Die Zuckerbäckerin - Petra Durst-Benning - E-Book
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Beschreibung

Stuttgart 1816: Die verwaisten und ungleichen Schwestern Eleanore und Sonia leben in ärmlichen Verhältnissen. Doch das Glück scheint auf ihrer Seite zu stehen, selbst nach einem Diebstahl, denn Königin Katharina holt die beiden Mädchen aus Mitleid als Küchengehilfinnen an ihren Hof. Von nun an verknüpfen Liebe, Verrat und Intrigen das Schicksal der drei Frauen ...

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Petra Durst-Benning

Das Buch

Stuttgart 1816: Eleonore und Sonia, zwei verwaiste Schwestern, führen ein elendes Dasein, das von Hunger und Armut geprägt ist. Um zu überleben, schrecken sie nicht einmal vor Diebstahl zurück. Ein glücklicher Zufall und das Mitleid von Königin Katharina verhelfen den beiden zu einer Anstellung am Hofe. Während die gewissenhafte Eleonore das Handwerk der Zuckerbäckerin erlernt und sich in den Holzträger Leonard verliebt, weigert sich die rebellische Sonia, sich in das geregelte Dienstbotenleben einzufügen. Königin Katharina wiederum engagiert sich für die Armen und Mittellosen und kämpft um ihre Ehe. Liebe, Verrat und Intrigen verknüpfen das Schicksal der drei Frauen miteinander …

Lassen Sie sich in die köstliche Welt der Zuckerbäckerin entführen: der exklusive Rezeptteil mit vielen Ideen zum Nachmachen!

Die Autorin

Petra Durst-Benning, in Baden-Württemberg geboren, ist Autorin, Übersetzerin und Dolmetscherin und lebt in der Nähe von Stuttgart. Mit ihren historischen Romanen Die Glasbläserin, Die Amerikanerin und Die Samenhändlerin ist sie in die erste Reihe deutscher Bestsellerautorinnen aufgestiegen. Mehr Informationen zur Autorin erhalten sie unter: www.durst-benning.de.

Von Petra Durst-Benning sind in unserem Hause bereits erschienen:

Die Glasbläserin

Die Amerikanerin

Das gläserne Paradies

Antonias Wille

Die Liebe des Kartographen

Die Salzbaronin

Die Samenhändlerin

Das Blumenorakel

Die Silberdistel

Die Zarentochter

 

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Originalausgabe im Ullstein Taschenbuch

20. Auflage 2011

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2005

© 2002 by Ullstein Heyne List GmbH & Co. KG

© 2000 by Econ Ullstein List Verlag GmbH & Co. KG, München

© 1999 by Verlagshaus Goethestraße, München

© 1997 by Econ & List Verlag, Düsseldorf und München

Umschlaggestaltung: HildenDesign, München

(nach einer Vorlage von Theodor Bayer-Eynck, Coesfeld)

Titelabbildung: »Abend« von Louis Janmot

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

eBook-Konvertierung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm

Printed in Germany

eBook ISBN 978-3-548-0414-4

Für meine Eltern

– Prolog –

Stuttgart, Württemberg, im Juni 1820

»Die Liebe höret nimmer auf.«

WILHELM I. VON WÜRTTEMBERG

Die Anhöhe auf dem Rotenberg bei Stuttgart war mit Menschen übersät. Nicht nur aus der Stadt waren sie gekommen, sondern aus dem ganzen Land, um ihre Königin ein letztes Mal zu besuchen. Mehr als ein Jahr war seit ihrem Tod nun schon vergangen, aber noch immer standen Sorge, untröstliche Trauer und Hilflosigkeit in den Gesichtern der Menschen geschrieben. Wie schwer war Gottes Gerechtigkeit zu verstehen! Jahrzehnte hatten sie unter der harten, freudlosen Regentschaft König Friedrichs leiden müssen, bis endlich die Nachricht von seinem Ableben bekannt geworden war. Mit Stöcken bewaffnet waren die Gendarmen damals durchs Land patrouilliert, um Bürger und Bauern von Freudesbekundungen abzuhalten. Erst als sein Sohn Wilhelm und dessen junge Frau, die russische Großfürstin Katharina, den Thron bestiegen, wurden Jubel und Freude offiziell erlaubt. Zuerst mochte es keiner glauben, aber es schienen tatsächlich neue, bessere Zeiten angebrochen zu sein. Die junge Königin war nicht nur schön und klug, sondern hatte ein Herz so weit wie ihre russische Heimat.

Warum nur hatte sie so früh sterben müssen? Immer wieder war es die gleiche Frage, die die Menschen beschäftigte. In der Hoffnung auf eine Antwort – auf irgendeinen Trost – waren sie in den vergangenen Monaten wieder und wieder zu ihrer Ruhestätte in der Stuttgarter Stiftskirche gepilgert. Nun, da die auf König Wilhelms Wunsch erbaute Kapelle auf dem Rotenberg fertiggestellt worden war, kamen die Menschen hierher, um Katharinas letzte Ruhestätte zu besuchen. Hier droben, so hieß es, nahe der alten Wirtenburg, weit über der Stadt, hatte die Königin sich besonders wohl gefühlt. Als letzten Beweis seiner Liebe hatte Wilhelm die Stammburg der Württemberger in Grund und Boden schleifen lassen, um Platz zu schaffen für Katharinas letzte irdische Heimat.

