden wie erstarrt dasaß. »Wo um alles nehmen Sie diesen widerlichen Vampir denn her?«

»Aus Turkmenistan. Und nicht wir haben ihn irgendwo hergenommen, sondern er ist zu uns gekommen, weil Menschen es so angeordnet haben. Der junge Mann aus Aschgabat hat im vergangenen Jahr sein Studium beendet und hat nun eine Stelle als Chemielehrer im Nachbarkreis zugewiesen bekommen. Angeblich ist er in seinem Beruf gar nicht schlecht … Aber ich schweife ab. Jedenfalls hat er eine Lizenz mit begrenzter Gültigkeit erhalten. Diese ist gestern abgelaufen, aber bisher ist niemand zur Registrierung erschienen.«

»Und?«

»Nun wollte ich überprüfen, was mit dem ihm zugewiesenen Opfer geschehen ist. Der Mann war aber nicht in seinem Dorf. Er ist gestern Abend offenbar hierhergekommen, seitdem hat ihn niemand mehr gesehen.«

»Wie heißt er?«, presste Denissow heraus.

»Nikolaj Krjukow, geboren 1950. Kennen Sie ihn?«

»Mhm«, brummte Denissow. »Das ist der Verlobte meiner Tochter.«

»Aber er …?!«

»So spielt das Leben nun einmal.«

»Trotzdem kann …«

»Ich weiß. Ich war ja auch dagegen – aber mach mal meinem Mädchen klar, dass sie die Finger von dem Burschen lassen soll! Wir haben so viele anständige Jungen im Dorf, aber sie … Moment mal!« Denissow erhob sich sogar von seinem Stuhl. »Soll das heißen, du hast Kolja nicht aus der Vampirlotterie rausgenommen, obwohl du ganz genau wusstest, dass er ein potenzieller Anderer ist?« Er plumpste auf seinen Stuhl zurück. »Wie ist das denn bitte zu verstehen?«

Jeder gesetzestreue Vampir, Beskud oder ähnliche Blutsauger erhielt regelmäßig einen lebenden Menschen zum Aussaugen, gewissermaßen als Belohnung für anständiges Verhalten, denn niemand kam gegen die Natur an, und Spenderblut und das Blut wilder Tiere oder vom Vieh auf den Bauernhöfen stellten nun einmal keinen hundertprozentigen Ersatz für den »besonderen Saft« dar. Die Nachtwache mochte noch so sehr versuchen, ein Verbot der Vampirlotterie durchzufechten, Vertrag blieb nun einmal Vertrag, weshalb die Lichten überall auf der Welt gezwungen waren, regelmäßig ihre Unterschrift unter eine Lizenz für ein konkretes Opfer zu setzen. Der Name des Opfers wurde nach dem Zufallsprinzip unter den Menschen aus dem Gebiet der jeweils zuständigen Wachen ermittelt. Kinder unter zwölf Jahren schieden ebenso aus wie schwangere Frauen und Angehörige ersten Grades von Anderen, also ihre Eltern oder Geschwister. Natürlich gelangten auch die Anderen selbst nicht in den großen Topf mit Losen, weder die initiierten noch die potenziellen. Wieso aber traf es dann aus heiterem Himmel Kolja?!

»Wie lange wissen Sie schon, dass es sich bei Krjukow um einen potenziellen Anderen handelt?«, wollte Ugor nun wissen. »Und wen haben Sie davon in Kenntnis gesetzt? Na, sehen Sie! Gerade weil es bisher keine Kreiswache gab und der Gebietswache nur unzulängliche Informationen zu potenziellen Anderen vorlagen, wird Krjukow in unseren Unterlagen als gewöhnlicher Mensch geführt. Erst als er gezogen wurde …«

»Das hast du dir wirklich fein ausgedacht!«, entfuhr es Denissow. »Da wird ein Mann gezogen, du überprüfst ihn und stellst fest, dass er ein potenzieller Anderer ist. Obendrein zu neunzig Prozent Wahrscheinlichkeit ein Dunkler. Nun müsste eigentlich ein neues Los gezogen werden. Aber wozu unnötig Staub aufwirbeln? Eine Kreistagwache gibt es nicht, die Dunklen wissen vermutlich genauso wenig von Krjukow wie deine kreuzverdammte Gebietsnachtwache. Warum also schlafende Hunde wecken – vor allem da du selbst getrost auf jeden neuen Dunklen in deinem Revier verzichten kannst! Soll dieser Blutsauger also ruhig einen Widerling aus den eigenen Reihen erledigen! Statt einem weiteren Dunklen die Möglichkeit zur Initiierung zu lassen, sorgst du dafür, dass man ihn vorher um die Ecke bringt! Bravo, kann ich da nur sagen!«

Ugor lief vor Freude über dieses Kompliment sogar rot an.

