DIE WILDE HORDE - Ernest Haycox - E-Book

DIE WILDE HORDE E-Book

Ernest Haycox

0,0

Beschreibung

Frank Goodnight kam nach Sherman City, um einen Mann zu töten – den Mann, der seine Schwester verführt und ermordet hatte.Er ritt mitten hinein in eine Schießerei.Und da sah er plötzlich das grinsende Gesicht jenes Mannes, den er suchte.Goodnight hätte ihn in diesem Augenblick töten können. Aber er wollte, dass sein Gegner wusste, wer ihn umlegte – und aus welchem Grund.Ernest Haycox ist neben Zane Grey und Max Brand der Klassiker der amerikanischen Western-Literatur. Der Apex-Verlag präsentiert DIE WILDE HORDE – erstmals im Jahr 1943 erschienen - in seiner Reihe APEX WESTERN als durchgesehene Neu-Ausgabe, ergänzt um ein Essay von Dr. Karl Jürgen Roth.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 238

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



ERNEST HAYCOX

Die wilde Horde

Apex Western, Band 7

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch

DIE WILDE HORDE

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebtes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Westernklassiker mit literarischen Ambitionen: Ernest Haycox -

Ein Essay von Dr. Karl Jürgen Roth

Das Buch

Frank Goodnight kam nach Sherman City, um einen Mann zu töten – den Mann, der seine Schwester verführt und ermordet hatte.

Er ritt mitten hinein in eine Schießerei.

Und da sah er plötzlich das grinsende Gesicht jenes Mannes, den er suchte.

Goodnight hätte ihn in diesem Augenblick töten können. Aber er wollte, dass sein Gegner wusste, wer ihn umlegte – und aus welchem Grund.

Ernest Haycox ist neben Zane Grey und Max Brand der Klassiker der amerikanischen Western-Literatur. Der Apex-Verlag präsentiert Die wilde Horde – erstmals im Jahr 1943 erschienen -  in seiner Reihe APEX WESTERN als durchgesehene Neu-Ausgabe, ergänzt um ein Essay von Dr. Karl Jürgen Roth.

DIE WILDE HORDE

Erstes Kapitel

Goodnight überquerte den Fluss an einer Furt, deren Sandboden kaum von Wasser bedeckt war. Sein Mittagslager schlug er im Schatten einer einsamen Weide auf. Die Hitze lastete auf der braungebrannten Wildnis.

Er lag auf dem Bauch und trank am Fluss, oberhalb von seinem Pferd. Später ließ er das Pferd weiden, streckte sich im Schatten der Weide aus und zog seinen Hut tief über die Augen. Plötzlich brannte die Sonne auf seine Haut. Er setzte sich auf und wusste, dass er geschlafen hatte. Langsam stand er auf: ein schlanker Mann mit grauen Augen, die halb unter den Lidern verborgen lagen. Seine Gesichtszüge waren kräftig, und er hatte den flachen, eckigen Körperbau eines Mannes, der sich seinen Lebensunterhalt mit Pferd und Lasso verdient.

Als er sich wieder in den Sattel schwang, wandte er sich nach Osten, wie er es schon seit vielen Tagen getan hatte - auf dem Weg aus den Hochweiden von Oregon. Die Wildnis von Idaho lag hinter ihm, und vor ihm ragten die Höhenrücken der Owlhorns im Dunst der Ferne empor. Gegen Sonnenuntergang - schätzte er - konnte er am Fuß dieser Hügel sein, in Sherman City.

Das Hauptgebäude einer Ranch lagen zwischen ihm und den Owlhorns; und zu seiner Rechten bemerkte er eine Staubwolke. Er beobachtete diesen Staub eine halbe Stunde lang, bevor er sicher war, dass es ein einzelner Reiter war, der auf dieselbe Ranch zuritt wie er. Am frühen Nachmittag veränderte der Reiter südlich von ihm seine Richtung, bis er schließlich ungefähr drei oder vier Kilometer direkt vor ihm war. Eine halbe Stunde später hatte der Mann das Ranchhaus erreicht.

Haus und Scheune und Hof kamen in Sicht, und beim Näherreiten erspähte er zwei Männer auf der Veranda. Sie standen einander in einem Abstand von drei Metern gegenüber. Der eine Mann war mit Alkalistaub bedeckt und sein Gesicht gerötet vor Hitze. Also musste er der Reiter sein, der vor kurzem erst aus der Wildnis gekommen war... Er war ziemlich groß, hatte eine kräftige Nase und scharfe, blaue Augen, die sich jetzt unfreundlich auf Goodnight richteten. Der andere Mann sah ihn jetzt auch an, und Goodnight glaubte Anzeichen von Spannung und Furcht zu bemerken. Er zügelte sein Pferd und wartete auf eine Einladung zum Absteigen.

