Die warnenden Affen - Mignon G. Eberhart - E-Book
Beschreibung

Ein kleiner hölzerner Talisman geistert durch diesen Roman, durch die Welt und über die wildromantische Insel Jamaica. Er ist Zeuge des ersten geheimen, schändlichen Mordes, den er nicht verhütet; er entschwindet auf Jahre den Blicken des Mörders, taucht wieder auf –. Vergebens sucht man ihn wiederum zu beseitigen. Er wird zum Rächer, zum Richter und enthüllt den ersten und mit ihm den zweiten, den dritten und vierten Mord, an deren Aufdeckung sich selbst der raffinierte Inspektor Friker aus London die Zähne ausbeißt. (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)

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MOBI

Seitenzahl:258


Mignon G. Eberhart

Die warnenden Affen

Kriminalroman

Aus dem Amerikanischen von Rudolf Frank

FISCHER Digital

Inhalt

1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. Kapitel25. Kapitel26. Kapitel27. Kapitel

1. Kapitel

Die kaltblütigen Mordtaten im Hause Dakin wucherten wie ein verderbliches Unkraut. Ihre tiefreichenden Wurzeln breiteten sich weit aus und erstreckten sich über Jahre. Allein für Major Robert Dakins junge Gattin Elizabeth kam der jähe Tod ihres Gatten sehr unvermutet. Oft hatte sie sich vor seiner Brutalität gefürchtet, aber für ihn hatte sie nie Angst gehabt. Als sie mit der Nachmittagspost einen Brief ihres Neffen, das heißt eigentlich des Großneffen ihres Mannes, erhielt, konnte weder sie noch sonstwer auf der Insel Jamaika das Furchtbare vermuten, das binnen kurzem hereinbrechen sollte. Der Brief, der ihr aus England nachgesandt war, lautete:

«Liebste, gehe bitte noch nicht zum Anwalt! Laß Dir, mir und ihm noch etwas Zeit! Zwei Jahre sind es nun, daß wir zusammen in St. Moritz waren, und wie lächerlich scheint es heute, daß uns der kleine Zwist auseinanderriß! Ich habe mich seitdem nicht verändert, Du aber –? Das erste, was ich von Dir höre, war Eure Vermählung. Ich bitte Dich, liebste Elizabeth, warte auf mich und schweig! Nur noch ein Weilchen! Ich bin Dir dankbar, daß Du mir endlich aufrichtig geschrieben hast. Vertraue mir! Nach Deinen lieben Zeilen zu urteilen, glaube ich doch, Du bist hypernervös. Ich lasse bald wieder von mir hören.

In Eile und Liebe

Dein Dyke.

P.S. Vernichte den Brief! Er darf Onkel Bob nicht zu Gesicht kommen.»

Elizabeth las das Schreiben in ihrem Schlafzimmer. Es war die Antwort auf ihren Verzweiflungsruf vor sechs Wochen.

Ihre blauen Augen überflogen die flüchtigen Zeilen ein zweitesmal. Dann versorgte sie den Brief im Kuvert, steckte dieses in die Tasche ihren grauseidenen Hosen, trat auf den Balkon und lehnte sich über die rankenumwachsene Ballustrade. Das karibische Meer färbte sich purpurn im Abendrot. Königspalmen und üppige Gartenpracht umgaben die langgestreckte Villa.

Der Blick der goldblonden Frau schweifte über die Ufer, die flachen Dächer der alten Stadt Montego an der gleichnamigen Bucht und die Berge, die sich dahinter erhoben, zu dem lieblichen Inselchen Bugue und in die unendliche Weite des Meeres.

Sie überdachte den eben empfangenen Brief und was sie Dyke Sanderson vor sechs Wochen geschrieben hatte. Hypernervös nannte er sie. Vielleicht hatte er recht. Sie wußte selber kaum mehr, was sie damals in höchster Eile und Angst dem Papier anvertraut hatte, nur – daß es so nicht weitergehen könne, daß die Qual aufhören, daß sie Schluß damit machen müsse, daß ihre Heirat ein furchtbarer Irrtum gewesen … Doch um so deutlicher war ihr das Angstgefühl gegenwärtig, das sie beim Schreiben beherrscht hatte und sie nun von neuem erfüllte.

Endlich war seine Antwort da. «Ich habe mich in den zwei Jahren nicht verändert …» Hieß das nicht, daß er sie immer noch liebte?

Ihre Ehe mit Robert Dakin war eine einzige Qual. Er war fünfundzwanzig Jahre älter als sie, aber dies war das wenigste. Dakin war ein notorischer Säufer. Bis nach der Vermählung hatte sie davon nichts geahnt. Aber seitdem stand wie ein zaubriges Bild Dyke Sanderson in seiner blühenden Jugendlichkeit und unbekümmerten Frische vor ihren Augen. Mußte sie ihn nicht lieben? Sie liebte jede Sekunde, die sie mit ihm zusammengewesen war, das warme Lächeln der dunkeln Augen, die scharfgeschnittenen Linien von Wangen und Kinn. Sie wäre sonst nie imstande gewesen, ihm ihres Herzens Bedrängnis zu offenbaren.