Kaum einer der trauernden Menschen nahm Kenntnis von der zusammengekauerten Frau, die, wie so viele von ihnen, ein unförmiges Bündel Gepäck neben sich hatte. Wie zu Eis erstarrt saß Eleonore da, die Knie nahe an den Kopf gezogen, den Rücken gegen den glatten Stamm einer Buche gelehnt. Den ganzen Tag über liefen Menschen an ihr vorbei in Richtung Grabkapelle, während unten in der Stadt die Kirchenglocken läuteten. Doch ihr war, als wäre sie am Boden angewachsen und ihre Beine gelähmt. Mehr als einmal machte sie den Versuch, sich den anderen anzuschließen, aber sie kam nicht hoch, blieb mit ihren Erinnerungen unter der Buche sitzen.

Nicht einmal drei ganze Jahre war Katharina Königin von Württemberg gewesen. Doch was sie in dieser Zeit erschaffen hatte, war mehr, als die meisten Menschen in einem langen Leben erreichten. Eleonore schauderte es. Sie wußte, daß ihr Frösteln nicht von der ungewohnten Kühle des Junitages herrührte, sondern tief aus ihrem Herzen kam. Mit Katharina war das Licht verschwunden, die Warme und Güte. Mochte der König dem Land hundertmal zusichern, er werde alle Anstrengungen Katharinas in ihrem Sinne weiterführen – es würde doch nie mehr das gleiche sein! Er wußte das, und die Menschen wußten es auch.

Es war später Nachmittag und wurde schon dunkel, als Eleonore sich endlich aus ihrer kauernden Haltung erhob. Allmählich war es um sie herum stiller geworden, nur noch wenige Menschen harrten auf dem Rotenberg aus, unfähig, Katharina für immer gehenzulassen. Mit unsicheren Schritten ging Eleonore auf den runden, kuppelförmigen Bau zu, in dem der Sarkophag mit der Königin aufgebahrt worden war. Der Geruch von Weihrauch und Myrrhe kratzte unangenehm in ihrer Nase, und trotzdem wurde es Eleonore beim Betreten der Grabkapelle leichter ums Herz: Die Schlichtheit des Baus, die schmucklosen Wände, die von keinerlei Reliefarbeiten geziert wurden, hätten Katharina gefallen. Auch, daß ihr Grab nicht mit Blumen, sondern mit einem Kranz aus Früchten bedeckt worden war. Daneben lag ein dicker, cremefarbener Bogen Papier, vollgeschrieben mit ebenmäßigen Schriftzügen. Um den Augenblick des Abschieds so lange wie möglich hinauszuzögern, las Eleonore Zeile für Zeile des Gedichtes, immer wieder.

Nimm hin, Verklärte, die du früh entschwunden,nicht Gold noch Kleinod ist dazu verwendet,auch nicht aus Blumen ist der Kranz gebunden,in rauher Zeit hast du die Bahn vollendet,aus Feldesfrüchten hab’ ich ihn gewunden,wie du in Hungerstagen sie gespendet,ja, gleich der Ceres Kranz flocht ich diesen,Volksmutter, Nährerin, sei mir gepriesen!1

Die Worte stammten aus der Feder Ludwig Unlands. Wie sehr hatte Katharina den Dichter bewundert! Immer wieder hatte sie bei Feierlichkeiten seine Verse vortragen lassen. Zum ersten Mal seit vielen Wochen huschte nun ein Lächeln über Eleonores Gesicht. Dieses wunderschöne Gedicht, das so tröstlich anmutete, war Unlands Dank an Katharina.

Auch Eleonore war gekommen, um Dank zu sagen. Wie hatte sich ihr Leben verändert, seit sie der Königin vor drei Jahren zum ersten Mal begegnet war! Eigentlich war es ja ihre Schwester gewesen, die die Königin angesprochen hatte. Sie hatte das Bild noch vor Augen, als sei alles erst gestern gewesen: Mit zerrissenem Leibchen, barfuß, als Räuberin entlarvt, hatte Sonia sich der Königin zu Füßen geworfen und um Erbarmen gefleht. Und Katharina hatte sich ihrer erbarmt, weiß Gott!

Seltsam, daß sie ihr eigen Fleisch und Blut weniger vermißte als die Königin. Mochte sie auch die genauen Umstände nicht kennen und wohl nie erfahren – in ihrem Herzen wußte sie, daß Sonia die Mitschuld trug am Tod der Königin. Durch ein schmutziges Spiel, einen jämmerlichen, selbstsüchtigen Verrat. In dem Sonia sie, Eleonore, sogar zur Helfershelferin gemacht hatte! Wieder erschauderte sie. Daß Sonia selbst bitter für ihre Sünden hatte bezahlen müssen, war in ihren Augen nur gerecht. Sie konnte bei dem Gedanken an ihre Schwester kein Mitgefühl mehr aufbringen. Was einst an Sorge und Verständnis für Sonia in ihrem Herzen vorhanden gewesen war, war aufgezehrt. Statt dessen klaffte dort eine tiefe, schmerzende Wunde.

Schluß damit! Sie wollte jetzt nicht an Sonia denken!

Ihr Blick fiel auf das Bündel Gepäck, in dem all ihre Habseligkeiten verstaut waren. Zum ersten Mal seit vielen Stunden gestattete sie es sich, tief Luft zu holen. Wahrscheinlich hatte alles so kommen müssen. Das Leben ließ sich nicht aufhalten und der Tod auch nicht. Dann kniete sie nieder.

Es war an der Zeit, Abschied zu nehmen.

