Die Wahrheit und andere Lügen - Sascha Arango - E-Book

Die Wahrheit und andere Lügen E-Book

Sascha Arango

4,5
9,99 €

Beschreibung

Ein psychologischer Spannungsroman der
Extraklasse


Henry ist ein erfolgreicher Schriftsteller. Er ist elegant, großzügig und sehr gefährlich. Denn Henry ist ein skrupelloser Hochstapler, der sich ein überaus angenehmes Leben geschaffen hat. Fatalerweise wird seine Geliebte von ihm schwanger. Nun müsste er seiner Frau alles erzählen. Aber muss er ihr wirklich alles sagen? Das würde seine Existenz vernichten. Einfacher wäre es, die Geliebte aus dem Weg zu räumen. Doch genau dabei passiert Henry ein nicht wieder gutzumachender Fehler.
Sascha Arango fragt, wo die Wahrheit endet und wo die Grauzone der Lügen beginnt. Dabei erzählt er die überaus spannende Geschichte von Henry, der schwindelfrei am Abgrund steht. Er zeigt uns einen Mann, der sich den Konsequenzen seines Tuns immer entziehen konnte – bis er einen Schritt zu weit geht.

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Seitenzahl: 445

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Sascha Arango

DIE WAHRHEIT UND ANDERE LÜGEN

Roman

C. Bertelsmann

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Für Kadee

Vielleicht ist alles Schreckliche im tiefsten Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will.

R. M. RILKE

I

Fatal. Ein kurzer Blick auf das Bild genügte, um der dunklen Ahnung der vergangenen Monate Gestalt zu geben. Der Embryo lag gekrümmt wie ein Lurch, ein Auge schaute ihn direkt an. War das da ein Bein oder ein Fangarm über dem Drachenschwanz?

Momente großer Gewissheit gibt es im Leben nur wenige. Doch in diesem Augenblick sah Henry in die Zukunft. Dieser Lurch würde wachsen, eine Person werden. Er würde Rechte haben, Ansprüche, er würde Fragen stellen und irgendwann alles erfahren, um ein Mensch zu werden.

Auf dem Ultraschallbild, etwa so groß wie eine Postkarte, war rechts neben dem Embryo eine Grauskala zu erkennen, links Buchstaben, ganz oben das Datum, der Name der Mutter und der Name der Ärztin. Henry hatte nicht den geringsten Zweifel, dass es echt war.

Betty saß rauchend neben ihm am Steuer des Wagens und sah Tränen in seinen Augen. Sie legte ihre Hand auf seine Wange. Sie glaubte, es seien Tränen der Freude. Er aber dachte an seine Frau Martha. Warum konnte sie kein Kind von ihm bekommen? Warum musste er jetzt mit dieser anderen Frau im Auto sitzen?

Er verachtete sich, er spürte Scham, es tat ihm aufrichtig leid. Das Leben gibt dir alles, war stets Henrys Devise, aber nie alles auf einmal.

Es war Nachmittag. Von den Klippen stieg das monotone Rollen der Brandung auf, der Wind bog die Gräser und drückte gegen die Seitenscheiben des grünen Subaru. Henry musste nur den Motor anlassen, aufs Gaspedal treten, der Wagen würde über die Klippen rasen und tief hinab in die Brandung stürzen. In fünf Sekunden wäre alles vorbei, der Aufprall würde alle drei töten. Dazu hätte er aber vom Beifahrersitz aufstehen müssen, um mit Betty die Plätze zu tauschen. Viel zu umständlich.

»Was sagst du?«

Was sollte er sagen? Die Sache war schon schlimm genug, dieses Ding in ihrem Uterus bewegte sich bestimmt schon, und wenn Henry etwas gelernt hatte, dann, nichts preiszugeben, was besser ungesagt bleibt.

In den vergangenen Jahren hatte Betty ihn nur einmal weinen sehen, das war, als man ihm die Ehrendoktorwürde am Smith College von Massachusetts verlieh. Bis dahin dachte sie, Henry würde niemals weinen. Henry hatte still in der ersten Reihe gesessen und an seine Frau gedacht.

Betty lehnte sich über den Schaltknüppel und umarmte ihn. So lauschten sie schweigend dem Atem des anderen, dann öffnete Henry die Beifahrertür und übergab sich ins Gras. Er sah die Lasagne wieder, die er Martha zum Mittag gekocht hatte. Sie ähnelte einem Embryokompott aus fleischfarbenen Teigklumpen. Bei diesem Anblick verschluckte er sich und begann fürchterlich zu husten.

Sie streifte die Schuhe ab, sprang aus dem Wagen, zog Henry von seinem Sitz, schloss beide Arme um seinen Brustkorb und presste sie kraftvoll zusammen, bis ihm Lasagne aus dem Nasenloch quoll. Phänomenal, wie Betty ohne nachzudenken das Richtige tat. So standen beide neben dem Subaru im Gras, und der Wind ließ Meerschaumflocken schneien.

»Jetzt sag. Was sollen wir tun?«

Die richtige Antwort wäre gewesen: Liebling, das hier endet nicht gut. Eine solche Antwort aber hat Konsequenzen. Sie ändert Dinge oder lässt sie ganz verschwinden. Bereuen nutzt dann auch nichts mehr. Und wer will schon etwas ändern, das gut ist und bequem?

»Ich fahre nach Hause und erzähle alles meiner Frau.«

»Wirklich?«

Henry sah die Verblüffung in Bettys Gesicht, er war selbst überrascht. Warum hatte er das gesagt? Henry neigte nicht zur Übertreibung, alles erzählen wäre nicht nötig gewesen.

»Was meinst du mit alles?«

»Alles. Ich werde ihr einfach alles sagen.Keine Lügen mehr.«

»Und wenn sie dir verzeiht?«

»Wie könnte sie?«

»Und das Kind?«

»Wird ein Mädchen, hoffe ich.«

Betty umarmte Henry und küsste ihn auf den Mund. »Henry, du kannst groß sein.«

Ja, er konnte groß sein. Er würde jetzt nach Hause fahren und Lüge durch Wahrheit ersetzen. Endlich alles erzählen, schonungslos, samt all der hässlichen Details, na, vielleicht nicht aller, aber doch das Wesentliche. Dazu musste er tief ins Gesunde schneiden, Tränen würden fließen, entsetzlich weh tun würde das, ihm selber auch. Es wäre das Ende des Vertrauens und der Harmonie zwischen Martha und ihm – aber auch ein Akt der Befreiung. Er wäre kein ehrloser Lump mehr und müsste sich nicht mehr so entsetzlich schämen. Es musste sein. Wahrheit vor Schönheit, alles Weitere würde sich ergeben.

Er umfasste Bettys schlanke Taille. Im Gras lag ein Stein, groß und schwer genug, einen tödlichen Schlag auszuführen. Er musste sich nur bücken, um ihn aufzuheben.

»Komm, steig ein.«

Er setzte sich ans Steuer, startete den Motor. Statt vorwärts über die Klippen zu rasen, legte er den Rückwärtsgang ein und ließ den Subaru langsam zurückrollen. Ein großer Fehler, wie er später fand.

* * *

Der schmale Weg aus gelochten Betonplatten wand sich kaum sichtbar durch einen dichten Kiefernhain von den Klippen bis zum Forstweg, wo sein Wagen stand, verdeckt von tief hängenden Ästen. Betty kurbelte das Seitenfenster herunter, zündete sich die nächste Mentholzigarette an, atmete den Rauch ein.

»Sie wird sich doch nichts antun, oder?«

»Das will ich nicht hoffen.«

»Wie wird sie reagieren? Wirst du ihr sagen, dass ich es bin?«

Dass du was bist?,wollte Henry fragen.

»Ich sag’s ihr, wenn sie mich danach fragt«, antwortete er stattdessen.

Natürlich würde Martha fragen. Jeder Mensch, der erfährt, dass man ihn methodisch hintergangen hat, will wissen, warum, wie lange und mit wem. Das ist normal. Betrug ist ein Rätsel, das wir lösen wollen.

Betty legte Henry ihre Hand mit der brennenden Zigarette auf den Schenkel. »Schatz, wir haben doch aufgepasst. Ich meine, wir wollten doch beide kein Kind, oder?«

Henrys Zustimmung konnte nicht größer und tief empfundener sein. Nein, er wollte kein Kind und besonders nicht von Betty. Sie war seine Geliebte, würde niemals eine gute Mutter werden, hatte überhaupt nicht das Herz dazu, dafür war sie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Ein gemeinsames Kind würde ihr Macht über ihn verleihen, sie würde seine Tarnung niederreißen und Druck auf ihn ausüben bis zur letzten Konsequenz. Seit Längerem schon hatte er mit dem Gedanken gespielt, sich sterilisieren zu lassen, aber etwas Unbestimmbares hatte ihn davon abgehalten. Vielleicht war es der Wunsch, doch noch ein Kind mit Martha zu haben.