Aus dem Schlafzimmer hinter ihr drang das Geräusch schwerer Schritte. Vorsicht! Das mußte Robert sein. Ihr Gesicht nahm, wie sie es seit langem tat, eine Maske an, hinter der sich ihr unüberwindlicher Widerwille verbarg. Hatte noch niemand von ihren Bekannten bemerkt, wie ihr wirklich zumute war? Charlie Hawes zum mindesten mußte es ahnen. Er war der Sekretär ihres Mannes, wohnte und arbeitete bei ihnen im Hause, war mit ihnen aus England gekommen, kannte Robert genauer als irgendwer und – fürchtete ihn. Er mußte um ihre Ängste wissen, so gut wie sie um die seinen. Sie standen auf seinem käsigen Gesicht, in seinen eingeschüchterten Mienen. Wie er zusammenzuckte, wenn Robert ihn anschrie! Genau so schrak sie zusammen, als er nun aus dem Schlafzimmer nach ihr brüllte: «Elizabeth! Elizabeth!»

«Ja, Robert, hier bin ich. Was gibt’s?» antwortete sie rasch und mit der gleichen Bangnis, die sie in Charlies Stimme zu hören gewohnt war.

Groß, schwerfällig, mit geröteten Augen stand Dakin, zum Ausgehen fertig angekleidet, im Zimmer am Mitteltisch. Wer ihn nicht näher kannte, konnte ihn noch für den schönen, stattlichen Mann halten, der er zur Zeit ihrer Eheschließung gewesen war. Ja, vor zwei Jahren, da hatte sie noch in ihm einen anziehenden, fein gebildeten, unterhaltenden, vornehmen, selbstlosen Menschen gesehen. Aber jetzt? ‚Wenn sich die heutige Einladung, zu der er mich mitnehmen will, nur nicht wieder endlos hinzieht!‘ dachte sie und sah ihn beklommen an, wie er dastand, das Kinn vorgeschoben, die Hände in die Taschen des seidenen Smokings vergraben. Sein dichtes Haar war graumeliert; unter den dicken Augenbrauen blickten die Augen düster, verschwommen. Er schwankte im Stehen, und als sie beherzt auf ihn zutrat, brummte er: «Ich habe was Feines für dich; du hast es noch nie angehabt.» Dabei ließ er eine Handvoll Juwelen auf den Tisch rollen, und dies so unachtsam, als seien es Murmeln. «Gehörten Charmian!» lachte er häßlich.

Der Anblick des kostbaren Geschmeides verschlug Elizabeth fast den Atem. «Aber … aber die sind ja bezaubernd!» – «Das will ich meinen! Sie hat auch jahrelang dran gesammelt. Schau nur das Collier!»

«Aber –» Sie trat einen Schritt zurück.

«Du sollst dir’s ansehen! Nimm’s in die Finger! Was mich das Zeug für ein Geld gekostet hat! Gefällt’s dir?» Es war eine Kette aus großen, mit Brillanten durchsetzten Smaragden.

Er nahm sie ihr plump aus der Hand und legte sie ihr um den Hals. Während er noch ungeschickt an dem Verschluß nestelte, fiel ihr Blick in den Spiegel, der hinter ihm hing, und sie erblickte das gleißende Grün der Steine, das Glitzern der Diamanten auf ihrer Haut. Sie paßten weiß Gott nicht zu ihrer einfachen gelben Bluse und den grauseidenen Hosen; es war, als führten sie ein eigenes, ihr selber feindliches Dasein. Sie wollte den Schmuck ablegen; er aber hielt ihr die Hände fest. «Sie stehen dir glänzend! Du wirst sie heut abend tragen, verstanden?»

«Heute abend?»

«Wann sonst? Hast du eine Ahnung, wie Charmian die Dinger geliebt hat!» Charmian war Roberts erste Frau. «Wie wir auseinandergingen, hat sie sie mitnehmen wollen. Sie hatte sie schon in der Handtasche, aber ich habe sie wieder herausgeholt. Und jetzt trägst du sie!»

«Aber doch nicht heut beim Essen im kleinsten Kreis auf der Jacht; das paßt wirklich nicht.»

«Ich sage, du trägst sie.»

Sie sah die krankhaft kalkige Blässe seines Gesichts, die sie nur allzu gut kannte; merkte, wie unsicher er auf den Beinen stand, und beeilte sich, ihm zu versichern: «Schön, ich lege sie an, ganz wie du willst!»

«Brav, Kleine!» Er klopfte ihr gnädig die Schultern. «Zieh das weiße Satinkleid an! Smaragden mit Seide und Dekolleté ist die feinste Zusammenstellung.» Damit ging er, leicht schwankend, hinaus. In der Türe wandte er sich noch einmal um. «Übrigens, morgen kommt Dyke.»

«Dyke?!»