– Die Geschichte –

Stuttgart, Württemberg, im Herbst 1816

»Ich muß geizen mit der Zeit, das Ende kann frühe herbeikommen.«

KATHARINA VON WÜRTTEMBERG

1

Verstohlen schaute Eleonore sich um. Sie hatte das Gefühl, als sei ihr Herzschlag über das ganze Marktgetümmel hinweg für jedermann zu hören. Sie atmete tief durch, doch nichts auf der Welt hätte es in diesem Augenblick vermocht, die Spannung in ihrer Brust zu lösen.

»Was wir vorhaben, ist der blanke Wahnsinn! Sonia! Ich flehe dich ein letztes Mal an: Laß uns verschwinden! Noch haben wir Zeit!«

Mit angezogenen Knien, den Rücken an die alte Friedhofsmauer gelehnt, kauerte Sonia neben ihr, den Kopf in scheinbarer Erschöpfung auf den Knien abgestützt.

Als keine Antwort kam, rüttelte Eleonore am Arm ihrer Schwester. Wie konnte sie nur hier und jetzt eindösen?

Nach außen hin immer noch den Anschein schläfriger Gleichmütigkeit erweckend, drehte Sonia ihr endlich den Kopf zu. Ein Blick in ihre Augen verriet Eleonore, daß sie hellwach war.

»Halt endlich deinen Mund, du feige Nuß«, zischte sie Eleonore zu. »Wenn’s nach dir ginge, würden wir heute wieder mit knurrendem Bauch schlafen gehen! Dazu habe ich jedoch keine Lust! Mir ist schon ganz schwindlig vor lauter Hunger.« Voller Selbstmitleid blickte Sonia an ihren viel zu weiten Röcken hinab, durch die sich ihre mageren Knie wie zwei spitze Keile bohrten.

Für einen Augenblick war Eleonore versucht, ihren Widerstand aufzugeben. Auch sie hatte Hunger. Beinahe unerträglichen Hunger. Doch den ganzen Tag darüber zu jammern wie Sonia nutzte niemandem etwas. Jeder hatte Hunger. Das ganze Land hungerte. Doch niemand tat dies so laut und heftig wie Sonia. Eleonore seufzte. Vielleicht konnte Sonia das beißende Gefühl in ihrem Körper wirklich schlechter ertragen als andere. Hilflos suchte sie nach ein paar tröstenden Worten, als die Schwester sie erneut anfauchte:

»Außerdem – wo hast du deinen Schneid gelassen? Denk an unsere Mutter! Die hätte nie gekniffen!« Ihre dunkelbraunen Augen funkelten kalt wie zwei Sterne am winterlichen Himmel.

Wer die beiden Schwestern nicht näher kannte, staunte oft darüber, wie ähnlich sie sich äußerlich waren, und murmelte etwas von »aus dem gleichen Holz geschnitzt«. Wer sich aber die Mühe machte, genauer hinzuschauen, mußte dieses Urteil zwangsläufig revidieren. Es stimmte, Eleonore und Sonia hatten beide das gleiche kastanienbraune Haar, die gleichen dunkelbraunen Augen. Nur, daß Sonias Haar eine Spur störrischer zu sein schien als Eleonores. Dafür glänzten deren Augen eher wie warmer Milchkaffee, während die Augen ihrer Schwester einen kühlen Schimmer ausstrahlten. Und obwohl beide den gleichen rostroten Mund hatten, wirkten Sonias Lippen fleischiger, fester, ihre gewagte Wölbung auf eine seltsame Art herausfordernder als bei Eleonore.

