Die Wildwood-Chroniken Band 1-3: Wildwood / Das Geheimnis unter dem Wald / Der verzauberte Prinz (3in1-Bundle) - Colin Meloy - E-Book
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Die Wildwood-Chroniken Band 1-3: Wildwood / Das Geheimnis unter dem Wald / Der verzauberte Prinz (3in1-Bundle) E-Book

Colin Meloy

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Beschreibung

Die Erfolgsreihe von Colin Meloy in einem Band

Das Leben der zwölfjährigen Prue verläuft völlig normal. Zumindest bis ihr geliebter kleiner Bruder Mac eines Tages von einer Schar Krähen in die Lüfte gehoben und in die Undurchdringliche Wildnis verschleppt wird, ein großes und dicht bewachsenes Waldgebiet am Rande von Portland. Um ihren Bruder zu retten, überschreitet Prue die Grenzen des Waldes und entdeckt eine unglaubliche Welt …

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Nach ihren Abenteuern im geheimnisvollen Wildwald kann sich die zwölfjährige Prue nur schwer wieder an den Alltag gewöhnen: Die Schule, die sie früher geliebt hat, langweilt sie plötzlich. Ständig muss sie an ihren Freund Curtis denken, der jetzt als tapferer Räuber in der Undurchdringlichen Wildnis lebt. Kein Wunder, dass Prue keinen Augenblick zögert, in das geheimnisvolle Waldreich zurückzukehren, als Curtis sie um Hilfe bittet. Denn ganz Wildwald droht für immer von der Landkarte getilgt zu werden…

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Für die zwölfjährige Prue und ihren besten Freund Curtis, die schon einmal die Undurchdringliche Wildnis und ihre geheimnisvollen Bewohner vor dem Untergang bewahrt haben, brechen noch längst keine ruhigeren Zeiten an: So erweckt ein unbedachtes Experiment einen bösen Geist aus der Vergangenheit zum Leben. Eine Bande von Waisenkindern macht sich auf den Weg in die Industriewüste, um ihre dort gefangen gehaltenen Freunde zu befreien. Und der alte Ratsbaum stößt düstere Prophezeiungen aus, in denen die Rede von einem Roboterprinzen ist, der die Welt retten wird. Einmal mehr müssen Prue und Curtis in die Tiefen des Wildwalds reisen – mit all seinen eigenwilligen Bewohnern, bei denen man oft erst im letzten Augenblick weiß, woran man ist …Wird es ihnen diesmal gelingen, die dunklen Mächte für alle Zeiten zurückzudrängen?

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Sammlungen



COLIN MELOY

WILDWOOD

WILDWOOD

DAS GEHEIMNIS UNTER DEM WALD

WILDWOOD

DER VERZAUBERTE PRINZ

Drei Romane in einem Band

Mit Bildern vonCARSON ELLIS

Aus dem Amerikanischen vonASTRID FINKE

Das Buch

Das Leben der zwölfjährigen Prue verläuft völlig normal. Zumindest bis ihr geliebter kleiner Bruder Mac eines Tages von einer Schar Krähen in die Lüfte gehoben und in die Undurchdringliche Wildnis verschleppt wird, ein großes und dicht bewachsenes Waldgebiet am Rande von Portland. Um ihren Bruder zu retten, überschreitet Prue die Grenzen des Waldes und entdeckt eine unglaubliche Welt … 

Der Autor

Colin Meloy wurde 1974 in Montana geboren. Er studierte Kreatives Schreiben in Montana und Oregon, bis er schließlich die Band The Decemberists gründete, mit der er zahlreiche internationale Erfolge feierte. WILDWOODist sein erstes Jugendbuch und die Erfüllung eines lang gehegten Traums, über die märchenhafte Wildnis rund um seine Wahlheimat Portland zu erzählen. Er ist verheiratet mit der Illustratorin Carson Ellis und hat zwei Söhne. Gemeinsam haben sie die Welt von WILDWOODerschaffen.

Die Illustratorin

Carson Ellis, Jahrgang1975, ist Illustratorin und Künstlerin. Bekannt wurde sie für ihre Gestaltung der Alben von The Decemberists, der Band ihres Mannes Colin Meloy. Seitdem hat sie in ihrem unverwechselbaren Stil zahlreiche Kinderbücher illustriert, wurde 2010 mit der Silbermedaille der Society of Illustrators ausgezeichnet und hat mit ihren Illustrationen für WILDWOOD internationale Anerkennung erlangt. Carson Ellis lebt mit ihrem Mann und ihren Söhnen in Portland, Oregon.

Die Originalausgaben sind unter den Titeln Wildwood, Under Wildwood und Wildwood Imperium als The Wildwood Chronicles 1–3 bei Balzer + Bray, HarperCollinsPublishers, New York erschienen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Vollständige deutsche Sonderausgabe 05/2021

Copyright ©2011, 2012, 2014 by Unadoptable Books, LLC

Copyright ©2012, 2013, 2014 der deutschsprachigen Ausgaben by

Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Babette Kraus

Umschlaggestaltung: Stardust / Teresa Mutzenbach

Umsetzung E-Book: Greiner & Reichel, Köln

ISBN: 978-3-641-28623-1V001

www.heyne.de

COLIN MELOY

WILDWOOD

ROMAN

Mit Bildern vonCARSON ELLIS

Aus dem Amerikanischen vonASTRID FINKE

Für Hank natürlich

FARBTAFELN

1. Prue blieb stehen und lehnte sich an eine Tanne, um ihre grüne Umgebung zu betrachten.

2. »Ich kann gar nicht fassen, dass es all das hier die ganze Zeit gab und ich nichts davon wusste.«

3. Prue flog. Das Gefühl war unglaublich.

4. Immer weiter sank der Nebel von der Brücke herab, bis er sich unmittelbar darunter angesammelt hatte und das beeindruckende Bauwerk in seiner Gesamtheit freigab.

5. »Unglaublich, oder? Aber du bist nicht die erste Außenweltlerin, die den Ratsbaum sieht, wenn auch nur wenige diese Reise gewagt haben.«

6. Mit einer Hand drückte die Witwe ihn auf den Stein und begann ihr Ritual.

ERSTER TEIL

EINS

Ein Schwarm Krähen

Wie fünf Krähen es schafften, ein neun Kilo schwe res Baby in die Lüfte zu heben, ging über Prues Verstand – aber das Wie war noch ihre geringste Sorge. Ja, hätte sie in eben diesem Moment, als sie ihren Bruder Mac in den Klauen von fünf schwarzen Vögeln davonschweben sah, ihre Sorgen auflisten müssen, wäre die Frage, wie das gelingen konnte, an allerletzter Stelle gelandet. Ganz oben auf der Liste: dass ihr kleiner Bruder, für den sie die Verantwortung trug, von Vögeln entführt wurde. Dicht gefolgt von: Was hatten sie mit ihm vor?

Dabei hatte der Tag so gut begonnen.

Zwar war es ein bisschen grau gewesen, als Prue an jenem Morgen aufgewacht war, aber welcher Septembertag in Portland war das nicht? Sie hatte die Jalousien in ihrem Zimmer hochgezogen und einen Moment innegehalten, um die Äste vor ihrem Fenster zu betrachten, umrahmt von einem dunstig weißgrauen Himmel. Es war Samstag, und der Geruch von Kaffee und Frühstück wehte von unten herauf. Ihre Eltern saßen bestimmt schon wie immer am Frühstückstisch: Paps, die Nase hinter der Zeitung vergraben, würde hin und wieder einen Becher lauwarmen Kaffee an die Lippen führen; Mama würde durch eine Hornbrille auf die wollige Masse ihres Strickzeugs starren, von dem niemand so recht wusste, was daraus werden sollte. Und ihr Bruder, ein stolzes Jahr alt, würde in seinem Hochstuhl fröhlich vor sich hin brabbeln und dabei die fernsten Grenzregionen der Unverständlichkeit erforschen: Da! Dada! Und genau so war es auch, als Prue in die Essecke neben der Küche kam. Ihr Vater murmelte eine Begrüßung, die Augen ihrer Mutter lächelten über den Rand ihrer Brille hinweg, und ihr Bruder quiekte: »Puuuh!« Prue schüttete sich Müsli in eine Schüssel.

»Ich habe Speck auf dem Herd«, sagte ihre Mutter, während sie sich wieder dem wuscheligen Knäuel in ihren Händen zuwandte (war es ein Pulli? Ein Kaffeewärmer? Oder eine Schlinge?).

»Aber Mama«, antwortete Prue, während sie sich Reismilch über ihr Müsli goss. »Ich hab dir doch gesagt, dass ich Vegetarierin bin. Ergo: kein Speck.« Das Wort ergo hatte sie vor Kurzem in einem Roman gelesen und jetzt zum ersten Mal benutzt. Sie war sich nicht ganz sicher, ob sie es richtig verwendet hatte, aber es fühlte sich gut an. Sie setzte sich an den Küchentisch und zwinkerte Mac zu. Ihr Vater spähte kurz über seine Zeitung und lächelte.

