Beschreibung

Liebe, Krieg und Gold

An seinem 80. Geburtstag hält der Großindustrielle Magnus Meyer Rückschau auf das schicksalsträchtige Jahr 1937. Auf der Spur seines verschwundenen Bruders Mads gerät der fünfundzwanzigjährige Magnus in die Wirren des Spanischen Bürgerkriegs. Er trifft auf die russische Kriegsfotografin Irina, die die Liebe seines Lebens wird, und auf den Amerikaner Joe Mercer, der ihn zur Suche nach einem versteckten Goldschatz überredet. Als die beiden tatsächlich auf das sagenhafte Gold stoßen, kommt es zum Kampf, und Meyer erschießt den Amerikaner in Notwehr. Doch noch bevor Magnus seinen Fund bergen kann, erfährt er, dass Irina in die UdSSR abgeschoben wurde. Hals über Kopf reist er ihr nach, denn er weiß: Irinas Leben steht auf dem Spiel. Ein gnadenloser Wettlauf mit der Zeit beginnt ...

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EPUB

Seitenzahl: 695


Leif Davidsen

Die Wahrheit stirbt zuletzt

Roman

Aus dem Dänischenvon Anne-Bitt Gerecke

Deutscher Taschenbuch Verlag

Deutsche Erstausgabe 2012

Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München

© 2012 für die deutschsprachige Ausgabe:

Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München

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Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

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eBook ISBN 978-3-423-41383-1 (epub)

ISBN der gedruckten Ausgabe 978-3-423-21400-1

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Die Geschichte ist ein Gemeinschaftsacker, auf dem jeder sein Heu ernten kann.

Spanisches Sprichwortzitiert nach dem Historiker Antony Beevor

Prolog

Alle sind gekommen. Der Ministerpräsident, der amerikanische Botschafter, der neue Vorstand, ausgewählte Journalisten, die gesamte Familie – und das alles mir zu Ehren. Natürlich auch meine aktuelle, sehr viel jüngere Ehefrau, die mit ihren achtundfünfzig Jahren versucht, wie achtundvierzig auszusehen, meine beiden Exehefrauen, die wie ich inzwischen alt sind, meine Kinder und viele Enkel und Urenkel. Ich sitze in meinem Rollstuhl und nicke allen freundlich zu, während ich an meine einzige wahre Liebe denke, an Irina, die ich vor mir sehe, als wäre es gestern gewesen, dass wir einander begegneten, und nicht bereits im Jahr 1937.

In der Lautstärke, die die Leute alten Menschen gegenüber anschlagen, berichten sie mir, dass die Königin in Kürze kommen werde, um mir den Dannebrog-Orden zu verleihen. Ich habe ihn selbstverständlich schon früher einmal erhalten. Der jetzige wird mit jeder Menge Eichenlaub umkränzt sein. Gut möglich, dass es auch ein anderer Orden ist. Ich habe nicht richtig zugehört. Ich habe genickt und meiner Dankbarkeit Ausdruck verliehen, dass Ihre Majestät persönlich erscheinen wird. Etwas ganz Besonderes. Außerhalb des Protokolls. Aufgrund meiner besonderen gesellschaftlichen Stellung. Sie wird hier in meinem großen, duftenden Sommergarten vorbeischauen und meinem weltberühmten Chor lauschen, dem Mads Meyer Chor, den ich mein halbes Leben lang finanziert habe, und vielleicht überrascht sein, dass er drei alte Lieder aus dem Spanischen Bürgerkrieg und einen Tango aus Buenos Aires singen wird. Ein Wunsch, mit dem ich den Dirigenten in Aufregung versetzt habe, denn wo sollte er bloß die Noten herbekommen, und warum das Ganze? Aber da ich die Musik bezahle, kann ich sie auch bestimmen. Ich habe selbst viele, viele Jahre im Chor gesungen, aber als ich kein Vertrauen mehr in meine Stimme hatte, habe ich aufgehört.

Ich bin sehr alt und möchte am liebsten sterben, aber stattdessen sitze ich hier und nicke wohlwollend und höre mir die Reden an über meinen großen Einsatz gegen die Deutschen und für die dänische Wirtschaft und unser Land. Sie wissen nicht, dass all dies auf einem Verbrechen gründet und dass ich schon immer vorhatte, die wahre Geschichte zu erzählen, bevor ich sterbe.

Und jetzt ist es also so weit.

In Argentinien, Spanien und in Stalins Russland habe ich Menschen getötet. In Argentinien, um meine Haut zu retten, als mein Schwanz mich mal wieder in Schwierigkeiten gebracht hatte. In Spanien war es wohl vor allem um meines persönlichen Vorteils willen, und in Russland ging es um Irina. Doch dafür zeichnet man mich nicht aus. Den Orden mit Schleife und Sternchen darauf bekomme ich für mein Wirken während des Krieges, und das, was sie für Mut halten, war in Wirklichkeit die Wut über die Ungerechtigkeit des Lebens. Im Einsatz für unser Vaterland habe ich eine große Zahl dänischer Landesverräter und zwei Deutsche umgebracht. Ich war der kaltblütigste Denunziantenliquidator in den Reihen der Widerstandsbewegung. Sie nannten mich den »Mann ohne Furcht«. Und tatsächlich hätte es mir nichts ausgemacht zu sterben, weil der Gedanke an meinen Bruder mich quälte, so wie er mich noch heute in meinen Träumen quält. Ich hatte keine Angst vor dem Tod, weil ich im Jenseits mit Irina wiedervereint sein würde wie die Liebenden von Teruel.

Meine Verdienste während des Krieges machen mich zu einem Helden, weil Mord eben doch nicht Mord ist, auch wenn die Bibel und die Schule uns das weismachen wollen.

Alle, die ich kenne, sind heute an meiner Seite, und dennoch vermisse ich besonders meinen Bruder, der beseelt und klug war und an das Gute im Menschen glaubte, und fast genauso sehr vermisse ich meine Schwester. Ihr wurde vor vielen Jahren ein gnädiger Tod zuteil, als ihr Herz plötzlich aufhörte zu schlagen. Und dann ist da noch die unmögliche, verzehrende Sehnsucht nach Irina.

Mein Bruder war hübsch und zart und rechtschaffen, er war Künstler und ein Idealist, der an eine Sache glaubte. Er war ein Mensch ohne Falsch – oder wurde er vielleicht einfach nicht alt genug, um es bis dahin zu bringen? Er war davon überzeugt, etwas bewirken zu können. Er war bereit, für das Gute und das, was er für die Wahrheit hielt, sowohl zu töten als auch zu sterben.

Sein Schicksal ist das Schicksal des 20. Jahrhunderts. Während dieses Jahrhunderts wuchs der Blutdurst unter dem Deckmantel der vorpreschenden Ideologien und enthüllte die wahre Natur des Menschen.

Viele Menschen haben sich an diesem schönen dänischen Junitag versammelt, um meinen Geburtstag zu feiern. Sie wollen den Dinosaurier noch einmal sehen, bevor es zu spät ist. Sie schnattern aufgeregt wie die Gänse darüber, dass Ihre Majestät mir persönlich geschrieben hat, und sie ahnen nicht, dass ich, wenn dieser Tag zu Ende geht, nicht mehr unter ihnen sein werde. Ich denke sehnsüchtig an den Revolver, der in meiner Schreibtischschublade liegt. Er wartet auf mich. Er hat schon seit Albacete und Cartagena auf mich gewartet, wo er mich auf meiner Reise durchs Verderben und zu Wohlstand begleitet hat.

Er war treu und zuverlässig. Er hat immer funktioniert. Ich habe ihn aus Argentinien mitgebracht, und ich habe ihn auch in Spanien und im eisig kalten Moskau dabeigehabt. Ein Smith & Wesson Trommelrevolver aus dem Jahr 1908. Einen besseren hat es nie wieder gegeben. Es ist nur recht und billig, dass der Revolver, den ich benutzt habe, um Landesverräter zu liquidieren, auch meinem Leben ein Ende setzt.

Ich nicke und schaue mich um und weiß, was sie denken. Sie überlegen, was ich in meinem Testament verfügt habe, denn sie wissen, dass meine Tage gezählt sind. Aber sie brauchen sich keine Gedanken zu machen. Ich sorge für sie alle. Meyer Industries ist ein stabiles, weltweites Unternehmen. Finanzkrisen können kommen und gehen. Ich habe mein Unternehmen nach der altmodischen Devise geführt, dass am Ende des Tages immer eine Krone mehr in der Kasse sein sollte als am Morgen. Von Spekulationen habe ich immer die Finger gelassen, und ich habe mich auch nie von den leichtfüßigen Sirenen der Gier verführen lassen. Ich bin nie den Versprechungen schmeichlerischer Bankdirektoren erlegen, die mich mit günstigen Krediten und verführerischen Kapitalfonds locken wollten.

Trotzdem bin ich ein Lügner. Im Angesicht des Todes will ich der Wahrheit Genüge tun.

