Beschreibung

Mae hat die Hoffnung aufgegeben; sie hat jeglichen Glauben an sich selbst verloren. Als sie eines Tages die magische Welt des Seelenfolianten entdeckt, fällt ihr die Entscheidung nicht schwer. Nur zu gern flüchtet sie sich in die fremde Realität, in der sie keine Sorgen kennt. Viel zu spät bemerkt sie, dass sie sich dadurch in Lebensgefahr begibt.

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Maxi Schilonka

© 2015 AAVAA Verlag

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2015

Umschlaggestaltung: AAVAA Verlag

Illustrationen: Vivien Dilschmann.

Printed in Germany

AAVAA print+design

Taschenbuch:  ISBN 978-3-8459-1500-5

Großdruck:    ISBN 978-3-8459-1501-2

eBook epub:  ISBN 978-3-8459-1502-9

eBook PDF:  ISBN 978-3-8459-1503-6

Sonderdruck: Mini-Buch ohne ISBN

AAVAA Verlag, Hohen Neuendorf, bei Berlin

www.aavaa-verlag.com

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Prolog

Mein Name ist Maria Ypsen und ich bin keine Heldin.

Das hier ist zwar meine Geschichte, aber es geht nicht darum, wie ich einen Drachen erschlage, böse Zauberer besiege oder den Prinzen heirate. Es geht auch nicht um die allgegenwärtigen Sorgen der Pubertierenden von heute. Zumindest nicht vordergründig. Im Prinzip geht es nicht mal darum, wie ich über mich hinauswachse und eventuell den Sinn des Lebens entdecke.

Meine Geschichte handelt von Problemen, die ich mir ausnahmslos selbst eingebrockt habe. Eine Eigenschaft, die wohl den meisten Sechzehnjährigen dieser Welt gemein ist. In der Schule war ich eine Niete, Freunde hatte ich kaum und mein zu Hause war ein passiv-aggressives Königreich, regiert von meinen Eltern.

Rückblickend ist es durchaus verständlich, dass ich mehr vom Leben wollte. Ich hätte nur intensiver nach einem besseren Weg suchen sollen.

Wenn ich zurück denke, kann ich ehrlich sagen: es war alles meine eigene Schuld, weil ich einfach nicht hören konnte. Ich kann wirklich nicht behaupten, man hätte mich nicht gewarnt.

Das hat man nämlich.

Mehrmals.

Aber zuhören war damals nicht meine Stärke. Ein weiteres verbreitetes Problem, wovon die meisten Eltern bestimmt ein Lied singen können.

Allerdings glaube ich nicht, dass man ernsthaft von mir erwartete, mich an die Spielregeln zu halten. Eigentlich ließ man mir ausnahmslos alles durchgehen. Das ist wohl einer der positiven Aspekte, die mit dem Status der Auserwählten kommen.

Das Mädchen aus der Prophezeiung!

Klingt ziemlich beeindruckend, oder?

Ist es aber nicht.

Kein bisschen.

Alles begann zu Hause – für mich war das ein Vorort voller grauhässlicher Neubauwohnungen.

Wir hatten mehr Parkverbotszonen als Grünanlagen. Es gab hundertzwölf Bars, aber nur eine Bibliothek, einundvierzig Fast Food Läden und kein Kunstmuseum. Das Großstadtzentrum war lediglich eine U-Bahnstunde entfernt und war dennoch Teil einer anderen Welt. Ich konnte nur in sie eintauchen, nie dazugehören.

Mir würde in meinem ganzen Leben nie etwas Außergewöhnliches passieren.

Eins

Ich erinnere mich, dass die Sonne mich an jenem Tag wachkitzelte. Meine Eltern waren bereits vor Stunden zur Arbeit gegangen. Um sicher zu gehen, dass auch ich aufstand und mich auf den Weg zur Schule machte, hatte meine Mutter die Vorhänge in meinem Zimmer aufgezogen und nun fiel helles Sonnenlicht auf mein Gesicht. So gern ich mich auch wieder in die weichen Kissen gekuschelt hätte, ich musste aufstehen.

