Die Wölfin - Daniel Nagel - E-Book

Die Wölfin E-Book

Daniel Nagel

0,0
8,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Stell dir eine Welt vor, in der alle elektronischen Systeme versagen und die Gesellschaft im Chaos versinkt. Würdest du überleben? Die Wölfin ist der packende Endzeit-Thriller, der dich mit jeder Seite tiefer in eine gnadenlose Realität zieht und deinen Puls rasen lässt.

Die ehemalige Fallschirmjägerin Kathrin befindet sich auf einem Lehrgang, als plötzlich die Welt, wie sie sie kennt, zusammenbricht: Ein mysteriöser Ausfall sämtlicher elektronischer Geräte und Systeme stürzt die Gesellschaft in Anarchie. Fest entschlossen, ihre Familie wiederzusehen, begibt sie sich auf eine 700 Kilometer lange, gefährliche Reise durch eine Welt ohne Regeln. Doch nicht nur Banden und Milizen stellen sich ihr in den Weg – eine dunkle Organisation scheint ihre eigenen Ziele zu verfolgen. Wird Kathrin ihre Familie rechtzeitig erreichen oder wird sie an den Herausforderungen einer neuen, brutalen Realität scheitern?

Die Wölfin besticht durch eine packende Mischung aus realistischer Survival-Thematik, nervenaufreibender Spannung und einer entschlossenen Protagonistin, die sich nicht nur den Gefahren der Außenwelt, sondern auch ihren inneren Dämonen stellen muss. Daniel Nagel bringt als Autor eine fesselnde Detailtreue und militärische Expertise ein, die dich glauben lässt, mitten im Geschehen zu sein. Dieses Buch ist mehr als nur ein Thriller – es ist ein mitreißender Blick darauf, was es bedeutet, in einer Welt ohne Sicherheit und Ordnung zu überleben. Perfekt für Fans von Endzeit-Abenteuern, die nach Authentizität und intensiven Charakteren suchen.

Worauf wartest du? Tauche ein in die düstere Welt von Die Wölfin und erlebe ein Abenteuer, das dich nicht mehr loslässt. Sichere dir jetzt dein Exemplar und mach dich bereit für einen Thriller, der dich elektrisieren wird!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Daniel Nagel

 

 

 

Die Wölfin

 

 

 

 

 

 

 

 

EK-2 Militär

Ihre Zufriedenheit ist unser Ziel!

 

Liebe Leser, liebe Leserinnen,

 

zunächst möchten wir uns herzlich bei Ihnen dafür bedanken, dass Sie dieses Buch erworben haben. Wir sind ein Familienunternehmen aus Duisburg und jeder einzelne unserer Leser liegt uns am Herzen!

 

Mit unserem Verlag EK-2 Publishing möchten wir militärgeschichtliche und historische Themen sichtbarer machen und Leserinnen und Leser begeistern.

 

Vor allem aber möchten wir, dass jedes unserer Bücher Ihnen ein einzigartiges und erfreuliches Leseerlebnis bietet. Haben Sie Anmerkungen oder Kritik? Lassen Sie uns gerne wissen, was Ihnen besonders gefallen hat oder wo Sie sich Verbesserungen wünschen. Welche Bücher würden Sie gerne in unserem Katalog entdecken? Ihre Rückmeldung ist wertvoll für uns und unsere Autoren.

 

 

Schreiben Sie uns: [email protected]

 

Nun wünschen wir Ihnen ein angenehmes Leseerlebnis!

 

Ihr Team von EK-2 Publishing

 

Inhaltswarnung

 

Bitte beachte, dass dieses fiktive Werk möglicherweise Inhalte enthält, die implizit oder explizit als sensibel oder verstörend empfunden werden können.

 

      Schimpfworte

      Gewalt

      Gewalt gegen Frauen

      Folter

      Missbrauch & sexuelle Gewalt

      Alkoholmissbrauch

      Suizidale Gedanken

      Rassismus

 

Anders als unsere Protagonistin sind Menschen in unserer Gesellschaft glücklicherweise nicht auf sich allein gestellt. Unterstützung ist unter 0800.1110111 nur einen Anruf entfernt.

 

Städte und Orte können realen Vorbildern entsprechen. Sämtliche Charaktere sind fiktiv und Ähnlichkeiten zu existierenden Personen rein zufällig.

 

Die Entscheidung, den Roman zu lesen, liegt im Ermessen der lesenden Person.

 

Vorwort des Autors

 

Vor ein paar Jahren, ganz am Anfang der Pandemie, die unser aller Leben für lange Zeit maßgeblich prägen sollte, stand ich nachts auf meiner Terrasse. Doch anstatt des Sternenhimmels oder der vereinzelten Scheinwerferpaare erleuchtete ein Großbrand in einer landwirtschaftlichen Einrichtung einige Dörfer weiter den Nachthimmel. Heute weiß ich es besser. Glücklicherweise hat bei diesem Feuer niemand Verletzungen erlitten.

 

Und auch die Pandemie nahm den Verlauf, den wir alle miterlebt haben.

 

Doch damals, in diesem einem Moment fühlte sich dieses gespenstische Ambiente gepaart mit den düsteren Nachrichten des Tages an wie das buchstäbliche Ende der Welt.

 

Ich möchte Euch denselben Schauer schenken, der mir damals über den Rücken lief.

 

Also schaltet das Licht aus, zündet eine Kerze an und genießt einen Ausflug in eine Welt, in der diese Nacht tatsächlich das Ende von Allem gewesen ist.

 

Euer

 

Daniel Nagel

 

 

Prolog: Tag -1

 

Mein Name ist Katrin [GESCHWÄRZT] und das hier ist mein Tagebuch. Mein Mann David ist ein großer Anhänger dieser neumodischen Achtsamkeitsbewegung, in der es darum geht, sein Leben bewusster zu gestalten, indem man es bewusster erlebt.

 

Erreichen kann man das durch verschiedene Formen der Notizen, die man gemeinhin als Tagebuch bezeichnen würde. Manche dieser Bücher werden im Laufe der Zeit zu kleinen Kunstwerken. Meine wohl eher nicht. Mir fehlt das handwerkliche Geschick, die Geduld und das Auge für Gestalterisches.

 

Scheitern wird es aber an Regelmäßigkeit und Konsistenz, da bin ich mir sicher.

 

David hat mir zum 36. Geburtstag einen ganzen Karton dieser Field Notes Büchlein geschenkt, die man immer und überall mit dabeihaben kann. Das ist jetzt schon sechs Wochen her und ich kann mich einfach nicht dazu aufraffen, sie als Tagebuch zu benutzen. Schließlich schreibe ich mir nicht einmal einen Einkaufszettel. Aber ich schleppe sie ganz brav überall mit hin.

 

Ich weiß nicht, was passieren muss, damit ich anfange, Tagebuch zu schreiben.

 

Tag 0, 16:12 Uhr, B192 südwestlich von Penzlin

 

Die Sonne schien und die Temperaturen hatten sich bei knapp unter 15 Grad eingependelt. Warm genug für diese Jahreszeit, um noch ohne Jacke unterwegs zu sein. Die Wetter-App bescheinigte außerdem, dass es ein sonniger Tag werden würde.

Die Landstraße schlängelte sich durch den Wald, die Schatten der Baumkronen malten Muster auf den Asphalt. Alle paar Minuten lösten lange Geraden die sanften Kurven ab. Es war ein angenehmes Fahren, untermalt von den gleichmäßigen Geräuschen des Motors und der unverbindlichen Popmusik aus dem Radio.

Das Beste war jedoch, dass es erst Donnerstag war. Der Lehrgang in dem zugegebenermaßen malerischen Sporthotel war wie im Flug vergangen, sodass sich alle Teilnehmer darauf verständigt hatten, bereits am Abend die Heimreise anzutreten, anstatt sich der Autobahn an einem Freitagmorgen zu stellen. Ich teilte diese Meinung und war froh, als es so weit war. Mein Blick wanderte über das Display des iPhones in seiner Halterung. Ein Familienfoto irgendwo beim Campen in der belgischen Wildnis. Ich und meine drei Männer. Ganz oben im Screen sah ich noch die letzte Nachricht von ihnen.

 

»Fahr vorsichtig, mein Schatz. Wir freuen uns auf dich.« Gefolgt wurde der Wunsch von so vielen

Emojis, dass ich sie in der Vorschau nicht mehr alle sehen konnte. Die meisten davon waren Herzen.

Zum Glück war der Weg zur Autobahn nicht besonders kompliziert, sodass ich auf die Navigation über das Smartphone verzichten konnte. Klar, es waren fast 700 Kilometer, aber das meiste davon auf der Autobahn über Hamburg und Dortmund. Auf dem Navi sah die Strecke wegen der ganzen Baustellen immer aus wie eine Perlenkette.

Ein Kinderspiel. Sicher, ich würde noch ein paar Stunden unterwegs sein, doch was nimmt man nicht alles in Kauf, um in seinem eigenen Bett aufzuwachen? Ich fahre außerdem lieber nachts. Weniger Verkehr, mehr Ruhe.

Der Thermobecher in meiner Mittelkonsole war so absurd groß, dass ich froh war, ihn noch mit einer Hand greifen zu können. Auf ihm prangte das Logo des Bergbaumuseums Sassenroth. David hatte ihn mir geschenkt, kurz nachdem wir in die Kleinstadt gezogen waren. Und er war natürlich randvoll mit dem abgestandenen Kaffee aus einer kleinen Dorftankstelle. Schwarz, bitter, beinahe wie Sirup. So musste Kaffee sein. Nicht, weil ich keinen Geschmackssinn habe, sondern aus emotionalen Gründen.