«Mit der Baragua kommt er um Mittag in Kingston an.»

Elizabeth war so perplex, daß sie nichts anderes zu sagen wußte als: «Und das erzählst du erst jetzt?»

Er zwinkerte grinsend: «Ich wußte nicht, daß es dich so interessiert», und ging in das anstoßende Zimmer, sein «Arbeitszimmer» genannt, aus welchem alsbald ein Klingen von Eisstückchen im Whiskyglas hörbar wurde, dazu ein Gemurmel, das der Dame des Hauses sagte, daß Charlie Hawes oder der weißhaarige wackere Butler Leech um den Hausherrn beschäftigt war.

Hastig zog sie Dykes Brief hervor und prüfte den Abgangsstempel. Danach war er vor einem Monat abgegangen. Da er jedoch an ihre frühere Adresse nach England gegangen war, hatte man ihn ihr nachgesandt. Um dem Krieg aus dem Weg zu gehen, war Dakin kurz entschlossen nach Jamaika aufgebrochen. Er hatte alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Schiffspassagen für sich und alle Mitglieder seines Haushaltes zu erlangen. In Jamaika besaß er das Haus und eine Zuckerplantage. Gleich nach der Ankunft hatte er seinem Neffen ein Telegramm geschickt und ihm die Übersiedlung bekanntgegeben.

Und nun kam Dyke.

Wenn sie die damaligen Verkehrsschwierigkeiten in Betracht zog, mußte sie annehmen, daß er sich sogleich nach Erhalt der Drahtnachricht zur Reise entschlossen hatte. «Warte auf mich!» stand in dem Brief, und in ihr jubelte es: ‚Morgen ist er bei mir!‘

2. Kapitel

Sie rieb ein Zündholz an, hielt es an das Papier, sah über den Tisch gebeugt, wie es aufflammte und verbrannte. Die schwärzliche Asche fiel in eine kupferne Schale. Aus dem Wandspiegel leuchtete ihr rotgoldenes Haar, das sich sanft um ihr schmales Gesicht legte. Die von dunkleren Wimpern beschatteten Augen schauten schwermütig drein. Aber das kühle, geräumige Gemach mit dem Mahagonibett, den hohen Fenstern, den wohlgeordneten Bücherregalen war nicht daran schuld, daß sie sich hier nicht wohlfühlte. Es hätte bloß in einem andern Hause liegen sollen als in dem Major Dakins! Nur ein schmaler Gang trennte ihre Räume vom «Arbeitszimmer». Und nun sollte sie mit dem Verhaßten bei Cyril Kirby auf seiner Jacht zu Abend speisen und anschließend mit den beiden Herren zu einem Wohltätigkeitsfest im Strandhotel. Es war höchste Zeit, sich anzukleiden.

Sie klingelte ihrem Mädchen und vernahm bald darauf aus dem «Arbeitszimmer» ein unterdrücktes Gekicher. Sie kannte es nur zu gut. So kicherte Marianne meist, wenn sie an dem Major vorbeikam und er sich einen unfeinen Scherz erlaubte, wobei es oft nicht nur bei Worten blieb. Häufig brauchte die dralle kleine Person für den kurzen Weg durch Roberts Arbeitszimmer recht lange. Sie war von dem Hauptpersonal die einzige, die nicht mit aus England gekommen war und nicht schon unter Mrs. Charmian Dakin gedient hatte.

«Bitte, das weiße Satinkleid!» gebot Elizabeth, als endlich die Zofe erschien. «Aber haken Sie mir erst noch da den Verschluß auf!»

«O, wie entzückend, Madam!» rief Marianne, die kostbare Kette streichelnd, und ihr hübsches Gesicht leuchtete begehrlich. «Sind das nicht die Smaragden, von denen man mir in der Küche öfters erzählt hat? Sie gehörten doch –»

«Danke, Marianne, holen Sie jetzt das Kleid!»

«Madam wird bildschön darin aussehen!»

Sie hatte recht. Wie ein köstliches Bild stand Elizabeth vor dem Spiegel; wundersam schmiegte sich der weiße Satin um ihre hohen Brüste und fiel in schimmernden Falten auf ihre schmalen Füße. So und nicht anders hatte Elizabeth Coolman als junges Mädchen ausgesehen: feingliedrig, schlank und rassig. Sie nahm ihr juwelenbesetztes Handtäschchen und zog die Handschuhe an. «Sie können schlafengehen, wann Sie Lust haben; es kann spät werden. Sie brauchen nicht auf mich zu warten», sagte sie, sich zum Gehen wendend.

Das Mädchen trug ihr die rosig getönte Schleppe. Erst auf dem Gang merkten sie, daß man das Collier vergessen hatte. Marianne eilte, es zu holen, legte es dann um den Hals ihrer Herrin, und wieder wie vorher empfand diese ein sonderbares Gefühl von Kälte; es war, als ginge es von den Smaragden aus. Das breite Armband, die funkelnden Ringe der Prunkgarnitur drückten sie wie Ketten einen Gefangenen.