Er begreift rein gar nichts, hielt Denissow für sich fest.

»Und selbst die Leiche stellt kein Problem dar«, fuhr er fort. »Wenn ein Vampir die Lizenz erhalten hätte, dann hätte er Nikolajs Kraft vielleicht gespürt und womöglich der Tagwache Mitteilung gemacht. Die hätte mit Sicherheit versucht, Krjukow für sich zu gewinnen. Aber die Lizenz sollte ein Beskud kriegen – und wenn der auf Jagd geht, lässt er sein Hirn zu Hause. So clever hat schon lange niemand mehr seinen Gegner die Drecksarbeit für sich machen lassen. Das Ganze dann noch als präventive Maßnahme auszugeben …« Denissow erhob sich wieder und tigerte mit auf dem Rücken verschränkten Händen durch seine Amtsstube. »Aus dem Krieg kenne ich noch den guten alten Präventivschlag. Aber der stellte eine Antwort auf eine Aktion des Feindes dar, entweder auf eine geplante oder auf eine eingeleitete. Wenn sich auf Feindesseite allerdings rein gar nichts rührt, wenn es keinen Hinweis auf irgendeinen Angriff gibt, dann ist ein solcher Schlag reine Provokation, aber bestimmt keine präventive Maßnahme. Die man natürlich in den schönsten Farben darstellen kann: Es war einmal ein gewisser Kolja Krjukow, ein guter Traktorist, ein lustiger Bursche, der in die Tochter des Dorfmilizionärs verliebt war. Eines Tages kam dann der Herr Nachtwachenleiter ins Dorf und gab den Jungen zur Verfütterung frei …«

Ugor saß völlig niedergeschmettert da und betrachtete eingehend seine Schuhe.

»Guck doch mal zum Fenster raus! Wir leben hier ein geruhsames Leben ohne großes Auf und Ab. Wenn du es durchs Zwielicht betrachtest, ist der Unterschied nicht besonders groß. Hier bleiben alle auf der Hauptstraße, hier zweigt niemand links oder rechts ab. Und wenn mal Andere auftauchen, dann derart schwache, dass es kaum auffällt. Die dunkle Kräuterfrau ist im Grunde überzeugt davon, dass sie allen mit ihren Tränken und Salben hilft, während die lichte Heilerin meint, sie erziele ihren Erfolg mit Worten. Und ausgerechnet hier setzt du mit einem Präventivschlag an, ja? Und? Hast du die Menschheit damit glücklicher gemacht? Vergießt meine Tochter deswegen vielleicht vor Glück heiße Tränen? Und erwartest du nun von mir, dass ich ebenfalls ein Freudentänzchen aufführe?«

»Wer nur auf seinen vier Buchstaben sitzt, macht natürlich keine Fehler«, tönte Ugor.

»Dafür können sich deine Fehler wirklich sehen lassen, Lichter!«

»Ich habe doch nicht meine Fehler gemeint, sondern die des Beskuds!« Ugor riss den Kopf hoch und sah Denissow direkt in die Augen. »Der hätte doch die nächsten hundert Jahre im Nachbarkreis Chemie unterrichten oder seelenruhig nach Turkmenistan zurückkehren können. Er hätte die ihm per Lizenz zugewiesenen Menschen ausgesaugt, und das war’s dann! So aber habe ich ihn gezwungen, sich zu bewegen, habe ihn aus seinem angestammten Revier herausgelockt. Er musste sich auf völlig unbekanntes Terrain wagen – wo er sich prompt etwas hat zuschulden kommen lassen. Dass er sich nicht hat registrieren lassen, kommt einem Verbrechen gleich. Das wiederum gibt mir das Recht, Sanktionen gegen ihn zu verhängen.«

»Die aber dennoch eine Provokation bleiben. Aber glaub mir, die Dunklen werden darauf zu antworten wissen.«

»Das wollen wir erst einmal abwarten. Zunächst sollten wir uns jedoch um einen Menschen kümmern!«

Ugor trat aus dem Zwielicht, um den Kolchosvorsitzenden, der gerade in die Amtsstube gekommen war, zu hypnotisieren. Dieser schob sich daraufhin mit einem dämlichen Lächeln auf den Lippen den Hocker zum Ofen, nahm Platz, öffnete die untere Klappe und stierte in die Flammen. Nun verließ auch Denissow das Zwielicht. Letzten Endes war es einfacher, ihr Gespräch in der realen Welt fortzusetzen.