Es war erschreckend schwer, eine gute Tasse Kaffee zu bekommen. Eine Brühe wie die in meinem

Becher aber gab es auf der ganzen Welt. Jetzt im Büro genauso wie in der Grundausbildung, auf Übung oder in Afghanistan. Gerade als ich mich mit dem bitteren Zeug an den Lippen auf eine Reise in die Vergangenheit begeben wollte, brach der aktuelle Song im Radio ab. Genervt stellte ich den Becher weg und fummelte mit der freigewordenen Hand am Radio herum, doch auf keinem der eingespeicherten Sender war etwas zu hören.

Vor Schreck hätte ich das Bremspedal beinahe bis zum Boden durchgetreten, als dann doch etwas aus den Lautsprechern kam. Ein an- und abschwellender Dauerton, beinahe wie das Heulen einer Sirene, doch künstlicher und viel weniger energisch.

Gleichzeitig erschien auf dem Display meines Smartphones eine weitere Push-Benachrichtigung und schob die Nachricht meines Mannes nach unten. Es war die allgemeine Katastrophenschutz-App, die wir alle zu Beginn der Pandemie vor einigen Jahren installiert hatten. Ich riss das Smartphone förmlich aus der Halterung, doch ich kam nicht mehr dazu, die Nachricht zu lesen. Nur das weiße Ausrufezeichen im roten Dreieck konnte ich noch erkennen, bevor das Display schwarz wurde und das Radio verstummte. Und der Motor keine Geräusche mehr von sich gab.

Mein Smartphone flog auf den Beifahrersitz, während ich versuchte, einigermaßen sicher am Straßenrand zum Halten zu kommen. Weder Servolenkung noch Bremskraftverstärker halfen mir bei diesem Vorhaben.

Als das Auto endlich zum Stehen gekommen war, zog ich die Handbremse an. Mehr, um mich nach dem kurzen Schreckmoment zu erden, als mit einem praktischen Hintergedanken. Drei tiefe Atemzüge später öffnete ich die Tür -- die Fensterheber funktionierten nicht mehr --, um ein wenig frische Luft zu bekommen. Mein privates Smartphone und das Telefon meines Arbeitgebers waren tot. Gleiches galt für meine Smartwatch. Erschreckend, wie hilflos ich mich fühlte, wenn alle Displays schwarz blieben.

Der Anlasser blieb stumm, auch als ich zwei-, drei-, viermal versuchte, den Wagen erneut zu starten. Was nicht stumm zu bleiben schien, war mein Herz in meiner Brust. Stress setzte ein und kroch stetig in Richtung blanker Panik. Langsam schaute ich mich um. Es war ohnehin nur wenig Verkehr auf der Landstraße unterwegs gewesen. Weder vor mir noch hinter mir waren andere Autos zu erkennen.

 

Tag 0, 17:30 Uhr, B192 südwestlich von Penzlin

 

Täuschte ich mich, oder ging die Sonne plötzlich schneller unter? Es war halb sechs gewesen, als ich das letzte Mal bewusst auf ein Display mit einer Uhrzeit geschaut hatte.

Reiß dich zusammen und atme. Ein und aus. Ein und aus. Ich musste zumindest für den Augenblick die Oberhand über die Situation gewinnen. Mit angehaltener Luft dort zu hocken und verzweifelt im immer weniger zuverlässig funktionierenden Gehirn nach Alternativen zum Offensichtlichen zu suchen, würde mir dabei nicht helfen. Ein so selbstverständlicher Vorgang wie Atmen wurde so zu einer bewussten und kontrollierten Handlung. Es half mir, die Panik und das Herzrasen ganz langsam in den Griff zu bekommen.

Gutes Mädchen, munterte ich mich selbst zwischen den Atemzügen auf. Der Klang meiner eigenen Stimme half mir zurück in das Hier und Jetzt. Diese starke Panik war kein neues Gefühl. Vor meinem ersten Fallschirmsprung und -- ganz ehrlich -- auch vor jedem weiteren hatte ich dieses Gefühl gehabt.

Mit Daumen und Mittelfinger massierte ich kurz meine Schläfen und griff dann zu meinem Kaffeebecher. Ich stürzte den nicht mehr kochend heißen Inhalt in wenigen Zügen hinunter, bevor ich aus dem Wagen stieg. Es war zwar erheblich kühler geworden, aber der Sommer war noch immer deutlich spürbar. Weiterhin war niemand weit und breit. Kein Auto, kein Motorrad oder auch nur die Geräusche der Autobahn, die man zumindest als Rauschen aus der Ferne hören können sollte.

 

Hinter dem Beifahrersitz kramte ich meine Laptoptasche hervor. Der Reißverschluss kam mir unverhältnismäßig laut vor, als ich ihn in einem Zug öffnete. Natürlich ließ sich das Gerät nicht einschalten. Ich meine, was hatte ich erwartet? Ein wenig verärgert über meine Naivität, verstaute ich Tasche und Computer unter dem Beifahrersitz und widmete mich dem Kofferraum. Mein kleiner Rollkoffer für den Geschäftstermin und den anschließenden Lehrgang, ein grüner Rucksack und ein Stiefelsack. Die Businesskleidung wurde langsam unbequem und würde in der Nacht kaum dazu beitragen mich warmzuhalten. Etwas umständlicher als notwendig fischte ich eine Revolution Race GP Pro Hose, einen Sport-BH, ein Fjällräven Fleece und ein Shirt heraus. Ich versuchte die Abendstunden auf Geschäftsreisen immer irgendwo in der Natur zu verbringen und war gerade mehr als froh, eine Kollektion strapazierfähiger Klamotten dabei zu haben. Mit dem Wald im Rücken und dem Auto als Sichtschutz zur Straße zog ich mich zügig um. Die Klamotten stopfte ich in den Stiefelsack, der bis dahin meine Meindl Houston beherbergt hatte. Sicher, das waren Männerschuhe, aber diese Unterscheidung hatte ich ohnehin nie verstanden, sie dennoch gekauft und seitdem regelmäßig getragen. Ich zog sie direkt an. Der Reißverschluss des Fleece war viel leiser als der meiner Laptoptasche. Der Sack wanderte neben den offenen Koffer in den Wagen. Dann zog ich den Rucksack hervor. Mein Mann amüsierte sich immer darüber, dass der Rucksack dorthin ging, wo ich hinging. Auf jedem Ausflug, jeder Reise, zu jeder Familienfeier: ich wusste stets, dass dieses Gepäckstück nur wenige Schritte entfernt sein würde. Er war vollgestopft mit allem, was ich für einen spontanen Wanderausflug, einen Notfall oder sogar eine kleine Durchschlageübung brauchen würde. Der Inhalt war über Jahre basierend auf Erfahrung und viel zu vielen YouTube-Videos immer umfangreicher geworden. Allerdings hatte ich auch immer gehofft, dass mein Mann Recht behalten und ich den riesigen 5.11 Rucksack niemals für eine ernste Situation brauchen würde. Ironischerweise hatte er ihn mir zum Geburtstag geschenkt, weil er den alten Jäger Rucksack im Bundeswehr-Flecktarnmuster nicht mehr sehen konnte.

Das Biest war schwer. Ich öffnete das Zahlenschloss an dem dünnen Stahlkabel, das den Rucksack mit meinem Auto verband, und zog ihn heraus. Da das letzte Licht des Tages langsam hinter den Baumkronen verschwand, ging es mir um zwei Dinge. Eine Stirnlampe, die sicher verstaut im Deckel ihrer originalen Faraday-Tüte eingewickelt war, und etwas zu essen. Eigentlich hatte ich mir irgendwo auf der Autobahn auf Kosten der Firma einen Burger gönnen wollen, doch daraus würde wohl nichts mehr werden. Mit der Lampe auf der Stirn suchte ich im Rucksack herum, bis ich meine Nalgene-Trinkflasche mit mehr oder weniger frischem Wasser und einen Beutel Jerky gefunden hatte. Beides wanderte sofort in die geräumigen Taschen meines Fleece und der Rucksack neben das Auto. Ich mühte mich ein wenig mit der Abdeckung über dem Reserverad ab, die teilweise von meinem Koffer blockiert wurde. Der Stauraum, der frei geworden war, als ich das Reserverad durch eines dieser modernen Flicksets ersetzt hatte, reichte gerade für den kleinen Tresor aus. Zwei Türen, zwei mechanische Kombinationsschlösser. Ich schickte ein kurzes Dankgebet zum Himmel, mich damals gegen die Version mit dem Fingerabdruckscanner entschieden zu haben.

 

Aus dem linken Fach zog ich die Glock 17 Gen 3 und das Kydex-Holster. Die Pistole hatte ich vor einigen Jahren gebraucht im Verein gekauft. Meine erste eigene Waffe. Sie war nicht günstig gewesen, aber jeden Cent wert.

Selbstverständlich war sie entladen. Vier Magazine und fünf Pakete 9 mm-Munition, die ich im Anschluss an die Auffrischung des Sachkundelehrgangs gekauft hatte, lagen im Fach daneben. Ich dimmte die Stirnlampe, öffnete das zweite Fach des Tresors und munitionierte die Magazine auf. Drei landeten in der Beintasche meiner Hose, eines in der Waffe und die Munition oben im Rucksack. Ich würde morgen eine Bestandsaufnahme machen, jetzt musste ich erst mal etwas essen. Gegen das Auto gelehnt, kaute ich auf dem Dörrfleisch herum. Das erste Mal seit meiner Panikattacke fand ich genug Ruhe zum Nachdenken.