Robert kam ihr glänzend gelaunt entgegen, musterte mit zufriedenen Blicken die schöne Frau, küßte genießerisch ihre entblößten Schultern, nahm ihren Abendmantel aus Mariannes Händen – nicht ohne die Kleine dabei vertraulich ins Ohr zu zwicken – und gab ihn Elizabeth um. Als sie im Erdgeschoß durch die weite Halle schritten, spähte Charlie Hawes’ blasses Kaninchengesicht aus dem Lesezimmer, um sogleich wieder zurückzufahren. Leech, der Butler, hielt dem Paar die Haustüre offen. Elizabeth sah in sein wissendes, altes Gesicht, und ihr war, als bemitleide er sie und habe den Wunsch, ihr beizustehen.

Der Chauffeur Armand, ein kleiner Mensch mit harten, ausdruckslosen Gesichtszügen, öffnete ihnen den Schlag. Sie stiegen ein, und bald entschwand die langgestreckte, hellerleuchtete Villa den Blicken der ungleichen Ehegatten.

Die Straße wand sich durch Zuckerrohrfelder. Vor ihnen lag dunkel das Meer. ‚Dort‘, dachte die Frau, ‚fährt jetzt Dykes Schiff.‘

Cyril Kirbys Motorjacht erwartete sie am Landeplatz, er selbst stand am Fuß der Schiffstreppe und küßte Elizabeths Hände. «Zauberhaft sehen Sie aus. Lieber Himmel, diese Juwelen! Guten Abend, Major!» Damit geleitete er sie zur Kajüte, nahm Mrs. Dakin den Mantel ab, bot dem Major den behaglichsten Sessel, goß Cocktails ein und ließ Kaviar kommen.

Er war seinerzeit mit dem gleichen Schiff wie Mr. und Mrs. Dakin aus England nach Jamaika gefahren und seitdem ihr Nachbar und bester Freund. Er war kaum über vierzig, im Äußern der typische Engländer, Offizier außer Dienst; sein zurückhaltendes Wesen grenzte mitunter an Schüchternheit, doch barg sich dahinter eine männliche Energie und Entschlossenheit. Kurz vor Kriegsausbruch hatte er ein größeres Anwesen an der Montegobucht, unterhalb der Villa Dakin, geerbt undwar eilig herübergekommen, um die Erbschaft anzutreten. Gemeinsame geschäftliche Interessen hatten die auf dem Dampfer geknüpfte Bekanntschaft mit Dakin zu einer dauernden werden lassen. Mit Mrs. Dakin aber verband ihn mehr: ein gegenseitiges Verstehen, dessen Wert und Tiefe beiden noch nicht zum Bewußtsein gekommen war.

Das Nachtmahl verlief ziemlich still. Das Essen war einfach, aber vorzüglich zubereitet und mit aller Finesse serviert. Als es zu Ende ging, kam die Rede auf den erwarteten Besuch. «Dyke kommt morgen mit der Baragua», sagte Dakin.

«Dyke Sanderson? Ich kenne ihn flüchtig. Er ist doch Ihr Neffe?»

«Eigentlich nur ein Neffe meines frühverstorbenen Vetters, aber für mich ist er wie ein Sohn – seit Bobby gestorben ist. Sonst habe ich ja auch keine andern Verwandten, wenigstens sind mir keine bekannt. Ein netter, famoser Junge; aus ihm kann noch etwas werden. Es ist ihm bisher bloß zu gut gegangen. Das Leben müßte ihn erst einmal in die Schule nehmen!»

«Ja, wie alt ist er denn? Er arbeitet doch schon für Ihre amerikanischen Petroleuminteressen?»

«Wie alt? Warten Sie mal! Wie mein armer Sohn aus erster Ehe ertrunken ist – ich habe Ihnen ja davon erzählt – war er so etwa vierundzwanzig. Das war vor sechs Jahren; danach können Sie es sich ausrechnen. Warum soll er mit zirka dreißig Jahren nicht in meinen Unternehmungen tätig sein? Ich passe schon auf, daß er keine Dummheiten macht.»

«Aber Sie haben ihn doch Gott weiß wie lang nicht mehr gesehen?»

«Zwei Jahre. Er kommt auch jetzt bloß wegen dem Helium.»

«Helium?» Mr. Kirby zuckte mit keiner Miene; seine ausdrucksvollen Hände, die einen Pfirsich schälten, hielten in ihrer Beschäftigung keinen Augenblick inne. Aber er spitzte die Ohren. Er war nicht umsonst als britischer Offizier im Informationsdienst tätig gewesen.

«Hm ja!» antwortete Dakin nach kaum merklicher Pause. «Natürlich ist die Sache von der Regierung genehmigt.»

«Natürlich.» Auch Kirby stockte einen Moment, ehe er fortfuhr: «Heliumhaltige Gase müssen, wenn sich die Produktion lohnen soll, in recht beträchtlicher Menge vorhanden sein.»