Ich hinterlasse eine gut gehende dänische Firma mit dem Ruf, wohltätig zu sein, Einwanderer in Dänemark zu beschäftigen und den Mitarbeitern der ausländischen Niederlassungen auf allen Ebenen anständige Arbeitsbedingungen zu bieten. Ich habe den »Mads Meyer Fonds« gegründet, der sich kulturell engagiert, ich habe die schönen städtischen Plätze bezahlt, wenn der öffentlichen Hand das Geld fehlte, und ich habe Tausenden begabter junger Dänen einen Auslandsaufenthalt ermöglicht und einen Wunschausbildungsplatz verschafft. Neue kulturelle Einrichtungen tragen den Namen Meyer, und die Ausbildung an einigen der besten Konservatorien der Welt wird durch Stipendien des »Mads Meyer Fonds« ermöglicht. Ich bin ein Menschenfreund gewesen, und mein Revers quillt über von den Verdienstorden dankbarer Länder.

Man könnte meine Wohltätigkeit für eine Art Ablass halten, allerdings für einen, der den Menschen Freude gemacht hat, der mir aber vermutlich nicht Zutritt zum Paradies verschaffen wird.

Ich werde viel Geld hinterlassen.

Wenn ich nachher gezwungen sein werde, einige Worte mit meiner noch immer festen Baritonstimme zu sprechen, die nur ganz leicht zittert von der Beanspruchung über die vielen Jahre, werde ich mich mit einem Hauch von Sarkasmus an die Banalitäten halten und die Torheiten der Gegenwart aufs Korn nehmen, denn dafür bin ich berühmt, wenn nicht gar berüchtigt.

Die andere Geschichte werden sie lesen können, wenn Henry, mein Anwalt, meinen Nachlass freigibt. Ich habe die letzten Jahre meines Lebens darauf verwendet, meine Geschichte zu erzählen. Sie liegt, auf eine CD-ROM gebrannt, in einem geheimen Bankschließfach. Außerdem habe ich sie in den Cyberspace hinausgeschickt und sie auf einer verschlüsselten Domain abgelegt, die nur Henry kennt.

Meine Hinterbliebenen werden die Geschichte nicht ausradieren können, auch wenn sie es bestimmt versuchen werden. Selbst Henry weiß nicht, dass ich eines meiner begabtesten Enkelkinder, den kleinen Karl, der mir so sehr ähnelt, dass ich mich in ihm spiegeln kann, darum gebeten habe, meine Datei so zu programmieren, dass sie in genau neunzig Tagen an einen großen Verlag und zwei Zeitungen verschickt wird.

Ich erinnere mich an fast alles. Zumindest an all das, was es wert ist, erinnert zu werden. Ich sitze hier in meinem Rollstuhl und betrachte die Gartengesellschaft und antworte den Menschen höflich, die mit einem Lächeln auf den Lippen und erhobener Stimme kommen, um mir zu gratulieren, aber ich bin nicht anwesend.

Ich bin aus Dänemark abgehauen, musste aber dorthin zurückflüchten, als mir in Argentinien der Boden unter den Füßen zu heiß wurde. Ich bin 1912 geboren – in dem Jahr, in dem die Titanic den Eisberg rammte und unterging und das erste Dieselschiff von B&W in Richtung Großbritannien in See stach. Ich stamme aus einer fernen Zeit, die die meisten schon vergessen haben und um die sie sich nicht scheren, an die ich mich aber so überaus deutlich erinnere.

Ich sehe den jungen Mann, der ich einmal war, als wäre es gestern gewesen. Ich sehe meinen Bruder vor mir. Ich sehe meine Schwester, als stünde sie gerade an meiner Seite. Ich sehe Irina. Ich sehe Joe Mercer, und natürlich sehe ich Svend vor meinem inneren Auge, meinen Kameraden aus Kriegstagen, möge Gott seiner kommunistischen Seele gnädig sein. Ich erinnere mich an mein enormes Selbstvertrauen und meine Arroganz. Ich war davon überzeugt, dass die Welt mir gehörte und dass die anderen Menschen in die Welt gesetzt worden waren, um meine Bedürfnisse zu befriedigen.

Ich sehe die jüngere Ausgabe von Magnus Meyer vor mir, sehe, wie er in der Stadt seiner Kindheit aufwacht, gerade mal fünfundzwanzig Jahre alt, aber fest davon überzeugt, über eine große Lebenserfahrung zu verfügen. Die Erlebnisse in Argentinien hatten ihn geprägt, aber durch seine Rückkehr spielte das Leben ihm andere Karten in die Hände, als er erwartet hatte.

Ich bin heute ein allseits geachteter Bürger, aber das ist nur eine Verkleidung. Ich werde mein Pfund Fleisch an den Teufel zahlen. Das ist nur gerecht. Trotzdem bitte ich Gott um Vergebung, jedoch ohne Hoffnung, erhört zu werden. Ich habe meine Geschichte erzählt. Mehr gibt es nicht zu sagen. Es war so, wie ich es in Erinnerung habe, und mein Gedächtnis ist gut. Ich habe Briefe und Tagebücher aufgehoben. Ich habe wichtige Papiere und Aufzeichnungen aufgehoben. Ich habe im Laufe der Jahre einiges Geld darauf verwendet, die Schlüsselfiguren ausfindig zu machen, und ich habe Ermittler in die Archive geschickt.

Ich möchte nicht, dass es nach meinem Tod zu langwierigen juristischen Auseinandersetzungen kommt, daher habe ich die Geschichte so erzählt, dass sie zum Teil als Fiktion gelesen werden kann.

Es ist vielleicht nicht die ganze Wahrheit, aber es ist meine Wahrheit und Magnus Meyers unwiderrufliches Testament.

1. TeilJütland, im Spätsommer 1937

Da sprach der HERR zu Kain:Wo ist dein Bruder Abel?Er sprach: Ich weiß nicht;soll ich meines Bruders Hüter sein?

1. Buch Mose

1

Es ist ein außergewöhnlich warmer und schöner Spätsommertag Ende August 1937, als Magnus Meyer in der Stadt seiner Kindheit aufwacht. Er ist am Tag zuvor angekommen und hat im Hotel Dania übernachtet. Nach dem Frühstück steht er auf dem Marktplatz und atmet den Spätsommerduft ein, schwer und sinnlich und dennoch zart und kühl nach den heißen Jahren in Argentinien. Er erlaubt es sich, ein wenig stehen zu bleiben und die Umgebung auf sich wirken zu lassen. Die Stadt erscheint ihm vertraut und fremd zugleich. Er hört die klappernden Hufe der Pferde, die den Milchwagen ziehen, riecht den Koks, der für den nächsten Winter eingelagert wird, und sieht, wie das Dienstmädchen in der Wohnung über der Bank das Fenster öffnet und es eifrig zu putzen beginnt, während sie ein ihm unbekanntes Lied singt. Es ist eine kleine Stadt. Die Passanten grüßen einander freundlich, während sie an den schmucken Fassaden der kleinen Geschäfte vorübergehen. Er ist guter Dinge, obenauf und bereit, dieses kleine Stückchen Erde zurückzuerobern, es ganz und gar in seine Seele und seinen Körper aufzunehmen und diesen Morgen in seiner alten Stadt einfach nur zu genießen, bevor er am See entlang in Richtung Kuranstalt spaziert.

Es ist ein ganzes Stück Weg, aber das Wetter ist so herrlich, und ihm ist klar, dass er sich von den tristen Dänen mit ihren Depressionen, der grauen Arbeitskleidung und den speckigen Schiebermützen oder altmodischen Filzhüten abhebt. Er ist ein Flaneur, und das gefällt ihm. Er geht sehr aufrecht in seinem hellen, perfekt sitzenden Anzug, den der Schneider in der kleinen, staubigen Seitengasse in Buenos Aires für ihn genäht hat. An den Füßen trägt er die eleganten italienischen Schuhe, die er auf der Fifth Avenue in New York gekauft hat, und auf dem Kopf den hellen Panamahut, exakt auf die Weise ins Gesicht gezogen, wie ein Dandy aus Übersee einen eleganten Hut eben trägt. Er nimmt den Duft seines Rasierwassers wahr, der sich so angenehm mit dem davonschwebenden Rauch der kubanischen Morgenzigarre vermischt, und er bemerkt mit Freude die Blicke, die die Frauen ihm zuwerfen, denen er unterwegs begegnet.

Hier kommt ein junger Mann von Welt, ein Reisender, ein Mensch, mit dem das Leben es gut meint, ein Mann ohne Sorgen in einer Zeit, in der alle sich Sorgen machen. Hier kommt ein Mann, der in die Kleinstadt zurückkehrt, klüger, reicher und selbstsicherer als die, die zurückgeblieben sind und nun ein bürgerliches Leben mit Ehefrau und Kindern führen oder in den langen Arbeitslosenschlangen stehen und warten. Ob ihn irgendwer wiedererkennt? Er bezweifelt es. Seine Physiognomie kann er natürlich nicht leugnen – die ist auch gar nicht so übel, wie ihm schon diverse Frauen bestätigt haben –, aber sein Körper ist heute kräftiger und besser in Form, der schmale helle Schnurbart verleiht seinem Gesicht Charakter, aber es ist vor allem die Art, wie er sich gibt, wie er steht, wie er sich bewegt, die ihm eine andere, selbstsicherere Ausstrahlung verleiht.

Das hat er von Inés gelernt. »Du bist nicht der, der du bist, du bist der, der zu sein du dich entscheidest«, hatte sie gesagt, und er erinnert sich an ihre zarten kleinen Brüste und den weichen Mund, der ihn küsste. Er hätte nie gedacht, dass Sex so ungezwungen sein konnte. Ohne Schuldgefühle, der reine Genuss. Stunden gemeinsamer Befriedigung und des Vergnügens aneinander.

