Die Welt der Hedwig Courths-Mahler 488 - Liebesroman - Helga Winter - E-Book

Die Welt der Hedwig Courths-Mahler 488 - Liebesroman E-Book

Helga Winter

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Beschreibung

Vor zwei Jahren sind die Eltern von Patrizia Heidemann bei einem tragischen Verkehrsunfall tödlich verunglückt. Nun muss das junge Mädchen ganz allein für ihren jüngeren Bruder sorgen, der erst elf Jahre alt und seit dem Unglück erblindet ist. Es ist wahrlich kein leichtes Leben für sie. Als sie für sich und den kleinen Peter das hübsche Gartenhaus auf dem Grundstück der Holzhandlung Rohden mieten kann, scheint sich alles zum Guten zu wenden. Nun kann Peter sich im Garten aufhalten, während sie ihrer Arbeit nachgeht. Doch als Mervin Rohden, der Firmenchef, nach einer längeren Auslandsreise nach Hause zurückkehrt, bahnt sich erneut eine Katastrophe an ...

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Seitenzahl: 139

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Inhalt

Cover

Impressum

Vom Glück vergessen?

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Kiselev Andrey Valerevich / shutterstock

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 9-783-7325-9370-5

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Vom Glück vergessen?

Roman um ein tragisches Frauenschicksal

Vor zwei Jahren sind die Eltern von Patrizia Heidemann bei einem tragischen Verkehrsunfall tödlich verunglückt. Nun muss das junge Mädchen ganz allein für den blinden Bruder sorgen.

Es ist wahrlich kein leichtes Leben für Patrizia. Darum ist sie dankbar, als sie für sich und ihren Bruder das hübsche Gartenhaus auf dem Grundstück der Holzhandlung Rohden mieten kann. Nun kann Peter sich im Garten aufhalten, während sie ihrer Arbeit nachgeht. Doch als Mervin Rohden, der Firmenchef, nach einer längeren Auslandsreise nach Hause zurückkehrt, bahnt sich erneut eine Katastrophe an …

Mervin Rohden hatte seinen Rundgang über den riesigen Holzstapelplatz beendet. Gestern Abend war er von einer längeren Auslandsreise zurückgekehrt, und heute Morgen galt sein erster Weg den Schuppen und den geschnittenen Stämmen auf dem Hof. Er hatte nichts auszusetzen. Der Platzmeister Barre, ein alter erfahrener Mann, verstand sein Fach.

An der Südseite stand das Gartenhaus, und Mervin erinnerte sich, dass der Prokurist es vor einigen Monaten vermietet hatte. Es machte im Gegensatz zu früher einen sehr gepflegten Eindruck.

Die Büsche im Vorgarten blühten, die Fensterscheiben leuchteten spiegelblank, und die Gardinen dahinter hingen schneeweiß herab.

Mervin war froh, dass die früheren Bewohner fortgezogen waren.

„Wer wohnt hier?“, wandte er sich an Albert Barre.

Der Platzmeister machte ein missmutiges Gesicht. Mervin kannte ihn gut und schmunzelte, denn der Mann ähnelte mit seinem Schnauzbart manchmal sehr stark einem dressierten Seehund.

„So eine halbe Künstlerin“, brummte er, und Mervins Lächeln verstärkte sich. Ein Mann wie Barre, der mit beiden Beinen fest auf dem Boden stand, hatte natürlich kein Verständnis für Künstler.

„Haben Sie Grund zur Beschwerde?“, erkundigte sich der Chef.

Barre brummte etwas vor sich hin. Er hätte den beiden Bewohnern des schönen Gartenhauses, Patrizia Heidemann und ihrem Bruder, gern etwas am Zeug geflickt. Es war ihm aber nicht gelungen.

„Ich werde die Leutchen begrüßen“, beschloss Mervin. „Lassen Sie sich nicht aufhalten, Barre.“ Mit diesen Worten öffnete er die grün gestrichene Holztür und blieb am Eingang stehen.

Der kleine Garten vor dem Haus war mustergültig in Ordnung. Es war Spätfrühling, die Blumen blühten in verschwenderisch bunter Pracht und dufteten.

Mervin war gerade aus Südamerika zurückgekommen. Er hatte in Brasilien größere Abschlüsse getätigt, und nach der tropischen Hitze dort war der deutsche Frühling geradezu eine Offenbarung für ihn.

Der Eingang lag seitlich am Haus. Mervin ging langsam den gepflegten Weg hinunter, aber bevor er die Klingel drückte, sah er, dass zumindest ein Bewohner des Hauses draußen war.