»Es hat irgendwie entstehen wollen«, sagte er.

Betty lächelte, ihre Lippen zitterten. Henry hatte den richtigen Ton getroffen.

»Ich glaube, es wird ein Mädchen.«

Sie stiegen aus, tauschten wieder die Plätze. Betty setzte sich hinter das Steuer, zog einen Schuh an, trat mechanisch auf die Kupplung und bewegte den Schaltknüppel hin und her.

Er freut sich nicht, dachte sie. Aber war es nicht ein wenig viel verlangt von einem Mann, der gerade beschlossen hat, sein Leben zu ändern und seine Ehe zu beenden? Betty wusste trotz der jahrelangen Affäre mit ihm recht wenig über Henry, soviel aber wusste sie: Henry war kein Familienmann.

Sie kann es nicht abwarten, dachte er. Sie kann nicht warten, dass ich alles für sie aufgebe. Er hatte indes nicht die Absicht, seine sorgenfreie Abgeschiedenheit gegen ein Familienleben zu tauschen, für das er nicht geschaffen war. Nach der großen Beichte bei seiner Frau musste eine neue Identität her. Es würde viel Arbeit machen, sich einen anderen Henry auszudenken, einen Henry nur für Betty. Allein der Gedanke daran machte ihn müde.

»Kann ich irgendwas tun?«

Henry nickte. »Hör mit dem Rauchen auf.«

Betty sog an der Zigarette, schnippte sie weg. »Es wird schrecklich.«

»Ja. Es wird schrecklich. Ich rufe dich an, wenn’s vorbei ist.«

Sie legte den Gang ein. »Wie weit bist du mit dem Roman?«

»Fehlt nicht mehr viel.«

Er beugte sich zu ihr in die offene Tür. »Hast du irgendwem was gesagt von uns?«

»Absolut niemandem«, erwiderte sie.

»Das Kind ist von mir, nicht wahr? Ich meine, es ist wirklich da, es wird kommen?«

»Ja. Es ist von dir. Es wird kommen.«

Sie streckte ihm die leicht geöffneten Lippen zum Kuss entgegen. Widerstrebend beugte er sich zu ihr, ihre Zunge drang in seinen Mund wie eine dicke, gewindelose Schraube. Henry schloss die Fahrertür des Subaru. Sie fuhr den Forstweg hinunter Richtung Landstraße. Er schaute ihr nach, bis sie verschwunden war. Dann trat er ihre halb gerauchte Zigarette aus, die noch brennend im Gras lag. Er glaubte ihr. Betty würde ihn nicht anlügen, weil sie dafür viel zu phantasielos war. Sie war jung und sportlich, viel eleganter als Martha, schön war sie und nicht so gescheit, aber ungemein praktisch. Und jetzt war sie schwanger von ihm, ein Vaterschaftstest erübrigte sich.

Bettys kühler Pragmatismus hatte Henry schon bei der ersten Begegnung imponiert. Was ihr gefiel, nahm sie sich. Sie hatte Esprit und schlanke Füße, Sommersprossen auf den Apfelsinenbrüsten, grüne Augen und lockiges, blondes Haar. Bei ihrer ersten Begegnung trug sie ein Kleid, das mit bedrohten Tierarten bedruckt war.

Die Affäre hatte im Augenblick ihrer Begegnung begonnen. Henry musste sich nicht anstrengen, sich nicht verstellen, nicht um sie werben, er musste – wie so oft – gar nichts tun, denn sie hielt ihn für ein Genie. Es störte sie deshalb auch nicht im Mindesten, dass er verheiratet war und keine Kinder wollte. Im Gegenteil. Es war alles eine Frage der Zeit. Sie hatte lang auf einen wie ihn gewartet, das sagte sie ganz offen. Ihrer Meinung nach fehlte es den meisten Männern an Größe. Was sie darunter verstand, sagte sie nicht.

Inzwischen war Betty Cheflektorin im Verlagshaus Moreany. Begonnen hatte sie als Aushilfskraft im Buchvertrieb, obwohl sie sich für überqualifiziert hielt, weil sie zu dieser Zeit schon ein Literaturstudium abgeschlossen hatte. Die meisten Seminare waren langweilig gewesen, und sie bereute, entgegen dem Rat ihrer Eltern, nicht Jura studiert zu haben. Trotz ihrer Qualifikation waren die Aufstiegsmöglichkeiten im Verlag beschränkt. In den Mittagspausen schlich sie sich in die Büros der Verlagslektoren, um zu schmökern. Eines Tages zog sie aus purer Langeweile Henrys maschinengetippten Text aus dem Faulturm unverlangt eingesandter Manuskripte, um ihn als Lesestoff in die Kantine mitzunehmen. Henry hatte den Text ohne Begleitkommentar als Büchersendung geschickt, um Porto zu sparen. Er war bis dahin immer knapp bei Kasse gewesen.

Betty las etwa dreißig Seiten, das Essen ließt sie stehen. Dann eilte sie in die dritte Etage in das Büro des Verlagsgründers Claus Moreany und riss ihn aus dem Mittagsschlaf. Vier Stunden später rief Moreany höchstselbst bei Henry an.

»Guten Tag, mein Name ist Claus Moreany.«

»Wirklich? Meine Güte.«

»Sie haben da etwas Wundervolles geschrieben. Etwas wirklich Wundervolles. Haben Sie die Rechte schon verkauft?«

Hatte er nicht. Der erste Roman, Frank Ellis, verkaufte sich weltweit zehn Million Mal. Ein Thriller, wie man so schön sagt, mit viel Gewalt und wenig Versöhnlichem. Es war die Geschichte eines Autisten, der Polizist wird, um den Mörder seiner Schwester zu finden. Die ersten hunderttausend Exemplare wurden in nur einem Monat verkauft und sicher auch gelesen. Der Gewinn bewahrte das Verlagshaus Moreany vor der Insolvenz. Heute, acht Jahre später, war Henry Bestsellerautor, weltweit in zwanzig Sprachen übersetzt, vielfacher Preisträger und weiß der Teufel was noch alles. Fünf Bestseller-Romane waren inzwischen bei Moreany erschienen, alle wurden verfilmt, fürs Theater bearbeitet, und Frank Ellis wurdebereits als Unterrichtsstoff an Schulen verwendet. Fast schon ein Klassiker. Und Henry war immer noch mit Martha verheiratet.

Außer Henry wusste nur Martha, dass er kein einziges Wort dieser Romane selbst geschrieben hatte.

II

Oft hatte Henry sich gefragt, wie sein Leben verlaufen wäre, wenn er Martha nicht kennengelernt hätte. Die Antwort, die er sich selber gab, war stets die gleiche: wie bisher. Er wäre nicht bedeutend geworden, könnte folglich kein Leben in Wohlstand und Freiheit leben, würde mit Sicherheit keinen italienischen Sportwagen fahren, und keiner würde seinen Namen kennen. Hier war Henry im Reinen mit sich. Er wäre unsichtbar geblieben – eine Kunst für sich. Natürlich ist Existenzkampf spannend, macht erst der Mangel die Dinge kostbar, Geld verliert seine Bedeutung, sobald es im Überfluss vorhanden ist. Ist alles richtig. Aber sind Unlust und Gleichgültigkeit nicht ein akzeptabler Tribut für ein Leben in Wohlstand und Luxus und allemal besser als Hunger, Leid und schlechte Zähne? Man muss nicht berühmt werden, um glücklich zu werden, zumal Popularität allzu häufig mit Bedeutung verwechselt wird, aber seit Henry aus dem Dunkel des Allgemeinen ins Licht des Besonderen getreten war, lebte er unvergleichlich viel komfortabler. Seit Jahren beschäftigte er sich deshalb nur noch mit der Erhaltung des Status quo. Mehr zu erreichen gab es nicht für ihn. Da blieb er Realist. Auch wenn es langweilig war.