Es war der Tag der Zwischenbeurteilungen; das bedeutete, dass ich zur Hälfte des Semesters eine Einschätzung meiner Leistungen bekam. Keine wirkliche Bewertung, nur die ungefähre Tendenz, wie es am Ende des Jahres auf meinem Zeugnis aussähe. Schon immer dachte ich, dass es nur darum ging, die Eltern vorzuwarnen, was auf sie zukam. Nicht die schlechteste Taktik, denn so wurden vermutlich viele Todesfälle verhindert.

Ich war gerade sechzehn und nichts graute mir mehr, als Zeugnisse in jeder Form – schwarz auf weiß, der Beleg meiner Mittelmäßigkeit. Doch sie kamen immer wieder, alle Vierteljahre und ich holte sie mir jedes Mal brav ab. Wenn ich schon unterging, dann mit Würde.

Ein Blick auf den Wecker verriet mir, dass es acht Uhr war. Noch zwei Stunden.

Feindselig blinzelte ich hinaus in den wunderschönen Tag, der sich über mich lustig zu machen schien.

Ich schlurfte in das kleine Badezimmer unserer Vier-Raum-Wohnung und stellte mich unter die Dusche. Eine halbe Stunde hatte ich Zeit, um mich unter dem warmen Regen ganz meinen Gedanken zu widmen. Innerhalb eines Augenaufschlags konnte ich im Regenwald stehen oder eine Auszeichnung entgegen nehmen. Ganz wie ich wollte.

Ich schäumte mich kräftig mit so viel Duschgel ein, wie in meine Handfläche passte und schrubbte meine Haut mit einem groben Schwamm. Dann meldete sich mein Magen.

Ich überlegte kurz, ob ich aufs Essen verzichten und noch länger duschen sollte. Andererseits musste ich in der Schule ein paar Stunden durchhalten, bis es Essen gab. Ohne Frühstück aus dem Haus zu gehen, fiel also flach.

Lustlos suchte ich mir ein paar Sachen für den Tag zusammen – eine Jeans, ein rosa T-Shirt und eine weiße Bluse gegen den Wind. Es war bereits Juni, doch morgens wehte noch eine kühle Brise, die mir zwar die Haare trocknen, mich aber auch mit einer Erkältung niederstrecken konnte.

Aus der Wohnküche hörte ich bereits das Rufen und Jubeln der Sportsendung, die wie immer im Fernsehen lief und ich wusste, ich war nicht allein. Nun ja, er war mir sehr viel lieber als meine Eltern.

»Hi Mae, Eier und Schinken sind in der Pfanne. Hättest du dich im Bad beeilt, wären sie auch noch warm«, begrüßte mich Noah vom Sofa aus, ohne den Blick vom Fernseher zu nehmen. Mein großer Bruder. In der Sekunde, in der er mich im Bad gehört hatte, hatte er sich bereits an den Herd gestellt, um mir Frühstück zu machen. Natürlich.

Ich murmelte ein leises Danke und setzte mich an die kleine Theke, die unsere Küche vom Wohnzimmer trennte, in dem nicht viel stand außer dem Fernseher, zwei Sesseln und einem Sofa, alles abgerundet durch einen flauschigen Teppich. Während ich aß, beobachtete ich meinen Bruder, wie er sich über die Ergebnisse der Sportsendung aufregte.

Meine Eltern hätten es selbstverständlich niemals zugegeben, aber sie liebten Noah mehr als mich.

Und wer konnte es ihnen verübeln? Wäre ich damals an ihrer Stelle gewesen, ich hätte meine Karten auch jederzeit auf ihn gesetzt, nicht auf mich.

Noah war zwei Jahre älter als ich und an der Schule ein herausragender Sportler. Ich weiß zwar nicht genau, wie er es machte, aber seine Noten litten niemals unter dem Training. Er war sogar so gut, dass es ihm ein Stipendium an der Uni einbrachte, wo er ab Herbst jeden Tag damit verbringen konnte, sportliche Taktiken zu studieren, um vielleicht irgendwann einmal selbst aktiv zu sein.