Der andere wurde unruhig. «Na, die Sorge überlasse ich den zuständigen Behörden der USA. Dyke bringt mir nur Bericht. Helium darf ja privat weder produziert noch verkauft werden.»

«Mit Recht», betonte der Offizier: «Vor allen Dingen im Krieg.» Er sah Elizabeth an und war mit einem Schlag wieder ganz der aufmerksame Gastgeber. «Ist es Ihnen recht, meine Teuerste, wenn wir jetzt unsere Sitzung verlegen?» lächelte er. «Der Major und ich dürfen unmöglich so selbstsüchtig sein, Ihren Anblick ausschließlich für uns zu beanspruchen!»

Dakin erhob sich schwerfällig. «Also dann auf! Und das mit dem Helium, mein lieber Cyril», setzte er halblaut hinzu, «bleibt natürlich unter uns!»

«Gewiß, mein lieber Robert. Wollt ihr noch ein bißchen die See genießen, oder fahren wir lieber gleich zum Basar?»

3. Kapitel

Robert war viel zu unruhig und ungeduldig, um ohne bestimmtes Ziel vor der Insel zu kreuzen. Er war ein leidenschaftlicher Spieler, und es trieb ihn in den Spielsaal. Nach kurzer Fahrt lag das Strandhotel in strahlendem Lichterglanz vor ihren Augen.

Das Fest war in vollem Gang, die englische und die amerikanische Kolonie nahezu vollzählig erschienen; auch andere reiche Ausländer waren zugegen, und alle wurden für den wohltätigen Zweck gehörig geschröpft. Ein Gläschen Punsch kostete zwei Dollar. An mehreren Tischen schnurrte das Roulette, sämtliche Bridgetische waren besetzt, die Damen in ihren fabelhaften Toiletten glitzerten von Diamanten und Perlen, die Luft war von Parfüm geschwängert; man befand sich in einem tropischen Montecarlo.

Elizabeth sah eine Weile dem Roulettespiel zu, an dem sich Robert eifrig beteiligte, promenierte dann durch die Säle und hinaus in den Park. Nach einer Viertelstunde begegnete ihr Cyril Kirby auf der Terrasse.

Sie saß auf der Balustrade über dem Meer. «Ich habe dich gesucht, Elizabeth», flüsterte er, näher zu ihr herantretend.

Sie erschrak. «Wo ist Robert?» fragte sie ängstlich.

«Keine Angst; das Roulette hält ihn fest! Zigarette gefällig?»

Sie bediente sich aus seinem Etui; er gab ihr Feuer, und während sie ihre Blicke über die See schweifen ließ, fragte er unvermittelt: «Warum hast du ihn bloß geheiratet?!»

Sie hielt sich, als fürchte sie herunterzufallen, am Rande der Brüstung fest.

«Hast du ihn denn geliebt?» fragte er weiter.

«Mein Gott!» seufzte sie, «ich wußte damals noch nicht, daß Liebe so wichtig ist.»

«Also du liebtest ihn nicht?» Der Ton seiner Stimme zwang sie zu der aufrichtigen Antwort: «Nein, Cyril. Aber ich wollte ihm eine gute und treue Gattin werden. Ich habe es versucht, aber …» Sie schüttelte sich. Er strich ihr beruhigend über die Hand und fragte mitfühlend zart: «Warum hast du ihn denn geheiratet?»

«Ich hatte drei Gründe, Cyril …» Ihr Blick glitt dem Horizont entlang.

«Welche?»

«Der Tod meines Vaters … Geldangelegenheiten … und – ein anderer Mann …»

«Du kannst mir ruhig von ihm erzählen, Elizabeth; ich habe für alles Verständnis. Sprich! Sprich dich aus!»

Sie fühlte, wie nah er ihr war, und begann: «Vielleicht fange ich am besten mit den Geldangelegenheiten an. Weißt du, ich war das einzige Kind; meine Mutter starb früh, und nach dem Tod meines Vaters kam das ganze Coolmansche Vermögen an mich, und das lockte die Männer an –» sie stockte.

«Die Mitgiftjäger, ich kann es mir denken. Aber auch ohne Geld mußte ein so schönes Mädchen wie du Bewerber in Hülle und Fülle haben!»

«Ich habe meinen Vater so sehr geliebt», fuhr sie fort. «Wir waren ein Herz, eine Seele. Wir waren viel zusammen auf Reisen. Er starb, als wir gerade in St. Moritz waren. Mein jetziger Mann war damals auch dort. Mein Vater kannte ihn nur flüchtig. Robert war von Frauen umschwärmt, und die Männer schätzten ihn hoch oder beneideten ihn. Er hatte in jeder Beziehung Erfolg. Du weißt, wie charmant er selbst heute noch sein kann, wenn er es drauf anlegt. Er hatte alles, was ein junges Mädchen sich nur wünschen kann, war taktvoll und liebenswürdig; man kann es sich heute kaum mehr vorstellen. Er war wirklich rührend um mich besorgt. Papas Anwalt kam zwar sogleich aus New York, aber ich hatte zu ihm nicht die mindeste innere Beziehung; in seiner trockenen, kalten Sachlichkeit war er mir völlig fremd. Robert half mir in allem, und ehe ich mich dessen versah, füllte er in meinem Gefühlsleben die Lücke aus, die durch Papas Hingang entstanden war.»