Es konnte kein lokales Phänomen sein. Keine anderen Autos. Keine Geräusche. Kein Licht irgendwo am Horizont. Sonneneruption. Oder elektromagnetischer Impuls, EMP. Klar hatte ich darüber etwas gelernt und immer mal wieder gelesen, doch ich musste mir eingestehen, nur anhand der Symptome zu mutmaßen. Inzwischen war es Nacht geworden. Just, als ich mich fragte, wie spät es wohl sein mochte, fiel mir die alte Uhr ein, die irgendwo in einer Tasche des Rucksacks schlummerte. Eine Boccia 728, ein Statussymbol, auf das ich einst sehr stolz gewesen war. Nicht wegen seines Wertes -so teuer war die Uhr nicht, sondern wegen ihrer Bedeutung und dem anerkennenden Nicken von Eingeweihten. Irgendwann war sie meiner Smartwatch gewichen und Teil des Biestes geworden. Über den Fahrersitz gebeugt kramte ich sie aus dem Rucksack, der wie ein dicker grüner Zwerg seinen Platz auf dem Beifahrersitz gefunden hatte.

 

Tag 0, 23:03 Uhr, B192 südwestlich von Penzlin

 

Kurz nach halb elf. Der Sekundenzeiger tickte gleichmäßig. Die paar Stunden Schlaf bis zum Morgengrauen würde ich mir gönnen, bevor ich ...

Ich stolperte in meinem Kopf. Bevor ich genau was tat? Klar, ich war vorbereitet. Aber worauf genau? Betrachtete man die Sache pragmatisch, hatte ich erst einmal zwei Optionen. Ich konnte bleiben und auf Hilfe warten oder ich konnte losgehen. Bis ins nächste Dorf oder in die nächste Stadt. Ich lachte. Wenn es sein musste, würde ich bis nach Hause laufen. Es waren schließlich ‒ ich überschlug die Zahlen ‒ 700 Kilometer.

Dann erstarb mein Lachen.

Wenn das hier tatsächlich ein EMP gewesen war und wenn ich meine Familie jemals wiedersehen wollte, würde ich laufen müssen. So albern kam mir die Idee jetzt nicht mehr vor. Noch einmal: was blieb mir anderes übrig?

Körperlich war ich in gutem Zustand, ich hatte Kleidung, Wasser und Ausrüstung für wenigstens ein paar Tage.

Siebenhundert Kilometer.

Wenn ich ganz ehrlich bin, rang ich nicht mit mir selbst um die Entscheidung, ob ich diesen völlig verrückten Plan ‒ wenn man das stumpfe Losmarschieren überhaupt als solchen bezeichnen konnte -umsetzen würde oder nicht. Der Plan war in dem Moment geboren, als ich die Idee als Scherz gedacht hatte. Die Gedanken an David und meine Jungs Noah und Leon pulsierten in meinem Kopf. Unser Haus war Teil einer kleinen Siedlung, die nächste Stadt, die diesen Namen verdient, knapp 15 Minuten mit dem Auto entfernt. Fuhr man noch etwas länger, erreichte man Siegen ‒ dorthin verschlug es uns aber eher selten.

 

Man würde sich dort gegenseitig helfen, keine Frage. Und trotzdem musste ich zusehen, dass ich nach Hause kam.

 

Siebenhundert Kilometer.

 

Anstatt in Panik zu geraten, bilde ich mir gerne ein, in eine Form von Aktionismus zu verfallen. Es gibt mir die Illusion von Kontrolle. Wo genau dort die Grenze verlief, war mir selbst nicht klar. Dieser Moment jedoch war das perfekte Beispiel. Anstatt mich meinem Schicksal zu ergeben und zu warten, entschied ich mich -- aus dem Bauch heraus -- dazu, diese irrwitzige Reise anzutreten. Panik, Kontrolle, Aktionismus. Am Ende spielte all das keine Rolle.

Das Wasser aus der Nalgene schmeckte etwas abgestanden, war aber besser als nichts. Die Flasche flog zu meinem Rucksack auf den Beifahrersitz.

Die Türverriegelung funktionierte zum Glück noch mechanisch. Mit etwas sanfter Gewalt gelang es mir sogar, das Fenster ein Stück nach unten zu schieben, sodass ich nicht im Schlaf erstickte. Die Glock wanderte in die Tasche meiner Jacke. Sicher ist sicher. Mit einem Stück Paracord aus meinem Rucksack bastelte ich eine einfache, aber zweckmäßige Alarmanlage, indem ich ein Ende am Türgriff befestigte und das andere in einer lockeren Schlinge um mein Handgelenk zog. Sollte jemand versuchen, die Tür zu öffnen, würde ich zumindest wach werden. Aus der Laptoptasche fischte ich das Field Notes Büchlein hervor, das ich mehr aus Schuldgefühlen als aus Pflichtbewusstsein immer dabeihatte, und begann zu schreiben. Einfach so.

Oder aus düstereren Gründen. Sollte ich meine Reise nicht überstehen, bestand wenigstens die kleine Chance, dass das hier meine Familie erreichte. Sie würden wissen, dass ich nicht verschollen war, sondern bei dem Versuch ums Leben gekommen war, wieder bei ihnen zu sein.

Ich schaute auf das Papier und entschloss mich, meine Reise so gut es ging festzuhalten. Während also diese Aufzeichnungen hier entstanden, begann ich die Müdigkeit zu spüren. Es wurde kühl, so dass ich den Reißverschluss des Fleece ganz nach oben zog.

 

Meine letzten bewussten Gedanken galten meinen drei Männern.

 

Tag 1, 04:11 Uhr, B192 südwestlich von Penzlin

 

Kurz nach vier. Auch wenn ich noch sehr müde war, wollte keine Faser meines Körpers mehr in dieser verbogenen Position auf dem Autositz kauern. Ich entsicherte meine Alarmanlage und kroch förmlich aus dem Auto. Ja, ich war alt geworden. Mir war unglaublich kalt. Eventuell hätte ich doch in meinem Schlafsack schlafen sollen.

Nach einigen halbherzigen Stretching-Übungen sah ich mich ein wenig um. Noch immer keine Menschenseele weit und breit.

Aus dem Kofferraum holte ich meine Kulturtasche und ging in mein Badezimmer, bestehend aus meinem Auto, der offenen Tür und dem Wald im Nacken. Nachdem ich mich erleichtert hatte, putzte ich mir mit etwas Wasser aus der Nalgene die Zähne und nahm ein Schwammbad mit ein paar Feuchttüchern, die ich im Hotel gestohlen hatte. Genau genommen war es nicht einmal ein

Schwammbad, sondern bloß ein Wegwischen von Schweiß. So frisch, wie man sich nach einer Nacht im Auto und ohne Dusche fühlen konnte, kehrte die Motivation langsam zu mir zurück. Es waren lediglich siebenhundert Kilometer. Wäre ich nach Madrid gefahren, hätte es anders ausgesehen, und jeder Trip, der mit einer Flugreise in Verbindung stand, resultierte in Gedanken, die ich mir überhaupt nicht machen wollte. Vermutlich wäre ich so weit von zuhause entfernt, dass an eine Rückreise kaum noch zu denken gewesen wäre. Oder es wäre passiert, wenn das Flugzeug in der Luft gewesen wäre...

 

Ich befreite das Biest vom Beifahrersitz und legte es auf die Motorhaube, wo ich sogleich damit begann, seinen Inhalt auszupacken. Während ich alles sortierte, konnte ich David lachen hören. Über mich. Über den Rucksack und über meinen Aberglauben, das Ding wirklich mal irgendwann außerhalb eines Wanderausflugs gebrauchen zu können oder zu müssen.

Na, mein Lieber, wer lacht jetzt?

Lieber würde ich nicht lachen und wäre jetzt zuhause. Und dabei würde mir meine Ausrüstung helfen:

 

Verteidigung

 

Die Munition für die Glock lag noch oben auf. Zusätzlich zu meinen vier Magazinen waren das noch einmal 190 Patronen. Das Einhandmesser landete direkt in meiner Hosentasche. Für gröbere Aufgaben zurrte ich ein schweres Survival-Messer an meinem Gürtel fest. Aus dem Kofferraum kam noch ein kleines Reinigungsset für Pistolen und etwas Öl dazu.

 

Wasserversorgung

 

Zwei gefüllte Nalgenes und eine 3-Liter-Trinkblase deckten meinen akuten Flüssigkeitsbedarf. Ein Ziplock-Beutel mit Aufbereitungstabletten und ein Sawyer Filter würden den Nachschub sicherstellen.

 

Nahrung, Besteck, ein kleiner Kombikocher für Flüssiggas oder Esbit und der Griff, der aus meinem Kaffeebecher einen Campingkochtopf machte. Proteinriegel, Vitamintabletten, Instantkaffee (zusätzlich zu dem, den ich aus dem Hotel hatte mitgehen lassen), mehrere Teebeutel, mehrere Portionsbeutel Kakao und Kaffeeweißer. Ein paar Tütengerichte für Wanderer, zwei Dosen Ravioli, gefriergetrocknetes Porridge und chinesische Instantnudeln würden Abwechslung in den Speiseplan bringen. Ein Beutel Reis, etwas mehr Jerky, kleine Ziplock-Beutelchen mit Gewürzen, eine kleine Flasche mit Öl und eine mit Flüssigseife stellten meine Küchenausstattung dar. Nicht schlecht.

 

Kleidung

 

In mehreren wasserdichten Packtaschen hatte ich mehrere Paar Socken und Unterwäsche, T-Shirts, noch eine Revolution Race Hose und eine Jeans. Eine Revolution Race Aphex Jacke würde mich vor Wind und Wetter schützen. Und das sollte das verdammte Ding auch besser tun, denn meiner Kreditkarte hatte sie sehr weh getan. Aus meinem Koffer ergänzte ich eine weitere Jeans und mehr Unterwäsche. Dazu kamen ein paar Mechanix Handschuhe, eine Schirmmütze und ein ziemlich ausgewaschener Shemagh. Zu allem Überfluss hatte ich einen ziemlich billigen, aber gut funktionierenden Regenponcho aus Kunststoff in eines der Innenfächer gestopft. Oh, wie ich dieses Kleidungsstück hasste.

 

Medizinische Versorgung

 

Erste-Hilfe-Set mit allem, was man brauchte, inklusive eines Infusionssets und einiger Tourniquets.