An all das denkt er, während er im Sonnenschein spazieren geht. An die Last, die die Menschen in seiner Heimatstadt zu tragen haben. An ihr ewiges Kreisen um Schuld und Sühne. Daran, dass die Scham geradezu aus den kleinen Häuschen herauswabert. Sie wissen nicht, denkt er, dass der eigene Körper für so viel Freude und Wonne geschaffen ist.

»Jetzt bewegst du dich endlich genauso gut und selbstsicher und macho, wie du aussiehst«, hatte Inés einige Tage, nachdem sie ihn verführt hatte, zu ihm gesagt. »Deine Seele ist nicht länger in einem Gefängnis eingesperrt, sondern sie hat jetzt ihren Platz in deinem Körper gefunden.«

Er erinnert sich daran, wie seine Füße die Erde plötzlich auf ganz neue Weise berührten und wie die Töne in seinem Kopf ihm das Gefühl gaben zu fliegen, und nachts hatte er aufgehört, vom Chefarzt zu träumen.

Der junge Mann, der am Tag zuvor im Hotel Dania seinen Koffer aufs Zimmer getragen hat, heißt Jens und ist der Sohn von Schuhmacher-Hans, daran erinnert er sich. Er war zwei Klassen unter ihm. Es hatte nicht das geringste Anzeichen eines Wiedererkennens gegeben. Dass sie einmal auf demselben Schulhof in derselben Stadt gespielt haben sollen, erscheint ihm vollkommen unvorstellbar.

Er hat niemandem Bescheid gesagt, dass er zurückkommen wird. Er weigert sich, die Worte »nach Hause« zu benutzen. Er ist eigentlich nicht bereit, seinem Vater zu begegnen, auch wenn es sich wohl kaum vermeiden lässt.

Marie hatte ihm geschrieben, und mit ihr will er zuerst sprechen. Ihr Brief hatte ihn in New York erreicht. Sie wusste natürlich, dass er aus Argentinien weggezogen war. Geflohen wäre wohl das treffendere Wort. Marie ist die Einzige, der er seine wechselnden Adressen mitgeteilt hat, mit der strengen Auflage, sie nicht an den Chefarzt weiterzugeben.

Er hatte Argentinien verlassen müssen. Don Pedros Arme waren zu lang gewesen. Meyer wollte nicht heiraten. Dolores hätte nicht mit ihrem Bruder sprechen und dieser hätte ihn niemals aufsuchen dürfen. Er hatte nicht anders handeln können, denn es hatte er oder der Bruder geheißen. Don Pedro hätte seinen Sohn nicht schicken sollen, er und Magnus hätten eine Lösung finden können. Sie respektierten einander. Der Bruder hasste ihn, obwohl sie ursprünglich beste Freunde gewesen waren. Aber dann war Neid ins Spiel gekommen. Dem Bruder gefiel es nicht, dass Don Pedro nur mühsam verbergen konnte, dass er lieber Magnus als Sohn und Erben gehabt hätte als den trägen Sohn, den seine Frau ihm geboren hatte.

Beim Gedanken daran fängt Magnus beinahe an zu schwitzen, obwohl der dänische Sonnenschein mild und trocken ist. Er sieht das Blut vor seinem inneren Auge und den erstaunten Blick von Dolores’ Bruder, als die Kugel mit einem dumpfen Knall seine Brust trifft. Danach hatten Don Pedro und Meyer keine Wahl mehr.

Er schwitzt doch nicht. Er ist Wärme gewöhnt. Es ist zwar ein sonniger Tag, aber er genießt die darunter liegende Kühle, die von den Wolken mit einer ersten Ahnung von Herbst herrührt, die ihn am See entlang zur Kuranstalt begleiten. Er macht einen Bogen um die Pferdeäpfel und die Schlaglöcher und achtet auf die wenigen Autos, die durch die Straßen rumpeln, bis er den Stadtkern verlassen hat und die Kurklinik sieht, die zugleich sein Geburtshaus ist.

Sie liegt so da, wie er sie in Erinnerung hat, umgeben von den großen Buchen. Das Laub ist graugrün und staubig und immer noch dicht. Das große weiße Haus, das für die Patienten Hoffnung ausstrahlt, lässt sein Herz für einen Moment schneller schlagen. Was sie für ein Krankenhaus halten, ist in Wahrheit ein Gefängnis. Ein Ort, an dem die physische Bestrafung hart, aber auszuhalten gewesen war, die kalte seelische Tortur dagegen weitaus schlimmer und eine permanente Mahnung, von dort zu fliehen, sobald sich die Möglichkeit dazu ergab.

Er bleibt einen Moment stehen, raucht eine Zigarette, versucht, die Erinnerungen von sich fernzuhalten, wirft den Zigarettenstummel weg und geht auf das Eingangstor zu.

In der dunklen Empfangshalle des Haupteingangs ist es kühl, als der Pförtner, der neu ist und ihn daher auch nicht erkennt, die Oberschwester herbeiruft.

»Guten Tag, Fräulein Jørgensen«, sagt Magnus.

»Guten Tag, Magnus Meyer. Sie sind also in der Stadt.«

Fräulein Jørgensen hat ihn fünf Jahre lang nicht gesehen, aber sie hebt nur ein wenig die buschigen Augenbrauen und sagt nach der förmlichen Begrüßung und einer kleinen, verlegenen Pause, dass Fräulein Marie bei dem überaus herrlichen Wetter mit einer Gruppe Kurgäste draußen im Freiluftbad sei. Und der junge Mads, ja, das sei eine andere Geschichte … An dieser Stelle spürt er eine Andeutung von Unsicherheit, vielleicht auch Angst angesichts der schwierigen Zeiten, aber ihre Selbstbeherrschung ist wirklich bewundernswert. Sie reicht ihm nicht die Hand, und sie lächelt nicht. Einem ungezogenen Bengel reicht man nicht die Hand.

Auch wenn sie es zu verbergen versucht, kann er in ihrem Blick die Frage erkennen, die zu stellen sie zu autoritätshörig und wohlerzogen ist. Warum ist der verlorene Sohn zurückgekehrt? Was will er hier? Wird der Unfrieden nun wieder Einzug halten? Wird die Harmonie, die für die Heilung von physischen und psychischen Schäden so wichtig ist, nun wieder gestört werden? Sie wird es seinem Vater berichten, sobald sie dazu Gelegenheit hat.

Der Chefarzt und sie arbeiten seit bald dreißig Jahren zusammen. Sie ist groß und schlank, flachbrüstig und hat ein ausgeprägtes Habichtgesicht, das nicht gerade schöner wird durch das Kopftuch, mit dem sie ihr grau meliertes Haar bedeckt. Sie ist die Oberschwester und rechte Hand des Vaters, und sie unterstützt ihn dabei, das Kurbad mit der militärischen Präzision zu führen, die dem pedantischen Wesen des Chefarztes entspricht. Sie riecht wie üblich nach Schwefel und Karbol, nach Heilschlamm und Elektrotherapie, ein Geruch, der untrennbar mit seiner Kinderzeit verbunden ist und der ihn überall auf der Welt in das gefürchtete Land seiner Kindheit zurückbefördert, sobald er auch nur auf eine dieser Ingredienzien stößt.

Sie betrachtet ihn. Ist vielleicht ein bisschen überrascht, dass er durchaus vorzeigbar aussieht in seinem hellen Sommeranzug mit dem Seidenschlips, den er in New York gekauft hat, kurz bevor er mit dem Schiff nach Europa abgereist ist. Der Schlips sitzt gerade, und er hat sich gründlich rasiert. Sie schaut seine Kleidung an, die eleganter ist als die der meisten Leute im krisengeschüttelten Dänemark, und den Hut, den er wohlerzogen in der Hand hält. Er bemerkt, dass ihr gegen ihren Willen gefällt, was sie da sieht, aber dass sie gleichzeitig wünscht, er möge aus ihrem Blickfeld verschwinden, weil sie sich an all die Konflikte und das Chaos erinnert, das er verursacht hat. Der Bengel hat die Genialität seines Vaters eigentlich nie verstanden. Ebenso wenig hat er verstanden, dass Genialität ihren Preis hat, den die weniger Begabten eben zu zahlen haben.

»Ich wohne im Dania«, sagt Magnus. »Würden Sie das bitte meinem Vater ausrichten?«

»Wie Sie wünschen. Aber in den nächsten Stunden ist der Herr Chefarzt mit seinen Patienten beschäftigt. Doktor Krause aus Hamburg begleitet ihn dabei«, antwortet sie, ohne dass diese Aussage für ihn einen Sinn ergibt. Aber wenigstens siezt sie ihn. Wenn er sich recht erinnert, ist es das erste Mal, dass sie das tut. Schließlich war sie es, die ihm die Windeln gewechselt hat, und dass er das nie vergessen dürfe, hat sie ihn seitdem beständig ermahnt.