»Bist du eigentlich schon lange in der Wache?«, wollte er von Ugor wissen.

»Fünf Jahre. Ich habe als Fahnder in der Gebietsabteilung angefangen.«

»Dann bist du also Kampfmagier?«

»Ist dagegen etwas einzuwenden?«

»Nimm’s mir nicht übel, aber wenn ein Kampfmagier eine Intrige schmiedet, steht er am Ende immer als der Gelackmeierte da«, sagte Denissow. »Du reibst dir die Hände, weil du jetzt gegen einen Beskud deine Sanktionen verhängen kannst. Gut und schön, aber ein Beskud hat sich bei uns im Dorf gar nichts zuschulden kommen lassen. Bei uns war ein Vampir am Werk.«

»Bitte?!«

»Genauer gesagt, eine junge Vampirin. Krjukow hat sie allerdings nicht angerührt.«

»Woher wissen Sie das? Haben Sie die Blutsaugerin beobachtet?«

»Nein. Aber ich habe ihr Opfer gesehen. Ich würd’s dir auch zeigen, nur haben wir die Leiche schon verbrannt. Und die Fotos sind noch nicht entwickelt.«

»Dann haben wir es also mit einem Mord ohne Lizenz zu tun?«

»Mit einem Mord schon, allerdings nicht begangen an einem Menschen, sondern an einem Wolf. Und das ist nicht strafbar, jedenfalls nicht nach euren Gesetzen. Ich könnte die junge Dame wegen Wilderei drankriegen, aber vermutlich würde sie eh alles abstreiten und behaupten, sie habe in Notwehr gehandelt. Schließlich wurde der Wolf nicht erschossen oder abgestochen, sondern mit bloßen Händen getötet.«

»Jetzt verstehe ich gar nichts mehr!«, gestand Ugor.

»Dann will ich dir verraten, was ich dazu denke. Meiner Ansicht nach hat jemand dein Spiel durchschaut. Jemand hat davon erfahren, dass es sich bei Kolja um einen potenziellen Anderen handelt. Vielleicht hat sogar der Beskud selbst gewittert, was es mit seinem Opfer auf sich hatte, und es wider Erwarten nicht angerührt, sondern die Information nach oben weitergeleitet. Vielleicht wird Kolja in den Akten der Tagwache aber auch schon lange als potenzieller Anderer geführt. Die Dunklen bei uns sind zwar nur schwach, können der Gebietswache aber durchaus was gesteckt haben.«

»Sie … diese Vampirin – ist sie zurzeit im Dorf?«

»Sie lungert vermutlich in der Kreisstadt herum. In dem dir anvertrauten Gebiet gibt es, wie gesagt, keine derart starken Dunklen, deshalb wird sie wohl auf einen Flug in die Gebietsstadt warten.«

»Fjodor Kusmitsch! In dem Fall muss ich sofort in die Kreisstadt.«

»Der Bus geht in einer Stunde. Wenn du früher aufbrechen willst, hol den Kolchosvorsitzenden aus seiner Hypnose.«

»Sie müssen mich begleiten.«

»Ach ja?«

»Helfen Sie mir! Sie kennen die Vampirin …«

»Ich soll sie kennen?«, fragte Denissow zurück. »Wie kommst du denn darauf?«

»Aber Sie haben doch eben gerade selbst gesagt, dass wir es nicht mit einem Vampir, sondern mit einer jungen Vampirin zu tun haben.«

»Ach das«, wiegelte Denissow ab. »Das legen indirekte Hinweise nahe. Ein Beskud saugt sämtliche Flüssigkeit aus einem Lebewesen heraus, Lymphe und Sperma inbegriffen. Aber der Wolf hatte sich nicht in eine Mumie verwandelt. Das zum einen. Dann zwotens: Neben der Leiche des Wolfs konnten überhaupt keine Spuren entdeckt werden, weshalb ich von einer Verwandlung in eine Fledermaus und einem Luftangriff ausgehe. Und drittens habe ich an der Stelle, an der Krjukow vermutlich gewesen ist, ein paar interessante Spuren gefunden. Genauer gesagt Spuren von Damenschuhen mit hohen Absätzen.«