 

Dazu gehörte auch eine kleine Apotheke von Aspirin bis antiseptischer Salbe und DracoFoam-Pflaster.

Keine gewaltigen Mengen, aber genug, um über die Runden zu kommen.

 

Hygiene

 

Hygiene-Set. Desinfektionsmittel, Handwaschpaste, FFP2-Masken, COVID-Test, Tampons, Trockenshampoo, Mundspülung, Zahnpasta, Zahnbürste, eine Rolle Toilettenpapier (ohne die Papprolle, flach gedrückt), ein Riegel Trockendeo (vegan) im Beutel, ein schnelltrocknendes Reisehandtuch und ein Waschbeutel mit einer Nagelbürste.

 

Werkzeug

 

Ein Leatherman Multitool, fünfzig Meter Paracord, Kompass, ein Kurbelweltempfänger mit Kopfhörern und einem kleinen Solarpanel, um den Akku auch ohne Kurbeln aufladen zu können, mehrere Dreiecktücher, Zeltbahn (Tarp), dünne Isomatte, Schlafsack.

 

Den Kocher stellte ich gleich nach der Bestandsaufnahme auf die Motorhaube und setzte etwas Wasser auf. Als der Deckel auf dem Edelstahltopf zu klappern begann, löschte ich die Flamme. Den Deckel verwendete ich als Schale und rührte mir eine Portion Porridge an. Das restliche Wasser verwandelte ich mit einer großzügigen Menge Instantkaffee in einen Wachmacher höchster Güte.

 

Tag 1, 05:49 Uhr, B192 südwestlich von Penzlin

 

Nach meinem Frühstück spülte ich die Gefäße mit einem Tropfen Seife und etwas Wasser aus, wischte sie trocken und verstaute alles im Biest. Eine letzte Runde ums Auto später hatte ich den Inhalt des Erste-Hilfe-Kastens geplündert, eine frische Dose Kaugummi meinem Vorrat hinzugefügt und meine Wertsachen unter den Sitzen versteckt. Den Laptop und das Diensttelefon wollte ich nicht auch noch mitschleppen. Mein eigenes Handy verstaute ich zur Sicherheit tief im Rucksack. Vielleicht würde ich irgendwann wiederkommen und meine restlichen Sachen holen. Es ist ein schmaler Grat zwischen Hoffnung und Naivität.

Stöhnend setzte ich den Rucksack auf. Das mussten etwas mehr als fünfundzwanzig Kilo sein. Rennen würde ich damit definitiv nicht. Meine Abhängigkeit von Apps und Display wurde mir schmerzhaft bewusst, als ich keine einzige Karte im Auto finden konnte. Für jetzt würde ich der Straße folgen. Richtung Süden. Nach Hause.

 

Mit dem Gewicht würde ich selbst unter idealen Umständen kaum mehr als zwanzig bis fünfundzwanzig Kilometer am Tag schaffen. Das klang nicht nach viel, aber ab der Hälfte der Strecke würde sich das relativ flache Gelände in eine Aneinanderreihung von Steigungen verwandeln. Ein Schauer lief mir über den Rücken als mein Körper sich erinnerte, wie sich diese Art von Belastung angefühlt hatte.

Ich mäßigte mein Tempo und versuchte, meinen Rhythmus zu finden.

Es dauerte eine knappe Stunde, bis ich das erste andere Auto am Straßenrand vorfand. Es war verlassen, die Türen und der Kofferraum standen offen. Von den Insassen war weit und breit nichts zu sehen oder zu hören. Ich spähte durch die Seitenfenster, in der Hoffnung, eine Karte oder einen Straßenatlas zu finden, hatte aber kein Glück. Also ging ich weiter.

Je nach Ausmaß der Situation würde und könnte sich meine Reise als sehr gefährlich erweisen. Um große Städte würde ich einen Bogen machen. Kleinere Ortschaften wären zumindest als Orientierungspunkt so lange interessant für mich, bis ich eine Karte gefunden hatte.

Hinter einer Kuppe wurden die Autos zahlreicher und säumten beide Seiten der Straße. Teilweise hockten ihre Insassen herum, teilweise wirkten die Autos schon länger verlassen. Noch während ich mir vornahm, das Maß meiner Interaktionen auf ein Minimum zu beschränken, sprach mich ein Mann an. Er trug die Hosen eines offensichtlich teuren Anzugs und ein blaues, fleckiges Hemd. Man konnte erkennen, dass er sich für gutaussehend hielt.

»Wissen Sie vielleicht, was los ist?«

Ich ging langsamer, blieb aber nicht stehen.

»Nein.«

»Und wann kommt Hilfe?«

»Darauf würde ich mich an Ihrer Stelle nicht verlassen.«

»Was soll das denn heißen?«

»Was auch immer hier geschehen ist, ist nicht nur hier geschehen. Auf wen auch immer Sie warten, er wird vermutlich nicht kommen.«

Ich blieb stehen.

Auch wenn der Kerl mindestens zehn Jahre älter zu sein schien als ich, wirkte er auf mich wie ein Kind.

Hilflos.

Mit dem Daumen deutete ich über meine Schulter.

»In zehn oder 15 Kilometern führt diese Straße durch einen kleinen Ort. Dort gibt es eine Tankstelle. Vielleicht haben die ein Festnetztelefon.«

»Warum gehen Sie dann nicht hin?«

»Ich muss in die andere Richtung.«

Damit erklärte ich das Gespräch für beendet, bevor er noch etwas sagen konnte, und setzte mich wieder in Bewegung.

»Reiß dich zusammen», mahnte ich mich.

»Und bleib nicht mehr stehen.«

 

Einige der anderen Menschen am Straßenrand starrten mich ungläubig an, viele saßen aber einfach nur da, den Blick auf einen unbestimmten Punkt gerichtet.

Das schaute ich mir ab und richtete meinen deshalb in die Ferne. Dorthin, wo ich in vielen Tagen Fußmarsch mein Zuhause vermutete. Ein imaginäres Leuchtfeuer, an dem ich mich immer orientieren konnte. Teilweise wollte ich damit ihre Aufmerksamkeit vermeiden, teilweise wollte ich mich aber auch schützen. Vor den Blicken der Kinder, für die ich jetzt im Moment einfach nichts tun konnte. Ich war in erster Linie meiner eigenen Familie verpflichtet.

Erleichterung breitete sich in mir aus, als ich den ersten Pulk endlich hinter mir gelassen hatte. Das, was meinen Heimweg wirklich schwer machen würde, würde nicht der Marsch selbst oder das Gewicht meines Rucksacks sein. Ich musste andere Menschen meiden. Wer konnte schon sagen, wie lange das noch so friedlich laufen würde?

Ich zählte die Fahrbahnbegrenzungen, um ein ungefähres Gefühl für die zurückgelegte Distanz zu bekommen. Gerade als ich darüber nachdachte, eine kurze Pause einzulegen, tauchten aus einer Einmündung etwa fünfzig Meter vor mir zwei Personen auf. Ein Mann und eine Frau, beide um die zwanzig. Die weißen Turnschuhe wirkten sonderbar deplatziert hier im Wald. Was gemeinhin als weibliche Intuition bezeichnet wird, nenne ich salopp meinen Arschlochdetektor. Natürlich nur, wenn die Kinder nicht dabei sind. Oder eigentlich schon, wenn die Kinder dabei sind, aber nur, wenn ihr Vater nicht zuhört. So oder so hat mir dieses Kribbeln im Nacken schon oft gute Dienste geleistet, mich nicht hinters Licht führen zu lassen oder zu schnell an die falschen Menschen zu binden.

»Haben Sie vielleicht etwas zu trinken da drin?«

Seine Stimme wirkte unsicher. Er sah aus wie jemand, der noch vor einem Tag unglaublich viel zur Schau gestelltes Selbstbewusstsein besessen hatte. Er tat mir leid. Nicht, weil er nichts zu trinken hatte, sondern weil er buchstäblich nichts mehr hatte, das im Hier und Jetzt von Bedeutung war.

Sie ging ein paar Schritte hinter ihm und flüsterte ihm etwas zu, das ich nicht verstehen konnte. Und da begann mein Nacken zu kribbeln. Vorurteil? Vielleicht, aber ich konnte sie vom ersten Augenblick an nicht leiden.

»Gerade genug für mich selbst.«

Die beiden sahen sich an. Gerade als er sich umdrehen wollte, flüsterte sie ihm wieder etwas zu, woraufhin er sich wieder an mich wandte. Zwischen uns waren noch zehn Meter.

»Ach kommen Sie schon. In dem Riesenrucksack muss doch was sein.«

»Haben Sie etwas zum Füllen?«

Ein wenig Wasser war kein zu hoher Preis, um aus dieser Situation herauszukommen.

Sie hielt etwas hoch, was aussah wie eine alte Evian Flasche.

 

»Bringen Sie die Flasche her.« Aus der Halterung am Hüftgurt zog ich eine der Nalgenes.

Die beiden kamen auf mich zu.

»Danke.«

Man konnte hören, dass er dieses Wort nicht besonders oft ehrlich verwendete. Er kam näher und reichte mir die zerdrückte Flasche. Ich füllte sie auf und reichte sie ihm. Gierig trank er sie halb aus und hielt sie mir mit fragendem Blick hin. Ich füllte sie erneut.

Nun war die Frau dran. Nach dem ersten Schluck spuckte sie das Wasser aus und warf die Flasche in hohem Bogen in den Straßengraben.

»Das schmeckt abartig! Wie soll man sowas trinken können?«

Sie drehte sich zu dem Mann, der mich hilflos ansah.

»Los! Nimm der blöden Schlampe den Rucksack weg. Da wird bestimmt irgendwas drin sein, was besser schmeckt. Ich kenne diese Sorte Mensch. Die behalten das Beste immer für sich.« Noch immer sah er mich hilflos an. Ich hielt seinem Blick stand und blieb still.