Das Manuskript von Frank Ellis war seine Entdeckung. Es lag eingewickelt in Backpapier unter einem fremden Bett. Henry fand es, als er mit hämmerndem Kopfschmerz seinen linken Socken suchte, um sich, wie schon häufig zuvor, aus einem fremden Zimmer zu stehlen. Die Frau, die neben ihm im Bett lag, hatte er noch nie zuvor gesehen, und er verspürte kein Verlangen, sie noch kennenzulernen. Er sah nur ihren Fuß, die weibliche Silhouette vom Tal der Hüfte zum feinen, kastanienbraunen Haar und schaute nicht weiter nach. Der Ofen war kalt, das Zimmer dunkel, es roch nach Staub und schlechtem Atem. Es war Zeit, zu verschwinden.

Henry hatte grässlichen Durst, weil er in der Nacht zuvor besonders viel Alkohol getrunken hatte. Es war die Nacht zu seinem sechsunddreißigsten Geburtstag gewesen. Niemand hatte gratuliert. Wie auch, es wusste ja keiner. Wer auch? Als Wanderer schließt man keine festen Freundschaften, und seine Eltern waren lange tot.

Er besaß keine eigene Wohnung, kein festes Einkommen und keine Vorstellung, wie es weitergehen sollte mit ihm. Warum auch? Die Zukunft ist ungewiss, wer sagt, er kenne sie, ist ein Lügner. Die Vergangenheit ist nichts als Erinnerung und damit pure Fabrikation – allein die Gegenwart ist gewiss, bietet Raum für Entfaltung und vergeht auch gleich wieder. Viel mehr als das Ungewisse quälte Henry die Vorstellung des Gewissen. Zu wissen, was ihm bevorstand, war gleichbedeutend mit dem Pendel über der Grube. Was sollte denn schon groß kommen außer Reue, Tod und Zerfall? Entsprechend dieser durchaus realistischen Einschätzung definierte Henry sein Leben als einen Gesamtprozess, der erst nach seinem Tod von Historikern beurteilt werden sollte. Und wohl dem, der nichts hinterlässt, er muss kein Urteil fürchten.

Schweigen ist gegen die Natur des Menschen. Mit diesem Satz begann Marthas Manuskript. Der Satz hätte glatt von ihm sein können, fand Henry. Vollkommen zutreffend und so einfach. Er las den nächsten Satz und immer weiter, den linken Socken zog er nicht mehr an, er schlich sich auch nicht aus der kleinen Wohnung, er nahm auch nicht wie sonst herumliegendes Bargeld oder anderweitig Verwertbares mit, um sich davon etwas zu essen zu kaufen.

Vom ersten Absatz an hatte er den Eindruck, die Geschichte sei seiner eigenen nicht unähnlich. Er las das ganze Manuskript am Stück, blätterte dabei so leise wie möglich, um die unbekannte Frau nicht zu wecken, die neben ihm leise schnarchend schlief. Keine Korrektur war auf den eng beschriebenen Seiten zu finden, soweit er das beurteilen konnte, auch kein Tippfehler, kein falsches Komma. Zwischendurch hielt Henry im Lesen inne, um die schlafende Frau neben sich genauer zu betrachten. Waren sie sich etwa schon mal begegnet? Hatte er ihr von sich erzählt und diese Begegnung vergessen? Wie war gleich ihr Name? Hatte sie den überhaupt erwähnt? Viel geredet hatte sie ja nicht. Unscheinbar war sie, zartgliedrig, mit langen Wimpern, die jetzt ihre geschlossenen Augen beschirmten.

* * *

Als Martha am frühen Nachmittag erwachte, hatte Henry bereits den Ofen geheizt, das Rätsel der tropfenden Wasserhähne gelöst, den Duschvorhang befestigt, die Küche aufgeräumt und Spiegeleier gebraten. Die kleine Schreibmaschine auf dem Küchentisch hatte er geölt und einen klemmenden Typenhebel über der Gasflamme geradegebogen. Marthas Manuskript lag wieder eingewickelt unter dem Bett. Sie setzte sich an den Tisch und aß mit großem Appetit die Spiegeleier.

Er schlug vor, gemeinsam zu leben, sie sagte nichts dazu, was er für ein Ja nahm.

Sie blieben den ganzen Tag zusammen, sie erzählte ihm, wie er sich in der Nacht zuvor aufgeführt hatte, dass er von sich selbst sagte, er sei komplett bedeutungslos. Henry stimmte dem zu, erinnerte sich aber an nichts mehr.

Am Nachmittag aßen sie Eis und schlenderten durch den botanischen Garten, wo Henry noch ein wenig von seinem bisher vergangenen Leben erzählte. Er sprach von seiner Kindheit, die damit endete, dass seine Mutter verschwand und sein Vater die Treppe hinunterfiel. Die Jahre, die er in einem Versteck gelebt hatte, erwähnte er nicht.

Martha unterbrach ihn kein einziges Mal und stellte auch keine Fragen. Sie hielt seinen Arm fest beim Gang durch das tropische Gewächshaus und lehnte irgendwann ihren Kopf an seine Schulter. Bis zu diesem Tag hatte Henry noch keinem Menschen so viel von sich erzählt, und das meiste davon stimmte auch. Er ließ nichts Wesentliches aus, beschönigte nichts und erfand so gut wie nichts dazu. Es war ein glücklicher Nachmittag im botanischen Garten, der erste von vielen glücklichen Nachmittagen mit Martha.

Sie schliefen auch die nächste Nacht in Marthas Bett nahe dem Ofen. Zärtlich und nüchtern war er diesmal, behutsam, fast scheu. Und sie war ganz still, ihr Atem war heiß und schnell. Und später dann, als er fest schlief, stand Martha auf und setzte sich an die Schreibmaschine in der Küche. Henry erwachte von den Schlägen der Typenhebel. Gleichmäßig, mit kurzen Pausen, Punkt. Dann das Klingeln der kleinen Glocke am Zeilenende. Punkt, neue Zeile, Punkt, Absatz. Ein hohes Schnarren, wenn sie das beschriebene Blatt Papier aus der Maschine zog, ein mehrfaches kurzes Schnarren, wenn sie das neue Blatt einspannte. So also entsteht Literatur, dachte er. Das Geklapper ging die ganze Nacht bis zum Morgen.

Als Nächstes reparierte Henry das Bett. Dann organisierte er eine Gummiunterlage für die Schreibmaschine, besorgte zwei neue Küchenstühle und bohrte den Stromzähler auf, um Heizkosten zu sparen. Während er das alles erledigte, dachte er darüber nach, wie man ohne Eigenkapital ein Heim schaffen könnte und in wieweit er dafür geeignet war.

Er räumte auf und machte sauber, Martha kommentierte seine häuslichen Aktivitäten nicht weiter. Sie kommentierte grundsätzlich nichts. Henry bewunderte das. Dabei hatte er nicht das Gefühl, sie sei meinungslos oder desinteressiert, nein, sie war einfach nur zufrieden und hatte nichts an ihm auszusetzen. Es war, als habe sie alles vorausgesehen.

Henry fiel auf, dass Martha ihre Geschichten niemals selber las. Sie sprach nicht davon, war nicht stolz darauf. Wenn eine beendet war, begann sie die nächste, wie ein Baum, der die Blätter im Herbst abwirft. Die nächste musste ihr bereits beim Verfassen der vorigen Geschichte klar geworden sein, denn zwischen der letzten und der nächsten lag keine schöpferische Pause. Wovon sie ihr Leben finanzierte, blieb Henry lange unklar. Sie hatte studiert, verriet aber nicht, was. Sie musste etwas Erspartes haben, ging aber selten zur Bank. Wenn es nichts zu essen gab, aß sie nichts. Am Nachmittag verließ sie regelmäßig die Wohnung, um im Stadtbad schwimmen zu gehen. Henry folgte ihr einmal, sie ging tatsächlich einfach nur schwimmen.

Im Keller fand Henry einen Koffer, gefüllt mit vergammelten Manuskripten, hastig versteckt wie Kindsleichen unter Rattenkot und Wasser. Die Seiten waren zu einer Masse verklumpt, einzelne Worte waren noch zu erkennen. Verlorene Geschichten. Auch das Manuskript zu Frank Ellis wäre verrottet oder an einem kalten Tag zu flüchtiger Wärme im Ofen geworden, hätte Henry es nicht versteckt. Das war sein Verdienst. Er hatte Frank Ellis gerettet, wenngleich nicht erfunden, wie er später seinem Gewissen erzählte. Immerhin.