»Warum kann nicht eine der hiesigen jungen Damen diese Spuren hinterlassen haben?«

»Mit einer Frau und einer erwachsenen Tochter im Haus habe ich die nötigen Informantinnen an der Hand«, erklärte Denissow gelassen. »Ich weiß Bescheid über Importware in Läden, über die Erwerbungen der Damen hier im Dorf, darüber, wer in die Kreisstadt gefahren ist … Nein, die hiesigen Schönheiten gehen sogar zu einem bunten Abend im Klub in Filzstiefeln. Das mag nicht so schick sein, dafür frieren ihnen jedoch auch die Zehen nicht ab … Aber einverstanden, ich begleite dich in die Stadt. Glaub aber nicht, dass ich …«

»Ja, schon gut«, fiel ihm Ugor wütend ins Wort. »Sie begleiten mich nur, um sicherzustellen, dass ich nicht noch mehr Schaden anrichte. Ist es nicht so?«

»Ganz genau, Herr Nachtwachenleiter!«, bestätigte Denissow grinsend. Gleich darauf setzte er jedoch wieder ein mürrisches Gesicht auf. »Und außerdem, weil ich nicht die geringste Vorstellung habe, wo eigentlich dieser Krjukow steckt.«

Auf dem Weg zum Flughafen durften sich Denissow und Ugor anderthalb Stunden lang das Gemaule von Semjons Fahrer Vitka anhören. Der Mann konnte sich gar nicht genug darüber beklagen, schon zum zweiten Mal an diesem Tag den Weg in die Kreisstadt antreten zu müssen.

Ohne auch nur ins Zwielicht einzutreten, machte Denissow die Vampirin aus. Sie saß in dem winzigen Wartesaal und ließ die in eleganten Lederstiefeln steckenden Beine baumeln. Eine junge attraktive Frau. Und die Ruhe in Person.

Wenn jemand seine Gelassenheit verlor, dann war das Ugor. Neben der Vampirin warteten noch ein paar junge Leute mit Zelten und Schlafsäcken, ein verheiratetes Pärchen und ein Mann um die dreißig mit einem Kind, vermutlich sein Sohn, auf den Flug. Ebendieser Vater war ein Dunkler, ein Magier, der weitaus gefährlicher war als die Vampirin.

Zunächst hielten Denissow und Ugor jedoch auf die Vampirin zu.

»Ich bitte vielmals um Entschuldigung, Bürgerin«, sprach Denissow sie an, nachdem er sich kurz geräuspert hatte. »Aber beheizen sich Ihre Schuhe eigentlich von selbst? Wenn nicht, wie regulieren Sie dann Ihre Körperwärme, dass Sie selbst beim schlimmsten Frost nicht auf unserem Walzberg erfrieren?«

»Guten Tag, du cleverer Opa!«, erwiderte die Vampirin grinsend. »Ich habe eigentlich damit gerechnet, dass du mich eher findest.«

»Dafür hätte ich dich suchen müssen«, konterte Denissow. »Aber welchen Grund hätte ich denn dafür haben sollen? Du wirst doch nicht gegen irgendein Gesetz verstoßen haben? Im Dorf sind schließlich alle gesund und munter … Oder nicht?«

»Ja klar«, erklärte die Frau und grinste weiter. »Ob alle gesund sind, weiß ich zwar nicht, aber leben tun sie bestimmt noch.«

»Wusst ich’s doch, dass ich es mit einer braven Bürgerin zu tun habe! Aber mein Kollege hier wollte mir das einfach nicht glauben.«

»Zu bedauerlich, dass wir grad Tag haben«, säuselte die Vampirin. »Da habt ihr Lichten ja gar keinen Dienst!«

»Name!«, verlangte dieser bloß.

»Anjuta«, antwortete sie und strahlte Ugor mit blendend weißen Zähnen an. »Anna Melnikowa, Tagwache.«

»Warum haben Sie sich bei Ihrer Ankunft nicht in der Kreisnachtwache registrieren lassen?«, brummte Ugor, dem jedoch bereits schwante, dass er gleich eine Schlappe würde einstecken müssen.