»Na mach schon, du Schlappschwanz!«

Ihre Befehle wurden immer schlimmer. Nach zwei oder drei Sätzen hatte ich genug, steckte die Nalgene weg und wollte meinen Weg fortsetzen. Sie packte den armen Kerl und schmiss ihn mir regelrecht in den Weg.

»Worauf wartest du?«

Er holte Luft, doch noch bevor er auch nur einen Ton von sich geben konnte, brach ich mein Schweigen.

»Ihr habt mich um Wasser gebeten, und ich habe das wenige, was ich habe, mit euch geteilt. Jetzt werde ich weitergehen. Unbehelligt, verstanden?«

Abwechselnd sah ich beide an. Als mein Blick bei ihm angekommen war, fügte ich noch hinzu: »Du solltest dich von dieser Frau trennen, so schnell es geht. Sie wird dir noch richtig Ärger machen.« Sie spuckte verächtlich auf den Boden zwischen uns beiden.

Ohne ein weiteres Wort ging ich weiter. Keiner der beiden machte Anstalten, mich aufzuhalten oder mir zu folgen. Dafür waren sie zu sehr damit beschäftigt, im Graben nach der Flasche zu suchen.

Als die beiden Gestalten hinter einer sanften Biegung verschwunden waren, nutzte ich die Gelegenheit, eine der vielen Forsteinfahrten zu nehmen und die Straße zu verlassen. So weit abseits der Straße, dass man mich nicht sehen konnte, lehnte ich das Biest an einen Baum und ging in die Knie. Mein Herz raste wie verrückt.

 

Tag 1, 07:20 Uhr, B192 östlichen von Möllenhagen

 

Zwei wesentliche Dinge hatte ich gelernt. Menschen waren verzweifelt und würden bald auch vor Gewalt nicht zurückschrecken, um ihr eigenes Überleben zu sichern. Das ärgerte mich. Niemand hatte ihnen verboten, ein paar Liter Wasser für den Notfall im Auto zu haben. Stattdessen erhoben sie Anspruch auf das, was ich hatte. Situationen wie diese führten nicht zu Problemen, sondern machten diejenigen sichtbar, die schon immer da gewesen waren.

 

Die zweite wichtige Erkenntnis resultierte aus ihrer Beleidigung. Schlampe. Ich fühlte mich nicht angegriffen, aber ein Umstand wurde jetzt klar. Dort draußen würde ich als Frau ein attraktiveres Ziel darstellen. Schwach. Hilflos und für vieles zu verwenden. Der Gedanke ekelte mich. Meine Priorität war es, sicher und in einem Stück zu Hause anzukommen und nicht irgendwelchen Gaunern und

 

Plünderern zu zeigen, dass sie mit ihren Vorurteilen falsch lagen. Auf einem Riegel kauend, kramte ich ein wenig im Deckelfach des Rucksacks und zog eine zerknüllte Baseballkappe hervor. Meine Haare band ich zu einem engen Pferdeschwanz und fädelte ihn durch die Öffnung hinten an der Mütze. Meinen Shemagh legte ich mir locker um die Schultern. Zusammen mit der Sonnenbrille, dem riesigen

 

Rucksack und der neutralen Kleidung würde man zumindest aus der Ferne nicht sofort mein

 

Geschlecht erkennen können. Außerdem optimierte ich den Sitz des Holsters, so dass ich im Fall der Fälle schnell an die Waffe kam. Ich würde lügen, wenn ich abstreiten würde, dass ich froh war, bewaffnet zu sein. Gerade in unserem Land stellte selbst eine Kurzwaffe einen gravierenden Vorteil in einer Auseinandersetzung dar. Doch gleichzeitig hoffte, nein, betete ich dafür, dass ich sie niemals würde benutzen müssen.

 

Den Rucksack wieder auf den Schultern, folgte ich dem Wegenetz, immer darauf bedacht, mich Richtung Süden zu bewegen. Im Wald war es still, die Hitze des Tages war noch nicht zu spüren. Nach zwei Kilometern kreuzte die Forststraße einen richtigen Wanderweg. Kurzerhand entschied ich mich dafür ihm zu folgen, da die Forststraße immer mehr zu einer Durchschlageübung verkam und ich mich nicht bereits auf den ersten Kilometern verausgaben wollte. So folgte ich stumm dem Weg, genoss den Frieden und das vertraute Geräusch meiner Sohlen auf dem Untergrund.

 

Langsam wurde es wärmer, und ich beschloss, an der nächsten Bank eine Pause einzulegen. Hier draußen fühlte es sich wie eine Wochenendwanderung an. Auch wenn es nochmal einen Kilometer dauerte, bis ich die nächste Bank fand, wurde meine Geduld belohnt. Etwas abseits davon hatte man in einem hölzernen Ständer eine sehr große Karte platziert. Das Gebilde war in gutem Zustand. Ich orientierte mich an Penzlin, der Stadt, in der ich ursprünglich losgefahren war. So schlecht hatte ich nicht gezählt, denn bis hier hatte ich schon beinahe fünf Kilometer zurückgelegt, und diese Messung deckte sich mit der Darstellung auf der Karte. Meine nächste Station würde Möllenhagen sein, eine kleine Stadt -- gemessen an der Größe der Fläche, die sie auf der Karte einnahm. Westlich davon lag der Tannenberg.

 

Während Wasser für eine Brühe kochte, notierte ich wesentliche Merkmale, Landmarken und Ortsnamen auf meiner potenziellen Route in meinem kleinen Notizbuch. Ich würde in diesem Wald bleiben und dem Weg folgen, wie einer natürlichen Grenze, die sich zwischen der Autobahn und der nächsten größeren Stadt erstreckte. Auf meiner Route würde ich eine kleinere Ortschaft passieren. Sie lag abseits der Bundesstraße, auf der mein Auto stand, sodass die Situation dort vielleicht noch einigermaßen stabil war. Bald würde ich es herausfinden.

 

Das Wasser kochte. Ich gab etwas Brühe dazu und ließ es aufkochen. Das viele Salz würde mir guttun. Unter den Klamotten und mit dem Biest auf dem Rücken schwitzte ich nicht wenig. Das Fleece hängte ich über den Rucksack, damit es ein wenig trocknen konnte. Ich würde es für den weiteren Weg durch das Holzfällerhemd ersetzen. Mein Körper fühlte sich ohne das Gewicht des Rucksacks seltsam leicht an. Während die Brühe auf eine angenehm trinkbare Temperatur abkühlte, vollführte ich amüsante Dehnübungen. Dann sank ich auf die Bank, legte die Beine auf den Rucksack, trank ein wenig Wasser und ließ mir die Sonne ins Gesicht scheinen. Die Situation war dermaßen surreal, dass es mir mehr als schwerfiel, sie gedanklich zu fassen zu bekommen. Es ging dabei nicht um die Ursache der Situation, sondern um die Konsequenzen. Angenommen, überall in der Bundesrepublik war sämtliche Elektronik ausgefallen, würde ein Schaden entstehen, den man unmöglich reparieren könnte. Und wenn, vielleicht mit Hilfe von außen, dann würde es Jahrzehnte dauern. Meine Laune trübte sich. Wir hatten diese verdammte Pandemie hinter uns gebracht, und sogar die geopolitische Situation schien sich zu stabilisieren. Und jetzt das?

 

Was, wenn es nicht nur Deutschland getroffen hatte?

 

Der Gedanke verursachte mir körperliches Unwohlsein, und ich musste den Kopf schütteln, als ob ich damit diese Gedanken vertreiben könnte. Andererseits: Ich war noch hier. Ich war keine der armen Seelen, die vielleicht in einem Flugzeug gesessen hatten, als das alles passierte.

 

»Konzentrier dich!«

 

Meine Stimme erschreckte mich. Diese dunklen Orte durfte ich jetzt nicht besuchen. Niemand hatte etwas davon, wenn ich heulend auf der Bank im Wald saß und mir über Dinge den Kopf zerbrach, die ich nicht ändern konnte. Vermutlich verleiteten mich die allgemeine Verunsicherung, die extreme Situation und die Tatsache, dass ich noch nicht genug gegessen hatte, dazu. Der Deckel klapperte, und ich stellte den Kocher aus.

 

Tatsächlich half die Brühe ein wenig, und der Proteinriegel aus meinem Vorrat. Bald würde ich rationieren müssen, aber da ich ohnehin nicht die gesamte Strecke ohne zusätzlichen Proviant auskommen würde, konnte ich zumindest jetzt am Anfang aus dem Vollen schöpfen. Meine Wasservorräte würde ich am nächsten Gewässer auffüllen. Dank des Wasserfilters würde ich zur größten Not sogar das Wasser aus Pfützen in etwas Trinkbares verwandeln können. Ich leerte den Becher in einem Zug, spülte die salzige Flüssigkeit mit etwas Wasser herunter, wusch den Becher sparsam aus und verstaute alles.

 

Ächzend setzte ich den Rucksack wieder auf. Laut der Wanderkarte waren es noch drei Kilometer bis zur nächsten kleinen Ortschaft. Ich würde auf Nummer sicher gehen, mich dem Ort auf Sichtweite annähern und unweit davon mein Nachtlager aufschlagen. Der Wald vermittelte mir ein Gefühl von Sicherheit, das mir ein Dorf momentan nicht geben konnte. Am nächsten Morgen würde ich dann schauen, ob ich mein letztes Bargeld gegen eine Straßenkarte und etwas Essbares tauschen könnte.