Viele beurteilten ihn nur aufgrund seines athletischen Körpers. Eben der typische Sportler, der sich über Schwächere lustig machte und Streber verprügelte, doch das war er nicht. Noah war, man kann es nicht anders sagen, liebenswürdig. Er machte keine Unterschiede zwischen den Schülern, unterhielt sich mit jedem und versuchte oft, den Leuten aus der Patsche zu helfen.

Auch zu Hause war er der perfekte Bruder und versuchte, mir das Leben zu erleichtern, indem er mir zuhörte oder mich bei unseren Eltern verteidigte. Er schien zu verstehen, dass ich unglücklich war und wollte mir so lange wie möglich unter die Arme greifen, bis ich meinen Platz in der Welt gefunden hatte. Deswegen machte er mir an schweren Tagen Frühstück.

Selbst wenn ich es niemals über die Lippen brachte, er bedeutete mir alles. Ein gutmütiger Riese, den ich mehr liebte als jeden anderen.

»Du musst das nicht immer machen«, sagte ich leise, während ich das Frühstück direkt aus der Pfanne schaufelte.

»Ja, ich weiß«, gab er im selben Tonfall zurück. »Beeil dich gefälligst, du kommst noch zu spät!«

»Und was ist mit dir?«, fragte ich frech und stellte die Pfanne in die Spüle, damit sie jemand anders abwaschen konnte.

»Die können froh sein, wenn ich heute überhaupt auftauche!«, hörte ich Noah hinter der zugefallenen Tür lachen, dann war ich unterwegs.

Wir lebten in einer kleinen Wohnung am Rande der Großstadt, welche zu jeder Tages- und Nachtzeit beleuchtet war. Viele Reiseführer schwärmten von der herausragenden Vielfalt, die hier zu finden war. Ich konnte jedoch nichts Interessantes entdecken. Vielleicht lag es daran, dass ich hier wohnte.

Mein Weg in die Stadt und somit zur Schule dauerte mit der U-Bahn ungefähr zwanzig Minuten, während derer ich beide Ohren mit Musik beschäftigte. Mein Blick war stets aus dem Fenster gerichtet, sodass ich niemanden ansehen musste. Da ich kurz nach der Endstation einstieg, hatte ich immer einen Sitzplatz und musste mich nicht zwischen lauter Unbekannte quetschen, die mich am Ende vielleicht auch noch angesprochen hätten.

Das Schulgebäude an sich war ganz in Ordnung – ein Altbau, der bereits zur Jugendzeit meiner Eltern gestanden hatte. Eine Klimaanlage gab es nicht, die Heizung wurde nie benutzt. Im Sommer wurde man in den oberen Stockwerken gekocht, im Winter schrien einen die Lehrer an, wenn man einschlief. Nicht, dass man besser aufpassen sollte, sondern damit man nicht erfror. Ansonsten ließen sie die Schüler in Ruhe. Wenn du lernen wolltest, bitte schön, wenn nicht, auch gut. Hauptsache du störtest den Unterricht nicht.

Es gab jede Menge Kurse, die man nach der Schule kostenlos besuchen konnte, falls man zum Beispiel ein Instrument erlernen oder eine Sportart betreiben wollte. Merkwürdigerweise rochen alle Klassenräume ein wenig nach Käse und es gab die verrücktesten Erklärungsversuche. Eine Legende besagte, dass man zur Zeit einer Rattenplage versucht hatte, das Ungeziefer zu fangen und deswegen massenhaft vergifteten Käse in die Zwischenwände gestopft hatte. Die Ratten hatte man irgendwann gefunden, den Käse nie wieder. Noch heute wird allen ein wenig unbehaglich, wenn jemand ein Käsebrötchen mitbringt.

Ein Höhepunkt war das Mittagessen, da ließen sie sich wirklich etwas einfallen. Jeden Tag gab es eine andere Spezialität und wenn sie wollten, dass alle Schüler anwesend waren, dann stand Pizza auf der Speisekarte. So wie heute.

Ein kluger Schachzug.