»Literatur interessiert mich nicht«, sagte Martha zu dem Thema, »ich will nur schreiben.« Den Satz merkte sich Henry für später. Woher Martha in ihrer hermetischen Erlebniswelt die Ideen für die Erschaffung so illustrer Figuren nahm, blieb ihm ein Rätsel. Sie war nicht weit gereist und kannte doch die ganze Welt. Er kochte für sie, sie sprachen, schwiegen und schliefen miteinander. Nachts stand sie zum Schreiben auf, am frühen Nachmittag machte er Essen und las danach, was sie geschrieben hatte. Er verwahrte jede ihrer geschriebenen Seiten auf, sie fragte nie mehr danach. So wuchs ihre Liebe mit lautloser Selbstverständlichkeit. Sie freuten sich am Gemeinsamen und profitierten voneinander, Henry hatte den Eindruck, man könne unmöglich zufriedener sein. Es lag nur an ihm, diese Harmonie nicht zu zerstören.

Henry sandte das Manuskript von Frank Ellis unter seinem Namen gleichzeitig an vier Verlage, die er sich aus dem Branchenbuch gesucht hatte. Vorher musste er Martha hoch und heilig versprechen, unter keinen Umständen zu verraten, wer das geschrieben hatte. Es sollte ein lebenslängliches Geheimnis bleiben, und würde tatsächlich etwas veröffentlicht werden, dann nur unter seinem Namen. Henry fand das in Ordnung und schwor es. Er hielt Wort auf seine Weise.

* * *

Lange kam keine Antwort. Henry vergaß, dass er es abgeschickt hatte, und hätte er gewusst, wie verschwindend gering die Erfolgschancen eines unverlangt eingesandten Manuskriptes sind, er hätte nicht in das Porto investiert. Doch oft stellt sich ja Unwissenheit als wahrer Segen heraus.

In der Zwischenzeit arbeitete Henry auf dem Fruchtmarkt. Er stand um zwei Uhr morgens auf, kam gegen Mittag todmüde und nach Gemüse riechend nach Hause, um sich an den Herd zu stellen und etwas für Martha zu kochen.

Martha stellte Henry ihren Eltern vor. Sie hatte lang gezögert, Henry verstand, warum, als er den Vater kennenlernte. Bei dem Vorstellungsgespräch beäugte Marthas Vater, ein frühpensionierter Feuerwehrmann, Henry die ganze Zeit von seinem veloursbezogenen Sessel aus mit schwelender Bösartigkeit. Das Rheuma zernagte seine Gelenke und hatte schon seinen Daumen gegessen. Ihre Mutter war Kassiererin an einer Supermarktkasse, eine fröhliche Frau von warmer Empfindsamkeit, eine Mutter, wie man sie sich wünscht.

Man trank Kaffee mit Kardamom in der Polsterlandschaft des Wohnzimmers, plauderte über Belanglosigkeiten, Henry sah gelbe Vögel in einem Käfig auf der Anrichte, die auf den Tod warteten. Der Stolz des Vaters war seine Sammlung historischer Feuerwehrhelme, die in einer beleuchteten Vitrine der Schrankwand standen. Er erläuterte Henry jedes Stück, nach Datum, Herkunft und Funktion, dabei forschten seine Augen nach Anzeichen von Müdigkeit und Desinteresse bei Henry. Doch der ertrug die Prozedur mit stoischer Ausdauer und stellte sogar interessierte Zwischenfragen.

Ein kalter Winter kam. Henry besorgte eine neue Tür, zwei fabelhafte Heizdecken und dichtete die Fenster ab. Die Tür hatte er in einem Altholz-Container gesichtet. Er kletterte bei dichtem Schneetreiben in den Container und barg die schwere Tür, schulterte sie und schleppte sie wie eine Blattschneideameise auf dem Rücken nach Hause. Er hobelte noch ein wenig daran herum, setzte unten ein Stück an und passte sie ein. Jetzt zog es nicht mehr kalt herein. Martha war entzückt. Henrys handwerkliche Fähigkeit erotisierte die Frauen schon immer. Heimwerkerarbeit oder Hobbys vertreiben die Dämonen der Langeweile und schlechte Gedanken. Er reparierte Dinge einfach gern, nicht um zu beeindrucken, sondern weil es Spaß machte und weil es sonst nichts Besseres zu tun gab.

Im folgenden Frühjahr tötete Henry seinen Schwiegervater. Er schenkte ihm einen historischen Helm der Wiener Feuerwehr, nebenbei bemerkt der ältesten Berufsfeuerwehr der Welt. Freude und Überraschung des alten Sammlers waren derart groß, dass sein Aneurysma platzte und er tot umfiel. Henry war der perfekte Tyrannenmord gelungen, fachmännisch ausgeführt ohne Wissen und Absicht. Er hatte infolgedessen auch kein schlechtes Gewissen, denn dieses heimtückische Blutgefäß in seinem Gehirn hätte auch beim Scheißen platzen können, wie Henry fand. Alle freuten sich, und keiner dachte etwas Böses.

Sämtliche Helme verschwanden mit dem toten Feuerwehrmann in der Erde. Marthas Mutter blühte auf, verschenkte die gelben Vögel und wanderte ein halbes Jahr später mit einem amerikanischen Geschäftsmann nach Wisconsin aus, wo sie von einem Blitz getroffen wurde. Von da an schrieb sie nur noch linkshändig lange Briefe über ihr neues Leben in Amerika.

Dann kam Moreanys Anruf. Henry fuhr mit dem Fahrrad zum Verlag. Hätte er geahnt, welche verhängnisvolle Entwicklung die ganze Sache einmal nehmen würde, er wäre vielleicht nicht gefahren.

* * *

In der Lobby wartete Betty auf ihn. Sie stiegen zusammen in den Lift und fuhren in die sechste Etage. Ihr Maiglöckchenparfüm füllte den Fahrstuhl, sie sah, dass er Handwerkerhände hatte, er entdeckte ein kleines Loch in ihrem Ohrläppchen und das Sternbild des Großen Wagens aus lieblichen Sommersprossen an ihrem Hals. Auf der leider viel zu kurzen Fahrt nach oben spürte er, wie sie seine DNA sequenzierte. Als die Fahrstuhltür sich öffnete, war alles Wesentliche zwischen ihnen geklärt.

Moreany kam ihm um den Verlegerschreibtisch entgegen und berührte ihn mit beiden Händen, so wie man einen lang vermissten Freund begrüßt. Sein Tisch war beladen mit Büchern und Manuskripten. Ganz oben lag das Manuskript von Frank Ellis. Etwa so hatte Henry sich einen Verleger vorgestellt.

Henry hielt das Versprechen, das er Martha gegeben hatte, und stellte sich als Autor vor. Das war, wie sich herausstellte, ganz einfach. Er musste nichts Besonderes sagen oder beweisen, denn ein Autor kann bekanntlich nichts außer schreiben, und schreiben kann jeder. Man muss auch nichts Spezifisches wissen oder können oder über sich sagen, es braucht außer ein wenig Lebenserfahrung keine nennenswerte Ausbildung, man muss kein Diplom vorweisen. Vorzulegen ist allein der Text. Die abschließende Bewertung überlässt man den Kritikern und Lesern, denn je weniger man über seine Tätigkeit spricht, desto strahlender der Nimbus. Literatur interessiere ihn nicht, erklärte Henry, er wolle nur schreiben. Das passte haargenau.

Der Roman verkaufte sich phantastisch. Als das erste Geld kam, zogen Martha und er in eine größere, warme Wohnung und heirateten. Es kam immer mehr Geld, Berge davon. Geld löste bei Martha keinerlei Kaufreflex oder Verschwendungsimpulse aus. Sie schrieb unbeeindruckt weiter, während Henry shoppen ging. Er kaufte sich teure Anzüge, kostbare Momente mit schönen Frauen und ein italienisches Auto. Moreany beteiligte Henry an den Gewinnen, die nun wie Regen über das Haus Moreany hereinbrachen. Henry fühlte sich wie ein Gangster, dem das perfekte Verbrechen gelungen war, und fuhr Martha im Maserati durch ganz Europa bis nach Portugal. Sie stiegen in guten Hotels ab, ansonsten änderte sich wenig. Martha schrieb weiterhin nachts, Henry spielte Tennis und kümmerte sich um alles andere. Er kaufte ein, schrieb Einkaufszettel und lernte asiatisch kochen.

Jeden Nachmittag las er die neuen Seiten. Niemand außer ihm bekam eine Zeile zu Gesicht, bevor das Buch nicht fertig war. Er sagte nur, ob es ihm gefiel oder nicht. Meistens gefiel es ihm. Schließlich brachte er das fertige Manuskript persönlich zu Moreany. Betty und Moreany lasen dann simultan in dessen holzgetäfeltem Büro, während Henry im Nebenzimmer auf dem Sofa lag und Isnogud der Großwesir las, nebenbei bemerkt die besten Comics der Welt.