Es ist warm, aber sie schwitzt nicht unter dem langen weißen Kleid mit der blauen, gestärkten Schürze. Stille und eine kühle Effektivität umgeben sie. Vormittags bekommen die Patienten und Kurgäste viele verschiedene medizinische Behandlungen und Anwendungen, die der Vater entwickelt hat. Anwendungen, die eine Mischung sind aus Elektrotherapie, Solebädern, Heilkräutern und geheimen Heilverfahren, die die Qualen der Gicht beseitigen können, die ein zu gutes Leben verursacht hat. Ein Aufenthalt im Sanatorium des Vaters ist bei den Wohlhabenden im ganzen Land begehrt, aber er nimmt auch gern die weniger Betuchten auf, wenn ihre Krankheiten ein ausreichendes Maß an Komplexität aufweisen – einer der Lieblingsausdrücke des Chefarztes, wie Magnus sich erinnert.

Er hat einige Patienten auf den Liegestühlen im Garten beim Sonnenbaden beobachtet, und er kann sie förmlich vor sich sehen, wie sie in den diversen Behandlungsräumen des Sanatoriums warme Bäder nehmen, in nach Schwefel riechenden Schlamm eingepackt sind oder mit ionisiertem Wasser behandelt werden. Aber die einzigen Geräusche, die er hört, sind das Summen der Insekten im Garten und die leichten Schritte eines Paars schneller Holzschuhe auf dem Linoleumboden eines langen Flurs.

»Fräulein Jørgensen, wissen Sie, wo ich meine Schwester finde?«

Sie sieht ihn erneut einen Augenblick lang an, bevor sie antwortet: »Wie ich bereits sagte: Sie ist mit einer Gruppe Patienten zum neuen Badebecken im Gehölz Tinnet Krat gefahren. Der Herr Chefarzt erforscht das Badewasser, das aus der Quelle des Gudenå stammt und frei von jeglicher Art von Verunreinigung ist. Der Herr Chefarzt untersucht den möglichen Einfluss dieses Badewassers auf die Behandlung von Psoriasis.«

Er erkennt die Worte des Chefarztes in diesem Vortrag wieder, sagt aber bloß: »Ich kann Ihnen gerade nicht folgen …«

Sie sieht ihn mit dem Blick an, vor dem er sich als Kind so gefürchtet hat. Ein Blick voller Verachtung für die geringe Intelligenz anderer Menschen. Nur die des Chefarztes kann sich mit der ihren messen.

»Nein, das können Sie wohl nicht. Es liegt, wie gesagt, an der Quelle des Gudenå. Gut fünfzig Kilometer von hier, in Richtung Süden. Das Fräulein ist gleich nach dem Frühstück mit Chauffeur Klausen im Patientenbus aufgebrochen. Es ist ziemlich weit von hier, aber die Wissenschaft verlangt eben Opfer.«

»An der Quelle des Gudenå?«

»Das sagte ich bereits. Und wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden. Es ist Zeit, einige der Anwendungen zu beenden. Ich werde dem Herrn Chefarzt Ihre Grüße ausrichten.«

Er setzt seinen Hut auf, nickt seinem Schatten zu, geht zur Haltestelle, an der Kurts Kraftdroschke abfährt, und bittet darum, zu jener Badestelle gefahren zu werden, die sich an der Quelle des Gudenå befindet. Droschken-Kurt selbst ist unterwegs, aber seine Frau Signe nickt erstaunt, als sie ihn sieht und möglicherweise wiedererkennt und einen anderen Chauffeur herbeibeordert, der dem Herrn mitteilt, dass es sich um eine weite Fahrt handle, die daher nicht ganz billig sei. Der Chauffeur ist untersetzt und hat unter seiner abgewetzten Schiebermütze große Flecken im Gesicht. Meyer nickt nur und ist nicht der Ansicht, dass er ihn über die unendlichen Entfernungen in der Pampa und über das Konto in New York aufklären muss, auf dem sich sein Gewinn aus Argentinien und sein ansehnlicher New Yorker Lohn befinden. Das Auto ist ein gepflegter Studebaker, groß und geräumig, sodass Magnus seine langen Beine auf der Rückbank ausstrecken kann.

Die dänische Landschaft erstreckt sich sanft und hügelig vor ihm, die Felder sind abgeerntet und mehrere von ihnen bereits umgepflügt. Trotzdem sieht alles grün und üppig aus. Überall sind Pferdegespanne vor Pflügen oder Eggen im Einsatz. Die Bauern ziehen ihre Mützen zum Gruß und starren dem feinen Auto hinterher, das mit einem eleganten Herrn auf dem Rücksitz an ihnen vorbeifährt. Die Störche sind schon weitergezogen und die Stare finden sich gerade zu einem Schwarm zusammen, und wieder kommt Magnus in den Sinn, wie gering die Entfernungen hier sind und wie malerisch die Landschaft ist.

Er muss an die großen, offenen Weiten Argentiniens denken, an die feuchten Berge oben im Norden und an das hitzige, stinkende Leben im Slum von Buenos Aires, und so betrachtet er mit leichter Herablassung sein Vaterland mit den gewundenen Straßen, kleinen Häusern und der Ordnung, die selbst bei den ärmsten Menschen zu herrschen scheint. Es ist doch etwas dran an dem alten Lied. Er summt »Hier, wo der Weg einen Bogen schlägt«, was der Chauffeur, der einer der wenigen seines Metiers zu sein scheint, der kein Gespräch anfangen will, mit einem Lächeln quittiert.

Zum ersten Mal empfindet Magnus eine unmittelbare Freude, wieder zu Hause zu sein. Zu Hause? Ist Dänemark wirklich sein Zuhause? Dieses kleine, geizige Bauernland, in dem der Ministerpräsident aussieht wie der Weihnachtsmann, was vielleicht durchaus passend ist, weil das Land die weltweite Krise auf eine erstaunlich gemütliche Weise meistert. Man macht es sich im Verborgenen gemütlich. Jeder kümmert sich um seine eigenen Angelegenheiten, und es scheint, als existiere die Welt da draußen nicht. Man wird die Krise schon irgendwie bewältigen. Das hat man immer getan. Es gibt keinen Grund zur Klage. Es liegt ohnehin alles in Gottes Hand, und man ist nicht auf der Welt, um sich zu beklagen.

Da unten im Süden tobt der Krieg. Ein ferner Bruderkrieg, der ihn nach Hause zurückgerufen hat, weil er in seiner eigenen Familie Wirklichkeit geworden ist. Es geht um das Herz der Familie, um den Herzschlag selbst. Die Zeit steht für einen Augenblick still. Es ist, als würde er für einen Moment wieder zum Kind und hörte seine Mutter zum Abendessen rufen. Dieser Erinnerungsfetzen taucht in ihm auf, als er eine Frau, die ein langes Kleid und ein geblümtes Kopftuch trägt, die Hand heben und ein kleines Mädchen rufen sieht. Das Lächeln des Mädchens ist groß und strahlend, aber dann verschwindet es aus seinem Blickfeld, als das Auto um die nächste Kurve fährt.

Es hätte seine Mutter sein können, die da gerufen hat. Und das kleine Mädchen hätte Marie sein können mit ihrem hübschen Lächeln und ihrem Vertrauen in die ganze Welt. Die Erinnerung ist so stark, dass er für einen Moment nicht weiß, ob er wach ist oder träumt. Er nimmt seinen Hut ab, wischt sich über die Stirn und begreift nicht, wo diese plötzliche Angst herkommt.

Der Chauffeur setzt ihn ein Stück von der Badestelle entfernt ab und nimmt sich eine Zeitung, als Magnus ihn bittet, dort auf ihn zu warten, ehe er den kleinen Hügel hinaufgeht.

Bei dem schönen Wetter sind viele Menschen unterwegs. Ihre schwarzen Fahrräder stehen aufgereiht da wie Soldaten. Einen Moment lang bleibt er stehen, überrascht von dem Anblick, der sich ihm auf den Hügeln zwischen dem Gudenå und der Quelle des Skjernå darbietet. Er blickt auf ungefähr dreihundert Menschen hinunter, die sich an den fünf Badebecken in der grünen, hügeligen Landschaft tummeln.

Bei einem Mann in einem kleinen Pavillon, der Kaffee und Eis anbietet, muss er eine Krone bezahlen, bevor er die Treppe zur Badestelle hinuntergehen darf. Neben dem Badebecken hat man eine einfache Rutschbahn aus abgehobelten Kiefernholzbrettern errichtet, auf der die Kinder auf gewaschenen Düngersäcken hinuntersausen, die aufgestapelt am Fuße der Rutsche liegen, und vor Vergnügen kreischen. Magnus bleibt einen Augenblick auf der Treppe stehen und betrachtet die Szenerie.

Es gibt vier runde Becken und ein viereckiges, an dem ein Sprungbrett angebracht ist. Er sieht, wie junge Männer, offensichtlich Knechte, in großen, flatternden Badehosen versuchen, den Mädchen mit allerlei Faxen und Sprüngen zu imponieren, die das Wasser über den Beckenrand schwappen lassen. Ihre weißen Oberkörper leuchten grell in der Sonne und stehen in Kontrast zu ihren braunen Armen, die während der Feldarbeit der Sonne ausgesetzt sind. Mütter und Kinder vergnügen sich in einem kleineren Becken, in dem sie herumplantschen. Die Patienten des Chefarztes scheinen sich im eigentlichen Schwimmbecken aufzuhalten.