»Na, was hast du heute vor?«, fragte er. »Denk dran, dass du auf Mac aufpasst.«

»Hmmm, weiß nicht«, entgegnete Prue. »Ich dachte mir, wir könnten ein bisschen um die Häuser ziehen. Ein paar alte Damen aufmischen. Vielleicht einen Haushaltswarenladen überfallen und die Beute versetzen. Ist auf jeden Fall spannender als ein Kunsthandwerkermarkt.«

Ihr Vater prustete los.

»Vergiss nicht, die Bücher in der Bücherei abzugeben. Sie liegen in dem Korb neben der Haustür«, erinnerte ihre Mutter sie über die klackernden Stricknadeln hinweg. »Bis zum Abendessen müssten wir zurück sein, aber du weißt ja, wie lange solche Sachen dauern können.«

»Alles klar«, sagte Prue.

Mac rief: »Puuuh!«, fuchtelte wild mit einem Löffel herum und nieste.

»Übrigens glauben wir, dass dein Bruder sich erkältet hat«, sagte ihr Vater. »Also achte bitte darauf, dass er warm eingepackt ist, egal was ihr unternehmt.«

(Und während die Krähen ihren Bruder jetzt immer höher in den bewölkten Himmel hinauf trugen, fiel Prue plötzlich noch eine weitere Sorge ein: Er hat vielleicht eine Erkältung!)

Das war also der Morgen gewesen. Ziemlich unspektakulär. Prue aß ihr Müsli auf, überflog die Comics in der Zeitung, ergänzte ein paar einfache Wörter im Kreuzworträtsel ihres Vaters und machte sich dann daran, den roten Radio-Flyer-Anhänger an ihrem Fahrrad zu befestigen. Der Himmel war immer noch von einem gleichmäßigen Grau bedeckt, doch es sah nicht nach Regen aus. Also steckte sie den weiter vor sich hin brabbelnden Mac in einen gefütterten Cordstrampler, wickelte ihn in eine Steppdecke und setzte ihn in den Anhänger. Dann befreite sie einen Arm aus diesem Kleidungskokon und drückte ihm sein Lieblingsspielzeug in die Hand: eine Holzschlange. Er schüttelte sie dankbar.

Prue schwang sich auf den Sattel, trat kräftig in die Pedale und setzte das Fahrrad in Bewegung. Der Anhänger hüpfte geräuschvoll hinter ihr her, und bei jedem Ruck kreischte Mac glücklich auf. Sie rasten durch die Siedlung mit den adretten Schindelhäusern dahin, polterten über Bordsteinkanten und schlingerten um Pfützen herum, sodass Macs Wägelchen beinahe umkippte. Die Reifen gaben ein zufriedenes Schschschsch von sich, als sie über den nassen Asphalt pflügten.

Der Vormittag war mit den verschiedensten Erledigungen im Nu verflogen – eine Levi’s Jeans von nicht ganz der richtigen Farbe wurde umgetauscht, ein Blick in den Secondhand-Plattenladen um die Ecke geworfen, und in einem mexikanischen Imbiss teilten sich die Geschwister unter viel Geklecker eine vegetarische Tostada. Der Nachmittag war angenehm warm, und so saß Prue draußen vor dem Café auf der Hauptstraße, während Mac friedlich in seinem roten Anhänger schlummerte. Behaglich schlürfte sie heiße Milch und beobachtete durch das Fenster die Angestellten des Cafés, die sich ungeschickt damit abmühten, einen Elchkopf vom Flohmarkt an der Wand aufzuhängen. Auf der Lombard Street brummten die Autos vor sich hin, als erste Vorboten des bald einsetzenden Abendverkehrs in diesem gemächlichen Stadtviertel. Einige Passanten gurrten dem schlafenden Kind im Anhänger zu, und Prue lächelte schief, etwas genervt davon, zusammen mit ihrem Bruder so was wie ein Bilderbuch-Geschwisterpaar abzugeben. Gedankenlos kritzelte sie in ihr Skizzenbuch: den von Laub verstopften Gully vor dem Café, Macs stilles Gesichtchen, zwar etwas unscharf, dafür mit extra Augenmerk auf den dünnen Rotzfaden, der aus seinem linken Nasenloch tropfte. So war der Nachmittag vor sich hingeplätschert – bis Mac aufwachte und Prue aus ihrer Trance riss. »Also gut«, sagte sie und nahm ihren Bruder auf den Schoß, der sich den Schlaf aus den Augen rieb. »Machen wir uns wieder auf den Weg. Zur Bücherei?« Mac schob verständnislos die Lippen vor.

»Na dann, zur Bücherei.«

Mit quietschenden Reifen kam Prue vor der Stadtteilbibliothek von St. Johns zum Stehen und schwang sich vom Fahrradsattel. »Lauf nicht weg«, sagte sie zu Mac und griff sich den kleinen Bücherstapel aus dem Anhänger. Dann trabte sie in die Eingangshalle, stellte sich vor den Rückgabeschlitz und sah die Bücher in ihrer Hand durch. Plötzlich hielt sie inne und seufzte: der Vogelführer von David Sibley. Trotz aller Mahnungen und Drohbriefe der Bibliothekare hatte sie ihn seit mittlerweile drei Monaten ausgeliehen, ehe sie sich schließlich dazu durchringen konnte, ihn zurückzugeben. Betrübt blätterte Prue durch die Seiten. Sie hatte Stunden damit verbracht, die wunderschönen Illustrationen abzuzeichnen, während sie gleichzeitig die fantastischen, exotischen Vogelnamen wie leise Zauberformeln vor sich hin flüsterte: Kieferntangare. Nachtschwalbe. Graubauchsegler. Die Namen beschworen Bilder von erhabenen Landstrichen und weit entfernten Orten herauf, von stillen Sonnenaufgängen in der Prärie und Vogelnestern in dunstigen Baumwipfeln. Ihr Blick wanderte von dem Buch in ihrer Hand zur Dunkelheit des Rückgabeschlitzes und zurück. Sie zog den Kopf ein, murmelte: »Ach, was soll’s«, und schob das Buch wieder in ihre Jacke. Dann würde sie den Zorn der Bibliothekare eben noch eine weitere Woche aushalten.

Mittlerweile war draußen eine alte Frau vor dem Anhänger stehen geblieben, die mit gerunzelter Stirn angestrengt nach dessen Besitzer Ausschau hielt. Mac kaute zufrieden auf dem Kopf der Holzschlange herum. Prue verdrehte die Augen, holte tief Luft und stieß die Tür der Bücherei auf. Als die Frau sie entdeckte, wedelte sie mit einem knotigen Finger in ihre Richtung und polterte los: »Ent-schuldigung, junges Fräulein! Das ist sehr gefährlich! Ein kleines Kind ganz allein zu lassen! Wissen seine Eltern, wie auf den Jungen aufgepasst wird?«

»Was, der da?«, fragte Prue, während sie aufs Fahrrad stieg. »Der arme Wurm hat keine Eltern. Ich hab ihn in der Zu-verschenken-Kiste der Bücherei gefunden.« Mit einem breiten Lächeln stieß sie sich vom Bürgersteig ab und fuhr los.

Der Spielplatz war leer, als sie ankamen. Prue wickelte Mac aus seinen vielen Schichten und setzte ihn neben den abgekoppelten Anhänger. Er fing gerade an zu laufen und nutzte fröhlich jede Gelegenheit, sein Gleichgewicht zu trainieren. Glucksend und grinsend klammerte er sich an dem Wägelchen fest und schob es langsam watschelnd über den Spielplatz. »Tob dich aus«, sagte Prue, setzte sich auf die Parkbank, zog Sibleys Vogelführer aus der Jacke und schlug die Seite über Lerchenstärlinge auf, die sie mit einem Eselsohr markiert hatte. Allmählich wurden die Schatten auf dem Asphalt länger, und der späte Nachmittag ging in den frühen Abend über.

Da bemerkte Prue zum ersten Mal die Krähen.