 

Schritt für Schritt, eintausend pro Kilometer. Vermutlich mehr mit dem ganzen Gewicht auf dem

 

Rücken. Immer wieder spürte ich, wie sich mein innerer Schweinehund meldete. Ein Ziehen in den Waden, ein Stechen im Knie, überall an und in mir tauchten diese kleinen Schmerzen auf. Immer wieder eine verlockende Einladung, einfach Pause zu machen, zu sitzen, zu schlafen. Ich bewegte mich in der Nähe meiner Grenzen. Klar, ich wanderte in meiner Freizeit viel und nutzte die Hantelbank im Keller hin und wieder, doch dabei ging es nie um mein Leben oder das meiner Familie. Müsste mich das nicht normalerweise unempfindlicher machen? Als Mutter und später in Vollzeitbeschäftigung war es mir einfach nicht gelungen, das strikte Trainingsregime aus der Zeit davor aufrechtzuerhalten. Und Netflix hatte es damals auch nicht gegeben. Na gut, letzteres würde es vermutlich inzwischen auch nicht mehr geben. Verzweifelt klammerte ich mich an den Gedanken, dass ich bereits viel Schlimmeres durchgestanden hatte. Es war nur eine Gewöhnungssache, richtig? Gerade, als ich mir vorstellte, wie viel schlimmer dieser Weg wäre, wenn ich wie früher das Maschinengewehr schleppen müsste, stolperte ich über eine Wurzel, die sehr weit aus dem Boden ragte. Mit dem gewaltigen Rucksack war es mir unmöglich mich elegant abzurollen, und ich landete buchstäblich mit der Nase im Dreck.

 

Von Geräuschdisziplin konnte keine Rede sein, als ein Schwall an Schimpfwörtern aus mir herausplatzte, wie Lava aus einem Vulkan. Mein Mann wäre rot angelaufen, und wir hätten uns den ganzen Abend über gewaltfreie Kommunikation gestritten, die wir den Jungs vorleben wollten. Gewaltfreie Kommunikation am Arsch! Leon, der Ältere und scheinbar gefangen in der Pubertät, hätte diesen Ausbruch gefeiert.

 

Keine gerissenen Bänder, keine Prellungen. Ich hatte Glück gehabt. Mein linkes Handgelenk meldete sich zwar, aber zumindest äußerlich war nichts zu erkennen, außer ein wenig abgeriebene Haut. Ich rollte mich auf die Seite, um etwas besser atmen zu können. Und dann lachte ich los. Ich musste wie eine Karikatur aussehen. Unerschrocken und bis an die Zähne bewaffnet war ich losgestürmt, nur um wie jeder andere auch mit der Nase im Dreck zu landen, weil ich die Augen nicht aufmachen konnte.

 

In den Serien passierte das den Helden nie.

 

Dann war mir auf einmal nicht mehr nach Lachen zumute.

 

»Ist das witzig? Was wäre gewesen, wenn du dir den Knöchel verstaucht hättest? Wie wärst du dann nach Hause gekommen? Ist das immer noch zum Lachen für dich?«

 

Auch wenn ich die Worte zu mir selbst sagte, klang meine Stimme jetzt fremd, gemein und verletzend.

 

Weil sie recht hatte. Denn durch den Sturz hatte ich begriffen, dass ich eben nicht die Heldin in einem Film war, und dass ein Knochenbruch, eine Infektion oder irgendeine andere miese Kleinigkeit mich einfach hier und jetzt umbringen konnte. Der Film würde trotzdem weitergehen.

 

Von nun an würde ich weniger überheblich sein. Das hier war kein Abenteuerurlaub.

 

Bevor ich weiterging, klopfte ich mir den Dreck von der Hose. Vorsichtiger. Konzentrierter. Der weitere Tag verlief überraschend ereignislos. Dann und wann legte ich eine Rast ein, um etwas zu trinken und zu verschnaufen. Doch da es hier kaum Steigung gab und ich das große Glück hatte, auf gut befestigten Wegen unterwegs zu sein, kam ich gut voran. Nach sieben Kilometern spürte man auf dem

 

Waldweg die nahende Zivilisation. Der Weg selbst wurde langsam zu einer Waldstraße,

 

Verkehrsschilder tauchten auf, und es lag nicht wenig Müll abseits des Weges im Wald. Würde ich diesem Weg weiter Richtung Südwesten folgen, würde er früher oder später aus dem Wald herausführen, den ich dann im Rücken hätte, während ich auf Möllenhagen zuging. Wenn man der Waldkarte und meinen Notizen glauben konnte, würde ich dann drei oder vier Kilometer auf offener Fläche, vermutlich Felder, überbrücken müssen. Darüber würde ich mir später Gedanken machen.

 

Tag 1, 13:00 Uhr, Waldgebiet östlich von Möllenhagen

 

Regelmäßig hielt ich inne und horchte auf Schritte im Unterholz, Stimmen oder entfernte Motorengeräusche. Ein paar alte Schüsseln wie der alte Mercedes meines Schwiegervaters, der unter einer Plane einen permanenten Stellplatz in unserer Doppelgarage hatte, würden noch anspringen. Kurz dachte ich an die vielen Märchen und Geschichten, die ich früher darüber gehört hatte, dass die Bundeswehr auch nach einem EMP noch einsatzfähig wäre, weil ihre Fahrzeuge besonders geschützt wären. Irgendwie wirkte alles das jetzt fern und fremd.

Da ich es nicht mehr weit hatte, begann ich langsam, mich nach einem Lagerplatz für die Nacht umzusehen. Um nicht zu nah am Weg zu sein, würde ich mich noch einen oder anderthalb Kilometer in den Wald schlagen.

Nach einem weiteren Kilometer auf dem Weg wurde ich fündig. Eine vom Wald zurückeroberte Forsteinfahrt weckte mein Interesse. Wenn man nicht nach ihr suchte oder wusste, dass sie da war, würde man sie übersehen. Vorsichtig ging ich die ersten Schritte durch den dichten Bewuchs aus jungen Bäumen und Bodendeckern, sehr bedacht darauf, diese wertvolle Tarnung nicht zu sehr in Mitleidenschaft zu ziehen. Früher hätte ich mich als übertrieben vorsichtig bezeichnet, doch bereits die kleine Begegnung mit dem jungen Pärchen in den weißen Sneakern hatte mich davon überzeugt, dass es sowas wie »zu vorsichtig« nicht mehr gab.

 

Ich fand eine Stelle abseits des Wegs, die mir zusagte. Eine große Eiche war umgestürzt und würde mir als Deckung und Versteck dienen. Ein weiteres Mal hielt ich inne, horchte in den Wald und stellte erleichtert fest, dass ich wirklich allein zu sein schien. Ich ging um die Eiche herum und suchte mir einen Platz für die Nacht. Erleichtert atmete ich auf, als ich das Biest endlich abstellen konnte. Mit dem Fuß befreite ich eine kleine Fläche von Laub und Steinen. Dann lief ich ein paar Minuten herum und sammelte etwas Holz und ein paar Zweige für ein kleines Feuer. Bei den sommerlichen Temperaturen würde ich nicht frieren, aber eine warme Mahlzeit würde nicht schaden. Und ein Kakao.

Während ich mit einem größeren Ast und behandschuhten Händen eine kleine Feuergrube in den Boden stach, wanderten meine Gedanken mehr als sechshundert Kilometer nach Süden zu meinen Jungs. Hoffentlich ging es ihnen gut. David würde sich gut um alles kümmern. Das Haus war mit Lebensmitteln ‒ trocken und eingemacht ‒ und Wasser gut genug bestückt, und für den schlimmsten Notfall kannte er die Kombination zum großen Waffenschrank, der im Keller am Fundament des Hauses verankert war. Klar, er war kein erfahrener Schütze, aber aus einem Spaß heraus hatte er sich von mir in die Handhabung von Pistolen einweisen lassen. Um zu verstehen, wie es sich anfühlt. Ich musste grinsen, denn daraus war ein kleiner Waffen- und Sachkunde-Lehrgang an einem verregneten Sonntag geworden, an dem die ganze Familie teilgenommen hatte. Die beiden Jungs hatten so lange gequengelt, bis sie mitmachen durften. Und sie merkten schnell, dass ihre Mutter mit ihrer ernsten Stimme redete, wenn es um das Thema Waffen ging. Das war ein Code, denn alle Männer in meinem Haus behaupten steif und fest, dass sich meine Stimme viel strenger anhörte, wenn ich etwas ernst meinte.

Anders als vielen Müttern in den Klassen meiner Söhne ging es mir dabei nicht um die Dämonisierung von Waffen basierend auf Unwissenheit und Floskeln, sondern um das Verständnis und den sicheren Umgang. Selbstverständlich würde keiner meiner Söhne jemals eine scharfe und geladene Waffe in die Hand bekommen, aber wenn es doch dazu kommen sollte, wussten sie, wie man sie sicher handhabte. Wie beim Erstehilfekurs oder den Rettungsschwimmabzeichen tat es mir gut, dass sie das Wissen hatten. Aber ich hoffte auch, dass sie es niemals würden anwenden müssen.

Mein Feuer brannte. Ich würde mit den künstlichen Brennstoffen sparsamer umgehen und hatte mich deshalb für ein klassisches Lagerfeuer entschieden, entfacht mit dem Feuerstein und meinem Böker. Nicht, weil ich kein Feuerzeug hatte, sondern weil ich es so machen wollte. Und weil es irgendwie automatisch geschah, während ich mich daran erinnerte, wie wir alle um den großen Tisch herumsaßen und Karten spielten oder aßen.

Ob sie das wohl auch jetzt gerade taten? David würde sich um sie kümmern. Er würde auf sie aufpassen.

Zischend verdampfte die erste Träne in kleinen Flammen, die ich gerade so mühevoll entfacht hatte.

Hier saß ich nun, irgendwo im Wald am Arsch der Welt.

»Fokus.«

Ich flüsterte das Wort. Es mochte übertrieben, vielleicht sogar überheblich klingen, aber ich liebte es so sehr, eine Mutter zu sein. Mit allen Höhen und Tiefen, den schlaflosen Nächten und den kleinen Streiten. Das gesamte Paket war, was ich mir immer gewünscht hatte, ohne es zu wissen.