Der zweite Mann schaute den staubbedeckten Reiter an und schien zu überlegen. Danach schaute er wieder zu Goodnight hin und sagte: »Steigen Sie ab, Mann, und kommen Sie aus der Sonne.«

Goodnight schwang sich aus dem Sattel. Er stand unten vor der Veranda, drehte sich eine Zigarette und dachte: »Der kleine Bursche ist froh, dass ich hier bin - ich möchte wissen, warum.« Der größere sagte in arrogantem Ton: »Falls Sie hier etwas zu tun haben, erledigen Sie es und machen sich wieder auf den Weg.« Der Mann sprach zu scharf und deutlich, sein Tonfall war zu klar. Ein Westmann hatte eine lässigere und leichtere Sprechweise.

»Ist das Ihre Ranch?«, fragte Goodnight.

»Nein«, antwortete der Mann mit der großen Nase. »Aber spielt das eine Rolle?«

»Ich lass mir meine Marschpapiere immer lieber vom Boß geben«, sagte Goodnight.

Der große Mann lächelte in einer düsteren, gleichgültigen Art. Er machte sich nicht die Mühe zu antworten.

Es war der andere, der sagte: »Wasser ist hinter dem Haus.«

Goodnight nickte. Er führte sein Pferd um das Haus herum zu einem großen Trog. Zuerst ließ er das Pferd trinken, dann trank er selbst aus dem dünnen Wasserrinnsal, das aus einer Röhre floss. Er ließ das Pferd noch einmal kurz trinken und ging zum Vorhof zurück. Am Fuß der Verandatreppe blieb er vor den beiden Männern stehen. Er hatte noch seine Zigarette und nahm sich jetzt die Zeit, sie anzuzünden. Im Gesicht des kleineren Mannes glaubte er wieder einen Ausdruck der Erleichterung zu erkennen. Er schaute den großen Reiter an und hielt seinem ungeduldigen Blick stand.

»Jetzt können Sie verschwinden«, sagte der Große.

»Hör auf damit, Bill«, warf der Kleinere ein.

Der Mann namens Bill zeigte ein amüsiertes Grinsen. »Dieser Mann ist kein Rekrut für dich, Harry. Er ist nur ein Tramp. Ein weiterer Flüchtling in einem Land voller Flüchtlinge. Irgendwo läuft wahrscheinlich eine Anklage gegen ihn, und er ist auf der Flucht davor. Nur ein weiterer Ganove, der den Schutz der Owlhorns zu erreichen versucht, bevor ihn eine Kugel einholt.« Sein Blick verhärtete sich, als er Goodnight jetzt ansah. »Sie können die Wälder bis zur Nacht erreichen. Los, reiten Sie weiter.«

Goodnight sog den starken, süßen Rauch der Zigarette ein und blies ihn wieder aus den Lungen. Er ließ die Zigarette fallen und zertrat sie unter seinem Stiefel. Dann schaute er auf und begegnete Bills herausforderndem Blick.

»Sie reden zu viel«, sagte er mit ganz sanfter Stimme zu Bill.

Bill musterte ihn aufmerksamer. Die Bemerkung schien ihn mehr zu interessieren als zu ärgern; und das war eine Reaktion, an die Goodnight rächt gewöhnt war.

»Habe ich Sie falsch eingeschätzt, mein Lieber?«, fragte Bill lächelnd. »Oder wollen Sie nur Ihren Stolz zur Schau stellen?«

»Das können Sie schnell genug herausfinden«, sagte Goodnight.

Plötzlich lachte Bill. »Das ist typisch«, bemerkte er, sich dem kleineren Mann zuwendend. »Eine Ankunft, ein Wort,  eine Drohung und ein Ultimatum. Das ändert sich nie. Es ist verdammt wenig Originalität in diesem Land.«

»Halten Sie immer so lange Reden?«, fragte Goodnight.

»Seien Sie nicht stolz auf Ihr Ultimatum«, sagte Bill. »Jetzt werde ich Sie sehr überraschen. Ich werde Sie einfach dort stehen lassen in Ihrer edlen Haltung.«

»Das ist eine Möglichkeit«, sagte Goodnight.

Bill verließ die Veranda und ging zu seinem Pferd. Er schwang sich hinauf und legte seine Hände auf das Sattelhorn.