«Und daß er selbst reich war», ergänzte Cyril, «gab dir wohl die Gewißheit, daß er es nicht auf dein Geld abgesehen hatte.»

«Ja. Ich bewunderte ihn und vertraute ihm restlos. Wenn ich ihn heute ansehe, ist es mir einfach unfaßbar, daß ich mich so von ihm blenden ließ.»

«Und der – andere Mann?» fragte der Offizier behutsam.

Wieder starrte sie auf die dunkle See und dachte: ‚Dort im Finstern fährt jetzt ein Schiff. Mit jeder Minute kommt es mir näher. O Dyke …‘ und beschämt antwortete sie: «Der andere …? Ich dachte damals, er habe es auf mein Geld abgesehen. Darüber kam es zum Zank, und ich schickte ihn weg. Es war unrecht von mir; heute weiß ich es. Ich war noch so dumm! Sechs Wochen nach meines Vaters Tod habe ich Robert geheiratet.»

Kirby warf seine Zigarette über die Brüstung ins Meer. «Und du hast gar nicht bemerkt, daß du es mit einem Säufer zu tun hattest?» fragte er fast verzweifelt.

«Erst nach zwei Monaten. Ich habe dann alles versucht, ihm das Laster abzugewöhnen und mir in ihm das männliche Idealbild zu erhalten, das ich geheiratet hatte. Du kannst mir glauben, ich habe mir alle Mühe gegeben …»

«Ich glaube dir. Ich habe es ja selber mitangesehen.»

Hoffnungslos sank sie in sich zusammen. «Dies letzte Jahr – grauenhaft! Alle Mühe ist da vergebens. Der beste Wille versagt. Wenn er getrunken hat, ist er kein Mensch mehr; er redet dann Dinge, tut Dinge – ich kann es nicht sagen, Cyril, es ist zu gemein.»

Er faßte sie zart um die Schultern. «Du hättest ihn niemals heiraten dürfen. Du hättest in jener Zeit überhaupt noch nicht heiraten dürfen. Du warst wahrscheinlich viel zu erschüttert, um klar zu sehen und dir Rechenschaft über dein Tun zu geben. Du hättest einen Menschen gebraucht, der dir zur Seite stand. Statt dessen bist du auf diesen Patron – ich kann es nicht anders sagen – hereingefallen. Aber jetzt mußt du zu einem Entschluß kommen. Du mußt ihn verlassen»

«Das ist leicht gesagt, mein Lieber.»

«Es ist die einzige Möglichkeit.»

Ihr lag auf der Zunge, von ihrem Hilferuf an Dyke zu erzählen und von dem, was er ihr geantwortet hatte, aber da kam ihr Robert in den Sinn, der womöglich jetzt nach ihr suchte. Sie mußte vorsichtig sein. «Ich muß zu Robert, Cyril; es kann sonst gefährlich werden!»

«Keine Angst, Liebling! Er sitzt am Spieltisch; was kann dir da passieren?» Er legte den Arm um ihre schlanke Gestalt. Sie glitt von der Balustrade herunter, legte in dankbarer Aufwallung die Hände auf seine Schultern, sah ihm tief in die Augen und sagte: «Du hast mich vom ersten Tag an verstanden. Ich danke dir.»

Sie wollte zurück ins Hotel; er aber hielt sie fest. «Wir müssen darüber noch sprechen, Liebstes, sobald es nur geht», sagte er rasch, küßte, wie schon so manches frühere Mal, leicht ihre Wange und dann – es überkam ihn fast so unerwartet wie sie – preßten sich seine Lippen auf ihren Mund.

Sie ließ es geschehen, doch ihre Lippen regten sich nicht; ihr Körper war wie erstarrt. ‚Dyke …‘, dachte sie, und ihre Augen blickten in Angst. Da ließ er sie rasch wieder los und fragte befangen: «Wollen wir gehen?»

4. Kapitel

Robert saß noch immer am Roulette. Seine stark geröteten Augen stierten auf das grüne Tuch, die Ziffern, das Rad, die Rechen der Croupiers. Das Wiedererscheinen seiner Gemahlin schien er so wenig zu beachten wie zuvor ihre Abwesenheit.

Und dann hatte sie, kurz nach Mitternacht, jene scheinbar unwichtige Begegnung, die sich in den kommenden tragischen Ereignissen so folgenschwer auswirken sollte.

Sie saß im Damensalon vor einem Spiegel und führte eben den Lippenstift zum Mund, als neben ihr eine auffallend gekleidete Dame plötzlich merkwürdig langsam sagte: «Sie – sind – also – Elizabeth.»