»Fokus.«

 

Alles, was ich immer sein wollte, aber in der nächsten Zeit nicht sein durfte. Zumindest nicht, wenn ich am Leben bleiben wollte. Ein letztes Mal für diesen Abend tauchte ich ein in das Gefühl des Vermissens und des wachsenden Selbstmitleids, bevor ich die Tränen wegwischte und mich um meinen knurrenden Magen kümmerte. Man riss das Pflaster besser schnell ab.

 

Vorsichtig kippte ich die Mischung aus Kakaopulver und Kaffeeweißer in den Becher mit kochendem Wasser und rührte um. Die andere Hälfte des Gefäßes hatte ich ebenfalls genutzt um Wasser zu kochen. Hier gab es heute Abend Spätzle in Käsesoße. Ja, ganz recht. Ich ließ es mir gutgehen. Ich rührte den Inhalt des Beutels unter und stellte es dann neben das Feuer auf einen kleinen Stein, um es ein wenig ziehen zu lassen. Mit dem Fuß erweiterte ich den freigeschobenen Platz meines kleinen Lagers unmittelbar neben dem Stamm, so dass ich beinahe vollständig darunter liegen konnte. Ich rollte und faltete meinen Schlafsack wie das Sitzkissen eines Liegestuhls, so dass ich mich endlich hinsetzen konnte. Es mochte keine große Strecke gewesen sein, die ich heute zurückgelegt hatte, aber ich war wirklich im Eimer. Die Anspannung in Verbindung mit dem Gewicht des Biests auf meinen Schultern war nicht zu unterschätzen.

Halb auf den Rucksack neben mir gelehnt, rührte ich noch ein paar Mal durch den Kakao und das Spätzle-Gericht und widmete mich meinem Mahl. Es war köstlich.

So saß ich einfach da, schaute durch die Baumkronen in die Dämmerung und genoss die Einfachheit von allem. Blendete man die allgemeine Situation aus, konnte das hier beinahe ein schöner Moment sein.

In einer Innentasche meines Rucksacks fand ich das Radio und legte es zusammen mit dem Solar-Ladegerät auf den Stamm, damit es ein paar Augenblicke aufladen konnte. Ich hatte ein billiges Paar

Kopfhörer darum gewickelt, mit deren Entwirrung ich mich auseinandersetzte, während ich der kleinen Solarzelle Zeit gab, die letzten Sonnenstrahlen des Tages aufzusammeln. Ich hätte das Solarpanel außen an den Rucksack binden sollen.

Mein Fleece benutzte ich, um mich ein wenig zuzudecken und den letzten Tropfen Kakao im Mund genießend ein wenig zu dösen. Die Glock dabei stets griffbereit.

Nachdem die Sonne verschwunden war, kühlte es sich für die Jahreszeit typisch schnell ab. Fröstelnd erwachte ich aus meinem Halbschlaf. Anderthalb Stunden hatte sich mein Nickerchen hingezogen. Um mich herum war es dunkel geworden. Und echt kühl. Noch im Halbschlaf und unbeholfen streifte ich das Fleece über und zog den Reißverschluss zu. Dann nahm ich mir den Weltempfänger vor und prüfte den Ladezustand des Akkus. Zwei von fünf LEDs leuchteten. Genug für jetzt. Die Kopfhörer in meinen Ohren regelte ich die Lautstärke runter und schaltete das Gerät ein. Rauschen. Über den Drehknopf bewegte ich mich durch die einzelnen Frequenzen. Das Gerät konnte nicht nur klassisches Radioprogramm empfangen, sondern konnte auch genutzt werden, um Funkverkehr mitzuhören.

Sicher, das ist eine pauschale Beschreibung, aber besser kenne ich mich damit einfach nicht aus.

Dann und wann hörte ich jetzt etwas wie Stimmen, es gelang mir einfach nicht, zu verstehen, was dort gesagt wurde.

Das änderte sich schlagartig, als das allgegenwärtige Hintergrundrauschen plötzlich verschwand.

Stattdessen verlas eine vage menschlich klingende Stimme eine Zahlenreihe. Gefolgt von einem

Piepton. Diese Durchsage wiederholte sich. Zahlenreihe. Piepton. Zahlenreihe. Piepton. Ich hörte mir ein paar Durchgänge an, um sicherzustellen, dass sich die Zahlen nicht veränderten. Parallel notierte ich sie am Rand meines Notizbuchs neben der Karte der Gegend und markierte etwa den Punkt, an dem ich die Sendung empfangen hatte. Dann schaltete ich das Gerät aus. Mein Herz klopfte.

 

3 9 13 47 23 42

 

Irgendwann hatte ich auf einem dieser Doku-Kanäle nachts im Hotelzimmer mal einen Beitrag über Number-Stations gesehen. Doch das war verschwörungstheoretischer Mist mit paranormalem Unfug vermischt. Und nun hockte ich hier im Wald und schrieb eben solche Zahlen auf. Na ja, wer konnte schon wissen, wozu man sie noch brauchen könnte. Mein erster Gedanke war, dass lokale Amateurfunker verschlüsselt ein Lebenszeichen ausstrahlten. Deshalb die permanente Wiederholung. Allerdings müsste die Funkanlage den Blackout überstanden haben und außerdem mit Energie versorgt werden. In der Doku hatte ich gelernt, dass viele kleine Amateurfunkverbände automatische Relais-Stationen an zentralen Orten wie auf hohen Gebäuden oder Bergen unterhielten. Teilweise mit Solarenergie versorgt und abgeschirmt.

Die sonderbaren Nummern mussten nichts zu bedeuten haben. Theoretisch könnten sie schon seit Jahrzehnten von einem beliebigen alten Sender gesendet werden und hatten möglicherweise nichts mit der aktuellen Situation zu tun.

Sorgsam machte ich im Schein des Feuers meine Notizen und kritzelte sogar eine kleine Skizze meines Lagerplatzes dazu. Dann rief jedoch die Natur. Nur mit der Glock am Gürtel suchte ich mir einen Ort um mich zu erleichtern und kehrte anschließend in mein kleines Lager zurück. Zeit zu schlafen. Ich kroch in den Schlafsack, der zu zwei Dritteln von dem Eichenstamm verdeckt wurde, zog den Reißverschluss zu und schloss die Augen. Dabei hielt ich die Pistole fest an meine Brust gepresst.

 

Es dauerte nicht lange und ich schlief ein.

 

Tag 2, 07:01 Uhr, Waldgebiet östlich von Möllenhagen

 

Mit dem Licht der ersten Sonnenstrahlen und vor allem den Geräuschen des erwachenden Waldes wurde ich wach. Ich fühlte mich wie überfahren. Das lag vermutlich nicht nur an meiner unvorteilhaften Schlafposition, sondern auch daran, dass ich nachts abwechselnd durch Geräusche oder Albträume geweckt worden war. Das Schlafen im Wald unter freiem Himmel war ich nicht mehr gewohnt.

 

Nach meiner Morgentoilette, die aus Zähneputzen und einem Schwammbad mit einem Dreiecktuch bestand, kochte ich an meiner kleinen Feuerstelle eine Tasse Kaffee und eine Portion Porridge zum Frühstück. Ich hatte noch knapp einen Liter Wasser und würde mich demnächst um Nachschub kümmern müssen.

Mein Geschirr spülte ich mit einem Tropfen Seife und etwas Wasser ab, verstaute es und löschte dann die verbleibende Glut. Insgesamt verließ ich meinen Lagerplatz beinahe in demselben Zustand wie ich ihn vorgefunden hatte. Baseballkappe und Shemagh vervollständigten mein Outfit. Irgendwie amüsierte es mich mir vorzustellen, davon ein Selfie als Outfit of the Day bei Instagram zu posten und zwischen den ganzen gut und teuer angezogenen Menschen ein wenig aufzufallen. Natürlich war ich auch gerne von Schaufenster zu Schaufenster gestreift und hatte Klamotten gekauft. Zumindest immer nach den Schwangerschaften, wenn ich meine Figur wieder in den Griff bekommen hatte. Am Ende war mein teuerstes Paar Schuhe jedoch weiterhin das, was ich gerade trug. Es war nicht so, dass ich nicht nachvollziehen konnte, warum Menschen gerne schöne Klamotten kauften, im Gegenteil. Bei mir löste es jedoch nicht denselben Nervenkitzel aus. Aber wer war ich, über andere in dieser Hinsicht zu urteilen? Außerdem ging ich auch nicht in Gummistiefeln und Latzhose zur Arbeit.

Letztlich würde all das aber eine ganze Weile keine Rolle mehr spielen. Während des Gedankenganges hatte ich mit einer Hand am Rucksack auf die Spitzen meiner Stiefel gestarrt.

»Komm schon, Mädchen. Es geht weiter.«

Mit dieser halbherzigen Selbstmotivation hievte ich das Biest wieder auf meinen Rücken, schaute mich ein letztes Mal um und ging durchs Unterholz zurück auf die Forststraße, die mich nach Möllenhagen führen würde. Doch erst musste ich mich Richtung Norden halten. Ich wollte unbedingt so viel Strecke im Wald wie möglich zurücklegen und nahm dafür diesen kleinen Umweg in Kauf. Dreihundert Meter, bis ich aus dem Wald hinaus in eine Art Delta trat. Ich gemahnte mich erneut zur Aufmerksamkeit, folgte der Kante des Waldes nach Westen. Zumindest hatte ich es auf der Wanderkarte für einen Waldrand gehalten. Es entpuppte sich in Wirklichkeit allerdings als ein nachwachsendes Gebiet und damit als eine bepflanzte Fläche mit viel Gras dazwischen. Und aus dem Forstweg war die

Bahnhofstraße geworden. Zumindest sagte das ein Schild am Rand. Noch immer keine Menschenseele weit und breit, doch hinter den sanften Hügeln konnte man die ersten Rauchsäulen aufsteigen sehen. Der Trend zu Holzöfen in den letzten Jahren zahlte sich jetzt vermutlich für viele aus, die ihr Frühstück darauf zubereiteten oder Wasser abkochten.