»Seien Sie nicht stolz«, sagte er mit einem kurzen Lächeln zu Goodnight. »Falls mir nach kämpfen zumute gewesen wäre, hätte ich bestimmt gegen Sie gekämpft. Aber warum sollte ich diese Energie verschwenden und ein derartiges Risiko einem Mann gegenüber eingehen, der mir nichts und sich selbst wahrscheinlich noch weniger bedeutet?«

»Lassen Sie mich Ihnen einen Rat geben«, sagte Goodnight, »treffen Sie keine Feststellungen, die Sie später nicht aufrechterhalten können.«

Aber das berührte den großen Mann nicht. Er wischte das mit einem Lächeln beiseite, griff nach den Zügeln und nickte dem kleineren auf der Veranda zu.

»Er taugt nichts für dich als Rekrut, Harry«, sagte er. »Keiner von diesen streunenden Reitern ist etwas wert. Du wirst ihn anwerben, aber er wird immer sofort einen Schlupfwinkel suchen, sobald ein Fremder auftaucht. Wir sehen uns später.«

Er ritt schnell davon, und Goodnight wandte sich dem Mann auf der Veranda zu.

»Wie war noch sein Name?«

»Bill - Boston Bill Royal.«

»Aha«, murmelte Goodnight.

»Lassen Sie sich von seinen Worten nicht täuschen.«

Der Mann auf der Veranda ließ sich auf seinen Stuhl zurücksinken. Er erschlaffte, als hätte er unter einer starken Spannung gestanden. Aus der einen Hemdtasche zog er eine Zigarre, zündete sie an und schloss seine Augen für einen Moment. Er war dunkelhaarig, und seine Schultern begannen zu verfetten. Als er jedoch seine Augen öffnete, war sein Blick scharf und aufmerksam.

»Suchen Sie Arbeit?«

»Als Reiter oder Revolvermann?«, fragte Goodnight zurück.

»Weniger das eine und mehr das andere.«

»Wo ist Sherman City?«

»Dort drüben«, sagte der Mann und deutete in Richtung der Owlhorns. »Mein Name ist Harry Ide. Ich bin Ihnen Dank schuldig.«

»Vielleicht habe ich etwas übersehen«, sagte Goodnight.

»Er hat mich allein erwischt«, sagte Ide.

»War er entschlossen, Sie zu Tode zu reden?«, fragte Goodnight gedehnt.

Harry Ide nahm seinen Hut ab und wischte das Schweißband trocken. Ein kleiner kahler Fleck zeigte sich oben auf seinem Kopf, und sein schwarzes Haar begann an den Schläfen grau zu werden. Er hatte den Ansatz für einen Bauch, und es schien nichts Gefährliches in ihm zu sein. Aber hin und wieder schimmerte es scharf und berechnend aus seinem Blick.

»Ich würde lieber keine voreiligen Schlüsse ziehen«, sagte Harry Ide. »Der Mann ist besser, als er spricht.«

»Vielen Dank für das Wasser«, sagte Goodnight und schwang sich in den Sattel.

»Wegen dieser Arbeit...«

»Vielleicht komme ich zurück«, sagte Goodnight und ritt davon.

Boston Bill hatte Harry Ides Ranchhaus eine halbe Stunde vor Goodnights Ankunft erreicht. Er ließ sich schnell aus dem Sattel gleiten, trat an die Veranda und lehnte sich mit einer Schulter dagegen. Er sagte: »Harry«, und wartete. Jemand bewegte sich langsam aus dem Hinterzimmer nach vorn. Boston Bill verhielt sich still und überraschte Ide, als dieser aus der Tür trat. Ide sah ihn ein wenig zu spät. Also blieb er einfach stehen und sah Boston Bill an.

»Du siehst«, sagte Bill. »Ich habe dich erwischt.«

»Aha«, sagte Harry Ide mit spröder Stimme.

»Das soll dir nur zeigen, dass du nicht immer beschützt und sicher bist. Wenn ich dich fassen will, kann ich es immer tun. Du hast mich nicht einmal kommen sehen. Oder falls du mich gesehen hast, hättest du nie gedacht, dass ich verrückt genug sein könnte, dich geradewegs zu stellen.«

»Es war unerwartet«, stimmte Ide zu. Er lauschte mit ernster Aufmerksamkeit auf Boston Bills Worte und bewegte sich nicht.

»Dein Kopf ist voller hastiger Ideen«, erklärte Bill amüsiert. »Du suchst nach einer Möglichkeit, dich zu schützen, aber du hast keine Waffe. Sehr unvorsichtig.«

»Das stimmt.«

»Es müsste dir klar sein, dass kein Mensch je ganz sicher ist«, sagte Boston Bill.