Über Stunden herrschte absolute Stille im Verlagshaus, bis beide zu Ende gelesen hatten. Dann holte Moreany den Vertriebsleiter zu sich. »Wir haben ein Buch!«, rief er. Acht Wochen später begann die Pressekampagne. Nur ausgewählte Journalisten durften ein Leseexemplar in Moreanys Büro besichtigen. Sie mussten Dokumente über die Geheimhaltung unterschreiben, denn sie sollten den Roman zwar groß in den Medien ankündigen, gleichzeitig die Öffentlichkeit aber mit Informationsentzug quälen.

Martha begleitete Henry nie zu öffentlichen Auftritten. Wenn er auf Buchmessen oder zu Lesungen ging, begleitete Betty ihn. Viele hielten sie für seine Frau, was vom reinen Augenschein auch völlig passend war, denn sie sahen aus wie ein Traumpaar.

Überall wurde Henry mit Applaus empfangen, angelächelt, herumgeführt und beglückwünscht. Er sah dabei nicht besonders glücklich aus, denn er genoss das Bad in der Menge nicht. Das wiederum verstärkte das allgemeine Entzücken über seine Bescheidenheit, besonders bei den Frauen. Henrys schüchternes Understatement war reine Vorsicht, denn er vergaß niemals, dass er kein Schriftsteller, sondern nur ein Hochstapler war, ein Frosch im Habitat der Schlange.

Außerdem fiel ihm schwer, sich all die freundlichen Gesichter und neuen Namen zu merken. Wo er stehen blieb, bildeten sich Menschenklumpen. Kameras blitzten, ohne Unterlass saugten Blicke an ihm, ständig wurde ihm etwas gezeigt, was ihn nicht interessierte, oder etwas erklärt, was er nicht richtig verstand. Er gab kurze Interviews, Gespräche über seine Arbeitsweise lehnte er ab. Das Gefühl der Unwirklichkeit verstärkte sich, die Realität verschwamm wie ein Aquarell im Regen – erst in Umrissen, dann im Ganzen. Martha hatte ihn davor gewarnt, Erfolg sei nur ein Schatten, der mit dem Stand der Sonne wandert. Irgendwann, befürchtete Henry, wird die Sonne untergehen, und man wird feststellen, dass es mich nicht gibt.

Von seinen Kritikern lernte Henry, wie sein Werk zu verstehen war. Dass die Romane gut waren, wusste er selbst, schließlich hatte er sie entdeckt. Aber wie gut sie waren und warum genau, das überraschte ihn doch selbst. Die vielen armen Künstler taten ihm leid, die erst entdeckt werden, nachdem sie bereits an Hungerödemen krepiert sind. Gerne hätte er Martha einige der schmeichelhaftesten Kritiken vorgelesen, aber die wollte davon nichts wissen. Sie schrieb bereits am nächsten Roman. Ruhm bedeutete ihr nichts. Sie las grundsätzlich keine Rezensionen, er hingegen las jede einzelne, unterstrich die schmeichelhaftesten Passagen mit dem Lineal, schnitt sie aus und klebte sie ein. Jeder Satz eine Festung. Diesen Satz mochte er besonders. Er stand auf dem Klappentext, in fetten Buchstaben und war von einem gewissen Peffenkofer, der für die Literaturbeilage einer großen Tageszeitung schrieb. Er hätte von ihm sein können, fand Henry, so schön kurz und prägnant. War er aber nicht. Nichts war von ihm.

III

Der Dichtertod auf nasser Fahrbahn. Ein Schlingern, ein kurzer Rückblick aufs Leben, dann die Ewigkeit. Daran dachte Henry, während er an leuchtend gelben Rapsfeldern entlang von den Klippen nach Hause fuhr. Konnte ein Tod tragischer und zugleich ungerechter sein, als durch die kalte Hand des Zufalls herbeigeführt? Und so passend für ihn. Camus war diesen Tod gestorben, Randall Jarrell und Ödön von Horváth, nein, der Ärmste, das war ein Ast auf den Champs-Élisées.

Henry war jetzt vierundvierzig, die Sonne des Erfolgs schien senkrecht auf ihn herab, der Tod würde ihn unsterblich machen, und das Geheimnis war sicher bei Martha. Sie würde nach seinem Tod weiterschreiben und alle Manuskripte im Keller verrotten lassen. Henry fand das sehr beruhigend, obwohl er nicht die Absicht hatte, vor seiner Frau zu sterben. Doch in diesem Moment wünschte er es sich. Alles war leichter, als ihr zu gestehen, dass er ein Kind mit einer anderen Frau gezeugt hatte. Und ausgerechnet mit Betty.

Henry sah die beiden Frauen an seinem Grab stehen. Martha, verschwiegener Quell seines Ruhms, so zierlich und unergründlich, Seite an Seite mit Betty, der Venus mit den Sommersprossen und Mutter seines Kindes. Hoffentlich würden die beiden Frauen miteinander auskommen und keinen Krieg führen, sie waren doch sehr verschieden. Und zwischen ihnen sein Kind. Martha würde sofort die Ähnlichkeit mit Henry erkennen. Könnte sie ihm je verzeihen? Hatte Betty das Zeug, eine gute Mutter werden? Eher nicht. Doch was scherte ihn das jetzt?! An seinem Grab würden viele weinen, manche sogar leiden, andere sich herzlich freuen, aber das Schönste war: Er, Henry, wäre für niemanden zu sprechen, müsste sich für nichts mehr schämen, nicht mehr verstellen und nichts mehr fürchten. Herrlich.

Leider war die Straße trocken, und Bäume waren keine zu sehen. Henrys dunkelblauer Maserati hatte jeden denkbaren Sicherheits-Schnickschnack, ABS und EPS und alles weitere auch, der Airbag würde ihn auffangen, die Sprengladung würde den Gurt anziehen. Der Wagen würde ihn nicht sterben lassen – und Henry sah sich als Untoter an einer Herzlungenmaschine verdämmern. Eine scheußliche Vorstellung. Henry erhöhte das Tempo. Mit zweihundert Kilometern pro Stunde könnte auch das beste Sicherheitssystem nichts mehr bewirken, wenn jetzt nur noch ein Baum käme.

Das Telefon klingelte. Es war Moreany. Henry nahm den Fuß vom Gas.

»Henry, wo bist du?«

»Auf Seite dreihundert.«

»Oh, wie schön. Wie schön!« Moreany sagte Angenehmes gerne zweimal. Überflüssigerweise, wie Henry fand.

»Kann ich etwas lesen?«

»Bald. Es fehlen noch zwanzig Seiten, schätze ich mal.«

»Zwanzig? Das ist ja phantastisch phantastisch. Wie lange brauchst du noch?«

»Zwanzig Minuten.« Moreany lachte. »Dann bin ich zu Hause und setze mich wieder ran.«

»Hör mal, Henry, ich habe entschieden, wir kommen mit zweihundertfünfzigtausend Exemplaren raus.«

Henry wusste, dass Moreany kein Geld von der Bank bekam. Er wollte auch keines. Moreany setzte immer sein gesamtes persönliches Vermögen ein, um Druck und Kampagne für Henrys Bücher zu finanzieren.

»Willst du nicht vorher mal lesen, bevor du wieder dein Haus verpfändest?«

»Ich verpfände mein Haus, wenn es mir passt, mein Lieber, und niemals so gern wie heute. Stell dir vor, der Peffenkofer bittet mich um ein Vorab-Leseexemplar. Er hat mich gebeten. Wie findest du das?«

Peffenkofer, der Erfinder von Jeder Satz eine Festung, war der Magnet unter den Kritikern. In dieser Eigenschaft zog er alles Schlechte aus der literarischen Produktion und ließ nur das Gute übrig. Wenig beeindruckte ihn, nichts überraschte ihn, und alles Originelle war ihm bereits bekannt. Doch was immer man über ihn denken mochte, er sah das Wesentliche und legte das Schöne frei, um es leuchten zu lassen. Er arbeitete im Verborgenen, niemand wusste, wie er aussah und ob er vielleicht noch bei seiner Mutter wohnte.