Ein Kind. Er schätzte sein Alter auf etwa zehn Jahre, ein braunhaariger Junge, der still auf einem Gartenstuhl saß und den Kopf der wärmenden Sonne entgegenhielt.

„Ist da jemand?“, fragte der Kleine.

Mervin Rohden fand ihn sehr nett. Er hatte ein schmales gebräuntes Gesicht.

„Ja“, beantwortete Mervin die Frage, die er für ein wenig überflüssig hielt. Der Kleine konnte ja sehen, dass jemand da war, aber Kinder stellten manchmal derartige Fragen. „Guten Tag, mein Junge.“ Das Kind wandte den Kopf.

„Guten Tag“, gab der Junge höflich zurück. „Wollen Sie Patrizia besuchen?“

„Ich weiß es nicht“, sagte Mervin lächelnd. „Ich heiße Rohden. Mir gehört die Holzhandlung und dieses Haus übrigens auch.“

„Ich bin Peter Heidemann“, stellte sich der Kleine vor.

Mervin fand ihn geradezu erschreckend höflich. Irgendetwas an ihm wirkte unkindlich. Vielleicht war es das gezwungene Lächeln, das keine Freude verriet, vielleicht dieses unnatürliche Stillsitzen, das gar nicht zu seinem Alter passen wollte.

Der junge Mann bot ihm die Rechte, aber Peter nahm sie nicht.

„Wenn Sie wollen, werde ich Patrizia rufen.“ Ohne Mervins Antwort abzuwarten, legte der Junge seine Hände wie einen Schalltrichter an den Mund. „Patrizia, komm heraus, wir haben Besuch!“

„Nehmen Sie bitte Platz.“ Peter machte eine Handbewegung, und Mervin schaute sich um. Es war nur ein Stuhl da, und auf dem saß der Junge. Er selbst musste stehen bleiben, und er fand es frech, dass dieser Kleine ihn so offensichtlich auf den Arm nahm.

„Ihr habt es hier sehr schön“, bemühte sich Mervin um eine Unterhaltung. Seine Bemerkung klang steif, denn obwohl er sonst ausgezeichnet mit Kindern umgehen konnte, fiel es ihm schwer, diesem Jungen gegenüber den richtigen Ton zu finden.

„Danke“, sagte Peter hastig. „Patrizia arbeitet sehr viel im Garten, sie sagt, er sei stark vernachlässigt gewesen.“

„Und du hilfst ihr natürlich tüchtig dabei, nicht wahr?“

Peter presste die Lippen zusammen.

„Nein“, sagte er knapp.

Es klang nicht, als wünsche er über diesen Punkt noch weiter ausgefragt zu werden.

„Patrizia scheint meinen Ruf nicht gehört zu haben, Herr Rohden. Wenn Sie gestatten, werde ich gehen und sie holen.“ Der Junge stand auf, seine Rechte tastete durch die Luft, bis sie einen Stock fand. „Es ist schön, in der Sonne zu sitzen, nicht wahr?“, fragte er, bevor er ging. „Hoffentlich ist Ihr Stuhl bequem, Herr Rohden.“

Er ging an Mervin vorbei, und der Mann packte seinen Arm und zwang ihn, stehen zu bleiben.

„Du bist ein unverschämter Lausebengel, mein Lieber“, knurrte er gereizt. „Eigentlich müsste ich dir ein paar herunterhauen!“

Peter schreckte zusammen und hob den Kopf.

„Weshalb?“, fragte er befangen. „Habe ich etwas falsch gemacht?“

„Und das fragst du noch?“ Mervin war bestimmt ein ruhiger Mensch, aber das, was dieser Peter ihm bot, war der Gipfel der Frechheit. Hoffentlich sitzen Sie bequem, hatte dieser Lausebengel ihm gewünscht, und dabei sah er doch deutlich, dass gar kein Stuhl vorhanden war.

Der Kleine ging aufrecht um die Ecke des Hauses. Mervin hörte die Klingel anschlagen, ein schwacher Ton, der durch ein geöffnetes Fenster zu ihm hinausdrang.

„Peter, bist du es?“, fragte eine helle jugendliche Stimme, die sehr sympathisch klang.

„Ja, Patrizia, mach bitte auf.“

Mervin steckte die Hände in die Jacketttaschen und schlenderte durch den Garten. Er sah, dass er mit Liebe in Ordnung gehalten wurde. Kein Unkraut wuchs auf den Gemüsebeeten und den schmalen Wegen.