»Das ist mir jetzt klar«, antwortete Ide.

»Dann sollte es dir weiterhin klar sein, dass ein Abkommen besser als ein Begräbnis ist«, fuhr Boston Bill fort.

Harry Ide hob langsam eine Hand und fasste sich an die Nasenspitze. Plötzlich drehte er sich um, ging drei Meter weg und wandte sich wieder Bill zu.

»Was soll das?«, fragte Bill.

Harry Ide zuckte mit den Schultern. »Was soll das mit dem Abkommen oder der Beerdigung bedeuten?«, fragte er.

»Es hat keinen Zweck für dich, mich zu bekämpfen«, antwortete Bill. »Du könntest dabei getötet werden. Auf alle Fälle wirst du dadurch ärmer.«

»Du bist ein schlauer Bursche«, sagte Harry Ide. »Was für eine Idee willst du mir da auf so freundliche Art unterbreiten?«

»Warum sollten wir einander überhaupt bekämpfen?«

»Ich möchte gern meine Rinder behalten«, antwortete Harry

Ide trocken. »Ich schätze, ich werde immer darum kämpfen, sie zu behalten.«

»Ich kann deine Herden jederzeit überfallen. Das habe ich schon getan. Kämpfen nützt dir nichts.«

»Zeig mir etwas Besseres«, sagte Ide. Er hatte gestanden, und jetzt setzte er sich langsam hin.

»Was soll das?«, fragte Boston Bill wieder neugierig.

»Ich hatte das Stehen satt«, sagte Ide.

»Nein«, sagte Bill. »Du meinst wahrscheinlich, ich bringe es nicht fertig, einen sitzenden Mann zu erschießen.«

»Stimmt das etwa nicht?«

»Nein«, sagte Boston Bill. »Aber daran denke ich im Augenblick nicht. Hör zu. Ich lass dich in Frieden. Ich komme deiner Weide nicht nahe, wenn du mir aus dem Weg gehst!«

»Du machst vielen von meinen Freunden zu schaffen«, antwortete Harry Ide. »Ich werde zu ihnen halten.«

»Kümmere dich nicht um deine Freunde. Hier ist ein weiterer Vorschlag. Du möchtest ein Stück der Hügel als Sommerweide. Reite hin und besetze die Weide. Sag mir nur, warm und wo du das Land besetzen willst, und ich gehe dir aus dem Weg.«

»Du bietest mir an, deine Freunde im Stich zu lassen, wenn ich meine im Stich lasse«, sagte Harry Ide. »Warum?«

»Deine Freunde erwarten von dir, dass du Jagd auf mich machst und mich loswirst. Meine Freunde erwarten von mir, dass ich dich erledige. Dumm, nicht wahr? Wir können beide was Besseres tun.«

»Ich verstehe«, sagte Ide. »Du möchtest mehr Sicherheit haben als bisher.«

»Genau das«, sagte Bill.

»Ich überleg' mir's mal«, sagte Ide.

»Tu das«, sagte Bill. »Es ist immer besser, vernünftig zu sein. Es ist auch viel einträglicher.« Er wandte sich Goodnight zu, als dieser in den Hof geritten kam.

Der Nachmittag war halb vorüber, und die Hitze hatte ihren Höhepunkt erreicht, während Goodnight weiter nach Osten ritt. Gegen fünf Uhr begann das flache Land in Sanddünen und Lehmgräben überzugehen. Hier und da stand eine Pinie.

Goodnight überquerte einen flachen Bach und gönnte seinem Pferd einen kurzen Trunk. Kurze Zeit später erreichte er die Straße, die sich in das terrassenförmige Hochland schlängelte. Der Abend dämmerte bereits, und die Luft war kühler und frischer geworden, als er Sherman City vor sich auftauchen sah.

Der Ort lag auf einer Terrasse. Auf der einen Seite erstreckte sich die Wüste, und auf der anderen Seite erhoben sich die Berge. Eine Doppelreihe von Gebäuden zog sich beiderseits der Hauptstraße entlang, und weitere Häuser lagen in der wasserblauen Dämmerung verstreut. Jenseits dieser Häuser mündete die Straße in einen Canyon und verschwand zwischen den Steilhängen der Owlhorns, deren Schatten hart auf dem Ort zu lasten schienen. Eine Brücke aus Holzplanken führte über einen Bach. Er ritt an den ebenerdigen Häusern entlang, aus deren offenen Türen und staubigen Fenstern Licht auf die Straße fiel. An einer großen Straßenkreuzung lagen ein Hotel, ein Laden und zwei Saloons. Der eine hieß The Trail, der andere Texican. Hinter dem Texican lag ein Stall. Dorthin führte Goodnight sein Pferd.