»Lass ihn warten, bis du gelesen hast.«

»Selbstverständlich! Hast du schon einen Titel?«

»Noch nicht.«

»Wir finden einen. Sag mir, wann kann ich lesen?«

Henry sah ein Reh im Rapsfeld stehen. Er verringerte die Geschwindigkeit weiter. »Jetzt hast du es wieder getan, Claus. Du wolltest mich nicht unter Druck setzen. Du wirst womöglich enttäuscht sein.«

»Das überlass mir.«

Henry hielt den Wagen am Straßenrand an. »Claus, ich hab noch nicht entschieden, welches Ende die Geschichte nehmen wird.«

»Du hast bisher immer richtig entschieden.«

»Diesmal wird es schwer.«

»Hast du darüber mit Betty gesprochen?«

»Nein.«

»Sprich mit ihr. Ruf sie an. Triff sie.«

»Alles zu seiner Zeit, Claus.«

»Nur noch zwanzig Seiten. Ich bin begeistert begeistert. Wollen wir sagen … Mitte August?«

»Mitte August ist gut.«

* * *

Das Anwesen von Martha und Henry stand auf einer Anhöhe, umgeben von dreißig Hektar Feldern und Wiesen, die an Bauern verpachtet waren. Es war ein klassisches Fachwerk-Herrenhaus mit Scheunen auf Feldsteinfundamenten und eigener Kapelle. Symmetrisch gepflanzte Pappeln zogen eine gerade Linie zum Haus. Kein Zaun umschloss den wilden Garten mit den alten Bäumen, kein Schild verbot den Zugang, kein Name stand an der Tür. Und dennoch wusste jedermann im Umkreis, wer hier wohnte.

Der schwarze Hovawart kam Henry entgegen und drehte sich ekstatisch in der Luft. Ponchos von keiner Menschenkenntnis getrübte Freude rührte Henry jedes Mal. Der Maserati rollte mit leise malmenden Rädern vor das Haus. Martha war noch nicht vom täglichen Bad im Meer zurück, sonst hätte ihr Klappfahrrad neben der Haustür gelehnt, die wie immer offen stand. Das Moskitogitter an der Haustür hing seit fast einem Jahr zerfetzt in den Scharnieren, weil Poncho einfach durchgerannt war. Henry hatte Marthas Klappfahrrad oft repariert und immer wieder die Reifen geflickt, obwohl ihr Saab in der Scheune stand, aber den benutzte sie so gut wie nie. Sie hätte ein Flugzeug haben können oder eine Yacht, aber ihr reichte ein Klappfahrrad.

Henry streichelte das kaschmirweiche Fell des Hundes, ließ ihn seinen Handrücken ablecken, dann nahm er einen Stein, warf ihn weit auf die Wiese. Er sah Poncho nach, der wie von einem Katapult gezogen zwischen den Halmen verschwand, um den Stein zu suchen. Glücklicher Hund, braucht nur einen Stein.

Sobald Martha vom Schwimmen zurück ist, beschloss Henry, werde ich ihr alles sagen.

Sechs maschinenbeschriebene Seiten lagen auf dem Eichenholz der Kücheninsel. Säuberlich nebeneinander. Der dritte Teil des vierundfünfzigsten Kapitels. Martha hatte es vergangene Nacht beendet. Bis in die frühen Morgenstunden hatte er die Schreibmaschine klackern hören. Henry warf den Wagenschlüssel auf den Tresen, nahm sich eine Mohrrübe aus der Holzschale, biss ab und begann zu lesen. Klar und in gerader Folge reihten sich Marthas Worte aneinander, kein weiteres Wort passte dazwischen, keines konnte entfernt werden, ohne den Duktus zu zerstören. Das Kapitel fügte sich nahtlos an die vorangegangenen, die Geschichte floss mit einer Gewissheit ihrem Ende entgegen, als sei sie nicht erdacht, sondern aus sich selbst hervorgebracht, wie die Pflanze aus dem Samen. Wie unbegreiflich, dachte Henry. Woher nur kam dieses Wissen, welche Stimme sprach zu ihr, die für ihn so unhörbar war?

Nach der Lektüre öffnete Henry die ausgewählte Fanpost, die täglich vom Verlag an ihn weitergeleitet wurde. Er signierte ein paar Exemplare von Frank Ellis, meist von Frauen zugesandt. Einige von ihm signierte Exemplare tauchten später bei eBay wieder auf, für völlig überzogene Preise, wie Henry fand. Manche Frauen legten Fotos von sich bei, andere gepresste Blüten und nicht selten Kussabdrücke. Immer wieder fand Henry eingeklebte Haare, auch Heiratsanträge waren darunter, obwohl doch sämtliche Medien verbreiteten, dass er bereits verheiratet war.

Womit sollte er beginnen? Das Schlimme zuerst, das mit dem Kind. Oder das doch lieber weglassen und nicht gleich alles auf einmal? Es war ja keine Liebe, die er für Betty empfand, sondern eher zyklisches Verlangen, wie es jeden Mann ganz unabhängig vom Objekt der Begierde überkommt. Wie lange ging das jetzt schon mit ihr? Zählte die erste Begegnung oder erst der Austausch von Körperflüssigkeiten im Strandmotel Meerbrise? Wann war das überhaupt passiert? Martha würde fragen. Die korrekte Antwort erforderte genaueste Prüfung, das war Henry seiner Frau schuldig. Er nahm die Post mit in sein Arbeitszimmer, um in den Unterlagen nachzuschauen, wie lange er seine Frau schon betrog. Wenn schon die Wahrheit, dann präzise.

Bevor er das aber tat, setzte er sich in seinen Ohrensessel und blätterte ein wenig im Forensischen Journal, einer ungemein informativen Fachzeitschrift über das Böse. Wer ein Verbrechen plant oder gerade mit seiner Ausführung beschäftigt ist, sollte Fachliteratur lesen. Sie informiert über Risiken der Enttarnung, bedingt durch die Fortschritte der forensischen Technik. Gleichzeitig wird deutlich, wie vergeblich der Kampf gegen das Böse im Menschen ist, denn keine Methode oder Strafe kann es mit der biologischen Mordlust aufnehmen, die uns allen innewohnt. Tod aus Gier, Rachsucht und Dummheit sind, kulturgeschichtlich gesehen, natürliche Todesursachen, nichts als eine Facette der Condicio humana.

Henry erwachte, als die automatischen Jalousien vor den Panoramafenstern hochfuhren. Es musste bereits früher Abend sein. Er hatte Martha alles gesagt. Schonungslos und vollständig, ganz so wie geplant. Er hatte sich für die hartherzige Variante entschieden, um seiner Frau den Abschied leichter zu machen.

Hör zu, Liebling, hatte er begonnen, ich werde dich jetzt verlassen, weil ich eine andere Frau begehre und dich nicht mehr. Ich kann diese Frau nicht ausstehen, aber das spielt jetzt keine Rolle. Ich liebe dich, aber du bist keine Fremde mehr für mich, unsere Liebe ist deshalb nur Freundschaft. Sie war es immer, ich konnte dich nie genug verachten, um dich zu begehren – das Aufregende passiert nicht mehr zwischen uns, es ist de facto nie passiert. Außerdem ist die andere jünger und schöner als du. Diese Frau und ich, wir kennen uns schon lange. Du kennst sie auch, es ist Betty. Ja, ausgerechnet Betty. Sie ist meine Trophäe, meine Muse, meine Sklavin, ich verachte sie. Wir sind Komplizen, meine niedrigen Instinkte erregen sie, ich vergöttere ihre Füße und soll dir von ihr ausrichten, dass es ihr leidtut. Es tut mir auch sehr leid. Versteh mich bitte nicht falsch, ich habe die zärtlichsten Gefühle für dich. Ich verehre dich wie eine Heilige, wollte dich immer beschützen. Das habe ich auch getan, so gut ich konnte, aber jetzt ist mir was dazwischengekommen. Betty kriegt ein Kind von mir. Du wolltest ja keins. Ich will auch keins. Es liegt mir völlig fern, ein Kind zu erziehen, du weißt, wie sehr mir Kindergeschrei auf die Nerven geht, und es wird bestimmt die ganze Zeit schreien – aber so liegen die Dinge nun mal. Ich danke dir für alles und werde mich mein Leben lang schlecht fühlen, das verspreche ich.

Martha hatte leise seinen Namen gerufen, als er das mit dem Kind sagte. Dann war das Meer ins Haus gedrungen und hatte sie fortgerissen.

Henry richtete sich vom Ledersofa auf, sein rechter Fuß schlief noch. Er massierte ihn, bis das Blut in die Zehen zurückkehrte, blickte benommen durch die Fensterfront auf die Felder. Das Meer war verschwunden.