Jetzt hörte Mervin Stimmen vom Haus her. Er hatte sich vorgenommen, dieses Mädchen unsympathisch zu finden, aber es gelang ihm nicht, seinen Entschluss aufrechtzuerhalten, als er es das erste Mal sah.

Patrizia Heidemann war mehr als mittelgroß, schlank, ohne mager zu sein, und sie hatte eine natürliche Anmut der Bewegungen, die Mervin sofort bezauberte.

Am schönsten war ihr Kopf. Sie trug ihn stolz auf einem schlanken Hals, und in ihren Augen lag ein warmes Lächeln des Willkommens, als sie dem Mann herzlich die Rechte entgegenstreckte.

„Es freut mich, Sie persönlich kennenzulernen, Herr Rohden“, sagte sie, und es klang ganz so, als meine sie es wirklich ernst.

„Die Freude liegt ganz auf meiner Seite“, behauptete Mervin. Es war die übliche Antwort, aber sie hatte dennoch zur Folge, dass Patrizias Wangen sich kaum merklich röteten.

„Peter hat mir gesagt, dass Sie schon länger hier sind. Ich habe ihn nicht rufen hören, entschuldigen Sie bitte, Herr Rohden.“

Mervin wäre bereit gewesen, alles zu entschuldigen, wenn dieses Mädchen ihn darum bat. Patrizia Heidemann gefiel ihm sehr.

„Sie glauben gar nicht, wie sehr wir uns gefreut haben, als wir dieses Haus hier mieten konnten. Es liegt so schön. Ich habe mir den Schuppen zu einem Atelier umgebaut – ich bin Gebrauchsgrafikerin – und kann dort wunderbar arbeiten.“

Sie gingen nebeneinander auf den Eingang zu.

„Darf ich Ihnen eine Tasse Kaffee anbieten, Herr Rohden? Ich weiß, dass ein Herr sicherlich lieber Kognak trinkt, aber leider habe ich keine geistigen Getränke im Haus.“ Sie lächelte.

Sie war eine charmante Hausfrau. Mervin fühlte sich in dem Wohnzimmer, in das sie ihn zum Platznehmen nötigte, sehr wohl. Die Möbel waren nicht neu, aber sie wirkten anheimelnd und gemütlich. Als sie in die kleine Küche ging, erfreute sich Mervin an der Anmut ihrer Bewegungen.

Er kannte Frauen in aller Welt, seine Reisen hatten ihn schon um den ganzen Erdball geführt, aber so etwas ungezwungen Natürliches wie sie war selten.

Er stand noch schauend da, als Patrizia mit Geschirr und einer Kaffeekanne eintrat.

„Entschuldigen Sie bitte meine Neugierde.“ Mervin lächelte ihr zu. „Es ist eine schreckliche Angewohnheit, sich in anderer Leute Wohnungen so umzuschauen, wie ich es tue. Sie haben es hier sehr nett.“

„Finden Sie?“ Patrizia schien sich über sein Lob ehrlich zu freuen.

„Sie waren längere Zeit verreist, hörte ich“, begann Patrizia ein Gespräch, nachdem sie beide Platz genommen und sie den Kaffee eingeschenkt hatte.

Mervin erzählte ihr von seiner Brasilienreise.

„Nun habe ich genug von mir gesprochen, gnädiges Fräulein. Erzählen Sie mir von sich“, bat er sie dann.

Patrizia zuckte die Achseln.

„Von mir gibt es nicht viel zu berichten, Herr Rohden. Ich führe hier mit Peter zusammen ein stilles, fast weltabgeschiedenes Leben. Ich arbeite, sorge für den Jungen … Weiter gibt es eigentlich nichts von mir zu berichten.“

Mervin war durchaus anderer Meinung. Ihn hätte alles interessiert, was sie anging. Wer waren ihre Eltern, lebten sie noch? Weshalb sorgte sie für Peter und niemand anders?

„Ihre Eltern leben nicht mehr?“, fragte Mervin.

„Nein. Vor zwei Jahren. Es war ein Autounfall. Sie waren sofort tot.“

„Oh, das tut mir sehr leid“, beteuerte Mervin.

Sie sprachen noch eine Weile, und dann verabschiedete er sich.

Patrizia begleitete ihn bis an die Tür.

„Sie haben wunderschöne Blumen, gnädiges Fräulein.“

„Möchten Sie ein paar mitnehmen?“, bot Patrizia eifrig an. „Warten Sie, ich hole rasch ein Messer.“ Sie lief ins Haus, bevor Mervin protestieren konnte.

Es gefiel ihm, dass Patrizia so offen und natürlich war, so impulsiv, dass sie nicht jedes Wort, das sie aussprach, erst auf die Goldwaage legte.