Am großen Eingangstor stand meine beste Freundin Enya, um mich zu begrüßen. Jeden Tag wartete sie auf mich, damit wir das Schulgebäude zusammen betreten konnten. In all den Jahren unserer Freundschaft war ich noch nie zuerst in der Schule gewesen.

Ich hatte nicht viele Freunde, deswegen liebte ich sie besonders. Wir kannten uns von klein auf, waren zusammen in den Kindergarten, die Grundschule und letztendlich auf die Oberschule gegangen, immer Seite an Seite. Wenn ich Angst vor einer Prüfung hatte, lernte sie mit mir; wenn sie angemacht wurde, verjagte ich die miesen Typen. Neben Noah war sie der Mensch, der sich die meiste Mühe mit mir gab.

»Du bist spät dran«, rief sie mir von Weitem zu.

»Halbjahresnoten«, erwiderte ich dumpf und das musste als Erklärung reichen. Sie sah mich mitfühlend an, doch schnell verzogen sich die Wolken.

»Schau hier!«

Sie hielt mir ihr Handy unter die Nase und zunächst war ich verwirrt, aber dann fiel mir auf, dass es nagelneu war. Es war eines dieser schicken Smartphones, die jeder hatte und die alles konnten, außer die Milch besorgen. Bei genauerem Hinsehen bemerkte ich, dass sie das gleiche Modell hatte wie ich. Vor Monaten hatte ich meinen Eltern das Versprechen gegeben, viel bessere Noten mit nach Hause zu bringen, wenn sie mir ein neues Handy kauften. Ich bekam, was ich wollte, aber es dauerte nicht lange, bis meine Eltern begriffen, dass sie von meinem Teil der Abmachung nicht viel erwarten konnten.

»Oooooh«, sagte ich langgezogen, als sei das Handy das tollste Ding der Welt, obwohl ich es bereits seit Wochen selbst besaß.

»Nicht wahr?! Ich wollte genau das gleiche wie du haben, damit wir etwas gemeinsam haben!«

Ich sah sie an und wusste genau, was sie meinte. Enya war einfach … fantastisch. Ihr kastanienbraunes Haar fiel wie ein seidiger Vorhang über den schmalen Körper. Bambiaugen und weiche Gesichtszüge verliehen ihr das Bild einer klassischen Schönheit. Wenn man mich neben ihr betrachtete, fiel es besonders auf – ich war ihr genaues Gegenteil.

An diesem schicksalhaften Tag trug sie zusätzlich noch einen weißen Haarreifen, der mit lauter kleinen, weißen Rosen verziert war, und sie wie eine Porzellanpuppe wirken ließ. Viele Leute fragten sich, warum ausgerechnet wir befreundet waren und wir antworteten immer, dass jede schlanke Schönheit eine dicke Freundin brauchte, um hervorzustechen. Es war vielleicht nicht nett, aber wahr.

»Was hältst du davon?«, fragte ich sie.

»Na ja, bis jetzt ist es nicht besonders smart«, antwortete sie und schaute missmutig auf ihr neues Handy.

»Ach, das denkt es von dir sicherlich auch!« Ich lächelte, denn zumindest in einem konnte sie mir nichts vormachen – Schlagfertigkeit. Genau wie mein Bruder war auch Enya in manchen Dingen nicht die Schnellste.

»Dein loses Mundwerk wird dich noch mal in Schwierigkeiten bringen«, schmunzelte sie.

»Meinst du? Bis jetzt hat es mir immer nur geholfen!«

Sie lachte. »Ich beneide dich. Am liebsten hätte ich auch immer einen cleveren Spruch parat.«

Für einen kurzen Moment überlegte ich, ob Enya sich über mich lustig machte, denn was gab es da zu beneiden? Dann fiel mir ein, dass sie meine älteste Freundin war. Verstohlen sah ich sie von der Seite an. Nein, sie musste wirklich nicht neidisch sein, ganz im Gegenteil: schön, klug und beliebt, wie sie war, gab es nicht einen Tag, an dem ich mir nicht mindestens einmal wünschte, so wie sie zu sein.