»Weil ich im Rahmen eines Sonderauftrags hier bin und über entsprechende Vollmachten verfüge. Sonst noch Fragen?«

Der dunkle Magier war dem Gespräch selbstverständlich von Anfang an gefolgt. Nachdem er ein paar Worte mit den Mitreisenden gewechselt hatte – offenbar bat er sie, kurz auf seinen Sohn aufzupassen –, erhob er sich, schüttelte die rechte Hand und ging langsam auf Anna zu, die mit dem Rücken zu ihm saß.

»Gibt es irgendwelche Probleme?«, flötete der Dunkle.

Ugor starrte wie gebannt auf die rechte Hand des Mannes. Da Denissow noch nicht ins Zwielicht eingetreten war, vermochte er nicht zu erkennen, welchen Zauber der Dunkle vorbereitet hatte. So angespannt, wie Ugor war, musste er jedoch mit dem Schlimmsten rechnen.

»Aber gar nicht«, mischte sich Denissow nun ein. »Wir unterhalten uns hier in aller Ruhe. Sie können also gern wieder abziehen und auf Ihren Flug warten!«

»Kommt der mir etwa frech?«, wollte der Dunkle von der Vampirin wissen.

»Unser Opa hier? Der weiß doch gar nicht, was Frechheit ist!«

»Vielleicht sollte ich die beiden bitten zu gehen?«

»Warum das denn – wo wir so nett plaudern …«

»Wenn du meinst. Falls du Hilfe brauchst, ruf mich!«

Nach diesen Worten drehte sich die Vampirin dem Dunklen mit ihrer ganzen Gestalt zu, riss die Augen auf – und bekam einen Lachanfall.

»Dich?!«, japste sie. »Ich soll dich um Hilfe rufen? Du scherzt, oder? Das ist der Lichte Keil! Wenn ich jetzt – und da seien Licht und Dunkel vor – tatsächlich Hilfe bräuchte, würde ich vermutlich schon nicht mal mehr ein Piepsen herausbringen!«

Eine Entschuldigung murmelnd, zog sich der Dunkle wieder zurück und ließ Ugor in äußerster Verwunderung und Denissow in offenkundiger Verlegenheit zurück.

»Was willst du nun wissen, Lichter?«, fragte die Vampirin, würdigte Ugor dabei aber keines Blickes, sondern betrachtete ausschließlich Denissow, dies zudem mit unverhohlener Neugier.

»Wo du schon diesen Auftrag erwähnst … vielleicht könntest du uns einweihen, was es damit auf sich hat?«

»Könnte ich, ja?«, entgegnete Anna und klatschte in die Hände. »Kriege ich dann auch eine Prämie von euch? Weil ich der Tagwache geschadet habe?«

»Aber sicher«, meinte Denissow grienend. »Die werde ich der Kolchose persönlich aus den Rippen leiern.«

»Das ist nicht lustig«, schnappte sie nun ein. »Aber gut! Im Grunde ist es kein Geheimnis, ich kann es euch also ruhig verraten. In deiner Nachbarkolchose lebt ein Bursche namens Kolja …«

»Lass die Vorgeschichte aus«, fiel ihr Denissow ins Wort.

»Ganz wie du willst«, erwiderte Anna. »Dann ist dir wahrscheinlich auch bekannt, wie dieser gute Lichte hier Nikolaj an die Eckzähne liefern wollte? Und warum? Bloß weil dieser Nikolaj einmal ein Anderer werden könnte, der keine ganz so helle Farbe zeigt! Übel, nicht wahr? Denn gerade hatte der Junge etwas Glück im Privatleben, hatte eine wunderbare Braut gefunden …«

»Spar dir diese Einzelheiten, junges Fräulein!«

»Wie soll ich auf Einzelheiten verzichten, wenn mit ihnen alles steht und fällt? Ich brauche dir nicht zu sagen, dass ein potenzieller Anderer in der Regel dann zum ersten Mal ins Zwielicht eintritt, wenn er einen Moment großer Gefühlserregung erlebt, also wenn er sich stark aufregt, freut oder Angst vor etwas hat. Wie wir wissen, entscheidet die Stimmung, in der er das Zwielicht betritt, darüber, ob er zum Dunklen oder zum Lichten wird. Du als zukünftiger Schwiegervater – welche Farbe wünschst du dir denn nun für den Mann deiner Tochter?«