Ein Mann kam aus dem Dunkel des Stalls hervor, musterte ihn scharf und sagte: »Die dritte Box hinten.«

Nachdem Goodnight sein Pferd versorgt hatte, schlenderte er zum Texican hinüber und ging hinein. Es war Abendbrotzeit und nicht viel los. Er ließ sich von dem Barkeeper einen Whisky geben, leerte schnell sein Glas und kehrte auf die Straße zurück. Von den dunklen Hügeln wehte jetzt ein kühler Luftzug herab, während Goodnight an der Wand vor dem Saloon lehnte und sich eine Zigarette drehte.

Vielleicht ist dies das Ende der langen Reise, dachte er.

Drei Männer kamen aus dem Trail-Saloon und gingen auf

das Hotel zu. Einer von ihnen war Boston Bill. Er sah Goodnight, und über Boston Bills Gesicht huschte ein kleines Grinsen, während er mit seinen beiden Gefährten ins Hotel ging.

Dann kam noch ein Mann aus der Dunkelheit. Er hatte eckige Schultern und trug einen Stetson mit festem Rand. Als er die Straßenkreuzung erreichte, blieb er stehen und schaute sich lässig um. Er bemerkte Goodnight und kam langsam auf ihn zu. Der Lichtschein aus dem Saloon traf seine Augen und zeigte den hellgrünen Schimmer darin.

»Essen Sie Ihr Abendbrot und treffen Sie mich nachher am Ende dieser Straße«, murmelte er im Vorbeigehen.

Goodnight wartete, bis der andere Mann im Texican verschwunden war. Dann ging er ins Hotel, schrieb sich ins Meldebuch ein und stieg eine knarrende Treppe zu einem Zimmer im Obergeschoss hinauf. Er zog sein Hemd aus, füllte die Waschschüssel aus dem Krug und spürte beim Waschen, wie die Maske von Alkalistaub auf seiner Gesichtshaut zersprang und sich auflöste. So heiß war der Tag.

Nachdem er den Staub aus seinem Hemd geschüttelt und es wieder angezogen hatte, verließ er das Zimmer. Er kam an der offenen Tür eines anderen Zimmers vorbei, in dem sechs Männer um einen Pokertisch saßen. Boston Bill war einer davon. Unten im Speiseraum fand er einen leeren Tisch und bestellte sein Essen. Er aß mit großem Appetit und drehte sich hinterher eine Zigarette. Vorhin hatte er sich ziemlich müde gefühlt, aber nach dem Essen war er wieder frisch.

Vielleicht musterte er deshalb mit besonderer Aufmerksamkeit die Frau, die in dem Augenblick den Speiseraum betrat, als er gerade aufstand, um zu gehen. Sie war noch jung, mit schwarzem Haar und üppiger Büste. Ihre Lippen waren gutgeformt, ihr Blick war kühl und ihr Auftreten selbstsicher.

Sie hatte einen Tisch gefunden, als er vorbeiging. Von der Tür aus schaute er noch einmal zurück, und ihre Blicke trafen sich. Sie schaute nicht weg. Ihre Augen waren schwarz-grau, und ihre Hände waren klein und kräftig. Sie wusste, dass sie hübsch war, und sie wusste auch, dass er sie begehrte. Das verriet ihr Blick, während sie ihn ansah. Er war ein Mann wie andere Männer, mit all den alten Impulsen. Ihre Haltung drückte das auch aus, aber während sie ihn weiterhin musterte, sah er so etwas wie Interesse in ihrem Blick aufglimmen. Dann wandte sie sich ab.

Er ging in den Saloon, kaufte sich eine Zigarre und beobachtete das Kommen und Gehen der Männer, während er an der Bar lehnte. Schließlich verließ er den Saloon und schlenderte an den erhellten Häusern entlang auf die Dunkelheit am Ende der Straße zu. Die Umrisse eines baufälligen Schuppens zeichneten sich vor ihm undeutlich aus der Dunkelheit ab. Er blieb dort stehen und machte kehrt, als wollte er zurückgehen. Niles Brands Stimme drang aus dem Schatten des Schuppens zu ihm hin.

»Ich habe eine Woche auf dich gewartet.«

»Irgendwelche Neuigkeiten?«

»Seine Fährte habe ich noch nicht gefunden.«

»Ich schätze, er wird hier irgendwo sein. In diesen Owlhorns scheinen viele von ihnen Unterschlupf zu suchen.«

  Zweites Kapitel

Goodnight ging hinter die Hütte und näher zu Niles Brand. Im Licht der Sterne und der dünnen Mondsichel sah er das leichte Lächeln im Gesicht seines Partners.