»Mutter!« gab diese müde zurück. »Die hätte sich nie an eine solche Tollheit gewagt!« Eleonore schüttelte den Kopf. Sie war zwar nur ein Jahr älter als Sonia, doch manchmal hatte sie das Gefühl, als habe die Schwester ihre Mutter nicht wirklich gekannt, sondern immer nur mit den Augen einer Fremden betrachtet. Die große Räuberin Columbina, »die schwäbische Sackgreiferin«, wie sie genannt wurde. Selbst die rauhesten Burschen hatten Respekt vor ihr, das stimmte schon! Aber wies drinnen in Columbina aussah, davon hatte Sonia nie etwas gewußt. Sie war von der Mutter immer geschont worden. Wenns darum ging, über die immer schärferen Verordnungen gegen die Vaganten zu lamentieren, dann war es Eleonore, der sie die Ohren vollheulte. Wenn sie im Rausch ihre drei Ehemänner beklagte, die sie durch den Strick oder das Fallbeil verlorenen hatte, dann war es Eleonore, die ihr zuhören mußte. Sonia wurden immer nur aufregende Geschichten von Columbinas früheren Taten erzählt, bei denen sie stets mit fetter Beute und höchstens einem blauen Auge davongekommen war. Oftmals hätte Eleonore ihr dann ins Gesicht schreien mögen: »Sei still, Mutter, hör endlich auf, uns mit deinen Märchen einzulullen!« Doch gesagt hatte sie nie etwas. Welchen Sinn hätte es auch gehabt? Sonia war den Geschichten ihrer Mutter längst verfallen, weigerte sich, die Armseligkeit von Columbinas Dasein zu erkennen. Selbst nach ihrem Tod im letzten Winter war es Sonia nicht in den Sinn gekommen, Stuttgart zu verlassen und aufs Land zu gehen. Immer wieder hatte Eleonore auf sie eingeredet, doch von einem Leben als Tagelöhnerin wollte Sonia nichts hören. »Kartoffeln in der Erde verbuddeln und Rüben setzen? Nie und nimmer! Soll denn alles umsonst gewesen sein, was Columbina uns beigebracht hat?« Stur wie eine alte Ziege hatte sie ein ums andere Mal die gleiche Antwort gegeben. Daß es bei der ganzen Armut im Land für Sackgreiferinnen so gut wie nichts mehr zu holen gab, davon wollte sie erst recht nichts hören. »Dann müssen wir uns eben neue Wege überlegen, um ans Geld der Leute zu kommen«, war ihre Antwort gewesen. Und deshalb saßen sie heute hier. Tagelang hatte Sonia nichts anderes getan, als auf dem Marktplatz herumzulungern und zu beobachten: Wer machte hier seine Besorgungen? Wann kamen die Leute, die aussahen, als hätten sie etwas Geld im Sack? Die Dienstboten und Küchenmägde, das hatte sie schnell heraus, waren die ersten, die frühmorgens auf dem Markt auftauchten. Mit abgezählten Kreuzern in der Hand machten sie die ihnen aufgetragenen Einkäufe, um dann schnell wieder nach Hause zu hasten, wo ein langer Tag voller Arbeit auf sie wartete. Von denen war nichts zu holen, erkannte Sonia und schaute sich weiter um. Etwas später am Morgen, gegen acht Uhr, kamen die Frauen der Handwerker und Ladenbesitzer. Sie, die erst aufstehen mußten, nachdem ihre Mägde das Feuer geschürt und das Morgenmahl für die Familie zubereitet hatten, nahmen sich für die Markteinkäufe mehr Zeit als die Dienstboten. Sie stellten ihre sperrigen Körbe mitten im Weg ab, hielten hier ein Schwätzchen, lauschten da einem Scherz, um sich dann langsam auf den Weg in einen arbeitsamen Tag zu machen. Nein, auch diese Weiber waren es nicht wert, Kopf und Kragen zu riskieren. Trotzdem hielt Sonia mit zäher Verbissenheit an ihrer Überzeugung fest, der Stuttgarter Wochenmarkt biete ein neues und erträgliches Betätigungsfeld für ihre Diebstähle. Am Samstag war es endlich soweit gewesen: Sie hatte die geeigneten Opfer entdeckt.

Eleonore seufzte erneut.

»Da kommen sie!« Wie eine Katze glitt Sonia aus ihrer zusammengekauerten Stellung in die Hocke und suchte dann hinter der Kirchenmauer Deckung. Ihre Augen bewegten sich blitzschnell hin und her, um nur ja kein noch so unbedeutendes Detail zu übersehen.

Da waren die Bediensteten der königlichen Hofküche: Wie jeden Samstag um die gleiche Zeit wälzte sich die kleine Gruppe mühevoll über den Stuttgarter Markt, um das zu kaufen, was die königlichen Gärten und Gewächshäuser nicht selber herzugeben vermochten. Angesichts des mageren Angebots der einzelnen Marktstände fand Eleonore dies jedoch mehr als verwunderlich: hier ein paar ausgemergelte Hasen, da ein paar Körbe mit Rüben und Kraut, dort kleine Bündel getrockneter Pfefferminze oder Kamille – mehr konnte man auf dem Markt schon lange nicht mehr erstehen. Und trotzdem: Woche für Woche kamen sie samstags aus dem Stuttgarter Schloß hierher, um einzukaufen. An vorderster Stelle marschierte dabei immer derselbe Mann. Von kräftiger Statur, mit fleischigen Armen und einem Blick wie ein Geier, der seine nächste Aasmahlzeit erspäht, musterte er die feilgebotene Ware. Eleonore vermutete, daß er der Küchenvorsteher oder der Koch war. Jedenfalls hatte er den anderen etwas zu sagen, denn auf sein Geheiß hin wurde Ware eingepackt und den Trägern mit ihren großen Körben übergeben. Was darauf folgte, hatte es Sonia besonders angetan: Die zweite Person des Küchentrupps – ein unscheinbares Weib mit fahlblonden Haaren, die sie unter einer wollenen Schute versteckte – öffnete die große, lederne Geldkatze, die sie am Gürtel trug, und bezahlte für die erhaltenen Waren. Auf diese Geldkatze hatte Sonia es abgesehen, seit Tagen sprach sie über nichts anderes mehr. Wieviel Geld wohl darinnen wäre, und was sie damit alles machen und kaufen könnten. Eine Verrücktheit! Schon wenn Eleonore die fleischigen Arme des vordersten Mannes sah, tat ihr alles weh. Mit den Trägern hätten sie es ja noch aufnehmen können. Erstens hatten die alle Hände voll mit ihren Körben, und zweitens sahen sie nicht so aus, als wäre eine Verfolgungsjagd über den Markt in ihren Augen etwas besonders Erstrebenswertes. Obwohl – der letzte von ihnen war gar nicht so übel geraten. Hochgewachsen mit langen Beinen, ebenfalls kräftigen Armen und großen Händen, die sicherlich wußten, wie man eine Frau anzupacken hatte. Sein erdbeerrotes Haar gefiel Eleonore nicht sonderlich gut, aber waren nachts nicht alle Katzen grau? Was denke ich da eigentlich, schalt sie sich. Als ob so einer sich mit ihresgleichen abgeben würde! Der trieb’s doch sicherlich mit den feinen Mägden, Küchenweibern und wer sonst noch auf dem Schloß zu schaffen hatte.