„Es wäre doch eigentlich eine Arbeit für Peter, die Blumen zu schneiden“, meinte Mervin, als die bezaubernde Hausfrau mit der Gartenschere in der Hand erschien. „Der Junge sitzt wahrscheinlich doch nur in der Sonne.“

„Es geht leider nicht.“ Patrizias Antwort war fast schroff. Offensichtlich wollte sie nicht über ihren Bruder sprechen.

Wahrscheinlich war der Kleine ein verzogenes, eigensinniges Kind, das ihr nicht half und ihr nur zur Last fiel. Und sie konnte sich gegen diesen Rüpel nicht durchsetzen.

„Peter!“, rief das Mädchen, als es die Blumenstängel mit einem Stückchen Bast umwandt.

Ihr Bruder kam prompt um die Hausecke.

„Herr Rohden möchte gehen. Sag ihm Auf Wiedersehen.“ Peter drehte den Kopf zu Patrizia und dann zu Mervin.

„Leben Sie wohl, Herr Rohden“, sagte er. Diesmal bot er ihm die Rechte. Mervin nahm sie, obwohl er dem Kind am liebsten eine Ohrfeige heruntergehauen hätte.

Es war unglaublich, welch eine Kälte und Abweisung dieser Kleine in seine Stimme hineinlegen konnte. Anstatt Auf Wiedersehen zu sagen, hatte er gesagt: „Leben Sie wohl.“

„Darf ich noch einmal wiederkommen, gnädiges Fräulein?“

Patrizia öffnete die Gartentür. Sie schaute zurück auf Peter, der mit verschlossenem Gesicht vor dem Hauseingang stand.

„Ich würde mich sehr freuen, Herr Rohden.“ Sie hatte mit der Antwort gezögert, und Mervin ahnte, dass sie an ihren Bruder gedacht hatte. Vielleicht machte der Kleine ihr eine Szene, weil er nicht wollte, dass seine Schwester einen Mann kennenlernte.

„Ich werde sehr gern kommen.“ Er strich behutsam über ihre Hand und ging davon.

Patrizia schaute ihm nach, bis er in dem pompösen Wohnhaus verschwand, in dessen unterer Etage die großen Büros waren.

Ihr Gesicht war sehr ernst. Mervin Rohden gefiel ihr. Er war der erste Mann seit Jahren, den sie auf den ersten Blick sympathisch gefunden hatte.

„Was wollte er?“, fragte Peter. Unbemerkt von ihr war er den Gartenweg heruntergekommen. Er stützte sich leicht auf den Stock.

„Er wollte uns nur besuchen, Peter.“

„Ich mag ihn nicht“, sagte das Kind.

„Es wird Zeit, dass ich mich um das Essen kümmere. Setz du dich solange wieder in den Garten, Peterle, ich rufe dich dann, wenn ich fertig bin.“

Angespannt lauschend stand der Junge da. Er hörte die Haustür zuklappen, wandte sich um und ging den Kiesweg zurück. Den Stock hielt er leicht vor sich. Sein Schritt war anmutig wie der seiner Schwester.

Vor den Forsythien blieb er stehen. Sein Mund zuckte, als er sein Gesicht vorschob und den Duft einatmete. Seine Hand strich über die Zweige.

Er dachte an seine Schwester, an ihre freudig bewegte Stimme, an den Mann, der heute zum ersten Mal gekommen war und Patrizia gebeten hatte, sie wieder aufsuchen zu dürfen.

„Peterle, das Essen ist fertig, komm herein.“ Der Junge stand auf und folgte dem Ruf der Schwester. Sie erwartete ihn an der Tür, und unbewusst lächelte sie.

Es war selten, dass sie einmal lächelte, das Leben bot ihr herzlich wenig Anlass dazu.

♥♥♥

„Ist alles in Ordnung, Mervin?“, empfing seine Mutter ihn im Salon. Sie saß in einem schwarzen Seidenkleid im Sessel und schaute ihm prüfend entgegen.

Sie hatte mit ihrem Mann zusammen die Holzhandlung aus kleinen Anfängen bis zu ihrer jetzigen Bedeutung emporwachsen sehen und war dem Betrieb sehr verbunden.

„Alles in bester Ordnung, Muttchen.“ Mervin setzte sich ihr gegenüber und spürte den forschenden Blick der Mutteraugen auf sich. Es war schwer, irgendetwas vor ihr zu verbergen.

„Und was hat es sonst noch gegeben, Mervin?“, fragte Frau Barbara nun auch schon.