»Wie lange bist du schon hier, Niles?«

»Eine Woche. Ich habe nur herumgelungert und die Männer kommen und gehen sehen. Natürlich habe ich auch meine Ohren offengehalten. Hier ist eine ganze Menge los, Frank.«

»Er ist hier irgendwo in der Nähe«, wiederholte Goodnight. »Diese Owlhorns sind ein bekannter Schlupfwinkel. Höchstwahrscheinlich ist er hier.«

»Falls er nicht schon irgendwo vorher haltgemacht hat.«

»Am anderen Ende der Wüste hatte ich für kurze Zeit seine Fährte aufgespürt«, sagte Goodnight. »Er hatte sich in einem Ranch-Camp einquartiert und sein verletztes Bein kuriert. Einer von den Männern hat ihn beschrieben: jung und mit bereits ergrauenden Haarspitzen. Nach drei Tagen brach er wieder auf und ritt über die Wüste nach Osten.«

»Das könnte er sein«, sagte Niles.

»Falls er die Wüste überquert hat«, erklärte Goodnight, »würde er erst in den nächsten Bergen haltmachen. Das ist hier.«

»Diese Berge sind dreihundert Kilometer lang und achtzig Kilometer breit«, sagte Niles. »Wie willst du das ganze Gelände absuchen?«

»Ziemlich bald wird er es schrecklich satt haben, allein zu leben. Dann wird er in den Ort kommen. Wir bleiben hier und warten.«

Niles sagte wieder: »Hier ist eine ganze Menge los, Frank.«

Er suchte nach seinem Tabak und rollte sich eine Zigarette. Als er ein Streichholz anriss, war zu sehen, dass sein Gesicht von der Sonne rotgebrannt war. Seine Augenbrauen waren sandfarbig ausgebleicht. Einen Moment lang schimmerten seine Augen im Licht der Streichholzflamme stählern grau und hell. Er nahm einen tiefen Zug.

»Alle laufen hier 'rum und lauern darauf, dass einer eine falsche Bewegung macht«, berichtete er weiter. »So etwas habe ich noch nie erlebt.«

»Warum?«

»Die großen Ranches in der Ebene schicken ihre Herden zur Sommerweide in die Berge hinauf. In den letzten paar Jahren haben kleinere Rancher in den Bergen mit der Rinderzucht begonnen und dadurch das Weideland der Großrancher in der Ebene beschnitten. Es hat Kämpfe deswegen gegeben. Außerdem sind diese Berge voller Banditen, und sie treiben Rudel von den Herden der Großrancher in die Wälder und verkaufen sie an die Hügel-Rancher. Soviel ich gehört habe, gibt es da einen Burschen namens Boston Bill, der eine Horde von zwölf Desperados um sich versammelt hat. Dieser Bill scheint die gestohlenen Rinder an eine Hügel-Ranch zu liefern, die von einem Mann namens Hugh Overman geführt wird. Es gibt eine Menge von diesen kleinen Hügel-Ranches, und sie halten alle zusammen und sehen die Rinder der Großrancher als Freiwild an.«

»Wir werden einfach hierbleiben und warten«, sagte Goodnight wieder.

»Sei vorsichtig«, sagte Niles Brand. »Alle Neuankömmlinge werden beobachtet. Ein Mann muss sich entweder der einen Partei oder der anderen anschließen, und sie werden uns beiden nachspionieren, bis sie es herausgefunden haben. Jedesmal, wenn ich die Straße entlang gehe, frage ich mich, wann es kracht.«

»Wenn wir uns treffen müssen, sollten wir es immer hier nachts tun«, sagte Goodnight.

»Man hat mir eine Arbeit angeboten«, sagte Niles. »Stallknecht.«

»Nimm den Posten an«, sagte Goodnight, »das gibt dir einen Grund, hierzubleiben.«

»Oh, mein Gott«, stöhnte Niles. »Ausgerechnet das soll ich machen. Und was machst du?«

»Ich werd' schon was finden.«

»Sei vorsichtig!«, sagte Niles. »Es ist hier furchtbar leicht, in die falsche Gesellschaft zu geraten.«

»Wir wollen nichts weiter, als einen bestimmten Mann erwischen. Niles«, sagte Goodnight mit sanfter Endgültigkeit, »so leicht werden wir es ihnen nicht machen.«

Er entfernte sich langsam vom Schuppen und beobachtete vorsichtig die Straße.