Die Angeredete stutzte. «Entschuldigen Sie, ich habe keine Ahnung, woher Sie mich –»

«Charmian», stellte die erste Mrs. Dakin sich vor. Sie war etwa fünfundvierzig. In ihr leidenschaftliches, intelligentes Gesicht, zumal um die tiefliegenden Augen, den energischen Mund, hatte das Leben scharfe Linien geschnitten. Ihre rotbraunen glanzlosen Haare waren kunstvoll coiffiert, die mageren Wangen geschminkt, die hohen Brauen schmal ausrasiert, die Wimpern schwarz nachgefärbt. Das mauvefarbene Abendkleid verbarg nur mit Mühe die Kantigkeit ihrer Schultern. Sie sah abgespannt aus, und die zweite Mrs. Dakin dachte: ‚Sie ist nicht glücklich, trotz ihres kostbaren Schmucks, der Mantille aus Hermelin, die so achtlos hinter ihr über der Stuhllehne hängt. Was nützt ihr die üppige Apanage, die Robert ihr zukommen läßt? Sie ist verwelkt, verbraucht.‘

Charmians graugrüne Augen hafteten an den Smaragden um Elizabeths Hals, Arm und Finger. «Meine Smaragden!» seufzte sie wehmütig. «Daran habe ich Sie erkannt. Tragen Sie sie oft? Mögen Sie sie sehr gern?»

«Nein, es ist heute das erstemal, ich trage sie nur, weil Robert es wollte. Hätte ich gewußt, daß Sie hier sind –»

«Ich wohne jetzt in Montego-Brandon Hill. Ich war in Paris, als der Krieg ausbrach, aber Jamaika ist mir in all den Jahren meiner Ehe zur Heimat geworden. Drum kam ich so schnell wie möglich zurück und mietete mir für den Winter ein Haus am Montegoberg. Im Frühjahr will ich nach New York. Ich hörte schon, daß Sie hier sind. Wohl für ständig? Bob hat sich ja in Jamaika immer recht wohl gefühlt. Wie geht es ihm?»

«Wie immer.»

«Wie immer?» Charmians schmal gezeichnete Brauen hoben sich vielsagend. «Das heißt also, daß er säuft. Es wundert mich nicht. Dagegen läßt sich nichts machen. Mich wundert nur –» sie zögerte, aber man spürte, daß sie gern weitergesprochen hätte.

«Ja?» forderte die andere sie zum Weiterreden auf.

«Daß er unbedingt eine Frau mit soviel Geld heiraten mußte. Er hat doch mehr als genug. Denn wegen Ihrer Schönheit …? Schöne Frauen bekam er auch so. Aber meine Smaragden», brach es unvermittelt aus ihr hervor, «hätte er mir nicht nehmen dürfen.»

«Ich weiß darüber nichts Näheres», sagte Elizabeth, peinlich berührt, stand rasch auf und verabschiedete sich steif. Charmian neigte sich wieder dem Spiegel zu, musterte ihre Mundfalten und antwortete, ohne ihre Nachfolgerin anzusehen, mit einem kurzen «Adieu!»

Da aber sah Elizabeth in einem zweiten gegenüberbefindlichen Spiegel neben dem Ausgang Charmians Spiegelbild wiedergespiegelt, und Charmian sah vor sich im Spiegel Elizabeths Abbild. Es war wie ein Symbol. So hatten die beiden Mrs. Dakin, die sich heute zum erstenmal trafen, einander längst im Spiegel fremder Meinungen, Schilderungen und Gerüchte gesehen, die nur die Oberfläche ihres wahren Wesens vermittelten.

Die zweite Mrs. Dakin nickte dem Spiegelbilde der ersten zu, und diese nickte zurück. Doch während Elizabeth schon auf die Schwingtüre zuging, erhaschte sie noch einen mißgünstigen Blick, der ihr nichts Gutes verhieß.

Robert und Cyril warteten schon auf sie. Cyril hatte verloren, Robert gewonnen. Ungeduldig hielt er ihr den Mantel hin. «Du sollst mich nicht immer warten lassen», lallte er böse, «ich will heim. Los! Der Wagen wartet.» Seine Hände zitterten, so daß ihm der Mantel entglitt. Cyril bückte sich rasch danach und legte ihn liebevoll um ihre nackten Schultern. Das Angebot, ihn bis zur Anlegestelle der Jacht zu fahren, lehnte er dankend ab; er gehe lieber das Stückchen zu Fuß.

Robert plumpste schwerfällig in die Polster des Wagens. Kirby faßte Elisabeths Hand, sah ihr eindringlich in die Augen. «Gute Nacht, Elizabeth, und laß mich wissen …!»

Sie verstand. «Vielen Dank, Cyril, gute Nacht!» Sie stieg ein, der Wagen fuhr an. Hager, das aschblonde Haar vom Winde bewegt, stand der Freund in soldatisch straffer Haltung auf den Stufen der Hoteltreppe. Elizabeth sah ihn Abschied winken, bis eine Kurve ihn ihren Blicken entzog.