 

Tag 2, 08:17 Uhr, Außerhalb von Möllenhagen

 

So unauffällig wie möglich wanderte ich auf der Bahnhofstraße zwischen Wald und Feld entlang. Es war erstaunlich still. Keine Autos, kein Rauschen einer entfernten Autobahn, keine Züge, keine Flugzeuge.

Nur ein Traktor. Er war aus einer Einfahrt ein Stück weiter unten aufgetaucht. Der Zweitakter tuckerte gemächlich in meine Richtung. Der Fahrer hob zum Gruß die Hand. Ich fühlte mich ertappt. Es war zu spät, sich jetzt noch ins Gebüsch zu schlagen, ohne sich lächerlich zu machen. Also erwiderte ich den Gruß und ging dem Traktor entgegen. Der Fahrer stoppte einen Meter vor mir und schaltete den Motor aus.

»Was macht denn eine junge Frau hier allein im Wald?«

Wir musterten uns unverhohlen. Er schien Mitte sechzig zu sein, trug ein kariertes Hemd und eine Latzhose. Eine abgewetzte Baseballkappe mit einem kaum noch zu erkennenden John Deere Logo konnte seine enorme graue Mähne kaum im Zaum halten.

Aus der Tasche der Latzhose zog er eine Schachtel, schnippte dagegen und zog mit dem Mundwinkel eine der Zigaretten heraus.

»Ich war auf einer Geschäftsreise und bin auf dem Weg nach Hause.«

Er zündete sich die Zigarette in einer geübten Bewegung an, wie es nur ein routinierter Raucher konnte.

»Nach Hause? Wo ist das denn? Wenn du möchtest, kann ich dich ein Stück mitnehmen.« Ich musste grinsen.

»In der Nähe von Siegen.«

Seine Augen weiteten sich.

»Da hast du dir aber ziemlich was vorgenommen.«

Ich nickte.

»Komische Sache, die hier passiert ist, oder?«

Er machte eine ausladende Geste.

Abermals nickte ich.

»Schwer vorstellbar, dass es überall in Deutschland so ist.«

»Ich glaube nicht, dass es bald vorbei sein wird.«

»Nein. Im Gegenteil. Ich glaube, wir stehen gerade erst am Anfang.« Dann zeigte ich in Richtung Möllenhagen.

»Wie ist die Stimmung dort?«

Sein Kopf folgte meiner Hand.

»In Möllenhagen? Gut. Im Laden gibt es noch Lebensmittel. Nur gegen Bargeld, versteht sich. Die Menschen haben sich zusammengerauft. Jeder packt mit an. Man hilft einander, wie wir es früher gemacht haben.«

»Das klingt gut. Ich bin auch nur auf der Durchreise.«

»Du musst dir keine Sorgen machen. Sag den Wachen einfach, dass du eine Freundin von Uwe bist. Dann passt das.«

Wachen? Am zweiten Tag? Das gab mir zu denken.

»Sehr erfreut, Uwe. Ich bin Katrin.«

Er tippte sich an die Mütze und grinste mit der Kippe im Mundwinkel.

»Wieso habt ihr Wachen aufgestellt?«

»Das Dorf hat keine Polizeiwache und es gab ein paar Menschen, die lieber einpacken als anpacken wollen, wenn du verstehst, was ich meine.«

»Plünderer?«

»Dumme Jungs waren das.«

»Waren?«

Er winkte ab.

»Nicht der Rede wert. Sag den Männern auf der Straße, dass wir uns kennen, und alles ist in Ordnung.«

Er schnippte den qualmenden Stummel in den Straßengraben.

»Ich muss weiter.« Jetzt deutete er auf einen Punkt irgendwo hinter mir.

»Gute Reise, Katrin. Ich hoffe, du kommst heile zu Hause an.«

Man konnte hören, dass Uwe es zwar aufrichtig meinte, aber seine Zweifel damit hatte, ob es wirklich funktionieren würde.

»Das ist mein Ziel.«

Jetzt war ich es, die sich an den Schirm der Mütze tippte. Er nickte als Antwort, startete den Trecker und fuhr tuckernd davon.

Für einen kurzen Moment schaute ich dem Traktor hinterher und realisierte erst dann, dass dieses sonderbar antiquierte Gefährt das erste Fahrzeug in den letzten zwei Tagen war, das sich tatsächlich noch bewegte.

Der Wald dünnte sich langsam aus. Ich passierte die Hofeinfahrt, aus der Uwe gekommen war und schritt voran. Erste Gebäude einer Neubausiedlung tauchten auf, deutlich zu erkennen an den modern geschnittenen Gebäuden und den wirklich kleinen, aber gepflegten Gärten. Dazwischen vereinzelte Siedlungshäuser. Viele Menschen waren nicht zu sehen. Aus den meisten Schornsteinen stieg Rauch, und dann und wann konnte man jemanden an einem Kugelgrill stehen sehen.

Ihre Blicke waren interessiert, nicht neugierig. Manche hoben die Hand zum Gruß, den ich erwiderte.

Manche nicht.

Typisch Kleinstadt, dachte ich, während ich an weißen Zäunen, Gabionen und Natursteinmauern vorbei in Richtung des Ortskernes ging. Dazwischen waren aber auch immer Gebäude, die seit Jahrzehnten sich selbst überlassen wurden. Die Bahnhofstraße ging in eine reguläre Landstraße auf und folgte den sanften Hügeln des Geländes nicht mehr nach Westen, sondern in südliche Richtung. Hier kreuzte sie auch mehrere Schienenstücke. Wenn man genau hinsah, erkannte man, dass die gesamte Bahnhofsstraße und weite Teile des Waldweges hierher einmal der Bahndamm für diesen Streckenabschnitt gewesen sein mussten.

Etwas weiter südlich von mir sah man die neue Haltestelle, die den ursprünglichen Bahnhof ersetzte. Einige Bauernhäuser säumten die Straße. Auf den Höfen herrschte Betrieb, aber niemand interessierte sich für mich.

Ich überquerte die beiden Gleise und fand mich auf dem Dammtor wieder. Der Ort hatte auf der Wanderkarte im Wald nicht besonders groß gewirkt und so war ich von einem kleinen Dorf ausgegangen. Also vielleicht war Möllenhagen eine kleine Stadt, aber es hatte einen Busbahnhof, einen Supermarkt und gleich mehrere Schulen. All das entnahm ich einer Tafel, rund einem Kilometer vor dem eigentlichen Ortsschild. Dort traf ich auch auf die Miliz. In einem kleinen Wäldchen neben einem vermeintlichen Löschteich für die größeren Landwirtschaftsbetriebe, die jenseits der Ortsgrenzen zu sehen waren, hatten sie ihr Lager aufgeschlagen. Zugegeben, hätte ich nicht damit gerechnet, auf jemanden zu treffen, wäre mir das kleine Lager nicht aufgefallen. Es waren mindestens drei Männer, die ich erkennen konnte, die in Klappstühlen neben einem alten Lieferwagen mit aufgeschobener Seitentür saßen. Eine Markise aus grüner Plastikplane und etwas, das aussah wie ein Tarnnetz, verbarg sie ohne Probleme vor jedem, der nicht wusste dass sie da waren.

Ich ging langsamer und versuchte dabei so wenig bedrohlich zu wirken, wie ich konnte.

»Halt!«

Scheiße. Ich erschrak mich so sehr, dass ich beinahe aufgeschrien hätte. Die Stimme des etwa Vierzigjährigen kam genau von der anderen Straßenseite.

Mein Körper reagierte schneller, als mein Verstand kapiert hatte, was geschah. Wie angewurzelt blieb ich stehen.

»Was willst du hier?«

Er stieg von etwas herab, was wie ein Jägerstuhl aussah, eine Flinte an der Schulter, den Lauf aber gesenkt.

Ich hob die Arme mit offenen Handflächen, um zu signalisieren, dass ich keine Bedrohung war.

»Ich bin auf der Bundesstraße liegengeblieben und jetzt auf dem Weg nach Hause.« Ich deutete grob in Richtung der Straße.

 

»Scheiße, das ist ja eine Frau.«

Das kam von der anderen Straßenseite, die ich, abgelenkt durch den Flintenmann, komplett außer Acht gelassen hatte. Die drei Männer hatten ihr Versteck verlassen und standen nun auf der anderen Seite der Straße. Die ganze Gruppe trug ein Sammelsurium aus professioneller Arbeits- und Jagdsportbekleidung und wirkte dadurch befremdlich uniformiert. Mehrere Kleinkalibergewehre und eine von diesen modernen Armbrüsten rundeten das Bild ab. Außerdem trug jeder ein Holster am Gürtel oder Oberschenkel. Was da für Pistolen und Revolver drinsteckten, wollte ich lieber nicht herausfinden. Die Jungs waren echt gut organisiert.

Ich ging auf die Erkenntnis meines Geschlechts nicht weiter ein.

»Ich bin nur auf der Durchreise. Wenn es ok ist, würde ich gerne ein paar Lebensmittel, Wasser und eine Karte kaufen. Uwe hat mir gesagt, das ginge klar.«

Der Flintenmann ließ die Waffe sinken und kam näher.

»Du hast Uwe getroffen?«

»Ja», ich deutete hinter mich, »auf seinem Traktor.«

Der Flintenmann nickte wissend.

»Du musst verstehen, dass man nicht vorsichtig genug sein kann. Hier gibt es keine Polizei und wir wissen nicht, wie lange das Ganze noch dauert.«