Anfangs waren es nur wenige, die am wolkenbedeckten Himmel ihre Kreise zogen. Aus den Augenwinkeln sah Prue, wie sie durch die Luft schossen, und blickte auf. Corvus brachyrhynchos; erst am Abend zuvor hatte sie von ihnen gelesen. Selbst aus dieser Entfernung staunte Prue über ihre Größe und die Kraft eines jeden Flügelschlags. Ein paar weitere stießen zu der Gruppe, und jetzt kreisten und flatterten mehrere auch über dem verlassenen Spielplatz. Ein Flug?, überlegte Prue. Eine Schar? Sie blätterte im Vogelbuch nach hinten, wo es ein Register der Bezeichnungen für Vogelgruppen gab: ein Schof Enten, ein Gesperre Fasane und – ein Schwarm Krähen. Als sie den Kopf wieder hob, erschrak sie: Der Krähenschwarm war inzwischen beträchtlich angewachsen. Dutzende von Vögeln – ein jeder von schwärzestem Pechschwarz – bohrten kalte, leere Löcher in den sich ausdehnenden Himmel. Prue warf einen Blick auf Mac. Er hatte sich samt Anhänger einige Meter entfernt und wackelte unbekümmert über den Asphalt. Sie wurde unruhig. »Hey, Mac«, rief sie. »Wo willst du hin?«

Plötzlich kam ein Wind auf. Prue sah erneut zum Himmel und stellte entsetzt fest, dass sich die Anzahl der Krähen verzwanzigfacht hatte! In der schwarzen Masse waren die einzelnen Vögel gar nicht mehr auszumachen; der Schwarm hatte sich zu einer einzigen, zuckenden Gestalt vereinigt, die das trübe Licht der Nachmittagssonne verdunkelte. Diese Gestalt schwang und bog sich jetzt in der Luft, und der Lärm der schlagenden Flügel und kreischenden Schreie war beinahe ohrenbetäubend. Prue blickte sich um, ob sonst noch jemand dieses sonderbare Schauspiel beobachtete – aber sie war ganz allein. Und dann gingen die Krähen in den Sturzflug.

Mit einem einzigen, gemeinsamen Schrei schwenkte die Wolke von Krähen zunächst kurz himmelwärts, um dann aber in furchterregender Geschwindigkeit auf ihren kleinen Bruder hinabzustoßen. Mac quiekte erschrocken auf, als die erste Krähe ihn erreichte und mit dem schnellen Schwung einer Klaue die Kapuze seines Strampelanzugs schnappte. Eine zweite hielt einen Ärmel fest, eine dritte packte die Schulter. Eine vierte, eine fünfte sank herab, bis der Schwarm seinen kleinen Körper umringte und wie ein Meer aus schimmernder, fedriger Schwärze bedeckte. Mit scheinbar müheloser Leichtigkeit wurde Mac vom Boden hoch in die Lüfte gehoben.

Prue war fassungslos und vor Schreck wie gelähmt: Wie machten sie das? Mit Entsetzen stellte sie fest, dass ihre Beine aus Beton waren und ihr Mund keinen Ton herausbrachte. Ihr gesamtes Leben, das so beschaulich, so vorhersehbar gewesen war, schien nun von diesem einen Ereignis abzuhängen. Alles, was sie je gefühlt oder geglaubt hatte, wurde mit einem Mal schrecklich bedeutungslos. Und nichts von dem, was ihre Eltern ihr beigebracht hatten, nichts, was sie je in der Schule gelernt hatte, hätte sie auf dieses Ereignis vorbereiten können. Oder auf das, was noch folgen sollte.

»LASST MEINEN BRUDER LOS!«

Als Prue endlich aus ihrer Benommenheit erwachte, bemerkte sie, dass sie auf der Bank stand und die Faust gegen die Krähen schüttelte – wie eine machtlose Comic-Figur, die einen Superschurken wegen eines Handtaschendiebstahls verwünscht. Die Krähen gewannen rasch an Höhe; jetzt hatten sie schon die höchsten Äste der Pappeln erreicht. Mac war inmitten des schwarzen, geflügelten Gewimmels kaum zu sehen. Prue sprang von der Bank und hob einen Stein auf. Sie zielte, dann schleuderte sie den Stein, so fest sie konnte – und stöhnte verzweifelt auf, als sie sah, dass er sein Ziel um Längen verfehlte. Die Krähen ließen sich nicht im Geringsten erschüttern. Inzwischen hatten sie die höchsten Wipfel der Umgebung schon weit hinter sich gelassen und flogen immer höher und höher; schon verschwammen die ersten Krähen in den tief hängenden Wolken. Die dunkle Masse bewegte sich nach einem geradezu trägen Muster: Immer wieder aufs Neue verharrte sie kurz, ehe sie dann plötzlich in die eine Richtung stieß und dann in die nächste. Da lichtete sich unvermittelt der Vorhang ihrer Leiber, und Prue konnte in weiter Ferne Macs Gestalt erkennen. Der braune Cordstrampler wirkte in den Klauen der Krähen wie eine grotesk verzerrte Stoffpuppe, und eine der Vogelkrallen hatte sich in dem feinen, kaum sichtbaren Flaum seiner Haare verheddert. Nun teilte sich der Schwarm in zwei Gruppen: Eine umringte weiterhin die wenigen Krähen, die Mac trugen, während die andere davonstob und die Baumwipfel umkreiste. Auf einmal ließen zwei der Krähen Macs Strampler los. Prue schrie auf. Die verbleibenden Vögel hatten alle Mühe, ihn festzuhalten. Prue sah, wie ihr Bruder aus den Klauen rutschte – und abstürzte. Doch da schoss schon die zweite Krähengruppe heran und fing Mac geschickt auf, und noch ehe er sich dem Boden auch nur nähern konnte, war er wieder in der Wolke der lärmenden Vögel verschwunden. Daraufhin vereinigten sich die beiden Gruppen erneut, zogen noch eine Schleife und schossen dann stürmisch vom Spielplatz in Richtung Westen davon.

Fest entschlossen, irgendetwas zu tun, raste Prue zu ihrem Fahrrad und nahm die Verfolgung auf. Ohne Macs roten Anhänger kam sie rasch in Fahrt und flitzte auf die Straße. Zwei Autos konnten gerade noch bremsen, als sie die Kreuzung vor der Bücherei überquerte. »Pass gefälligst auf!«, rief jemand vom Bürgersteig. Aber Prue wagte nicht, den Blick von den schwebenden, bebenden Krähen weit vor sich abzuwenden.

Ihre Beine waren nur noch ein verschwommener jeansblauer Fleck über den Pedalen, als Prue das Stoppschild an der Richmond Street, Ecke Ivanhoe überfuhr und das wütende Gebrüll eines Passanten auf sich zog. Schlitternd nahm sie die Kurve in Richtung Süden. Ohne das Gewirr aus Häusern, Vorgärten, Straßen und Stoppschildern, durch das Prue sich schlängeln musste, kamen die Krähen natürlich gut voran. Prue befahl ihren Beinen, noch schneller zu treten, um keinen Preis durfte sie sich abhängen lassen. Sie hätte schwören können, dass die Vögel auf dieser Verfolgungsjagd mit ihr spielten, dass sie immer mal wieder etwas zurückflogen, tief herabsanken und die Dächer der Häuser umflatterten, nur um dann einen großen Bogen zu beschreiben, abrupt zu beschleunigen und erneut gen Westen zu schnellen. In diesen Momenten erhaschte Prue einen flüchtigen Blick auf ihren in den Krallen seiner Entführer schaukelnden Bruder, bevor er wieder im Wirbelwind der Federn verschwand.

»Ich komme dich holen, Mac!«, brüllte sie. Tränen strömten über ihre Wangen, aber sie konnte nicht sagen, ob sie weinte oder die kalte Herbstluft daran schuld war, die ihr beim Fahren ins Gesicht schlug. Ihr Herz klopfte wie wahnsinnig, aber ihre Empfindungen waren seltsam gedämpft; sie konnte immer noch nicht fassen, dass all dies tatsächlich passierte. Ihr einziger Gedanke war, ihren Bruder zurückzuholen. Und sie schwor sich, ihn niemals wieder aus den Augen zu lassen.

Wildes Gehupe ertönte von allen Seiten, während Prue sich im Zickzack einen Weg durch den dichten Verkehr auf der St. Johns Street bahnte. Ein Müllwagen vollführte mitten auf der Willamette Street in aller Ruhe ein Wendemanöver und versperrte die Straße, sodass Prue gezwungen war, auf den Bordstein auszuweichen und dort weiterzurasen. Eine Fußgängergruppe sprang kreischend zur Seite. »Sorry!«, rief Prue. Prompt machten die Krähen in einem spitzen Winkel kehrt, und Prue musste heftig bremsen. Jetzt flogen sie ganz tief hintereinander in einer Reihe und genau auf sie zu. Prue stieß einen Schrei aus und duckte sich, als die Krähen über ihren Kopf hinwegsegelten und die Federn ihre Haare streiften. Sie hörte ein deutliches Glucksen und ein lautes »Puuuh!« von Mac – und schon war er wieder weg und die Krähen zurück auf ihrem Kurs nach Westen. Prue trat wieder in die Pedale und machte einen Satz zurück auf den schwarzen Asphalt der Straße. Sie verzog das Gesicht zu einer Grimasse, als sie den Aufprall des Fahrrads mit den Händen am Lenker abfing. Kurz entschlossen schlug sie einen scharfen Bogen nach rechts in eine Nebenstraße, die sich durch eine neue Siedlung aus identischen, weiß gestrichenen Doppelhäusern wand. Allmählich fiel der Boden sanft ab, Prue wurde schneller und das Fahrrad klapperte und wackelte unter ihr. Und dann hörte die Straße unvermittelt einfach auf.