«Was will er von dir?» brummte Dakin.

«Ach, weiter nichts. Ob er uns wieder einmal besuchen kann.»

«Das ist doch selbstverständlich.»

Stumm saßen sie im Dunkel der Limousine. Straßenlaternen und hellerleuchtete Schaufenster warfen huschende Lichter über sie hin, bis der Weg zwischen Zuckerrohrpflanzungen sich aufwärts wandte.

Robert fing an zu kichern. «Er ist ziemlich in dich verknallt, hihihi! Behauptet, ich sei nicht nett zu dir, hihihi! Findet, ich trinke zuviel!» Das Gekicher schlug in ein brüllendes, unbeherrschtes Gelächter um.

Sie wollte es nicht beachten, zitterte aber am ganzen Leibe. Er drängte sich dicht an sie und stieß hervor: «Du machst ein Gesicht, als ob du mich hassest. Als ob du in dein süßes Händchen ein Messer nehmen und es mir glatt ins Herz stoßen möchtest.» – «Robert!» schrie sie entsetzt.

«Ist mir ja wurst, Tierchen», lachte er laut heraus. «Hasse mich nur! Es macht mir Spaß.» Wieder das gleiche, abstoßende Gelächter sadistischer Lust. «Warum bist du noch immer bei mir? Du hassest mich ja schon längst. Warum scherst du dich nicht zum Teufel? Probier es doch mal.» Er riß die sich Sträubende an sich heran, preßte die Arme um sie, daß seine gestärkte Manchette mit ihrer scharfen Kante in die zarte, vom Mantel entblößte Schulter schnitt.

Von Empörung und dunklem Entsetzen geschüttelt, konnte die Frau sich nicht länger beherrschen. Sie fuhr bis an das kalte Fensterglas zurück und schrie – und wußte zugleich, wie unklug es sei, ihn in diesem Zustand herauszufordern, doch es brach gegen ihren Willen aus ihr hervor: «Jawohl, ich gehe, ich bleibe nicht mehr bei dir, ich verlasse dein Haus!»

Einen Moment saß der Betrunkene wie vor den Kopf geschlagen. In den blutunterlaufenen Augen zuckte es wild und gefährlich.

«Ich habe es nicht so gemeint», suchte sie einzulenken. «Ich hätte es dir nicht gerade jetzt sagen sollen, aber du siehst es doch selbst, Robert, unsere Ehe ist für beide Teile ein Unglück; wir haben uns beide geirrt.»

Ungestüm riß er sie an den Schultern herum. «Zu wem willst du?» keuchte er. «Wer ist es? Wer?» Er schüttelte sie. «Kirby. Gesteh’s!»

«Nein, nein!» rief sie in höchster Angst.

«Du willst zu Kirby, zu wem denn sonst; es ist doch sonst niemand da.»

«Nein, Robert, nein, es ist nicht Mr. Kirby, du irrst! Ich … ich wollte nicht –»

«Wolltest ihn nicht verraten, ha? Es ist dir so herausgerutscht! Aber ich werde mit dem Schuft abrechnen. Morgen früh gehe ich zu ihm – nein, gleich jetzt. Wir fahren zurück». Sein schwerer Oberkörper beugte sich vor, um dem Chauffeur zu befehlen umzukehren, da rief sie in höchster Not: «Nein, nicht! Es ist nicht Kirby!»

Der Ruf klang so echt und aufrichtig, daß der Rasende zur Besinnung kam. Er fiel in die Polster zurück, brütete schnaufend, bis er zu dem Ergebnis kam: «Dann ist es Dyke», und wieder zu wiehern anfing. «O was bist du doch für ein Rindvieh!» Er lachte, bis ihm der Atem ausblieb. Sie kannte dieses Stadium nur zu gut. Hätte sie nur den Mund gehalten!

«Ich brauche nur ein Wörtchen zu sagen», röhrte er, «dann guckt er dich nicht mehr an! Ich bin ja doch seine Sparkasse, sein Bankkonto, sein Portefeuille, sein Portemonnaie, hahaha! Ohne mich hat Dyke keinen Cent im Sack!»

«Wir wollen doch jetzt nicht streiten», bat sie, um ihn zur Vernunft zu bringen. «Ich bitte dich um Entschuldigung, Robert; es tut mir entsetzlich leid, aber du mußt doch zugeben, wir haben uns beide ineinander getäuscht. Es war ein Fehler, den wir begangen haben, aber wir können ihn wieder gutmachen.»

«Du bist doch das größte Kamel, das ich jemals gesehen habe. Kennst du mich immer noch nicht? Meinst du, ich schenke dich einem andern? Einem Jungen, zu dem ich wie ein Vater war? Glaubst du, du kannst mich vor aller Welt lächerlich machen? Du gehörst mir, merke dir das!»

«Man kann niemand gegen seinen Willen halten, Robert. Es gibt schließlich noch Gesetze.»