Die Schüler um uns herum schwärmten in die Schule. Manchmal verirrte sich ein Ellbogen in meine Rippen oder ein Fuß traf mich am Schienbein, aber über die Jahre hatte ich mich daran gewöhnt.

Jeden Morgen drängelten wir uns alle durch das kleine Tor, obwohl es nichts umsonst gab. Wer draußen war, nachdem die Glocke ertönte, wurde ausgesperrt und Mitleid gab es nicht. Es bedeutete einen unentschuldigten Fehltag und wenn man Pech hatte, wurde genau an diesem Tag ein Test geschrieben, in dem man sich dann ein Ungenügend einhandelte.

In den Fluren fühlte man sich wie in einem Backofen.

Langsam schlurften Enya und ich zu unserem Klassenzimmer. Geschichte mit unserer Klassenlehrerin Miss O‘Brady war niemals ein guter Auftakt.

»Hallo, Sonnenschein«, rief jemand laut und schlug mir dabei auf den Rücken. Ich wollte schon wütend etwas erwidern, als mir der Übeltäter ins Blickfeld kam und sich meine Miene aufhellte. Es war Leon. Attraktiv, sexy, charmant – mein Freund.

Dass er mich noch nie als seine Freundin bezeichnet hatte, hieß ja nichts. Es war nur noch eine Frage der Zeit.

Wir verbrachten die meisten Nachmittage zusammen. Ich schaute ihm beim Fußball zu, wir gingen Essen oder ins Kino. Mit ihm war es immer lustig; wir fuhren stundenlang durch die Stadt und hörten laut Radio. Leider hatte er noch nie versucht, mich zu küssen oder mich auf ein romantisches Date eingeladen. Obschon er nicht so viel Zeit mit mir verbrächte, wenn ich ihm nichts bedeuten würde. Dessen war ich mir sicher.

»Sehen wir uns heute Abend? Filmmarathon bei mir?«, fragte er und lehnte sich dabei lässig an die Wand.

»Aber klar! Ich brauch bestimmt Aufmunterung nach diesem Tag«, antwortete ich mit düsterer Miene. Wenn es doch nur schon vorbei wäre.

»Du packst das schon, Süße!«, sagte er mit einem Zwinkern, dann war er schon wieder unterwegs, um einen Fußballerkollegen spaßeshalber in den Schwitzkasten zu nehmen.

Wir sahen ihm lange nach, bevor Enya etwas sagte: »Wieder eine Verabredung, die eigentlich keine ist.«

»Hm«, brummte ich nur. Es hatte keinen Sinn mit ihr darüber zu sprechen. Ich kannte ihre Meinung.

»Weißt du, wenn er nach all den Monaten noch nichts gesagt hat, …«

»… dann ist er auch nicht wirklich an dir interessiert. Ja, ich weiß, das hast du mir alles schon ein Dutzend Mal gesagt, ich bin ja nicht dämlich!«, schnaubte ich sie an. Enya analysierte zu gern meine Beziehung und es wurde nicht lustiger. Leon war nett zu mir und er lud mich regelmäßig ein, damit war ich zufrieden. Wenn notorisch einsam sein veranlagt ist, so dachte ich, dann kann man nicht wählerisch sein.

»Guten Morgen, meine Damen«, flötete unsere Geschichts- und Klassenlehrerin Miss O‘Brady. Die Arbeit als unterbezahlte Lehrerin eines heruntergekommenen Gymnasiums hatte sie früh altern lassen. Blassviolette Haarspitzen sollten die Tatsache überspielen, dass sie nur noch ein paar Jahre bis zum Ruhestand hatte. Dessen ungeachtet, bestand sie darauf, dass wir sie mit Miss ansprachen. Ihr ewiges Singledasein bot den Nährboden für allerlei Gerüchte. 

Ständig trug sie lange Wollkleider, verziert durch Modeschmuck. Vermutlich hätte sie schick ausgesehen, wäre da nicht diese schwarze Riesenblume. Seit vier Jahren war sie meine Geschichtslehrerin und jeden Tag hatte sie dieselbe Blume im Haar – eine große, schwarze Chrysantheme, von der acht kleine, schwarze Blätter ausgingen. Irgendwie tat sie mir leid, schließlich gab es wohl kaum einen Hut, der mehr einer toten, fetten Spinne glich.