»Lorchen, paß auf!« Erregt stieß Sonia sie in die Seite. Der Küchentrupp hatte nun nur noch einen Marktstand zu begutachten.

Lorchen. Wütend biß Eleonore ihre Zähne zusammen. Wenn es überhaupt etwas gab, wofür sie Columbina dankbar war, dann war es ihr Name. Eleonore. Ein vagabundierender Gelehrter, der sein Lehramt bei einer Adelsfamilie verloren hatte, nachdem er einer der Töchter zu nahe getreten war, hatte ihr einst erklärt, daß der Name aus dem Arabischen stamme und soviel wie »Gott ist mein Licht« bedeute. Zum Ärger von Sonia wußte er über deren Namen nichts zu berichten. Seitdem nannte Sonia ihre Schwester nur noch »Lorchen« oder »Lore«.

Nervös drehte sich Eleonore nach allen Seiten um. Die Leute vom Schloß waren jetzt fast auf ihrer Höhe. Eine seltsame Unruhe schien die kleine Gruppe zu begleiten, als läge etwas Aufregendes in der Luft. Eleonore verzog das Gesicht. War es nicht auch so? Wieder zwang sie sich, tief durchzuatmen.

»Jetzt!«

Mit einem Ruck war Sonia aufgesprungen. Im selben Moment entdeckte Eleonore hinter dem Burschen mit dem roten Haar einen größeren Menschenauflauf, doch es war zu spät, um ihre Schwester zu warnen. Mit einem Satz sprang diese zwischen die Küchenbediensteten und auf die fahlblonde Frau zu, riß ihr mit einem groben Ruck die Geldkatze aus der Hand und rannte davon, noch ehe die Überfallene einen ersten Schrei tun konnte. Mit stolpernden Schritten beeilte sich Eleonore, ihrer Schwester nachzueilen. Die bösen Blicke der Marktweiber verfolgten die beiden, doch stellte sich ihnen keine in den Weg. Schließlich hätten sie dabei ihre eigene Ware unbeaufsichtigt einem weiteren möglichen Diebstahl preisgegeben! Sollten doch die Gendarmen die Räuberinnen jagen, statt unentwegt zu prüfen, ob auch jede von ihnen ihren Marktschein dabeihatte!

Sie liefen bereits durch die letzte Reihe mit Marktständen, als Eleonore sich umblickte und einen Schatten unangenehm nahe an sich herankommen sah.

»Lauf schneller, Sonia! Sie kommen immer näher!« Im nächsten Augenblick schrie sie heulend auf. Mit einem riesigen Satz hatte einer ihrer Verfolger sie eingeholt und an den langen Haaren gepackt, die sich durch das wilde Rennen aus ihrem Zopf gelöst hatten. Ein eiserner Griff hielt sie umklammert, während Sonia ihre Flucht fortsetzte, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzudrehen. »Laß mich los, du Mistkerl!« Mit gesenktem Kopf trat sie ihrem Bezwinger in die Wade, woraufhin dieser jedoch nur noch fester zupackte. Ihre Kopfhaut brannte wie Feuer und ließ keinen klaren Gedanken mehr zu. Hilflos stand Eleonore da, während der Rest der königlichen Bediensteten zu ihnen aufschloß.

»Da ist ja das Luder!« Mit feuerrotem Gesicht spie der massige Hauptmann Eleonore die Worte ins Gesicht. Dann wandte er sich an seinen Gehilfen. »Aber wo ist die andere mit dem Geld? Hast du die etwa laufenlassen, du Tölpel?« Viel hätte nicht gefehlt, und er hätte dem Jüngeren eine Ohrfeige verpaßt, statt ihn für seine Schnelligkeit zu loben. Doch schien ihm die Gefahr, daß Eleonore dabei entkommen könnte, zu groß.

Erst jetzt bemerkte Eleonore, daß es der Rothaarige war, der sie so fest umklammert hielt. »Wie schnell ein Wunsch in Erfüllung gehen kann …«, murmelte sie vor sich hin, um noch im gleichen Augenblick über ihren Galgenhumor zu erschrecken. Hatte nicht auch Columbina bis zu ihrem bösen Ende stets ein lockeres Sprüchlein auf den Lippen gehabt? Doch ehe sie sich in leidvollen Erinnerungen verlieren konnte, spürte Eleonore wieder die unnatürliche Aufregung der Leute, ja, sie wurde geradezu von ihr angesteckt! Wie ein Bienenvolk, das in seinem unermüdlichen Treiben gestört worden war, summte es erregt um sie herum. Daß ihr Diebstahl und die anschließende Festnahme der einzige Grund für diese Aufregung sein sollte, wollte Eleonore aus irgendeinem Grund nicht recht glauben. Und wirklich: Im nächsten Augenblick erschien eine Dame, so edel und vornehm und so hochschwanger, wie Eleonore noch keine gesehen hatte. Sie trug ein einfaches Kleid, doch glaubte Eleonore, die kühlenden Schichten des wasserblauen Musselins auf der eigenen Haut zu spüren. Darunter wölbte sich ein Bauch, dessen Frucht dem Anschein nach nicht mehr lange auf sich warten ließ. Daß eine Dame von solch hohem Rang und in diesem Zustand unter die Leute ging, wäre an und für sich schon ein Skandal gewesen. Doch Eleonore hatte in diesem Augenblick andere Sorgen. Während die Frau schwerfällig, aber mit großer Würde auf sie zutrat, nutzte Eleonore die Gelegenheit, ihre außergewöhnliche Erscheinung unter niedergeschlagenen Augenlidern genauer zu betrachten. Sie war keine Schönheit im üblichen Sinne, dazu standen ihre Augen eine Spur zu nahe beieinander, und ihr Mund war eine Nuance zu klein, um die Sinnlichkeit auszustrahlen, die Männer so anziehend fanden. Auffällig war auch ihre hohe Stirn, die von einer blaugrünen Samtschute noch betont wurde. Bei einem Mann hätte man wohl vornehm von einer »Denkerstirn« gesprochen, bei einer Dame wirkte sie eher befremdlich. Andererseits verlieh sie ihr ein helles, waches Aussehen. Doch was ihr an alltäglicher Schönheit fehlen mochte, wurde durch das Haar wettgemacht: Wie eingeölt hing es glänzend, einem dunkelbraunen, geflochtenen Teppich gleich, über ihren Rücken hinab.