„Weiter nichts. Ich bin noch kurz im Gartenhaus gewesen und habe mir die neuen Mieter angesehen.“

Seine Mutter stellte keine weiteren Fragen.

„Ich werde mich um das Essen kümmern, Mervin“, sagte sie stattdessen. Sie ging hinaus, und ihr Sohn war ihr dankbar, allein zu sein. Er dachte an Patrizia Heidemann, an das Mädchen, das ihm so gut gefiel, weil sie anders war als die vielen, die er bisher kennengelernt hatte.

Anders auch als Lisa Georgi.

Mervin krauste die Stirn, als ihm zu Bewusstsein kam, wie unhöflich es war, seine schwarzhaarige kapriziöse, lebenslustige Verlobte mit dieser neuen Bekanntschaft zu vergleichen. Ein Gentleman tat so etwas nicht.

Besonders dann nicht, wenn der Vergleich zuungunsten der Verlobten ausfiel. Er mochte Lisa gern und fand den Gedanken, sie einmal zu seiner Frau zu machen, durchaus gut. Sie erbte einmal eine große Möbelfabrik, die zu den Hauptabnehmern ihrer Holzgroßhandlung gehörte.

Es war der Wunsch seines Vaters gewesen, die Geschäftsverbindung zu den Georgis durch eine Ehe der Kinder zu vertiefen, und sowohl Lisa als auch er hatten nichts dagegen einzuwenden gehabt.

Die Mahlzeit verlief schweigend wie immer. Frau Barbara würde nie im Leben in Gegenwart des Personals, das unauffällig servierte, irgendein persönliches Thema zur Sprache bringen.

Mervin trank seinen Mokka nach dem Essen hastiger als sonst.

„Entschuldige bitte meine Eile, Muttchen, aber ich muss ins Büro. Du weißt, wie viel Arbeit sich angesammelt hat.“

„Geh nur, Mervin.“ Der Sohn strich ihr leicht über das silberweiße Haar, bevor er sie allein ließ.

Erst dann krauste Barbara Rohden die Stirn. Sie kannte die Bewohner des Gartenhauses nur vom Sehen. Die Mieterin war sehr jung und sehr hübsch. Es war vielleicht ein Fehler gewesen, dachte sie, ihr das Haus zu vermieten. Ein älteres Ehepaar wäre ihr persönlich lieber gewesen.

Sie schüttelte über sich selbst verwundert den Kopf. Es war ja fast so, als ob sie an Mervin zweifelte. Ein Mann wie er handelte nicht unüberlegt und impulsiv. Sie musste sich täuschen, wenn sie zu sehen meinte, dass dieses Mädchen – Heidemann hieß es wohl, erinnerte sie sich – einen gewissen Eindruck auf ihn gemacht hatte.

Vielleicht wäre sie beunruhigter gewesen, hätte sie das Gespräch hören können, das wenig später im Gartenhaus geführt wurde.

Peter saß am Kaffeetisch, Patrizia legte ihm den Kuchen auf den Teller und goss den Kaffee ein.

„Wenn du noch mehr haben möchtest, Peter, sage es mir.“

„Danke.“ Der Junge aß heute unlustig. Es hatte sich, äußerlich gesehen, gar nichts geändert, und doch spürte er mit allen Sinnen, dass Patrizia nicht so war wie sonst.

Sie war fröhlicher, aufgeschlossener, und schuld daran trug dieser fremde Mann, den er nicht mochte.

„Findest du es eigentlich richtig, Patrizia“, begann Peter unvermittelt zu sprechen, „wenn ein fremder Mensch einfach zu dir kommt und fragt, ob er dich wieder besuchen darf? Er muss doch warten, dass du ihn einlädst. Ich finde es nicht richtig.“

Patrizia lächelte und strich ihm über sein wirres Haar.

„Mit ihm ist es wohl etwas anderes, Peterle. Er ist unser Hauswirt. Es ist sein gutes Recht, sich zu überzeugen, dass wir sein Haus gut instand halten.“

„Ich finde ihn schrecklich!“, stieß Peter hervor. Er schob den Teller von sich, obwohl er ihn noch nicht geleert hatte. „Sag ihm, dass er fortbleiben soll, wenn er noch einmal wiederkommt, Patrizia.“

„Weshalb magst du ihn nicht, Peter?“, fragte Patrizia ihn.

Sie wusste schon im Voraus, dass der Junge ihr keine ehrlich Antwort geben würde. Niemals würde er zugeben, dass er eifersüchtig war auf jeden, der zufällig in ihr Leben trat.