Sie war am Kliff angekommen.

Hier auf der östlichen Seite des Willamette-Flusses befand sich die natürliche Grenze zwischen der dicht besiedelten Gemeinde von St. Johns und dem Flussufer: eine fünf Kilometer lange, steile Felswand, die einfach nur »das Kliff« genannt wurde. Prue schrie auf und bremste so heftig, dass sie beinahe über den Lenker und den Abhang hinuntergesegelt wäre. Die Krähen hatten das Kliff überflogen und schraubten sich in den Himmel wie eine zitternde, schwarze Tornadowolke, einzig und allein begleitet von dem Rauch, der von den Schmelzhütten und Schornsteinen des Industriegebiets aufstieg, dem Niemandsland auf der anderen Seite des Flusses, das vor langer Zeit von den örtlichen Industriebaronen in eine abweisende Landschaft aus Qualm und Stahl verwandelt worden war und das nun von allen nur noch »Industriewüste« genannt wurde. Unmittelbar dahinter erstreckte sich, so weit das Auge reichte, ein riesiges Gebiet dicht bewaldeter Hügel. Prue erbleichte.

»Nein«, flüsterte sie.

Ohne einen einzigen Laut erreichte der Krähenschwarm im Nu das jenseitige Flussufer und verschwand in einer langen, schmalen Kolonne in der Finsternis dieser Wälder. Ihr Bruder war in die Undurchdringliche Wildnis verschleppt worden.

ZWEI

Die Undurchdringliche Wildnis einer Stadt

Seit Prue denken konnte, prangte in der Mitte jeder Landkarte, die sie jemals von Portland und Umgebung gesehen hatte, ein großer dunkelgrüner Fleck: Er erstreckte sich wie Moos von der nordwestlichen Ecke bis in den Südwesten und war mit den geheimnisvollen Buchstaben »U. W.« beschriftet. Sie war nie auf die Idee gekommen, danach zu fragen, bis zu jenem Abend, noch vor Macs Geburt, an dem sie mit ihren Eltern im Wohnzimmer gesessen hatte. Ihr Vater hatte einen neuen Atlas mit nach Hause gebracht, und nun hatten sie sich in den Lesesessel gekuschelt, blätterten durch die Seiten, zeichneten mit den Fingern Grenzlinien nach und lasen einander die exotischen Städtenamen entlegener Länder vor. Als sie bei einer Landkarte von Oregon ankamen, deutete Prue auf die kleine eingefügte Karte von Portland und stellte die Frage, die sie schon lange im Stillen beschäftigt hatte: »Was bedeutet U. W.?«

»Nichts, Schätzchen«, lautete die Antwort ihres Vaters. Dann schlug er wieder die Russlandkarte auf, die sie kurz zuvor betrachtet hatten, und malte mit dem Finger einen Kreis auf den weiten nordöstlichen Teil des Landes, wo sich das Wort Sibirien quer über das Papier zog. Dort gab es keine Städtenamen und kein Netz aus gewundenen gelben Linien, das Straßen und Wege markierte. Nur ausgedehnte Pfützen in allen möglichen Grün- und Weißtönen und hier und da einen schnörkeligen blauen Strich, der die zahllosen abgeschiedenen Seen miteinander verband, die die Landschaft sprenkelten. »Es gibt Orte auf der Welt, an denen sich einfach keine Menschen niedergelassen haben. Vielleicht ist es dort zu kalt oder der Wald ist zu dicht oder die Berge sind zu steil. Aus welchem Grund auch immer, niemand wollte dort eine Straße bauen, und ohne Straßen gibt es keine Häuser und ohne Häuser keine Städte.« Jetzt blätterte er wieder zu der Portland-Karte und tippte mit dem Finger auf das »U. W.«. »Das heißt ›Undurchdringliche Wildnis‹. Und genau das ist es auch.«

»Warum lebt dort niemand?«, fragte Prue.

»Aus den gleichen Gründen, warum niemand in Sibirien wohnt. Als die Siedler neu in diese Gegend kamen und anfingen, Portland zu bauen, wollte dort niemand sein Haus haben: Der Wald war zu dicht und die Berge zu steil. Und da es dort keine Häuser gab, dachte niemand daran, eine Straße zu bauen. Und ohne Straßen und Häuser blieb einfach alles genau so, wie es war: menschenleer. Im Laufe der Zeit verwilderte die Gegend immer stärker und wurde noch unwirtlicher. Und daher«, erzählte er, »wurde sie die Undurchdringliche Wildnis getauft, und jeder machte wohlweislich einen Bogen darum.« Ihr Vater fegte mit einer wegwerfenden Handbewegung über die Karte und klemmte dann Prues Kinn sanft zwischen Daumen und Zeigefinger. Er zog ihr Gesicht dicht an seines heran und sagte: »Und ich möchte, dass du dort nie, nie hingehst.« Scherzhaft bewegte er ihren Kopf auf und ab und lächelte. »Hast du mich verstanden, mein Kind?«

Prue zog eine Grimasse und riss ihr Kinn los. »Ja, ich hab dich verstanden.« Dann blickten sie beide wieder in den Atlas, und Prue lehnte den Kopf an die Brust ihres Vaters.

»Das meine ich ernst«, sagte er. Sie spürte, wie seine Brust sich unter ihrer Wange anspannte.

Seitdem wusste Prue, dass sie sich von dieser Undurchdringlichen Wildnis fernzuhalten hatte, und so behelligte sie ihre Eltern auch nur noch ein einziges Mal mit Fragen darüber. Trotzdem konnte sie diese Sache nicht einfach so vergessen. Denn während in der Innenstadt immer mehr Hochhäuser aus dem Boden schossen und an den Ausfallstraßen der Vororte nagelneue Einkaufszentren entstanden, blieb dieser geheimnisvolle Landstrich unbeansprucht, unberührt, unbebaut – und das direkt am Rande der Stadt. Darüber wunderte Prue sich sehr. Und doch verlor kein Erwachsener jemals auch nur ein Wort darüber. Diese Gegend schien in den Köpfen der meisten Leute gar nicht zu existieren.

Der einzige Ort, an dem die Undurchdringliche Wildnis zur Sprache kam, war die Schule, wo Prue in die siebte Klasse ging. Dort machte eine ziemlich verwegene und zweifelhafte Geschichte die Runde, die gerne von den älteren Schülern erzählt wurde. Sie handelte von einem Mann, der aus Versehen in die U. W. gelaufen war und über viele Jahre hinweg verschwunden blieb. Mit der Zeit vergaß seine Familie ihn und lebte weiter vor sich hin, bis er eines Tages, aus heiterem Himmel, wieder vor der Tür stand. Er schien keine Erinnerung an die vergangenen Jahre zu haben und sagte nur, er habe sich eine Weile im Wald verirrt und schrecklichen Hunger. Prue war diese Geschichte von Anfang an verdächtig vorgekommen: nicht nur, dass sich die Identität dieses Mannes von Erzähler zu Erzähler veränderte – in der einen Version war es ein Vater, dann der Onkel von irgendwem, dann wieder ein missratener Cousin. Auch verschiedene andere Einzelheiten wurden immer wieder aufs Neue leicht abgewandelt. So wusste ein älterer Junge von einer anderen Schule der gebannt lauschenden Gruppe von Prues Mitschülern zu erzählen, dieser Mann (in dieser Version übrigens der ältere Bruder des Jungen) sei von seinem sonderbaren Aufenthalt in der Undurchdringlichen Wildnis unfassbar gealtert zurückgekehrt, mit einem dichten weißen Bart, der ihm bis auf die zerfledderten Schuhe reichte.

Trotz ihres fragwürdigen Wahrheitsgehalts wurde Prue durch diese Geschichten klar, dass die meisten ihrer Klassenkameraden ähnliche Gespräche mit ihren Eltern geführt haben mussten wie sie mit ihrem Vater. Und so hielt das Thema Wildnis auch unmerklich Einzug in ihr gemeinsames Pausenspiel: Der quadratische Ballspielplatz wurde nicht länger von einem See aus giftiger Lava begrenzt, sondern von der Undurchdringlichen Wildnis – und wehe dem, der nicht traf und dem roten Gummiball in dieses Dickicht nachrennen musste. Beim Fangen wurde man nicht mehr einfach zum Fänger gemacht, sondern zum Wilden Kojoten der U. W., der knurrend und kläffend seinen fliehenden Mitspielern hinterhertoben musste.