Die Frau mußte von hohem Rang sein, denn bei ihrem Anblick machten alle um sie herum hastig eine Verbeugung oder einen tiefen Knicks. Interessiert und nicht unfreundlich musterte sie Eleonore, die diesem Blick schamvoll auswich.

Für einen Augenblick schien die Zeit stillzustehen. Alle Anwesenden verharrten wie Figuren in einem Scherenschnitt. Nur die eilig herbeigeholten Gendarmen wanden sich unter den Augen der feinen Dame.

»Verehrte Hoheit«, begann schließlich einer von ihnen, »im Namen der Königlichen Gendarmerie bitte ich Euch alleruntertänigst um Verzeihung. Daß Ihr Zeuge eines solchen Schauspiels werden mußtet, ist unentschuldbar und eine Blamage für die Königliche Gendarmerie und die Bürgergarde zu gleichen Teilen!« Noch während seiner tiefen Verbeugung warf er seinen Kameraden einen wütenden Blick zu.

Mit einer fast unmerklichen Handbewegung forderte Katharina Pawlovna den Amtsmann auf, sich wieder zu erheben.

»Um Himmels willen! So macht kein Drama aus der Angelegenheit! Glaubt Ihr etwa, da, wo ich herkomme, hätte es keine Diebe gegeben? Doch sagt …, war da nicht eine zweite?« Obwohl ihre Worte melodisch klangen, jede Silbe beinahe gesungen wurde, war ihre Schärfe doch nicht zu überhören. Unter ihrem fragenden Blick wurde der Gendarm noch verlegener. Mit hochrotem Kopf wandte er sich an seine Kollegen.

»Worauf wartet ihr noch? Los, los! Sucht das elendige Luder!« Als ihm auffiel, mit seiner Ausdrucksweise einen weiteren Fauxpas begangen zu haben, errötete er erneut.

»Mich braucht niemand zu suchen! Hier bin ich.«

Fassungslos starrte Eleonore zu ihrer Schwester hinüber. Sonias Flucht mußte sie durch Dornendickicht und Morast geführt haben: Ihr Leibchen war zerrissen, statt mit ihren Schuhen stand sie barfüßig da und starrte mit großen Augen auf die junge Frau des Thronfolgers. Bevor es einer der Gendarmen verhindern konnte, hatte sie sich in ihrem ganzen jämmerlichen Zustand vor ihr auf den Boden geworfen.

»Verehrte Frau, ich flehe Euch an, habt Mitleid mit mir und meiner Schwester«, brachte sie unter Tränen hervor, bevor sie von zwei Gendarmen grob nach hinten gerissen wurde. »Wir stehlen nicht aus Bosheit, sondern weil ein großes Unglück über uns hereingebrochen ist. Wir …«

»Bist du wohl still, Weib! Weißt du denn nicht, wen du vor dir hast? Die Frau unseres Thronfolgers! Großfürstin Katharina von Rußland, die in ihrer liebenswerten Güte dem Stuttgarter Volk einen Besuch abstattet. Und der solches Gesindel wie du erst gar nicht unter die Augen kommen sollte.« Den letzten Satz sprach er so leise, daß ihn außer Sonia nur noch Eleonore verstehen konnte. Unfähig, selbst auch nur die kleinste Silbe herauszubekommen, sah sie, daß nun auch Sonia beunruhigt umherblickte. Mit einer so hohen Dame zu tun zu haben schien sie für einen Augenblick aus der Fassung zu bringen. Doch dann strömte erneut ein Schwall von Unschuldsbeteuerungen aus ihrem Mund.

Der Hauptmann, dem daran gelegen war, den Zwischenfall nicht länger als nötig hinauszuziehen, zögerte. Sollte er sich erneut bei der Frau des Erbprinzen entschuldigen oder gleich den Befehl für den Abmarsch ins Gefängnis auf den Hohenasperg geben? Warum mußte die Russin ihn auch in eine solche Verlegenheit bringen? In ihrem Zustand hütete eine Dame normalerweise das Bett oder hielt sich zumindest in ihren Gemächern auf, um in aller Ruhe auf die Niederkunft der nächsten Generation von Adelsbälgern zu warten. Aber nein: Katharina Pawlovna hielt es mit der Volksnähe! Es war ja im Prinzip schön und gut, die neue Frau des Prinzen Wilhelm häufiger zu Gesicht zu bekommen, als dies bei Gemahlin Nummer eins der Fall gewesen war. Aber so? Daß niemand auf dem Stuttgarter Schloß versucht hatte, der Russin diesen unsinnigen Ausflug auszureden, verwunderte ihn zusätzlich. Nicht mehr in der Lage, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen, starrte der Gendarm mittlerweile unentwegt auf die Leibesfülle der Schwangeren.