Zwischen ihrem Haus und der angrenzenden Hinterfront des Hotels lag eine schmale Gasse. An der Einmündung der Gasse saß ein alter Mann mit weißem, kurz gestutztem Backenbart auf einer Kiste. Unter dem Hutrand hervor warf er einen schrägen Bück zu Goodnight hinüber. Unwillkürlich blieb Goodnight stehen und sah den alten Mann an. Er fragte sich, wieviel der alte Mann gesehen hatte.

Der Kopf des alten Mannes hob sich. Er sah Goodnight mit einem listigen Lächeln an.

»Wissen Sie, warum ich hier in der Gasse sitze?«, fragte er. »Durch eine Gasse weht in einer heißen Nacht immer mehr Wind. Deswegen sitze ich hier.«

»Ein guter Platz, um eine Menge zu sehen«, sagte Goodnight.

»Ich sehe eine Menge, und ich weiß eine Menge«, sagte der Alte. »Ich weiß mehr, als ich je erzählen werde. Wenn ich alles erzählt hätte, was ich weiß, würde ich kein alter Mann geworden sein. Ich schätze, ich bin der einzige hier im Ort, der sich nicht eingeordnet hat.«

»Wie eingeordnet?«

»Auf die eine oder andere Seite«, sagte der Alte mit einer Spur von Ungeduld. »Ich bin so alt, dass sich keiner darum kümmert, wo ich stehe. Aber wenn die Leute wüssten, wieviel ich weiß, würden sie sich schon um mich kümmern. Also verhalte ich mich still. Sie haben sich auch nicht eingeordnet, nicht wahr?«

Die Neugier schimmerte dabei aus seinen kleinen Augen, und er beugte sich unwillkürlich vor, als er auf die Antwort wartete.

»Nein«, sagte Goodnight, »ich habe mich nicht eingeordnet.«

Im Weitergehen hörte er hinter sich das merkwürdige Kichern des Alten, halb weise und halb einfältig. »Er hat Niles und mich gesehen«, dachte er. Das musste er im Gedächtnis behalten.

An der Ecke des Hotels blieb er stehen, drehte sich gemächlich eine Zigarette und beobachtete. Direkt vor ihm war der Trail-Saloon. Der Texican-Saloon lag rechts von ihm. Dort standen noch die drei Reiter, die vor kurzem angekommen waren. Ein kleiner Mann mit einem pockennarbigen Gesicht kam auf einem großen, braunen Pferd herangeritten. Er stieg vor dem Hotel ab und schaute zu den Männern vor dem Texican-Saloon hinüber. Sie musterten ihn mit gleichem Interesse, und nachdem er im Hotel verschwunden war, betraten sie den Texican-Saloon. Nach kurzer Zeit kehrten sie mit drei anderen Männern zurück. Sie sprachen leise miteinander und verteilten sich dann in der Dunkelheit. Ein Mann blieb vor dem Saloon stehen.

Inzwischen hatte Goodnight seine Zigarette zu Ende geraucht. Er ließ den Stummel fallen und trat ihn aus. Im gleichen Moment hörte er schnelle Schritte hinter sich. Das Mädchen aus dem Hotelrestaurant kam an ihm vorüber, sah ihn an und ging weiter. Während er über die staubige Straße zum Trail-Saloon ging, spürte er noch immer die Nähe des Mädchens. An der Tür des Saloons blieb er noch einmal stehen und schaute sich um. Das Mädchen war vor einem Laden stehengeblieben, und ihr Blick war auf ihn gerichtet.

Er betrat den Trail-Saloon. Nachdem er einen Finger gehoben hatte, stützte er seine Ellbogen auf die Bar. Der Barkeeper bewegte sich etwas langsam, als er ihm Flasche und Glas brachte.

»Sie haben Ihren letzten Drink im Texican getrunken, nicht wahr?«, fragte er und musterte Goodnight.

»Das stimmt.«

»Bob«, rief der Barkeeper durch den Raum, »er hat seinen letzten Drink im Texican getrunken.«

Es waren noch vier andere Männer in diesem Saloon. Einer von ihnen stand an einem kleinen Fenster und spähte zum Texican hinüber; die übrigen drei standen still und aufmerksam neben ihm. Der Mann am Fenster drehte sich um. Er hatte massige Schultern und trug einen borstigen Schnurrbart. Ais er sich in Bewegung setzte, folgten ihm die drei anderen sofort. Er stellte sich direkt vor Goodnight auf, der sich mit dem Rücken an die Bartheke gelehnt hatte.