Das Schreckgespenst dieser Kojoten war es dann auch, das Prue dazu veranlasste, ihre Eltern ein zweites Mal auf die Undurchdringliche Wildnis anzusprechen. Eines Nachts war sie mit pochendem Herzen aufgewacht, geweckt von dem unverkennbaren Geräusch bellender Hunde. Als sie sich im Bett aufsetzte, hörte sie, dass der damals vier Monate alte Mac ebenfalls wach geworden war. Er weinte und wimmerte und wurde leise von ihren Eltern getröstet. Das Hundegebell war nur ein fernes Echo, aber dennoch schauerlich: eine klanglose Melodie von Gewalt und Chaos. Und je lauter es wurde, desto mehr Hunde in der Nachbarschaft fielen mit ein. Prue bemerkte, dass das ferne Bellen anders klang als das der Hunde in der Nähe; es war schriller, ungeordneter und wütender. Sie schlug die Decke zurück und ging ins Schlafzimmer ihrer Eltern. Der Anblick dort war ihr unheimlich: Mac hatte sich inzwischen etwas beruhigt und wurde auf dem Arm seiner Mutter gewiegt, während die Eltern am Fenster standen und mit blassen und ängstlichen Mienen starr über die Stadt hinweg auf den fernen westlichen Horizont blickten.

»Was ist das für ein Geräusch?«, fragte Prue und stellte sich neben ihre Eltern. Vor ihnen breiteten sich die Lichter von St. Johns aus, ein Meer funkelnder Sterne, das am Fluss endete und sich in Dunkelheit auflöste.

Beim Klang ihrer Stimme schraken ihre Eltern zusammen, und ihr Vater antwortete: »Da heulen nur ein paar alte Hunde.«

»Aber das da weiter weg?«, fragte Prue. »Das klingt nicht nach normalen Hunden.«

Prue sah, wie ihre Eltern einen raschen Blick wechselten, und ihre Mutter sagte: »Im Wald gibt es ein paar ziemlich wilde Tiere, mein Liebling. Das ist vermutlich ein Rudel Kojoten, das gern über den Müll von irgendjemandem herfallen würde. Mach dir keine Sorgen deswegen.« Sie lächelte.

Irgendwann hörte das Jaulen und Bellen schließlich auf und die Hunde in der Nachbarschaft beruhigten sich. Prues Eltern brachten sie in ihr Zimmer zurück und deckten sie zu. Danach war die Undurchdringliche Wildnis nie wieder zur Sprache gekommen – was Prues Neugier aber keineswegs gestillt hatte. Die Sache beunruhigte sie; schließlich hatten selbst ihre Eltern, die normalerweise eine Quelle der Kraft und Zuversicht waren, sich von den Geräuschen erschüttern lassen. Sie schienen diesem Ort genauso wenig zu trauen wie Prue.

Umso größer war Prues Entsetzen, als sie nun mit ansehen musste, wie die schwarze Krähenwolke mit ihrem kleinen Bruder im Schlepptau in der Finsternis der Undurchdringlichen Wildnis verschwand.

Der Nachmittag war inzwischen fast gänzlich zur Neige gegangen, die Sonne hing tief hinter den Hügeln der Wildnis, und Prue stand wie angewurzelt am Rande des Kliffs. Unter ihr zuckelte eine Lokomotive vorbei und rollte über die Eisenbahnbrücke und die darunter liegenden Backstein- und Metallgebäude der Industriewüste hinweg. Es war windig geworden, und Prue bibberte in ihrer Jacke. Sie starrte zu dem schmalen Spalt zwischen den Bäumen, durch den die Krähen verschwunden waren.

Es fing an zu regnen.

Sie fühlte sich, als hätte ihr jemand ein Loch in der Größe eines Basketballs in den Magen gebohrt. Ihr Bruder war weg, buchstäblich von Vögeln gefangen und in eine abgeschiedene, unerreichbare Wildnis verschleppt worden, und wer konnte schon ahnen, was sie dort mit ihm machen würden. Und das war alles ihre Schuld. Das Licht hatte sich von hellgrau in dunkelgrau verwandelt, und die Straßenlaternen leuchteten nun eine nach der anderen auf. Der Abend war hereingebrochen. Prue wusste, dass sie hier vergebens wartete. Mac würde nicht zurückkehren. Langsam wendete sie ihr Fahrrad und schob es hinauf zur Straße. Wie sollte sie es ihren Eltern sagen? Sie wären vollkommen am Boden zerstört. Prue würde bestraft werden. Gelegentlich hatte sie schon Hausarrest bekommen, weil sie an Schultagen abends zu lange mit dem Fahrrad in der Nachbarschaft herumgekurvt war. Aber dieses Mal würde die Strafe garantiert anders ausfallen als alles, was sie bisher erlebt hatte. Sie hatte Mac verloren, den einzigen Sohn ihrer Eltern. Ihren Bruder. Wenn eine Woche ohne Fernsehen die übliche Strafe für ein paar Mal zu spät nach Hause kommen war, mochte sie sich gar nicht ausmalen, was auf den Verlust ihres kleinen Bruders stand. Benommen lief sie durch die Straßen. Immer wieder hatte sie das Bild der Krähen vor Augen, die in den Wald flogen, und sie kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen an.

»Reiß dich zusammen, Prue!«, sagte sie laut und wischte sich über die Wangen. »Denk gefälligst nach!«

Sie holte tief Luft, ging im Kopf alle möglichen Lösungen durch und wog systematisch das jeweilige Für und Wider ab. Zur Polizei zu gehen, kam nicht in Frage; die würden sie zweifellos für verrückt halten. Prue wusste zwar nicht, was die Polizei mit Verrückten machte, die auf die Wache kamen und von Krähenschwärmen und entführten Kleinkindern faselten, aber sie hatte da so einen Verdacht: Man würde sie in einem gepanzerten Wagen abtransportieren und irgendwo weit weg in einer Anstalt in eine unterirdische Zelle stecken, wo sie sich das Klagen ihrer Mitinsassen anhören musste und verzweifelt versuchen würde, den ab und zu vorbeilaufenden Hausmeister davon zu überzeugen, dass sie nicht wahnsinnig und nur irrtümlich dort eingesperrt war – und das bis ans Ende ihrer Tage. Aber die Vorstellung, nach Hause zu fahren und es ihren Eltern zu erzählen, machte Prue erst recht schreckliche Angst; es würde ihnen das Herz brechen. Sie hatten so lange auf Mac gewartet. Die ganze Geschichte kannte Prue nicht, aber sie wusste, dass die beiden sich schon früher ein zweites Kind gewünscht hatten, es aber einfach nicht geklappt hatte. Als Mac sich schließlich ankündigte, waren sie so glücklich gewesen. Sie hatten über das ganze Gesicht gestrahlt, und das gesamte Haus war plötzlich von Lebendigkeit und Leichtigkeit erfüllt gewesen. Nein, sie konnte ihnen diese furchtbare Nachricht unmöglich überbringen. Weglaufen – das ginge, das wäre durchaus eine Möglichkeit. Sie könnte auf einen der Züge aufspringen, die über die Eisenbahnbrücke fuhren, aus der Stadt abhauen und von Ort zu Ort reisen, sich mit Gelegenheitsjobs und Wahrsagen ihren Lebensunterhalt verdienen. Vielleicht würde sie sogar einen kleinen Golden Retriever finden, der ihr bester Freund würde. Dann könnten sie zusammen durchs Land streifen wie zwei Zigeuner auf der Flucht, und sie müsste nie wieder ihren Eltern gegenübertreten oder an ihren lieben, verlorenen Bruder denken.

Mitten auf dem Bürgersteig hielt Prue inne und schüttelte traurig den Kopf.

Was soll das?, schalt sie sich selbst. Du spinnst ja komplett! Sie holte erneut tief Luft und schob ihr Fahrrad weiter. Ein eiskalter Schauer überlief sie, als sie erkannte, dass es nur eine einzige Möglichkeit gab.

Sie musste ihn suchen.