Magnus muss an die Bewässerungsanlage auf Don Pedros Rinderfarm denken. Es scheint sich hier um dasselbe Prinzip zu handeln. Das Wasser aus der Quelle des Gudenå wird mithilfe eines Hebesystems in ein oder zwei Becken auf dem Hügel hinaufgepumpt. Dort wird es von der Sonne erwärmt, bevor es in die Badebecken eingespeist wird. Ein einfaches, aber wirkungsvolles System, das Magnus fasziniert. Er hat zwar keine reguläre Ausbildung genossen, aber das Ingenieurwesen interessiert ihn sehr. Er weiß, dass er ein Talent hat, technische Probleme zu durchdringen und andere, überraschende Lösungen zu finden. Dieses Talent hat er in Argentinien entdeckt, wo man nicht nach der Ausbildung fragt, sondern danach geht, was ein junger Mann kann.

Der Wasserdruck ist so stark, dass damit auch noch einige hübsche kleine Springbrunnen betrieben werden können, die zugleich als Trinkfontänen dienen. Zwischen den Fontänen steht eine kleine Sonnenuhr. Dort entdeckt er zwischen all den Badenden und Sonnenanbetern seine ein Jahr ältere Schwester Marie.

Sie ist nicht zu übersehen, hübsch, groß und schlank und von einer Lebhaftigkeit, die in Wahrheit nur Fassade ist, denn ihr Gemüt verdunkelt sich leicht. Es zeuge von einem Hang zum Depressiven, wie der Vater zu sagen pflegt. Ihre latente Schwermut entwickelte sich nach dem Tod der Mutter, die 1929 einer schweren Grippeerkrankung erlag, der selbst der Chefarzt machtlos gegenüberstand. Nach dem Tod der Gemahlin wurde seine kühle Distanz endgültig zur Kälte. Er verdrängte seinen Schmerz mit der mechanischen Effektivität, die die übergewichtigen Damen so anzieht, weil sie spüren, dass sie auf höchsten wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert.

Maries Haare sind dunkelblond, und sie hat sie von ihrer hohen, geraden Stirn aus nach hinten gekämmt, sodass sie, der Mode entsprechend, in weichen Locken auf ihren weißen Kragen fallen. Er sieht die schlichte Haarspange, mit der sie ihre Haare festgesteckt hat. Aus Schminke hat sie sich noch nie viel gemacht. Sie trägt ihre Uniform. Den langen weißen Rock und die Hemdbluse, die trotz des warmen Spätsommertages bis oben zugeknöpft ist und am Kragen von der Anstecknadel des Dänischen Krankenschwesternbundes zusammengehalten wird. Sie hat ihn noch nicht bemerkt, er kann sie also ungestört betrachten.

Sie hat sich nicht verändert in den fünf Jahren, die er weg gewesen ist. Diese fünf Jahre scheinen, zumindest aus einiger Entfernung betrachtet, spurlos an ihr vorübergegangen zu sein. Es geht nach wie vor eine erotische Anziehungskraft von ihr aus, derer sie sich nicht bewusst ist, denkt er, schiebt diesen Gedanken jedoch schnell beiseite. So etwas denkt man nicht über seine Schwester, aber er begreift nicht, warum sie noch immer nicht verheiratet ist angesichts dieser leidenschaftlichen Flamme, die doch ganz offensichtlich nur darauf wartet, entfacht zu werden. Vielleicht ist sie ja auch gar nicht mehr allein. Was weiß er schon? Sie hat nichts von einem Geliebten oder Mann geschrieben in dem Brief, den er von ihr bekommen hat und der der Grund dafür ist, dass er jetzt hier in der Sonne steht und sie betrachtet.

Sie wird siebenundzwanzig Jahre alt, aber sie hat ganz und gar nichts Damenhaftes an sich, fällt ihm auf. Sie macht ein paar schnelle, leichte Schritte, um einen übergewichtigen Herrn besser im Blick zu behalten, der Schwierigkeiten hat, aus dem mittleren Becken auszusteigen.

Sie hat wohl keinen Grund gesehen, etwas über sich zu schreiben, schließlich ging es doch um Mads. Ihr Brief ist geschäftsmäßig, fast kühl und eine Bitte um Hilfe. Er kennt sie. »Deine Dich immer liebende Schwester«, so hat sie ihn unterzeichnet. Ist sie das? Ist er ihr geliebter kleiner Bruder? Und was ist mit dem Nesthäkchen Mads, das sie beide bedingungslos liebten, als sie Kinder waren?

Magnus zündet sich eine Zigarette an, und seine Uhr reflektiert das Sonnenlicht. Marie dreht sich um, lächelt ihn an und kommt mit ihren federnden Tänzerinnenschritten auf ihn zu. Dann bleibt sie stehen und hält sich die Hand wie einen Schirm vor die Stirn, als wolle sie sicher gehen, dass es auch wirklich Magnus ist, der auf der steilen Treppe steht und zu ihr hinunterschaut. Er nimmt seinen Hut ab und winkt mit ihm, und sie lächelt noch immer, als er schnell zu ihr hinuntergeht.

2

Magnus Meyer spürt den Körper seiner Schwester, und dieses Gefühl ist ungewohnt für ihn, aber auch für sie. Sie kommen aus einer Familie, in der Körperkontakt nicht üblich ist, schon gar nicht in der Öffentlichkeit. Sie begrüßen sich mit einem kurzen Kuss, und im nächsten Augenblick stehen sie sich schon wieder wie zwei Fremde im Sonnenschein gegenüber. Magnus kommt es vor, als befinde er sich unter einer Käseglocke, aus der alle Geräusche ausgeschlossen sind. Die Badenden scheinen in einem verschleierten Licht zu verharren, als stünden sie Modell für ein Sommergemälde. Doch dieses unwirkliche Gefühl hält nur einen Moment an.

Marie löst die beklommene Stimmung auf, als sie sagt: »Ich habe dich rauchen sehen. Gibst du mir eine ab?«

»Ich wusste gar nicht, dass du rauchst.«

»Es gibt, glaube ich, eine Menge Dinge, die du nicht von mir weißt. Fünf Jahre sind eine lange Zeit.«

Sie hat eine helle Stimme. Bei Familienfeierlichkeiten oder in der Kirche bittet man sie meist zu singen, aber sie tut es ungern. Oder tat es ungern? Was weiß er schon von ihr? Innerhalb von fünf Jahren hat er vier Briefe von ihr bekommen, Briefe voller Alltäglichkeiten, abgesehen von dem letzten, in dem sie ihre Verzweiflung und Hilflosigkeit nicht verbergen konnte oder wollte. Das war kein gewöhnlicher Brief, sondern ein Hilferuf. Er trägt ihn bei sich, spürt ihn in der Innentasche seines Sakkos brennen. Er holt sein Zigarettenetui hervor und reicht ihr eine Zigarette, nimmt sich ebenfalls eine und gibt ihnen beiden Feuer. Sie raucht ein wenig unsicher, findet er, aber sie atmet den Rauch trotz allem geübt bis tief in die Lungen ein und schließt einen Moment lang genussvoll die Augen. Ein Krümel Tabak klebt an ihrer Lippe.

Sie tritt einen Schritt zurück und schaut ihn mit ihrem Große-Schwester-Blick an: »Virginia, nicht wahr?«

Er nickt.

»Du bist ein richtiger Mann geworden, kleiner Bruder. Du siehst so erwachsen aus.« Sie lächelt mädchenhaft und berührt mit einer vorsichtigen Handbewegung seinen Schnurrbart.

Er lächelt ebenfalls und nimmt ihre Hand in seine. »Du siehst aus wie immer.«

Sie zieht ihre Hand zurück und nimmt einen Zug von der Zigarette, bevor sie sagt: »Wie gesagt. Es gibt vieles, was du nicht von mir weißt. Hast du schon mit Vater gesprochen?«

»Noch nicht. Der Herr Chefarzt ist mit seinen Patienten beschäftigt. Ich habe Fräulein Jørgensen getroffen.«

»Das kann ich mir vorstellen.«

»Der Herr Chefarzt ist mit seinen Patienten beschäftigt«, wiederholt er und fährt fort: »Und er ist in Begleitung eines Doktor Krause, glaube ich.«

»Ach ja. Vaters kleiner Nationalsozialist aus Hamburg.«

»Hat der Herr Chefarzt tatsächlich eine politische Haltung gefunden, die seiner Mentalität entspricht?«

»Komm, Bruder, lass uns nicht wieder damit anfangen«, sagt sie schärfer, als sie es wohl beabsichtigt hat, und um den Missklang zu beseitigen, nimmt sie ihm scherzend den Hut vom Kopf: »Hut ab vor deiner Schwester. Und nein, Vater und Fräulein Jørgensen interessieren sich nur sehr für Doktor Krauses Theorien über rassebedingte Krankheitsverläufe. Für die stärkere Widerstandskraft, die einige Rassen gegenüber bestimmten Krankheiten aufweisen und andere nicht. Das mit den Rassen ist ja ein ganz großes Thema da unten im Süden. Hast du auf deinen Reisen nichts davon mitbekommen?«

Er lächelt, als er ihren ironischen Unterton bemerkt, und sagt: »Doch. In anderen Ländern gibt es auch Zeitungen. Das Stampfen der vorrückenden Stiefel in Deutschland ist auch auf der anderen Seite des Atlantiks vernommen worden.«

»Wann bist du gekommen?«, fragt sie.