Im Prinzip konnte ich sie aber gut leiden. Miss O‘Brady war freundlich und ließ uns im Sommer oft früher gehen.

Nur brachte sie uns nicht sonderlich viel bei. Ihren Unterricht führte sie strikt nach Lehrplan, Klausuren wurden ausschließlich nach Erwartungshorizont beurteilt und wichtige Arbeitstechniken übten wir, nun ja, niemals. Freilich konnte man schlechte Noten gut ausgleichen. Wenn man die schriftliche Hälfte des Semesters in den Sand setzte – und das taten wir so gut wie alle – gab es immer noch den mündlichen Teil. Meldete man sich, bekam man einen Pluspunkt, ob das Gesagte nun Qualität hatte oder nicht.

»Guten Morgen, Miss O‘Brady«, sagten wir im gleichen süßen Tonfall.

»Ich hoffe, Sie haben erfolgreich ausschlafen können. Ich musste leider genauso früh aufstehen wie immer, um die letzten Beurteilungen abzutippen. Schrecklich, dass wir jetzt alles mit Computer machen, nicht wahr?«

Da war es wieder, das entsetzliche Wort. Jedes Mal, wenn ich daran dachte, verkrampfte sich alles in mir. Wäre es doch schon vorbei!

»Ganz richtig, schrecklich, absolut schrecklich«, erwiderte ich mit schwerer Zunge. Es war nicht so, dass mich zwei Monate Heimgefangenschaft bei Wasser und Brot erwarteten. Meine Eltern bestraften mich nicht, weil sie wussten, dass ich mich bemühte. Nur ihre Gesichter, die hatten sie nicht unter Kontrolle – eine weitere Vier, eine Sorgenfalte mehr. Bei jeder Zeugnisübergabe hatte ich weniger Angst, vor dem, was sie sagten, als vor dem, was zwischen den Zeilen stand.

»Nächstes Jahr schaffst du es bestimmt!« hieß nichts anderes als: »Können wir nächstes Jahr stolz auf dich sein?«

Und »Vielleicht kann Noah dir ein paar Tricks zeigen« bedeutete »Warum bist du nicht mehr wie dein Bruder?«

Manchmal hätte ich es bevorzugt, eine Ohrfeige zu kassieren, anstatt immer wieder die schlecht verborgene Frustration in ihren Gesichtern zu sehen.

Ich war eine Enttäuschung.

»Hübsch sehen Sie heute aus, Miss Everly!«, sagte unsere Lehrerin an Enya gewandt, mich übersah sie dabei geflissentlich. Wenn ich mir am Morgen beim Schminken mehr Mühe gab oder mir die Haare färbte, sähe ich bestimmt besser aus. Ich überlegte kurz, ob Enya mir ihren Haarreifen einmal ausleihen würde, aber dann wurde mir bewusst, dass er mir ohnehin nicht so gut gestanden hätte

»Oh vielen Dank, Miss O‘Brady. Gleichfalls!«, erwiderte Enya.

»Ja, schöner Hut!«, ergänzte ich, was mir einen verwirrten Blick von Miss O‘Brady und einen Rippenstoß von Enya einbrachte.

Schwatzend betraten wir das kleine Klassenzimmer, indem sich dutzende Bücher an den Wänden stapelten. Die Regale reichten schon längst nicht mehr aus.

Von Alexander dem Großen bis zum Fall der Berliner Mauer war alles vorhanden, was der wissbegierige Schüler lesen wollte. Es befanden sich aber auch echte Perlen darunter, wie zum Beispiel »1 Kürbis, 100 Gerichte« oder »Sie suchen einen Ausweg? Wir auch!«

Ich mochte unser Klassenzimmer, weil man sich in den langweiligen Stunden ein Buch herausziehen und lesen konnte. Miss O‘Brady hatte nichts dagegen. Wenn sie es nicht schaffte, einem Schüler etwas beizubringen, so lernte er wenigstens aus den Büchern. Nur den Unterricht stören, das hatte sie nicht gern, denn dann verhaspelte sie sich und es dauerte lange, bis sie den Faden wieder gefunden hatte. Sehr lange.