Er humpelte in die Küche, um sich einen Ristretto zu machen. Dieses Scheißmeer hätte ihn fortreißen sollen, nicht sie. Es tat ihm wirklich leid, was er Martha da gesagt hatte, und es war so grundfalsch! Warum hatte er nicht von Respekt und Dankbarkeit gesprochen, von Bewunderung und Liebe, die er wie kein anderer für sie empfand? Aber nein, er hatte ihr das Herz herausgerissen wie Unkraut. Sie würde niemals über den Schmerz hinwegkommen, das stand fest.

Er wartete auf einem Bein stehend neben der Maschine, bis das Wasser heiß war. Es war klar, dass ihr die ganze Sache viel schonender beigebracht werden musste, das mit dem Kind sollte er besser gar nicht erwähnen, es könnte sie glatt um den Verstand bringen. Aber wenn er das mit dem Kind verschwieg, wozu dann überhaupt etwas gestehen? War nicht eigentlich alles gut genau so, wie es war? Je länger Henry darüber nachdachte, desto klarer wurde ihm, dass er seine Frau schonen und stattdessen Betty die ganze Wahrheit erzählen musste. Betty war hart im Nehmen, würde es eher verkraften als Martha, sie konnte ein neues Leben beginnen, einen Mann für das Kind finden, denn sie war geschaffen, um zu überleben.

Mit einem vornehmen Knarren der Kirschholzstufen kam Martha die Treppe herunter. Sie trug ihren seidenen Hausanzug, japanische Strohsandalen, das dunkle Haar mit einer Ebenholzspange hochgesteckt. Wie immer strahlte sie ihn an, wenn sie ihn sah. Martha machte kaum ein Geräusch beim Laufen, so zierlich und leise war sie noch immer. Sie hatte in den vergangenen Jahren kein Gramm zugenommen. Seit Langem schliefen und arbeiteten sie getrennt. Sie oben, er unten. Sie schrieb weiterhin nur nachts, schlief nach wie vor bis zum Nachmittag, er kümmerte sich um alles andere. Sie hätten Dienstboten, Chauffeure und Gärtner haben können, aber Martha ertrug um sich keinen anderen Menschen als Henry. Wenn er die Spätnachrichten sah oder bis zum Morgengrauen an seiner übergroßen Streichholz-Bohrinsel klebte, hörte er sie im Obergeschoss im Kreis gehen. Dann ging er in die Küche und kochte Kamillentee. Er brachte die Kanne nach oben, stellte sie vor die Tür. Manchmal lauschte er, aber berührte die Tür nicht. Leise ging er die Treppe wieder hinunter. Irgendwann fing die Schreibmaschine zu klackern an. Der Dämon in ihr begann mit dem Diktat.

Henry hatte seine Frau niemals beim Schreiben gesehen. Gut möglich, dass ihr Unterleib zu Marmor wurde, während sie schrieb, und Schlangen aus ihrem Haar züngelten. Er hatte nie gewagt, nachzuschauen.

»Henry, wir haben einen Marder im Dach.«

»Wen?«

»Einen Marder. Er macht graue Linien.«

»Graue Linien?«

»Graue Streifen, die zu langen Linien werden.«

»Wie bei Eichhörnchen?«

»Länger und parallel.«

Das deutete tatsächlich auf einen Marder hin. Wenn Martha kurze, graue Streifen sah, handelte es sich meist um kleine Nager, waren die Streifen aber lang und parallel, war es sicher ein größeres Tier.

Martha war Synästhetikerin von Geburt. Jeder Geruch, jedes Geräusch ließ sie Farben und Muster sehen. Schon als sie in der Schule die ersten Buchstaben schreiben lernte, sah sie Photismen, welche die Worte kolorierten, meist nach dem Farbton des Anfangsbuchstabens. Sie hielt das für normal. Erst mit neun Jahren stellte sie fest, dass nicht jeder Mensch die wundersame Emanation der Wörter sah, was eigentlich schade ist. Sie erzählte ihrer Mutter davon, die ging sofort zum Arzt mit ihr. Der Mediziner war von der alten Schule und farbenblind. Er verschrieb dem Kind Medikamente, die nichts anderes bewirkten, als dick und träge zu machen. Martha würgte die Tabletten wieder aus und sprach nie mehr über die farbigen Erscheinungen. Es blieb ihr Geheimnis, bis sie Henry traf.

»Kommst du bitte hoch und schaust nach?«

Du, Schatz, ich bin leider deprimierend wertlos, wollte Henry sagen, so gar nicht deiner würdig. Ich habe den Tod verdient, warum kannst du mich nicht erlösen? Hab doch Mitleid und durchschaue mich endlich.

»Was hältst du davon, wenn wir heute Abend Fisch essen, hm?«

»Henry, ich grusele mich vor diesem Tier.«

»Komm her, Schatz.« Er umarmte sie, küsste ihr Haar. Martha legte den Kopf an seine Brust, sog das Aroma seiner Haut ein.

»Du riechst ein bisschen orange heute«, stellte sie fest, »ist es etwas Ernstes?«

»Ich muss dir etwas sagen.«

»Was?«

Es wollte nicht über seine Lippen. Er murmelte etwas auch für ihn Unverständliches, lachte unsicher. Wenn er lachte, sah Martha tiefblaue Spiralen aus seinem Mund springen. Kein anderer Mann auf der Welt lachte reines Ultramarin mit tanzenden, sternförmigen Spritzern.

Martha küsste Henry auf die Lippen.

»Wenn es eine Frau ist, behalt’s für dich. Und jetzt lass uns nach dem Marder schauen, ja?«

Sie nahm seine Hand und zog ihn hinter sich die Treppe hoch. Henry folgte ihr erfreut. Sie wusste es also schon und war nicht böse. Ihr Verständnis für seine Schwäche schätzte er besonders an ihr. Wann immer Henry zu anderen Frauen ging, tat er es deshalb mit Diskretion und Taktgefühl. Oft schämte er sich, häufig beschloss er, sich zu ändern. Doch jedes Mal, wenn er nach einem Seitensprung nach Hause kam, machte er verräterische Muster, Martha las die Röntgenbilder seines schlechten Gewissens. Nur in Betty sah Martha eine ernste Bedrohung, nicht ganz zu Unrecht, wie wir bereits wissen. Dabei waren sich die Frauen nur ein einziges Mal auf einer Cocktailparty in Moreanys Garten begegnet.

Es war ein bemerkenswert milder Abend gewesen, die nachtblühenden Gewächse in Moreanys Garten öffneten die Kelche und lockten die Falter zur Bestäubung. Betty stand am Buffet, das rückenfreie Kleid war bis zu den Lendengrübchen ausgeschnitten, sie stocherte mit der Gabel in einer Erdbeerschale. »Die nicht, Henry«, hatte Martha leise gesagt, als sie den Blick ihres Ehemanns auffing, der sich gleich einer Kompassnadel auf Bettys magnetische Grübchen richtete. Henry wusste sofort, wen Martha meinte, und dass er niemals von Betty lassen würde. Er versprach, sie niemals wiederzusehen. Von da an traf er Betty nur noch an entfernten Orten. Er kaufte sich ein mobiles Telefon mit Prepaid-Karte, bezahlte Motels und Candle-Light-Dinners nur noch in bar. Es blieb dennoch eine Liaison der hastigen Berührungen und fortwährend begleitet von trauriger Ahnung.

* * *

Marthas Zimmer war nicht groß und ganz in Cremeweiß gehalten. Sie mochte keine Räume mit hohen Decken, sie erinnerten zu sehr an die Zeit in der Psychiatrie. Ihr kleiner Schreibtisch mit dem drehbaren Hocker davor stand unter der Dachschräge am Fenster, das weiß bezogene Bett zwischen Gaube und der Tür zum Badezimmer. Von der ersten Million für Frank Ellis wollte Henry eigentlich ein französisches Schloss kaufen, aber Martha fand Schlösser zu groß und zu kalt und bestand auf etwas Kleinem. Während sie am nächsten Roman schrieb, entdeckte Henry das alte Herrenhaus an der Küste, fickte die Immobilienmaklerin und begann umgehend mit der Restaurierung des Anwesens.

Henry sah sich in Marthas Schreibzimmer um, lauschte. Ein leeres Blatt war in die Schreibmaschine gespannt. Kein zerknülltes Papier lag herum, der kleine Papierkorb war leer, keine Notiz, nichts deutete auf Entwürfe oder Korrekturen hin. Der Katarakt der Worte floss aus ihrem Gehirn direkt durch die Maschine auf das Papier, kein Wort rann daneben.