Sie musste in die Undurchdringliche Wildnis gehen und ihn suchen. Es war eigentlich unmöglich, aber sie hatte keine andere Wahl. Der Regen war stärker geworden und prasselte auf Gehwege und Straßen und erzeugte riesige Pfützen, auf denen ganze Flotten von Herbstlaub schwammen. Prue schmiedete ihren Plan und wog dabei sorgfältig die Gefahren eines solchen Abenteuers ab. Abendkühle legte sich über die verregneten Straßen; sich im Dunkeln in den Wald zu wagen, wäre zu riskant. Ich gehe morgen, dachte sie, ohne zu bemerken, dass sie einige der Worte laut vor sich hin murmelte. Gleich morgen früh. Paps und Mama müssen es gar nicht erfahren. Aber wie sollte sie es vor ihnen verbergen? Ihr wurde schwer ums Herz, als sie den Ort der schaurigen Entführung erreichte: den Spielplatz. Das Klettergerüst lag verlassen im strömenden Regen da, und Macs kleiner roter Anhänger stand auf dem Asphalt. Die zerknüllte Steppdecke darin war völlig durchweicht. »Das ist es!«, rief Prue und rannte zum Wagen. Sie kniete sich auf den nassen Boden und knetete die triefnasse Decke in die Form eines eingewickelten Babys. Dann trat sie zurück und betrachtete ihr Werk. »Durchaus überzeugend«, befand sie. Gerade als sie den Anhänger wieder an der Hinterachse ihres Fahrrads befestigte, hörte sie eine Stimme:

»Hallo Prue!«

Prue erschrak und blickte über die Schulter zurück. Auf dem Gehsteig neben dem Spielplatz stand ein unbekannter Junge in Regenjacke und Regenhose. Da zog er die Kapuze zurück und lächelte. »Ich bin’s, Curtis«, rief er und winkte.

Curtis ging in Prues Klasse. Er wohnte mit seinen Eltern und seinen beiden Schwestern gleich bei Prue um die Ecke, und in der Schule standen ihre Pulte nur zwei Reihen voneinander entfernt. Curtis hatte immer Ärger mit der Lehrerin, weil er während des Unterrichts ständig Bilder von Comic-Superhelden und den Kämpfen gegen ihre jeweiligen Erzfeinde zeichnete. Auch bei seinen Klassenkameraden kam dieser Tick nicht sonderlich gut an, da sie das Superheldenzeichnen schon vor Jahren aufgegeben hatten, wenn nicht sogar das Zeichnen überhaupt. Die meisten von ihnen lebten ihr künstlerisches Talent inzwischen auf dem braunen Packpapiereinband ihrer Schulbücher aus, auf das sie die verschiedenen Logos ihrer Lieblingsbands kritzelten. Prue gehörte zu den wenigen Kindern, die sich von Superhelden- und Märchenbildern zu Vogel- und Pflanzenzeichnungen hin entwickelt hatten. Dafür warfen ihr die Klassenkameraden zwar schiefe Blicke zu, ließen sie aber ansonsten in Ruhe. Curtis dagegen wurde für sein unerschütterliches Beharren auf einer so rückständigen Kunstform gemieden.

»Hallo Curtis«, sagte Prue so ungezwungen wie möglich. »Was machst du denn hier?«

Er setzte die Kapuze wieder auf. »Ich wollte nur spazieren gehen. Ich laufe gern im Regen rum. Weniger Leute unterwegs.« Er nahm seine Brille ab und zog sein T-Shirt ein Stück unter der Jacke hervor, um sie zu putzen. Curtis’ rundes Gesicht war von einem Gewirr schwarzer, lockiger Haare umgeben, die aus seiner Kapuze hervordrängten wie kleine Stahlwollkringel. »Warum führst du Selbstgespräche?«

Prue erstarrte. »Was?«

»Du hast mit dir selbst gesprochen. Da hinten.« Er deutete in Richtung Kliff und setzte blinzelnd seine Brille wieder auf. »Ich bin dir irgendwie nachgelaufen, oder so. Eigentlich wollte ich mich schon früher bemerkbar machen, aber du hast so … verwirrt ausgesehen.«

»Stimmt gar nicht«, war alles, was Prue dazu einfiel.

»Du bist da langgegangen und hast mit dir selbst geredet, und dann bist du stehen geblieben und hast den Kopf geschüttelt und lauter komische Sachen gemacht«, fuhr er fort. »Und warum hast du überhaupt so lange am Kliff gestanden? Und einfach in die Luft gestarrt?«

Prue wurde ernst. Sie schob ihr Fahrrad zu Curtis und hielt ihm den Zeigefinger unter die Nase. »Hör mir mal gut zu, Curtis.« Sie versuchte, so furchteinflößend wie möglich zu klingen. »Ich hab gerade viel um die Ohren, ich kann jetzt wirklich nicht auch noch dein Generve brauchen, klar?«

Zu ihrer Erleichterung ließ Curtis sich offenbar leicht einschüchtern. Er warf die Hände hoch und sagte: »Ist ja schon gut! Ich war doch nur neugierig.«

»Tja, dann lass das in Zukunft mal schön bleiben«, antwortete sie. »Vergiss einfach alles, was du gesehen hast, verstanden?« Sie stieg aufs Fahrrad, drehte sich noch einmal zu Curtis um und sagte: »Ich bin nicht verrückt.« Und damit fuhr sie los.

DREI

Eine Brücke überqueren

Es war schon fast sieben Uhr, als Prue sich ihrem Elternhaus näherte. Durch das Wohnzimmerfenster fiel Licht und sie konnte die Umrisse ihrer Mutter erkennen, den Kopf über ihr Strickzeug gebeugt. Prues Vater war nirgends zu sehen, als sie ganz langsam seitlich um das Haus herumschlich, um möglichst kein Geräusch auf dem feinen Kies zu machen. Die nasse Decke im Anhänger sah zwar einem schlafenden Einjährigen täuschend ähnlich, würde aber wohl kaum einer genaueren Überprüfung standhalten. Deshalb hoffte Prue, ihren Eltern und deren neugierigen Fragen zu entgehen. Diese Hoffnung wurde allerdings prompt zunichtegemacht, als sie um die hintere Ecke bog und ihren Vater entdeckte, der den Müll in die Abfalltonnen sortierte. Als er Prue sah, wischte er sich die Hände ab und rief: »Hallo Schätzchen!« Das Licht der Veranda warf einen trüben Schein auf den dunklen Rasen.

»Hallo Paps«, sagte Prue. Mit heftig pochendem Herzen schob sie das Fahrrad zur Hauswand und lehnte es dort an.

Ihr Vater lächelte. »Ihr wart aber lange unterwegs. Wir haben uns schon langsam Sorgen gemacht. Übrigens hast du das Abendessen verpasst.«

»Wir haben auf dem Heimweg noch bei einem Imbiss Halt gemacht und uns gebratene Nudeln geteilt.« Etwas unbeholfen stellte sie sich zwischen ihren Vater und den roten Anhänger. Sie war sich jeder ihrer Bewegungen schmerzlich bewusst, während sie gleichzeitig versuchte, ganz ungezwungen zu wirken. »Wie war euer Tag?«

»Ach, ganz gut«, sagte er. »Bisschen viel künstliche Aufregung.« Er hielt kurz inne. »Kapiert? Kunsthandwerkermarkt? Künstliche Aufregung?« Prue stieß ein hohes, lautes Lachen aus, das sie sofort bereute; normalerweise stöhnte sie über die furchtbaren Wortspiele ihres Vaters. Dem schien das auch aufzufallen. Er zog eine Augenbraue hoch und fragte: »Wie geht’s Mac?«

»Super!«, sprudelte es aus Prue heraus, vielleicht etwas zu hastig. »Er schläft!«

»Wirklich? Ganz schön früh für ihn.«

»Äh, wir waren echt … aktiv heute. Er ist viel rumgelaufen. Hat einen ziemlich erledigten Eindruck gemacht, also hab ich ihn nach dem Essen nur in seine Decke eingewickelt, und er ist sofort eingeschlafen.« Mit einem Lächeln deutete sie auf den Anhänger hinter sich. »Einfach so.«

»Hmm«, meinte ihr Vater. »Na ja, dann bring ihn rein und steck ihn in seinen Schlafanzug. Vielleicht ist er wirklich einfach fertig.« Seufzend drehte er sich zu den Mülltonnen um und widmete sich wieder seiner Aufgabe.

Prue atmete erleichtert auf. Dann bückte sie sich, hob vorsichtig die nasse Decke aus dem Wägelchen und ging ins Haus, während sie das Bündel schaukelte und beruhigende Koseworte murmelte.