Mit einem ungeduldigen Kopfschütteln wandte sich Katharina erneut an ihn.

»Bevor Ihr die beiden Frauen abführt, möchte ich hören, von welch schrecklichem Schicksal diese armen Weiber heimgesucht wurden.« Mit eindringlichem Blick schaute sie dem Gendarm ins Gesicht. »Bin ich nicht hier, um mein neues Volk kennenzulernen? Gibt es eine bessere Möglichkeit, als sogleich mit der Schattenseite zu beginnen? Die Sonne kann schließlich jeder Tor genießen.«

2

Schweigend lagen die beiden Schwestern eng beieinander. Der Raum, in dem ihnen ein Schlaflager zugeteilt worden war, befand sich über dem Küchentrakt von Bellevue, dem Landhaus des Thronfolgerpaares. Durch eine kleine Luke konnte Eleonore den düsteren Nachthimmel sehen, dessen Eintönigkeit nur hie und da von ein paar trüben Sternen unterbrochen wurde. Sie waren nicht allein in der Dachkammer. Um sie herum schnarchten, schnauften und jammerten erschöpfte Frauen in ihrem Schlaf. Einigen von ihnen waren schon beim gemeinsamen Abendbrot die Augen zugefallen. Zu sechst lagen sie hier oben in dieser kleinen Kammer, in der es im Sommer wahrscheinlich unerträglich heiß war. Eleonore spürte, daß Sonia ebenfalls noch wach lag. Doch obwohl sie genug zu bereden gehabt hätten, schwiegen beide. Zuviel war an diesem einen Tag geschehen, als daß man es in Worte fassen konnte.

Nach einer Weile lachte Sonia leise auf und versetzte Eleonore einen Stoß in die Seite. »So red halt was, du taube Nuß! Hat dir mein Auftritt etwa für immer die Sprache verschlagen?« Abermals lachte sie in sich hinein, ein gurrendes, zufriedenes Rollen, das tief aus ihrer Kehle kam.

»Blödsinn! Ich kann unser Glück nur noch gar nicht fassen«, flüsterte Eleonore zurück.

»Glück nennst du das? Pah! Daß wir heut’ nacht nicht hinter Gittern auf dem Hohenasperg sitzen, hast du nur meinem Geschick zu verdanken und nicht irgendeinem Glück!« Eleonore spürte Sonias verächtlichen Atem im Gesicht.

»Daß du uns aber auch in diese mißliche Lage gebracht hast, scheinst du wohl ganz vergessen zu haben! Wie kannst du davon Geschick reden?«

»Manchmal muß man eben etwas aufs Spiel setzen, aber das scheint das Fräulein Hasenfuß nicht wahrhaben zu wollen.« Sonia klang nun richtig wohlgelaunt. »Schau uns doch an: Besser könnte es uns gar nicht gehen. Wir haben ein Dach überm Kopf, du hast endlich deine ersehnte Arbeit – obwohl das ein Umstand ist, der mir überhaupt nicht schmeckt – und zu guter Letzt: Ordentlich zu essen werden wir wohl auch bekommen.« Befriedigt dachte sie an ihr erstes Mahl in der Hofküche, das aus einem Teller dicker Fleischsuppe mit Brot aus weißem Mehl bestanden hatte.

Darauf konnte Eleonore nichts entgegnen. Sonia hatte recht: Besser hätte es ihnen wirklich nicht ergehen können. Die Frau des Thronfolgers war auf Sonias Geschichte hereingefallen und hatte die vom Schicksal so gebeutelten Schwestern aus lauter Mitleid mitgenommen. Solch ein Glück widerfuhr einem wohl nur einmal im Leben.

»In der Küche arbeiten – wo wir noch nie eine Küche von innen gesehen haben! Wer weiß, was die von uns verlangen … Wir wissen doch gar nicht, welche Geschicklichkeiten dabei gefragt sind! Und außerdem: Wenn sie doch noch herausbekommen, daß deine Geschichte nicht stimmt?«

»Pah! Was du dir für Gedanken machst! Sie werden uns schon sagen, was wir tun sollen. Außerdem habe ich nicht vor, mich totzuschaffen, das kann ich dir jetzt schon sagen! Vielmehr …«

»Was soll das heißen, du willst dich nicht totschaffen«, unterbrach Eleonore Sonias Redeschwall erneut. »Was hast du um Himmels willen schon wieder vor?«

»Gar nichts, Schwesterlein, gar nichts. Und sei leise, sonst wacht die alte Hexe neben dir auf«, zischte Sonia zurück.

Eleonore wußte sofort, wer gemeint war. Die Frau mit der Geldkatze. Ihren boshaften Blicken und stichelnden Bemerkungen nach zu schließen, schien sie das großmütige Herz ihrer Herrin nicht zu teilen. Jedenfalls hatte sie beim gemeinsamen Abendessen des Küchenpersonals unentwegt über die Verderbtheit der beiden Schwestern gegeifert und gezetert, bis ihnen am Ende alle am Tisch feindselige Blicke zuwarfen. Sowohl Eleonore als auch Sonia hatten ihren Redeschwall mit gesenkten Köpfen über sich ergehen lassen, doch Eleonore wußte, daß es nicht lange dauern würde, bis ihre Schwester sich dem Weib widersetzen würde. Aber darüber konnte sie sich heute nacht nicht auch noch den Kopfzerbrechen. Auch an den Rothaarigen, den sie seit dem Vorfall auf dem Markt nicht mehr gesehen hatte, wollte sie nicht denken.