»Wäre es nicht besser, wenn Sie in Ihrem eigenen Hinterhof blieben?«, sagte der Mann namens Bob.

»Wem gehört der Hof hier?«, fragte Goodnight zurück.

Einer von den anderen sagte: »Er ist vor dem Abendessen in die Stadt geritten.«

»Vielleicht sind Sie fremd hier«, sagte Bob. »Woher kommen Sie?«

»Das ist meine Angelegenheit, Bob.«

»Ist es das?«, sagte Bob sehr sanft. »Nun, vielleicht.« Er musterte Goodnight mit einem misstrauischen Blick. »Und vielleicht sind Sie auch nicht so fremd hier. Vielleicht wissen Sie, was Sie tun.«

»Lasst uns alle ein Glas trinken und herausfinden, was ich tue«, schlug Goodnight vor.

»So einfach ist das nicht«, sagte Bob. »Falls Sie vom Texican herübergekommen sind, um hier ein Überraschungsmanöver zu starten...« Er hielt inne und dachte darüber nach. Dann ging er zur Tür, öffnete sie einen Spalt breit und spähte zum >Texican< hinüber. Er kam zurück. »Gehen Sie wieder hinüber und sagen Sie denen, wir werden uns allem stellen, was sie anfangen.«

»Erzählen Sie ihnen das doch selber«, sagte Goodnight.

Er hatte diesen Bob vor sich, und die drei anderen an seiner Seite. In Bobs Gesicht zuckte es verräterisch.

»Bob«, sagte Goodnight, »gehen Sie von der Tür weg, sonst...«

Ein Mann stieß einen langgezogenen Schrei aus, und gleich darauf krachte ein Schuss. Bob griff nach seinem Revolver und hatte ihn halb gezogen, bevor Goodnights rechte Hand mit der Whiskyflasche von der Theke herumschwang. Goodnight zielte und ließ die Flasche leicht über Bobs Schädel streifen. Bobs Knie knickten ein, und er stützte sich mit den Händen

auf den Boden. Goodnight sprang an ihm vorbei, um die andern vor sich zu haben.

Aber die drei rannten schon auf die Straße hinaus und dachten nicht mehr an ihn. Er bückte sich und hob Bobs Revolver auf, der nahe bei der Bar lag. Dann packte er Bob an einem Arm und stellte ihn wieder auf die Füße. Bob schüttelte die Benommenheit aus seinem Kopf und kam sehr schnell wieder zu sich. Er schlug Goodnights Arm weg und trat zur Seite. »Zum Teufel mit Ihnen.«

»Wenn Sie einen Kampf suchen, dort auf der Straße ist einer«, sagte Goodnight. »Schauen wir uns das mal an.«

Er reichte Bob den Revolver mit der Mündung nach vom zurück und eilte auf die Tür zu. An Goodnight vorbei stürmte Bob auf die Straße hinaus und rief dem pockennarbigen Mann etwas zu, der erst vor kurzem angekommen war. Der Pockennarbige wich langsam vom Texican-Saloon und von einer Gruppe von Männern zurück, die dort standen.

»Komm her, Slab«, rief Bob und rannte auf Slab zu. Seite an Seite wichen die beiden langsam zurück.

Die Gruppe am Texican-Saloon hatte offensichtlich für Slab eine Falle errichtet und wollte sie jetzt zuschnappen lassen. Goodnight sah noch zwei Männer am Nordende der Straße im Sattel sitzen, als warteten sie auf ein Signal. Er entdeckte Niles Brand an der Ecke des Hotels und sah im nächsten Moment das Mädchen aus dem Laden neben dem Hotel treten. Zwischen den beiden Gruppen von Männern hindurch ging sie auf die Hotelecke zu.

Eine Männerstimme rief plötzlich etwas, und die beiden Reiter galoppierten im nächsten Moment auf die Straßenkreuzung zu.

Goodnight drängte sich durch die eine Gruppe von Männern und rannte auf das Mädchen zu. Er fasste ihren Arm und zog sie schnell auf den Gehsteig. Während er sie an eine Hauswand drängte, spürte er ihren Herzschlag an seinem Arm. Sie schaute zu ihm auf und lächelte ihn an.

»Ach, mir passiert nichts«, sagte sie leise. »Aber es ist trotzdem nett, dass Sie sich um mich gekümmert haben.«

Die Gruppe vom Hügel sprengte jetzt in das Zentrum des Ortes. Ein großer Mann mit einem schwarzem Backenbart führte diese Gruppe an, und seine Stimme übertönte die galoppierenden Hufschläge.

»Reitet sie nieder - reitet sie nieder!«, rief er.