Die Sonne brennt auf sein kurz geschnittenes Haar mit dem akkurat gezogenen Scheitel. Ihre Augen sind grünlicher als die blauen Augen von Magnus. Mads hat dieselbe Augenfarbe und dasselbe dunkelblonde Haar wie seine Schwester, ein Erbe der Mutter, während Magnus’ Haare heller sind, so wie die des Vaters, bevor die Mutter erkrankte und starb. Das Haar des Chefarztes war in weniger als einem Jahr vollkommen weiß geworden. Marie hat gleichmäßige Züge, einen schmalen, wohlgeformten Mund und sehr weiße Zähne, und sie lächelt oft und gern, so, wie sie es jetzt tut, aber das Lächeln erlischt schnell, als er sagt: »Gestern. Ich wohne im Dania.«

»Es ist besser, du ziehst zu uns nach Hause. Du hättest anrufen können. Wir hätten gestern schon miteinander sprechen können. Ich habe so lange auf dich gewartet.« Noch immer hält sie seinen Hut in der Hand, und sie reicht ihn ihm ein wenig verwirrt.

»Wir werden sehen«, sagt er und folgt ihrem Blick, der zu den badenden Menschen hinübergleitet, die zu ahnen scheinen, dass sie gerade den letzten Sommertag erleben.

Es gibt so viele ungesagte Worte zwischen Bruder und Schwester. Wir stammen aus einer Familie, in der die entscheidenden Dinge nie zur Sprache kommen, weil wir es nicht wagen, einander die Wahrheit zu sagen, denkt er. Nur Mads ist anders, war schon immer anders. Er hat gesagt, was er dachte, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen. Die Kälte, die ihr Zuhause seit dem Tod der Mutter geprägt hat, hat seine Seele nicht erstarren lassen, aber wie mag es ihm in den letzten fünf Jahren ergangen sein? Im Alter zwischen sechzehn und einundzwanzig Jahren kann ein junger Mann sich sehr verändern.

»Am besten, du ziehst nach Hause«, wiederholt sie und blickt auf ihre Zigarette. »Es nimmt Vater sehr mit. Er versucht, es zu verbergen, aber es gelingt ihm nicht. Es würde auch merkwürdig wirken, wenn du im Hotel wohnst.«

»Das ist vermutlich das eigentliche Problem.«

»Hör auf, so verbittert zu sein, Magnus. Das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt dafür.« Sie sieht zu Boden, und er folgt ihrem Blick. Das Gras ist gelb und verbrannt, und als könnte sie seine Gedanken lesen, versucht sie möglichst beiläufig, die Verlegenheit zu überspielen, von der ihre Begegnung bisher geprägt ist – eine Begegnung, die nicht so abgelaufen ist, wie man sich ein Wiedersehen nach so langer Zeit eigentlich vorstellt. »Wir haben wirklich fantastisches Erntewetter gehabt«, sagt sie.

Er lächelt und ergreift wieder sanft ihre Hand: »Okay, Schwesterherz. Schauen wir mal.«

Sie lächelt zurück, etwas angestrengt: »Okay! Was soll das denn jetzt? Kannst du kein Dänisch mehr?«

»Okay ist so etwas wie alright, nur ein bisschen anders.«

»Alright. Wie amerikanisch du klingst. Ich dachte, du bist die meiste Zeit in Argentinien gewesen.«

»Zwei Jahre in den Staaten, gut drei Jahre in Argentinien. Es ist so schön, dich wiederzusehen«, sagt er.

»Ich freue mich auch. Sehr sogar. Ich habe dich vermisst. Vier Briefe in fünf Jahren, Magnus. Behandelt man seine Familie so? Mads war am Boden zerstört, als du weggegangen bist. Du hast sein Herz in tausend Stücke geschlagen.«

»Ich konnte nicht anders.«

»Trotzdem«, erwidert sie nur und lässt seine Hand los, sieht sich um und wirft ihren Zigarettenstummel weg, bevor sie anmutig in ihren praktischen, flachen Schuhen mit den breiten Schnallen auf dem Absatz kehrtmacht und zum Beckenrand hinunterruft, dass der Bus in einer halben Stunde abfahre. Ihre Stimme ist durchdringend trotz ihres Lächelns. Er sieht, wie die Patienten mittleren Alters beinahe synchron die Hand heben zum Zeichen, dass sie den Befehl vernommen haben. Das Geräusch spritzenden Wassers und ein übertriebener Schrei unten vom Quellbecken dringen zu ihnen herauf und vermischen sich mit dem plötzlichen Weinen eines Kindes, das sich erschreckt hat.

Sie dreht sich um und fragt: »Wie ist Argentinien? Wie ist die große weite Welt? Wird man vom Reisen so ansehnlich? Du bist ja ein richtiger Herr geworden. Du musst so viel zu erzählen haben.«

Er lacht über sie und mit ihr, und es kommt ihm vor, als wärme die Sonne sie auf einmal auf eine andere Weise, und die Stimmen der Badenden erscheinen ihm heller und fröhlicher, weil er sehen kann, dass sie ebenfalls froh ist. Froh, dass er zurückgekommen ist. Froh, dass sie nicht mehr allein ist. Froh, weil er ihr immer geholfen und ihre Partei ergriffen hat. Er zerstört diese Stimmung, indem er sagt: »Warum ist er weggegangen?«

»Nicht jetzt.«

»Und dann auch noch in den Krieg. Ausgerechnet er. Mads konnte doch keiner Fliege etwas zuleide tun. Er hat Gedichte geschrieben und war so empfindsam und hat so schnell angefangen zu weinen. Kannst du dich nicht daran erinnern? Er hat so gelitten, wenn in der Familie oder in der Schule auch nur das kleinste bisschen Sorge oder Angst herrschte. Das ergibt alles keinen Sinn. So sehr verändert ein Mensch sich nicht in so kurzer Zeit.«

»Wir müssen über all das und vieles andere sprechen, aber nicht hier. Ich bin für die Patienten verantwortlich. Ich kann jetzt nicht darüber nachdenken.« Ihre Stimme wird immer leiser, aber es ist zu spät, sie wendet sich ab und senkt den Kopf.

Er dreht sie zu sich um und zieht sie an sich. Sie wehrt sich erst ein wenig, gibt dann aber rasch nach, und er umarmt sie, spürt ihre Tränen. Sie verbirgt ihr Gesicht an seiner Schulter. Er sieht das Schwimmbecken weiter unten, wo die Patienten erstaunt und ein wenig erschreckt zu ihrer kleinen Florence Nightingale hinüberschauen, die ihnen den Rücken zugewandt hat und von einem fremden Mann umarmt wird. Der korpulente Mann in dem dunklen Ganzkörperbadeanzug macht Anstalten, aus dem Becken zu klettern und zu ihnen zu eilen, aber Magnus winkt ab, indem er ein paar Mal den Hut schwenkt und ihm und den anderen ein beruhigendes Lächeln zuwirft, das signalisieren soll, dass alles in Ordnung ist.

Marie windet sich los, schluchzt noch einmal kurz und wischt sich dann die Tränen mit einem weißen Taschentuch ab, das sie in ihrer Rocktasche stecken hat. Sie putzt sich die Nase, und aus der anderen Rocktasche zieht sie einen Umschlag, den sie ihm wortlos reicht. Magnus spürt ein Ziehen in der Magengegend, als er die schöne Schrift sieht, die Mads fast vom ersten Schultag an gehabt hat, und liest:

4. März 1937

Meine geliebte Schwester Marie,

wenn Du diese Zeilen liest, werde ich schon fort sein. Bitte sei nicht allzu traurig, sondern versuche, mich zu verstehen. Es ist nicht so wie bei Magnus, dass ich von zu Hause fliehe oder vor mir selbst, so, wie er es getan hat. Auch wenn er mein Bruder ist, finde ich, er hat sich feige verhalten, einfach so abzuhauen. Aber ich habe ihm längst verziehen. Es ist fünf Jahre her, und vielleicht stimmt es, dass die Zeit alle Wunden heilt. Heute weiß ich, dass er nicht so sehr vor Vater geflohen ist als vielmehr vor sich selbst …

Aber ich fliehe nicht vor irgendetwas. Ich breche erhobenen Hauptes auf zu etwas, das größer ist als ich selbst. Ich kann nicht länger schweigend zusehen, wie die Ungerechtigkeit die Gerechtigkeit niederwalzt und wie die Unschuldigen den Kugeln der Tyrannen zum Opfer fallen. Gerade wir, die wir ein gutes Leben führen, haben die Pflicht, an die Menschen zu denken, mit denen das Schicksal es nicht so gut meint.

In Spanien findet ein Kampf statt, der für uns alle von Bedeutung ist. Davon bin ich überzeugt. Du weißt, dass ich den Kriegsverlauf vom ersten Tag an aufmerksam und mit wachsendem Entsetzen verfolgt habe und dass mein Herz für die legal gewählte Republik schlägt. Ich kann nicht länger im beschaulichen Dänemark bleiben und tatenlos zusehen. Es reicht nicht aus, Petitionen an die Presse zu schicken. Dänemark und auch andere Länder lassen das freie, kämpfende Spanien mit ihrer heuchlerischen Nicht-Interventionspolitik aufs Schändlichste im Stich, während Deutschland und Italien die faschistischen Aufständischen mit Waffen versorgen. Unser eigenes Parlament hat neulich das Seine dazu beigetragen, indem es dem verachtenswürdigen Verbot, nach Spanien zu reisen, zugestimmt hat. Nur Stalins Sowjetunion zeigt Rückgrat und handelt moralisch integer, indem es Spanien unterstützt.