Die Hintertür führte direkt in die Küche, und Prue schlich so leise sie konnte über den Korkfußboden. Sie hatte es schon beinahe zur Treppe geschafft, als ihre Mutter aus dem Wohnzimmer rief: »Prue? Bist du das?«

Prue blieb stehen und drückte sich die nasse Decke an die Brust. »Ja, Mama?«

»Ihr beiden habt das Abendessen verpasst. Wie geht’s Mac?«

»Gut. Er schläft. Wir haben auf dem Heimweg was gegessen.«

»Er schläft?«, fragte ihre Mutter, und Prue malte sich ihr bebrilltes Gesicht aus, das sich nach der Uhr auf dem Kaminsims umsah. »Aha. Na, dann zieh ihm …«

»… seinen Schlafanzug an«, beendete Prue den Satz. »Bin schon dabei.«

Sie rannte nach oben, nahm dabei immer zwei Stufen auf einmal, und hastete in ihr Zimmer, wo sie die durchweichte Decke in ihren Wäschekorb stopfte. Dann ging sie über den Flur in Macs Zimmer, schnappte sich eins seiner Stofftiere – einen Uhu –, legte es in sein Gitterbettchen und packte es sorgfältig in mehrere Decken ein. Nachdem sie sich davon überzeugt hatte, dass man den Klumpen auf den ersten Blick tatsächlich für ein schlafendes Kind halten konnte, nickte Prue, schaltete das Licht aus und kehrte in ihr Zimmer zurück.

Als sie die Tür abgeschlossen hatte, warf sie sich aufs Bett und vergrub ihren Kopf im Kissen. Ihr Herz schlug immer noch wie wild, und sie brauchte ein Weilchen, bis sie ihre Atmung unter Kontrolle hatte. Der Regen prasselte leise an ihre Fensterscheibe. Prue hob den Kopf und sah sich in ihrem Zimmer um. Unten konnte sie hören, wie ihr Vater die Haustür hinter sich zuschlug und ins Wohnzimmer ging. Gedämpftes Murmeln ihrer Eltern folgte, und Prue rollte sich aus dem Bett und machte sich an die Vorbereitungen für das morgige Abenteuer.

Sie zog ihre Umhängetasche unter dem Schreibtisch hervor, drehte sie um und kippte alles darin auf den Boden: das Biologiebuch, einen Spiralblock, eine Handvoll Kulis. Stattdessen wanderten die Taschenlampe, die sie unter dem Bett aufbewahrte, und das Schweizer Armeemesser hinein, das sie von ihrem Vater zum zwölften Geburtstag bekommen hatte. Einen Moment lang stand sie mitten im Zimmer und kaute auf einem Fingernagel. Was brauchte man denn sonst noch alles für die Rettung seines kleinen Bruders aus einer undurchdringlichen Wildnis? Proviant würde sie sich morgen früh aus der Speisekammer holen. Im Augenblick konnte sie also nur noch abwarten. Sie ließ sich wieder aufs Bett plumpsen, zog das Vogelbuch aus ihrer Jacke und versuchte, die aufgewühlten Gedanken abzuschütteln, die ihr durch den Kopf rasten.

Nach etwa einer Stunde hörte sie ihre Eltern die Treppe hochkommen, und ihr Herz begann wieder zu hämmern. Ein Klopfen ertönte an ihrer Tür.

»Mhm?« Sie bemühte sich erneut um einen möglichst lockeren Tonfall. Aber sie hatte keine Ahnung, wie lange sie das noch durchhalten würde. Dieses ganze So-tun-als-ob war ganz schön anstrengend.

Prues Vater öffnete die Tür einen Spalt. »Gute Nacht, meine Süße.« Und ihre Mutter ergänzte: »Bleib nicht zu lange auf.«

»Ist gut«, sagte Prue. Sie drehte sich lächelnd zu den beiden um, und die Tür wurde wieder geschlossen.

Doch dann hörte sie, wie sich die Schritte ihrer Eltern auf dem Holzfußboden dem Zimmer ihres Bruders näherten. Prue runzelte die Stirn. Macs Tür knarrte. In Prues Ohren klang es wie ein Donnerschlag, und ihr stockte der Atem. Fieberhaft dachte sie nach und sprang aus dem Bett. »Hey, Mama? Paps?«, flüsterte sie laut durch ihre halb geöffnete Tür.

»Was denn?«, fragte ihr Vater, die Hand auf der Klinke. Der Schein von Macs Nachtlicht fiel in den Flur.

»Ich glaube, der Kleine ist echt fix und fertig. Vielleicht weckt ihr ihn besser gar nicht?«

Ihre Mutter lächelte und nickte. »Alles klar.« Sie steckte den Kopf in Macs Zimmer und sagte leise: »Gute Nacht, Macky.«

»Träum was Schönes«, ergänzte ihr Vater.

Die Tür wurde quietschend zugezogen, und Prue lächelte ihre Eltern an, als sie an ihr vorbei ins Schlafzimmer gingen. Endlich waren sie verschwunden. Prue ging zurück ins Bett und atmete geräuschvoll aus.

In jener Nacht schlief Prue unruhig. Unablässig träumte sie von riesigen Vogelschwärmen – Uhus, Adler, Raben – mit schillerndem Gefieder, die vom Himmel herabstießen und ihren Vater und ihre Mutter forttrugen und Prue ganz allein in dem leeren Haus zurückließen. Sie hatte den Wecker auf fünf gestellt, aber als er schließlich klingelte, lag sie schon eine ganze Zeit lang wach. Vorsichtig stieg sie aus dem Bett, um nicht zu viel Lärm zu machen. Im Haus war es still. Die Welt draußen war noch dunkel, die Stadt lag im Schlummer. Die einzigen Geräusche, die zu hören waren, kamen von den hin und wieder am Haus vorbeizischenden Autos. Prue schlüpfte in ihre Jeans und einen Pulli. Dann nahm sie die Jacke, die noch vom Vorabend über dem Schreibtischstuhl hing, und wickelte sich noch einen Schal um den Hals. Zum Schluss zwängte sie sich in ihre schwarzen Turnschuhe und tapste in den Flur hinaus. Sie legte ein Ohr an die Schlafzimmertür ihrer Eltern und lauschte dem sägenden Schnarchen ihres Vaters. Ihre Eltern schliefen noch tief und fest. Es würde noch ungefähr eine Stunde dauern, bis sie aufstanden, also hatte Prue reichlich Zeit für ihre Flucht. Sie ging ins Zimmer ihres Bruders, holte das Stofftier aus dem Bett und zerwühlte die Decken; aus Macs roter Kommode suchte sie ein paar warme Sachen zusammen und steckte sie in ihre Umhängetasche. Nachdem sie auf Zehenspitzen die Treppe hinuntergeschlichen war, schrieb sie eilig eine Nachricht auf die Tafel neben dem Kühlschrank:

Mama, Paps:

Mac war früh wach. Hatte Lust auf Abenteuer.

Sind bald zurück!

Alles Liebe, Prue

In der Speisekammer grübelte sie, was sich als Proviant wohl am besten eignete, und entschied sich dann neben einer Flasche Wasser für eine Handvoll Müsliriegel und eine Tüte Studentenfutter, die vom letzten Campingausflug noch übrig war. Daneben lag die Reiseapotheke, und Prue schob die Plastiktüte in ihre Tasche. Dann erregte eine Art Dose mit aufgesetzter trichterförmiger Hupe ihre Aufmerksamkeit; eine Druckluftfanfare. Sie nahm das Ding in die Hand und untersuchte es genauer. Auf dem Etikett prangte ein bedrohlicher Grizzlybär, über dem bogenförmig geschrieben stand: BÄR – HAU – AB. Offenbar sollte die Tröte laut genug sein, um wilde Tiere zu verscheuchen, was in einer undurchdringlichen Wildnis ganz praktisch sein konnte. Also wanderte die Dose ebenfalls in die Tasche. Prue warf einen letzten Blick in die Küche und schlüpfte dann durch die Hintertür in den Garten. Die Luft war trocken und kalt, und eine leichte Brise raschelte durch die gelben Blätter der Eichen. Leise schob Prue ihr Fahrrad mit dem Anhänger auf die Straße. Weit im Osten war der erste Schimmer der Morgendämmerung zu erkennen, doch die laubbedeckten Bürgersteige wurden immer noch von den Laternen beleuchtet. Erst als sich Prue in sicherer Entfernung vom Haus befand, stieg sie aufs Rad. Der Schal, den ihre Mutter ihr im letzten Winter gestrickt hatte, lag mollig um ihren Hals, als sie in die Pedale trat und in Richtung Süden durch die Straßen und Gassen fuhr. In den Häusern flackerten vereinzelt erste Lichter auf, und man hörte das Brummen von Autos, während die Stadt langsam erwachte.

Prue nahm denselben Weg wie am Vortag bei ihrer Verfolgungsjagd und schlängelte sich mit dem hüpfenden, klappernden Anhänger durch die Straßen bis zum Kliff. Schwerer Nebel hing über dem Fluss und verdeckte das Wasser. Vom gegenüberliegenden Ufer blitzten die Lichter der Industriewüste durch den Dunst. Ein rätselhaftes schepperndes Geräusch schallte über das breite Flusstal und wurde von der Felswand des Kliffs zurückgeworfen. In Prues Ohren klang es wie das knirschende Uhrwerk eines Riesen. Das Einzige, was über der Wolkenbank sichtbar war, war das imposante Gestänge der Eisenbahnbrücke. Es sah so aus, als würde die Brücke ohne Verankerung auf dem Flussnebel schweben. Prue stieg vom Fahrrad und schob es in südlicher Richtung am Kliff entlang bis zu einer Stelle, an welcher der Hang etwas weniger steil in die Wolken abfiel. Dort kletterte sie langsam hinunter. Die Welt um sie herum trübte sich weiß.