Wenige Minuten später saßen noch achtundzwanzig weitere Schüler mit uns im Klassenraum und begutachteten ihre Zeugnisse. Die Empfindungen reichten von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt. Jeder saß an seinem eigenen Holztisch und versuchte, Miss O‘Brady zu folgen, die erklärte, wie wir im nächsten Quartal unsere Leistungen steigern könnten, wenn wir nur ein bisschen Engagement zeigten. Ich schaute mich um und niemand sah auch nur im Entferntesten engagiert aus. Hinter mir hörte ich es rascheln, dann kauen. Ein Mädchen vor mir kritzelte den Namen eines Jungen in ihr Heft, ein anderes malte Comicfiguren, wieder ein anderer las eine Zeitschrift. Ich glaube, niemand hörte Miss O‘Brady zu. Wir waren zwar nicht die intelligenteste Klasse, dafür aber die achtloseste!

Ein leises Zischen neben mir, wie von einer lecken Heizung, ließ mich aus meinen Gedanken hochschrecken. Ich sah mich um und sah Enya, die offenbar schon eine Weile versucht hatte, meine Aufmerksamkeit zu erlangen.

»Was ist?«, formte ich mit den Lippen und versuchte möglichst keinen Laut zu machen, Miss O‘Bradys Konzentration wirkte bereits stark angeschlagen. Enya flüsterte etwas zurück, wobei sie übertrieben ihre Lippen verzog, um die Buchstaben nachzuahmen.

»Was?«, raunte ich und Enya wiederholte dieselben Verrenkungen. Als hätte es irgendwas genutzt, den Mund noch weiter aufzureißen. Sie war erschreckend schlecht darin und selbst ich schlug sie jedes Mal bei Scharade. Ich wusste nicht genau, warum wir nicht einfach Zettelchen schrieben. Anscheinend waren wir bereits so eingeschläfert, dass wir gar nicht erst auf die Idee kamen.

»Waaaaaaaaas?« Meine Stimme hatte mittlerweile die hohen Töne einer Hundepfeife erreicht.

»Herr Gott nochmal, Ypsen, sie fragt, ob Sie nach der Schule Kuchen essen wollen!«, fuhr Miss O‘Brady mich an. »Nun, ich fürchte, darauf müssen Sie verzichten. Sie werden mir beim Nachsitzen Gesellschaft leisten!«

Zwei

»Ganz toll. Daran bist nur du Schuld, das weißt du hoffentlich«, schmollte ich am Ende des Tages, während all unsere Mitschüler durch die große Tür hinaus in den Sommer flüchteten. Enya, ich und noch ein paar andere Sünder versammelten sich vor dem Raum für Religionsunterricht auch bekannt als Zelle. Dort fand jeden Nachmittag das Nachsitzen statt, eine Strafe für Schwätzer, Kaugummikauer, Dummköpfe und jene armen Seelen, die ständig vergaßen, ihr Handy lautlos zu stellen.

Enya und ich standen manchmal hier, weil wir im Unterricht flüsterten und plötzlich in unkontrolliertes Kichern ausbrachen. Aber ich stand auch schon einmal wegen eines plötzlichen Niesers hier, der unseren Mathelehrer bei einer wichtigen Aufgabe unterbrach.

»Ja ja, was solls!«, entgegnete Enya. Genervt schüttelte sie ihren braunen Schopf und ein Duft von Yasmin kam mir entgegen.

»Hättest du mich nicht nach der Stunde fragen können? Oder während Sport? Niemanden interessiert es, wenn wir uns beim Völkerball in die Ohren schreien!«

»Beim Sport bekommen wir aber auch keine Zeugnisprognosen und ich wollte nur, dass du dich auf etwas freuen kannst!«, polterte sie zurück.

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