Trotz der Heuchelei unserer Regierungen strömen junge Männer aus Europa und Amerika zu den Internationalen Brigaden nach Spanien. Ich kann nicht anders, als den Griffel gegen das Gewehr einzutauschen. Ich empfinde es als meine Pflicht, zusammen mit gleichgesinnten Kameraden vor den Toren Madrids »No pasarán« anzustimmen. Ich weiß, Du wirst denken, das sei gegen meine Natur. Ich weiß, dass Du und Magnus immer der Meinung wart, dass der verwöhnte Nachzügler nichts als ein süßer kleiner Junge ist, der weinen muss, sobald er einen Schmetterling gegen die Fensterscheibe fliegen sieht.

Vielleicht bin ich das auch, aber ich bitte Dich darum, mich zu verstehen, wenn ich Dir sage, dass ich meine Ansichten auf die denkbar härteste Weise in die Tat umsetze, auch wenn mir meine Arbeit als Dichter nach wie vor viel bedeutet. Vielleicht bin ich nicht mutig, aber ich muss und werde meine Angst überwinden, und ich bete darum, dass ich in der entscheidenden Stunde des Kampfes nicht aufgeben werde.

Meine liebe Schwester, Du musst Dir keine Sorgen machen. Ich werde Dir schreiben. Ich möchte Dich bitten, Vater von meinem Entschluss zu unterrichten. Ich weiß, dass er mich nicht verstehen wird. Er wird mich wahrscheinlich verstoßen und meinen Namen nie wieder in den Mund nehmen, so, wie er auch Magnus nie wieder erwähnt hat. Damit kann ich leben, solange Du mich verstehst und mir auch weiterhin zugetan bist, meine liebe Marie. Du musst für uns beide in Dänemark stark sein.

Wenn Du diese Zeilen liest, befinde ich mich bereits auf einem Schiff, das von Esbjerg aus nach Frankreich fährt. Ich bin mit zwei guten Freunden unterwegs. Meine Gedanken fliegen durch die Luft, und ich bin sicher, dass sie Dich in der Heimat erreichen und dass Du sie wie die zarte Berührung eines Engelsflügels spüren wirst. Sei stark und mutig, Marie, wie ich es von Dir kenne, dann werde ich versuchen, es ebenfalls zu sein.

Dein Dich immer liebender Bruder

Mads

Magnus reicht ihr den Brief. Sie faltet ihn sorgfältig zusammen und steckt ihn in den Umschlag zurück. Sie schauen einander nicht an.

»Er hat nur gesagt, er wolle für ein paar Tage zu einer Freundin nach Aalborg fahren.«

»Er ist alt genug.«

»Er ist noch nicht mündig, und es ist verboten, was er da macht.«

»Findet der Herr Chefarzt.«

»Was ja auch stimmt, aber das ist noch das geringste Problem.«

»Er hat mir nie geschrieben«, sagt Magnus und hält ihr das zerkratzte Zigarettenetui hin, aber als sie den Kopf schüttelt, nimmt auch er sich keine weitere Zigarette.

»Er war furchtbar enttäuscht, Magnus.«

»Ich habe ihm geschrieben.«

Sie sieht ihn überrascht an. »Davon hat er mir nichts gesagt.«

»Es spielt auch keine Rolle. Er ist ein Narr. Ein idealistischer Narr. Man soll nicht die Kriege anderer führen wollen. Die eigenen Schlachten sind mehr als genug für einen Mann.«

Ihr Blick wird durchdringender, und auch ihre Stimme hat plötzlich eine ganz andere Intensität: »Ich kann nicht aufhören, daran zu denken, dass unser kleiner Mads da unten mitten im Krieg ist. Er ist so krank gewesen, Magnus. Wie ich dir bereits geschrieben habe, hat er Typhus gehabt. Ich glaube, er ist inzwischen wieder gesund. Vor einer Woche kam wieder ein Brief von ihm. Er muss an die Front zurück. Unser kleiner Mads! Zurück an die Front? Das geht doch nicht. Du musst ihn nach Hause zurückholen, ob er will oder nicht. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass er sterben könnte.«

Es ist eine lange Rede, und er sieht, wie ihr wieder die Tränen in die Augen steigen. »Beruhige dich, Schwesterherz. Es wird schon alles gut gehen.«

»Nein. Das wird es nicht. Bitte hol ihn nach Hause zurück. Du bist doch so viel in der Welt herumgekommen. Du bist der Einzige, der es schaffen kann. Du bist stark und mutig. Ich werde Angst um dich haben, aber nicht diese alles verschlingende Angst. Du kannst es schaffen. Bitte sorge dafür, dass unser kleiner Bruder wieder nach Hause kommt. Ja, Magnus?« Sie ergreift seine Hände, und es ist ihr gleichgültig, dass alle sie anschauen.

Er blickt in ihre grünen Augen. Er hat sich doch längst entschieden, also warum sagt er es ihr nicht einfach? Magnus behält seine Gefühle, Gedanken und Pläne instinktiv für sich. Nur so kann man überleben. Stattdessen sagt er: »Ich habe einen von Droschken-Kurts Wagen gemietet. Fahr mit mir zusammen zurück, dann können wir in Ruhe darüber reden.«

»Das kann ich doch nicht machen. Ich bin für die Patienten verantwortlich. Ich muss mit ihnen zusammen im Patientenbus zurückfahren. Hör bitte zu, was ich sage, Magnus. Kannst du mir, Herrgott noch mal, nicht einfach versprechen, dass du ihn zurückholst? Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass er da unten ist, dass er möglicherweise schon tot ist, während du und ich hier in der Sonne stehen.«

»Ich werde es tun. Ich werde nach Spanien reisen und ihn fragen, ob er mit zurückwill. Aber was, wenn er nicht will?«, sagt er und ist überrascht von der Endgültigkeit seiner Aussage.

Sie wischt sich die Tränen ab und lacht: »Natürlich wird er das wollen, Magnus. Mads vergöttert dich. Das weißt du doch. Er hat immer getan, was du gesagt hast. Er ist in den Krieg gezogen, weil du uns verlassen hast. Er …« Sie hält inne, als sie sieht, dass sie ihn verletzt hat.

»Es ist also meine Schuld?«

»Nein. Das habe ich nicht gemeint. Nein, natürlich nicht, aber du hast ihm das Herz gebrochen.«

»Das klang in seinem Brief aber ganz anders«, sagt er.

»Ja, das stimmt.«

»Mads glaubt an das Gute im Menschen«, sagt Magnus.

»Ich weiß nicht, woran Mads glaubt, aber ich weiß, dass er zu jung ist, um zu sterben. Und du hast mir soeben versprochen, ihn zurückzuholen. Damit machst du mich sehr glücklich. Ich sage Vater Bescheid, dass du heute zum Abendessen kommst. Sagen wir um sieben Uhr? Du kannst auch gern schon eher kommen, wenn du magst. Und du wohnst dann auch zu Hause, ja?«

Er lächelt nur, und sie sieht ihn unsicher an, und erst als er nickt, dreht sie sich um und geht mit schnellen Schritten zum Becken hinunter, um wie eine Entenmutter alle Patienten wieder einzusammeln. Sie dreht sich einige Male um und wirft ihm ein Lächeln zu. Auf einmal hat ihr Gang eine Leichtigkeit, die ihn verlegen macht, weil er so leichtfertig ein Versprechen gegeben hat.

Magnus Meyer zündet sich eine neue Zigarette an und geht in Richtung Treppe, ohne sich noch einmal umzusehen.

3

Sie sitzen an dem großen braunen Tisch im Salon, der Chefarzt an dem einen Tischende, Fräulein Jørgensen wie üblich an dem anderen. Sie hat diesen Platz zwei Jahre nach dem Tod der Mutter eingenommen. Fräulein Jørgensen hat einen neuen langen Rock an und eine hochgeschlossene beigefarbene Bluse, die über der Brust unvorteilhaft in Falten gelegt ist. Ihr Deutsch ist nicht sonderlich gut, aber sie hat bei Tisch nie viel gesprochen, sie hat bloß dagesessen, die anderen betrachtet und mit ihrem Blick ihr Urteil verkündet. Marie sitzt als Tischdame von Doktor Helmut Krause an der einen Längsseite des Tisches, während Magnus allein auf der anderen Seite platziert ist.

Er muss sich eingestehen, dass er nervös war, als er im Taxi vom Hotel zum Sanatorium und zur großen weißen Villa seiner Kindheit fuhr. Er hat den Chefarzt fünf Jahre lang nicht gesehen. Das ist der eine Grund, aber da ist noch ein anderer. Er kann nicht vergessen, dass der Vater mit blutender Nase und geschwollenem Auge auf dem Boden lag, als er ihn zuletzt sah.