»Hörst du ihn?«

»Ich höre nichts.«

»Vielleicht schläft er.«

Sie lauschten schweigend. Jetzt war der Moment, dachte er. Jetzt musste er es ihr sagen. Doch seine Gedanken wurden keine Worte.

»Es war ein Storch auf dem Dach.«

»Nachts kommen keine Störche, Henry.«

»Das stimmt. Wo hast du es gehört?«

Martha deutete an einen Punkt an der Decke. »Da. Über dem Bett.«

Henry zog sich die Schuhe aus, stieg aufs Bett und legte das Ohr an die Dachschräge. Zwischen Wandverschalung und Dachbalken zog sich ein schmaler Kriechraum über die ganze Länge des Daches. Die Luft dazwischen isolierte vorzüglich. Ein paar Atemzüge verharrte Henry in dieser speziellen Haltung. Dann hörte er etwas. Da nagte es tatsächlich direkt über ihm im Gebälk. Ein Raspeln scharfer Zähne war zu hören. Dann hörte es auf. Das Tier schien ihn bemerkt haben.

Mit der Miene des besorgten Fachmanns stieg Henry vom Bett.

»Da ist was.«

»Wie groß?«

»Es bewegt sich nicht mehr.«

»Ein Marder?«

»Kann sein.«

»Ist es größer oder kleiner als eine Katze?«

»Kleiner. Mach dir keine Sorgen. Ich fange ihn.«

»Aber du machst ihn nicht tot?«

Er zog sich die Schuhe an. »Aber nicht doch. Ich geh jetzt Fisch kaufen.«

IV

Der kleine Ort lag in einer Bucht direkt am Meer. Niedrige Häuser, ein natürlicher Hafen, kleine Geschäfte und überflüssige Blumenbeete, kein Denkmal, aber eine kleine Buchhandlung, wo Henrys Bild gerahmt hing – für die Touristen, die hierherpilgerten, um dem berühmten Autor zu begegnen.

Obradin Basarić, der serbische Fischhändler des Ortes, legte das Fischmesser beiseite und wusch sich die Hände, als er Henrys Maserati hörte. Da er das Schaufenster mit Fischfotos beklebt hatte, konnte er nur ahnen, was auf der Straße vor seinem Geschäft passierte. Für Obradin war Henry nach dem Tod von Ivo Andrić der größte lebende Schriftsteller überhaupt. Dass Henry diesen unscheinbaren Ort an der Küste erwählt hatte, um sich hier niederzulassen, konnte kein Zufall sein, denn Zufälle passieren nur Atheisten. Wenigstens einmal pro Woche kam Henry zu ihm, um Fisch zu kaufen, eine bosnische Hecke mit ihm zu rauchen und über das Leben zu philosophieren. Dieser netteste und zugleich genialste aller Menschen war ein Fischliebhaber – und er, Obradin Basarić, verkaufte Fisch. Wo war da noch Raum für Zufall?

Henry hatte Obradin gebeten, seinen Wohnort nicht zu verraten, Obradin hatte es versprochen. Doch dieses geheime Wissen machte ihm zu schaffen. Den meist weiblichen Touristen, die in sein Fischgeschäft kamen, um sich scheu oder unverschämt direkt nach Henry zu erkundigen, log er ins Gesicht, dass hier niemand dieses Namens lebte, dabei hätte er so gern erzählt, dass er mit ihm auf ganz besondere Weise befreundet war. Des Nachts hörte ihn seine Frau Helga im Schlaf oft schreien: Ich kenne ihn! Er ist mein Freund!

»Du machst dir keinen Begriff, wie schrecklich es ist, ein Geheimnis zu haben«, gestand er Henry einmal beim Fliegenfischen. »So ein Geheimnis«, fuhr er fort, »ist ein Parasit. Es ernährt sich von dir und wird immer größer. Es will raus aus dir, es nagt sich durch dein Herz, es will aus deinem Mund, es kriecht durch deine Augen!«

Henry hatte nur stumm zugehört. »Mach’s wie ich«, schlug er vor, »grab ein Loch und scheiß dein Geheimnis rein. Dann bist du es los und nicht mehr voller Scheiße.« Obradin fand diesen Kommentar eines bedeutenden Schriftstellers unwürdig. Aber Henry hatte nur gelacht und sich den ganzen Tag lang darüber gefreut.

Heute war Henrys Miene düster, als er ins Fischgeschäft kam. »Mein Freund«, begrüßte er Obradin, »wir haben ein Problem im Dach. Es ist ein Marder.«

Obradin küsste Henry zur Begrüßung auf beide Wangen. »Ich töte ihn für dich.«

»Nee, lass mal. Martha möchte das nicht. Wie kann man das Vieh fangen?«

»Mit einer Falle. Aber was willst du machen, wenn du ihn gefangen hast?«

»Ich setze ihn irgendwo aus.«

»Er wird wiederkommen, weil er nun weiß, dass du ihn nicht tötest.«

»Okay. Wenn ich ihn gefangen habe, bringe ich ihn zu dir, und du tötest ihn.«

Henry fragte nicht nach den Geschäften, weil er wusste, dass sie schlecht gingen. Obradins himmelblauer Fischkutter, die »Drina«, war vierzig Jahre alt und gab langsam seinen Geist auf. Obradin musste immer öfter tiefgefrorenen Fisch beim Großhändler kaufen, weil sein Diesel nicht mehr lief. Schon mehrfach hatte Henry ihm ein zinsloses Darlehen für einen neuen Kutter angeboten, doch Obradin hatte rigoros abgelehnt. Nicht einmal Henrys Kreditbürgschaft wollte er, Freundschaft sei keine Pfandleihe, sagte er nur. Deshalb war Henry dazu übergegangen, Obradins Ehefrau Helga heimlich Bargeld zuzustecken, damit sie damit die dringendsten Rechnungen begleichen konnte. Ohne Henrys diskrete Unterstützung wäre Obradin längst pleite gewesen. Zweifellos wäre es das Ende ihrer Freundschaft gewesen, wenn Obradin davon erfahren hätte.

Die Männer steckten sich zwei bosnische Hecken an und sprachen über das Wetter, das Meer und die Literatur. Manchmal erzählte Obradin vom Krieg, von den Massenerschießungen in Bratunac und seiner Zeit im Internierungslager von Trnopolje. Wenn er davon zu sprechen begann, wurden seine Augen dunkel und die Stimme hart, er wechselte beim Sprechen ins Präsens, als geschähe alles gerade jetzt. Wenn Henry ihm so zuhörte, war er nie ganz sicher, ob Obradin gerade Opfer oder Täter war. Nachdem Tschetniks seine Tochter vergewaltigt und anschließend gepfählt hatten, war Obradin jahrelang jedes Wochenende in die heimatlichen Berge um Sarajevo gefahren, um ein paar von ihnen abzuknallen. Henry konnte nicht beschwören, ob er es nicht heimlich immer noch tat.

»Wie weit bist du mit deinem Roman?«

»Fehlt nicht mehr viel. Zwanzig Seiten vielleicht.«

»Das müssen wir feiern. Ich habe einen Seeteufel für dich.«

»Aber ich bezahle ihn.«

»Wie du willst«, erwiderte Obradin. »Ich hab gelesen, sie wollen Frank Ellis verfilmen.«

»Ja, scheußlich«, entgegnete Henry, »ich bin dagegen.«

»Warum hast du es dann erlaubt? Meine Helga sagt, Literatur kann man nicht verfilmen, ich sage: Man darf sie gar nicht verfilmen. Film, weißt du, was Film bedeutet?« Obradin rieb den Finger durch das Fischblut auf dem Hackbrett, zog einen transparenten Faden und hielt ihn Henry unter die Nase. »Hier, das ist Film, eine Paste, ein Schleim, ein Exkrement.«

»Du hast ja so recht«, meinte Henry, »genau das sagt Martha auch immer. Aber ich kann doch so schlecht Nein sagen. Verstehst du das?«

Obradin ließ den behaarten Zeigefinger wie ein Pendel schwingen. »Mir gefällt nicht, wie du heute redest. Was ist passiert?«

»Nichts. Nichts ist passiert.«

»Dann hab doch Erbarmen mit dir, Henry. Was interessiert dich noch Ruhm? Du genießt ihn doch nicht! Du versteckst dich vor ihm, weil du ein guter Mensch bist. Immer redest du schlecht über dich. Warum machst du das?«