Als der Boden unter Prues Füßen schließlich eben wurde, fand sie sich in einer fremdartigen Landschaft wieder. Alles war in einen gespenstischen Schimmer getaucht. Ein schwacher Wind strich durch die Schlucht, und bisweilen waberte der dichte Nebel hin und her und enthüllte die fernen Umrisse vertrockneter, vom Wind zerzauster Bäume. Der Boden war mit abgestorbenem gelbem Gras bedeckt. Unmittelbar hinter einer Baumreihe bildeten die Bahngleise eine gerade Linie von Ost nach West und verschwanden zu beiden Seiten im Dunst. Prue nahm an, dass die Gleise über die Brücke führten und folgte ihnen in Richtung Westen.

Vor ihr lichtete sich der Nebel etwas, und sie konnte die Türme der Eisenbahnbrücke erkennen. Plötzlich hörte sie Schritte hinter sich auf dem Kies. Sie erstarrte. Dann blickte sie vorsichtig über die Schulter. Doch da war niemand. Kaum hatte sie sich umgedreht und lief weiter, als das Geräusch wieder ertönte.

»Wer ist da?«, rief sie und spähte hinter sich. Keine Antwort. Die von einer Reihe seltsamer, gedrungener Bäume flankierten Bahngleise verliefen sich im Nichts; keine Spur von einem Verfolger.

Prue holte tief und zittrig Luft und lief schneller. Da erklang erneut das unverkennbare Geräusch von Schritten, doch dieses Mal schnellte sie rechtzeitig herum, um eine Gestalt von den Gleisen zwischen zwei Baumstämme springen zu sehen. Ohne nachzudenken warf sie das Fahrrad auf den Boden und rannte hinterher, sodass der Kies unter ihren Schuhen aufspritzte.

»Stehen bleiben!«, schrie sie. Jetzt konnte sie jemanden erkennen – er war ziemlich klein und trug einen schweren Wintermantel. Eine tief in die Stirn gezogene Zipfelmütze verhüllte sein Gesicht. Als Prue brüllte, sah sich der Fliehende kurz um – und rutschte prompt auf einem Flecken lockerer Erde aus. Mit einem überraschten heiseren Aufschrei knallte er mit der Schulter voraus auf den Boden.

Prue warf sich auf ihn und riss ihm die Mütze vom Kopf. Sie quiekte erschrocken auf.

»Curtis!«

»Hallo Prue«, keuchte Curtis atemlos. Er wand sich unter ihr. »Kannst du bitte von mir runtergehen? Dein Knie bohrt sich in meinen Bauch.«

»Vergiss es.« Allmählich gewann Prue ihre Fassung wieder. »Erst wenn du mir sagst, warum du mir gefolgt bist.«

Curtis seufzte. »Bin ich nicht! Ehrlich!«

Prue rammte ihm das Knie noch tiefer zwischen die Rippen, und Curtis stöhnte laut. »Okay! Schon gut!« Seine Stimme bebte, er war den Tränen nah. »Ich war früh auf, konnte einfach nicht mehr schlafen, und da hab ich dich vom Fenster aus zufällig vorbeifahren gesehen und mich gefragt, wo du wohl hinwillst! Gestern Abend hast du Selbstgespräche über deinen Bruder geführt und dass du ihn holen willst, und als du dann heute so früh aus dem Haus bist, dachte ich mir, dass irgendwas los sein muss. Ich konnte einfach nicht anders!«

»Was weißt du über meinen Bruder?«, fragte Prue.

»Nichts!«, schniefte Curtis. »Ich weiß nur, dass er … weg ist.« Er errötete leicht. »Und übrigens weiß ich auch nicht, wem du mit dieser nassen Decke in dem Anhänger was vormachen wolltest.«

Prue lockerte den Druck auf seine Rippen, und Curtis atmete aus.

»Du hast mich total erschreckt, ich hab mir beinahe in die Hosen gemacht«, sagte Prue. Sie ließ von Curtis ab, und er setzte sich auf und klopfte sich den Schmutz von seinem Mantel.

»Entschuldige«, antwortete Curtis. »Es war wirklich keine Absicht, ich war nur neugierig.«

»Dann lass das gefälligst«, gab Prue zurück. Sie stand auf und ging zu ihrem Fahrrad. »Die Sache hier geht dich nichts an, das ist allein mein Problem.«

Hektisch kam Curtis auf die Füße. »K-kann ich bitte mitkommen?«, keuchte er hinter ihr her.

Prue war bereits wieder auf den Gleisen angelangt, hob das Fahrrad auf und ging weiter in Richtung Brücke. »Nein, Curtis«, sagte sie. »Geh nach Hause!« Das Flussufer verlief schräg in einer Art Halbinsel auf den ersten Stützpfeiler zu, und die Gleise folgten einem sanft ansteigenden Hang bis zum Eisenfachwerk der Brücke. Prue schob ihr Rad zwischen den Gleisen, während sie selbst auf einer Schiene balancierte. Je höher sie stieg, desto besser konnte sie durch den Nebel den ersten Brückenturm erkennen. In diesen von roten Blinklichtern gekrönten Türmen befanden sich die Mechanismen des Seilzugs, durch die der Mittelteil der Brücke hochgezogen werden konnte, um höheren Schiffen die Durchfahrt zu ermöglichen. Erleichtert stellte Prue fest, dass das momentan nicht der Fall war, sodass sie die Brücke überqueren konnte.

»Hast du keine Angst, dass ein Zug kommt?«, fragte Curtis hinter ihr.

»Nein«, antwortete Prue, obwohl sie in Wahrheit auch schon darüber nachgedacht hatte. Zwischen dem Gleis und dem Fachwerk der Brücke war nur ein knapper Meter Platz, und der lose Kies war nicht gerade fußgängerfreundlich. Als sie den mittleren Abschnitt erreichte, sah sie über den Rand der Brücke hinunter und musste schlucken. Der Dunst hing immer noch schwer im Flussbecken und schuf eine undurchdringliche Wolkendecke, unter der das Wasser nicht zu erkennen war. Prue fühlte sich wie auf einer dieser wackeligen Seilbrücken in Peru, die in ungeheurer Höhe über bodenlose Schluchten führten, wie sie aus einem National-Geographic-Heft wusste.

»Ich mache mir schon ein bisschen Sorgen, dass ein Zug kommen könnte«, gestand Curtis. Er stand mitten auf den Gleisen unter einem der Türme.

Prue blieb stehen, lehnte das Fahrrad an das Geländer und hob einen Stein vom Kiesbett auf. »Zwing mich nicht dazu, Curtis«, drohte sie.

»Wozu?«

Prue warf den Stein, und Curtis machte einen Satz zur Seite, wobei er beinahe über die Schiene stolperte.

»Warum hast du das gemacht?«, rief er, die Hände schützend an den Kopf gelegt.

»Weil du so blöd bist und mir nachläufst und ich dir gesagt habe, dass du mich in Ruhe lassen sollst. Darum.« Sie bückte sich und wählte noch einen Stein aus, dieses Mal einen größeren, spitzeren. Als wollte sie sein Gewicht abschätzen, warf sie ihn hoch und fing ihn wieder auf.

»Ach komm schon, Prue«, sagte Curtis. »Lass mich doch helfen! Ich bin gut im Helfen. Mein Vater war Sippenführer in der Pfadfindergruppe meines Cousins.« Er ließ die Hände sinken. »Ich hab sogar das Jagdmesser von meinem Cousin dabei.« Er klopfte sich auf die Manteltasche und lächelte verlegen.

Prue warf den zweiten Stein und fluchte, als er vor Curtis vom Boden abprallte und seine Füße um Zentimeter verfehlte. Curtis jaulte auf und hüpfte aus der Schusslinie.

»HAU AB, Curtis!«, rief Prue. Sie ging in die Hocke und suchte nach dem nächsten Geschoss. Doch dann hielt sie plötzlich inne. Der Boden unter ihr erbebte. Die Steine begannen zu rattern, die Brücke stieß ein langes, zitterndes Seufzen aus. Prue blickte zu Curtis auf, der zur Salzsäule erstarrt zwischen den Schienen stand. Sie sahen einander mit aufgerissenen Augen an, während die Erschütterungen immer stärker wurden und die Eisenträger des Brückenfachwerks unwillig ächzten.

»ZUG!«, brüllte Prue.

Ende der Leseprobe