»Sag einmal, wie bist du eigentlich gerade auf diese Geschichte gekommen? Mir wäre in dem Moment bestimmt kein einziger Satz über die Lippen gekommen, geschweige denn ein ganzes Märchen.« So ungern sie es auch zugab: Sie mußte immer noch über Sonias Erfindungsgabe staunen.

»Das war kein Märchen«, erwiderte diese genüßlich. »Erinnerst du dich an den Alten, an dessen Lagerfeuer wir vor ein paar Tagen genächtigt haben?« Als Eleonore bejahte, fuhr sie fort: »Der hat mir von dem Überfall auf den Wagen der Korbmacher erzählt. Während du wieder einmal tief und fest geschlafen hast, habe ich mir das stundenlange Gerede des Alten angehört. Nun ja, am Ende war es doch für etwas gut …« Durch und durch zufrieden mit sich, seufzte Sonia genüßlich auf. »Bis in die letzte Kleinigkeit hat mir das alte Schwatzmaul den Überfall geschildert: Wie die Räuber erst dem Mann eins über den Schädel zogen, wie sie sich dann an der armen Frau vergingen und dabei zu spät bemerkten, daß sich die beiden Töchter der Unglücklichen davonschlichen. Erst als sie den Wagen nach Geld und Schmuck durchwühlten, merkten die Mörder, daß außer dem Paar noch jemand darin gehaust hatte.«

»Woher hat der Alte das alles eigentlich so genau gewußt?«

»Das habe ich mich auch gefragt«, antwortete Sonia grimmig. »Wenn er nicht so heruntergekommen gewesen wäre, hätte ich fast gewettet, daß der alte Bock selbst bei dem Überfall dabei war. Aber der hatte doch keinen Kreuzer in der Tasche! Nein, ich vermute, daß die wahren Räuber sich ihm gegenüber im Rausch mit ihren Taten gebrüstet haben. Du kennst doch die Männer!«

»Und die Frau haben sie auch umgebracht?«

»Haben sie, die elendigen Lumpen! Jedenfalls hat der Alte das behauptet. Und du hast doch gehört, wie der Gendarm meine Geschichte bestätigt hat, oder?« Wieder mußte Sonia kichern. Daß just der Hauptmann, der sie auf dem Markt festnehmen wollte, derselbe war, der den Überfall vor den Toren Stuttgarts zu klären gehabt hatte, war in ihren Augen eine gütige Fügung des Schicksals. Wurde doch ihren Worten durch seine Bestätigung erst richtig Gewicht verliehen!

Eleonore war nicht wohl bei dem Gedanken, das Unglück von armen Menschen für eigene Zwecke ausgenützt zu haben. Sie wurde von tausend Zweifeln geplagt: Was war, wenn ihnen am nächsten Tag abermals Fragen wegen des Überfalls gestellt würden? Was, wenn Sonia diese nicht beantworten konnte? Was, wenn gar die beiden richtigen Töchter der ermordeten Korbmacher erschienen? Vielleicht würde es sich auch die Herrin des Hauses nochmals anders überlegen? Nun, alles Grübeln nutzte nichts, und immerhin saßen sie nicht im Gefängnis, sondern im Stuttgarter Schloß. Froh, wenigstens einen beruhigenden Gedanken zu haben, ließ Eleonore sich von Sonias tiefen Atemzügen anstecken und fiel endlich selbst in einen traumlosen Schlaf.

3

In einem anderen Flügel des Hauses wurde noch jemand von Schlaflosigkeit geplagt. Obwohl es schon später Abend war, spürte Katharina nicht den geringsten Hauch von Müdigkeit. Vor Stunden hatten bereits ihre beiden Buben aus erster Ehe samt Kindermädchen gute Nacht gesagt, auch in den Gemächern um sie herum war es dunkel und still. Nur bei Wilhelm brannte noch Licht, das wußte sie. Für einen Augenblick war sie versucht, durch den langen Gang zu huschen und ihn in seinem Arbeitszimmer zu überraschen, doch sie widerstand und trat statt dessen ans Fenster. Nachdem sie es einen Spalt geöffnet hatte, atmete sie tief die kalte Herbstluft ein.

Seit König Friedrich, ihr Schwiegervater, ihr das kleine Landhaus Bellevue in einer selten großzügigen Geste zum Geburtstag geschenkt hatte, versuchte sie, soviel Zeit wie nur möglich mit Mann und Kindern dort zu verbringen. Dadurch hatte sich ihr zuvor schon kleiner Hofstaat nochmals verringert: Sparsamkeit wurde in dem reizend gelegenen Anwesen großgeschrieben. Hier, am moosigen Ufer des Neckars, fühlte sie sich immer ein wenig an Zarskoje Selo, Landsitz des russischen Zaren und ihre Geburtsstätte, erinnert. Große Feste oder rauschende Bälle waren mit den wenigen Dutzend Bediensteten natürlich nicht auszurichten, aber Katharina war das recht. Nach ihren langen Arbeitstagen genoß sie die Stille und Intimität ihres Heimes, die sie im Prinzenbau, wo sie die ersten Monate nach ihrer Hochzeit verbracht hatten, nicht hatte finden können.

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