Marie ist eine kluge Frau. Sie hat mit dem Vater zusammen auf ihn gewartet. Als Magnus aus dem Wagen stieg, spürte er, dass sie in der Abenddämmerung gemeinsam direkt hinter der Eingangstür standen und auf ihn warteten. Kaum hatte er geklingelt, öffneten sie die Tür. Normalerweise machte das Hausmädchen auf. Der Vater sah ihn lange an, als er mit seinem Koffer eintrat, den er in der Halle auf den Boden stellte. Sie standen da, als wären sie Figuren in einem erstarrten Tableau, bis Marie drei Schritte auf ihn zumachte, ihn aufs Kinn küsste und sagte: »Willkommen daheim, Magnus.«

Der Vater streckte ihm die Hand entgegen, Magnus ergriff sie, und so standen sie für einen Moment da, der ihnen zugleich sehr lang und sehr kurz vorkam. »Herzlich willkommen in meinem Haus, Magnus«, sagte der Chefarzt, als das Schweigen lange genug wie eine schwere Decke über der Halle gelegen hatte, und als er die Hand seines Sohnes losließ, ergänzte er: »Frau Madsen hat dir dein altes Zimmer hergerichtet.«

Das war alles. Das Unausgesprochene würde für immer unausgesprochen bleiben.

Das weiße Damasttischtuch bedeckt den dunklen Mahagonitisch, die düstere Farbe der geschwungenen Tischbeine passt zu der Stimmung, die Marie leicht angestrengt zu heben versucht, indem sie betont heiter von der kindlichen Freude der Patienten beim Besuch des Badesees am Tinnet Krat erzählt. Ihr Deutsch ist tadellos. Magnus merkt, dass seines etwas eingerostet, aber dennoch ganz brauchbar ist. Der Chefarzt hatte Deutschland stets als die wichtigste und zivilisierteste Nation Europas angesehen und dafür gesorgt, dass seine Kinder von klein auf die Sprache Goethes und Schillers erlernten. Meyer erinnert sich an verschiedene Deutschlehrer, aber vor allem an Angela, die für zwei Jahre zu ihnen ins Haus gezogen war, als er zwölf Jahre alt war. Sie war so schön und anziehend gewesen, und er war sehr verliebt in sie.

Marie sieht frisch und hübsch aus in ihrer Abendkleidung, die sowohl von ihrem guten Geschmack als auch von ihrem Modebewusstsein zeugt, denkt Magnus und betrachtet seine große Schwester. Er weiß, dass sie hier keine großen Einkaufsmöglichkeiten hat und auch nicht oft nach Kopenhagen kommt, aber sie hat schon immer das Talent gehabt, im Katalog von Daells Warenhaus genau das Passende zu finden. Sie hat sich für ein schlichtes, langes Kleid aus feinster grauer Seide entschieden und ihre Haare mit einer hübschen Spange hochgesteckt, die er ihr, wie er sich plötzlich erinnert, zu ihrem achtzehnten Geburtstag geschenkt hat. Sie hat Make-up aufgelegt und lässt den sonst so tristen Tisch erstrahlen.

Magnus hat sich für den dunkelgrauen Anzug mit dem italienischen Schnitt entschieden, der so gut zu seinem blauen Schlips mit dem roten Muster passt. Er blickt zum Vater hinüber, der mit seinem deutschen Gast über einige der Patienten des heutigen Tages spricht. Der Vater trägt den nachtblauen Anzug, abends wie immer zusammen mit dem feinen dunklen Schlips und dem weißen Hemd. Er sitzt sehr gerade auf seinem Stuhl, und sein Anblick jagt Magnus auf einmal einen Schrecken ein, aber nicht, weil er noch immer Angst vor ihm hat.

Der Vater hat eine Narbe direkt neben dem linken Auge, wo er ihn vor fünf Jahren mit dem Ring an seiner rechten Hand traf, ehe er fortging und sich schwor, nie wieder zurückzukehren. Die sichtbare Narbe wird nie mehr verschwinden. Aber wie sieht es mit den seelischen Narben aus? Wie so vieles andere werden sie in das Schweigen eingehüllt werden, das schon immer das bevorzugte Schutzschild und die wirkungsvollste Angriffswaffe des Chefarztes gewesen ist. Magnus wird von einem leichten Schaudern erfasst, weil er sich selbst so deutlich im Chefarzt wiedererkennt.

Für einen Moment meint er, sich selbst in fünfunddreißig Jahren wie in einem Spiegel zu sehen. Sie haben dasselbe charakteristische lange Gesicht mit der hohen, ebenmäßigen Stirn und dem kräftigen Haar, das mit einem Scheitel zur Seite gekämmt ist. Sie haben dieselben wohlgeformten, aber großen Ohren und ein Lächeln, das den beinahe brutalen Ausdruck ihrer Gesichter abmildert und sie geradezu einnehmend und heiter wirken lässt. Marie nannte ihn »kleines Doppelgesicht«, wenn sie als Kinder Indianer spielten, erinnert Magnus sich. Und vor allem – das wird Magnus an dieser Tafel bewusst – haben sowohl er als auch der Vater diese klaren blauen Augen, von denen Dolores sagte, sie würden zu einem eiskalten Bergsee, wenn er wütend sei. Ich bin das Ebenbild meines Vaters, denkt Magnus. Wenn ich ihn bestrafe, bestrafe ich mich selbst.

Die Vorspeise rettet ihn. Es gibt Hühnersuppe, gefolgt von Huhn mit Spargel und einer Zitronencreme zum Dessert. Für Magnus hört sich das sehr exotisch an. Und es wird sicher auch eigenartig schal und ungewürzt schmecken im Vergleich zu den großen Rindersteaks und den scharfen roten Chilibohnen, an die er gewöhnt ist, oder zu den guten italienischen Gerichten in seinem New Yorker Stadtviertel. Wie wenig wissen die Dänen doch über das Essen anderer Länder. Weil Doktor Krause zu Gast ist, hat der Vater einen Wein heraufgeholt. Es ist ein Wein aus Süddeutschland, süß und schwer. Magnus weiß, dass Frau Madsen nach wie vor das Essen für die Familie zubereitet. Er hat bei der alten Köchin vorbeigeschaut, die sich sehr, sehr gefreut hat, ihn wiederzusehen. Als Kind hat er viele Stunden bei ihr in der großen Küche zugebracht. Sie ist seit über dreißig Jahren bei der Familie beschäftigt.

Das Hausmädchen ist neu. Er glaubt sich zu erinnern, dass sie Karla heißt und nicht viel älter als siebzehn oder achtzehn ist, klein und rundlich mit braunen, schönen Augen. Sie kommt mit der Suppenterrine herein, Marie nimmt sie ihr ab und verteilt die Suppe. Magnus kann nicht anders, als immer wieder zu Karla hinüberzusehen. Sie sieht zum Anbeißen aus, denkt er und stellt sich ihren weichen Körper unter der schwarzen Uniform mit der weißen, gestärkten Schürze vor. Er hat die unverhohlenen Blicke, die sie ihm zugeworfen hat, sehr wohl wahrgenommen. Er wirkt wie ein fremder, exotischer Vogel in dieser Gesellschaft. Er sieht ihr an, dass sie von ihm und seinen Erlebnissen in der großen weiten Welt fasziniert ist. Sie erinnert ihn an seine letzte italienische Freundin in New York. Seine Träumereien werden unterbrochen, als Doktor Krause ihm offensichtlich bereits zum zweiten Mal die Frage stellt:

»Und Sie, Herr Meyer? Wie ich höre, haben Sie sich viele Jahre auf der anderen Seite des Atlantiks aufgehalten. In Argentinien, wenn ich mich recht entsinne?«

»Das ist korrekt. Und in den USA.«

»Aha. Amerika. Das Land der Depression und der Neger. Darf man fragen, was Sie im fernen Ausland gemacht haben?« Krause sieht Meyer interessiert an. Er hat kleine, eng stehende Augen in einem runden, beinahe kindlichen Gesicht. Seine Stirn ist niedrig und kahl, er hat einen Haarkranz wie ein Mönch und sieht aus wie ein freundlicher Troll. Aus seinen Nasenlöchern und den Ohren wachsen kleine Haare, und wenn er kaut oder schluckt, hüpft sein Adamsapfel auf und ab. Die Frage wirkt eigentlich unschuldig, aber Meyer vermutet, dass der gute Deutsche im Auftrag des Chefarztes fragt, der sich niemals dazu herablassen würde, ihn direkt danach zu fragen, was er in den letzten Jahren gemacht hat.

Magnus überlegt einen Moment, entschließt sich dann aber, zumindest teilweise ehrlich zu antworten, auch Marie zuliebe. Später kann er ihr dann immer noch die ganze Geschichte erzählen. Er legt seinen Löffel beiseite. Die Suppe ist gut und würzig, aber ohne jenen Pfiff, den er zu schätzen gelernt hat. Er antwortet – und die deutsche Sprache fällt ihm erstaunlich leicht: »Ich habe in den großen Schlachtereien in Chicago angefangen, dann habe ich eine Zeit lang bei der Eisenbahn in Oregon und auf einer Ranch in Texas gearbeitet. Ich habe einen Viehzüchter kennengelernt, der mich nach Argentinien mitgenommen hat, wo sein Bruder eine Ranch hat. Dort habe ich fast drei Jahre lang gearbeitet, zuletzt als Vorarbeiter. Danach habe ich in New York gelebt.«

Krause isst schlürfend seine Suppe. »Sehr interessant, junger Mann. Und wie haben Sie die Depression erlebt?«